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1 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Starúschka Wie ein altes

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2
SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Starúschka
Wie ein altes Mütterchen dem Milizionär zeigte, was eine Harke ist
Autorin:
Ante Leetz
Redaktion:
Nadja Odeh
Regie:
Felicitas Ott
Sendung:
Montag, 31.12.12 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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MANUSKRIPT
Atmo Ljudmila Petruschewskaja singt auf die Melodie „Bei mir bist du schön“ ihr Lied
über die Großmutter, die an der falschen Stelle über die Straße geht und vom
Milizionär festgehalten wird.
Bei mir bist du schejn …
Staruschka ne spescha
Doroshku pereschla
Jejo ostanowil patrul gbdd
Skasal staruschke ment:
Sdes perechoda njet.
Spasibo goworit ona, a gde?
Po barabanu teper gde
Skasal patrul gbdd
Pered staruschkoi wstaw:
Platite schtraf!
Sprecher (Prosaübersetzung des russischen Liedes):
Eine Starúschka, ein altes Mütterchen, überquert seelenruhig die Straße. Da hält sie
ein Schutzmann fest: Hier ist kein Übergang! - Vielen Dank, sagt die Alte, wo denn?
Zu spät, sagt der Schutzmann und versperrt ihr den Weg: Strafe zahlen!
Atmo Moskauer Filmhochschule. Regieseminar. Zwei Studentinnen improvisieren
eine Szene.
Erzählerin:
Die Moskauer Filmhochschule. Sie liegt an einer belebten Straße mitten im Zentrum
Durch das geöffnete Fenster dringt der Autolärm. Die Studentinnen Tina und Alessja
scheint das nicht zu stören. In einem Regieseminar improvisieren sie soeben eine
Szene aus dem Leben einer einsamen alten Frau.
Atmo Tina:
Njet, uschol. Goworit, rabota… Da, njet, wot sdes wot, pod rubaschke. A u menja
jestscho… Ja segodnja schla i noshku podwignula. Wot tut wot sustaw. Wam ne
kashetsja, posmotrite. Prawaja noga wot chudeje kak-to.
Erzählerin:
Es ist Silvesterabend, und weil sie ihr Alleinsein nicht mehr erträgt, hat die alte Frau
unter einem Vorwand die Ärztin zu sich gerufen.
„Mein Sohn ist schon fort“, klagt sie, „muss arbeiten, hat er gesagt. Hier tut‘s so weh,
unterm Hemd. Außerdem hab ich mir den Fuß umgeknickt. Gucken Sie mal, das
rechte Bein ist viel dünner als das linke.“
Atmo Alessja:
Tak, nu ja tut wsjo napisala … Prosto plocho prosluschiwajetsja. Dowolno leshat
spokoino. Tak. Ot was moshno poswonit.
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Erzählerin:
Auch wenn das Herz nur schwach zu hören sei, solle sie sich keine Sorgen machen,
tröstet die Ärztin die Alte. „Sie müssen einfach nur ruhig liegen bleiben.“
Atmo Tina und Alessja:
Doschetschka, tut wosmi! Chot pojesch w doroshke. Nu da ladno, mamascha, ne do
piroshkow sejtschas! … S jablotschkami domaschimi. Ja starals otschen. – Nu wsjo,
mamascha! – Dlja synka ja delala. – Nu choroscho. Wot on pridjot i Wy jego … A to
ushe Nowy god skoro. Wse ljudi wstretschajet doma. Tolko mnje tut taskatsja. – S
prasdnitschkom, detotschka. – Ushe wtoroi god takoje prikljutschenije… Nu, wsjo
mamascha, s nowym godom was!
Erzählerin:
„Töchterchen, nimm doch ein Stück Kuchen“, fleht die Alte. „Ich hab ihn für meinen
Sohn gebacken.“ Sie will die Ärztin nicht gehen lassen und bittet sie, sich an ihr Bett
zu setzen. Die Ärztin wiederum verflucht ihre eigene jämmerliche Situation an diesem
Feiertag. Während andere im Kreise ihrer Lieben feiern, hockt sie bei einer einsamen
Alten am Bett. Sie wünscht ihrer Patientin ein gutes, neues Jahr und geht.
