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Hans Maier Wie heute von Gott sprechen? Rede, gehalten im

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Hans Maier
Wie heute von Gott sprechen? Rede, gehalten im Colloquium Benedictinum der Abtei
St. Bonifaz in München am 13. 11. 2012
Wie heute von Gott sprechen? Das ist ein großes, ein fast erdrückendes Thema. Ich hätte es
nicht gewagt, darüber zu sprechen, stünde die Frage gewissermaßen abstrakt und isoliert im
Raum. Selbst Theologen haben ja heute mit der „Arbeit am Gottesbegriff“ ihre
Schwierigkeiten – wie viel mehr ein Laie wie ich! Ich erinnere mich an einen Stoßseufzer
Karl Rahners, der vor vielen Jahren am Ende eines lateinischen Vortrags über das Thema
„Ubi Deus? – Wo wohnt Gott?“ ausrief: „Wie viel mehr haben doch die Theologen in
früheren Zeiten über Gott gewusst – die Glücklichen! -,
und wie wenig können wir heute
über ihn sagen!“
Doch Abt Johannes Eckert hat den drei Referenten des Colloquium Benedictinum
glücklicherweise ein Schlupfloch gelassen, indem er sie aufforderte, das Thema im Rahmen
der eigenen Biographie zu bedenken und zu besprechen. Das ist ein Appell ans Eigene,
Persönliche, Selbsterlebte. Ein Appell – so fasse ich es auf -, der
nicht zu Indiskretionen
verleiten, nicht entblößen, bloßstellen will, wie man vielleicht bei ersten Hören denken
könnte, ganz im Gegenteil - der vielmehr Schutz bietet und eine Art von indirekter Rede
erlaubt. Ich kann also heute Abend zu Ihnen einfach darüber sprechen, wann und wie ich in
meinem Leben mit der „Rede von Gott“ in Berührung gekommen bin – und da dieses Leben
nun immerhin schon 81 Jahre dauert, hoffe ich, der Stoff reicht für einen Vortrag von 40
Minuten aus.
I
Ein erstes Stichwort heißt Kindheit. Mit „Gott“, genauer mit Gottvater, bin ich wohl zum
ersten Mal im Vaterunser konfrontiert worden, es war das erste Gebet, das ich lernte, von
meiner Mutter, später von meinen Religionslehrern. Regelmäßig wurde es auf dem Friedhof
gebetet, den meine Mutter jede Woche wenigstens einmal besuchte. Dort lagen die Gräber
meines Vaters und meines Bruders. Beide waren innerhalb eines Jahres gestorben, mein
Bruder kurz bevor ich auf die Welt kam, mein Vater fünf Monate danach. Das Gebet schloss
regelmäßig den Grabgang ab, es war ein Schlusspunkt nach dem Blumengießen, Buchs-
2
Schneiden, Laub-Rechen und Saubermachen. Es hatte etwas Abschließendes, Tröstendes –
ungeachtet des traurigen Anlasses, von dem ich aber als Kind noch wenig mitbekam – nur die
trauernde Haltung der Mutter, der Geschwister und Verwandten verrieten den Schmerz.
Ganz anders waren die ersten Eindrücke in der nahegelegenen Kirche. Während es bei uns
zuhause nach dem Tod des Vaters meist sehr still war, herrschte in der Kirche immer
festliche Bewegung Es gab viel zum Hören und zum Sehen. Am Altar schritten feierlich die
Geistlichen, die Ministranten. Aber auch die Kirchengemeinde rührte sich in den Bänken.
Man saß nicht immer ruhig da, es sei denn beim Hören der Predigt, die aber meist nicht lang
war; man stand auf, setzte sich wieder, schlug manchmal ein Kreuz über der Brust, nahm
Weihwasser oder trug bei Prozessionen eine Kerze. Die Schritte des Pfarrers und der
Ministranten am Altar, ihre Kniebeugen, ihre Gesten und Zurufe, das Läuten der Schellen, das
Klirren der Weihrauchfässer, der weiße Rauch um den Altar – das beschäftigte mich und
fesselte meine Fantasie. Ich baute mir zuhause auf dem Klavier einen kleinen Hausaltar auf,
um das heilige Geschehen nachzuspielen.
Oft sangen in der Kirche die Geistlichen am Altar, und die Gläubigen erwiderten ihnen. Bei
vielen Gottesdiensten spielte die Orgel. Es wurde gelesen, gebetet, vom Pfarrer, von den
Vorbetern, vom Chor – von allen. Besonders die Litaneien gefielen mir, die vom Pfarrer und
vom Volk im Wechsel rezitiert wurden. In unendlichen Abwandlungen kamen die
Anrufungen daher, besonders in der Lauretanischen Litanei, die der Gottesmutter gewidmet
war – eine lange, nicht endende Folge: „Du elfenbeinerner Turm, Du geheimnisvolle Rose,
Du goldenes Haus, Du Bundeslade, Du Pforte des Himmels, Du Morgenstern.“ Das war eine
kräftige Ladung Poesie für den kleinen Buben – sie drang in den Gebeten und Gesängen der
Abendandachten früher und tiefer in mein Ohr als später in der Schule. In der Kirche erhielt
ich zum ersten Mal eine Vorstellung davon, was Sprache war, wenn sie ihre Bildkraft
entfaltete und über das bloße Sich-Verständlich-Machen hinausging.
Später, nach der Erstkommunion wurde ich Ministrant. Dazu musste man sich (damals noch!)
tüchtig im Lateinischen üben, anders kam man nicht in den Chorraum, in die Sakristei, an den
Altar. Jeder von uns musste ein ganzes Zaumzeug lateinischer Sprüche und Reden anlegen,
ehe die Geistlichen ihn zu den Altarstufen traben ließen, zu Leuchtern und Schellen,
Schiffchen und Weihrauchfass. Wir Zehn-, Elf-, Zwölfjährigen lernten schnell. Wir hatten
auch gar keine Wahl. Denn während wir in roten Röcken am Altar herumstolperten und
3
lateinisch radebrechten, während wir das Staffelgebet und das zungenbrecherische „Suscipiat“
auswendig lernten, Wein und Wasser einschenkten und zur Wandlung schellten, hatten die
Älteren im schwarzen Rock, die Oberministranten und Zeremoniare, schon ihren
Einberufungsbefehl in der Tasche oder erwarteten ihn bald. Sie verschwanden plötzlich – zur
Flak oder zur Front. Es war ja Krieg.
Dann vertauschte ich den Chorraum mit der rückwärtigen Empore. Der Pfarrer bat mich, das
Orgelspiel zu lernen. Der Organist war Soldat in Russland. In der AchttausendSeelengemeinde Mariahilf in Freiburg waren viele Gottesdienste zu spielen: drei am
Sonntagmorgen, dazu nachmittags die Vesper und abends die Andacht. Ich übte und übte,
meine Hände und Füße glitten über die Manuale und Pedale, während ich bei Gottesdiensten
im Rückspiegel den Altar und die Geistlichen und die roten Punkte der Ministranten auf den
Stufen suchte. Ein Hochamt, eine Vesper mit fünf Psalmtönen, ein Requiem, gar mit einem
unmusikalischen Zelebranten, der keinen Ton abnahm und keinen hielt – das war bei Gott
nicht einfach! Und dann: die Kirchendiener wurden immer weniger. Zwei Oberministranten
waren in Russland gefallen, und die Tenöre und Bässe des Kirchenchors waren fast alle zur
Wehrmacht eingerückt. Nur ein paar Frauenstimmen hatten wir noch für die Totenmessen am
frühen Morgen, die im Lauf der Zeit immer häufiger gesungen werden mussten; denn die
englischen Bomber und die amerikanischen Jagdflieger beherrschten schon bald den
Luftraum am Oberrhein.
II
Damit bin ich beim zweiten Stichwort: Krieg. War der Tod für mich als Kind noch eine bloße
Erzählung gewesen – ich hatte ja meinen Vater, meinen Bruder nicht sterben sehen, hatte nur
von ihrem Tod erzählt bekommten -, so wurde er jetzt allgegenwärtig. Ich erinnere mich: In
einem kleinen Freundeskreis – meine Klavierlehrerin lud ihn regelmäßig ein – lasen wir im
Sommer 1944 mit verteilten Rollen den „Egmont“ von Goethe. Der Krieg war inzwischen
ganz nahe gerückt, Angriffe von Jagdfliegern häuften sich, ein Klassenkamerad war durch
eine Fliegerbombe ums Leben gekommen. Das konnte 1944/45 jedem von uns passieren.
Beklommen lasen wir Egmonts Aufschrei im Gefängnis: „Keine Rettung! Süßes Leben!
Schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! Von dir soll ich scheiden.“ Das
war zwar Literatur, aber doch nahe genug an dem, was wir erlebten. Im Luftschutzbunker
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sitzend und mit ängstlichen Ohren die näher kommenden Einschläge registrierend, dachten
wir an Ferdinands Worte: „Hier ist kein Ausweg, kein Rat, keine Flucht.“
Am 27. November 1944, beim Luftangriff der britischen Royal Air Force auf Freiburg,
wurden meine Schwester und ich im Keller verschüttet, als eine Luftmine das Haus, in dem
wir wohnten, in zwei Teile auseinandersprengte. Eine halbe Stunde lang wussten wir nicht, ob
jemand uns aus dem Schutt, der auf dem Keller lag und jeden Ausgang versperrte,
herausholen würde – doch wir hatten Glück. Wenige Wochen später – ich wohnte inzwischen
im Osten der Stadt – spielte ich in der Frühe die Orgel bei einem Requiem. Beim Heimweg
kamen die Tiefflieger; in einem Unterstand liegend, während das MG-Feuer über den
Messplatz fegte, dachte ich über Vergangenheit und Zukunft nach. Ich weiß noch, dass mich
ein sinnloser, wilder Zorn packte: Warum war ich, gerade ich, hineingerissen in etwas, was
ich nicht begonnen hatte, wofür ich keine Verantwortung trug und was sich wie ein
Naturereignis meinem Willen entzog? Ich haderte nicht mit Gott, das wäre mir nicht in den
Sinn gekommen – wohl aber mit den Fliegern, den Briten und Amerikanern, die Frauen und
Kinder töteten, vor allem aber mit den Nationalsozialisten, auf deren Konto letztlich der Krieg
und alle Katastrophen gingen.
