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Die Rolle politischer Mythen für das moderne ‚nation building. Wie

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Journal of New Frontiers in Spatial Concepts
KIT Scientific Publishing
ISSN 1868-6648 | Volume 4(2012), 67-82
http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/archives/1560
Die Rolle politischer Mythen für das moderne ‚nation building‘. Wie
die Aura deutscher Städte unser Selbstverständnis prägt.
Timo Heiler M.A.
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin, E-Mail: Timo_Heiler@web.de
Abstract
The article devotes to the german legends and on the basis of the concrete examples of Weimar, Nuremberg
and Dresden the impact of the aura from these cities on modern nation building in the 20th and 21st
century will be investigated.
Keywords: nation building, political myths, german cities after World War II
Manuscript received 13 June 2012, revised 19 June 2012, accepted 26 June 2012.
Copyright note: This is an open access article distributed under the Creative Commons Attribution License, which permits unrestricted use,
distribution, and reproduction in any medium, provided that the original work is properly cited.
Zur Einführung
Wenn sich Historiker mit dem weiten Feld der
Mythologie befassen und dieses zugleich auf heutige
Gesellschaftstheorien anwenden möchten, sehen sie
sich oft kritischen und irritierenden Blicken ausgesetzt.
Zu sehr scheint diese Thematik als glanzvolle
Erinnerung an „die gute alte Zeit“ inzwischen nur noch
eine untergeordnete Rolle zu spielen, vor allem
innerhalb der jüngeren Generationen. Gehen wir aber
gleich zu Beginn dieser Untersuchung davon aus, dass
politische Mythen das Selbstbewusstsein einer Nation
ausdrücken, so müssen wir im Umkehrschluss
zwangsläufig danach fragen, ob die Bundesrepublik
Deutschland in diesen Tagen nicht (mehr) über ein
solches Selbstbewusstsein verfügt? Oder ist es nicht
vielmehr so, dass gerade wegen der überbordenden
Mythen, die ihren Weg in den „Geist von 1914“ fanden,
alles verspielt wurde?1 Verspielte Größe – auf diesen
Begriff hat nicht zuletzt der deutsch-amerikanische
Historiker Fritz Stern einmal seine Grundmelodie der
deutschen Geschichte bis 1945 gebracht.2
Doch wider Erwarten wird im globalen Vergleich
von den Historikern gerade die Bundesrepublik
gerne als eine weithin mythenfreie Landschaft
angesehen, was vor allem dann deutlich wird, wenn
wir uns einige politische Gründungsmythen vor
Augen führen.3 So fand hier im Gegensatz zu
Frankreich kein Sturm auf die Bastille statt, aus der
dann die glorreiche Französische Revolution von
1789 hervorgehen sollte und die ihrerseits wiederum
zum politischen Orientierungszeichen einer ganzen
Epoche wurde.4 Auch finden wir keinen deutschen
Unabhängigkeitskrieg, in welchem die heute
geltenden politischen Werte und Normen erkämpft
wurden, wie in den Vereinigten Staaten von
Amerika.5 Und selbst wenn das Deutsche
Kaiserreich einige Kolonien besaß, so findet bei uns
dennoch (mit einigen Ausnahmen in Bezug auf die
Kolonialkriege oder im Anklang an die „colonial
studies“) keine Erinnerung an diese imperiale
Epoche vor dem Ersten Weltkrieg statt, wie dies in
England der Fall ist, wo man mit Stolz von sich
behauptet, der Welt Ordnung und Zivilisation
beigebracht zu haben.6
Was könnte aber dennoch ins Feld der positiven
Gründungsmythen der Bundesrepublik ins Feld
geführt werden? Da wäre an einen Bezug auf die
3
Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, 9.
4
1
Vgl. hierzu Jeffrey Verhey, Der „Geist von 1914“ und die
Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000.
Heinz Dieter Kittsteiner, Theorie des Geschichtszeichens, Köln
1999, 81.
2
5
Dieter Rünzler, Im Westen ist Amerika, Wien 1995, 73.
6
Richard Gott, Britain’s Empire, London 2011, 24.
Fritz Stern, Verspielte Größe. Essays zur deutschen Geschichte,
München 1996.
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Hitler-Attenttäter um Claus
C
Schenk
k Graf von
n
Stauffenbergg (1907-1944) zu denkeen, der sichh
allerdings sseit der um
mstrittenen WehrmachtsW
ausstellung vvon 1995 un
nd dem voraangegangenen
n
Historikerstrreit nicht weeiter durchsettzen konnte.7
Und in Zeiteen großer Wirrtschafts- und Finanzkrisen
n
hat auch d
das deutschee Wirtschafttswunder zuu
kämpfen, istt doch ihr eheemaliges Zugp
pferd, die D-Mark, nur nooch den ältereen Generation
nen bekannt.8
Unter diesen
n Gesichtspun
nkten hätte sicch doch der 9..
November 11989 als neuer Gründunggsmythos derr
nun größereen Bundesrepu
ublik durchseetzen müssen,,
was er sicherlich auch getan hätte, wenn diesess
Datum in deer deutschen Geschichte
G
niccht zu negativv
behaftet wärre, um es jed
des Jahr in Errinnerung zuu
rufen. Folgeerichtig mussste der 3. Oktober dafürr
herhalten, abber ihm fehltt die Dynamiik und Kraft,,
welche die O
Ostdeutschen auf die Straß
ße übertragen
n
hatten, währrend der Anteeil der Westdeeutschen zum
m
3. Oktober siich doch sehr begrenzte.9
Es ist jedooch zugleich zu erkenneen, dass diee
Bundesrepubblik nach derr Niederlage des Zweiten
n
Weltkrieges keineswegs auf Mythen
n verzichtete,,
wenngleich diese wenigeer in der Po
olitik, als auff
E
wichtigee
soziokulturelller Ebene zu finden sind. Eine
Rolle hierfü
ür spielte siccherlich der ursprünglichh
angedachte provisorischee Charakter der Bundes-republik, sod
dass sich das Bedürfnis
B
nacch mythischerr
Narration un
nd symbolisch
her Repräsentaation von derr
politisch-staaatlichen Instaanz auf den Markt undd
Konsum vverlagerte, wie
w
der Mercedesstern
M
n
10
eindrucksvolll beweist.
7
Vgl. dazu Ham
mburger Institut fü
ür Sozialforschun
ng (Hrsg.), Eine
Ausstellung und
d ihre Folgen. Zurr Rezeption der Ausstellung
A
„Vernichtungskkrieg“. Verbrechen
n der Wehrmacht 1941-1944,
Hamburg 1999 ssowie zum Historrikerstreit Jürgen
n Peter, Der
Historikerstreit und die Suche naach einer nationalen Identität der
achtziger Jahre, Frankfurt am Maain 1995 und Gerrd Ueberschär,
Widerstand gegen Hitler. Wahrnehm
mung und
Der deutsche W
Wertung in Eurropa und den USA
A, Darmstadt 200
02.
8
Vgl. dazu Volkker Hentschel, Lu
udwig Erhard, die „soziale
Marktwirtschaftt“ und das Wirtscchaftswunder. Hisstorisches
Lehrstück oder M
Mythos?, Bonn 1998.
9
Vgl. hierzu Petter Bender, 9. Novvember. Fünf Esssays zur
deutschen Gesch
hichte, München 1995.
10
Wie Peter Reichel in seinem Werk
W
Schwarz-Rott-Golddeutlich
ole zu eng mit dem
m „Osten“
macht, waren diie meisten Symbo
verbunden oderr konnten aus and
deren Gründen niicht weiter
genutzt werden.. Vgl. zum Mytho
os deutscher Mark
ken Max Mohl,
Made in German
ny. Die deutsche Industrie heute, München 1972.
68
Auf der and
deren Seite gillt es zu erwäh
hnen, dass
aucch ein Überaangebot an poolitischen Myythen eine
Geefahr darstellten kann, wiee bekanntlich ein Blick
auff die deutscche Geschichhte des 19. und 20.
Jah
hrhunderts zeiigt. Vor allem
m unter dem Eiinfluss der
Fraanzösischen Revolution und der aus ihr
ressultierenden politischen
p
D
Dynamik fand in den
deu
utschen Ländeern eine Suche
he nach Nation
nalmythen
staatt, die den Platz der bisslang vorherrrschenden
neo
otoistischen Heroenmythik
H
k der höfischeen Gesellsch
haft einnahm
m.11 Von de
der Beschwörrung der
Nib
belungen und
d Tacitus‘ Gerrmania, bis hin
h zu den
Erzzählungen vo
on Arminius und Barbarossa diente
hieerbei alles als politischher Gründun
ngs- und
Orrientierungsmythos, was nuur irgendwie scheinbar
daffür in Frage kam. Mit dder deutscheen Reichsgrü
ündung 1871 setzte
s
schließlicch eine ‚Verdeenkmalung‘
dieeser Beschwöru
ung ein, in welccher mythisch bestimmte
Orrte eine sakraale Aura erhhielten. Davon zeugen
steellvertretend das Arminiuusdenkmal im
m Teutoburger Wald so
owie das Völlkerschlachtdeenkmal in
Leiipzig. Sie allee erwiesen siich mit der Zeit dazu
fäh
hig, auf ihre eigene Art und Weise etwas zur
Ideentität der deu
utschen Natioon beizusteuerrn und das
vorrgeblich beso
ondere der D
Deutschen fassbar
fa
zu
maachen. In dieseem Sinne befrriedigen, so deer Berliner
Politikwissensch
haftler Herfrieed Münkler,
„po
olitische Mytheen ein kollektiv
ives Distinkion
nsbedürfnis,
wobei sie es sellten bei bloßeer Abgrenzungg belassen,
ndern Überleg
genheitsvorstelllungen und DominanzD
son
anssprüche wecken
n.“12
Diees scheint vorr allem dort deer Fall zu sein
n, „wo sich
Geegenmythen entwickeln,
e
w
wie im 19. Jah
hrhundert
zw
wischen Deutscchland und FFrankreich und seit den
19550er Jahren zw
wischen der B
Bundesrepubliik und der
DD
DR. Sie bezieh
hen ihre Krafft vornehmlicch daraus,
dasss sie das Seelbstbewusstseein der Gegeenseite in
Fraage stellen.“13
Folgt der Histo
oriker diesen Mustern, so lässt sich
darraus eindeutiig konstatiereen, dass in politischen
p
Myythen in errster Linie ddas nationalle Selbstbew
wusstsein Ausdruck findett oder aber zumindest
z
sich aus diesen
n nährt. Es so
sollte uns dah
her wenig
überraschen, dass sich diee politischen
n Mythen
11
Peter
P
Wiedemann, Zwischen Natioonalgeist und
Kossmopolitismus, Berlin 1997, 77 f.
12
H.
H Münkler, Die Deutschen
D
und ihhre Mythen (wie Anm.
A
3), 13.
13
Ebd.
E
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offensiv deu
uten lassen, indem mitt ihnen diee
Ansprüche eines politiscchen Gegners in Zweifell
gezogen werd
den.
Doch w
wie macht siich ein solcch offensiverr
Umgang beemerkbar? Zur
Z
Untersucchung dieserr
Fragestellungg, die auch im Fokus dieser
d
Studiee
stehen soll, m
muss der Blickk auf verschieedene Ebenen
n
gerichtet w
werden. So gehen Anggriffe gegen
n
architektonissche Zeichen meist
m
unter derr Anwendungg
von Gewalt vonstatten. Doch
D
wie diee „Politik dess
Sprengstoffs““14 unter dem Vorsitzenden des Staatsratss
der DDR Waalter Ulbricht (1893–1973) gezeigt
g
hat, istt
diese Method
de um Erinneerungen auszu
ulöschen undd
das kollektivve Gedächtniss der politisch
hen Gemein-schaft neu zu
u bespielen wenig
w
erfolgreiich, erscheintt
sie doch ohnee die Begleitun
ng von narrativven Mitteln alss
15
reiner Vandaalismus. Sie muss daherr verständlichh
vermitteln, w
warum das Ab
bräumen früh
herer Symbol-systeme keineen Verlust, sond
dern eine Befreeiung darstellt.
