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Grundkurs Wie arbeite ich mit dem Lernserver?

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Grundkurs:
Die Bausteine
Wie der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
Kapitel II
*UXQGNXUV:LHDUEHLWHLFKPLWGHP/HUQVHUYHU"
Didaktische Konzepte, Umgang mit dem Fördermaterial, Regelkunde
1. Helfen, aus Fehlern
zu lernen
Intention der folgenden Überlegungen ist
es, das Grundgerüst für ein ebenso systematisches wie individualisiert-flexibles und
sich an den jeweiligen Lernfortschritt anpassendes Heranführen von Kindern an ‚ihre’
Sprache vorzulegen.7
Im Mittelpunkt des Interesses stehen hierbei insbesondere jene Kinder, bei denen
das ‚normale’, tradierte Vermitteln von
Sprachkompetenz an seine Grenzen stößt. Ob
dies an ungünstigen Bedingungen (z.B. der
Gleichschrittigkeit im Klassenverband oder an
prekären sozialisatorischen Gegebenheiten)
liegt oder doch eher prinzipielleren Lernproblemen (etwa einer „Legasthenie“ bzw.
einer „Lese- und Rechtschreibschwäche“,
7
Dieser Überblick möchte Lehr- und Förderkräften einen komprimierten Einblick in die Stoßrichtung unserer pädagogischdidaktischen Methodik verschaffen. Er ist für sich ‚studierbar’
und vermittelt ein fundiertes Gespür für die wichtigsten Fragen der Rechtschreibförderung. Zum Vertiefen der einzelnen
3XQNWHHPS¿HKOWHVVLFKMHGRFKGLHHQWVSUHFKHQGHQ3DVVDgen aus Kapitel III hinzuzuziehen.
Interaktive Förderdiagnostik
Dass hierbei der Umgang mit Fehlern, ihre
prinzipielle Entstigmatisierung wie die Chance,
aus ihnen wirklich etwas lernen zu können,
eine besondere Rolle spielt, hat zwei Gründe:
Abweichungen von der korrekten Schreibung
sind nicht nur notwendige Zwischenschritte
auf dem Weg zur Schrift; vielmehr enthalten
Fehler eine Fülle an diagnostischen Informationen über das, was sie bereits verstanden
haben und wo genau sie eine gezielte Intervention durch pädagogische bzw. lerntherapeutische Fachkräfte benötigen, um
sich durch die zahlreichen Hürden und
Schwierigkeiten, die nun einmal zur Schriftsprache dazugehören, nicht entmutigen zu
lassen.
Nichts ist zunächst wichtiger, als Fehlern ganz grundsätzlich ihre demotivierende und kontraproduktive Wirkung
zu nehmen. Sie sollten nicht nur negativ,
d.h. als nicht richtig wahrgenommen werden.
Fehlschreibungen lassen sich nicht mit noch
so viel roter Tinte aus der Welt schaffen. Weder
ist es möglich, die kleinen Schreiber gleichsam
per Dekret, ohne sachliche Hilfestellung auf
eine korrekte, regelkonforme Schreibweise
zu verpflichten, noch produzieren Kinder
Fehler absichtlich, „mit Fleiß“. Anstatt also
eine motivations- und leistungshemmende
Haltung von Fehlervermeidung zu provozieren,
müssen die in jedem falsch geschriebenen
Wort enthaltenen Denkleistungen anerkannt
werden (siehe auch Beispiel, S. 23).
Die Bemühungen der Kinder wirklich ernst
zu nehmen, ist eine zentrale pädagogische
Aufgabe, und es handelt sich dabei um alles
andere als einen billigen Psycho-Trick, etwa
im Sinn von „Selbstwertgefühl hätscheln“.
Andernfalls liefe man Gefahr, das Kind auf
einen Ausgangspunkt zurückzuwerfen, von
dem aus ein eigenes, souveränes Erobern
von Sprache und Schrift nurmehr schwer
(02 51) 83 - 2 84 09
A) Lerntherapie und individuelle
Förderung, oder: Der Weg ist
das Ziel!
wie gemeinhin und leider recht unscharf
ein verbreitetes Phänomen am Einzelnen
festgemacht wird) geschuldet ist: Es gilt,
Kindern dabei behilflich zu sein, sich Schritt
für Schritt einen tragfähigen, neuen Zugang
zum Stoff zu verschaffen.
• www.lernserver.de • info@lernserver.de •
„Allein das tönende Wort ist gleichsam eine
Verkörperung des Gedanken, die Schrift eine
des Tons. Ihre allgemeinste Wirkung ist, dass
sie die Sprache fest heftet, und dadurch ein
ganz andres Nachdenken über dieselbe
möglich macht, als wenn das verhallende
Wort bloss im Gedächtniss eine bleibende
Stätte findet. ... Offenbar aber müssen, wenn
die Gesammtwirkung nicht gestört werden
soll, das Denken in Sprache, die Rede und die
Schrift übereinstimmend gebildet, und wie
aus Einer Form gegossen seyn.“ (Wilhelm von
Humboldt, Über die Buchstabenschrift, 20.
Mai 1824)
© Uni Münster • Prof. Dr. F. Schönweiss & Team
Auer Verlag GmbH, Donauwörth
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Die Bausteine
Grundkurs:
Wie
der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
möglich wäre, aus inhaltlichen ebenso wie
aus motivationalen Gründen. Das oft genug
gepredigte Selbstverständnis eines jeden
Pädagogen – die Kinder dort abzuholen, wo
sie sich gerade befinden – verlangt also die
präzise Analyse ihrer Fehler, die gleichzeitig
Grundlage für die Konstruktion eines maßgeschneiderten individuellen Förderplans ist.
• www.lernserver.de • info@lernserver.de •
(02 51) 83 - 2 84 09
Wer möchte hier von „falsch“ sprechen, wenn er weiß,
dass dies das Werk einer 4-Jährigen ist? Lara hat nicht
nur „Uhrzeit“ korrekter lauttreu verschriftet, als es
die Schriftsprache vorsieht, sondern auch noch eine
Kritik des Fernhaltens von Bildung im Kindergarten
mitgeliefert. Lange vor Pisa übrigens... 8
8
Sie hat eine „Stillstunde“ – mit der die Kinder noch Mitte
der 90er Jahre auf die Schule vorbereitet wurden – dafür
genutzt, all das, was sie beigebracht bekommen möchte
und was sie bewegt, mit ihren Möglichkeiten zu Papier zu
bringen: Schreiben, Rechnen, Uhrzeit, richtig Spielen ohne
Kasperei, Bücher lesen; Hast du ein Taschenmesser?
© Uni Münster • Prof. Dr. F. Schönweiss & Team
Auer Verlag GmbH, Donauwörth
Die Notwendigkeit, eine stimmige Balance
zwischen den objektiven Vorgaben von
Sprache und Schrift und den Lernbedürfnissen
des jeweiligen Kindes, seinen Vorkenntnissen,
aber auch seiner lerntypologischen wie motivationalen Verfasstheit immer wieder aufs
Neue zu finden, bleibt die Aufgabe der Lehrkraft. Dabei ist solche Perspektive keineswegs
nur Privileg einer schulbegleitenden Förderung, etwa im Rahmen von Förderstunden,
qualifizierter Nachhilfe oder Lerntherapien.
Vielmehr ist es überfällig, dass der Bezug auf die Lernbedürfnisse der einzelnen Schüler auch im ganz normalen
Regelunterricht Raum erhält. War dies
bislang meist schlichte Utopie, da bei allem Engagement kaum ein Pädagoge den
Spagat zwischen dem (inzwischen meist
explizit verbrieften) „Recht“ auf individuelle
Förderung und seiner Verantwortung für den
gesamten Klassenverband zustande brachte,
wird dieses pädagogische Ur-Ideal mehr und
mehr greifbar. Nicht zuletzt auch dank der
vielfältigen Möglichkeiten, die in Computer
und Internet schlummern. Dies setzt freilich
voraus, dass man endlich damit aufhört, den
modernen Gerätschaften einen wundersamen
Automatismus anzudichten. Statt zu hoffen,
dass das ideale Lernprogramm Stoff und
Schüler schon irgendwie kurzschließen hilft,
sollte man die schönen neuen Möglichkeiten
lieber in Verbindung mit innovativen, inhaltsorientierten Unterrichts- und Förderkonzepten
bringen.
Lehrern dabei behilflich zu sein, sich im
ganz normalen Unterricht wie in den
Förderstunden ihrem pädagogischen Anspruch verstärkt widmen zu können,
ist unser Anliegen. Zusammen mit Ihnen
allen möchten wir dazu beitragen, dass
Kinder mithilfe genau auf sie zugeschnittener
Vermittlungs-, Erklärungs-, Entdeckungs-,
Übungs- und Spielmöglichkeiten den für sie
passenden Weg zur sicheren Beherrschung
der Schriftsprache finden können.
Die von uns vorgelegten Materialien beanspruchen dabei nicht, dass man sich sklavisch
und ausschließlich an sie zu halten habe, im
Gegenteil: Als Angebot für die Lehrer bzw.
Lerntherapeuten, aber auch Eltern bilden sie
eine Art ‚Grundgerüst’ zur Förderung des
jeweiligen Kindes, das jederzeit ergänzt und
erweitert werden kann. Auch sind wir dabei,
über die Kooperation mit zahlreichen Schulen
(insbesondere der Realschule Delbrück, der
Matthias-Claudius-Grundschule in Bottrop
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Grundkurs:
Die Bausteine
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ich mit dem Lernserver?
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Ein grundsätzliches Dilemma für Lehrer besteht in der Frage, wie genau sie ihre pädagogische Verantwortung definieren, die sie
gegenüber Kindern, Lehrplan, Eltern und
den „Nachfragern“ nach Bildung haben.