Unser unentwegt-gläubiger Stadtpfarrer, ein gebürtiger Elsässer, hielt in jenen turbulenten
End-Tagen des Krieges eine bemerkenswerte Predigt – wie er meinte zum Trost und zur
Aufrichtung der Gläubigen. Ein Satz ist mir noch in Erinnerung, weil wir junge Leute darüber
heftig diskutierten: Man könne in diesen Zeiten, so meinte er, „nur von der einen Hand Gottes
in die andere fallen“. Wie reagierten wir darauf? Ich weiß es noch gut: keineswegs mit
Zustimmung, eher mit Unverständnis und Empörung. Und warum? Nun, wir fanden es
unangemessen, den ringsum grassierenden, den schrecklich wütenden
Tod so einfach
geistlich zu entsorgen und Gott mit dem Bild der beiden Hände gewissermaßen spielerisch in
die Schrecknisse hineinzuziehen, die sich die Menschen zufügten.
Seit dieser Zeit weiß ich, dass man von Gott, wenn man zu anderen Menschen spricht, mit
äußerster Diskretion reden muss. Ihn einfach rasch als Bestätigung und Beweismittel in
höchst irdischen Dingen zu bemühen – das verbietet sich, meine ich, von selbst. Nur das
persönliche Stoßgebet – Hilf mir, Gott, du allein kannst mir helfen! – mag frei sein von
solcher Diskretionspflicht. Es ist ja auch etwas ganz Unmittelbares zwischen Gott und mir.
5
III
Drittes Stichwort: Wissenschaft. Im Lauf meiner Studien in der Nachkriegszeit wurde mir
klar, dass die Wissenschaft mein Beruf werden würde. Würde das meinen Glauben tangieren,
möglicherweise beschädigen? Das glaubten damals viele. Auch meine Verwandten, meist aus
bäuerlichem Umfeld – kein einziger Akademiker unter ihnen! – wiegten bedenklich den Kopf.
Ich dagegen war überzeugt, wissenschaftliche Einsicht könne dem Glauben nichts anhaben.
Mein Religionslehrer am Bertold-Gymnasium dachte ähnlich. Vorsorglich hatte er bereits
nach dem Abitur für mich eine Index-Erlaubnis besorgt. Die mussten junge Katholiken in den
fünfziger Jahren laut kirchlicher Vorschrift noch haben, wenn sie ein Studium aufnahmen. So
streng waren damals die Sitten. Ausdrücklich stand in dieser Index-Erlaubnis übrigens drin,
dass sich die Freigabe der Lektüre zu Studienzwecken keineswegs auf pornographische
Schriften beziehe, die blieben selbstverständlich verboten!
Bis heute meine ich, wenn Wissenschaft und Glauben auseinanderstreben, seien meist
Missverständnisse im Spiel. Auch hier muss ich wieder ein charakteristisches Vorkommnis
erzählen.
Als
wir
1942
in
der
alten
Kooperatur
des
Freiburger
Münsters
Kommunionunterricht hatten, da sprach uns der Kaplan – man kann sich das heute kaum
vorstellen – den Kanon der Messe vor und riet uns, ihn auswendig zu lernen. Wir sollten als
junge Menschen, fast noch als Kinder, die eucharistischen Geheimnisse vor Augen haben, den
biblischen Bericht darüber im Kopf und im Gedächtnis. Der Mann war keineswegs
altmodisch oder reaktionär, er galt vielmehr als fortschrittlich, als liberal. Er traute uns zu, mit
Geheimnissen umzugehen, sie auszusprechen, in sie einzudringen – so nämlich war sein
Appell zum Auswendiglernen gedacht. Schließlich ging es um das Zentrum der Messe, um
die Wandlung, um Gottes Gegenwart.
Viel später habe ich an diese Szene zurückgedacht, 1963,
als ich zum ersten Mal die
Liturgiekonstitution des Zweiten Vaticanums vor Augen hatte. Denn was dort über die
richtige Haltung der Gläubigen zur Eucharistie steht, das hatte mein Kaplan in den vierziger
Jahren schon vorweggenommen. Im Konzilstext heißt es, die Gläubigen sollten diesem
Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer (extranei vel muti
spectatores) beiwohnen; sie sollten vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium
wohl verstehen lernen (id bene intelligentes) und so die heilige Handlung bewusst, fromm und
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tätig mitfeiern (conscie, pie et actuose participent), sie sollten sich durch das Wort Gottes
formen lassen und am Tisch des Herrn Stärkung finden.
Das hat sich mir im Lauf der Zeit tief eingeprägt, mehr ahnungsvoll in der Kindheit,
deutlicher im Erwachsenenalter: Es geht bei der Feier der Eucharistie um ein heiliges
Geheimnis – aber um eines, das nicht stumm bewundert, sondern das verstanden werden will.
Eucharistie, Gottesgegenwart, vollzieht sich nicht in einem esoterischen Bezirk, sie ist nicht
nur wenigen „Wissenden“ und „Eingeweihten“ vorbehalten. Sie ist ein „heilig-öffentlich
Geheimnis“ (Goethe). Christentum ist keine Mysterienreligion. Vielmehr gelangt man tiefer
in die göttlichen Geheimnisse hinein, indem man sie verstehen lernt. Von daher bin ich
skeptisch gegenüber einer modischen Esoterik, die im rein Erlebnishaften, Gefühlshaften
bleibt und vor den Zwängen der Alltagswelt in eine emotionale Geborgenheit flüchtet, die sie
am besten in geistlichen Räumen zu finden hofft. Gläubigkeit entsteht nicht durch
Verdunkelung der Vernunft. Der Glaube profitiert nicht von absichtlich herbeigeführten
Lichttrübungen. Er verlangt Einsicht: fides quaerens intellectum. Wäre das höchste Ziel ein
blinder Glaube, bräuchte es keine Theologie neben der Schrift, keinen Katechismus neben der
Bibel, keine Christenlehre neben dem Gottesdienst.
IV
Viertes Stichwort: Zeit. Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich, dass sich mein ganzes
wissenschaftliches Werk eigentlich um die Zeit dreht. Das ist ja für einen Historiker nichts
Außergewöhnliches. Zeitabläufe sind sein alltäglicher Stoff. Alles was er beschreibt, vollzieht
sich in der Zeit. Doch die Zeit, denke ich, ist nicht nur einfach ein Rahmen, ein Hintergrund
für das Ereignishafte, Geschichtliche. Sie spielt in dem, was wir Geschichte nennen, selbst mit
als ein eigener, unberechenbarer Akteur. Immer hat mich de Bonalds Wort fasziniert, die Zeit
sei nichts anderes als „Gottes Statthalter auf Erden“ – obwohl dieses Diktum auch auf
gefährliche Abwege führen kann, wenn man es als Ermächtigung versteht, Geschichte
philosophisch oder theologisch zu konstruieren und damit den Einzelereignissen und ihren
Verursachern ihre Freiheit zu nehmen.
7
Als Kind habe ich – wie viele – darüber gegrübelt, was es eigentlich heißen könne, wenn man
sagt, Gott sei ewig. „Wie Du warst vor aller Zeit, so bleibst Du in Ewigkeit.“ Anfangslos –
das kann man sich noch einigermaßen vorstellen. Gott ist eben einfach schon immer da, ehe
es Steine und Pflanzen, Tiere und Menschen gibt. Aber ewig, nie endend? Stellt man sich das
eigene Leben vor als eines, das nie endet, so gerät man in ein Szenario, das am Ende nicht
Glück, sondern Schrecken verbreitet. Etwas endet nie? Das hält der Mensch nicht aus. Seine
Endlichkeit ist auch sein Schutz. Seine Existenz ist nicht denkbar ohne Anfang und Ende,
Geburt und Tod. Schließlich rettet man sich aus diesem Meer, das keine Ufer hat, auf eine
Planke: Ewigkeit – das ist eben nicht einfach Zeit, die nie endet; Ewigkeit ist etwas qualitativ
anderes als Zeit. Sie ist im strikten Sinn zeit-los. Die Zeit dagegen hat einen Anfang und ein
Ende. Sie schwingt nicht um sich selbst in ewiger Wiederkehr, wie antike Denker meinten
und wie es Nietzsche gegenüber der christlichen Linearität der Geschichte, ihrem Ein-für-alleMal, aufs Neue proklamieren wollte.
In der endlichen Zeit haben die großen Ereignisse der Geschichte ihren Auftritt: Revolutionen
und Restaurationen, Kriege und Friedenszeiten, Zeiten der Ruhe und Zeiten, in denen alles in
schnelle Bewegung gerät. Ich habe in meinem Buch „Revolution und Kirche“ den Eintritt der
Kirche ins Zeitalter von Revolution und Demokratie und die damit verbundenen Probleme
geschildert, die bis heute andauern. In meiner „Älteren deutschen Staats- und
Verwaltungslehre“ ging es um den Beginn des modernen Leistungs- und Wohlfahrtsstaates.
Unser in Geschichte, Handel und Datierung eingeführtes, aber kaum je reflektiertes Zeit- und
Zählsystem, die Zählung der Jahre vor und nach Christus, habe ich in einer Untersuchung
über „Die christliche Zeitrechnung“ in ihren Ursprüngen darzustellen versucht.
Überall
spielen die Zeitumstände, die Zeitmoden, der vielgenannte „Zeitgeist“ eine Rolle. Nichts
dauert ewig – das kann in der Geschichte auch ein Trost sein, manchmal der einzige, der
bleibt, wenn man an Schrecknisse wie die Sklaverei, die Folter, die Vertreibung und
Vernichtung ganzer Völker, die modernen Totalitarismen, den Holocaust denkt.