Vor diesem Trümmerhaaufen stehend
d, gingen diee
beiden deutsschen Staaten nach 1945 un
nterschiedlichh
ans Werk.116 Während die DDR ein neuess
Mythensystem errichtetee, in desseen Zentrum
m
historische E
Ereignisse stan
nden, die sich lückenlos alss
die direkten Vorbereiter des
d Arbeiter- und Bauern-staates einreiihen ließen, blieben
b
im Weesten dagegen
n
die politisch
hen Mythen zunächst
z
unberührt. Diesee
Denkmäler wurden so für die kommerzielle
k
e
Vermarktungg attraktiv, gaanz ohne jeglicche politischee
Sinnvermittlu
ung. Auf dieese Weise wu
urde mit den
n
Jahren eine D
Distanz hergesttellt, welche weesentlich dafürr
sorgte, dass m
man an diesen Orten
O
nicht du
urch Ehrfurchtt
in die politissche Pflicht geenommen wird, sondern in
n
touristischer Unbefangenh
heit seiner Neugier
N
undd
seinem persön
nlichen Interessse folgen kann
n.
Dies solll jedoch nu
un nicht deen Eindruckk
erwecken, dass die Bundesrepubl
B
ik auf diee
Sinnstiftung
mythische
durch
Erzählungen
n
verzichtet häätte. Die bereits angedeuteten Konsum-mythen um Mercedes un
nd BMW, die nicht zuletztt
den Mythoss „made in Germany“ verkörpern,177
dienten nich
ht nur als Kaaufanreize und
d Marketing-strategien einer sich in ihrem Wohlstandd
14
Ebd., 14.
15
Monika Flackke, Mythen der Naationen, Berlin 20
001, 43.
69
ein
nrichtenden Bevölkerung, sondern avvancierten
ihrrerseits auch zu
z Gegenerzähhlungen zur Mythik
M
des
Klaassenfeindes: Sie bestrittenn deren Ansp
pruch, das
‚beessere‘ Deutschland zu seinn und machten bewusst
auff die Unterversorgung soowie auf die Freiheitsbesschränkungen
n der Ostdeutsschen aufmerk
ksam.
Hans Blumenberg (1920––1996) hat dem
m Mythos
garr eine übeerlebenssichernnde Funktio
on zugesch
hrieben. So würden in der mythischen Erzählung
E
arcchaische Äng
gste durch m
mythische Erzzählungen
verrbannt, wodu
urch der Mennsch Distanz gegenüber
g
dem
m Unheimlichen gewinne,, wobei gleich
hzeitig der
Myythos der Wellt eine gewissee Sinnhaftigkeeit verleihe
und sie zu eineer Welt für dden Menschen
n mache.18
Nicht durch die revolutionäre
re Kraft schafffe sich der
Meensch seine Freiheit,
F
sondeern indem er eine ihm
gleeichgültige gegenübersteh
g
hende Welt narrativ
bew
wältige.19 Waas Blumenbeerg damit au
usdrücken
mö
öchte, sei mit
m den aus
usgewählten Beispielen
deu
utscher Städte dargestellt, nämlich die Sachlage,
wiee die politische Welt mit narrativen Deutungen
D
um
mgestellt und
d mit interppretativen Naarrationen
überzogen wird,, um schlusseendlich Gewisssheiten in
ein
nem Bereich zu
u erlangen, deer sonst der Kontingenz
K
dess Kampfes um
u die Machht ausgeliefertt gewesen
wääre.
Alll dies trifft in besonderer
b
W
Weise auf die politischen
p
Myythen Deutsch
hlands zu, diee in ihrer Eigeenheit mal
bah
hnbrechende Veränderunngen gebremst haben,
maal allerdings auch zu ihrer Besch
hleunigung
beiitrugen. Daher sei der Blickk im weiteren Verlauf
V
auf
ein
ne eher irritiereende Katalogisiierung gerichteet, nämlich
auff die Bedeutu
ung deutscherr Städte für die eigene
myythische Selbstd
definition undd Identität im 20.
2 und 21.
Jah
hrhundert.
Dieser Anssatz mag ssonderbar errscheinen,
obw
wohl andererrseits genügennd Beispiele vorhanden
v
sin
nd, die sich für eine solcche Untersucchung des
mo
odernen ‚nation building‘ anhand von mythisch
beh
hafteten Orten
n eignen würrden. Allein die
d Anzahl
derr Städte, die fü
ür sich in Ansspruch nehmeen, einmal
‚Haauptstadt‘ dess Alten Reichhes gewesen zu
z sein, ist
ateemberaubend: Aachen, FFrankfurt am
m Main,
Speeyer, Mainz, Regensburg,
R
M
Magdeburg od
der Goslar
– die
d Liste ließee sich, wie Boodo-Michael Baumunk
16
Karl Moersch,, Die Zeit nach deem Krieg. Städte im
Wiederaufbau, SStuttgart 2008.
17
M. Mohl, Mad
de in Germany (w
wie Anm. 10).
18
Hans
H Blumenberg, Arbeit
A
am Mythos,, Frankfurt am Maiin 1979, 152.
19
Ebd.,
E
153.
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beweist, bedeenkenlos fortssetzen.20 Auf Grund dieserr
Vielzahl an
n mythisch angehauchten
n Orten in
n
Deutschland
d beschränkt sich
s
dieser Beeitrag auf nurr
einige wenigge. Einige blieb
ben außen vor, da sie zwarr
mythisch beesetzt sind oder gar eine baulichee
Ausgestaltun
ng verkörpern
n, aber als Sammlungs-mythen nich
ht in Erscheinu
ung treten, wie es sich etwaa
mit Sanssoucci verhält, dass zwar für den
n aufgeklärten
n
Absolutismu
us Friedrichs II. (1712–17
786) mitsamtt
seiner kulturrellen Blüte du
urch Voltaire (1694–1778)
und Carl Ph
hilipp Emanueel Bach (1714
4–1788) steht,,
das sich jedooch an Friedriichs Doppelleeben scheidet,,
wie die aktu
uelle Friederissiko-Ausstellu
ung zum 300..
Geburtstag d
des Preußenkkönigs eindru
ucksvoll zeigt..
Des Weitereen kam es zw
war immer wieeder zu einerr
weitreichend
den
Verd
dichtung
mythischerr
Erzählungen,, doch blieb diese
d
lediglich auf eine ganzz
bestimmte E
Epoche besch
hränkt. Aach
hen kann alss
solches Beisp
piel angeseheen werden, daa zwar durchh
den alljährlich verlieheneen Karlspreis der Mythoss
Karls des Großen und
u
seines Westeuropaa
umspannend
den Reiches wiederaufgeegriffen undd
politisch zu n
nutzen versuccht wird.21 Es fehlen jedochh
die Jahrhund
derte dazwisch
hen und zugleeich ist durchh
die aktuellle Süd- un
nd Osterweiterung derr
n Union dessen
d
myth
henpolitischerr
Europäischen
Bezug auf d
das Karolingeerreich mehrr als fraglichh
geworden.22
Vielmehr errscheint das Nürnberg naach 1945 mitt
seinen Kriegssverbrecherprozessen als ein
n passenderess
Beispiel, welcche die Alliierrten ausgerechnet in jenerr
Stadt abhieelten, die zuvor als ‚Stadt derr
Reichsparteittage‘ betitelt wurde,
w
in dessen Zuge auchh
die sogenann
nten Nürnberrger Rassegeseetze von 19355
verkündet
worden
waren.23
Für
F
Hitlerss
Reichsparteittage wiederum war Nürn
nberg – undd
eben nicht München, die
d ‚Stadt der Bewegung‘‘
geradezu prrädestiniert, weil
w
es vom
m Glanz derr
frühneuzeitliichen Freien Reichsstadt umgeben
u
war,,
die dank der dort abgehaltenen Reich
hstage im 19..
70
Jah
hrhundert zum
m Mythos verkklärt wurde.244 Und dass
sich schließlich die neue Reppublik nach dem
d
Ende
dess Kaiserreich
hs nach derr Mittelstadt Weimar
ben
nannte, hat au
uch damit zu tun, dass man
n dadurch
ein
nen politischen
n Neuanfang m
markierte, der eine, wie
maan zunächst meinte,
m
mehrrheitlich zustiimmungsfäh
hige Tradition
n aufgriff: diee der deutscheen Klassik
und der aus ihr herrührenden
h
B
Bildung als Alteernative zu
derr im Krieg gescheitertenn Militärtrad
dition der
Ho
ohenzollern.25 Statt
S auf Moltke
ke, Friedrich un
nd Wilhelm
setzzte man nun au
uf Goethe, Schiiller und Herdeer.
Die
D Begründu
ung der Weim
marer Klassik und
u ihre
Folgenn
Oh
hne Zweifel ist Weimar, voor allem in der Zeit von
17990 bis 1805, als hier Johannn Wolfgang vo
on Goethe
(17749–1832) und Friedrich SSchiller (1759–
–1805) im
Zu
usammenwirkeen die deutssche Klassik formten,26
zum
m Mythos des
d deutschenn Bildungsbü
ürgertums
gew
worden, wie man
m ebenso uumgekehrt fo
ormulieren
kan
nn, dass derr „Mythos W
Weimar“ das deutsche
Billdungsbürgerttum überhauppt erst ins Leeben rief.27
Miit Hilfe der
d
hier ggeprägten kulturellen
k
Pro
ogrammatik, die
d im Wesentllichen das wirttschaftliche
wiee politische Leben als nnachgeordnetee Formen
meenschlicher Betätigung
B
bbegriff und eine nur
kullturell zu verwirklichennde Gesamttheit der
Bettätigungen als Ziel m
menschlicher Existenz
verrkündete, hat sich dagegenn ein Teil dees sich im
Au
ufstieg befindeenden deutsch
chen Bürgertu
ums gegen
diee anderen so
ozialen Schichhten, wie au
uch gegen
and
dere Nationen
n abgegrenzt.288 Die Selbstbezeichnung
derr Deutschen als
a ein Volk deer ‚Dichter un
nd Denker‘
hatt sich daher vor allem auf
uf den Mythos Weimar
gesstützt. Er hat sicherlich im
m großen Stile das Seine
dazzu beigetrageen, dass dass deutsche Bürgertum
B
politisch ungescchult oder, wi
wie es einst Max
M Weber
(18864–1920) bezzeichnete, „unngezogen“29 blieb,
b
bzw.
dasss es, wenn ess politische Errwartungen naach außen
vorrtrug, diese unmittelbar
u
aaus seinem kulturellen
k
24
20
Bodo-Michaell Baumunk, Haup
ptstadt. Zentren, Residenzen,
Metropolen in d
der deutschen Geschichte, Köln 19
987.
21
Wolfgang Gerrstner, Aachen. Wo
W ein alter Kaiseer den Weg ins
moderne Europa weist, Düsseldo
orf 2006, 151.
22
Richard Faberr, Abendland. Ein
n politischer Kam
mpfbegriff, Berlin
2002, 109 ff. und
d Herfried Münkkler, Reich, Nation
n, Europa,
Weinheim 19966, 97 ff.
23
Andreas Rethm
meier, Nürnbergeer Rassegesetze und
u die
Entrechtung derr Juden im Zivilreecht, Frankfurt am
m Main 1995.
Frank-Lothar Kroll, Utopie als Ideoologie. Geschichtsdenken
und
d politisches Handeln im Dritten R
Reich, Paderborn 1998.
25
Ernst
E
Nolte, Die Weimarer
W
Republiik. Demokratie zw
wischen
Len
nin und Hitler, München 2006.
26
Paul
P Wiedemann, Deutsche Klassikk, Berlin 1988, 20
05.
27
H.
H Münkler, Die Deutschen
D
und ihre
re Mythen (wie An
nm. 3), 329.
28
Peter
P
Merseburgerr, Mythos Weimaar. Zwischen Geisst und
Macht, Stuttgart 199
99, 23.
29
Wolfgang
W
J. Momm
msen (Hg.), Maxx Weber-Gesamtaausgabe, Bd.
9, Tübingen
T
1984 ff., 32.
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Überlegenheeitsanspruch und ohne Blick
B
auf diee
politischen Begebenheiteen ableitete. Selbst in
n
Thomas Maanns (1875–11955) Wendu
ung von derr
„machtgesch
hützten Innerrlichkeit“30 ko
ommt diesess
Schwanken zzwischen polittischem Verziicht und dem
m
Anspruch, Politik aus überpolitisch
her Einsichtt
betreiben zu können, zum
m Ausdruck.