Petruschewskaja:
Tak! Posmotrite, skolko wsjakich tut proischodjat westschej, a? Nu posmotrite.
Snatschit!
Sprecherin Overvoice:
Was in dieser einen Szene alles verborgen ist! Großartig!
Atmo Ljudmila Petruschewskaja. leitet das Seminar.
Erzählerin:
Angeleitet wird das Regieseminar von Ljudmila Petruschweskaja. Mit ihren bald 75
Jahren eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Chansonsängerinnen
Russlands. Sie ist von der Arbeit ihrer Schülerinnen ganz angetan.
Petruschewskaja:
Widimo proischodit tragedija. Moshet byt ona pomirajet. Widimo neobchodimo
wysywat skoruju, schtoby jejo ottaskiwat. Wremja nowy god, skoraja prijesshajet
tscheres tschas… Posmotrite, kakoje raswitije moshet byt sdes. Ona pirogi jestscho
pekla. A u njejo takaja ushe istorija, schto wsjo. Finish!
Sprecherin Overvoice:
Offenbar passiert hier gerade eine Tragödie. Vielleicht stirbt die Alte. Vielleicht hätte
die Ärztin den Notarzt rufen müssen. Aber es ist Silvester und wer weiß, wann der
Notarzt kommen kann. Was für ein Drama sich hier entwickelt! Und die Alte hat noch
Kuchen gebacken. Dabei ist ihr Ende nahe. Finish.
Alessja:
Ja tak predstawljaju, mnje obytschno swonjat, ja na skoruju skolko rabotala,
woobstsche, lisch-by pogoworit.
Petruschewskaja:
Konetschno!
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Alessja:
Potomu schto im bolsche nitschego ne shdjot.
Petruschewskaja:
Lisch by pogoworit. No oni w konetschnom itoge… Snajete, Alessja…
Alessja:
Im ne spitsja. Notschju, w tri utra.
Erzählerin:
„Als ich beim Notarzt gearbeitet habe“, erzählt Alessja, „haben uns die alten Leute
angerufen, einfach nur, weil sie mit jemandem reden wollten. Sie können nicht
schlafen und rufen dann nachts um drei an.
Petruschewskaja:
Kladbistsche wsjo sapolneno simulantami. Wot ona goworit, goworit i podochnet …
Korotsche goworja, kogda sritel widit wot takoje nestschastje, kotoroje proischodit s
odnim tschelowekom… Wosnikajet nekotoraja mogutschaja energija u sritelja.
Sobstwenno, eto jest to, tschego my dobiwajemsja. Kogda tschelowek sabywajet
sam sebja, kogda sidit w sritelnom sale. I on chotschet poprawit etu situaziju.
Tschem bolsche eta situazija ostajotsja na meste ili dashe jestscho uchudschajetsja,
tem bolsche shelanije jejo ulutschit… Kogda na szene ili w kino ili w literature
tschelowek malo ponimajut i idjot prjamo na wstretschu opasnosti, bescheno
natschinajetsja bitsja serdze!
Sprecherin Overvoice:
Wissen Sie, Alessja, der Friedhof ist voll von Menschen, die vor Einsamkeit und
Angst gestorben sind und nicht etwa, weil sie eine ernsthafte Krankheit hatten. Die
Alte redet und redet, und plötzlich ist sie tot. Wenn der Zuschauer im Film ein solches
Unglück sieht, entsteht eine gewaltige Energie. Er will diese Situation unbedingt
verändern. Je mehr sie auf der Stelle tritt oder sich sogar noch verschlimmert, desto
größer wird sein Wunsch einzugreifen. Wenn ein Mensch direkt auf einen Abgrund
zugeht, ohne dass er es merkt, klopft das Herz des Zuschauers wie wild.