An Gott als Mitspieler in diesem Geschehen wagt heute kaum noch jemand zu denken. In der
Theologie stößt man sofort auf das Theodizeeproblem: „Gott nach Auschwitz“? heißt die
alles bestimmende, jede Diskussion rasch beendende Frage. Zu Recht? Oder ist es DenkBequemlichkeit? In der Philosophiegeschichte schrecken Hegels Spuren. Auf grenzenlose
Erkenntnis ausgehend, trug er zuviel vom Göttlichen in die leidvolle Menschengeschichte ein,
er war überzeugt vom divinatorischen Fortschritt der Freiheit (notfalls am Menschen vorbei!),
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er sah das Wirkliche überquellen vom Vernünftigen. Wir dagegen sehen Geschichte heute
eher als Pathologie des Menschen. Doch auch das entbindet uns nicht von der Aufgabe, über
Zeit und Geschichte im Licht des Glaubens nachzudenken – was heute kaum mehr geschieht.
Einen Anklang finde ich immerhin im Testament Johannes Pauls II. Er fügte seinem 1979
geschriebenen Text, der die „schwierige und angespannte Lage“ jener Zeit hervorhob, im
Jahr 2000 folgende Sätze an: „Seit dem Herbst 1989 hat sich diese Lage geändert. Das letzte
Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts war frei von den früheren Spannungen; das heißt
nicht, dass es nicht neue Probleme und Schwierigkeiten mit sich gebracht hätte. In besonderer
Weise sei der Göttlichen Vorsehung Lob dafür, dass die Zeit des sogenannten ‚Kalten
Krieges’ vorüber ist ohne den gewaltsamen Atomkonflikt, dessen Gefahr in der
vorübergegangenen Epoche auf der Welt lastete.“
Erst relativ spät habe ich mich mit den biblischen Zeugnissen beschäftigt, die vom Umgang
mit der Zeit erzählen. Mit dieser Lektüre bin ich noch längst nicht am Ende, eher noch am
Anfang.
Im Lukasevangelium finden sich mehrere Lehrstücke dazu – die Gleichnisse vom
Feigenbaum, vom Senfkorn und vom Sauerteig, die eindringlichen Mahnungen zur
Wachsamkeit: „Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht erwartet.“ Aber
auch der Hinweis auf die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes findet sich hier – ganz
offensichtlich ein Kontrapunkt. Achtsam zu sein auf das Heil und bereit für den Herrn – das
schließt offenbar Ruhe, ja Lässigkeit bei der Verfolgung irdischer Wohlfahrt nicht aus – wie
man denn Geschäftigkeit, verbissene Arbeitsmoral, ruhelos planende Zukunftssorge im Neuen
Testament kaum finden wird.
Wer nach den Zeichen der Zeit und ihrer Deutung im Evangelium fragt, muss beides sehen
und erwägen: das neue Gewicht der Zeit im Heilsgeschehen, die Nähe des Gottesreiches, das
zu uns kommen, unter uns erstehen will, die daraus fließende Haltung strenger Bereitschaft
und Wachsamkeit – und zugleich die große Entlastung, die dem Leben aus diesem Heil
erwächst, die Befreiung von Zeitdruck und Terminplan, das Leichtwerden vor Gott, die neue
Festlichkeit des Lebens. Wer das Eine Notwendige kennt, der kann sich entlasten von allem,
was nicht nottut. Wer sein Heil in Furcht und Zittern sucht, der mag großzügig umgehen mit
den irdischen Dingen. Von hier gesehen, ist der Umgang des Christen mit der Zeit ein
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paradoxer Umgang: sie ist für ihn einerseits das Höchste, Edelste, „edeler als tausend
Ewigkeiten“, wie die Mystik sagt, weil in ihr, ein-für-alle-Mal, das Heil gewirkt wird. Sie
soll, wie Paulus sagt, „ausgekauft“ werden; denn „die Tage sind böse“. Und sie ist anderseits
für den Christen in Fülle, ja im Überfluss vorhanden, er braucht nicht mit ihr zu knausern und
zu sparen, er kann sie verschwenden, als sei sie nicht aus irdischem Stoff gemacht, als sei sie
selbst schon Vorahnung und Vorwegnahme des „ewigen Festes“.
Kein Zweifel nun, dass das „Kaufet die Zeit aus!“, die Haltung der Wachsamkeit, der
pünktliche Umgang mit Jahr und Stunde unter dem Einfluss des Christentums ein Leitmotiv
der europäischen Geschichte geworden ist. Nicht zufällig ist unsere Zeit bis heute gezählte
Zeit, nicht zufällig wurde die mechanische Uhr in einer christlichen Zivilisation erfunden. Die
digitale Zeittechnik hat es inzwischen von der Mikrosekunde zur Nanosekunde und zur
Picosekunde (billionstel Sekunde) gebracht. Aber wo ist in dieser rasenden Beschleunigung
der Geschichte die Gegenwart, die Ruhe, die Langsamkeit geblieben?
Zur christlichen Zeiterfahrung gehören nicht nur Sorge und Wachsamkeit, das „Auskaufen
der Zeit“ angesichts der bösen Tage und des bevorstehenden Endes. Zu ihr gehört auch das
Grundvertrauen in die Sorge des himmlischen Vaters, der die Vögel des Himmels und die
Linien des Feldes ernährt. Gerade heute, meine ich, müssten Wachsamkeit und christlicher
Ernst ergänzt werden durch christliche Leichtigkeit und Heiterkeit. Nur wenn beides
zusammenkommt, kann das christliche Zeitgefühl in der Zukunft neue Ausstrahlung und
werbende Kraft gewinnen.
Das christliche Zeitgefühl umfasst viele Elemente und unterschiedliche Formen – auch
solche, die miteinander in Spannung stehen. Das hängt mit der geschichtlichen Entwicklung
zusammen. Christentum heißt ja immer Aufbruch und Ausfahrt, ständiges Über-Setzen an
neue Ufer, griechische, römische, germanische, moderne – also Inkulturation. Es ist klar, dass
sich die christlichen Zeitvorstellungen der ersten beiden Jahrtausende an den philosophischen
Überlieferungen der Alten Welt orientiert haben. Es könnte sein, dass sie im dritten
Jahrtausend neue Wurzeln schlagen im Boden anderer Kulturen. Vielleicht werden dort die
Lilien des Feldes unbefangener blühen als in der manchmal von apokalyptischen Ängsten verschatteten europäischen Welt.
10
VI
Letztes Stichwort: Musik. Das hat natürlich mit meinem Nebenberuf als Kirchenmusiker zu
tun. Aber es gehört auch ganz objektiv zum Thema des heutigen Abends. Denn von allen
Künsten – behaupte ich – weiß die Musik am besten, wie man von Gott redet. Sie tut sich mit
dieser Rede leichter als die Malerei, die Bildhauerei – leichter sogar als die Dichtung.
Die bildende Kunst hat es bekanntermaßen am schwersten. Angesichts vieler Darstellungen
Gottes versteht man das in der frühen Kirche strikt geltende Bilderverbot. Es entspringt der
Pietät, es schützt vor Usurpationen, vor der unangemessenen Vermenschlichung des
Höchsten. Denn wie soll man Gott im Bild erfassen und festhalten? In den Bildern selbst
großer Maler seit der Renaissance wirkt der meist vollbärtige, üppig ummantelte, bald
herrscherlich gebietende, bald väterlich liebevolle Schöpfer-Gott nicht selten peinlich.
Gewiss, ihm kommt die Würde hohen Alters und damit verbundener Weisheit zu. Und es gibt
anrührende Bilder von Gottvater: Michelangelos Schöpfergott mit dem Adam erweckenden
Finger; Gottvater in Dürers Gnadenstuhl. Aber in einem jugendverliebten Zeitalter wie dem
unseren ist Alter nicht mehr ein unmittelbar einleuchtender Wert. Und in manchen neueren
Darstellungen wirkt der mächtige Schöpfergott eher wie ein Pensionär außer Dienst. Ein
kluger Kunstgriff, dass Grünewald Gottvater nur als fernes Zeichen am Himmel aufleuchten
lässt. Nur gelegentlich gelingt es Bildhauern, die Wucht und Größe Gottes, seine Bewegtheit
und Stärke anschaulich zu machen – so dem Meister H.L. im nach wie vor hinreißenden
Gottvater-Bildnis des Breisacher Altars. Doch sonst hält man sich besser an den Sohn, an die
Vielzahl bewegender Gekreuzigten-Darstellungen, an die Erbärmdebilder des Mittelalters, an
die Schreckens- und Folterbilder Rouaults und Bacons. Der Sohn ist uns näher ist als der
Vater, weil er uns als Mensch in allem gleich geworden ist außer der Sünde. Auch der
heilige Geist im verschlüsselten Symbol der Taube erregt kaum Anstoß.
Schwer tut sich auch die Dichtung. Gewiss, die Hymnen und Sequenzen der Kirche – in den
östlichen Kirchen noch immer in großer Zahl vorhanden, während im Westen nur noch
wenige Reste übrig sind – stimmen das Lob Gottes vielfältig an: am nachdrücklichsten das
11
Tedeum des Ambrosius und seine zahllosen nationalsprachlichen Fortsetzungen und
Varianten. Aber das Geheimnis der Trinität kann man kaum poetisch ausschmücken, man
kann es nur in durchsichtiger Prosa wiedergeben, wie es von Augustin und Thomas von
Aquin bis zu Karl Rahner und Wolfhart Pannenberg alle großen Theologen versucht haben.
Dabei allzu nachdrücklich die lyrische Harfe zu bedienen verbietet sich von selbst. Am
eindrucksvollsten sagt wohl die Bauersfrau das Geheimnis aus, die sich beim Angelusläuten
am Mittag bekreuzigt „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ - sie
bewältigt buchstäblich mit einer Handbewegung, was die spekulative Theologie auf
Hunderten von Seiten mühsam zu erhellen versucht.