Schon an dieeser Stelle lässtt sich daher feesthalten: Derr
Mythos Weim
mar steht bis heute für dass ambivalentee
Verhältnis d
der Deutschen
n zu Politik und
u
Kultur.311
Vor allem diie Person Goeethes diente glleich mehreree
Male als Bezzugspunkt, wenn
w
in Deutsschland nachh
den beiden Weltkriegen ein politischeer Neuanfangg
bewerkstelliggt werden musste. Es ist daher leichtt
verständlich,, dass hierbeii regelmäßig das
d Paar von
n
‚Geist und B
Bildung‘ als unbeschädigte
u
er Widerpartt
zur imperiallen Politik au
uf die Bühne trat, wie diess
von Reichsp
präsident Frieedrich Ebert (1871–1925)
nach dem Errsten Weltkriieg sowie von
n Karl Jasperss
(1883–1969) nach deem Zweiten
n Weltkriegg
praktiziert w
wurde. ‚Geist und Bildungg‘, gemeinhin
n
auf den Beegriff ‚Weim
mar‘ herunterr gebrochen,,
wurden in d
diesem Zuge als an der gescheiterten
n
Politik vor 19919 und 19455 unbeteiligt und
u von ihren
n
Fehlern unbbelastet dargestellt. So blieeb lange Zeitt
verdeckt, w
welche konkrrete Bedeutu
ung das auss
‚Weimar‘ ggeschöpfte Selbstverständn
nis für diee
deutsche Politik wie für die deutschee Gesellschaftt
hatte.
Welche Vooraussetzungen mussten unterdessen
n
erfüllt werdeen, dass Weim
mar zum myythischen Ortt
verklärt wurrde? Unzweifeelhaft spielt hier
h Goethes,,
wie auch Frriedrich Schilllers Eintreffeen eine ganzz
zentrale Rollle, doch muss
m
in dieseem Atemzugg
zugleich der Aufstieg der
d
benachbarten Jenaerr
Universität genannt werrden, die sicch zu einem
m
Zentrum freiischweifenderr Genialität au
ufschwang. Siee
wurde zunächst von mehreren thüringischen
t
n
Kleinfürstenttümern betrieeben, an der sich für diee
dort lehrend
den Professo
oren wie au
uch für ihree
Studenten weeitreichende Spielräume
S
erggaben, wie siee
sie an anderren deutschen
n Landeshochsschulen nichtt
30
Thomas Mann
n, Betrachtungen
n eines Unpolitiscchen, Berlin
1959, 111.
31
H. Münkler, D
Die Deutschen und
d ihre Mythen (wiie Anm. 3), 330.
71
gab
b.32 So hielt dort schonn 1789 Schiller seine
berrühmte Antriittsvorlesung über den Nu
utzen und
Sin
nn der Geschiichtswissenschhaften, welchee viel zum
Ru
uhm der Un
niversität beiitrug und diese
d
zum
Zentrum des mo
odernen Denkkens werden liieß.
Vor allem ab
ber die Jahre 1794 und 17
795 haben
na zum Ort der Philosophhie und Literatur, des
Jen
Dicchtens und Denkens werdeen lassen. Um diese Zeit
leb
bten hier Fried
drich und Auugust Wilhelm
m Schlegel
(17772–1829 bzw
w. 1767–1845)) sowie Johan
nn Ludwig
Tieeck (1773-18
853) und Novalis (17
772–1801),
wo
odurch Jena zur Geburttsstätte der Romantik
wu
urde. Hier arb
beiteten Wilheelm und Alexaander von
Hu
umboldt (1767–1835 bzw
w. 1769–185
59) sowie
Hö
ölderlin (1770
0–1843) und JJohann Gottlieb Fichte
(17762–1814). Do
och die einzeelnen Lebenssstile dieser
Grrößen waren zu
z unterschieedlich, sodass sich eine
hochbrisante Miischung entwiickelte, die daazu führte,
dasss sich diese Denker bbald wieder aus Jena
auffmachten.33 Aber
A
diese kuurze Zeitspann
ne reichte
auss, um eine „Epoche
„
der forcierten Talente
T
zu
34
hin
nterlassen“ , die viel zuum Mythos Weimar
beiisteuerten. Häätte sie längeer angedauertt, so wäre
sich
herlich ein Do
oppelmythos W
Weimar-Jena entstanden,
e
abeer unter dieseen Begebenheeiten hat vor allem die
von
n Goethe verk
körperte Konntinuität in Weimar
W
die
Jen
naer Konstellaation überschaattet und vereiinnahmt.
Um
m die Zeit der 1790er Jahrre lässt sich jedoch ein
weeiteres Phänom
men erkenneen. So konntee sich die
von
n Goethe und
d Schiller perssonifizierte Veerbindung
von
n Adel und Bürgertum
B
alss politische Alternative
A
zurr
zeitgleich
h
stattfinddenden
bürgerlichen
Revvolution in Frrankreich beggreifen und steellte somit
ein
n alternativees Programm
m emanzip
patorischer
Sellbstverwirklich
hung dar. Soo lassen sich
h Schillers
Briiefe über die ästhetische Errziehung des MenschenM
gesschlechts genau
u nach dieser Ausrichtung verstehen
und als Manifesst zu diesem „westliche[n]] Vorbild“
derr alternativeen Entwickluung von Staat und
Geesellschaft deu
uten.35
32
Rüdiger
R
vom Brucch, Formen außerrstaatlicher
Wisssenschaftsförderrung im 18. und 19. Jahrhundert, in:
Vieerteljahrschrift fürr Sozial- und Wirrtschaftsgeschichtte, Beiheft
88, Stuttgart 1990.
33
H.
H Münkler, Die Deutschen
D
und ihre
re Mythen (wie An
nm. 3), 286.
34
Ebd.,
E
287.
35
Christian
C
Clementt, Die Geburt des modernen Mysteeriendramas
aus dem Geiste Weim
mars, Berlin 20077, 143.
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Daraus ist zu
u folgern, dasss der antipolittische Zug im
m
Denken dees deutschen
n Bürgertum
ms, das auff
Jahrhundertee hinaus weittreichende Fo
olgen für diee
Weltgeschich
hte haben solllte, seine Wu
urzeln in derr
Weimarer Kllassik findet.
Der Mytthos Weimar mit seinem spezifischen
n
Fortschrittsggedanken ist bei
b weitem alllerdings nichtt
nur der Aussdruck eines deutschen
d
Üb
berlegenheits-bewusstseinss, oder gar ein
n Hinweis auff den von derr
historischen Forschung so
o oft bemühten deutschen
n
Sonderweg,366 sondern er verkörpert bis heute einee
Herausforderrung des ‚w
westlichen‘ Selbstbewusst-seins, in deem nicht diee aufsummierrte politisch-militärische Macht, sond
dern die Verb
bindung von
n
Demokratie, Menschenrecchten und Maarktwirtschaftt
das Ziel allerr Fortschrittliichkeit ist. Vo
or allem überr
die Vermittllung Johann Gottfried Heerders (1744––
1803) ist darrüber ein opp
ponierendes Selbstbewusst-sein aufgebau
ut worden, daas sich in man
ncher Hinsichtt
mit dem Selbbstwertgefühl der
d deutschen Intellektuellen
I
n
vergleichen llässt, die sich gegen den po
olitischen wiee
Hegemoniaalanspruch
kulturellen
Frankreichss
auflehnten. D
Daher kann deer Historiker den Weimar-Mythos als die spezifiscch deutsche Ausformungg
eines Widersstandsbewussttseins deuten,, das sich mitt
aller Mach
ht gegen die materiell fassbaree
Überlegenheeit des westlicchen Nachbarn stellt undd
den Ansprucch auf geistigge Vollkommeenheit erhebtt
sowie gegen
n die augenbllicklichen Ko
onstellationen
n
zivilisatorisch
her Überlegeenheit die Jahrhundertee
umfassenden Bilanzen kultureller Entwicklungg
Stellung beziieht. So beherrbergt der Myythos Weimarr
eine Kritik d
der Französisch
hen Revolutio
on in sich, diee
nicht so sehrr deren aktuelle Folgen als vielmehr diee
langfristigen Wirkungen
n ins Auge fasst. Diee
Revolutionskkritik von Ed
dmund Burke (1729–1797)
zielt ja bekaanntlich darau
uf ab, dass diie Revolution
n
mehr zerstöre als an wertvolllem Neuen
n
hervorbringee, ihre Ko
osten-Nutzen--Bilanz alsoo
negativ
au
usfiele.37
D
Dagegen
ersscheint
diee
Revolutionskkritik der deutschen Klassik viell
radikaler, daa sie nicht nurr die politisch
he Revolution
n
angriff, sond
dern zugleich auch
a
die Politiik generell alss
einen wenigg aussichtsreiichen Weg menschlicherr
Selbstverwirkklichung odeer – in der „Weimarer““
72
Beggrifflichkeit – Beförderrung der Humanität
H
verrstand.38 An Stelle
S
der poliitischen Revollution trat
also die kultureelle Erziehungg in den Vorrdergrund;
durch Bildung und
u Kultur soollten die Men
nschen zur
Freeiheit gelangen. ‚Weimar‘ w
wurde aber au
uch gerade
desswegen zum Gründungsm
mythos des deutschen
Billdungsbürgerttums, weil derr Mythos die Ziele der
Revvolution in keinster
k
Weisse bestritt, so
ondern sie
led
diglich umfo
ormierte unnd in eineer neuen
Ersscheinungsweeise propagiierte. So heißt es
passsenderweise in Schillers Über die ästhetische
ä
Erzziehung des Menschen:
M
„Und mit nachdrrücklicher Stim
mmenmehrheit fordert er
diee Wiederhersteellung in seinee unverlierbaren Rechte.
Aber er fordert siie nicht bloß; jeenseits und dieesseits steht
waltsam zu neehmen, was ihm
i
seiner
er auf, sich gew
Meeinung gewaltsam verweigert wird. Das Geebäude des
Naturstaates wank
kt, seine mürbben Fundamentte weichen,
und
d eine physiscche Möglichkeeit scheint geggeben, das
Gesetz auf den Th
hron zu stellen, den Menschen endlich als
bstzweck zu eh
hren und wahrre Freiheit zur Grundlage
Selb
derr politischen Veerbindung zu m
machen.“39
Im
m Gegensatz zu seinem Freeund Goethe hatte sich
Sch
hiller schon frühzeitig zu den Ideealen der
Fraanzösischen Revolution
R
beekannt, jedocch schnell
wieeder davon Abstand
A
genoommen, die politische
Revvolution könn
ne zum Kataalysator des Fortschritt
avaancieren: „Vergebliche Hoffnnung!“, fährt err fort: „Die
mo
oralische Mög
glichkeit fehltt, und der freigiebige
Au
ugenblick findeet ein unempfäängliches Gesch
hlecht.“40
Sehr viel ausgeprägter alss Friedrich Scchiller hat
Go
oethe die Hum
manität als M
Maßstab des Handels
H
in
den
n Vordergrun
nd gestellt, einn Vorgang im
m Übrigen,
derr ihn wenig später verdächhtig werden liieß, weder
nattional noch politisch zu deenken, im Geggensatz zu
Sch
hiller, der nach
n
seinem Tod posth
hum zum
deu
utschen Natio
onaldichter erk
rklärt wurde. Aber
A
auch
Go
oethe hat einen erheblicheen Anteil zurr Herausbildung der nationalen Identitätsstifttung der
Deeutschen gelieefert, indem er in der Nachfolge
Jusstus Möserss (1720–17994) deren politischkullturelle Vielgeestaltigkeit beetont hat. So kann
k
man
in Götz von Berlichingen
B
ddie Verkörpeerung der
deu
utschen Liberalität erkenneen, in Werther einen zu
geffährlichen Au
utosuggestioneen tendierend
den jungen
Geenialen, in Wilhelm
W
Meisster den sich in der
36
Vgl. hierzu Heeinrich-August Winkler,
W
Der lange Weg nach
Westen, Berlin 22000, 3.
38
37
39
Friedrich Schiller, Sämtliche Werkee, Bd. 8, 181.
40
Ebd.
