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30 Baukosten und Zeitersparnis zur Regel machen – wie Lean

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Baukosten und Zeitersparnis zur Regel machen – wie Lean
Production die Baubranche revolutioniert
Dipl.-Ing. Patrick Theis
DS Consulting Process & Organization GmbH, Stuttgart, Deutschland
Bauprojekte müssen in immer kürzeren Planungs- und Bauzeiten realisiert werden, dazu soll
die Errichtung noch günstiger sein, bei noch differenzierteren Kundenwünschen und einem
noch besseren Qualitätsbewusstsein. Eine Antwort hierfür ist das aus der Produktion stammende Lean Construction Management, auf das viele Bauherren und Unternehmen setzen.
Lean Construction Management ist die Anwendung des aus der stationären Industrie
stammenden Lean Managements auf den
Bauprozess. Dieser Prozessoptimierungsansatz wurde in den vergangenen Jahrzehnten
nicht nur in der Automobilindustrie eingesetzt sondern auch auf zahlreiche weitere Industriezweige, wie z. B. Schiffs-, Flugzeug-,
Hoch-und Tiefbau sowie Anlagenbau, übertragen.
Die konsequente Prozesssicht und die
Umsetzung des Produktionsprinzips einer
„ziehenden Baustelle“ haben einen deutlichen Effekt vor allem auf die Bauzeiten.
Einsparungen von 20 % bis hin zu 40 %
konnten in den abgewickelten Bauprojekten
realisiert werden. Diese prozessoptimierte
Abwicklung geht hierbei mit einem deutlich
beruhigteren und damit störungs- bzw. reibungsfreien Ablauf einher. Ebenfalls ein wesentliches Element sind die täglichen Qualitätssicherungen, die eine so genannte „Qualität im ersten Anlauf“ sicherstellen. Mit herkömmlichen Produktivitätsverbesserungen
sind solche Effekte nicht zu schaffen.
Der Ansatz des Lean Construction Management könnte bzw. hat bereits in vielen
Bereichen und Ländern eine Revolution in
der Bauwirtschaft ausgelöst. Denn grundsätzlich hat sich in den letzten Jahrzehnten
sehr wenig zur Prozessverbesserung auf
Baustellen bewegt. Gebäude werden zwar
immer detaillierter geplant und in 3D, 4D
oder sogar 5D simuliert, auf der Baustelle
kommen diese Optimierungen jedoch nur
bedingt an. Nach wie vor ist die klassische
Baustelle durch eine starke Fragmentierung
der Entwurfs-, Konstruktions- und Ausführungsphase geprägt, wobei die einzelnen
Gewerke eigenverantwortlich vor sich „hinarbeiten“. Jeder richtet seinen Ablauf nach
dem eigenen Optimum aus. Die beste Lösung für das Gesamtprojekt mit der kürzesten Bauzeit bleibt hierbei oft auf der Strecke.
Besonders offensichtlich wird die schlechte
Planung häufig beim Thema Logistik.
Abb. 1: Ungesteuerte oder nur teilweise gesteuerte Lieferkette
Jedes Unternehmen bringt nach eigener Planung das Material auf die Baustelle. Dies
verursacht, dass viel Material auf der Baustelle den eigentlichen Prozess behindert.
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Baukosten und Zeitersparnis zur Regel machen – wie Lean Production die Baubranche
revolutioniert
Falsche Anlieferzeiten, Mengen und Materialien führen dazu, dass Baustoffe bereits
mehrfach angefasst werden, bevor der eigentliche Vorgang – für den der Bauherr
zahlt – tatsächlich beginnt.
Eine wirklich übergeordnete bedarfsgerechte Steuerung der Logistik auf Basis der
benötigten Mengen für diesen oder die
nächsten Tage gibt es nicht. Häufig fehlen
zum Ausführungszeitpunkt genau das Material, die Freigabe, Planung oder Fachleute
auf der Baustelle, um den Prozess reibungslos fortzuführen. Verschiebungen und unnötige Verzögerungen sind die Folge. Vielfach
sind diese Missstände bereits in Kosten und
Zeitkennwerten der Baustelle eingeflossen.
Genau hier setzt Lean Construction Management für Bauherren und Bauunternehmen mit der Prozessplanung, Ablaufsteuerung im Detail und Just in Time-Logistik an.
Die Prozessplanung ist hierbei das wesentliche Kommunikationswerkzeug zwischen der Planung und Ausführung und stellt
sicher, dass der Ablauf, der geplant wurde,
auch konsequent umgesetzt wird. Die Prozessplanung, die zum Ausführungsstart mit
allen Beteiligten stattfindet, fokussiert sich
vor allem auf das Erkennen kritischer Prozessschritte, möglicher Hindernisse und die
Herstellung eines Prozessflusses. Meilensteine in der Prozessplanung beschreiben
Stabilitätskriterien die x Wochen vor der geplanten Ausführung erreicht sein müssen.