Nur die Musik hat hier einen Bonus. Genauer muss man sagen: die polyphone, die
mehrstimmige Musik. Denn sie kann die Dreifaltigkeit – ein schönes deutsches Wort! – in
ihren Tönen sowohl hörbar machen wie auch geheimnisvoll verbergen. Rudolf Steglich und
Hermann Keller haben das an Johann Sebastian Bachs letztem freien Orgelwerk, Präludium
und Fuge Es-Dur, gezeigt. Steglich sagt über das Präludium, es diene der „Darstellung der
allumfassenden dreieinigen göttlichen Macht. Das ouverturenhafte, festlich majestätische
Präludium öffnet gleichsam den Blick in ihr Weltwirken. Scharf geprägt, körperhaft
anschaulich stellt es die drei Themen hin: das Herrscherwesen im authentischen ersten
Thema, zwiefache Gestalt im plagalen zweiten – Christus als zur Menschheit herabsteigender
Gottessohn und als menschgeborener Heiland; Herabschweben und Sichausbreiten des
Heiligen Geistes im dritten...Die Fuge „sieht, nun nicht mehr zur Erde gewandt, sondern
gleichsam im Aufblick zum Himmel, die Dreiheit verklärt.“ Ich zitiere Hermann Keller: „Es
sind drei Fugen mit drei Themen, und doch sind sie eins, wie die drei Personen der Gottheit.
Hier ist der Musik als der Sprache des Unaussprechlichen etwas gelungen, um das sich
bildende und Dichtkunst aller Zeiten vergeblich bemüht haben : eine wesenhafte Darstellung
der Trinität durch die Mittel der Kunst.“
Bachs Präludium und Fuge Es-Dur ist große, ist höchste Kunst. Aber die erschließende,
auslegende Wirkung der Musik, die ihr eigene, ganz natürliche Gottesrede kann man auch in
einem schlichten Lied, in einer Melodie, einer Choralzeile erfahren. Ich erlebe einen solchen
Augenblick jedes Mal, wenn in der Sonntagsmesse der Priester am Altar die Präfation
anstimmt und die Gemeinde dazu auffordert, „mit den Chören der Engel“ das Lob Gottes zu
singen, und wenn darauf alle miteinander in das Sanctus einstimmen – in das Dreimalheilig,
12
das aus der Synagogenliturgie in die christliche Messe gewandert ist und das nicht nur
Himmel und Erde, sondern auch Juden und Christen, verbinden will.
VII
Was bleibt – wenn ich zusammenfasse – übrig? Wie kann
ich, wenn ich mein Leben
überblicke, von Gott reden, was kann ich erzählen, was anderen mitgeben? Was verdanke ich
einzelnen Personen – den Eltern und Erziehern, vielen Zeitgenossen, vielen Freunden, meiner
Frau, den Kindern, den Enkeln und Urenkeln? Was verdanke ich spezifischen Zeiten und
Situationen: der Kriegs- und Nachkriegszeit, den Erfahrungen im Erwachsenenalter, den
Erlebnissen im Haus, in der Familie, im Land und draußen in der Welt?
Nächst meiner Mutter und meinem Großvater mütterlicherseits verdanke ich den christlichen
Glauben vor allem zwei Religionslehrern, unserem Pfarrvikar Alfons Ketterer in der Pfarrei
Mariahilf in Freiburg und dem Alttestamentler Karl Friedrich Krämer im Freiburger BertoldGymnasium. Beide waren entschiedene Nazi-Gegner. Beide sind mehrfach von der Gestapo
verhört worden. Mit Ketterer haben wir Ministranten im Krieg ausländische Sender gehört,
was verboten und gefährlich war; es wimmelte ja von Denunzianten. Von ihm hörte ich auch
zum ersten Mal die Namen Brüning und Schofer – die Namen der Zentrumsführer im Reich
und in Baden. Auf Schallplatten hörten wir Ludwig Wolkers Deutschland-Rede. Sie strömte
ein ungewöhnliches Pathos aus. Die Botschaft war klar: Unser Land sollte nicht einfach den
Nationalsozialisten gehören. Es war auch unser Land. Da meine Religionslehrer glaubwürdig
waren, ist mir auch der Glaube, den sie lehrten, glaubwürdig geblieben – bis heute. Ich habe
die Katholische Kirche im Krieg, in der NS-Zeit, als ein Stück Anders-Sein, ein Stück
Eigenständigkeit und Widerstandsfähigkeit erlebt. Von da habe ich die Überzeugung
mitgenommen, es lohne sich, beharrlich zu sein, fest zu bleiben – auch wenn man dabei
manchmal in einer fast hoffnungslosen Minderheit ist.
Dann das Kriegsende. Not lehrt beten – das haben wir damals alle gespürt, tagaus tagein.
Ohne das Gebet wären wir noch verlassener, noch ausgelieferter gewesen. Seit dieser Zeit
sind Gebete für mich vor allem Stoßgebete. Man braucht keinen langen Anlauf. Ein
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Augenblick genügt. Und an bedrängenden Situationen, in denen man Hilfe brauchte, hat es
auch später in meinem Leben nicht gefehlt.
Aber noch etwas habe ich aus meiner Kindheit und Jugend und vor allem aus meiner
Ministranten- und Pfarrgruppenzeit mitgebracht: einen nüchternen Nah-Blick auf die Kirche.
Wir sahen und beobachteten ja unsere Geistlichen ganz aus der Nähe. Wir sahen ihre Stärken,
aber auch ihre Schwächen. Wir erfuhren hunderterlei Menschlichkeiten, die sich zwischen
Kaplan und Pfarrer, auf der Dekanatsebene, in den Beziehungen zum Ordinariat, zum
Erzbischof abspielten. Meine Schwestern, im katholischen Herder-Verlag tätig, reicherten
unsere Nachrichten- und Anekdotenvorrat noch an, auch durch Informationen über
katholische Schriftsteller und Künstler. Später erfuhr ich manches über den Vatikan – die
„Küche des lieben Gottes“ - auch direkt aus Rom. Natürlich waren wir junge Leute auch
frech. Wir mokierten uns über misslungene Predigten, kritisierten Fehlbesetzungen kirchlicher
Ämter, zweifelten an manchem Hirtenbrief – der damals noch an die „Geliebten
Erzdiözesanen“
adressiert war. Manchmal ergaben sich in der Pfarrei fast bunuelsche
Situationen – so bei der ersten Nachkriegsweihnacht. Die Gestapo hatte im Frühjahr 1945 die
Caritas-Zentrale in Freiburg, das Werthmann-Haus beschlagnahmt. Sie baute dort unter
anderem eine Station zur Durchleuchtung von Briefpost und Paketen auf – mit Lampen hoher
Voltzahl. Dann flohen die Gestapoleute Hals über Kopf. Freiburg wurde von französischen
Truppen besetzt. In der Zwischenzeit holte unser Mesner, hauptberuflich Caritas-Angestellter,
die herrenlos gewordenen Lampen aus dem Haus, er beschlagnahmte sie einfach für die
Kirche – und so ergab sich für Weihnachten ein für karge Nachkriegsverhältnisse
ungewöhnlich üppiges Lichterfest im Chor der Mariahilfkirche.
Die Kirche ist sehr menschlich – das habe ich frühzeitig durch teilnehmende Beobachtung
gelernt. Ich bin darüber nicht zum Zyniker geworden, beileibe nicht. Ich weiß sehr wohl zu
unterscheiden zwischen dem Heiligen Geist, der die Kirche führt und leitet und manchmal
sogar erleuchtet, und dem oft störrischen, manchmal auch schlicht überforderten
„Bodenpersonal“. Ich kann eine kritische und selbstbewusste Haltung gegenüber einem
Amtsträger durchaus mit Respekt und Achtung vor seinem Amt verbinden. In dieser Hinsicht
bin ich ein hoffnungsloser Fall für jene, die in der Kirche alles ändern, alles umwerfen wollen,
denen vielleicht sogar eine andere Kirche vorschwebt. Ich liebe diese Kirche samt ihren
Unzulänglichkeiten - schließlich gehöre ich mit meinen persönlichen Unzulänglichkeiten
auch dazu.
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„Und wie reagieren Sie, wenn Sie wegen Ihrer Mitarbeit bei „Donum vitae“ in Regensburg
und Augsburg aus kirchlichen Räumen verwiesen werden?“ werde ich oft gefragt. Meine
Antwort: „Das stimmt mich traurig – aber eigentlich tun mir eher die Bischöfe leid.“ Das
Problem Schwangerschaftskonfliktberatung betrifft ja nicht nur mich. Es betrifft die Kirche in
Deutschland im ganzen. Die Ausgrenzungen jener katholischen Laien und besonders jener
Frauen – die ja nur das fortsetzen, was die deutschen katholischen Bischöfe fünf Jahre lang
(mit einer Ausnahme) selbst getan haben! – sind eine schwere Belastung in der gegenwärtigen
Situation der Kirche, zu vielen anderen Belastungen hinzu.. Dieses Grund-Trauma im
deutschen Katholizismus sollte rasch geheilt werden – sonst läuft der vielberufene Dialog ins
Leere. Hier ist, meine ich, das kirchliche Amt, sind die Bischöfe am Zug.
Was die Kirche in den heutigen Zeiten braucht, ist Freimut. Hier kann man von den Heiligen
einiges lernen, vor allem von den Frauen unter ihnen. „Verzeiht mir, Vater, meine verwegene
Sprache“, schrieb Katharina von Siena an Papst Gregor XI. in Avignon. „Alles friedlich
vertuschen zu wollen ist grausamer als alles andere.“ Ähnlich haben Jeanne d’Arc, Teresa
von Avila, Bernadette Soubirous zu ihren Zeitgenossen, auch zu ihren geistlichen Oberen,
geredet. Ein Gran Freimut täte uns allen in der Kirche gut. Die offene und klare, nicht
verletzende, aber deutliche Rede ist ein Gebot der Stunde. Reden wir also direkt und
unverblümt. Machen wir von den Gedanken, die frei sind, den richtigen öffentlichen
Gebrauch, auch in der Kirche. Vielleicht bringen wir dann auch die Gottesrede leichter an die
Menschen von heute!