E
Peter Epstein, Die Ursprünge des
d Konservatism
mus in
Deutschland, Beerlin 1992, 633.
H.
H Münkler, Die Deutschen
D
und ihre
re Mythen (wie An
nm. 3), 302.
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Begegnung mit dem Theater emanzipierten
e
n
Bildungsbürgger und in
n Faust schließlich den
n
gesellschaftloosen, sich notorisch
n
üb
berfordernden
n
41
Gelehrten.
Mindestenss diese vierr deutschen
n
Stereotypen hat Goetthe geprägtt, die derr
Fremdidentiffizierung bereitstehen und
d zur Selbst-identifikation
n einladen.
Weimar treffen
n nach dieser Analyse zweii
Im Mythos W
Begebenheiteen aufeinandeer: zum einen die kulturellee
Unabhängigkkeitserklärungg
gegenü
über
dem
m
französischen
n Vorbild, diee in Kreisen des
d gebildeten
n
Bürgertums mit Selbsttbewusstsein und Stolzz
quittiert wu
urde und seiit dem ausggehenden 19..
Jahrhundert zum integrrierenden Identifikations-muster der D
Deutschen wurrde sowie zum
m anderen diee
Herausstellun
ng der Kunst und Kultur als
a Alternativee
zur Politik; basierend auf
a
der Vorstellung, dass
Kulturelle sei unendlich wertvoller
w
als das
d Politische..
Damit ist eeine weitere Funktion deer politischen
n
Mythen genaannt: Sie arbeeiten an der Herausbildung
H
g
eines ‚Wir‘, indem sie sicch hart gegen die anderen,,
einem ‚Sie‘ abbgrenzen. Sie bebildern folgglich Alterität,,
um Identität zu festigen.42
An dieseer Doppelerzzählung hat das
d deutschee
Bürgertum llange Zeit fesstgehalten, un
nd „Weimar““
war gleichsaam das Gütessiegel für diesen Glauben..
Sein größterr Vorzug bestand freilich darin, gegen
n
Enttäuschun
politische
ngen und militärischee
Niederlagen (vor allem naach dem Ersteen Weltkrieg)
resistent zu ssein, mehr no
och, indem er daraus sogarr
neue Kraft u
und Stärke zieehen konnte. Damit
D
ist derr
Mythos Weiimar mit der deutschen Geschichte dess
20. Jahrhund
derts auf das Engste
E
verbund
den.
Bevor wir jjedoch den Fokus genau
uer auf diesee
Epoche richtten, lässt sich
h feststellen, dass sich am
m
Ende des 19.. Jahrhundertts in nationalk
konservativen
n
Kreisen einee folgenreich
he Spaltung im
i Kult um
m
Schiller und
d Goethe zutrrug, was letzztendlich den
n
Boden für d
die ideologisch
he Vereinnah
hmung durchh
die Nationaalsozialisten begünstigte.43 Gegen diee
zunächst voorherrschendee Mehrheit, für welchee
Weimar ein Symbol der kulturellen Überlegenheit
Ü
t
Deutschland
ds gegenüber anderen Vö
ölkern dieserr
Erde war, un
nd der es daarum ging, diieses Erbe zuu
73
pflegen, wandte sich eine Gruuppe jüngerer und nicht
selten auch völk
kisch geprägteen Schriftstelller, denen
dass bloße Bewah
hren dieses EErbes nicht au
usreichte.44
Siee riefen ganzz offen zu eeiner Renaisssance des
Geeistes von Weimar
W
auff, worunter sie die
Ern
neuerung derr deutschen K
Kultur verstaanden, die
sich gegen die
d
zeitgenöössische kün
nstlerische
Avvantgarde abg
grenzen solltee.45 Vor allem
m Goethe
wu
urde hierfür wieder
w
instrum
mentalisiert, um gegen
und
Intternationalism
mus,
Avaantgardismus
Ko
osmopolitismu
us ins Feld zu ziehen, wobei man den
Weeimar-Mythoss dazu nutztee, um Aufmeerksamkeit
zu finden und vo
on der Zerstriittenheit der politischen
p
Rechten abzulen
nken. Somit avvancierte ‚Weimar‘ zum
Banner für die nationnalrevolutionäär-völkisch
aussgerichteten Botschaften. Hier tat sich der
Litteraturhistorik
ker Adolf Baartels (1862–
–1945) in
bessonderer Weise hervor, der neben
n seinem
aussgeprägten Antisemitismuss vor allem durch
d
den
Kaampf um dass Deutschtum
m Berühmtheeit erfuhr.
Wäährend ihm fü
ür diesen Goeethes Iphigeniie weniger
zussagte, sei dageegen nichts deeutscher als deer Werther
oder der Faust, weswegen sicch jeder Deutsche diese
a
müssse. So schrieeb er über
beiiden Werke aneignen
Drr. Faust: „O
Ohne Zweiffel die bed
deutendste
[Dichtung, d.V.] des ganzen deutschen Scchrifttums
und wohl aucch das größtte Werk deer ganzen
Weeltliteratur“46, während ddas deutscheeste Werk
Go
oethes der Gö
ötz von Berlich
chingen sei, in
n dem der
Lesser den deutschen Geist,t, deutsche Kraft
K
und
deu
utsches Gemü
üt finde.47
Solche Vorsttellungen findden sich auch
h in einer
Rede von Reich
hsjugendführeer Baldur von
n Schirach
(19907–1974) von 1937 wiedder, der anläässlich der
„W
Weimarer Festsspiele der deuttschen Jugend“ festhielt:
„W
Während sich die Entschlosssenen um die politische
Gemeinschaft mü
ühten, die diee Voraussetzun
ng unseres
Leb
bens als Natio
on ist, erhobenn sie [die kon
nservativen
Go
oetheaner, d.V.] den knöchhernen Zeigeffinger und
warrnten uns, daß über solcheem Streben un
nersetzbare,
kullturelle Werte verlorengingen.
v
. […] Nun werd
den sie sich
wieeder melden, diese
d
Heroen de
des Geistes und
d Ritter der
trau
urigen Gestalt, und über die K
Kulturlosigkeit der Jugend
44
H.
H Münkler, Die Deutschen
D
und ihre
re Mythen (wie An
nm. 3), 309.
45
Klaus
K
von Beyme, Das Zeitalter derr Avantgarden. Kunst
K
und
Gessellschaft 1905-19
955, München 20005, 34.
46
41
Angelika Bracchmeyer, Goethe in Weimar, Bonn
n 2010, 87.
42
H. Münkler, D
Die Deutschen un
nd ihre Mythen (w
wie Anm. 3), 21.
43
F.-L. Kroll, Uttopie als Ideologiee (wie Anm. 24), 104.
Georg
G
Bollenbeck,, Tradition, Avanntgarde, Reaktion. Deutsche
Kon
ntroversen um die kulturelle Mode
derne 1880-1945, Frankfurt
F
am Main, 1999, 167.
47
G.
G Bollenbeck, Trad
dition, Avantgarde, Reaktion (wie Anm
m. 46), 167.
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eifern, die in ihren Uniform
men jene Stättten betritt, diee
d geheiligten
n
nach der Meinung mancheer nur durch die
48
Sohlen der Phiilologen betreteen werden dürffen.“
In den Revvolutionswirreen von 1919
9 bekam derr
Weimar-Mytthos zunäch
hst jedoch eine demo-kratische Au
usdeutung, beii der das Erbe der Klassikerr
für die Neu
ugründung Deutschlands
D
in Anspruchh
genommen w
wurde. Es sch
heint daher kein
k
Zufall zuu
sein, dass gerrade Weimar als Ort ausgeewählt wurde,,
um hier durrch die Natio
onalversammlu
ung die erstee
Demokratie zu festigen. Hinzu komm
mt, dass diee
Stadt, ganz im
m Gegensatz zu
z Berlin, leicht abgeriegeltt
werden konn
nte und den süd- und westdeutschen
w
n
Abgeordneteen der Weg in
n die ungeliebtte Hauptstadtt
erspart blieb, die damals noch
n
mit dem
m preußischen
n
Militarismuss und derr Großmach
htsucht derr
49
Hohenzollern
n verbunden wurde.
w
Doch
h warum gingg
man nicht nach Frankkfurt, wo sicch die neuee
Republik naahtlos in die Tradition derr Paulskirchee
hätte einordn
nen können? Gegen die Sttadt am Main
n
sprach letztliich der Umstaand, dass hierr der deutsch-französische Frieden von
n 1871 geschlossen wurde,,
h keinen gü
ünstigen Ortt
weswegen ees symbolisch
darstellte, um
m sich mit Frankreich aussöhnen
a
zuu
können. Un
nd Außenm
minister Graff Brockdorf-Rantzau (18669–1928) warr der festen Überzeugung,
Ü
,
dass sich von
n Weimar au
us ein sehr vieel günstigererr
Frieden ausshandeln lassse, womit err jedoch diee
Wirkung dees Mythos weit
w
überschäätzte, da diee
Alliierten ihrre eigenen Ziiele verfolgten
n, ohne dabeii
Rücksicht aauf die Verllierer um diie deutschen
n
Klassiker zu
u nehmen. Die zweite sch
hwerwiegendee
der jungen Republik bestand
Hypothek d
b
dess
Weiteren darin, dasss sie zwisschen einerr
wandten
R
Rechten
und
u
einerr
rückwärtsgew
revolutionäreen Linken Position bezogg und so zuu
einer „Demookratie ohne Demokraten““ wurde.50 Soo
versuchte Ebbert den Myythos Weimarrs bei seinerr
Rede zur Eröffnung der
d
Verfassu
ungsgebenden
n
Deutschen N
Nationalversaammlung zu nutzen, um
m
weitgehende Unterstützu
ung für das neue Staats-system zu finden. Hiierbei war er bemüht,,
Kontinuität, Bruch und Neuanfang
N
miiteinander zuu
48
Baldur von Scchirach, Goethe-R
Rede, in: Gudrun Braune (Hg.),
Quellen zur Gesschichte Thüringeens, Bd. 1, Erfurt 1996, 205.
kom
mbinieren (ein typischees Merkmal für die
Au
usformung po
olitischer Myythen), um somit
s
das
liberale Bürgertum vor den Karren der Weimarer
Ko
oalition spann
nen zu können
en: „Das deutsche Volk
ist frei, bleibt frrei und regierrt in aller Zuk
kunft sich
selbst. Diese Freeiheit ist der einzige Trostt, der dem
deu
utschen Volke geblieben isst, der einzigee Halt, an
dem
m es aus dem
m Blutsumpff des Kriegess und der
Niederlage sich wieder herauusarbeiten kan
nn.“51 Und
weeiter unten heeißt es: „Dannn wollen wirr sein ein
52
ein
nig Volk von Brüdern.“
B
In diesem leeicht veränderrten Zitat auss Schillers
Wiilhelm Tell fin
ndet sich die erste Apostro
ophierung
derr Weimarer Klassik.
K
Ebertt hatte sich so
s an den
Weeimar-Mythoss herangetasteet, um ihn am
m Schluss
als politisches Sy
ymbol und leggitimatorischee Basis der
neu
uen Republik in Anspruch zzu nehmen:
„So
orgenvoll blicktt uns die Zukunnft an. Wir verttrauen aber
trotz alledem auff die unverwüsstliche Schaffen
nskraft der
utschen Nation
n. Die alten Gr
Grundlagen der deutschen
deu
Maachtstellung sind für immer zeerbrochen. Die preußische
Hegemonie, das Hohenzollernsc
H
che Heer, die Politik der
himmernden Wehr
W
sind beei uns für allle Zukunft
sch
unm
möglich gewo
orden. Wie dder 9. Novem
mber 1918
anggeknüpft hat an
n den 18. Märzz 1848, so müssen wir hier
in Weimar die Wandlung
W
vollziiehen vom Imp
perialismus
m Idealismus, von
v der Weltm
macht zur geistigen Größe.
zum
Es charakterisiertt durchaus diee nur auf äußeeren Glanz
gesstellte Wilhelminische Aera ddas Lassallsche Wort, daß
diee klassischen deutschen
d
Denk
nker und dichtter nur im
Kraanichzug über sie hinweggefloogen seien. Jetzzt muß der
Geist von Weimarr, der Geist derr großen Philossophen und
Dicchter, wieder unser
u
Leben eerfüllen. Wir müssen
m
die
gro
oßen Gesellschaaftsprobleme inn dem Geiste behandeln, in
dem
m Goethe sie im
m zweiten Teil ddes Faust und in
i Wilhelm
Meeisters Wanderjjahren erfaßt hhat: „nicht ins Unendliche
U
sch
hweifen und sich nicht im Theoretischen
n verlieren.