Manch einer stiehlt sich mit gewissem Pathos
und unter Berufung auf ein vermeintlich
unangreifbares (und in der universitären
Ausbildung oft überstrapaziertes) Prinzip ein
bisschen aus der Pflicht: Anstatt sich selbst
zu überlegen, wie er Kindern, die es meist
nicht besser wissen können, so anleiten
und zugleich loslassen kann, dass diese ihre
Bildung möglichst rasch in die eigene Hand
nehmen und sich immer mehr zum Subjekt
ihrer eigenen Bildung machen können, wird
der Fetisch „Interesse des Kindes“ zusammen
mit manchem Reformpädagogen gleichzeitig
erfunden und hochgehalten. So richtig es
ist, dass ohne die Bereitschaft der Kinder,
vom Unterricht profitieren zu wollen, Lehren
zur für alle trostlosen Pflichtübung, wenn
nicht Tortur wird, so verkehrt wäre es, die
vermisste Motivation darüber erschwindeln
zu wollen, dass man den Unterricht als eine
Veranstaltung präsentiert oder gar inszeniert,
die von den Kindern selbst verantwortet
werden soll. Insbesondere die unkritische
Berufung auf konstruktivistische Ansätze
hat in der jüngeren Vergangenheit leider zu
mancherlei Verwirrungen geführt.10
9
Das gemeinsam mit dem Bundesverband Legasthenie und
Dyskalkulie (BVL) auf den Weg gebrachte Projekt „LISA“ versucht, für unterschiedliche Schulformen neue Wege der individuellen Förderung exemplarisch zu erproben. Die Ergebnisse
können sukzessive unter www.foerdernetz.de wie auch auf
den Seiten des BVL (www.bvl-legasthenie.de) verfolgt werden.
Interaktive Förderdiagnostik
Dafür freilich, wie sich das pädagogische
Handeln in der konkreten Unterrichtssituation
oder im Bemühen, verloren gegangenes
Interesse an der eigenen Bildung förderdiagnostisch
aufzubrechen,
zwischen
10
„Solche im Namen des Kindes an es zurückgegebene Verantwortung erscheint umso rationeller, als sich das moderne
Bildungsideal ja dahingehend gewandelt hat, dass „Selbstständigkeit“ gleichsam zum Hyperziel von (Aus-) Bildung geworden ist. Dies sollte freilich nicht dazu führen, dass das Ziel
und der Weg dorthin gegeneinander ausgespielt werden. Auf
der Strecke bliebe als Erstes – das Kind:
„Was sich also abzeichnet und heute zumindest perspektivisch als Essential eines modernen Bildungswesens festhalten lässt, ist Chance und Dilemma zugleich: so muss Schule
.LQGHUXQWHUVWHOOHQGLHHVQRFKJDUQLFKWJLEW,QPRGL¿]LHUter Form gilt dies für jeden Bereich unseres Bildungswesens,
leider auch für die Universitäten: zur vornehmsten Aufgabe hat
das Befördern von Bildungsfähigkeit schlechthin zu werden!
Im Grunde also hat sich das bislang gewohnte Verhältnis von
organisierter Bildung und dem Einzelnen umzukehren: an die
6WHOOHHLQHVPHKURGHUZHQLJHUSÀLFKWEHZXVVWHQ'XUFKODXIHQV
der Institution, die man mit all ihren Prozeduren als undurchschaubaren Auftrag eher passiv über sich ergehen lässt, tritt
für den Schüler die Verantwortung für sich und dafür, seine
Bildung in die eigene Hand zu nehmen. Anstatt Bildung also
immer nur abzuhaken und den Stoff möglichst nicht an sich
als Person heranzulassen, gilt es, die individuelle Bildungsbiographie sukzessive selbst fortzuschreiben. Jeder Schüler hat
dazu angeregt zu werden, das organisierte Bildungsangebot
für seinen ureigenen Bildungsfortschritt instrumentalisieren
und ausgestalten zu können.
)DWDOHUZHLVHIUHLOLFKEH¿QGHQVLFKGLHPHLVWHQXQVHUHU.LQGHU
in einer Verfasstheit, die es ihnen nicht ohne weiteres erlaubt,
ein solches Angebot auch wirklich schätzen und wahrnehmen
zu können.“ (Friedrich Schönweiss: Bildung in Zeiten des Internet, Münster 2000, S. 37f)
(02 51) 83 - 2 84 09
Wir würden uns freuen, wenn unser Angebot
mit Ihrem Ideenreichtum, Ihrer Kompetenz und
Ihrer Kritik ständig ausgebaut und verbessert
werden kann. Nicht zuletzt aber sollen auch
die Kinder selbst dazu angeregt werden, sich
als kleine Autoren mit ins Spiel zu bringen.
Sicher unterscheiden sich hier die Lehrer
ebenso wie die in den einzelnen Bundesländern vorherrschenden Unterrichtskulturen.
Gleichwohl ist es gerade mit Blick auf die
angestrebte Förderung der Selbstständigkeit
von Kindern fatal, wenn ihnen gerade in
den Grundschuljahren jene Unterstützung
vorenthalten wird, die sie benötigen, um sich
als kleine Persönlichkeit voranzubringen.
Natürlich soll Lernen und Begreifen, sollen
Unterricht und Schule und nicht zuletzt
die individuelle Förderung so befriedigend
und lustvoll sein wie irgend möglich, doch
ohne Substanz und Inhalt wird „Spaß“ und
„Interesse des Kindes“ zum inhaltslosen
Muster ohne jeden Wert. Ähnliches gilt für
das „selbstentdeckende Lernen“, wenn
es nicht inhaltlich eingelöst, sondern zum
Dogma gemacht wird. Den Kindern, um die es
vorgeblich so sehr geht, bliebe ausgerechnet
jene Hilfe vorenthalten, die ihnen nun einmal
nur Lehrer (bzw. Eltern oder Lerntherapeuten)
zu geben vermögen.
• www.lernserver.de • info@lernserver.de •
oder der Gustav-Heinemann-Gesamtschule
in Mülheim) oder dem Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) Konzepte und
Materialien vorzulegen, die für eine ganze
Klasse, klassenübergreifend oder für einen
kompletten Schulverbund genutzt werden
können.9
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„Spaß“ und „Ernst“, zwischen „Spielen“
und „Lernen“ oder zwischen „Erklären“ und
„Üben“ genau verortet, können nicht wir aus
der Distanz vorgeben. Dies bleibt allein der
pädagogischen Kompetenz der Lehrkraft wie
ihrem Gespür für das, was dem Aufbrechen
der möglicherweise bereits vorliegenden
Lernblockaden dienen kann, vorbehalten.
Deshalb ist der Baustein „Die Lust am
Schreiben wecken“ in Verbindung mit dem
Open End-Bereich „Kreatives Schreiben“
auf www.foerdernetz.de als Angebot zu
verstehen: dort, wo immer es angebracht
erscheint, den Unterricht aufzulockern und
den Ideenreichtum der Kinder mit ins Spiel zu
bringen.11
• www.lernserver.de • info@lernserver.de •
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Es liegt in der Natur der Sache, dass Kinder,
die Probleme mit dem Lesen und Schreiben
haben, oft keine große Lust verspüren,
überhaupt einen Stift in die Hand zu nehmen.
Die Erfahrung zeigt jedoch, wie gerade
jene Kinder, denen mit der Schrift die Ausdrucksmöglichkeit zunächst verwehrt ist,
vor Phantasie, Kreativität und verblüffender
Originalität nur so übersprudeln können –
wenn man sie denn loslässt und ihnen Wege
hierfür aufzeigt.
Unsere Vorschläge zum Wecken der Schreiblust sind vor allem für Schüler der unteren
Klassen gedacht, können aber – entsprechend
angepasst – auch in der Arbeit mit älteren
Kindern wie mit „funktionalen Analphabeten“
zum Kreativen Schreiben motivieren. Sie
können vom Lehrer frei und nach Bedarf
eingesetzt werden: entweder, um die einzelnen Problemstellungen zu vertiefen oder aber
einfach nur, um die Kinder zum Schreiben
zu bewegen und ihnen die Chance zu
geben, Sprache und das Mitteilen und/oder
Verschriften ihrer Gedanken auch als etwas
Lustvolles, Spannendes, Verblüffendes und
Spielerisches zu erleben und so die Schrift
für sich (zurück) zu erobern.
Dabei sollte versucht werden, in der Auseinandersetzung mit Sprache ein harmonisches Verhältnis herzustellen zwischen der
„spielerischen Form“, dem Durchschaubarmachen ihrer Strukturen und dem „Üben des
Regelwerks“. Denn auf der einen Seite erfor-
dert dauerhaft abrufbares Wissen – und dies
ist die Voraussetzung für kreatives Umgehen
mit Sprache – regelmäßiges Wiederholen des
Gelernten (möglichst auf Basis einer Einsicht
in Sprache und ihre Logik), während auf
der anderen Seite stures, ausschließliches
Abarbeiten von Arbeitsblättern und Pauken
von undurchschauten Sprachregeln jeglichen
Antrieb und jeden guten Willen im Keim
ersticken lassen kann.
Die „Veröffentlichung“ der Ergebnisse und
damit die Anerkennung der jeweiligen Bemühungen und Ideen ist ein nicht zu
unterschätzender Motivations-Faktor. Dies
kann mit dem gegenseitigen Vorlesen der
Ergebnisse beginnen, weitergehen mit der
Planung für eine geeignete Darstellung (buntes
Papier, Schmuckblätter, große Pappbögen
und vieles mehr) und mit den Bemühungen
um eine ‚saubere’, ansprechende Abschrift
des eigenen Textes enden, um ihn für andere
lesbar und verständlich zu machen.