Lied
Towaristschi gaizy
Rodimyje otzy …
… I ich istschi, swistschi!
Sprecher Overvoice:
Genosse Verkehrspolizist, Väterchen, Guter. Ich will ja die Strafe zahlen. Wohin
muss ich das Geld bringen? Am sechsten krieg ich meine Rente. - Aber der Polizist
kennt solche alten Weiber. Die sind gerissener als jeder Kerl. Denen kannst du
hinterher pfeifen wie du willst. Die hören einfach nicht.
Atmo Petruschewskajas Gang durch Moskaus Straßen.
Erzählerin:
Ljudmila Petruschewskaja auf ihrem Nachhauseweg. Sie liebt die Innenstadt von
Moskau, die Jugendstilhäuser, die belebten Straßen und Höfe.
Zu sowjetischen Zeiten arbeitete sie als Journalistin, zog mit Mikrofon und Notizbuch
durch die Straßen und schrieb auf, was sie sah und hörte. Ihre Reportagen und
Erzählungen durften damals nicht erscheinen. „Schwarzmalerei“,
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„Nestbeschmutzung“ hieß es. Damals lebte sie von dem wenigen Geld, das sie für
Übersetzungen bekam mit Mann und drei Kindern in einer winzigen Wohnung. Auch
heute hat ihr die ungeschminkte Darstellung der wachsenden sozialen Unterschiede
den Ruf einer harten Realistin eingebracht. Eine die bis zur Schmerzgrenze geht.
Den Stoff für ihre Geschichten findet sie täglich auf der Straße. Wie jetzt, als plötzlich
eine alte Frau vor ihr steht: in viel zu großen Schuhen und einem dünnen Mantel. Bei
Minusgraden. Stumm und verschreckt.
Atmo Schritte auf der Straße
Petruschewskaja:
Wy ustali, dama? Da, bednaja! Nawernoje obuw ne sowsjem… Koschmar!
Sprecherin Overvoice:
Sie sind bestimmt müde, gute Frau? Sie Arme! Sie haben auch gar keine passenden
Schuhe an.
Erzählerin:
Die alte Frau gibt keine Antwort. Sie macht einen verwirrten Eindruck. Offenbar findet
sie ihr zu Hause nicht mehr. Sie traut sich keinen Schritt weiter. Die vielen Autos
machen ihr Angst. Ljudmila Petruschewskaja will die hilflose Alte nicht einfach so
stehen lassen und beschließt, sie aufs nächste Polizeirevier zu bringen. Doch das
alte Mütterchen will nicht weiterlaufen.
Petruschewskaja:
Posmotrite, posmotrite! Kak sdorowo! Tut takije prostranstwa! Wot w takom meste tri
prostranstwa, tri komnaty kak by. Wo! Eto jest tot samy modern … A schto eto
takoje… Ne ponjatno! Towaristsch ne ponimajet … Nadstroili, schto li … Wy snajete,
kak nalewo krasiwo!
Sprecherin Overvoice:
Gucken Sie mal, hier, meine Liebe! Die Häuser! Die sind doch wunderschön! So viel
Weite! Drei weite Räume sind in diesem Hof, wie drei Zimmer! … Und dort, was kann
das sein? Verstehe ich nicht. Da haben sie was drauf gebaut! Aber hier, schauen Sie
nach links! Wie schön!
Erzählerin:
Ljudmila Petruschewskaja lockt die alte Frau wie ein kleines Kind, erzählt ihr von den
alten Moskauer Häusern und zieht sie dabei behutsam weiter. Doch die Alte bleibt
immer wieder stehen. Schließlich kramt sie allerlei Papiere aus ihrer abgewetzten
Einkaufstasche.
O-Ton Petruschewskaja
Sprecherin Overvoice:
Hier lassen Sie uns haltmachen und über Barmherzigkeit sprechen…
Erzählerin:
Aus einem Szenarium, das die Schriftstellerin für einen Zeichentrickfilm nach Nikolai
Gogols Erzählung „Der Mantel“ schrieb.
