close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Frage: Herr Bomheuer, wie fühlt man sich mit der Dreiteilung eines

EinbettenHerunterladen
1
Zukunftsaufgabe Integration Versäumnisse der Vergangenheit sind noch zu überwinden
Interview mit Andreas Bomheuer, Beigeordneter für Kultur, Integration und Sport der
Stadt Essen Dezember 2011
Frage: Herr Bomheuer, wie fühlt man sich mit der Dreiteilung eines Beigeordneten
für Kultur, Integration und Sport?
Antwort: Die Aufgaben sind sehr umfangreich, und ich bedaure, für vieles, was mich
interessiert, nicht genug Zeit zu haben. Zerrissen fühle ich mich dennoch nicht. Denn
Sport und Kultur haben mehr Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte, als man auf
den ersten Blick sieht, und Kultur und Integration erst recht. Denken Sie nur an den
Aspekt der verschiedenen Einwandererkulturen, die mit ihrer Kunst, ihren Festen und
Bräuchen unser gesellschaftliches Leben bereichern. Es gibt also allerhand
Schnittmengen und Querverbindungen, von denen die einzelnen Bereiche durchaus
profitieren.
Schwerpunkte in Altenessen
Frage: Unser Hauptthema im Gespräch, das wir im Badehaus an der Zeche Carl
führen, soll diesmal allerdings ihre Funktion als Integrationsdezernent sein. Nicht
gerade einfache Aufgaben stellen sich gerade in Altenessen und insbesondere im
Bereich Altenessen-Süd rund um den Altenessener Bahnhof. Da gibt es jede Menge
Häuser, in denen Libanesen wohnen und andere Menschen mit
Migrationshintergrund.
Hier versucht die Stadt Essen ja mittlerweile offensiv Konflikte der verschiedenen
Gruppen zu lösen oder wenigstens einzudämmen. Nach einiger Unruhe hat die Stadt
eine Art öffentliches Versprechen geleistet, für Abhilfe zu sorgen. Können Sie uns
den Sachstand erläutern?
Antwort: Ja, lassen Sie mich zunächst die Ausgangslage präzisieren. Nachdem
vermehrt Klagen aus Altenessen-Süd über bedrohliche Situationen und
unangenehme Erlebnisse laut wurden, habe ich mich in Gesprächen mit
Bezirkspolitikern und bei Ortsbesichtigungen davon überzeugt, dass es einen
Handlungsbedarf gibt. Das Jugendhilfenetzwerk der AWO, kurz: JHN, wurde mit
einer Bürgerbefragung beauftragt, die im Winter 2010/2011 zu alarmierenden
Ergebnissen führte. Ein erheblicher Teil vor allem der älteren Bürgerschaft
Altenessens fühlte sich in ihrem Stadtteil nicht mehr uneingeschränkt sicher.
Bestimmte Orte wie das Bahnhofsumfeld oder der Kaiserpark wurden gemieden, und
viele der Befragten nannten als Grund für ihr Unbehagen die auf den Straßen
herumlungernden und mitunter pöbelnden Jugendlichen. Auch Straftaten wie
Diebstähle, Nötigungen, Erpressungen oder Prügeleien häuften sich. Darauf haben
wir sehr schnell mit der Gründung einer Behörden und Fachbereiche übergreifenden
Einsatzgruppe reagiert. Schon im Mai/Juni nahm das so genannte Aktionsbündnis
sicheres Altenessen, kurz: AsA, die Arbeit auf. Unter der koordinierenden Leitung
des Jugendhilfenetzwerks Nord und mit finanzieller Ausstattung durch die RAA, das
Büro für interkulturelle Arbeit, das zu meinem Geschäftsbereich gehört, arbeiten in
diesem Bündnis u. a. die Polizei mit der Einsatzgruppe Jugend, das Jugendamt mit
2
dem Integrationsmanagement, der Jugendgerichtshilfe und der Bezirksstelle
Altenessen, Sozialarbeiter der AWO und die libanesische Familienunion zusammen.