15
Hans Maier
Wie heute von Gott sprechen? Rede, gehalten im Colloquium Benedictinum der Abtei
St. Bonifaz in München am 13. 11. 2012
Wie heute von Gott sprechen? Das ist ein großes, ein fast erdrückendes Thema. Ich hätte es
nicht gewagt, darüber zu sprechen, stünde die Frage gewissermaßen abstrakt und isoliert im
Raum. Selbst Theologen haben ja heute mit der „Arbeit am Gottesbegriff“ ihre
Schwierigkeiten – wie viel mehr ein Laie wie ich! Ich erinnere mich an einen Stoßseufzer
Karl Rahners, der vor vielen Jahren am Ende eines lateinischen Vortrags über das Thema
„Ubi Deus? – Wo wohnt Gott?“ ausrief: „Wie viel mehr haben doch die Theologen in
früheren Zeiten über Gott gewusst – die Glücklichen! -,
und wie wenig können wir heute
über ihn sagen!“
Doch Abt Johannes Eckert hat den drei Referenten des Colloquium Benedictinum
glücklicherweise ein Schlupfloch gelassen, indem er sie aufforderte, das Thema im Rahmen
der eigenen Biographie zu bedenken und zu besprechen. Das ist ein Appell ans Eigene,
Persönliche, Selbsterlebte. Ein Appell – so fasse ich es auf -, der
nicht zu Indiskretionen
verleiten, nicht entblößen, bloßstellen will, wie man vielleicht bei ersten Hören denken
könnte, ganz im Gegenteil - der vielmehr Schutz bietet und eine Art von indirekter Rede
erlaubt. Ich kann also heute Abend zu Ihnen einfach darüber sprechen, wann und wie ich in
meinem Leben mit der „Rede von Gott“ in Berührung gekommen bin – und da dieses Leben
nun immerhin schon 81 Jahre dauert, hoffe ich, der Stoff reicht für einen Vortrag von 40
Minuten aus.
I
Ein erstes Stichwort heißt Kindheit. Mit „Gott“, genauer mit Gottvater, bin ich wohl zum
ersten Mal im Vaterunser konfrontiert worden, es war das erste Gebet, das ich lernte, von
meiner Mutter, später von meinen Religionslehrern. Regelmäßig wurde es auf dem Friedhof
gebetet, den meine Mutter jede Woche wenigstens einmal besuchte. Dort lagen die Gräber
meines Vaters und meines Bruders. Beide waren innerhalb eines Jahres gestorben, mein
Bruder kurz bevor ich auf die Welt kam, mein Vater fünf Monate danach. Das Gebet schloss
regelmäßig den Grabgang ab, es war ein Schlusspunkt nach dem Blumengießen, Buchs-
2
Schneiden, Laub-Rechen und Saubermachen. Es hatte etwas Abschließendes, Tröstendes –
ungeachtet des traurigen Anlasses, von dem ich aber als Kind noch wenig mitbekam – nur die
trauernde Haltung der Mutter, der Geschwister und Verwandten verrieten den Schmerz.
Ganz anders waren die ersten Eindrücke in der nahegelegenen Kirche. Während es bei uns
zuhause nach dem Tod des Vaters meist sehr still war, herrschte in der Kirche immer
festliche Bewegung Es gab viel zum Hören und zum Sehen. Am Altar schritten feierlich die
Geistlichen, die Ministranten. Aber auch die Kirchengemeinde rührte sich in den Bänken.
Man saß nicht immer ruhig da, es sei denn beim Hören der Predigt, die aber meist nicht lang
war; man stand auf, setzte sich wieder, schlug manchmal ein Kreuz über der Brust, nahm
Weihwasser oder trug bei Prozessionen eine Kerze. Die Schritte des Pfarrers und der
Ministranten am Altar, ihre Kniebeugen, ihre Gesten und Zurufe, das Läuten der Schellen, das
Klirren der Weihrauchfässer, der weiße Rauch um den Altar – das beschäftigte mich und
fesselte meine Fantasie. Ich baute mir zuhause auf dem Klavier einen kleinen Hausaltar auf,
um das heilige Geschehen nachzuspielen.
Oft sangen in der Kirche die Geistlichen am Altar, und die Gläubigen erwiderten ihnen. Bei
vielen Gottesdiensten spielte die Orgel. Es wurde gelesen, gebetet, vom Pfarrer, von den
Vorbetern, vom Chor – von allen. Besonders die Litaneien gefielen mir, die vom Pfarrer und
vom Volk im Wechsel rezitiert wurden. In unendlichen Abwandlungen kamen die
Anrufungen daher, besonders in der Lauretanischen Litanei, die der Gottesmutter gewidmet
war – eine lange, nicht endende Folge: „Du elfenbeinerner Turm, Du geheimnisvolle Rose,
Du goldenes Haus, Du Bundeslade, Du Pforte des Himmels, Du Morgenstern.“ Das war eine
kräftige Ladung Poesie für den kleinen Buben – sie drang in den Gebeten und Gesängen der
Abendandachten früher und tiefer in mein Ohr als später in der Schule. In der Kirche erhielt
ich zum ersten Mal eine Vorstellung davon, was Sprache war, wenn sie ihre Bildkraft
entfaltete und über das bloße Sich-Verständlich-Machen hinausging.
Später, nach der Erstkommunion wurde ich Ministrant. Dazu musste man sich (damals noch!)
tüchtig im Lateinischen üben, anders kam man nicht in den Chorraum, in die Sakristei, an den
Altar. Jeder von uns musste ein ganzes Zaumzeug lateinischer Sprüche und Reden anlegen,
ehe die Geistlichen ihn zu den Altarstufen traben ließen, zu Leuchtern und Schellen,
Schiffchen und Weihrauchfass. Wir Zehn-, Elf-, Zwölfjährigen lernten schnell. Wir hatten
auch gar keine Wahl. Denn während wir in roten Röcken am Altar herumstolperten und
3
lateinisch radebrechten, während wir das Staffelgebet und das zungenbrecherische „Suscipiat“
auswendig lernten, Wein und Wasser einschenkten und zur Wandlung schellten, hatten die
Älteren im schwarzen Rock, die Oberministranten und Zeremoniare, schon ihren
Einberufungsbefehl in der Tasche oder erwarteten ihn bald. Sie verschwanden plötzlich – zur
Flak oder zur Front. Es war ja Krieg.
Dann vertauschte ich den Chorraum mit der rückwärtigen Empore. Der Pfarrer bat mich, das
Orgelspiel zu lernen. Der Organist war Soldat in Russland. In der AchttausendSeelengemeinde Mariahilf in Freiburg waren viele Gottesdienste zu spielen: drei am
Sonntagmorgen, dazu nachmittags die Vesper und abends die Andacht. Ich übte und übte,
meine Hände und Füße glitten über die Manuale und Pedale, während ich bei Gottesdiensten
im Rückspiegel den Altar und die Geistlichen und die roten Punkte der Ministranten auf den
Stufen suchte. Ein Hochamt, eine Vesper mit fünf Psalmtönen, ein Requiem, gar mit einem
unmusikalischen Zelebranten, der keinen Ton abnahm und keinen hielt – das war bei Gott
nicht einfach! Und dann: die Kirchendiener wurden immer weniger. Zwei Oberministranten
waren in Russland gefallen, und die Tenöre und Bässe des Kirchenchors waren fast alle zur
Wehrmacht eingerückt. Nur ein paar Frauenstimmen hatten wir noch für die Totenmessen am
frühen Morgen, die im Lauf der Zeit immer häufiger gesungen werden mussten; denn die
englischen Bomber und die amerikanischen Jagdflieger beherrschten schon bald den
Luftraum am Oberrhein.
II
Damit bin ich beim zweiten Stichwort: Krieg. War der Tod für mich als Kind noch eine bloße
Erzählung gewesen – ich hatte ja meinen Vater, meinen Bruder nicht sterben sehen, hatte nur
von ihrem Tod erzählt bekommten -, so wurde er jetzt allgegenwärtig. Ich erinnere mich: In
einem kleinen Freundeskreis – meine Klavierlehrerin lud ihn regelmäßig ein – lasen wir im
Sommer 1944 mit verteilten Rollen den „Egmont“ von Goethe. Der Krieg war inzwischen
ganz nahe gerückt, Angriffe von Jagdfliegern häuften sich, ein Klassenkamerad war durch
eine Fliegerbombe ums Leben gekommen. Das konnte 1944/45 jedem von uns passieren.
Beklommen lasen wir Egmonts Aufschrei im Gefängnis: „Keine Rettung! Süßes Leben!
Schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! Von dir soll ich scheiden.“ Das
war zwar Literatur, aber doch nahe genug an dem, was wir erlebten. Im Luftschutzbunker
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sitzend und mit ängstlichen Ohren die näher kommenden Einschläge registrierend, dachten
wir an Ferdinands Worte: „Hier ist kein Ausweg, kein Rat, keine Flucht.“
Am 27. November 1944, beim Luftangriff der britischen Royal Air Force auf Freiburg,
wurden meine Schwester und ich im Keller verschüttet, als eine Luftmine das Haus, in dem
wir wohnten, in zwei Teile auseinandersprengte. Eine halbe Stunde lang wussten wir nicht, ob
jemand uns aus dem Schutt, der auf dem Keller lag und jeden Ausgang versperrte,
herausholen würde – doch wir hatten Glück. Wenige Wochen später – ich wohnte inzwischen
im Osten der Stadt – spielte ich in der Frühe die Orgel bei einem Requiem. Beim Heimweg
kamen die Tiefflieger; in einem Unterstand liegend, während das MG-Feuer über den
Messplatz fegte, dachte ich über Vergangenheit und Zukunft nach. Ich weiß noch, dass mich
ein sinnloser, wilder Zorn packte: Warum war ich, gerade ich, hineingerissen in etwas, was
ich nicht begonnen hatte, wofür ich keine Verantwortung trug und was sich wie ein
Naturereignis meinem Willen entzog? Ich haderte nicht mit Gott, das wäre mir nicht in den
Sinn gekommen – wohl aber mit den Fliegern, den Briten und Amerikanern, die Frauen und
Kinder töteten, vor allem aber mit den Nationalsozialisten, auf deren Konto letztlich der Krieg
und alle Katastrophen gingen.