Gerade hier mag eine computergestützte
Gestaltung oder gar eine kleine InternetPräsentation überaus reizvoll sein, um interessierte Mit-Leser an den eigenen Sprachspielen teilhaben zu lassen. Sehr gerne stellen
wir unsere Plattform www.foerdernetz.de
bzw. www.abermakaber.de hierfür zur Verfügung. Ähnlich, wie in der Schule der
Lehrer nicht schlecht beraten ist, wenn er
die spezifischen Kompetenzen der Kinder
in seinen Unterricht zu integrieren versteht
oder wenn es Therapeuten gelingt, die
Kinder ihrer Kleingruppe zum gegenseitigen
Motivieren, Unterstützen und Erklären anzuhalten, möchten wir in unserem netzbasierten Angebot die Kinder selbst zu Wort
kommen lassen: mit dem, was sie bewegt,
ebenso wie mit ihren oft frappierenden Ideen,
sich und anderen die einzelnen inhaltlichen
Klippen durchschaubarer werden zu lassen.
Überhaupt freuen wir uns über Kinder-Werke
aller Art, die uns über die Lehrkräfte (bitte
mit Vornamen, Alter, Ort versehen) oder die
Kinder selbst erreichen.
11
Die folgenden Passagen sind im Interesse der Vollständigkeit unserem Baustein „Die Lust am Schreiben wecken“ entnommen.
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Wir haben deshalb in Ergänzung zu unserem
„Grundlegenden Bereich“ ein Handbuch zur
Sprecherziehung und Sprachwahrnehmung
(„Gutes Sprechen lernen“) vorgelegt, in dem
jeder Laut des Alphabets und der Einsatz der
dafür benötigten Sprechwerkzeuge auf leicht
verständliche Weise beschrieben wird. Damit
soll der Lehrkraft ermöglicht werden, jenen
Schülern, die große Schwierigkeiten bei der
akustischen Differenzierung der Buchstaben/
Laute haben, die verschiedenen Laute korrekt
auditiv nahezubringen: indem sie deren
Bildung genauestens vermitteln und mit den
Kinder auf vielfältige Weise üben können.
Wenn Kinder, auch kleinere, sich der Vorgänge
beim Sprechen bewusst werden und diese
Vorgänge auch versprachlichen können, tritt
nicht nur eine stärkere Sensibilisierung für
den betreffenden Laut ein, sondern auch
Ohr und Auge profitieren langfristig davon.
Hat sich der Hörende erst einmal daran gewöhnt, Lautnuancen (stimmlos-stimmhaft)
differenziert wahrzunehmen, fällt es auch
dem Auge leichter, die häufig minimalen
Unterschiede zwischen einzelnen Buchstaben
(n-m, n-h) zu erkennen.
Zu beachten ist freilich, dass diese Arbeit
nur bedingt in der Gruppe (als Einführung
oder bei Spielen) geleistet werden kann.
Sprecherziehung ist eher individueller Unterricht, weil jedes Kind andere Voraussetzungen
mitbringt und mögliche Schwächen und
Stärken hat. Unbedingt zu empfehlen ist eine
bewusste und intensive Auseinandersetzung
des Pädagogen selbst mit Artikulation und
Sprechtechnik.
Für den Bereich „Gutes Sprechen lernen“ gilt
das gleiche wie für den Abschnitt „Die Lust
am Schreiben wecken“: Die Lehrkräfte sollten
nach eigenem Ermessen auf diese Materialien
zurückgreifen, wann und wo immer sie es für
angebracht halten.
Interaktive Förderdiagnostik
$OOJHPHLQHV]XP
„Grundlegenden Bereich“
Mit dem „Grundlegenden Bereich“, der ab
und an auch als „Wahrnehmungsbereich“
bezeichnet wird, ist insbesondere der „lautgetreue“ Bereich der Schrift gemeint. Hier ist
also von jenen Wörtern oder Wortbestandteilen
die Rede, die vor dem Hintergrund einer
gefestigten Laut-Zeichen-Zuordnung weitgehend problemlos verschriftet werden können.
Dies ist (wenn auch nur idealtypisch) etwa
beim Wort „Oma“ der Fall: Hier kann jeder
Laut eins zu eins in einen bestimmten, nur
ihm zugewiesenen Buchstaben umgesetzt
werden.
Der weitaus größte Teil der deutschen Sprache kann dem lauttreuen Bereich zugeordnet
werden, also jenem Aspekt von Sprache,
der sich primär mithilfe phonographischer
Strategien erschließen lässt. In der Linguistik
ist es sehr umstritten, wie ‚lautgetreu’ die
deutsche Sprache eigentlich ist; aber ob man
nun von 70 oder von 90 Prozent ausgeht – es
ist auf jeden Fall ein recht hoher Prozentanteil,
vor allem im Vergleich zu anderen Sprachen
wie etwa dem Englischen oder dem Französischen.
Dieser Prozentanteil sinkt jedoch massiv, wenn
die einzelnen Wörter als Bewertungsmaßstab
zugrunde gelegt werden. Ein langes Wort
wie „Teppichboden“ zum Beispiel ist zu etwa
90 % lauttreu (wenn man einmal von der
Großschreibung absieht), enthält jedoch einen
Buchstaben, der nicht zu hören ist und der nur
durch die Anwendung einer Rechtschreibregel
verschriftet werden kann: das doppelte bzw.
zweite „p“. In einem Diktat würde aber das
ganze Wort als falsch bewertet, und es bliebe
unberücksichtigt, dass das Kind, wenn es
alle Buchstaben bis auf das doppelte „p“
richtig geschrieben hat, im „Grundlegenden
Bereich“ offensichtlich sicher ist und ‚nur’
die Regeln der deutschen Sprache (hier die
„Konsonantenverdopplung“) noch nicht richtig anwenden kann.
Da nun sehr viele Wörter eine Stelle aufweisen,
bei der eine Regel beachtet werden muss,
sieht es bei Diktaten immer noch sehr rot im
Heft aus, selbst wenn ein Kind den wichtigen
lauttreuen Bereich bereits weitestgehend
beherrscht. Es nützt ihm für die Note nicht viel,
obgleich es vielleicht 90 % der Buchstaben
richtig schreibt. Die restlichen zehn Prozent,
die im Regelbereich falsch geschrieben
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Beim Erlernen des Lesens und Schreibens ist
es unerlässlich, sich immer wieder mit den
Kindern über die genaue Bildung der einzelnen
Laute auszutauschen. Kinder brauchen ein
Gespür dafür, wodurch Nuancen im Auditiven
bedingt sind, um die spezifische Repräsentation des Gehörten durch entsprechende
Zeichen selbst nachvollziehen und schriftsprachlich abbilden zu können.
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werden, sorgen umstandslos und ohne jede
Rücksicht auf das, wie viel das Kind bereits
kann, für ein schlichtes „Ungenügend!“.
In aller Regel wird bei der Rückmeldung an
das Kind nicht zwischen den korrekten und
fehlerhaften Bestandteilen differenziert, weshalb sowohl auf Seiten des Kindes wie des
Lehrers das Phänomen einer Generalisierung
zu verzeichnen ist: da auch der richtige
Teil buchstäblich mit entwertet wird. Eine
prinzipielle Verunsicherung, gepaart mit den
diversesten psychosozialen Folgeerscheinungen, stellt sich dann recht schnell ein.12
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Für die Förderung von Kindern mit massiveren
Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten heißt
das vor allen Dingen, dass – im Gegensatz
zum ‚normalen’ Bezug auf das Kind, wie
er in aller Regel in der Schule anzutreffen
ist – auch die Leistungen innerhalb des
lauttreuen Bereichs anerkannt werden
müssen. Dies gilt ganz unabhängig davon, in
welcher Klassenstufe sich das jeweilige Kind
befindet. Für Kinder mit grundsätzlicheren
Problemen beim Erlernen des Lesens und
Schreibens ist es eine immense Leistung, die
einzelnen Silben und Laute zu erkennen, sie
den richtigen Buchstaben zuzuordnen und im
Kurzzeitgedächtnis zu speichern, um sie nun in
der richtigen Reihenfolge und in der richtigen
12
Dieser Umstand macht deutlich, wie wichtig eine Unterstützung von Kindern, die aufgrund von Schulschwierigkeiten und Lernproblemen verhaltensauffällig werden, auf
inhaltlicher Ebene ist. Die Revision der schlechten Meinung
der Kinder über sich selbst – „ICH kann das ja nie verstehen!“ Denn weil es verlangt wird oder andere sich leichter
tun: „ICH bin zu dumm!“ – ist der entscheidende Hebel,
um ein Kind, das sich im „Teufelskreis Lernstörungen“ zu
verrennen droht, behutsam zurückzuholen. Gleichzeitig
wird deutlich, wie begrenzt ‚Hilfen’ sind, die sich lediglich
auf der symptomatischen Ebene bewegen. Vor kurzem
schilderte uns eine entgeisterte Mutter, dass ihr Sohn von
einer einschlägigen Kapazität als Ergebnis von zehn kräfteund geldzehrenden Test- und Therapiesitzungen mit dem
Rat entlassen wurde: „Du musst dich künftig einfach besser konzentrieren!“
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Form, mit all den notwendigen Pünktchen
und Strichen niederzuschreiben. Für viele
Kinder ist dies ein wahrer Kraftaufwand, der
sie schnell ermüden lässt. Wie frustrierend
und demotivierend muss es nun sein, wenn
nach dieser mentalen Schwerarbeit das ganze
mühsam analysierte Wort rigoros durchgestrichen und mit dem lapidaren Vermerk
„falsch“ abgestempelt wird! Vor allem erhält
der ‚schlechte Schreiber’ auf diese Weise
keinerlei Anhaltspunkte dafür, wo er denn
überhaupt nach der Ursache für die negative
Rückmeldung suchen soll; vielmehr droht
auch das noch pauschal in Zweifel gezogen zu
werden, was er sich mühsam (und sei es noch
so korrekt) angeeignet hat!