Von Fall zu Fall kommen noch verschiedene Veranstalter, Schulen und das
Ordnungsamt hinzu. Die Mitwirkenden dieses Bündnisses können aufgrund der
engen und vertrauensvollen Kooperation auf alle Vorfälle sofort und passgenau
reagieren. Sie haben die Problemgruppen ständig im Blick, bauen Kontakte zu Eltern
und Lehrern auf und beziehen da, wo es Sinn hat, auch den Imam mit ein. Aber sie
machen den Jugendlichen nicht nur Druck, sondern auch Freizeitangebote. So sind
schon mehrere Ballsportgruppen und ein Fitness- und Kraftraum eingerichtet
worden. Diese Arbeit funktioniert sehr gut. Nach nur wenigen Monaten gibt es
signifikant weniger Klagen von Seiten der Bürger und auch der Geschäftsleute.
Frage: Soll der Erfolg denn noch mal überprüft werden?
Antwort: Ja, auf jeden Fall. Wir werden im Laufe des kommenden Jahres eine
Kontrollbefragung durchführen.
Frage: Welche Bevölkerungsgruppen sind denn besonders problematisch?
Auffällige Jugendliche sind nicht nur Libanesen
Antwort: Es handelt sich um Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern, die mit
zahlreichen Problemen aufwachsen: Alkoholismus, Scheidung, Armut, beengte
Wohnverhältnisse, Gewalt. Eindeutig libanesischer Herkunft ist übrigens nur etwa ein
Drittel der auffälligen Jugendlichen. Andere sind Türken, Marokkaner, Sinti, aber
durchaus auch Deutsche. Gemeinsam ist ihnen also nicht die ethnische
Zugehörigkeit, sondern das schwierige Wohn- und Lebensumfeld.
Frage: Müssten da nicht auch die Planungs- und Bauämter mit ins Boot, wenn es um
eine Verbesserung der Wohnverhältnisse und des Stadtbildes geht?
Antwort: Natürlich. Es gibt auch bereits seit einiger Zeit das verstärkte Bemühen,
Altenessen in das Bundesprogramm soziale Stadt aufnehmen zu lassen. Wenn das
gelingt – und ich bin da sehr zuversichtlich – dann haben wir die Möglichkeit, mit
Hilfe von Bundesmitteln Wohnumfeldverbesserungen in Angriff zu nehmen. Das ist
dann in erster Linie Sache des Fachbereiches Stadtentwicklung, der dann auch
unsere Kompetenzen in der Integrationsarbeit einbeziehen wird.
Frage: Können sich die Menschen in Altenessen dann endlich Hoffnung auf
Beseitigung der zum Teil unhaltbaren Zustände machen? Die Bauruine am
Altenessener Bahnhof existiert ja nun bald ein Jahrzehnt, ohne dass sich ein Investor
zum Fertigbauen findet. Und der ehemalige Schweinemarkt östlich der Altenessener
Straße mit den Resten des früheren Autohauses und einer mehr oder weniger Schutt
gefüllten Imbissbude schreien doch nach Veränderung. Gibt es schon eine Art
Checkliste, die abzuarbeiten wäre?
Städtebauliche Mängel
Antwort: Soweit ich weiß, gibt es bisher keine städtebauliche Entscheidung über eine
Gebietskulisse, also ein städtebauliches Gesamtkonzept. Das werden wir im
Rahmen der Maßnahmen des „Stadtteils mit besonderem Erneuerungsbedarf“
3
erstellen.. Ich habe mich zum Beispiel erkundigt, was man mit dem Rohbau
gegenüber dem Bahnhof machen kann. Ich musste feststellen, dass dort
Eigentumsverhältnisse herrschen, die ein Eingreifen der Stadt sehr erschweren. Aber
das ist dann Aufgabe der Stadtplanung. Es bleibt also dabei, wir versuchen hier in
einer konzertierten Aktion für Verbesserung zu sorgen.
Frage: Wichtig für eine gute Entwicklung in der Stadt Essen ist natürlich ein weiteres
soziales Projekt, nämlich die Bekämpfung der Kinderarmut, über die derzeit in den
meisten Bezirksvertretungen und Ratsausschüssen verhandelt wird. Kinderarmut ist
ein gravierendes Problem des ganzen Essener Nordens, sticht mit negativen Werten
allerdings auch besonders in Stadtteilen wie Altenessen-Süd oder
Vogelheim/Bergeborbeck hervor. Inwieweit gibt es bei diesem langfristigen Projekt
eine Verzahnung zwischen dem Integrationsdezernenten und den Kollegen der
Jugend – und Sozialverwaltung?