Niccht zaudern un
nd schwanken, ssondern mit kllarem Blick
und
d fester Hand in
ns praktische Leeben hineingreifen!“53
Ebert setzte sich
h so von der bloßen Selbsstfeier des
Klaassikerkultes des
d Kaiserreicchs entschiedeen ab und
verrlangte stattdeessen, dass diie Lehren derr Klassiker
zu praktischen
n Problemlössungen heraangezogen
weerden müssten
n. Er hatte daaher frühzeitigg erkannt,
dasss die neue Republik
R
auf eeine integrativve Leitidee
anggewiesen war, um den nöttigen Respekt innerhalb
derr breiten Bevö
ölkerung gewin
innen zu könn
nen. Dabei
49
51
50
52
Ebd.,
E
153.
53
Ebd.,
E
155.
Ulrich Kluge, Die deutsche Revvolution 1918/19,, Frankfurt am
Main 1997, 76.
Hendrik Thoß
ß, Demokratie oh
hne Demokratien?? Zur
Innenpolitik Weeimars, Berlin 20008.
74
Friedrich Ebert, Scchriften, Auszeichhnungen und Red
den, Bd. 2,
Dreesden 1926, 149.
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setzte er voll und ganz auff den Weimarr-Mythos undd
die deutscheen Klassiker.. Insofern deer Kern dess
Weimar-Mytthos in eineer Abwendung von derr
Politik bestan
nd, stellte Ebeerts affirmativver Bezug auff
ihn eine seekundäre Politisierung dar. Wie diee
deutsche Geeschichte jedo
och deutlich macht, solltee
weder von W
Weimar noch
h von Goethe und Schillerr
die gewünsch
hte Wirkung ausgehen.
a
Sie wurden zwarr
von verschieedenen Parteiien angewand
dt, aber in soo
unterschiedliicher Art und
d Weise, dass daraus keinee
gemeinsame Basis zu gewiinnen war.54
War damit auch unter Berücksichttigung dieserr
soziokulturelllen Sachlagee die Weimaarer Republikk
zum Scheiteern verurteilt?55 Eine Anttwort hierauff
könnte die Persönlichkeit Thomas Man
nns geben, derr
immer einen
n ganz besondeeren Zugang zu
z Goethe fürr
sich beansp
pruchte, hattee er doch des Öfteren
n
Weimar und
d Goethe dazzu benutzt, um
u politischee
Botschaften zu vermitteln
n, von denen er sich einee
Stabilisierungg der Republikk versprach. In seiner Redee
zur Wiederreröffnung des
d
Frankfurrter Goethe-Hauses anlässslich des 1000. Todestages des Dichters,,
beschwor eer die Bed
deutung des kulturellen
n
Erinnerns fü
ür die Bewältiigung von Geegenwart undd
Zukunft:
„Es ist schön, sich mutig in die Zukunft zu
z werfen; aberr
ein Volk, das seine Zukunftt nicht nur erleeiden, sondern
n
g
Volk wie dass
bewusst gestalten will, ein gedankenvolles
deutsche, brau
ucht dazu das Gedächtnis seeiner höchsten
n
Vergangenheitt.“56
Der jetzt zu
u beobachten
nde Goethe-E
Enthusiasmuss
gelte allen Deutschen, den
nen die Kulturrnation etwass
d zeige,
bedeute, und
„daß einmal doch in ein
nem großen begünstigenden
b
n
Augenblicke d
das Deutschtum
m die ganze Welt
W zur Liebe,,
Bejahung, B
Bewunderung, zum vollen Verständniss
hingerissen haat“57.
54
Vgl. dazu Han
ns Mommsen, Diee verspielte Freih
heit. Der Weg
von Weimar in d
den Untergang 1918-1933, Berlin 1990, 421.
Miit diesem An
nsatz sollte eeine Therapiee für das
Geefühl kollektiv
ver Gekränkthheit einhergeh
hen, das so
zerrstörerische und selbstzeerstörerische Wirkung
gezzeigt hatte. Allein diesee Therapie ist nicht
gellungen. Wieder einmal hatt der Mythos nicht jene
Wiirkung gezeigt, die ihm
m zugedacht war, im
Geegenteil, er solllte zwischen 1933 und 194
45 weitere
Zerstörungen heervorrufen.
Weelche Rolle Goethe
G
für diee Deutschen zu
z spielen
hab
be, hat Karl Jaspers
J
in seinner Dankesrede für die
Frrankfurter
Üb
berreichung
der
Go
oethepreisverleeihung im JJahre 1947 formuliert.
f
Daarin sprach er
e von „eineer inneren Revolution
R
unserer Seele“, die das deuutsche Volk nach der
Dik
ktatur des Naationalsozialism
mus und desssen Folgen
durchleben müsse, wenn es niicht
„alss eine amorp
phe Bevölkeruungsmasse
[…] weiter
abggleiten [wolle], als Material von anderen verbraucht
werrden und schlieeßlich verschwiinden, ehrlos, verachtet
v
in
derr Erinnerung deer Welt.“58
Un
nd weiter heiß
ßt es: „Mit Goeethe zu leben, vielleicht
maacht uns das erst eigentlich zzum Deutschen und im
Deeutschen zum
m Menschenn.“59 Schaut sich der
auffmerksame Leeser diese Passsagen etwas näher an,
Verlauf der deutschen
so führt Jasperss darin den V
Geeschichte des 20.
2 Jahrhundeerts auf den Verfall
V
der
Technik und ihre Möglichkeeiten zurück, weswegen
dieese Technikkritik der „heidn
dnischen Weltbejahung“
Go
oethes gegenübergestellt wiird. Es gäbe zwar
z
keine
Rü
ückkehr aus dem
d
„techniscchen Zeitalterr“, in dem
„deer Planet eiin Ganzes uund alles Leben
L
des
Meenschen in Ab
bhängigkeit voon der durch ihn selbst
ohne Plan herrvorgebrachteen Welt“ istt.60 Umso
wicchtiger erscheeint es dem Auutor daher, deen Respekt
vorr dem Sein der Welt un
und des Men
nschen zu
bew
wahren oder gar wiederzzugewinnen; mit Hilfe
Go
oethes. So kön
nne es den D
Deutschen un
nter Bezug
auff den großen Schriftstellerr gelingen, diee Achtung
derr anderen Völker wiederzuuerlangen, wo
odurch die
parrtielle Inansprruchnahme ddes Mythos Weimar
W
für
Deeutschland die einzige Mööglichkeit darrstelle, als
aneerkanntes Mitglied
M
in ddie Gemeinschaft der
61
Vö
ölker zurückzu
ukehren.
55
Diese Frage sttellt sich auch Heiinrich-August Winkler
W
in seinem
Werk: Heinrich-August Winklerr, Musste Weimarr scheitern? Das
Ende der ersten Republik und diee Kontinuität derr deutschen
nchen 1991.
Geschichte, Mün
56
Thomas Mann
n, Reden und Aufsätze, Bd. 1, Fran
nkfurt am Main
1990, 188.
57
Ebd., 189.
75
58
Karl
K Jaspers, Unseere Zukunft und G
Goethe, Bremen 1949,
1
7.
59
Ebd.,
E
11.
60
Ebd.,
E
6.
61
Ebd.,
E
12.
http://creativecommoons.org/licensess/by-nc-nd/3.0//de/
Journal of New
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76
Dass die Bun
ndesrepublik diesem Ansattz weitgehendd
folgte, lässt ssich noch heu
ute in der Installation derr
Goethe-Instiitutionen erkeennen, indem
m man darauff
vertraut, dasss Goethe mit dem gänzllich anderen,,
dem nicht aggressiven
n und un
nmilitärischen
n
Deutschland
d verbunden wird.
w
Es ist genau
u jener Drangg zur Realisieerung des
kullturell vorhan
ndenen, das in Bechers Sicht die
forrtschrittlichen von den rückkwärtsgewand
dten, wenn
niccht reaktionären Teilen ddes Bürgertum
ms untersch
heidet. So sch
hreibt Becherr über die Goethezüge
G
dieeser Bevölkeru
ungsschicht:
Dagegen bettonte der dam
malige Kultussminister derr
DDR, Johann
nes Becher (11891–1958) in
n seiner Redee
anlässlich dees 200. Geburttstages Goeth
hes, dass es in
n
Zukunft daru
um gehe, das bislang
b
„Goethe wurde zur guten Stube des deutschen
m nicht bewoohnte und in deer man sich
Bürrgertums, die man
niccht heimisch füh
hlte, sondern diie nur geöffnet wurde […]
um
m zu zeigen, daaß man […] eiin Volk der Dichter
D
und
Denker sei.“66
„herkömmlich
he und unfrucchtbar geword
dene Gesprächh
[über Goethe,, d.V.] zu unteerbrechen und es nach einerr
grundsätzlich veränderten Riichtung hin neu
u zu beginnen..
n
Es geht heutee darum, Goetthe mit andereen, mit neuen
Augen zu seheen.“62
Becher weiß
ß natürlich, wie
w dies zu geschehen hatt
und liefert zu
ugleich seinen
n Lösungsansaatz:
„So müssen w
wir Goethe beefreien von alllen denen, diee
Goethe nach w
wie vor für ihree veralteten An
nschauungen in
n
Beschlag nehm
men und ihn so
o auslegen, als wäre er nichtss
weiter als der Repräsentant irgendeiner gu
uten alten Zeit,,
die vielleicht aus ihrer Verssunkenheit sich
h erheben undd
irgendwie einm
mal zurückkeh
hren würde. Diese antiquiertee
Goethe-Monu
umentalität, diie neben Den
nkmälern derr
Säbelraßler steeht, gilt es zu erschüttern,
e
giltt es zu stürzen..
[…] Zwei Jahrhunderte hat die Geschichte dem
m
n. Die Frist derr
Bürgertum Zeeit gelassen, sicch zu bewähren
Bewährung istt abgelaufen.“63
Daher rief B
Becher die Parrole aus, „daß
ß wir Goethe,,
den Befreier,, befreien müsssen aus den Händen
H
derer,,
die sein Erbbe so schändllich verschweendet und soo
schamlos misssbraucht hab
ben“64.
Für Becher wird Goeth
he zum Reprässentanten derr
‚fortschrittlicchen Elementte‘ des Bürgerrtums, die err
für den A
Aufbau einer neuen Gesellschaft in
n
Deutschland
d gewinnen möchte. So
o wird derr
Schriftsteller zu einem wichtigen
w
Pfeiller der Erbe-Theorie der DDR, wonacch die deutsch
he Geschichtee
keine andauernde Misere geewesen sei, son
ndern es in ihrr
eine Fülle forrtschrittlicher Elemente gegeeben habe, an
n
die das neue Deutschland anknüpfen
a
kön
nne: „Goethess
Ideale waren konkrete, Goeethes Menschen
nbild war kein
n
abstraktes, Gooethes Human
nismus war reaal.“65
So wurde der von
Goethe en
ntwickelte
Hu
umanismusbeg
griff zur Brüccke, über die Teile des
Bü
ürgertums in den sozialisttischen Staat hinübergeh
hen sollten, in das Landd, in dem ‚M
Milch und
Ho
onig‘ fließen.677
Tro
otz aller Deuttungen und Innanspruchnah
hmen war
Weeimar nach der
d Wiederverreinigung Deu
utschlands
zun
nächst in kulttur- und gedeenkpolitischerr Hinsicht
aussgebeutet. Diie DDR, wellche die Stad
dt als ihr
gro
oßes kulturellee Erbe in Ansspruch nahm, löste sich
auff, während diee Bundesrepubblik mit dem Ort wenig
anffangen konntee, hatte sie dooch seit ihrer Gründung
G
im
m Jahre 1948 eigene geddenkpolitische Kultorte
ersschaffen. Es drängte
d
sich faast schon der Eindruck
auff, dass zwar viel in die wichtigsten Gebäude
Weeimars invesstiert wurde,, um den denkmalpflegerischen Aspekt
A
der Sttadt zu erhallten, doch
blieb die Stadt eiine unter vieleen.