Sprecherin Overvoice:
… Barmherzigkeit ist die erste Regung eines Menschen, der von Mitleid ergriffen ist.
Nach Barmherzigkeit verlangt das Kind, das sich verlaufen hat, der Blinde am Rande
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des Abgrunds, das kleine Mädchen, das fröstelnd auf der Straße steht und die Hand
ausstreckt. Aber es gibt Situationen, wo es nicht so einfach ist, jemandem zu helfen –
es sei denn, man würde sein ganzes Leben darangeben. Versuch mal, einen
Obdachlosen bei dir aufzunehmen! Hier schrickt der gute Mensch zurück. Vermag er
ein solches Kreuz zu tragen? Sein eigenes Kreuz kommt ihm schon schwer genug
vor …
Atmo Milizrevier
Erzählerin:
Ein graues, niedriges Gebäude. Über dem Eingang der doppelköpfige russische
Adler mit der Krone. Es ist das 88. Revier und befindet sich ganz in der Nähe der
Filmhochschule. Mit Müh und Not hat Ljudmila Petruschewskaja die alte Frau hierher
gebracht. Zwei diensthabende Milizionäre sitzen in einem dunklen Büroraum.
Sie tragen schwarze Uniform. Als die beiden Frauen eintreten, setzen sie ihre
Mützen mit dem doppelköpfigen Adler auf. Hier wird Respekt verlangt. Die
Milizionäre wollen als erstes die Papiere sehen. Sie habe nichts bei sich, murmelt die
Großmutter ganz eingeschüchtert. Ljudmila Petruschewskaja jedoch lässt sich von
so viel Staatsmacht nicht beirren.
Petruschewskaja:
Njet, dawaite adres naidjom. Ja sama prepodaju na kursach tam. Ja pisatelniza …
Sprecherin Overvoice:
Wir müssen ihre Adresse finden. Ich unterrichte in einem Seminar hier ganz in der
Nähe. Ich bin Schriftstellerin …
Alte Frau:
Jedinoje, pensionnoje… I dengi…
Erzählerin:
Die Alte holt vergilbte Dokumente und ein paar Kopeken aus ihrer Tasche.
Petruschewskaja:
Eto staroje pensionnoje. 75 rublej.
Sprecherin Overvoice:
Das ist eine alte Rentenbescheinigung: 75 Rubel.
Erzählerin:
Die hat man mir gegeben, sagt die Alte.
Petruschewskaja:
A wot jestscho udostowerenije. Wot. 194 rublja ona polutschajet. Wtoraja gruppe
invalidnosti. Eto nowoje. Bessrotschno. A adres? Adres, adres, wot! Wot telefon –
rabotschi jest, 0075, slawa tebe gospodi. Russakowa Jana Witalijewna.
Sprecherin Overvoice:
Hier ist noch eine Bescheinigung. 194 Rubel Rente kriegt sie und sie ist
schwerbehindert, steht da. Die ist neu. Keine Adresse, aber hier ist die
Telefonnummer der Betreuerin. Gott sei Dank. Russakowa Jana Witalijewna.
Alte Frau:
Oi! Choroscho!
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Erzählerin:
Zuerst scheint auch die Alte erfreut, dann aber weint sie: „Wenn sie böse auf mich
ist, schlägt sie mich. Bitte nicht anrufen!“, bettelt sie.
Alte Frau:
Ona serditaja i pobjot menja. Ne nado!
Petruschewskaja:
Pobjot, da? Ne nado! Boites Wy jejo. Ushas kakoi. Ja pisatelniza, wot slutschaino
wstretila na ulize poterjawschujusja staruchu. Pokashite wasch dokument, wot tot
wot! Tam otschen interesnoje pismo, kotoroje napisala jejo opekunscha. Widimo, ona
sanjala jejo kwartiru, schto li. Gde u was? A wot! Wot dokument! Wot, posmotrite.