Nicht mit Armutsverwaltung abfinden
Antwort: Ich arbeite mit meinem für Jugend und Soziales zuständigen Kollegen Peter
Renzel eng zusammen. Wir wollen, dass sich die Parallelstrukturen, die sich durch
die Integrationsarbeit in unterschiedlichen Bereichen gebildet haben, möglichst
überflüssig machen und die Kernaufgaben im Regelsystem erledigt werden. Denn es
besteht kein Zweifel, dass es im Wesentlichen um soziale Aufgaben und weniger um
Fragen der Migration bzw. Integration geht. Von Kinderarmut sind nicht nur
Menschen mit Migrationshintergrund betroffen, sondern ebenso Deutsche, die
beispielsweise schlecht qualifiziert und langzeitarbeitslos sind.
Zeitgemäße Integrationspolitik muss sich heute von der Defizitorientierung
verabschieden und den Chancen und Potenzialen zuwenden, die Menschen mit
Migrationshintergrund der aufnahmebereiten Gesellschaft bieten. Wir können am
Beispiel des internationalen und interkulturellen Gesundheitsführers, den die Stadt
herausgegeben hat, feststellen, dass in dieser Branche ungemein viele Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund tätig sind. Wer sich den
Gesundheitsführer mal unter diesem Gesichtspunkt ansieht, kann sich vorstellen, wie
viele Sprachen gesprochen werden in den Vorzimmern der Ärzte, der
Krankenhäuser, welche Sprachen die Ärzte selbst und ihre Helferinnen sprechen und
nicht nur die Reinigungskräfte. Hinzu kommen medizinische Erfahrungen und
Wissen aus unterschiedlichen Kulturen. Das ist doch eine ganz besondere Qualität,
die ich mir auch in anderen Branchen wünsche. Der Chefarzt aus Persien oder die
Krankenschwester aus Syrien brauchen unsere Hilfe erst mal nicht. Es ist also falsch
anzunehmen, Armut und schlechte Gesundheit seien Probleme nur der
Zugewanderten. Vielmehr ist das eine soziale Frage, die deutsche Kinder und ihre
Eltern ebenso wie Migranten trifft.
Für die Zukunft der Integrationspolitik wird entscheidend sein, dass wir uns darüber
verständigen, was wir mit den Begriffen Migration und Integration meinen. Dabei
müssen wir uns nicht von ihnen verabschieden, weil sie politisch nicht korrekt sind,
wie es einige beabsichtigen. Unter Migration verstehen wir Wanderungsbewegungen
Einzelner oder ganzer Völker, die es immer schon gegeben hat. Unter Integration
verstehen wir eben nicht Assimilation in dem Sinne, dass sich Zugewanderte an die
Gepflogenheiten der Mehrheitsgesellschaft angleichen. Allerdings bedeutet
Integration, sich an die Regeln unseres Gemeinwesens, die wir uns gegeben haben,
ebenso zu halten wie wir selbst es tun. Integration heißt vor allem aber Teilhabe an
4
der Gesellschaft und die Möglichkeit für Zugewanderte, diese mitzugestalten, also
auch Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.
Verantwortungsvolle Gesellschaftsteilhabe erleichtern
Frage: Ich denke, die Frage der Integration von Menschen, die aus anderen
Gesellschaften zu uns kommen, ist sicherlich schon vor 20 bis 30 Jahren im Essener
Norden bedeutsam gewesen.
Damals wurde bereits gesagt, dass die Kinder, die hier aufwachsen, ohne einen
regulären Aufenthaltsstatus zu besitzen, und deshalb fast keine
Eingliederungschancen erhalten, spätestens als Erwachsene riesige Probleme
verursachen werden. Und derjenige Mensch, der als Migrant eine gute Ausbildung
erreichen konnte, z. B. der angehende Chefarzt aus Persien, wohnt dann bald nicht
mehr in Altenessen oder Schonnebeck. Die ehemaligen Migranten, die Karriere
machen, ziehen schließlich doch lieber nach Werden oder Rüttenscheid.
Währenddessen füllen sich in den Nordstadtteilen die freiwerdenden Wohnungen mit
Harz IV-Beziehern, die das Jobcenter genötigt hat, eine billigere Wohnung zu
beziehen, welche sie aber nur in den Nord-Stadtteilen finden können.