Um wie viel ermutigender wäre es doch,
wenn der Lehrer erst einmal die Leistung
würdigen würde, dass so viele Buchstaben
richtig erkannt und verschriftet wurden! Dass
vielleicht nur einer ausgelassen oder ein
anderer lediglich spiegelverkehrt geschrieben
ist. In einem geschützten Bereich wie z.B.
in einer kleineren Fördergruppe mit Kindern,
die alle ähnlich gelagerte Probleme haben,
ist ein solch aufbauender Bezug auf Fehler zweifellos eher möglich als in einer
großen Schulklasse (obwohl es auch dort
wünschenswert wäre) und trägt mit Sicherheit
zu einer freudigeren Bearbeitung von
Schreibaufgaben und dem Auseinandersetzen mit weitergehenden Schwierigkeiten bei.
Auch wenn die aktuelle linguistische Diskussion davon ausgeht, dass unsere Schrift
(wie Schrift überhaupt) primär nicht darauf
ausgerichtet sei, Lautsprache zu verschriften,
kann das von uns beschriebene Vorgehen als
durchaus sinnvoll und bewährt angesehen
werden. Dies gilt in besonderer Weise für die
Förderung von Kindern mit Lernproblemen,
aber auch ganz prinzipiell für das Heranführen
an Sprache: Der individuelle Entwicklungsgang kennt nur das Primat der Lautsprache.
Dass die Schrift – gerade auch mit Blick auf
ihre Funktion für den Leser – ein eigenes
System ausbildet und dieses verfeinert in der
Orthographie abbildet, um das Dechiffrieren
von Texten zu befördern, steht unserer
Ansicht nach nicht im Gegensatz dazu, bei der
individuellen Aneignung von Schriftsprache
und ihren Eigentümlichkeiten das sukzessive
Hineinfinden eines „Erst-Schreibers“ in die
Geheimnisse der deutschen Schrift zum Maß
der Förder-Dinge zu machen. Wir sind uns
dessen bewusst, dass wir damit gelegentlich
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Grundkurs:
Die Bausteine
Wie der
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ich mit dem Lernserver?
Unter der Voraussetzung, dass keine körperlichen Ursachen (wie zum Beispiel
mangelnde Seh- und Hörfähigkeit, Sprachfehler) für eine Lese- und Rechtschreibproblematik diagnostiziert wurden, beginnt ein sinnvoller Einstieg in die Rechtschreibförderung nun mit Übungen, die sich
an den am ‚tiefsten’ gelegenen Wissenslücken
des Kindes orientieren. Der aktuelle Schulstoff
wäre dagegen eine denkbar schlechte Bezugsgröße, es wäre heillos überfordert.
Dieser scheinbaren Paradoxie muss man
sich stellen: Gerade weil man dem Kind
dabei behilflich sein möchte, sich wieder in
Interaktive Förderdiagnostik
Zum Beispiel kann dies bedeuten, dass ein
Kind eine Förderstufe durchlaufen muss,
die elementaren Bereichen gewidmet ist,
obgleich es sich bereits in der vierten
Schulklasse befindet. Gleichzeitig aber macht
es wenig Sinn, den gesamten Stoff der ersten
drei Klassen analog zum Schulunterricht zu
behandeln: Schließlich hat das Kind ja diese
Jahre bereits ohne das gewünschte Ergebnis
absolviert, weshalb das bloße Wiederholen
wenig Aussicht auf Erfolg hat. Umgekehrt
aber kann davon ausgegangen werden, dass
trotz der vorliegenden Defizite vieles selbst
beim ‚schwächsten’ Schüler hängen geblieben ist. Wie genau nun beim einzelnen Kind
dieser Mix von Halb- und Unverstandem
einerseits, dem bereits Beherrschten andererseits beschaffen ist, lässt sich nur mithilfe
einer präzisen Förderdiagnose ermitteln.
Es versteht sich, dass diese sich nicht mit
dem Konstatieren von Normabweichungen
begnügen darf, sondern vor allem in der Lage
sein muss, eben auch die schon aufgebauten
Sprachkompetenzen zu ermitteln.
Ziel der ersten Förderstunden bei schwächeren Schreibern sollte sein, zunächst das
basale Wissen zu überprüfen und dieses
zu festigen (zum Beispiel die Kenntnis aller
großen und kleinen Buchstaben und die
Laut-Zeichen-Zuordnung). Dazu gehört auch
das Vergewissern darüber, dass das ABC
als wichtige Grundvoraussetzung für das
Schreiben sicher beherrscht wird (z.B.
in Verbindung mit dem Gebrauch eines
Lexikons).
Nicht vernachlässigt werden sollten aber auch
jene ‚Fertigkeiten’, die zu einer sicheren und
dechiffrierbaren Schreibung dazugehören.
Unsere Diagnose differenziert deshalb im
„Grundlegenden Bereich“ nach folgenden
Gesichtspunkten:
1. Ausfertigung
1.1. Schreibsorgfalt (Eindeutige Lesbarkeit
einer Schreibung, Schriftbild)
1.2. Konzentration (Durchgliederung eines
Satzes, Oberzeichen vergessen)
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Ist erst einmal der „Grundlegende Bereich“
gesichert und schreibt ein Kind hier nahezu
fehlerfrei, ist es einen großen Schritt weiter
gekommen und kann dann (und nur dann!)
Schritt für Schritt mit der systematischen
Eroberung der Rechtschreibregeln (Konsonantenverdopplung, Dehnung, Groß- und
Kleinschreibung etc.) beginnen. Insofern
weist also das Vorliegen vieler Fehler im
„Grundlegenden Bereich“ darauf hin, dass
das Kind sich noch in einem Anfangsstadium
des Schriftspracherwerbs befindet; es sollte
also die Chance erhalten, sich überhaupt erst
einmal bewusst mit seiner phonographischen
Strategie auseinandersetzen zu können.
den regulären Unterrichtsfortgang seiner
betreffenden Klasse problemlos integrieren zu
können, ist es unverzichtbar, vorübergehend
einen davon abgekoppelten Förderraum zu
schaffen.
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den Widerspruch von linguistischer Seite
provozieren, vor allem dann, wenn diese
retrospektiv, also von der Schrift her die
Orthographie samt allen ihren Feinheiten
aufzurollen versucht. Wir haben uns aber
dafür entschieden, uns im Zweifelsfall – und
in vielem ist sich die Linguistik selbst nicht
einig – rigoros daran zu orientieren, wie
sich Kinder möglichst effektiv, rationell und
korrekt zugleich an die Sprache heranführen
lassen. Ihnen dabei behilflich zu sein, einen
eigenständigen Zugang zur Schrift zu finden
und sie so weit wie irgend möglich deren
Prinzipien selbst entdecken zu lassen, ist
unser Anliegen. Nicht zuletzt sei in diesem
Zusammenhang darauf verwiesen, dass unser Procedere vieltausendfach abgesichert
ist durch die zahlreichen Kinder, denen wir
mit unserem Ansatz dabei helfen konnten,
den scheinbar undurchschaubaren Wirrwarr
von Schriftsprache für sich endlich durchdringbar zu machen. Dies schließt natürlich
nicht aus, dass manches womöglich präziser
oder besser dargestellt werden kann – ganz
abgesehen davon, dass auch uns bestimmt
etliche Fehler unterlaufen. Für entsprechende
Hinweise sind wir sehr dankbar.
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Die Bausteine
Grundkurs:
Wie
der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
2. Wahrnehmung
2.1. Akustische Durchgliederung (Weglassen,
Hinzufügen, Umstellen von Buchstaben)
2.2. Akustische Differenzierung
(Verwechslung ähnlich klingender
Buchstaben)
2.3. Optische Differenzierung (‚Verdrehte’
Schreibung von Buchstaben)
3. Speicherung
z.B. Schreibung eines (Mehrfach-)
Buchstabens (z.B. st; sp, qu)
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„Regelbereich“
Die deutsche Orthographie ist für so manchen auf den ersten Blick ein Buch mit
sieben Siegeln. Geht man davon aus, was
als orthographische Regeln zum Beispiel im
Duden oder in Sprachbüchern geboten wird,
so entsteht leicht der Eindruck, es handle
es sich dabei um ein undurchdringliches
Gestrüpp von Regeln und um offenbar noch
viel mehr Ausnahmen von diesen Regeln.
Sprachwissenschaftliche Arbeiten haben allerdings in den letzten zehn Jahren gezeigt,
dass dies ein falscher Eindruck ist. Vielmehr
erweist sich unsere historisch gewachsene
Orthographie als ein recht gut strukturiertes
Gebilde, das die ihr innerhalb einer Schriftkultur auferlegten Aufgaben und Funktionen
sehr gut zu erfüllen vermag. (Daran vermochten auch mancherlei Irritationen, die durch die
umstrittene Rechtschreibreform der letzten
Jahre entstanden, nichts grundlegend zu ändern.) Allerdings ist es dabei wichtig, diese
Struktur sprachwissenschaftlich fundiert zu
erfassen und für den Rechtschreibunterricht
effizient zu nutzen.
Natürlich kommen auch viele Menschen
ohne sprachwissenschaftliche und orthographietheoretische Kenntnisse mit der Rechtschreibung problemlos klar. Sie haben in der
Schule oft ‚aus dem Bauch heraus’ erfasst, wie
geschrieben werden muss, um sich möglichst
wenig Rot in den Diktatheften einzuhandeln,
und müssen sich im Prinzip nicht sonderlich
um explizites Regelwissen kümmern. (Dies
gilt natürlich nicht für die, deren Beruf oder
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Berufung es z.B. ist, Sprachkenntnisse zu
vermitteln oder Inhalte anderen schriftlich
zur Verfügung zu stellen.) Gleichwohl
spricht nichts dagegen, sich mit der eigenen
Sprache etwas vertrauter zu machen, als dies
gemeinhin der Fall ist.