Moshno?
Sprecherin Overvoice:
Sie haben Angst vor ihr, meine Gute! Das ist furchtbar.
Erzählerin:
Und wieder redet sie auf die beiden Milizionäre ein:
Sprecherin Overvoice:
Ich habe zufällig auf der Straße diese alte Frau gefunden, die sich verlaufen hat.
Zeigen Sie den Milizionären die Papiere!
Erzählerin:
... fordert sie die Alte auf.
Sprecherin Overvoice:
Hier ist ein sehr interessanter Brief, den ihre Betreuerin geschrieben hat. Offenbar
hat sie sich die Wohnung der Alten angeeignet. Hier ist das Dokument! Schauen Sie!
Petruschewskaja:
Wot, posmotrite!
Erster Milizionär:
Smysl kakoi smotret. My sejtschas jej pomoshem…
Erzählerin:
„Was hat das für einen Sinn?“, wehrt der erste Milizionär ab. „Gleich helfen wir ihr
…“
Petruschewskaja:
Ja, Petruchina, peredaju w sobstwennost Russakowoi prinedljastschuju mnje po
prawu sobstwennosti kwartiru.
Sprecherin Overvoice:
Die Petruschewskaja liest vor: Ich, die Petruchina, übergebe der Russakowa die mir
gehörende Wohnung als Eigentum.
7
Erster Milizionär:
Eto dogowor materialno oformljenny.
Zweiter Milizionär:
Ja sodershatel… Ja objasujus, wot widite.
Petruschewskaja:
Ja; da! Da! Ja sodershatel … sodershat pitanije i mojej odeshdy i wse ritualnyje
uslugi posle smerti.
Sprecherin Overvoice:
Ich, die Besitzerin, erkläre … Sie bekommt meine Wohnung und wird sich im
Gegenzug um meine Ernährung, meine Kleidung und um alle rituellen Verrichtungen
nach meinem Tode kümmern.
Erzählerin:
„Das ist ein gültiger Vertrag“, meint der erste Milizionär. „Ich verpflichte mich, steht
hier, ihr die Wohnung zu übergeben. Sehen Sie“, unterstützt der zweite seinen
Kollegen.
Petruschewskaja:
A kwartira sochranjajetsja poshisnennomu polsowaniju Petruchinoi.
Sprecherin Overvoice:
Ich, Vera Petruchina, behalte das Recht, in der Wohnung zu bleiben, solange ich
lebe.
Alte Frau:
Saimit, saimit.
Erzählerin:
„Sie nimmt sich die Wohnung“, murmelt die Alte.
Petruschewskaja:
Kwitanzija tschego-to. A sdes wot posmotrite! Potschitaite wot eto pismo. Jego
napisala opekunscha.
Sprecherin Overvoice:
Hier ist noch eine Quittung. Hier! Lesen Sie doch diesen Brief. Von der Betreuerin.
Erster Milizionär:
Ne nado. Schto-she. Pomotsch moshno. A mnje wsjat satschem. Ne nado.
Erzählerin:
„Wozu?“, wehrt der erste Milizionär ab. „Helfen können wir ihr. Aber wozu brauch ich
diesen Brief?“
Petruschewskaja:
Ona eto prosto nam dala, schtoby my wsjo eto delo posmotreli. A pismo eto napisala
jejo opekunscha.
Erster Milizionär:
Uberite, poshaluista. Wosmite. Pomotsch… Wysowjem sejtschas jejo opekuna i
otprawim domoi. Wot tak.
8
Atmo Petruschewskaja
Sprecherin Overvoice:
Sie hat ihn mir gegeben, damit ich ihn mir ansehe und ihr helfe. Diesen Brief hat ihre
Betreuerin geschrieben.
Erzählerin:
Nehmen Sie das bitte weg! Wir rufen jetzt ihre Betreuerin an und schicken sie nach
Hause. Basta.