Antwort: Wir müssen aufpassen, dass wir Essens Norden ebenso wenig pauschal
und klischeehaft stigmatisieren wie den Süden. Auch der Norden hat wirklich
lebenswerte Orte und Stadtteile. Das haben Aktivitäten im Rahmen des
Kulturhauptstadtprogramms gezeigt. Und das bestätigten auch die befragten Bürger,
die sich Sorgen um ihren Stadtteil machen, die aber dennoch gern und aus
Überzeugung beispielsweise in Altenessen leben. Man findet in Altenessen
gepflegte Eigenheimsiedlungen, die ebenso gut in Kupferdreh oder Überruhr stehen
könnten. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass es vor allem im Norden
soziale Brennpunkte gibt, in denen Armut und fehlende Bildung Hand in Hand gehen.
Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass ein Schlüssel zur Lösung dieser
Probleme in der Verstärkung der Bildungsbemühungen liegt. Und damit meine ich
nicht nur utilitaristische Bildungsziele wie die rein berufliche Ausbildung, sondern ich
meine auch die Persönlichkeitsbildung, deren wichtiger Teil die kulturelle Identität ist.
Hier entwickelt sich auch die interkulturelle Kompetenz. Dabei geht es nicht nur um
die UNESCO Konvention zum Erhalt der Vielfalt der Kulturen. Dies wäre ja nur ein
Nebeneinander. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass an den Schnittstellen, wo die
Kulturen zueinander kommen, sie sich gegenseitig befruchten können. Hierfür gibt es
sehr viele Beispiele aus der Kunst und Kultur. Beispielsweise ist die Rock-Musik aus
der Begegnung afrikanischer und europäischer Musiktraditionen im Süden
Nordamerikas entstanden. Man sieht daran, dass gerade für die Entwicklung von
Kreativität die Vielfalt der Kulturen von besonderer Bedeutung ist.
Dass wir allerdings mit der Vielfalt in der globalisierten Welt und medialen
Allgegenwärtigkeit heute anders umgehen als vor 150 Jahren, als man zu Fuß oder
mit dem Pferdefuhrwerk nach Arabien reiste, das ist selbstverständlich. Die Bilder
und die Klischees heute sind viel schneller und einprägsamer kommuniziert. Dabei
gilt aber: Medien sind ja nur vermeintlich objektiv. Sie bilden nicht immer die
Wirklichkeit ab, sondern das, was derjenige, der die Bild- oder Tonaufnahmen macht,
des Text formuliert als Wirklichkeit ansieht und aus unterschiedlichen Interessen
heraus betrachtenswert findet. Das weiß jeder, der Urlaubsfotos macht.
Migranten in selbstgewollter Isolation?
5
Frage: Aber gerade der globalisierte Handel und die Allgegenwart von Medien
machen es heute erheblich leichter, in einer neuen Heimat den Lebensstil und die
Gewohnheiten von früher beizubehalten, zum Beispiel indem türkischstämmige
Einwanderer türkisches Fernsehen schauen, türkische Zeitungen lesen und ihre
Lebensmittel beim türkischen Händler kaufen. Als es all diese Möglichkeiten noch
nicht gab, war sicher die Notwendigkeit größer, sich auf das neue Land einzulassen.
Antwort: Das stimmt nicht unbedingt. Es gibt Untersuchungen aus den USA, die
ergaben, dass Einwanderer z. B. aus Deutschland sich sehr stark separiert haben
und auch separieren wollten und dass das bis heute so geblieben ist. In ihrem
Auftreten agierten sie dann oft „deutscher als deutsch“. Solche Situationen hat es
gegeben und die sind gerade in USA ausführlich untersucht worden. In der
verunsichernden Situation des Einwanderers schließt man sich in kleinen
wohlbekannten Strukturen zusammen, die Halt gegen die noch fremde Umgebung
bieten. Da können – falls erforderlich - auch Menschen mit Migrationshintergrund
abgeholt werden, an dieser Stelle treffen wir also wieder auf das Thema Bildung.
Dabei geht es auch um unterschiedliche Werte und Entäußerungen der jeweiligen
Kulturen, die sich ja vermeintlich auch in touristisch motivierter und konservierter
Folklore manifestiert.