Unser unentwegt-gläubiger Stadtpfarrer, ein gebürtiger Elsässer, hielt in jenen turbulenten
End-Tagen des Krieges eine bemerkenswerte Predigt – wie er meinte zum Trost und zur
Aufrichtung der Gläubigen. Ein Satz ist mir noch in Erinnerung, weil wir junge Leute darüber
heftig diskutierten: Man könne in diesen Zeiten, so meinte er, „nur von der einen Hand Gottes
in die andere fallen“. Wie reagierten wir darauf? Ich weiß es noch gut: keineswegs mit
Zustimmung, eher mit Unverständnis und Empörung. Und warum? Nun, wir fanden es
unangemessen, den ringsum grassierenden, den schrecklich wütenden
Tod so einfach
geistlich zu entsorgen und Gott mit dem Bild der beiden Hände gewissermaßen spielerisch in
die Schrecknisse hineinzuziehen, die sich die Menschen zufügten.
Seit dieser Zeit weiß ich, dass man von Gott, wenn man zu anderen Menschen spricht, mit
äußerster Diskretion reden muss. Ihn einfach rasch als Bestätigung und Beweismittel in
höchst irdischen Dingen zu bemühen – das verbietet sich, meine ich, von selbst. Nur das
persönliche Stoßgebet – Hilf mir, Gott, du allein kannst mir helfen! – mag frei sein von
solcher Diskretionspflicht. Es ist ja auch etwas ganz Unmittelbares zwischen Gott und mir.
5
III
Drittes Stichwort: Wissenschaft. Im Lauf meiner Studien in der Nachkriegszeit wurde mir
klar, dass die Wissenschaft mein Beruf werden würde. Würde das meinen Glauben tangieren,
möglicherweise beschädigen? Das glaubten damals viele. Auch meine Verwandten, meist aus
bäuerlichem Umfeld – kein einziger Akademiker unter ihnen! – wiegten bedenklich den Kopf.
Ich dagegen war überzeugt, wissenschaftliche Einsicht könne dem Glauben nichts anhaben.
Mein Religionslehrer am Bertold-Gymnasium dachte ähnlich. Vorsorglich hatte er bereits
nach dem Abitur für mich eine Index-Erlaubnis besorgt. Die mussten junge Katholiken in den
fünfziger Jahren laut kirchlicher Vorschrift noch haben, wenn sie ein Studium aufnahmen. So
streng waren damals die Sitten. Ausdrücklich stand in dieser Index-Erlaubnis übrigens drin,
dass sich die Freigabe der Lektüre zu Studienzwecken keineswegs auf pornographische
Schriften beziehe, die blieben selbstverständlich verboten!
Bis heute meine ich, wenn Wissenschaft und Glauben auseinanderstreben, seien meist
Missverständnisse im Spiel. Auch hier muss ich wieder ein charakteristisches Vorkommnis
erzählen.
Als
wir
1942
in
der
alten
Kooperatur
des
Freiburger
Münsters
Kommunionunterricht hatten, da sprach uns der Kaplan – man kann sich das heute kaum
vorstellen – den Kanon der Messe vor und riet uns, ihn auswendig zu lernen. Wir sollten als
junge Menschen, fast noch als Kinder, die eucharistischen Geheimnisse vor Augen haben, den
biblischen Bericht darüber im Kopf und im Gedächtnis. Der Mann war keineswegs
altmodisch oder reaktionär, er galt vielmehr als fortschrittlich, als liberal. Er traute uns zu, mit
Geheimnissen umzugehen, sie auszusprechen, in sie einzudringen – so nämlich war sein
Appell zum Auswendiglernen gedacht. Schließlich ging es um das Zentrum der Messe, um
die Wandlung, um Gottes Gegenwart.
Viel später habe ich an diese Szene zurückgedacht, 1963,
als ich zum ersten Mal die
Liturgiekonstitution des Zweiten Vaticanums vor Augen hatte. Denn was dort über die
richtige Haltung der Gläubigen zur Eucharistie steht, das hatte mein Kaplan in den vierziger
Jahren schon vorweggenommen. Im Konzilstext heißt es, die Gläubigen sollten diesem
Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer (extranei vel muti
spectatores) beiwohnen; sie sollten vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium
wohl verstehen lernen (id bene intelligentes) und so die heilige Handlung bewusst, fromm und
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tätig mitfeiern (conscie, pie et actuose participent), sie sollten sich durch das Wort Gottes
formen lassen und am Tisch des Herrn Stärkung finden.
Das hat sich mir im Lauf der Zeit tief eingeprägt, mehr ahnungsvoll in der Kindheit,
deutlicher im Erwachsenenalter: Es geht bei der Feier der Eucharistie um ein heiliges
Geheimnis – aber um eines, das nicht stumm bewundert, sondern das verstanden werden will.
Eucharistie, Gottesgegenwart, vollzieht sich nicht in einem esoterischen Bezirk, sie ist nicht
nur wenigen „Wissenden“ und „Eingeweihten“ vorbehalten. Sie ist ein „heilig-öffentlich
Geheimnis“ (Goethe). Christentum ist keine Mysterienreligion. Vielmehr gelangt man tiefer
in die göttlichen Geheimnisse hinein, indem man sie verstehen lernt. Von daher bin ich
skeptisch gegenüber einer modischen Esoterik, die im rein Erlebnishaften, Gefühlshaften
bleibt und vor den Zwängen der Alltagswelt in eine emotionale Geborgenheit flüchtet, die sie
am besten in geistlichen Räumen zu finden hofft. Gläubigkeit entsteht nicht durch
Verdunkelung der Vernunft. Der Glaube profitiert nicht von absichtlich herbeigeführten
Lichttrübungen. Er verlangt Einsicht: fides quaerens intellectum. Wäre das höchste Ziel ein
blinder Glaube, bräuchte es keine Theologie neben der Schrift, keinen Katechismus neben der
Bibel, keine Christenlehre neben dem Gottesdienst.
IV
Viertes Stichwort: Zeit. Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich, dass sich mein ganzes
wissenschaftliches Werk eigentlich um die Zeit dreht. Das ist ja für einen Historiker nichts
Außergewöhnliches. Zeitabläufe sind sein alltäglicher Stoff. Alles was er beschreibt, vollzieht
sich in der Zeit. Doch die Zeit, denke ich, ist nicht nur einfach ein Rahmen, ein Hintergrund
für das Ereignishafte, Geschichtliche. Sie spielt in dem, was wir Geschichte nennen, selbst mit
als ein eigener, unberechenbarer Akteur. Immer hat mich de Bonalds Wort fasziniert, die Zeit
sei nichts anderes als „Gottes Statthalter auf Erden“ – obwohl dieses Diktum auch auf
gefährliche Abwege führen kann, wenn man es als Ermächtigung versteht, Geschichte
philosophisch oder theologisch zu konstruieren und damit den Einzelereignissen und ihren
Verursachern ihre Freiheit zu nehmen.
7
Als Kind habe ich – wie viele – darüber gegrübelt, was es eigentlich heißen könne, wenn man
sagt, Gott sei ewig. „Wie Du warst vor aller Zeit, so bleibst Du in Ewigkeit.“ Anfangslos –
das kann man sich noch einigermaßen vorstellen. Gott ist eben einfach schon immer da, ehe
es Steine und Pflanzen, Tiere und Menschen gibt. Aber ewig, nie endend? Stellt man sich das
eigene Leben vor als eines, das nie endet, so gerät man in ein Szenario, das am Ende nicht
Glück, sondern Schrecken verbreitet. Etwas endet nie? Das hält der Mensch nicht aus. Seine
Endlichkeit ist auch sein Schutz. Seine Existenz ist nicht denkbar ohne Anfang und Ende,
Geburt und Tod. Schließlich rettet man sich aus diesem Meer, das keine Ufer hat, auf eine
Planke: Ewigkeit – das ist eben nicht einfach Zeit, die nie endet; Ewigkeit ist etwas qualitativ
anderes als Zeit. Sie ist im strikten Sinn zeit-los. Die Zeit dagegen hat einen Anfang und ein
Ende. Sie schwingt nicht um sich selbst in ewiger Wiederkehr, wie antike Denker meinten
und wie es Nietzsche gegenüber der christlichen Linearität der Geschichte, ihrem Ein-für-alleMal, aufs Neue proklamieren wollte.
In der endlichen Zeit haben die großen Ereignisse der Geschichte ihren Auftritt: Revolutionen
und Restaurationen, Kriege und Friedenszeiten, Zeiten der Ruhe und Zeiten, in denen alles in
schnelle Bewegung gerät. Ich habe in meinem Buch „Revolution und Kirche“ den Eintritt der
Kirche ins Zeitalter von Revolution und Demokratie und die damit verbundenen Probleme
geschildert, die bis heute andauern. In meiner „Älteren deutschen Staats- und
Verwaltungslehre“ ging es um den Beginn des modernen Leistungs- und Wohlfahrtsstaates.
Unser in Geschichte, Handel und Datierung eingeführtes, aber kaum je reflektiertes Zeit- und
Zählsystem, die Zählung der Jahre vor und nach Christus, habe ich in einer Untersuchung
über „Die christliche Zeitrechnung“ in ihren Ursprüngen darzustellen versucht.
Überall
spielen die Zeitumstände, die Zeitmoden, der vielgenannte „Zeitgeist“ eine Rolle. Nichts
dauert ewig – das kann in der Geschichte auch ein Trost sein, manchmal der einzige, der
bleibt, wenn man an Schrecknisse wie die Sklaverei, die Folter, die Vertreibung und
Vernichtung ganzer Völker, die modernen Totalitarismen, den Holocaust denkt.