Diejenigen aber, die Schwierigkeiten damit
haben, in Zweifelsfällen die ‚richtige’ Schreibung auszuwählen, benötigen Orientierungswissen, also eine Art Regel-Repertoire oder
eine ‚Anleitung’, die es ihnen ermöglicht,
selbstständig mit den Wörtern umzugehen,
vor allem auch mit unbekannten. Diese
Hilfestellung gibt es in Form von „Regeln“,
deren Aneignung weniger Zeit und Mühe
beansprucht, als die Schreibung aller Wörter
der deutschen Sprache „auswendig“ zu lernen,
ganz abgesehen davon, dass sprachliche
Kompetenz nicht damit zu verwechseln ist,
den eigenen Kopf als tumbes Speichermedium zu missbrauchen. Mit dem Wissen und
der Anwendung dieser Regeln kann ein großer
Teil der Wörter, der Kernbereich, korrekt
verschriftet werden. Der für ein souveränes
Umgehen mit der Schriftsprache erforderliche
Automatismus stellt sich übrigens dann meist
recht schnell ein.
Ein weitaus kleinerer Teil, der periphere
Bereich, fällt unter die Rubrik „Ausnahmen“.
Diesen Teil würde man also möglicherweise
immer noch falsch schreiben, falls man sich
vor dem Beschäftigen mit den Ausnahmen
scheut. Aber heißt das, dass es sinnvoller
wäre, die Regeln gar nicht erst kennenlernen
zu wollen bzw. zu sollen, nur weil mit ihnen
nicht die kompletten 100 % der Orthographie
abgedeckt sind?
Und auch für diejenigen, die sich eine intuitive Grundsicherheit haben zulegen können,
kann es eine lohnende Herausforderung sein, zu
verstehen, wie Sprache und Rechtschreibung
eigentlich funktionieren. Insofern vermag
unser Material auch solchen Kindern einiges
zu bieten, die im Rechtschreibunterricht nicht
auffallen oder dort unterfordert sind. Gerade
bei der Förderung von „hochbegabten“
Kindern kann es Sinn machen, diesen Aspekt
in den Vordergrund zu rücken.
Übrigens: Allzu viele Regelthemen sind
es gar nicht! Eine grobe Einteilung (wohlgemerkt: unter linguistischen Gesichtspunkten) kommt gerade auf fünf verschiedene
Kapitel:
Interaktive Förderdiagnostik
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Grundkurs:
Die Bausteine
Wie der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
x Die Wortschreibung, vor allem:
- Konsonantenverdopplung
- s-/ss-/ß-Schreibung
- Dehnung
- Fremdwortschreibung
- Sonderfälle
komplexeren Eigentümlichkeiten von Sprache
und ihrem regelkonformen Gebrauch verbaut.
Für die Groß- und Kleinschreibung trifft dies
mit kleineren Einschränkungen ebenfalls zu.
Unter diesen Gesichtspunkten haben wir die
Regelbereiche folgendermaßen gegliedert:
x Groß- und Kleinschreibung
x Getrennt- und Zusammenschreibung
(einschließlich der BindestrichSchreibung)
x Worttrennung am Zeilenende
(„Silbentrennung“)
x Zeichensetzung
1. Kennzeichnung von Länge und Kürze
Mit Blick auf ein möglichst effektives
und zugleich weitestgehend auch unter
sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten
korrektes Heranführen der Kinder an die
Sprache haben wir uns für eine Struktur
entschieden, die zwar von der ‚reinen Lehre’
der Linguistik etwas abweicht, die jedoch
durch die langjährigen Fördererfahrungen
gestützt wird. So mag es zum Beispiel
inkonsistent erscheinen, das „silbentrennende ‚h’“ in Verbindung mit der Dehnungsproblematik zu behandeln, da das „h“
hier keine dehnende Funktion hat. Kinder
tendieren jedoch häufig dazu, das „h“ ganz
grundsätzlich unter der Überschrift Dehnung
abzubuchen, und sie liegen damit nicht vollkommen schief: Das „silbentrennende ‚h’“
kommt schließlich nur nach langen Vokalen
vor. Ist hier erst einmal grundsätzlich
Sicherheit hergestellt, fällt es den Kindern in
aller Regel leichter, sich den Feinheiten der
Sprache genauer zuzuwenden.
3.2. Die Getrennt- und Zusammenschreibung
Ähnliches gilt für den Bereich der „s-Laute“:
Hier haben wir ein eigentlich grammatikalisches Problem („das“ oder „dass“?), also die
Unterscheidung zwischen Relativpronomen
und Konjunktion an den „s-Laut“-Bereich
angekoppelt. Auch hier entschieden wir
uns für jene Lösung, die uns aufgrund
einer Reflexion der Fördererfahrungen am
sinnvollsten erschien. Um Missverständnissen vorzubeugen: Kindern wird damit
keineswegs falsches Wissen vermittelt; solche
bewusst vorgenommene Abweichungen
von linguistischen Vorgaben verdanken sich
dem Bestreben, Kindern einen sukzessiven
Zugang zur Orthographie zu ermöglichen,
der sie einerseits nicht überfordert, ihnen
andererseits aber auch nicht den Weg zu den
(Hinweis: Die Problematik der Getrenntund Zusammenschreibung ist in dieser
Gliederung lediglich der Vollständigkeit halber aufgenommen. Sie wurde dort in den
einzelnen Förderbereichen mit eingestreut,
wo es von der gerade behandelten Thematik
her Sinn macht. Auch haben wir uns die Freiheit
genommen, uns nicht sklavisch an Vorgaben
der etwas übereifrigen Sprachbastler zu
halten, wo sie mit ihrem Trennungsprinzip
inhaltliche Schnitzer begingen: wenn z.B.
elementare Bedeutungsunterschiede verloren
zu gehen drohen. Die Praxis der vergangenen
Jahre zeigt, dass gerade auf diesem Gebiet
die durch die Rechtschreibreform von 1996
bzw. 1998 vorgegebenen Anweisungen drin-
Interaktive Förderdiagnostik
1.1. Die Betonung
1.2. Länge und Kürze der betonten Vokale
1.3. Die Konsonantenverdopplung
(Schärfung)
1.4. s-Laute (incl. das/dass für die höheren
Förderbereiche)
1.5. Dehnung (incl. silbentrennendes „h“)
2. Morphologische Orientierung
2.1. Umlautableitung
2.2. Auslautableitung
(Konsonantenverhärtung)
2.3. Gleichklingende Buchstaben (-gruppen)
3. Weitere Aspekte der Wortschreibung
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3.1. Die Groß- und Kleinschreibung
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Die Bausteine
Grundkurs:
Wie
der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
gend einer weiteren Revision bedürfen. Leider ist 2006 der Zehetmair-Kommission beim
überfälligen Zurückrudern ausgerechnet auf
diesem Gebiet auf halber Strecke die Luft
ausgegangen.)
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Insbesondere für Kinder, die grundsätzliche
Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung
haben, ist das sukzessive und durchaus in
die Tiefe gehende Aufarbeiten dieser Problembereiche eine große Hilfe, sich im
Dschungel der Schrift zurechtfinden zu
lernen und diese in ihrem Alltag immer
selbstverständlicher nutzen zu können. Es
gilt, den Kindern ein ganz eigenes Gefühl für
die deutsche Sprache zu vermitteln und ihnen
so viele Erklärungen und Hilfen als nur irgend
möglich anzubieten. Hilfen, die ihnen Einblicke in die Baumuster der Orthographie
gewähren und die es ihnen erlauben, selbstständig und sicher mit der geschriebenen
Sprache umgehen zu können.
Es gilt also, ein verbreitetes Missverständnis
von Kindern auszuräumen, wonach Rechtschreibung und das Befassen mit ihr keinen
vernünftigen Sinn habe, sondern irgendwie
eine perfide Erfindung der Erwachsenen sein
müsse. Der Irrtum, der ihnen angesichts ihrer
vielen Misserfolge leider nur allzu plausibel
erscheint und der die beste Gewähr dafür ist,
dass sie auch weiterhin auf keinen Grünen
Zweig kommen: Sprache sei nun einmal
nicht näher zu durchschauen, weshalb man
sich gegenüber ihr nur durch den Rückzug
auf begriffsloses Auswendiglernen oder
durch Verweigerung behaupten könne. Der
Erfolg jedweder Förderung hängt deshalb
maßgeblich davon ab, dass diese defätistische
und
ignorant-bildungsfeindliche
Haltung
der Kinder behutsam aufgebrochen wird.
Die Notwendigkeit und Rationalität von
Orthographie sollte immer wieder und
auf unterschiedlichste Weise thematisiert
werden:
x
ob nun über die durchaus spannende
Frage, wann, wie und warum sich der
Mensch überhaupt die Mühe gemacht
hat, Sprache zu verschriften und sich
auf objektivierbare Weise ‚verewigen’ zu
wollen;
x
ob darüber, welche Welten jenen verschlossen bleiben, die sich weder anderen
mitteilen können noch die Botschaften,
Phantasien und verschrifteten Gedanken
anderer erschließen können;
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x
ob darüber, dass Partizipation an Kultur
und allem gesellschaftlichen Treiben nun
einmal (trotz Fernsehen) maßgeblich
auf literalem Wege erfolgt und der Preis
für Analphabetismus Unmündigkeit und
Unselbstständigkeit, aber auch massive
Beeinträchtigung der eigenen Lebensperspektiven heißt;
x
oder ob man (als Einstieg in die Förderung)
an kleinen Beispielen den „Aha-Effekt“
erzielt, dass die Schrift doch kein Mysterium ist.