Frage: Ich denke schon, dass Kulturtheorie hier eine Basis ist, um später richtige
Entscheidungen zu treffen. Hat denn die Stadt Essen in diesem Bereich selbst
bereits die Richtung weisenden modernen Entscheidungen getroffen? Immerhin gibt
es in dieser Stadt seit etlichen Jahren die Debatte, wie das Ausländeramt
kundenfreundlicher umgestaltet werden sollte. Für Verärgerung sorgt insbesondere,
dass es z. B. in einem mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht erreichbaren
Gewerbegebiet versteckt liegt und dass es mit einer Sicherheitsschleuse vor dem
Eingang eher als Ableger einer Polizeistation denn wie ein modernes Stadtamt
auftritt. Bisher werden die vielen Migranten in Essen offensichtlich noch nicht
freundlich willkommen geheißen, und der Weg zu einem regelrechten „WelcomeCenter“ scheint noch weit.
„Welcome-Center“ statt Ausländeramt!
Antwort: Wir sind trotzdem bereits auf dem richtigen Weg. Vor etwas über einem
Jahr wurden wir als Verwaltung vom Rat beauftragt, mit einer interfraktionellen
Beratungskommission herauszufinden, in welchen Gebieten welche konkreten
Personen in der Stadt jetzt schon Integration fördern. Dabei haben wir gesehen, dass
es fast in jedem Geschäftsbereich Fachbereiche gibt, die einen Beitrag zur
Integrationsarbeit leisten. Nur mussten wir auch feststellen, dass die Aktivitäten nicht
aufeinander abgestimmt sind, innerhalb der Stadtverwaltung nicht, aber auch nicht
mit den Institutionen des Dritten Sektors oder denen der Wirtschaft. Hier müssen wir
ansetzen.
Das andere Ergebnis war, dass gut ausgebildete Menschen wieder zurückgehen in
die ehemaligen Heimatländer ihrer Eltern oder Großeltern, weil sie dort für sich
bessere Lebenschancen vorfinden als in Deutschland. Wir müssen Strategien
entwickeln, um diese Menschen bei uns zu halten. Der Facharbeitermangel, um den
wir uns dringend kümmern müssen, wird immer offensichtlicher.
Die Stadt Essen hatte vor nicht allzu langer Zeit mehr als 700.000 Einwohner, auf die
in den vergangenen Jahrzehnten die Infrastruktur ausgerichtet wurde. Heute liegt die
Einwohnerzahl bei etwa 580.000, und wir müssen unsere Zukunftsplanungen den
6
veränderten Bedingungen anpassen. Vor diesem Hintergrund ist es doch sehr
sinnvoll, unsere Stadt so attraktiv zu machen, dass die Menschen hier bleiben oder
gar zu uns kommen.
Dabei richte ich den Blick ausdrücklich auch auf die Universität. An der Universität
Duisburg-Essen studieren im gesamtdeutschen Vergleich die meisten jungen Leute,
deren Eltern nicht Akademiker waren und die selbst oder deren Eltern einen mit
Migrationshintergrund haben. Hier wird das Welcome-Center ansetzen. Auf der einen
Seite bietet es Service-Leistungen in die Stadtverwaltung hinein an. Auf der anderen
Seite soll in diesem Welcome-Center explizit dafür geworben werden, sich hier
niederzulassen und zu bleiben. Darum haben wir mit vielen Institutionen und
Verbänden gesprochen und informieren von zentraler Stelle aus über die
unterschiedlichen Angebote, die es zum großen Teil, wenn auch verstreut, jetzt
bereits gibt, die als Gesamtschau aber bisher nicht im Blick waren. Das reicht von
der IHK, der Diakonie und den Existenzgründer-Hilfen über das Zentrum für
Türkeistudien bis zur Sozialhilfeberatung.
Dabei müssen wir auch unterscheiden zwischen den gesetzlich vorgeschriebenen
ordnungsrechtlichen und den integrationspolitischen Gegebenheiten des Gesetzes.
Leider haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ausländerbehörde
Alltagserfahrungen, die zu verstärkten Sicherungsvorkehrungen wie der
Sicherheitsschleuse geführt haben. Wir haben in erster Linie eine Fürsorgepflicht
gegenüber den städtischen Mitarbeitenden und müssen ihre Gefährdung soweit wie
möglich ausschließen. Ich kann aus der Praxis meiner Hattinger Dezernentenzeit
nachvollziehen, dass man so etwas wie eine Sicherheitsschleuse durchaus braucht.
Im Übrigen fühlt sich doch am Flughafen auch niemand abgewiesen, nur weil er eine
Sicherheitsschleuse zu durchgehen hat. Natürlich ist uns allen bewusst, dass eine
Sicherheitsschleuse nicht der geeignetste Willkommensgruß ist.