An Gott als Mitspieler in diesem Geschehen wagt heute kaum noch jemand zu denken. In der
Theologie stößt man sofort auf das Theodizeeproblem: „Gott nach Auschwitz“? heißt die
alles bestimmende, jede Diskussion rasch beendende Frage. Zu Recht? Oder ist es DenkBequemlichkeit? In der Philosophiegeschichte schrecken Hegels Spuren. Auf grenzenlose
Erkenntnis ausgehend, trug er zuviel vom Göttlichen in die leidvolle Menschengeschichte ein,
er war überzeugt vom divinatorischen Fortschritt der Freiheit (notfalls am Menschen vorbei!),
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er sah das Wirkliche überquellen vom Vernünftigen. Wir dagegen sehen Geschichte heute
eher als Pathologie des Menschen. Doch auch das entbindet uns nicht von der Aufgabe, über
Zeit und Geschichte im Licht des Glaubens nachzudenken – was heute kaum mehr geschieht.
Einen Anklang finde ich immerhin im Testament Johannes Pauls II. Er fügte seinem 1979
geschriebenen Text, der die „schwierige und angespannte Lage“ jener Zeit hervorhob, im
Jahr 2000 folgende Sätze an: „Seit dem Herbst 1989 hat sich diese Lage geändert. Das letzte
Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts war frei von den früheren Spannungen; das heißt
nicht, dass es nicht neue Probleme und Schwierigkeiten mit sich gebracht hätte. In besonderer
Weise sei der Göttlichen Vorsehung Lob dafür, dass die Zeit des sogenannten ‚Kalten
Krieges’ vorüber ist ohne den gewaltsamen Atomkonflikt, dessen Gefahr in der
vorübergegangenen Epoche auf der Welt lastete.“
Erst relativ spät habe ich mich mit den biblischen Zeugnissen beschäftigt, die vom Umgang
mit der Zeit erzählen. Mit dieser Lektüre bin ich noch längst nicht am Ende, eher noch am
Anfang.
Im Lukasevangelium finden sich mehrere Lehrstücke dazu – die Gleichnisse vom
Feigenbaum, vom Senfkorn und vom Sauerteig, die eindringlichen Mahnungen zur
Wachsamkeit: „Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht erwartet.“ Aber
auch der Hinweis auf die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes findet sich hier – ganz
offensichtlich ein Kontrapunkt. Achtsam zu sein auf das Heil und bereit für den Herrn – das
schließt offenbar Ruhe, ja Lässigkeit bei der Verfolgung irdischer Wohlfahrt nicht aus – wie
man denn Geschäftigkeit, verbissene Arbeitsmoral, ruhelos planende Zukunftssorge im Neuen
Testament kaum finden wird.
Wer nach den Zeichen der Zeit und ihrer Deutung im Evangelium fragt, muss beides sehen
und erwägen: das neue Gewicht der Zeit im Heilsgeschehen, die Nähe des Gottesreiches, das
zu uns kommen, unter uns erstehen will, die daraus fließende Haltung strenger Bereitschaft
und Wachsamkeit – und zugleich die große Entlastung, die dem Leben aus diesem Heil
erwächst, die Befreiung von Zeitdruck und Terminplan, das Leichtwerden vor Gott, die neue
Festlichkeit des Lebens. Wer das Eine Notwendige kennt, der kann sich entlasten von allem,
was nicht nottut. Wer sein Heil in Furcht und Zittern sucht, der mag großzügig umgehen mit
den irdischen Dingen. Von hier gesehen, ist der Umgang des Christen mit der Zeit ein
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paradoxer Umgang: sie ist für ihn einerseits das Höchste, Edelste, „edeler als tausend
Ewigkeiten“, wie die Mystik sagt, weil in ihr, ein-für-alle-Mal, das Heil gewirkt wird. Sie
soll, wie Paulus sagt, „ausgekauft“ werden; denn „die Tage sind böse“. Und sie ist anderseits
für den Christen in Fülle, ja im Überfluss vorhanden, er braucht nicht mit ihr zu knausern und
zu sparen, er kann sie verschwenden, als sei sie nicht aus irdischem Stoff gemacht, als sei sie
selbst schon Vorahnung und Vorwegnahme des „ewigen Festes“.
Kein Zweifel nun, dass das „Kaufet die Zeit aus!“, die Haltung der Wachsamkeit, der
pünktliche Umgang mit Jahr und Stunde unter dem Einfluss des Christentums ein Leitmotiv
der europäischen Geschichte geworden ist. Nicht zufällig ist unsere Zeit bis heute gezählte
Zeit, nicht zufällig wurde die mechanische Uhr in einer christlichen Zivilisation erfunden. Die
digitale Zeittechnik hat es inzwischen von der Mikrosekunde zur Nanosekunde und zur
Picosekunde (billionstel Sekunde) gebracht. Aber wo ist in dieser rasenden Beschleunigung
der Geschichte die Gegenwart, die Ruhe, die Langsamkeit geblieben?
Zur christlichen Zeiterfahrung gehören nicht nur Sorge und Wachsamkeit, das „Auskaufen
der Zeit“ angesichts der bösen Tage und des bevorstehenden Endes. Zu ihr gehört auch das
Grundvertrauen in die Sorge des himmlischen Vaters, der die Vögel des Himmels und die
Linien des Feldes ernährt. Gerade heute, meine ich, müssten Wachsamkeit und christlicher
Ernst ergänzt werden durch christliche Leichtigkeit und Heiterkeit. Nur wenn beides
zusammenkommt, kann das christliche Zeitgefühl in der Zukunft neue Ausstrahlung und
werbende Kraft gewinnen.
Das christliche Zeitgefühl umfasst viele Elemente und unterschiedliche Formen – auch
solche, die miteinander in Spannung stehen. Das hängt mit der geschichtlichen Entwicklung
zusammen. Christentum heißt ja immer Aufbruch und Ausfahrt, ständiges Über-Setzen an
neue Ufer, griechische, römische, germanische, moderne – also Inkulturation. Es ist klar, dass
sich die christlichen Zeitvorstellungen der ersten beiden Jahrtausende an den philosophischen
Überlieferungen der Alten Welt orientiert haben. Es könnte sein, dass sie im dritten
Jahrtausend neue Wurzeln schlagen im Boden anderer Kulturen. Vielleicht werden dort die
Lilien des Feldes unbefangener blühen als in der manchmal von apokalyptischen Ängsten verschatteten europäischen Welt.
10
VI
Letztes Stichwort: Musik. Das hat natürlich mit meinem Nebenberuf als Kirchenmusiker zu
tun. Aber es gehört auch ganz objektiv zum Thema des heutigen Abends. Denn von allen
Künsten – behaupte ich – weiß die Musik am besten, wie man von Gott redet. Sie tut sich mit
dieser Rede leichter als die Malerei, die Bildhauerei – leichter sogar als die Dichtung.
Die bildende Kunst hat es bekanntermaßen am schwersten. Angesichts vieler Darstellungen
Gottes versteht man das in der frühen Kirche strikt geltende Bilderverbot. Es entspringt der
Pietät, es schützt vor Usurpationen, vor der unangemessenen Vermenschlichung des
Höchsten. Denn wie soll man Gott im Bild erfassen und festhalten? In den Bildern selbst
großer Maler seit der Renaissance wirkt der meist vollbärtige, üppig ummantelte, bald
herrscherlich gebietende, bald väterlich liebevolle Schöpfer-Gott nicht selten peinlich.
Gewiss, ihm kommt die Würde hohen Alters und damit verbundener Weisheit zu. Und es gibt
anrührende Bilder von Gottvater: Michelangelos Schöpfergott mit dem Adam erweckenden
Finger; Gottvater in Dürers Gnadenstuhl. Aber in einem jugendverliebten Zeitalter wie dem
unseren ist Alter nicht mehr ein unmittelbar einleuchtender Wert. Und in manchen neueren
Darstellungen wirkt der mächtige Schöpfergott eher wie ein Pensionär außer Dienst. Ein
kluger Kunstgriff, dass Grünewald Gottvater nur als fernes Zeichen am Himmel aufleuchten
lässt. Nur gelegentlich gelingt es Bildhauern, die Wucht und Größe Gottes, seine Bewegtheit
und Stärke anschaulich zu machen – so dem Meister H.L. im nach wie vor hinreißenden
Gottvater-Bildnis des Breisacher Altars. Doch sonst hält man sich besser an den Sohn, an die
Vielzahl bewegender Gekreuzigten-Darstellungen, an die Erbärmdebilder des Mittelalters, an
die Schreckens- und Folterbilder Rouaults und Bacons. Der Sohn ist uns näher ist als der
Vater, weil er uns als Mensch in allem gleich geworden ist außer der Sünde. Auch der
heilige Geist im verschlüsselten Symbol der Taube erregt kaum Anstoß.
Schwer tut sich auch die Dichtung. Gewiss, die Hymnen und Sequenzen der Kirche – in den
östlichen Kirchen noch immer in großer Zahl vorhanden, während im Westen nur noch
wenige Reste übrig sind – stimmen das Lob Gottes vielfältig an: am nachdrücklichsten das
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Tedeum des Ambrosius und seine zahllosen nationalsprachlichen Fortsetzungen und
Varianten. Aber das Geheimnis der Trinität kann man kaum poetisch ausschmücken, man
kann es nur in durchsichtiger Prosa wiedergeben, wie es von Augustin und Thomas von
Aquin bis zu Karl Rahner und Wolfhart Pannenberg alle großen Theologen versucht haben.
Dabei allzu nachdrücklich die lyrische Harfe zu bedienen verbietet sich von selbst. Am
eindrucksvollsten sagt wohl die Bauersfrau das Geheimnis aus, die sich beim Angelusläuten
am Mittag bekreuzigt „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ - sie
bewältigt buchstäblich mit einer Handbewegung, was die spekulative Theologie auf
Hunderten von Seiten mühsam zu erhellen versucht.