Auf welche Weise das Interesse an Sprache
und Schrift (neu) geweckt werden kann und
wie sich die hier nur allgemein angedeuteten
Zugänge konkretisieren lassen, bleibt natürlich
Ihrer Phantasie vorbehalten. Gedacht werden
könnte z.B. an das gemeinsame Erlesen von
spannenden Geschichten, das Helfen beim
Verfertigen von SMS-Botschaften, eine Recherche zu Hobbys oder spannenden Themen
im Internet etc.
Auf jeden Fall sinnvoll und bewährt ist es, die
Rechtschreibförderung zu öffnen und mit einer
allgemeinen Bildungsförderung der Kinder
zu verbinden. Die ansprechend gestaltete
Reihe „Mein erstes Buch der Wissenschaft“
(Coppenrath-Verlag) etwa vermag hier
manchmal Wunder zu wirken. (Titel der für
Kinder ab 8 Jahren geeigneten Reihe sind
u.a. „Pharaonen und Mumien“, „Wunderwerk
Körper“, „Gefährliche Tierwelt“, „Unendliches
All“. Hierbei ist jedoch darauf zu achten, dass
die Texte gelegentlich etwas anspruchsvoll
geraten sind und manchen kleinen Leser
überfordern würden, wenn er damit auf sich
allein gestellt bliebe.)
Was unverzichtbar ist, und das sei an dieser
Stelle wiederholt, ist die Notwendigkeit, Fehler
zu entstigmatisieren und die fatale, jegliche
Selbstständigkeit sabotierende Strategie,
Fehler unbedingt vermeiden zu wollen, überflüssig werden zu lassen. Fehler sind
notwendiger Bestandteil der Kinder auf
ihrem Weg zur Schrift. In der Förderarbeit
haben sie die wichtige Funktion, aus ihnen
lernen zu können. Dies gilt gerade auch für
eine Kleingruppe oder Klasse, wobei hier diese
Perspektive durch die Lehrkraft erst bewusst
und gezielt hergestellt werden muss. Aus
Fehlern kann man nur lernen – wenn sie denn
alle nur unter inhaltlichen Gesichtspunkten
interessieren und man sie sich auch erklären
(lassen) möchte.
Interaktive Förderdiagnostik
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Grundkurs:
Die Bausteine
Wie der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
Um nun mit dem gezielten Arbeiten im
Regelbereich beginnen zu können, ist Voraussetzung, dass die Kinder im „Grundlegenden
Bereich“ keine Schwierigkeiten mehr haben.
x Was ist ein Verb? Der Umgang damit:
Grundform und gebeugte Form. Wann
wird ein Verb gebeugt?
x Unterschiedliche Formen und Zeiten bilden, wieder zurück zur Grundform: Es
bleibt immer ein Verb.
Vorausgesetzt sind also:
x eine allgemeine Buchstabenkenntnis,
x das lautliche Durchgliedern von Wörtern
(das Heraushören einzelner Laute aus
einem Wort),
x die Unterscheidung klangähnlicher Laute,
x die richtige Reihenfolge der Laute,
x die Unterscheidung zwischen Vokal und
Konsonant, Umlaut und Diphtong,
x Verben selber aus Nomen bilden lassen:
Schlaf – schlafen, Frage – fragen (später
auch Fremdwörter hinzunehmen: Modell
– modellieren).
x Arbeit mit Wortfamilien: ist generell
wichtig, konkret aber auch für die
Ableitung von „ä“ und „äu“ erforderlich,
z.B.: „bäuchlings kommt von Bauch,
deshalb muss ich es mit ‚äu’ und nicht mit
‚eu’ schreiben!“
x grammatikalische Grundkenntnisse (das
Beherrschen der gängigen Konjugationen
und Deklinationen, Wortarten und
Satzglieder).
Diese Grundkenntnisse sollten, vor allem für
die schwächeren Rechtschreiber, ständig
wiederholt und gefestigt werden. Hierfür
eignen sich zum Beispiel folgende praktische
Übungen:
x Hör- und Nachsprechübungen
x Reime (sie verdeutlichen den Zusammenhang zwischen gesprochenem und
geschriebenem Wort)
Eine ausführliche Aufstellung der Regeln zu
den relevanten Bereichen der Orthographie
finden Sie in Kapitel III. Dieses dient
der Erweiterung und Vertiefung der in
diesem zweiten Kapitel kurz und bündig
dargestellten Regeln und enthält eine ganze
Reihe von jeweils passenden Anregungen,
Erklärungen, Wortlisten, Spiel- und Übungen zur Gestaltung der Förderstunden.
Hinzugezogen werden können die auf Seite
19 beschriebenen Zusatzmaterialien für die
Kinder („Fördermappen“ und „Meine kleine
Rechtschreibkunde“)
x Was ist ein Selbstlaut, ein Mitlaut, ein
Umlaut etc.?
x Was ist eine Nachsilbe? Welche Nachsilben
gibt es? Wörter bilden lassen. Grundform
finden lassen.
x Was ist ein Wortstamm? (Der Wortstamm
ist der Bedeutungsträger eines bausteinartig zusammengesetzten Wortes: fallen,
Unfall, umgefallen. Salopp gesagt: All
das, was stehen bleibt, wenn man alle
‚lockeren’ Teile vom Wort wegschneidet.)
x Wie kann ich aus dem Wortstamm und
Vorsilben, Nachsilben und
Wörter zusammenbauen?
Endungen
x Was passiert bei der Zusammensetzung
von Wörtern (z.B. entsteht eine unechte
Dopplung: verraten)?
Interaktive Förderdiagnostik
*HPHLQVDPHV(UDUEHLWHQ
der „Regeln“
Viele Lehrer und Eltern werden aus der
praktischen Arbeit mit Kindern ein Phänomen
kennen: Die Kinder stolpern selbst häufig
genug über ihre Fehler. Leider aber
können sie nur allzu selten auf ein eigenes
Regelverständnis
und
transferierbares
Wissen zurückgreifen und verschlimmbessern
deshalb häufig ihre Arbeiten. Auch wenn in
der Schule (wie im späteren Leben) meist
nicht die Zeit zur Verfügung stehen wird, jedes
Wort gewissenhaft zu analysieren, bevor man
es verschriftet, könnte man es, zumindest bei
nicht bekannten Wörtern, und das verschafft
bereits das schöne Gefühl von Sicherheit.
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es? Wörter bilden lassen (Grundform mit
möglichst vielen Vorsilben verknüpfen).
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x Was ist eine Vorsilbe? Welche Vorsilben gibt
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Die Bausteine
Grundkurs:
Wie
der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
Bewährt hat es sich, Kinder dazu anzuhalten,
mit ihren eigenen Worten die Regeln zu
formulieren – so wie sie es am besten
begreifen. Zum besseren Verstehen und zur
Festigung können sich die Kinder die Regeln
auch gegenseitig zu erklären versuchen:
Wer anderen etwas nahebringen will, muss
es vorher noch einmal gut durchdenken und
strukturieren. Fehler, die dabei zwangsläufig
auftreten, sollten gemeinsam analysiert
werden.13
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Ist bei den Kindern erst einmal das Gespür für
die Regeln und ihre Anwendung aufgebaut
oder sogar ein explizites Regelwissen gegeben,
steht der „Automatisierung“ der richtigen
Schreibweise nichts mehr im Wege. Nicht
übersehen werden sollte jedoch, dass für viele
Kinder der umgekehrte, induktive Weg der
richtige ist: aus der Anwendung die Prinzipien
zu erschließen. Auch hier möge man unser
Fördersystem nicht als apodiktische Vorgabe
missverstehen: Unsere Arbeitsvorschläge sind
Hinweise und Anregungen, die keineswegs
buchstabengetreu ‚abgearbeitet’ werden
wollen.
8PJDQJPLWGHP
)|UGHUPDWHULDO
Um nun aber bei allem Appellieren ans
Verstehen die gleichzeitig notwendige Automatisierung und das Anwenden der Regeln
nicht zu kurz kommen zu lassen – dafür
sind die Übungs- bzw. Arbeitsblätter
oder Arbeitsbögen gedacht, die wir
Ihnen im Rahmen einer individuellen oder
Gruppenförderung bereitstellen. Die Arbeitsblätter können aber auch dafür genutzt werden, die Kinder die jeweils anstehenden
Prinzipien der deutschen Sprache selbst ein
Stück weit entdecken zu lassen. Machen Sie
den Kindern dabei klar, dass sie mit Ihrer
und unserer Hilfe einen wichtigen Bereich
„erobern“ können, der womöglich bislang mit
Angst besetzt war. Machen Sie Ihrem Kind
auch deutlich, wie sich über die Beherrschung
der Schrift „die Welt erschließen“ lässt.
Animieren Sie es dazu, viel zu lesen und zu
schreiben.
Wie Sie die Übungsmaterialien einsetzen,
bleibt natürlich Ihrer Kreativität und Ihrem
Urteil überlassen. Auch wenn es eigentlich
eine Selbstverständlichkeit ist: Bitte lassen
Sie die Kinder mit den Arbeitsblättern
nicht auf sich allein gestellt. Ob Sie unsere
Materialien explizit zum Gesprächsthema
machen oder ob Sie die Arbeitsblätter erst
nach Durcharbeiten der Thematik den Kindern
(z.B. zur Lernzielkontrolle oder als eine Art
Hausaufgabe) aushändigen, sollten Sie von Fall
zu Fall entscheiden. Vergewissern Sie sich bitte
auch, ob den Kindern die Fragestellung klar ist
und ob das, was als gefestigt vorausgesetzt
ist, wirklich im Einzelfall unterstellt werden
kann.
Auf jeden Fall ist es sinnvoll, wenn Sie die
Kinder dazu anhalten, sich die erarbeiteten
Blätter abzuheften und als Dokumentation
ihres Lernfortschritts wertzuschätzen.
11
Da wir auf unserem Lernserver auch die Kinder zu Wort
kommen lassen wollen und sicher sind, dass ihnen (wie
natürlich auch den Lehrkräften) immer wieder alternative
oder bessere Formulierungen einfallen, wären wir für eine
Zusendung solch wichtiger Ergänzungen sehr dankbar.