Mit dem Brand vom 3. SSeptember 20
004 in der
nna Amalia Bibliothek
B
setzzte jedoch ein
n Wandel
An
ein
n. So wurde aus
a dem Ungl
glück ein Glüccksfall, als
nu
un unter gro
oßer nationaaler Anstrenggung der
Wiiederaufbau der Bibliothek vorangetriebeen und die
verrloren gegang
genen Bücherr durch entsp
prechende
Naachkäufe wied
der ersetzt wuurden. Mit ein
nem Male
staand Weimar durch
d
diese V
Vorgänge wied
der in den
allttäglichen Schlagzeilen, als der drohend
de Verlust
derr Bibliothek die Bedeutuung der Stadt für das
kullturelle Selbsstbewusstsein der Deutschen vor
Au
ugen führte. Es mag für unssere heutige to
ouristische
Eveentkultur fastt schon typiscch erscheinen
n, dass ein
Braand die bedrohten
b
EExponate un
nd deren
Eriinnerungswertt zurück in unnser Gedächtniis brachte.
62
Johannes Bech
her, Der Befreier,, Berlin 1949, 223.
63
Ebd..
66
64
Ebd., 258
67
65
Ebd., 223.
Ebd..
E
Vgl.
V dazu Dietrich
h Staritz, Die Grünndung der DDR, München
19995, 164.
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Zersttörter Stolz: Der
D Wiederau
ufbau
mythenbeh
hafteter Städtte am Beispiell Nürnbergs
und Drresdens
Zunächst sch
heinen Nürn
nberg und Drresden nichtss
6
miteinander gemeinsam zu haben.68
Die Freiee
Reichsstadt iin Bayern warr bereits im Mittelalter
M
einee
europaweit
bedeutendee
Wirtschaaftsmetropole,,
während diee Stadt an der Elbe erst im 18..
Jahrhundert unter den Saachsenkönigen
n zur prunk-vollen Resid
denz emporstiieg.69 Währen
nd zu diesem
m
Zeitpunkt Herder Dresden
n wegen seineer zahlreichen
n
mmlungen alss ‚Elbflorenz‘ bezeichnete,,
Gemäldesam
war Nürnbeerg für Wolfgang Amad
deus Mozartt
(1756–1791) schon wied
der zu einerr „hässlichen
n
Stadt“ heru
untergekommeen.70 Und während
w
derr
Aufstieg D
Dresdens weeitgehend im
m Sog derr
Territorialstaaatsbildung in
i Deutschlan
nd stattfand,,
die ihrerseitts mit dem Niedergang des Heiligen
n
Römischen R
Reiches Deutscher Nation verbunden
v
ist,,
war Nürnbbergs Niederggang dagegen eine direktee
Folge der T
Territorialstaaatsbildung, ist doch diee
Geschichte d
der Stadt auf das Engste mit
m jener dess
Reiches verbbunden.71 Dreesden wiederu
um hatte mitt
dem Deutsch
hen Reich nu
ur wenig zu tu
un, profitiertee
es doch meeistens davon
n, dass die Könige von
n
Sachsen zu
ugleich als Herrscher über Polen
n
fungierten. V
Vor allem abeer war Nürnb
berg über diee
längste Zeit bürgerlich geeprägt, da es hauptsächlich
h
h
vom städtiscchen Patriziatt regiert wurrde, währendd
Dresden biss zur Abdankkung des lettzten Königs,,
Friedrich Au
ugust III. (1865–1932) im
m Novemberr
1918, meist rrein höfisch geeprägt blieb.72
Warum biettet sich trotz dieser Diffferenzen ein
n
vergleichend
der Blick auf diese
d
beiden Städte an? Diee
Verbindungeen zwischen den beiden Städten sindd
dagegen erstt auf den zw
weiten Blick zu
z erkennen,,
waren sie dooch für die Geisteswissensc
G
chaften langee
Zeit ledigllich von marginaler Bedeutung..
Politikgeschiichtlich betracchtet hatten beide – jeweilss
zu unterschiiedlichen Zeitten – große AuseinanderA
68
Vgl. dazu Marrtin Schieber, Gesschichte Nürnberrgs, München
2000 und Olaf R
Rader, Kleine Gesschichte Dresden
ns, München
2005.
69
Reiner Groß, G
Geschichte Sachssens, Berlin 2001, 15.
70
Werner Blessiing, Nürnberg – ein
e deutscher Mythos, Erlangen
2004, 373.
71
72
Ebd., 65.
Vgl. dazu W. B
Blessing, Nürnbeerg (wie Anm. 70)), 34 und R.
Groß, Geschichtte Sachsens (wie Anm.
A
69), 23.
77
settzungen mit den Hohennzollern, während in
kulltureller Hin
nsicht bis hheute die ittalienische
Präägung beider Städte zuu erkennen ist. Der
wirrtschaftliche Aufstieg
A
Nürrnbergs lässt sich wohl
kau
um ohne diie Kontakte zu den itaalienischen
Kaaufleuten und
d Händlern aableiten so wie
w es die
Drresdner Gem
mäldesammlunng nicht ohne
o
die
An
nkäufe aus Italien geben würrde. Und schliießlich gilt
es aus unserer heeutigen Sicht zzu erwähnen, dass beide
Stäädte mit Lebku
uchen und Chr
hriststollen das Bild eines
‚deeutschen Weihnachten‘ staark geprägt und
u
somit
ein
niges zu ihren Mythen
M
beigessteuert haben.
Es ist jedoch eine viel näherlieegende Verbin
ndung, die
vorr allem aus historischer Sicht einen Vergleich
ungeheuer interessant erscheiinen lässt. Beiide sind in
staarkem Ausm
maße geprägtt von zwöllf Jahren
Naaziherrschaft und dem damit verbundenen
Zw
weiten Weltkriieg.73 Nürnberrg galt als diee Stadt der
Reichsparteitagee, mit deneen unweigerlich die
Nü
verbunden werden,
ürnberger Rassegesetze
R
sch
hließlich auf einer weiteeren Ebene noch die
Nü
ürnberger Kriegsverbrecherrprozesse, wäährend die
Bombennacht 13./14. Februarr 1945 zur weeitläufigen
Zerstörung Dressdens beitrug.. Obwohl vielee deutsche
S
dess Zweiten Weltkrieges
W
Stäädte in der Spätphase
durch Luftangriffe zerstört wuurden,74 unterr anderem
7
aucch Nürnberg,75
wurde ausscchließlich Dreesden zum
„Syymbol für ein
ne radikale Auuslöschung du
urch einen
76
kon
nzentrierten Bomberschlag
B
g“ . Die Grün
nde hierfür
sin
nd vielschichtig, wurde dooch von verschiedenen
Seiiten immer wieder aauf die militärische
m
Sin
nnlosigkeit dees Angriffs veerwiesen. Enttscheidend
fürr den erinnerungspolitischhen Mythos Dresdens
dürfte es jedoch gewesen sein,, dass die Staaatsführung
derr DDR bis zu deren Zusam
mmenbruch diie sichtbar
geb
bliebenen ‚W
Wunden‘ dazuu benutzte, um „die
angglo-amerikaniische“ Art dder Kriegsfüh
hrung zu
verrurteilen und
d den Westeen zur Abrü
üstung zu
bew
wegen.77
Spannend, jeedoch wenig überraschend
d dagegen
ist der Umgan
ng der Bunddesrepublik mit
m dieser
Th
hematik: hierr spielte deer Bombenk
krieg der
73
Vgl.
V dazu Rolf-Dieeter Müller (Hrsgg.): Handbuch deu
utscher
Gesschichte. Der Zweeite Weltkrieg, Bdd. 21, München 1991.
1
74
Jö
örg Friedrich, Der Brand, New Yoork 2006, 206.
75
Ebd.,
E
377.
76
O.
O Rader, Kleine Geschichte
G
Dresde
dens (wie Anm. 68
8), 104.
77
Ebd.,142.
E
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Alliierten bei der Pflege
P
des kollektiven
n
Gedächtnissees keine groß
ße Rolle78; eine intensivee
Auseinanderrsetzung dam
mit hätte wo
ohl auch diee
Bündnispolittik der BRD gefährdet und pazifistischen
p
n
Argumenten
n in der Bevölkkerung Platz geboten.
g
Alsoo
überbaute m
man eilends die
d Zerstörun
ngen, die derr
Krieg hinterllassen hatte un
nd verwies im
m Allgemeinen
n
darauf, dass der Krieg un
nter Hitler vo
on deutschem
m
Boden ausgin
ng.79
Die Nürnbeerger Kriegsvverbrecherprozesse fanden
n
ambivalent dazu in der DDR so gu
ut wie keinee
Beachtung. Sie hätten freilich den
n politischen
n
Gründungsm
mythos, der einzige deu
utsche anti-faschistische Staat zu sein, weitgehend unterminiert..
So stehen Dresden und
u
Nürnberrg für den
n
unterschiedliichen Umgaang mit dem
m National-sozialismus u
und dem Krieg im geteilten
n Deutschlandd
und schließ
ßlich auch für
f
die unteerschiedlichen
n
Vorstellungeen beim Wiedeeraufbau.
Der Mythoss Nürnberg kann gemein
nhin als diee
Erfindung zzweier Berlin
ner Studenten
n bezeichnett
werden, die d
durch ihre Wanderungen
W
im
i Jahre 17933
zu den Begrü
ündern der Romantik
R
wurd
den.80 So liestt
man in ihren
n Schriften:
„Nürnberg! D
Du vormals welltberühmte Staadt! Wie gernee
durchwandertte ich deine krummen
k
Gassen; mit welchh
kindlicher Lieebe betrachtete ich deine altvvaterländischen
n
Häuser und K
Kirchen, denen
n die feste Spu
ur von unsererr
alten vaterlän
ndischen Kunst eingedrückt ist! […] Wiee
ziehen sie micch zurück in jen
nes graue Jahrh
hundert, da du,,
derr
Nürnberg,
die
lebendiggwimmelnde Schule
vaterländischeen Kunst warstt, und ein rech
ht fruchtbarer,,
überfließenderr Kunstgeist in
n deinen Mau
uern lebte undd
webte: – da M
Meister Hans Sachs und Ad
dam Kraft, derr
Bildhauer, un
nd vor allem, Albrecht Düreer mit seinem
m
Freunde, Williibaldus Pirckheeimer, […] noch
h lebten.“81
Durch diesse Schriften wurde nich
ht nur derr
Nürnberg-M
Mythos aus der Taufe gehoben, sondern
n
die Stadt wurde zugleeich zum Inbegriff derr
mittelalterlicchen Stadt mit
m ihren romantischen
r
n
Butzenscheibben, zum Sym
mbol für han
ndwerklichen
n
78
78
Fleeiß und stiller Frömmigkeeit. So musste Richard
Waagner (1813–
–1883) dieseen Mythos nur
n
noch
auffgreifen,
um
u
Nürnbberg
durch
h
seine
„M
Meistersinger“ international bekannt zu machen.
m
Es
mu
uss jedoch in
i diesem Z
Zuge verstärk
kt darauf
auffmerksam gem
macht werdenn, dass die Weltchronik
W
von
n Hartmann Schedel (14400–1515) aus dem
d
Jahre
14993 und die darin
d
abgebilddete Stadtansiicht einen
niccht zu unterscchätzenden B
Beitrag zur En
ntwicklung
dess Nürnberg-M
Mythos leistetee.82 Sie wurdee seit dem
19.. Jahrhundertt immer wiedder reproduziiert, nicht
selten zusammeen mit Verw
weisen auf En
nea Silvio
G
Picccolominis (1405–1464) Desriptio Germaniae.