Alte Frau:
Ne nado.
Erzählerin:
„Bitte nicht“, bettelt die alte Frau.
Petruschewskaja:
Ona boitsja.
Sprecherin Overvoice:
Sie hat Angst.
Zweiter Milizionär:
A kuda my jejo? My-she k sebje ne wosmjom.
Erzählerin:
Der zweite Milizionär: „Wo sollen wir denn hin mit ihr? Wir können sie doch nicht mit
nach Hause nehmen!“
Petruschewskaja:
Skashite, a moshno jejo poloshit w bolnizu, skashem sejtschas. Kak tscheloweka,
poterjawschegosja na ulize. Ona w Botkinskoi leshala.
Sprecherin Overvoice:
Kann man sie nicht in ein Krankenhaus bringen, jetzt gleich. Als Person, die sich auf
der Straße verlaufen hat.
Erster Milizionär:
Sejtschas my pogoworim s njej, a potom ushe… Wratsch-psychiatr prijedet i sprosit.
A rasgowariwat s njeju… my ne snajem.
Erzählerin:
Wir werden jetzt mit der Betreuerin reden, und dann sehen wir weiter … Der
Psychiater kommt gleich und befragt sie. Wenn w i r mit der Alten reden, hat das
wenig Zweck. Wir kennen uns da nicht aus.
Hier endet die Szene im Büroraum. Die wir ganz unvermutet heimlich genau so
aufzeichnen konnten, wie das Leben manchmal spielt.
Atmo (die Schriftstellerin schreibt laut das Protokoll) … na Rjabuschinskom pereulke
poshiluju shenstschinu, kotoraja plocho goworila i soobstschila, schto ona sabljudilas
i ne moshet naiti swojego doma.
9
Sprecherin Overvoice:
… in der Rjabuschinski Gasse eine alte Frau, die nur mit Mühe artikulieren konnte.
Sie teilte mir mit, dass sie sich verlaufen hat und ihr Haus nicht finden kann.
Erzählerin:
Ljudmila Petruschewskaja hat sich Papier und Bleistift geben lassen, um das
Geschehene zu protokollieren. Die Milizionäre waren dagegen. Wozu soviel
Aufhebens machen? Aber die Schriftstellerin hat nicht locker gelassen und auf dem
Revier einen Raum gefunden, in dem sie ungestört schreiben kann. Wer weiß?
Petruschewskaja:
Ona pokasala dokumenty, is kotorych stalo jasno, schto ona invalid wtoroi gruppy,
odinoko, shiwjot w Selenograde i otdala swoju kwartiru opekunsche Jane… Vere
Petruchine 75 let.
Sprecherin Overvoice:
Sie zeigte mir Papiere, aus denen hervorging, dass sie schwerbehindert ist, alleine
lebt und ihre Wohnung der Betreuerin Jana Russakowa übergeben hat. Die
Wohnung von Vera Petruchina befindet sich in Selenograd. Vera Petruchina ist 75
Jahre alt.
Atmo Petruschewskaja geht über in ein Lied:
Lied
Gbdd stoit prinjaw uporny wid
Staruschku ne shelaja otpuskat
Dawno pora ponjat
Schto nekuda linjat
Pridjotsja srotschno deneshki otdat.
Gbdd narjad
On moshet sam ne rad
Natschalstwu dolshen sdat on tysjatschu pjat rublej!
Sprecher Overvoice:
Der Schutzmann lässt nicht locker. Er hält die Alte fest. Die müsste doch längst
wissen: Ausreißen hat keinen Zweck. Die Strafe muss sie gleich zahlen. Der
Schutzmann ist im Dienst. Mag sein, ihm selbst ist’s peinlich. Doch der Chef will 5000
Rubel seh’n!
Atmo Am darauf folgenden Tag in der Wohnung der Petruschewskaja.
