close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Mediadaten xpert.network

EinbettenHerunterladen
Pfarrer Manuel Neumann, Meerholz-Hailer
hr4 Übrigens, Freitag, 17.10.2014
„Alles fließt“
Es ist nur ein kurzer, begrenzter Schmerz. Für einen Augenblick scharf und auf einen
kleinen Punkt begrenzt, breitet sich der Schmerz wellen- und kreisförmig aus. Er wird
dabei schwächer und verliert sich schließlich. Zurück bleibt: das ausgerissene Haar
zwischen meinen Fingern.
Sich bewusst ein Haar ausreißen – genau das schlägt ein französischer Philosoph in
seinem Buch „Fünf Minuten Ewigkeit“ vor. Angeblich soll mich das Ausreißen eines
Haares zu einigen grundsätzlichen Fragen meines Lebens führen. Also gut – ich reiße mir
ein Haar aus – und was dann?
Fest steht: Ich bin jetzt um ein Haar ärmer. Aber was ändert das an meinem Leben? Bin
ich deshalb kahl geworden? Ab wann ist man überhaupt kahl? Gibt es eine fest definierte
Zahl von Haaren, ab denen man als kahl zu gelten hat?
Und auch abseits dieses Haarproblems stellen sich ganz ähnlich Fragen: Wie lange war
ich jung? Und ab wann bin ich eigentlich alt? War mein 18. Geburtstag wirklich der Tag, an
dem meine Kindheit vorbei war? Beginnt mit dem ersten grauen Haar das Alter? Oder
erst, wenn das letzte Haar grau ist?
So gehen meine Lebenstage dahin, und selten genug halte ich inne, um mir darüber
Gedanken zu machen, wo ich gerade stehe und in welchen Entwicklungsprozessen ich
mich befinde. Wer weiß schon, wie viele Tage er gelebt hat? Oder könnten Sie spontan
sagen, wie viele Tage genau Sie heute auf dieser Welt sind? Ich habe mit Hilfe des
Internets nachgerechnet: Ich bin heute an diesem 17. Oktober genau 13.693 Tage am
Leben. Heute Abend ist es dann einer mehr – beziehungsweise einer weniger von denen,
die noch bleiben.
Die wenigsten Menschen machen sich bewusst, dass sie sich ständig verändern – zu
winzig, kaum wahrnehmbar sind die Schritte. Und doch gilt noch immer die Erkenntnis des
griechischen Philosophen Heraklit: „Alles fließt.“
In der Bibel wird diese Erkenntnis im 90. Psalm festgehalten. In dem heißt es: „Unsere
Tage zu zählen, lehre uns, Herr, dann gewinnen wir ein weises Herz.“ In einer
Nachdichtung zu diesem Psalm von Gottfried Schille heißt es: Die dich rühmen, haben
ihren Tag gewonnen.“
Diesen Satz lasse ich mir auf der Zunge zergehen – heute nur, an diesem einen Tag.
Zum Nachhören als Podcast:
http://www.hr-online.de/website/radio/hr4/index.jsp?rubrik=29232
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
3
Dateigröße
117 KB
Tags
1/--Seiten
melden