Monatlich wird die Prozessplanung fortgeschrieben und eine Hindernisfreiheit für die
nächsten 3 - 4 Monate sichergestellt. Erkannte Hindernisse werden konsequent in einer
Maßnahmenliste mit Verantwortlichen nachgehalten.
Neben der Prozessplanung ist die Ablaufsteuerung im Detail das wesentliche Werkzeug zur Beruhigung der Bauabläufe. Diese
Planung findet vor Ort auf der Baustelle statt
und dient als Kommunikationswerkzeug
zwischen den ausführenden Unternehmen.
Es bringt die Planung dahin, wo gearbeitet
wird - auf die Baustelle.
Abb. 2: Prozessplanung – transparente Visualisierung
Abb. 3: Steuerung der Ausführung auf Tagesbasis
Dieses Planungswerkzeug ist genauso wie
die Prozessplanung anhand des Produktes
aufgebaut. Es stellt also, ähnlich wie die Produktionsplanung in der stationären Industrie,
die Tätigkeiten pro Tag am Gebäude für die
nächsten 3 - 4 Wochen detailliert dar. Diese
Änderung der Sichtweise hin zu einer „Produktsicht“ zeigt deutlich so genannte „Puffer“, also Tage, in denen keine Arbeiten in
einem Bereich stattfinden, auf. Genau hier
setzt die Optimierung an. Die Planung findet
als einfaches Werkzeug auf der Baustelle mit
Hilfe einer Steckkartentafel mit Tagen und
Bereichen und einzelnen Tätigkeiten als Kar-
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revolutioniert
ten der Gewerke in der Tafel statt. Diese
Planung wird wöchentlich auf der Baustelle
mit den beteiligten Unternehmen und der
Bauleitung erstellt und täglich auf Basis des
Fortschritts und der erreichten Qualität angepasst. Durch die Einbindung des Ausführungswissens der Baustelle und der sehr
transparenten und visuellen Darstellung, ist
für jeden Arbeiter auf der Baustelle leicht zu
erkennen, welche Tätigkeiten geplant sind.
Die Planung, die sonst nur im Kopf des Bauleiters stattfindet, wird für alle transparent,
und damit können alle an dem gemeinsamen,
optimalen Ablauf arbeiten sowie mögliche
Probleme frühzeitig erkennen. Probleme
werden auf der Planungstafel 3 - 4 Wochen
vor Ausführung ersichtlich. Es bleibt genug
Zeit, die Probleme zu lösen. Zeit, die ohne
den Einsatz von Lean Construction Management oft fehlt und zu Verschiebungen
führt.
Der Effekt ist ein sehr belastbarer und
ruhiger Ablauf mit stark reduzierten Puffern
und damit eine stark beschleunigte Ausführung. Aber nicht nur für den Bauherrn sind
die Vorteile deutlich erkennbar. Für die Unternehmen ergibt sich durch den planbaren
Einsatz ohne große Behinderungen ein starker Effizienzgewinn. Baustellen ohne Nachträge aus Behinderungen sind im Lean Construction Management keine Seltenheit.
Schließlich lässt sich durch den belastbaren Ablauf auch die Logistik punktgenau
steuern. Material kann auf Basis der Detailplanung genau in der richtigen Menge zum
richtigen Zeitpunkt an den Einbauort gebracht werden.
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Abb. 4: Bedarfsgesteuertes Supply-ChainManagement
Dies konnte unter anderem in einem Wohnungsbauprojekt in Berlin gezeigt werden.
Die Innenstadtlage der Baustelle hat nach einem innovativen Logistikkonzept verlangt.
Auf Basis des Lean Construction Managements wurden die notwendigen Materialien
in einem so genannten Logistik-Hub für die
Baustelle vorkommissioniert und auf entsprechenden Ladungsträgern durch einen
Logistiker bis zum Einbauort gebracht. Auf
der Baustelle waren, neben den Kränen und
den LKW im Pendelverkehr zwischen der
Baustelle und dem Logistik-Hub, keine Baustelleneinrichtung für die Materiallogistik zu
sehen. Die Umgebungsprozesse wurden minimal durch die Baustelle beeinflusst.
Neben dem Einsatz im Wohnungsbau
kann Lean Construction Management in allen anderen Projektarten und in sehr unterschiedlichen Projektgrößen eingesetzt werden. In Deutschland wurden die großen Potentiale des Lean-Ansatzes bei kleinen
Schulneubauten bis hin zu großen Museen
und Opern und auch bei Kraftwerksbaustellen oder Bürosanierungen genutzt, um Bauabläufe zu optimieren. Der Einsatz lohnt sich
bei jedem Projekt.
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Bildung
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