Erzählerin:
Ljudmila Petruschewskaja redet mit ihrer Katze Musja. Auch so ein Wesen, das sie
von der Straße aufgelesen hat. Inzwischen ist die Schriftsllerin so erfolgreich, dass
sie sich eine großzügige 4-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Sokolniki Parks leisten
kann. Die ganze Nacht hat sie nicht geschlafen, weil sie unentwegt an die alte Frau
auf dem Milizrevier denken musste. Warum nur hat sie die Arme dorthin geschleppt?!
Sie hätte sich doch denken können, wie das endet! Im besten Fall kommt die Alte
zurück in ihre Wohnung. Und die Betreuerin wird sie so lange schikanieren, bis sie
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die Wohnung verlässt. Am besten mit den Füßen voran. Oder sie kommt in eine
psychiatrische Anstalt.
Petruschewskaja:
Kwartira – eto straschnaja problema… Stolko istorii etich ja skopila u sebja w grudi.
Stolko ja ich snaju. Kak goworil Bulgakow, my choroschije ljudi, no nas isportil
kwartirny wopros. Sejtschas tolko natschinajetsja wosmoshnost schto-to prodat i
schto-to kupit. I wsjo eto prosto kak w kotle kipit… I eto jestscho w Moskwe, gde wsjo
taki mnogo wosmoshnosti. A w provinzii eto woobstsche nerasreschimaja problema,
osobenno kogda mush pjot i bujanit … nasilije … eta shenstschina, kotoraja
chotschet eto sdelat, ona podwergnut sa strakismu i posoru po wsemu gorodu. I
konetschno nikto is milizii ne poidjot jej nawstretschu. Wy byli wmeste so mnoi w
milizii. Oni ne shelajut delat nitschego. Wot pridjot shenstschina, kotoruju
isnasilowali. Kak wy dumajete, kak jejo wstretjat. Oni ne budut u njejo prosto sanimat
sajawlenije.
Sprecherin Overvoice:
Wohnungen sind ein schreckliches Problem. Ich kenne viele solcher Geschichten.
Wir sind alle gut, hat einmal der Schriftsteller Michail Bulgakow gesagt, aber das
Wohnungsproblem macht uns zu Monstern. Erst in letzter Zeit lockert sich das Ganze
ein bisschen. Aber immer noch sieden vor allem alte Leute wie in einem Kessel. In
Moskau geht es heute halbwegs, aber in der Provinz ist es aussichtslos. Besonders
wenn der Mann trinkt oder gewalttätig wird … Wenn eine alte Frau zur Miliz kommt
und anzeigen will, dass man Gewalt gegen sie anwendet, wird sie nicht ernst
genommen. Kein einziger Milizionär hört ihr zu. Ich habe das gestern auf dem Revier
gesehen. Dort unternehmen sie gar nichts. Da kommt eine Frau, die geschlagen
wird. Und wie empfängt man sie? Man nimmt nicht einmal eine Strafanzeige an.
Erzählerin:
Viele Stunden ist die Schriftstellerin düster in ihrer Wohnung hin und hergegangen.
Das Schicksal der Alten lässt sie nicht los. So manche Frau aus ihrem
Bekanntenkreis fällt ihr ein, die auf Almosen angewiesen ist. In Moskau sieht man
selbst bei bitterer Kälte Großmütter an den Metrostationen stehen und
selbstgestrickte Socken verkaufen.
Petruschewskaja:
Ja chotschu skasat, Rossija – eto mesto, gde shenstschina jestscho nachoditsja w
podlom sostojanii, w rabskom. Ona raba swojej semji. Ona raba swojego
natschalnika. I to schto, skashem, na sapade, harsment, eto prestuplenije, to w
Rossii eto blago, potomu schto jedinstwenny sposob shenstschiny kak-to wyshit,
kogda sa nej uchashiwajet natschalnik …
Sprecherin Overvoice:
In Russland steht die Frau auf der Leiter ganz unten. Sie ist Sklavin ihrer Familie.