Aufgabe „Integration“ auch baulich wieder ins Zentrum rücken.
Frage: Eine weitere Kritik zielt auf den Standort des Ausländeramtes. Ich erinnere
daran, dass das Ausländeramt mit Büros im Rathaus begonnen hat, dann musste es
abwandern an den Kopstadtplatz und arbeitet inzwischen schon sehr lange im
Industriegebiet neben der WAZ - Druckerei. Anscheinend will die Stadt die Migranten
nicht im Zentrum haben. Das hat eine sehr starke Symbolik. Gibt es Ansätze, da
etwas zu ändern?
Antwort: Wir haben die Konzeption für das Welcome Center bereits entwickelt. Es
befindet sich nun in der Abstimmung mit der übrigen Stadtverwaltung. Kern des
Konzeptes ist eine Innenstadtlage des Centers, und es wird als Anlaufstelle wie als
Netzwerkknoten fungieren und an die bestehenden Angebote anknüpfen. Aber die
Abstimmungsprozesse sind noch nicht so weit gereift, dass ich jetzt konkrete
Einzelheiten berichten kann.
Frage: Können wir damit rechnen, dass im Jahr 2012 diese Ergebnisse vorliegen
oder wird es sich noch länger hinziehen?
Antwort: Ich bin sicher, dass die Abstimmungsprozesse über das Konzept nun
schnell zu Ende geführt werden können. Schwer zu sagen ist, wie lange es dauern
wird, bis die erforderlichen Ressourcen, nämlich ein Gebäude und das erforderliche
Personal, bereitgestellt sind. Ich bemühe mich, so schnell wie möglich Lösungen zu
finden. Im Januar wird das Thema auf der Tagesordnung stehen. Ich persönlich hatte
7
die Hoffnung, das Thema schon im letzten Sommer erledigt zu haben, muss aber
gestehen, dass ich die Dauer der erforderlichen internen Abläufe unterschätzt zu
haben.
Frage: Das lässt erwarten, für die Entwicklung des Konzepts noch viel öffentliche
Unterstützung zu brauchen. Wir Grünen halten die Daumen und werden
zuversichtlich Unterstützungsarbeit leisten, dass das Welcome-Center bald
erfolgreich auf den Weg gebracht wird. Zum Abschluss noch mal eine andere Frage:
Welche Zukunft hat Ihrer Meinung nach der Integrationsrat in Essen?
Politische Teilhabe der Migranten – zur Zukunft des Integrationsrats
Antwort: Wir sind gesetzlich gehalten, den Integrationsrat zu installieren. Er ist
gewählt worden. Leider sind sowohl die Vorkommnisse im Integrationsrat während
der letzten zwei Jahre als auch die ein oder andere Entscheidung in letzter Zeit nicht
dazu geeignet, die Glaubwürdigkeit dieses Gremiums in Essen zu stärken. Ich
bedaure das sehr, denn wir brauchen ein Organ, wo wir uns gemeinsam mit
denjenigen, für die wir Integrationspolitik machen, auch beraten können. Idealer
Weise kann ich mir auch ein Organ vorstellen, dass auf andere Weise verfasst ist.
Vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die wir gemacht haben, bin ich der Meinung,
dass wir ergebnisoffen darüber nachdenken müssen, ob es nicht auch andere
Möglichkeiten der Partizipation, der politischen Gestaltung für Menschen mit
Migrationshintergrund gibt. Dabei ist meines Erachtens auch in den Blick zu nehmen,
dass die wirkliche Vielfalt der Nationen und Kulturen in der derzeitigen Form des
Integrationsrates nicht repräsentiert wird. Das wird man mit den Fraktionen und den
Migrantenvereinen besprechen müssen.
Frage: In diesem Sinne hoffen wir, dass wir in diesem Jahr auch mit den frisch
gewählten frischen Repräsentanten der Integrationsarbeit einen neuen Anfang
setzen können. Da ist wohl viel Glück zu wünschen.
Antwort: Ja, besten Dank. Wir haben viele Menschen mit Migrationshintergrund hier
in der Stadt. Ich persönlich finde eine bunte Stadt sehr lebenswert.
Das Interview führte Walter Wandtke
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
7
Dateigröße
97 KB
Tags
1/--Seiten
melden