An
ngesichts dieseer bildlich gepprägten Vorstellung des
späätmittelalterlicchen
Nürrnberg
waar
den
Staadtplanern kllar, dass diee im 14. Jah
hrhundert
geb
baute Stadtm
mauer nach der 1866 erfolgten
Au
ufhebung dess Festungsstaatus der Staadt nicht
gesschleift und in einen Anlaagen- oder Sttraßenring
um
mgebaut werd
den konnte,, wie dies sonst in
Deeutschland weitgehend
w
dder Fall war.83 Am
wicchtigsten für die Stellung Nürnbergs war
w jedoch
diee Tatsache, daass seit 1423 ddie Reichskleiinodien in
derr Stadt aufb
bewahrt wurrden. So gaab Kaiser
Siggismund (136
68–1437) „dass reiche Heiligtum“ in
den
n Schutz von
n Rat und SStadt Nürnberrg.84 Zum
Ru
uhm der Staadt trugen desweiteren die hier
beh
heimateten Bildhauer
B
Adaam Kraft (14
455–1509),
Veeit Stoß (144
47–1533) undd Peter Visch
her d. Ä.
(14455–1529) beei. Für Nürnnberg als eurropäisches
Zentrum handw
werklicher Ferrtigkeiten sprricht auch
derr Umstand, dass kein ggeringerer alls Martin
Beh
haim (1459–1
1507), ein Nüürnberger, deer sich im
En
ntdeckerland Portugal
P
niede
dergelassen haatte, wo er
sich mit dem neuem
n
Wissenn über die Gestalt
G
der
Erd
de vertraut machte,
m
und inn Nürnberg den
d ersten
Glo
obus der Men
nschheit baueen ließ. Dass Nürnberg
aucch von den Hohenzolllern im Zuge
Z
der
Reichsgründung
g als mytischeer Ort akzeptieert wurde,
bildete schließlicch die Grunddlage für die Gründung
G
dess Germanischen Nationalm
museums als einer „dem
gessamten Volk gewidmete SStiftung“.85 Leeitidee des
Mu
useums war un
nd ist es noch hheute, wie es im
m Protokoll
derr Bundesversam
mmlung niedeergeschrieben wurde, die
H. Münkler, D
Die Deutschen und
d ihre Mythen (wiie Anm. 35), 365.
79
Klaus Nauman
nn, Der Krieg als Text. Das Jahr 19
945 im
kulturellen Gedäächtnis der Presse, Hamburg 1998
8, 39 f.
80
Ludwig Grotee, Die romantische Entdeckung Nü
ürnbergs,
München 1967, 20.
81
Wilhelm Hein
nrich Wackenrod
der/Ludwig Tieck,,
Herzergießungeen, Berlin 1938, 488.
82
Stephan Füssel, 50
00 Jahre Scheldescche Weltchronik,, Nürnberg
19994, 7.
83
Martin
M
Schieber, Geschichte
G
Nürnbbergs (wie Anm. 68),
6 42.
84
Wolfgang
W
Endres, carissma civitas, Weinheim 1995
5, 80.
85
M.
M Schieber, Gesch
hichte Nürnbergss (wie Anm. 68), 103.
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deutsche Gesschichte in „iihrer weitesten
n Bedeutung““
darzustellen, aalso „nicht nurr das äußerst hervortretende
h
e
politische, soondern auch das sociale, häusliche
h
undd
geistige Leben des Volkkes“ zu zeiggen und soo
Nationalbewu
usstsein und Vaaterlandsliebe zu
z festigen.86
Anders als in
n Nürnberg war
w die Myth
henbildung in
n
Dresden von
n Anfang an auf den wetttinischen Hoff
zugeschnitten
n. So wareen es vornehmlich diee
Herrscher diieses Geschlechts, welche den Bau derr
bürgerlich-prrotestantischeen Frauen- und derr
katholischen
n Hofkirche vo
orantrieben und
u somit dass
Stadtbild D
Dresdens unvverwechselbarr gestalteten..
Nicht durch den Erwerb eines
e
Vermöggens, wie diess
in Nürnberg der Fall war, sondern durch den Genusss
und dessen Zurschaustellung entwick
kelte sich derr
Dresden-Myythos, zu dem neben der Staadtansicht diee
einzigartige G
Gemäldesamm
mlung, die Atttraktivität derr
Stadt für Sch
hriftsteller, Maaler und Musiiker sowie diee
auf bürgerlicche Zustimmu
ung bedachteen kulturellen
n
Investitionen
n des Herrscheerhauses zähleen. Vor allem
m
der Ankauff der hunderrt besten Billder aus derr
Galeria Esten
nse in Modenaa war ein Kun
nsterwerb von
n
europäischen
n Ausmaßen. Unter ihnen befanden
b
sichh
Werke von Tizian (14888–1576), Ru
ubens (1577––
1640), Correeggio (1489–11534) und Raffael (1483––
1520), dessen
n Sixtinische Madonna sch
hließlich zum
m
Glanzstück der Dresdner Gemäldegaalerie werden
n
sollte.87 So errlangte die Reesidenzstadt den Titel einess
„deutschen F
Florenz“, den Herder ihm zu
z Beginn dess
19. Jahrhund
derts verlieh:
„Blühe, deutssches Florenz, mit deinen Schätzen derr
Kunstwelt! Sttille gesichert sei Dresden Olympia uns..
Phidias Winckkelmann erwach
ht an deinen Gefilden, und an
n
88
deinem Altar ssprosste Raffaell-Mengs.“
Noch vor Jen
na wurde die Stadt
S
an der Elbe
E zu einem
m
Sammlungsp
punkt der größ
ßten romantisschen Genies,,
die wiederu
um von Frieedrich Schleggel angeführtt
wurden, der einmal schrieb:
„In dem scchönen Dresd
den erwachte zuerst mein
n
jugendliches G
Gefühl, da sah ich
i die ersten Kunstwerke,
K
daa
war ich mehrrere Jahre unu
unterbrochen vertieft
v
in dass
Studium des Altertums, und
d da lebte ich oft und nochh
zulletzt die glücklichsten Tage unnter Menschen, bei denen
ich
h mich einheimiischer fühlte, alss bei allen andeeren.“89
Zu
u seinen Nachffolgern, die im
m 19. Jahrhun
ndert nach
Drresden kameen, zählen kkeine geringgeren als
Heeinrich von Kleist
K
(1777–18811), E.T.A. Hoffmann
H
(17776–1822) un
nd Ludwig Ricchter (1803–1
1884), der
diee ‚Poesie des Volkes‘ in B
Bilder fasste, schließlich
s
aucch Carl Mariia von Weberr (1786-1826)), Richard
Waagner und Robert Schumannn (1810–1856). Sie alle
hab
ben den Myth
hos Dresden uum zahlreichee Facetten
erggänzt, in desssen Zentrum
m aber weiteerhin das
Staadtbild mitssamt den reichhaltigen
n Kunstsam
mmlungen heerausragte. Deer Bombenan
ngriff vom
13.. Februar 194
45 traf daherr nicht beiläu
ufig einen
Seiitenstrang dees Mythos, ssondern ganz explizit
desssen Kern.
Diees gestaltete siich in Nürnbeerg grundlegen
nd anders.
Diee ‚Stadt der Reichstage‘ wurde zur ‚Stadt
‚
der
Reichsparteitagee‘, was ke
keineswegs auf
a
den
Tru
ugschluss zurrückzuführen ist, dass in Nürnberg
m Vormarsch
diee NSDAP sch
hneller auf dem
h gewesen
wääre als in andeeren Städten, das Gegenteiil ist sogar
derr Fall. Aussschlaggebendd war der Mythos
Nü
ürnbergs, die ‚deutscheste aller deutschen Städte‘
zu sein. Nürnberg bot dazu eiine Kulisse, wie
w sie sich
Josseph Goebbels (1897–19455) und seine Konsorten
K
als Organisatoreen der völkisschen Massen
nfeste nur
wü
ünschen konnten: Vom Parteitagsgellände am
Rande der Stad
dt fiel der Blicck auf die Nürnberger
N
Bu
urg, und dabeei verschmolzzen in der Gefühlswelt
derr Besucher diie mythisch vverklärte Verggangenheit
und die glanzvo
olle Zukunft des Reiches zu einem
ein
nheitlichen Gaanzen. So wide
dersprüchlich in
i sich die
nattionalsozialisttischen Vorrstellungen bei den
vorrangegangeneen Reichsbilddungen auch waren –
Miitte März 193
39 verbot Addolf Hitler (18
889–1945)
offfiziell die Verwendung ddes Begriffess „Drittes
Reich“90 -, die Bezugnahme
B
auf die mitteelalterliche
Reichsbildung war für diee nationalsozzialistische
Heerrschaft geraade deshalb schon von höchster
Bedeutung, da sie aucch bei deenen zu
Folgebereitschafft führte, die mit den Rasssegesetzen
ngedanken ann sich nichts anfangen
und den Rassen
kon
nnten, deneen aber ddie Wiederh
herstellung
‚deeutscher Mach
ht und Herrllichkeit‘ ein politisches
p
86
Zit. nach Robeert Czernowski, Nürnberg.
N
Eine deutsche Stadt,
Stuttgart 1998, 1178.
87
O. Rader: Kleiine Geschichte Dresdens (wie Anm
m. 68), 55.
88
Johann Herdeer, adrastea, in: deers.: Werke, Bd. 10, o.O. 407.
79
89
Zit.
Z nach Klaus Gü
ünzel, Romantik iin Dresden, Frankfurt am
Main, 1997, 28.
90
Alexander
A
Neuhau
us, Das Reich als M
Mythos, Leipzig 1993, 315.
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Concepts | ISSN 1868-66648 | Vol. 4(20012), 67-82
Anliegen waar. Für sie bott Nürnberg scchließlich diee
erforderlichee Kulisse, um
m ihren eher als vage zuu
bezeichnenden Ideen Gesttalt zu geben.
Wie Marrtin Loiperdin
nger in seinem
m Werk überr
den Parteitaggsfilm Triumpph des Willen
ns91 mutmaßt,,
hat der Film
m von Leni Riiefenstahl (190
02–2003) auss
dem Jahre 1934 die Vorstellungg von den
n
Nürnbergern
n Parteitagen weit
w stärker geeprägt, als diee
baulichen A
Anlagen Nürn
nbergs. Nur so lässt sichh
plausibel erkklären, dass Riefenstahls
R
„Inszenierung
„
g
der Inszenieerung“ als „sszenische Darstellung derr
nationalsoziaalistischen mythischen
m
Heilsgesichte“
H
“
dienen konnte.92 Diese Heeilsgeschichte war
w nicht nurr
um ein einzigges Ereignis zentriert,
z
sond
dern verlangtee
immer neuee Opfer, und der Triumph
h des Willenss
sollte den Zuschauer ins
i
kultischee Geschehen
n
einbinden u
und seine Opferbereitsch
O
haft wecken..
Dabei fungiiert Alt-Nürn
nberg als deer mythischee
Ursprungsorrt des Heillsgeschehens: Die spitz-giebligen Hääuser, die engeen Straßen un
nd Gassen, diee
städtischen B
Befestigungsan
nlagen, die Bu
urg – eben alll
die mythischen Symbo
ole des urrsprünglichen
n
Deutschtumss. Riefenstahll hat folglich den Mythoss
Nürnbergs d
dazu genutzt, um die Verw
wandlung derr
Einzelnen w
wie der Grupp
pen durch dass Wirken dess
Führers darzustellen. Hittler macht, so
s lautet diee
zentrale Bottschaft des Fiilms, aus den
n gutmütigen
n
M
undd
Deutschen harte, siegeesgewillte Männer
hingebungsvvolle, gebärfreeudige Frauen
n, mit denen
n
ein anderes,, ein starkess Deutschland geschaffen
n
werden kann
n.93 Das Alte, dargestellt
d
durrch Nürnbergg
selbst, mach
ht Platz für dieses
d
Neue, ohne jedochh
gänzlich zu
u verschwind
den, bleibt es
e doch alss
Schutzraum für alle, die mit
m der Dynam
mik des Neuen
n
nicht mithaltten können. So
S bleiben in Alt-Nürnberg
A
g
die Alten, Frrauen und Kiinder zurück, während diee
Männer und
d die Jugend siich auf den Marsch
M
in einee
neue Zeit beegeben. Der Bombenkrieg,
B
der die Stadtt
letztendlich in Schutt und
d Asche legen
n ließ, wurdee
elf Jahre nach
h dem Film frreilich zum Dementi diesess
Schutzversprrechens.
91
Martin Loiperrdinger, Der Parteeifilm „Triumph des Willens“
von Leni Riefenstahl, Opladen 19987, 107.
92
Yvonne Karow
w: Deutsches Opffer. Kultische Selb
bstauslöschung
auf den Reichsparteitagen der NSSDAP, Berlin 199
97, 161.