Sklavin ihres Chefs. Wenn im Westen sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz ein
Vergehen ist, so ist das in Russland ein Segen, denn die einzige Möglichkeit, über
die Runden zu kommen, ist ein Verhältnis mit dem Chef.
Petruschewskaja:
Shenstschina – eto bolschaja problema sdes… I prostschajet wsjo wsem. Snatschala
ona kormit swojego musha, kotory leshit na diwane ili tam pjot w kustach s drusjami.
Potom tak she kormit swojego syny, kotory wyrastjot i sabirajet u njejo pensiju …
Russkaja shenstschina jestscho ili ushe… ne moshet borotsja sa swoi prawa.
11
Sprecherin Overvoice:
Die Frau – das ist in Russland ein Problem. Besonders wenn sie alt ist. Sie verzeiht
allen alles. Zuerst ernährt sie ihren Mann, der auf dem Sofa liegt oder mit Freunden
im Gebüsch säuft. Dann ernährt sie auf die gleiche Weise ihren Sohn, der sich ihre
Rente grapscht, wenn er erwachsen ist. In Russland ist die Frau, vor allem wenn sie
alt und schwach ist, nicht in der Lage, sich zu wehren und für ihre Rechte
einzutreten.
Lied
Staruschka ne spescha
Dostala ppsch
Sejtschas ja wam napomnju waschu mat!
Ja weteran woiny
I wy ponjat dolshny:
Ja snaiper, mnje pridjotsja was ubrat!
S tech por ni gbdd
Ni parni s mwd
I nikakoi patrul ne trogajet babul.
Sprecher Overvoice:
Da zieht die Alte in aller Seelenruhe eine Maschinenpistole hervor. Gleich zeig ich
dir, was eine Harke ist! Kriegsveteranin bin ich. Und stell dir vor: auch noch
Scharfschütze. Ich leg’ dich einfach um! Seitdem traut sich kein Schutzmann mehr
und keiner vom Ministerium des Innern und keine Patrouille an eine Großmutter ran.
Erzählerin:
Über Nacht hat sich die hilflose Frau in der Phantasie der Schrifstellerin verwandelt.
Plötzlich hat sie den Mut gefunden, sich zu wehren.
Sprecher Overvoice (Übersetzung des Liedendes vor dem russischen Original):
Die Alte überquert seelenruhig die Straße. Jetzt nimmt sie kein Milizionär mehr fest.
Bei ihr kann die Staatsmacht nichts holen. Ihr Regiment ist riesig. Und sie alle sind
bewaffnet.
Lied
Staruschka ne spescha
Doroshku pereschla
I babuschku nikto ne sadershal
Kakoi s babuli tolk
Ich tut choroschi polk
I kashdaja nawerno s ppsch.
Erzählerin:
Dieses Lied von der Staruschka, dem alten Mütterchen, das dem Milizionär zeigt,
was eine Harke ist, wurde in Russland in kurzer Zeit zu einem Hit.
Petruschewskaja:
Smotret prichoditsja. Ne sakrojesch glasa wed. Drugoje delo, schto… Kogda
problemu tschelowetscheskogo gorja perewodisch w jasyk, to ona stanowitsja
12
pesnjej. Kak by poemoi, kak by poesijej. I woswyschajetsja i otrekajetsja ot etogo
straschnogo nestschastja… Otrywajetsja ot realnosti i stanowitsja faktom nad mirom.
Kashdy rasskas – eto popytka uteschit sebja nawernoje.
Sprecherin Overvoice:
Ich kann vor diesem Leben nicht die Augen verschließen. Eine andere Sache ist…
Wenn ich das Leid der Menschen in dichterische Worte übersetze, wird es zum Lied,
zum Poem. Es wird Poesie. Und das Lied löst sich von diesem Unglück, das den
Alltag so schrecklich macht. Es erhebt sich über die Realität. Jede meiner
Erzählungen ist wohl so ein Versuch, Trost zu finden.
Lied
13
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Seele and Geist
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