(Wie bereits erwähnt, freuen wir uns über sämtliche Formen einer Rückmeldung von Ihnen wie der Kinder!)
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Versuchen Sie bitte, unter allen Umständen ein
Durchhecheln der Arbeitsblätter zu vermeiden. Diese in aller Regel bei den Kindern
verbreitete Haltung ist für eine nachhaltige
Förderung absolut kontraproduktiv. Umgekehrt wäre für die Förderung bereits viel
gewonnen, wenn es Ihnen gelingt, dieses
Bestreben der Kinder nach möglichst schnellem
Abhaken der Aufgaben zu durchbrechen.
Interaktive Förderdiagnostik
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Grundkurs:
Die Bausteine
Wie der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
Immer wieder wird bei einzelnen Aufgaben
empfohlen, die Kinder dazu anzuhalten, die
Wörter einer Übung in ein Heft unter eine
bestimmte Rubrik zu schreiben. Simples
Abschreiben und Übertragen von Wörtern
kann aber bei manchen Kindern auch bedeuten,
dass sie die einzelnen Buchstaben lediglich
reproduzieren und gleichsam abmalen, ohne
darüber nachzudenken. Der Lerneffekt ist
dann natürlich äußerst gering. Sinnvoller
ist es, die Wörter einzeln für sich betrachten
zu lassen und sie danach abzudecken. Das
Kind muss sie dann aus dem Gedächtnis
schreiben und damit wieder ein Stück weit
neu analysieren und herleiten. Allerdings
muss das geschriebene Wort danach sofort
noch einmal auf seine Richtigkeit hin überprüft werden, am besten zunächst durch das
Kind selbst und abschließend gemeinsam
mit Ihnen.
Nicht immer wird so viel Zeit für Förderstunden
zur Verfügung stehen, wie es wünschenswert
wäre. Es wird sich deshalb gerade bei der
Betreuung von Fördergruppen oder gar
ganzer Klassen nicht vermeiden lassen, das
eigenständige Bearbeiten von Arbeitsblättern häufiger, als es eigentlich empfehlenswert wäre, auf die Tagesordnung zu setzen.
In solchen Fällen sollte die Lehrkraft zumindest bei den zentralen Übungen, die
einen Einstieg in die jeweilige Thematik
oder in deren Kernbereiche vermitteln, das
Verständnis sicherstellen. Und sie ist, trotz
Interaktive Förderdiagnostik
Zahlreiche Arbeitsblätter können jedoch
guten Gewissens zum Üben und Festigen
genutzt werden und auch zur häuslichen
Nacharbeit mitgegeben werden. Unter anderem aus diesem Grund haben wir uns
dafür entschieden, nicht allzu sparsam beim
Bereitstellen des Fördermaterials zu sein. Ein
weiterer Grund, warum wir Ihnen lieber mehr
als zu wenig Material zur Verfügung stellen,
liegt darin, dass wir die weitere Entwicklung
des Kindes nach seiner Testung nicht vorhersagen können. Ihnen bleibt es deshalb
natürlich unbenommen, einzelne Blätter
oder ganze Passagen zu übergehen. (Auf den
ersten Blick mag sich deshalb mancher Lehrer
von der Materialfülle erschlagen fühlen.
Dies relativiert sich jedoch rasch, nicht nur
hinsichtlich des langen Zeitraums, für den die
Unterlagen gedacht sind, sondern vor allem
dann, sobald er sich damit inhaltlich näher
befasst.)
Die Lernserver-Arbeitsblätter sind vielfältig
einsetzbar und so abwechslungsreich wie
möglich gehalten. Sie werden ständig ausgebaut, überarbeitet und ergänzt. Primär
freilich konzentrieren sie sich auf die inhaltliche
Seite der Förderung und liefern entsprechend
dem für jedes Kind individuell generierten
Förderplan möglichst passgenau das, was
Kind und Lehrkraft jeweils benötigen. Zwar
sind sie so, nach der inhaltlichen Seite hin,
14
So hat uns vor einiger Zeit die Beschwerde des Konrektors einer Grundschule erreicht, der allen Ernstes bemängelte, dass unsere Materialien zwar hervorragend seien,
„die Kinder jedoch immer wieder auf die Zuwendung des
Lehrers angewiesen“ wären. Genau dafür aber haben wir
uns die ganze Arbeit gemacht: um Lehrer dabei zu unterstützen, ihren Schülern trotz aller Belastung die Hilfe zukommen lassen zu können, die sie benötigen. Leider hat
sich in vielen Köpfen der Irrglaube eingenistet, dass die
Kinder schon allein zurecht kämen, wenn man sie und sich
selbst nur mit der rechten Methode und dem idealen Lernmaterial beglücke.
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Nutzen Sie auch die Differenzen innerhalb
Ihrer Gruppe: Die stärkeren Kinder können
sich darüber deutlich verbessern, wenn sie
versuchen, anderen das zu erklären, was und
wie sie selbst verstanden haben. Nicht zuletzt
erhalten Sie als Lehrkraft wichtige Entlastung
durch solche Formen der gegenseitigen
Unterstützung.
der oft ungünstigen Bedingungen nicht aus
der Pflicht: Die Lehrkraft sollte zumindest
als Ansprechpartner für Nachfragen zur
Verfügung stehen und auch ein Auge darauf
haben, dass unsere Arbeitsblätter nicht
eines nach dem anderen stur und ohne jede
Hilfe von den Kindern abgearbeitet werden;
dafür sind sie weder gedacht noch gemacht.
Selbst das beste Material macht keinen Lehrer
überflüssig, auch wenn sich das mancher
Methodenfan so denkt!14
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Nutzen Sie deshalb bitte die Blätter insbesondere auch als Orientierung für sich,
worum es in der jeweiligen Sitzung geht,
als
Gesprächsanlass
zur
inhaltlichen
Auseinandersetzung mit dem betreffenden
kleinen Lernschritt und als Anregung zur
eigenen, kreativen Gestaltung der betreffenden Stunden. Versuchen Sie, das Kind
bzw. die Gruppe zusammen mit Ihrer Hilfe
möglichst viel selbst entdecken und verstehen
zu lassen. Der berühmte „Aha-Effekt“ ist sehr
viel wertvoller als rasant und schematisch
abgearbeitete Arbeitsblätter, mögen die Lösungen noch so richtig sein.
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Die Bausteine
Grundkurs:
Wie
der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
durchaus als ernstzunehmende Vorgabe zu
verstehen, fungieren jedoch gleichzeitig als
eine Art „Steinbruch“ für den betreuenden
Pädagogen. Jederzeit können Sie sich unserer Arbeitsanregungen bedienen, um sich
mit eigenen Ideen und zusammen mit den
Kindern neue, interessantere Übungs-, Spielund
Präsentationsformen
auszudenken.
Schließlich ist jedes Kind anders und hat
verschiedene Vorlieben und Abneigungen,
wie auch jede Lehrkraft einen eigenen Stil
aufweist. Bei einigen Übungen wird allerdings
die Aufgabenstellung konkret vorgegeben,
und es ist sinnvoll, sich an dieser zu
orientieren.
Die Arbeitsblätter
x können als „Beispielhilfe“ dienen, wenn
Sie zusammen mit den Schülern im
Gespräch die Regeln entdecken helfen.
Sie müssen also nicht erst Wörter
zusammensuchen, die genau zu dem jeweiligen Regelbereich passen;
x können Sie mit anderen Formen des
Übens auskleiden und kreativ einsetzen:
in Diktaten, Geschichten, Laufdiktaten,
Reimspielen etc.;
x können Sie aber auch zu einem späteren
Zeitpunkt als Stillarbeit einsetzen;
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x können Sie gegen Ende des Kapitels als
„Test“ ohne Benotung nutzen, um sich zu
vergewissern, dass die Kinder die Sache
wirklich verstanden haben.
Gelegentlich wird es vorkommen, dass es für
die in den Arbeitsblättern gestellten Aufgaben
andere legitime Lösungen gibt als die von
uns genannten. Dies erklärt sich entweder
daraus, dass es uns nicht an jeder Stelle um
absolute Vollständigkeit, sondern ums Prinzip
ging: wenn z.B. die Kinder aufgefordert
werden, von „heiter“ abgeleitete Wörter zu
finden und wir „Heiterkeit“, aber nicht auch
noch „Erheiterung“ in den Lösungsbogen
aufgenommen haben. In solchen Fällen muss
natürlich auch die Lösung des Kindes als
zutreffend gewürdigt werden! Oder aber
es sind Aufgaben, bei denen die möglichen
Antworten durch den betreffenden Kontext
eingeschränkt sind. Auch hier darf die Antwort
des Kindes nicht einfach zurückgewiesen
werden.
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Ab und an schließlich werden Sie damit
konfrontiert sein, dass Kinder aufgrund ihres
Vorwissens Lösungen präsentieren, die einen
Vorgriff auf spätere Arbeitsschritte darstellen. Wenn bei der Groß-Kleinschreibung in
einer ersten Hinführung die Großschreibung
von Nomen im Unterschied zu den kleingeschriebenen Verben eingeführt wird, macht
es wenig Sinn, wenn Sie die Substantivierung
von Verben thematisieren. Etwas völlig anderes ist es natürlich, wenn Kinder von sich
aus diesen Sachverhalt ansprechen.
Des Weiteren werden auf den Arbeitsblättern manchmal auch Wörter vorkommen, die
einigen Kindern unbekannt oder zumindest
nicht geläufig sind. Dies ist aber kein Beinbruch, denn entweder erklären Sie den
betreffenden Begriff (Schule ist ja auch dafür
da, Wortschätze zu erweitern) oder Sie lassen
ihn für die Bearbeitung weg.