93
Ebd.
80
In seinem Bericcht Wieder in Nürnberg äu
ußerte sich
derr amerikaniscche Korresponndenz in Deu
utschland,
Wiilliam Shirer (1904–1993)
(
uunmittelbar vor
v Beginn
derr Kriegsverbreecherprozessee über den Zu
ustand der
Staadt wie folgt:
„Die Stadt ist versschwunden! Daas liebliche mitttelalterliche
Nü
ürnberg ist fast völlig zerstöört. Es ist nurr noch ein
riessiger Trümmerrhaufen, kaum zu beschreiben
n und wohl
kau
um wieder aufzubauen. In der prosaischen
p
Forrmulierung derr US-Army ist N
Nürnberg zu „91
„ Prozent
tot““. Die Altstadt jedoch – Heim
mat von Dürer, Sachs und
den
n Meistersingerrn – mit ihren ehrwürdigen Kirchen
K
St.
Lorrenz und St. Sebald, mit dem historischen Raathaus […]
94
ist zu 99 Prozent „tot““
„
Diee Gegenübersstellung des Nürnberg-Myythos mit
derr vorherrscheenden Trümm
merkulisse verrleiht den
Berrichten von den
d Kriegsverb
rbrecherprozesssen nicht
nu
ur ein eindruccksvolles Lokkalkolorit, son
ndern soll
aucch die gesam
mte Tragweitte der bevorrstehenden
Geerichtsverhand
dlung zur Schaau stellen. Aussgerechnet
in jener Stadt, von
v wo sich sso viel Leid au
usbreitete,
solllte ein neuess Kapitel der deutschen Geschichte
G
geö
öffnet werden, und um dies ddeutlich zu maachen, griff
maan auf den Nü
ürnberg-Mythoos zurück. Dieeser sei, so
sch
hreibt Shirer weiter, niicht erst du
urch den
Bombenangriff vom
v 2. Januar 11945 vernichteet worden:
„Die anrührendee Schönheit, dder große Ch
harme, die
eigentliche Seele der alten Stadtt waren bereitss verflogen,
als die Nazis kamen. Das hatte icch immer gespürt. Geistig
mals bereits gest
storben.“95
warr Nürnberg dam
Weer denn die Schuld
S
an dieesem Niedergaang trüge,
wu
urde in weiten
n Teilen der Bevölkerung diskutiert.
Do
och die Frage darüber
d
wurdde schon bald durch den
Wiiederaufbau deer Stadt in denn Hintergrund
d gedrängt.
In Nürnberg entschied sich dder Stadtrat 19
948 dafür,
diee alte Stadtstru
uktur aufrechhtzuerhalten. So
S durften
inn
nerhalb der alten
a
Stadtmaauer keine Ho
ochhäuser
oder Flachdächeer gebaut werdden. Dagegen versuchte
maan, die vorhaandene Bausuubstanz zu reetten und
Neeubauten wenn möglich „harmoniscch einzufüggen“.96 So wurrde sichergesttellt, dass die zentralen
Kirrchen, wie auch
a
das Düürer-Haus und weitere
„G
Gebäude mit ho
ohem historisschen Erinnerungswert“
wieederhergestelllt werden koonnten. Aberr all dies
kon
nnte nicht darüber
d
hinwe
weg täuschen, dass das
94
William
W
Shirer, Wieder
W
in Nürnberrg, New York 196
62, 27.
95
Ebd.
E
96
M.
M Schieber, Gesch
hichte Nürnbergss (wie Anm. 68), 171.
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mittelalterlicche Flair des alten
a
Nürnberrgs für immerr
verloren waar, da die Sozialstruktur der kleinen
n
Läden und Handwerksbeetriebe, welch
he in großen
n
Zügen die h
historische Alttstadt geprägtt hatten, sichh
nicht konservvieren ließen. Die ikonischee Verdichtungg
des Mythos war danach
h nur noch auf
a musealerr
Ebene mögglich, und hierfür
h
war die Altstadtt
Nürnbergs selbstverständ
dlich zu grroß. Folglichh
wurden diee Memorialb
bereiche bescchnitten, siee
begrenzen siich heute vielm
mehr auf die unmittelbaree
Nähe der Burg, dem Geebiet um das Dürer-Hauss
sowie um diee Tore der Staadtmauer. So erzeugt diesee
Kulisse einen
n einzigartigen
n Anblick, vor allem dann,,
wenn der Ch
hristkindlmarkkt stattfindet.
In Dresden dagegen wurrde unter der Leitung von
n
Walter Ulbrricht das Ko
onzept der ‚sozialistischen
n
Stadt‘ realissiert. Hierbeii wurde stattt der alten
n
Grundrisse und den bekannten Liniienführungen
n
nittene Stadtt
eine den A
Anforderungeen zugeschn
entwickelt. Dass man auf den Protest derr
Bevölkerungg hin ausgewäh
hlte Objekte, wie etwa den
n
Zwinger, restaurierte, fälltt dem gegenüber kaum inss
Gewicht. Dieeses Stadtbild
d, zur Hälfte noch
n
zerstört,,
zur Hälfte im
m Wiederaufb
bau begriffen, gerade diesee
Ambivalenz nährte die Erinnerung an die einstt
schönste Sttadt Deutsch
hlands.97 So dienten diee
Ruinen deer Stadt der
d
DDR-Fü
ührung den
n
Bombenkriegg der Alliierteen anzuklagen
n, was seinen
n
Ausdruck au
uf den Gebäu
uden selbst fand,
fa
als dortt
etwa zu leseen war: „Hierr zerstörten amerikanische
a
e
Bomber eine Kulturstättte“.98 Und diie Sächsischee
Zeitung schrieb passenderrweise dazu:
„Für die Herrren von der Wallstreet
W
und der
d City ist derr
Krieg
imm
mer
nur
eiin
Geschäft,
und
diee
Terrorbombarrdierungen,
die
militärissch
sinnlosee
Zerstörung D
Dresdens sollte ihnen auch bis zum letzten
n
Augenblick ihre großen Profiite sichern.“
Wer jedoch den Krieg beegonnen hatte, fand keinee
Erwähnung. Vielmehr ging es darum, diee
‚amerikaniscchen Kriegstreeiber‘ zu verurteilen, deren
n
Methoden, unter anderrem auch durch
d
keinen
n
geringeren aals Victor Klemperer (188
81–1960) mitt
denen der „nazistischen
n Luftwaffe“ gleichgesetztt
wurden. So heißt es in
i dem bereeits zitierten
n
Zeitungsartikkel weiter:
„Das zerstörte Drresden, früher eeine der schön
nsten Städte
Eurropas, und diee bestialische EErmordung ein
nes großen
Teiils seiner Bewohner, das sinnd die Visiten
nkarten der
pro
ofithungrigen, blutrünstigenn anglo-amerrikanischen
Imperialisten.“99
Diees war nur un
nwesentlich einne andere Ton
nwahl, wie
sie Goebbels direekt nach dem A
Angriff 1945 vornahm.
v
Mit dem Beginn der Entsspannungspollitik unter
undeskanzler Willy
W Brandt (1913–1992) (dem nun
Bu
im
m Forum Willy
y Brandt Berllin eine ausgeezeichnete
Daauerausstellun
ng gewidmeet ist) verlor die
pro
opagandistisch
he Nutzung dder Trümmer Dresdens
ihrre Bedeutung
g, in dessen Zuge unter Staatschef
Eriich Honeckerr (1912–19944) die Semperroper, die
Ho
ofkirche und das
d Schloss wiiederaufgebau
ut wurden.
Daagegen berieffen sich im
mmer mehr kirchliche
Orrganisationen auf den 13. Feebruar um paazifistische
Parrolen verbreitten zu könneen und mach
hten somit
derr SED das Intterpretationsm
monopol streittig, indem
sie nicht nu
ur gegen ddie „imperiaalistischen
Strreitmächte“ protestierten,
p
sondern sich
h zugleich
aucch gegen die sozialistischen
s
n Militärs richtteten.100
All dies macchte schon früüh deutlich, wohin
w
die
Reise gehen kön
nnte. Als Bunddeskanzler Helmut Kohl
sch
hließlich im Dezember
D
19899 zu einem Treffen
T
mit
dem
m Chef der Übergangsregi
Ü
ierung der DDR, Hans
Mo
odrow nach Dresden
D
kam,, sei ihm nacch eigenen
An
ngaben klar geworden, dass die DDR auch
politisch am En
nde war undd die deutsch
he Einheit
kom
mmen werde:
„Der gesamte Flughafen […
…] war bevö
ölkert von
usenden von Menschen,
M
einn Meer von scchwarz-rotTau
golldenen Fahnen wehte in der kkalten Dezemb
berluft […].
Alss die Maschinee ausgerollt waar, ich auf derr untersten
Stu
ufe der Rolltreppe stand und M
Modrow mit veersteinerten
Miene auf mich zukam […], ddrehte ich micch zu Rudi
anzleramtes, d.V
V.] um und
Seiters [dem Cheff des Bundeskan
i gelaufen.““1001
saggte: „Die Sache ist
Im
m weiteren Veerlauf des Taages wurde Kohl
K
dann
klaar, dass er einee Rede haltenn müsse. „Aber wo? Der
dam
malige Oberb
bürgermeisterr Wolfgang Berghofer
kam
m auf die Ideee, ich könnte ddoch vor der Ruine der
Fraauenkirche sprechen.“102
99
Zit
Z nach Herbert Neutzer,
N
Vom Annklagen zum Erin
nnern, Berlin
19995, 140.
100
97
Hans Meinharrdt, Der Mythos vom
v
alten Dresdeen, Köln 1985,
177.
101
98
102
Sächsische Zeitung vom 23.05.1949, 13.
81
Ebd.
E
Helmut
H
Kohl, Ich
h wollte Deutschlaands Einheit, Mü
ünchen 2004,
2133 f.
Ebd.,
E
214.
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Da der Bund
deskanzler darauf nicht vorrbereitet war,,
musste er spoontan reagiereen. Dazu Kohll:
„Mir war […]] klar, daß es eine
e
der schwierigsten, wenn
n
nicht die schw
wierigste Rede überhaupt in meinem
m
Leben
n
werden würdee. […] Jeder fallsche Zungenscchlag, der dann
n
in Paris, in
n London, in
n Moskau womöglich
w
alss
nationalistisch
h hätte ausgelegt werden kön
nnen, hätte derr
Sache enorm ggeschadet.“103
Kohl bemüh
hte sich dah
her, die Stimmung seinerr
Zuhörer nich
ht überkochen zu lassen, und bedientee
sich hierfür dem Dresdeen-Mythos. So verwies err
darauf, dass in wenigen Tagen
T
das letzte Jahrzehntt
des 20. Jahrrhunderts begginnen werdee, und fasstee
dieses scheid
dende Jahrhun
ndert kurz zusammen:
„Es ist ein Jahrrhundert, das in Europa und auch
a
bei uns in
n
Deutschland vviel Not, viel Elend, viele Tote,
T
viel Leidd
gesehen hat. Ein Jahrhundeert, das auch eine
e
besonderee
Verantwortungg der Deutscchen für manch Schlimmess
immer wiederr gesehen hatt. Hier, vor der
d Ruine derr
Frauenkirche in Dresden
n, habe ich gerade ein
n
de niedergelegt,, auch in Erinn
nerung an dass
Blumengebind
Leid und die T
Toten dieser wu
underschönen, alten
a
deutschen
n
Stadt.“104
Der Wiederraufbau der Frauenkirche brachte diee
formale Wiedervereinigu
ung von 199
90 zu einem
m
Abschluss, m
mit dem die leetzte sichtbaree ‚Wunde‘ dess
Krieges gescchlossen wurd
de. Gleichzeittig wurde err
selbst zum M
Mythos, welcheer von der Rü
ückgewinnungg
des vernichtteten Dresden
n als der ‚sch
hönsten Stadtt
Deutschlandss‘ berichtet. Das im Kriieg Zerstörtee
wurde restau
uriert und zusammengefü
z
ührt, und ess
zeigte sich baald, dass dam
mit auch ein Sttück Stolz derr
Deutschen Eiinzug fand.
103
Ebd., 217.
104
Ebd., 221.
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