Nur die Musik hat hier einen Bonus. Genauer muss man sagen: die polyphone, die
mehrstimmige Musik. Denn sie kann die Dreifaltigkeit – ein schönes deutsches Wort! – in
ihren Tönen sowohl hörbar machen wie auch geheimnisvoll verbergen. Rudolf Steglich und
Hermann Keller haben das an Johann Sebastian Bachs letztem freien Orgelwerk, Präludium
und Fuge Es-Dur, gezeigt. Steglich sagt über das Präludium, es diene der „Darstellung der
allumfassenden dreieinigen göttlichen Macht. Das ouverturenhafte, festlich majestätische
Präludium öffnet gleichsam den Blick in ihr Weltwirken. Scharf geprägt, körperhaft
anschaulich stellt es die drei Themen hin: das Herrscherwesen im authentischen ersten
Thema, zwiefache Gestalt im plagalen zweiten – Christus als zur Menschheit herabsteigender
Gottessohn und als menschgeborener Heiland; Herabschweben und Sichausbreiten des
Heiligen Geistes im dritten...Die Fuge „sieht, nun nicht mehr zur Erde gewandt, sondern
gleichsam im Aufblick zum Himmel, die Dreiheit verklärt.“ Ich zitiere Hermann Keller: „Es
sind drei Fugen mit drei Themen, und doch sind sie eins, wie die drei Personen der Gottheit.
Hier ist der Musik als der Sprache des Unaussprechlichen etwas gelungen, um das sich
bildende und Dichtkunst aller Zeiten vergeblich bemüht haben : eine wesenhafte Darstellung
der Trinität durch die Mittel der Kunst.“
Bachs Präludium und Fuge Es-Dur ist große, ist höchste Kunst. Aber die erschließende,
auslegende Wirkung der Musik, die ihr eigene, ganz natürliche Gottesrede kann man auch in
einem schlichten Lied, in einer Melodie, einer Choralzeile erfahren. Ich erlebe einen solchen
Augenblick jedes Mal, wenn in der Sonntagsmesse der Priester am Altar die Präfation
anstimmt und die Gemeinde dazu auffordert, „mit den Chören der Engel“ das Lob Gottes zu
singen, und wenn darauf alle miteinander in das Sanctus einstimmen – in das Dreimalheilig,
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das aus der Synagogenliturgie in die christliche Messe gewandert ist und das nicht nur
Himmel und Erde, sondern auch Juden und Christen, verbinden will.
VII
Was bleibt – wenn ich zusammenfasse – übrig? Wie kann
ich, wenn ich mein Leben
überblicke, von Gott reden, was kann ich erzählen, was anderen mitgeben? Was verdanke ich
einzelnen Personen – den Eltern und Erziehern, vielen Zeitgenossen, vielen Freunden, meiner
Frau, den Kindern, den Enkeln und Urenkeln? Was verdanke ich spezifischen Zeiten und
Situationen: der Kriegs- und Nachkriegszeit, den Erfahrungen im Erwachsenenalter, den
Erlebnissen im Haus, in der Familie, im Land und draußen in der Welt?
Nächst meiner Mutter und meinem Großvater mütterlicherseits verdanke ich den christlichen
Glauben vor allem zwei Religionslehrern, unserem Pfarrvikar Alfons Ketterer in der Pfarrei
Mariahilf in Freiburg und dem Alttestamentler Karl Friedrich Krämer im Freiburger BertoldGymnasium. Beide waren entschiedene Nazi-Gegner. Beide sind mehrfach von der Gestapo
verhört worden. Mit Ketterer haben wir Ministranten im Krieg ausländische Sender gehört,
was verboten und gefährlich war; es wimmelte ja von Denunzianten. Von ihm hörte ich auch
zum ersten Mal die Namen Brüning und Schofer – die Namen der Zentrumsführer im Reich
und in Baden. Auf Schallplatten hörten wir Ludwig Wolkers Deutschland-Rede. Sie strömte
ein ungewöhnliches Pathos aus. Die Botschaft war klar: Unser Land sollte nicht einfach den
Nationalsozialisten gehören. Es war auch unser Land. Da meine Religionslehrer glaubwürdig
waren, ist mir auch der Glaube, den sie lehrten, glaubwürdig geblieben – bis heute. Ich habe
die Katholische Kirche im Krieg, in der NS-Zeit, als ein Stück Anders-Sein, ein Stück
Eigenständigkeit und Widerstandsfähigkeit erlebt. Von da habe ich die Überzeugung
mitgenommen, es lohne sich, beharrlich zu sein, fest zu bleiben – auch wenn man dabei
manchmal in einer fast hoffnungslosen Minderheit ist.
Dann das Kriegsende. Not lehrt beten – das haben wir damals alle gespürt, tagaus tagein.
Ohne das Gebet wären wir noch verlassener, noch ausgelieferter gewesen. Seit dieser Zeit
sind Gebete für mich vor allem Stoßgebete. Man braucht keinen langen Anlauf. Ein
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Augenblick genügt. Und an bedrängenden Situationen, in denen man Hilfe brauchte, hat es
auch später in meinem Leben nicht gefehlt.
Aber noch etwas habe ich aus meiner Kindheit und Jugend und vor allem aus meiner
Ministranten- und Pfarrgruppenzeit mitgebracht: einen nüchternen Nah-Blick auf die Kirche.
Wir sahen und beobachteten ja unsere Geistlichen ganz aus der Nähe. Wir sahen ihre Stärken,
aber auch ihre Schwächen. Wir erfuhren hunderterlei Menschlichkeiten, die sich zwischen
Kaplan und Pfarrer, auf der Dekanatsebene, in den Beziehungen zum Ordinariat, zum
Erzbischof abspielten. Meine Schwestern, im katholischen Herder-Verlag tätig, reicherten
unsere Nachrichten- und Anekdotenvorrat noch an, auch durch Informationen über
katholische Schriftsteller und Künstler. Später erfuhr ich manches über den Vatikan – die
„Küche des lieben Gottes“ - auch direkt aus Rom. Natürlich waren wir junge Leute auch
frech. Wir mokierten uns über misslungene Predigten, kritisierten Fehlbesetzungen kirchlicher
Ämter, zweifelten an manchem Hirtenbrief – der damals noch an die „Geliebten
Erzdiözesanen“
adressiert war. Manchmal ergaben sich in der Pfarrei fast bunuelsche
Situationen – so bei der ersten Nachkriegsweihnacht. Die Gestapo hatte im Frühjahr 1945 die
Caritas-Zentrale in Freiburg, das Werthmann-Haus beschlagnahmt. Sie baute dort unter
anderem eine Station zur Durchleuchtung von Briefpost und Paketen auf – mit Lampen hoher
Voltzahl. Dann flohen die Gestapoleute Hals über Kopf. Freiburg wurde von französischen
Truppen besetzt. In der Zwischenzeit holte unser Mesner, hauptberuflich Caritas-Angestellter,
die herrenlos gewordenen Lampen aus dem Haus, er beschlagnahmte sie einfach für die
Kirche – und so ergab sich für Weihnachten ein für karge Nachkriegsverhältnisse
ungewöhnlich üppiges Lichterfest im Chor der Mariahilfkirche.
Die Kirche ist sehr menschlich – das habe ich frühzeitig durch teilnehmende Beobachtung
gelernt. Ich bin darüber nicht zum Zyniker geworden, beileibe nicht. Ich weiß sehr wohl zu
unterscheiden zwischen dem Heiligen Geist, der die Kirche führt und leitet und manchmal
sogar erleuchtet, und dem oft störrischen, manchmal auch schlicht überforderten
„Bodenpersonal“. Ich kann eine kritische und selbstbewusste Haltung gegenüber einem
Amtsträger durchaus mit Respekt und Achtung vor seinem Amt verbinden. In dieser Hinsicht
bin ich ein hoffnungsloser Fall für jene, die in der Kirche alles ändern, alles umwerfen wollen,
denen vielleicht sogar eine andere Kirche vorschwebt. Ich liebe diese Kirche samt ihren
Unzulänglichkeiten - schließlich gehöre ich mit meinen persönlichen Unzulänglichkeiten
auch dazu.
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„Und wie reagieren Sie, wenn Sie wegen Ihrer Mitarbeit bei „Donum vitae“ in Regensburg
und Augsburg aus kirchlichen Räumen verwiesen werden?“ werde ich oft gefragt. Meine
Antwort: „Das stimmt mich traurig – aber eigentlich tun mir eher die Bischöfe leid.“ Das
Problem Schwangerschaftskonfliktberatung betrifft ja nicht nur mich. Es betrifft die Kirche in
Deutschland im ganzen. Die Ausgrenzungen jener katholischen Laien und besonders jener
Frauen – die ja nur das fortsetzen, was die deutschen katholischen Bischöfe fünf Jahre lang
(mit einer Ausnahme) selbst getan haben! – sind eine schwere Belastung in der gegenwärtigen
Situation der Kirche, zu vielen anderen Belastungen hinzu.. Dieses Grund-Trauma im
deutschen Katholizismus sollte rasch geheilt werden – sonst läuft der vielberufene Dialog ins
Leere. Hier ist, meine ich, das kirchliche Amt, sind die Bischöfe am Zug.
Was die Kirche in den heutigen Zeiten braucht, ist Freimut. Hier kann man von den Heiligen
einiges lernen, vor allem von den Frauen unter ihnen. „Verzeiht mir, Vater, meine verwegene
Sprache“, schrieb Katharina von Siena an Papst Gregor XI. in Avignon. „Alles friedlich
vertuschen zu wollen ist grausamer als alles andere.“ Ähnlich haben Jeanne d’Arc, Teresa
von Avila, Bernadette Soubirous zu ihren Zeitgenossen, auch zu ihren geistlichen Oberen,
geredet. Ein Gran Freimut täte uns allen in der Kirche gut. Die offene und klare, nicht
verletzende, aber deutliche Rede ist ein Gebot der Stunde. Reden wir also direkt und
unverblümt. Machen wir von den Gedanken, die frei sind, den richtigen öffentlichen
Gebrauch, auch in der Kirche. Vielleicht bringen wir dann auch die Gottesrede leichter an die
Menschen von heute!
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Seele and Geist
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