Die Anweisungen für die Kinder sind bewusst
recht knapp gehalten; schließlich haben Sie es
oft genug mit Schülern zu tun, bei denen eine
ausgeprägte Aversion gegen die Befassung
mit Buchstaben vorliegt. Hier können Sie
entscheiden, ob sie die Kinder gegebenenfalls
selbst behutsam und mit weiteren Erläuterungen mit der Aufgabenstellung vertraut
machen wollen. Es sollte aber immer sichergestellt sein, dass die Kinder wissen, worum
es sich beim einzelnen Lernschritt handelt.
Damit Sie Ihrem Kind/Schüler wirklich helfen
können, legen wir Ihnen ans Herz, sich selbst
einen Wissensvorsprung zu erarbeiten, der
es Ihnen ermöglicht, das Kind auf die einzelnen Rechtschreibphänomene aufmerksam zu
machen und ihm sachgemäße Antworten zu
geben.
Abschließend noch die Bitte: Schenken
Sie den Kindern viel Geduld. Ein Kind mit
Schwierigkeiten im „Grundlegenden Bereich“
kann nicht innerhalb fünf Wochen fehlerfrei
schreiben. Wichtiger ist der dauerhafte Erfolg.
Nicht selten kann es ein, zwei Jahre dauern,
bis der Knoten richtig platzt.
Interaktive Förderdiagnostik
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Grundkurs:
Die Bausteine
Wie der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
8. Fehlerkorrektur
Die in den Arbeitsblättern gemachten Fehler
sollten intensiv mit dem Kind oder der ganzen
Fördergruppe besprochen werden: „Warum
ist es nicht ganz richtig, was ihr geschrieben
habt?“ „Mit welcher Schwierigkeit haben
wir es bei diesem oder jenem Wort zu tun?“
„Welche Regel kann euch hier helfen?“ etc.
Wie oben schon erläutert, steckt hinter
jedem Fehler letztlich die (meist unbewusste)
Anwendung einer möglicherweise falsch
verstandenen und verquer interpretierten
Regel. Nur wenige Kinder (und Erwachsene)
schreiben völlig regellos. Um ein Wort schreiben zu können, muss in jedem Fall eine Reihe
von
Rechtschreibstrategien
angewendet
werden, die im Falle des „Fehlers“ allerdings
nicht mit den Normen unserer Orthographie
übereinstimmen. Kinder machen also nicht
einfach etwas „falsch“, sondern verfügen
über eigene und manchmal recht eigenwillige
Regeln und Strategien, die nicht mit den
geltenden Normen zusammenpassen. Dass
diese nicht einfach Willkür sind, sondern
durchaus ihren Sinn haben (selbst wenn dieser
‚nur’ darin liegt, dass alle Schreiber darauf
verpflichtet sind), muss man sich selbst als
halbwegs sicherer erwachsener Schreiber ab
und an vergegenwärtigen.
Interaktive Förderdiagnostik
Dabei behilflich ist nicht zuletzt auch das
Wissen, dass sich unsere Schreibung im Laufe
der Jahrhunderte massiv gewandelt hat, wodurch übrigens so manche Schreibungen
erklärlich werden. Die Orthographiereform
des Jahres 1998 wie ihre diversen Revisionen
sind ein solcher Eingriff in jüngster Zeit.
Konkret heißt das, dass so manche Fehler der
Kinder noch vor ein paar Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten gar keine gewesen
wären!!! Diese Einsicht kann helfen, dem
Phänomen Fehler seinen niederdrückenden,
negativen Gehalt zu nehmen. (Originaltexte
von Luther oder alte Fassungen von Märchen
können hierbei durchaus behilflich sein und
für Heiterkeit und Entlastung sorgen.)
Zur Korrektur-Praxis
Falls Wörter diktiert werden, ist es wichtig,
den falsch geschriebenen Buchstaben genau
kenntlich zu machen. Es sollte also der
betreffende Buchstabe einzeln und nicht
das gesamte Wort angestrichen und sodann
der richtige Buchstabe über den falschen
geschrieben werden. Falls jedoch das vom
Schüler geschriebene Wort kaum mehr zu
erkennen ist, empfiehlt es sich, das Wort
komplett durchzustreichen und neu darüber
zu schreiben.
(02 51) 83 - 2 84 09
Es hilft dem Kind wenig, wenn lediglich die
Fehler angestrichen sind und die Fehleranzahl samt einer Benotung als abstrakte
Quintessenz seiner Anstrengungen anklagend
im Raum stehen. In diesem Fall haken die
meisten der schwächeren Schüler für sich
das Bemühen um den Aufbau einer eigenen
Sicherheit prinzipiell ab: „Na klar, mal
wieder alles rot, Mist.“ Dass sie mit ihren
Schreibversuchen nicht ganz richtig liegen,
ist für sie dann nicht Motivation, dem Fehler
auf die Spur kommen zu wollen. Stattdessen
erscheint es ihnen nur konsequent, sich der
ganzen Anstrengung zu entziehen, mit allen
verhaltensauffälligen Implikationen.
Um aus Fehlern wirklich lernen zu können,
müssen die Anstrengungen der Kinder also
inhaltlich ernst genommen und ihre Bemühungen in jedem Fall anerkannt und
sachlich gewürdigt werden, auch wenn ihre
Überlegungen im Endeffekt in die falsche
Richtung gingen. Dann wird ein Fehler
selbst in einer Gruppe nicht als Peinlichkeit
oder als Makel empfunden, sondern kann
als der geltenden Norm nicht angemessene
Regelvariante leidenschaftslos betrachtet und
von der ganzen Runde analysiert werden.
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Erklärungen und inhaltliche Hilfen stehen also
an erster Stelle, nicht zuletzt deshalb, weil es
wichtig für das Kind ist, ein Fehlerverständnis
vermittelt zu bekommen, das es wirklich weiterbringt. „Fehler“ soll deshalb nicht heißen:
„Ich habe versagt!“ oder gar: „Ich bin blöd!“
Sondern: „Ich habe etwas noch nicht verstanden bzw. noch nicht alles gelernt. Aber
da gibt es jemanden, der mir das Problem
noch einmal erklären kann.“
© Uni Münster • Prof. Dr. F. Schönweiss & Team
Auer Verlag GmbH, Donauwörth
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Die Bausteine
Grundkurs:
Wie
der
arbeite
Lernserver-Förderdiagnostik
ich mit dem Lernserver?
Gute Erfahrungen können auch mit Selbstoder Partnerkorrektur gemacht werden (die
Sie natürlich nachprüfen sollten). Dabei
könnte das Nachschlagen in Wörterbüchern
eingeführt und geübt werden. Bei dieser
Gelegenheit erfahren die Kinder ganz
nebenbei, dass es keine Schande ist, das
Lexikon zu nutzen, um sich zu vergewissern.
Lexika wurden schließlich nicht nur für
Schreibanfänger gemacht, sondern sind
auch für Erwachsene eine wichtige Hilfe, die
trotz ihrer langen Erfahrung mit der Schrift
beileibe nicht alle Wörter korrekt verschriften
können oder immer und zu jeder Zeit völlig
sicher sind! Es bricht keinem Lehrer ein
Zacken aus der Krone, wenn er sich mittels
des Blicks ins Lexikon ab und an zusammen
mit den Kindern Sicherheit verschafft.
Generell gilt: Die Kinder müssen erst
einmal verstehen lernen und einsehen, dass
Buchstaben nicht willkürlich gesetzt werden
können, sondern bestimmten Prinzipien folgen, damit der geschriebene Text von anderen
möglichst leicht und eindeutig erlesen und
verstanden werden kann. Dies lässt sich mit
netten Beispielen belegen, z.B.: „Der Wall kam
auf mich zugeschwommen.“ Oder: „Der Wal
kam auf mich zugeschwommen.“ Wie wichtig
doch so ein kleines „l“ sein kann!
Falls Kinder ihre Arbeiten unbedingt bewertet
haben möchten, sollte man nachfragen,
warum sie so begierig darauf sind, und die
ganze Sache in Ruhe besprechen. Nicht
Fehlervermeidung sollte den Kindern als
Haltung nahegelegt werden, sondern das
gerade Gegenteil: Kinder sollen sich auf nichts
als den Inhalt einlassen, um so Schritt für
Schritt zu einer eigenen Sicherheit kommen
zu können – ganz so, als ob sie die Sache
mit der Rechtschreibung selbst erfunden
hätten. Versuchen Sie also, das Kind darin
zu bestärken, sich auf die eigene Leistung zu
besinnen und daraus sein Selbstbewusstsein
zu schöpfen. Sehr rasch werden Sie zusammen mit dem Kind feststellen, dass sich
die Mühe lohnt. Und wenn dann nicht nur
die Sicherheit in der Orthographie wächst,
sondern sich deshalb auch immer bessere
Noten einstellen, hat jeder gewonnen.
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In diesem Zusammenhang sei auch darauf
hingewiesen, dass bei den Übungsblättern,
wenn sie als „Test“ verwendet werden, keine
Zensur vergeben werden sollte. Viele Kinder
interessieren sich leider oft nur für die Ziffer
unter ihrer Arbeit und nicht für ihre eigentliche
Leistung. Wir finden es wichtig, besonders im
Rahmen einer Förderstunde, die Noten erst
einmal außen vor zu lassen. Schließlich kommt
es in erster Linie darauf an, festzustellen, was
das einzelne Kind verstanden hat oder wo
es noch weitere Unterstützung benötigt. Ein
Test sollte also nicht unter der Überschrift
„Benotung“, „Bewertung“ stehen, sondern
unter der Überschrift „Zwischendiagnose“ im
Sinne von „Wo hapert es noch? Was sollten
wir noch einmal durchsprechen und gemeinsam erarbeiten, lernen oder üben?“
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Interaktive Förderdiagnostik
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