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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Mein T

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Mein T-Shirt aus Afrika
Wie eine Familie aus Burkina Faso mit der Globalisierung kämpft
Autor:
Patrick Batailo
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Donnerstag, 08.12.11 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
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1
MANUSKRIPT
Atmo: Geschäft - Kundengespräch
Atmo: Geschäft - Verkäuferin und Mutter im Gespräch
Mutter: „Darf ich Sie hierzu fragen?“ Verkäuferin: „Ja.“ Mutter: „Kucken Sie mal! Ist
dies reine Baumwolle?“ Verkäuferin: „Ja, natürlich.“ Mutter: „Hundert Prozent?“
Verkäuferin: „Ja.“
Atmo: Geschäft
Erzähler:
Wir sind in einer Boutique in der Karlsruher Innenstadt. Ich begleite meine Mutter, die
ein T-Shirt kaufen will.
Atmo: Geschäft - Verkäuferin und Mutter
Mutter: „Und wie teuer ist das?“ Verkäuferin: „Das kostet 59,90 Euro“. Mutter:
„Wissen Sie, wo die Baumwolle herkommt.“ Verkäuferin: „Ne.“ Mutter: „Sie wissen
also nicht? Verkäuferin: (darüber) Des weiß ich nicht.“ Mutter: „Das interessiert mich
nämlich einfach, wo die Baumwolle herkommt.“ Mutter: „Also dann wissen Sie auch
nicht, ob Sie fair gehandelt ist?“ Verkäuferin: „Ne.“
Erzähler:
Am besten gebe ich es gleich zu: Im Gegensatz zu meiner Mutter ist mein
Einkaufsverhalten eher pragmatisch. Man wird mich selten hartnäckig nachfragen
hören, wo das Kleidungsstück meiner Wahl herkommt - und unter welchen
Bedingungen es produziert wurde. Dass meine Mutter aber gar keine Auskunft
bekommt, und das bei einem teuren T-Shirt - das macht mich doch stutzig. In
anderen Geschäften zuvor ist es uns ähnlich ergangen.
Atmo: Geschäft - Verkäuferin und Mutter
Verkäuferin: „Ich find, es ist eh alles, wenn da in die Tiefe blickt, dann wird man
irgendwann ganz wirr.“ Mutter: „Das stimmt.“ Verkäuferin: „Wo’s herkommt, wie‘s
vernetzt ist.“ Mutter: „Da steht dann Türkei, aber da wird es ja nur hergestellt.“
Verkäuferin: „Also ich find, es ist ziemlich komplex! Am besten wär, es wird in
Deutschland angebaut, in Deutschland hergestellt, wenn man‘s wüsst.“ „Mutter: Ja,
nur bei der Baumwolle geht das nicht.“ Verkäuferin: „Okay, danke, Tschüss!“
Atmo: Geschäft - Kundengespräch
Erzähler:
Jetzt ist meine journalistische Neugier doch geweckt: Das T-Shirt in der Tüte meiner
Mutter, wo kommt es her - bzw. die Baumwolle, aus der es gemacht ist? Wie geht es
den Menschen, die diese Baumwolle anbauen? Wie wirkt sich die Globalisierung auf
diese Menschen aus, die oft gar nicht wissen, dass sie Teil der Globalisierung sind?
Alles sehr kompliziert, scheint mir - und hier vor Ort komme ich nicht weiter.
2
Atmo: Dorfschule - Stimmen, lachen
Atmo: Dorfschule - Gesang
Erzähler:
Eine kleine Strohhütte neben ein paar Büschen, gleich vor dem Grundstück der
Familie Somé (Somé), das ist die Dorfschule. Auch die Kinder der Familie Somé sind
heute dort, sie singen. Es ist ein Sonntagvormittag in der Trockenzeit, mitten im
Busch, weit im Südwesten Burkina Fasos. Ob die Baumwolle des T-Shirts meiner
Mutter vom Feld der Somés gleich neben der Schule stammt, oder überhaupt aus
Burkina Faso kann niemand sagen. Möglich wäre es. Die Somés geben ihre
Baumwolle an Zwischenhändler, die verkaufen sie an die großen Händler und die
mischen die Baumwolle aus Burkina Faso mit Baumwolle aus anderen Ländern. Was
am Ende zur Produktion verwendet wird, ist so meist ein Gemisch aus Baumwolle
aus der ganzen Welt.
Atmo: Gehen - Feld
Sienkilé Somé:
C’est le champ de coton. C’est le reste qu’on est en train de couper. C’ est le champ
qui commence ici, jusqu’a limite ici. Le coton si c’est pour vendre, on le met dans le
silo. (…) Le silo c’est en bas. C’est en bas. On met ca ensemble, on pèse, pour lui
qui vient prendre.
Erzähler:
Das hier, sagt Sienkilé Somé und dreht sich einmal um sich, ist unser Baumwollfeld.
Das Silo dort, da wird die Baumwolle gelagert und gewogen. Und dann verkauft. Wir
stehen auf knapp einem Hektar Land, inmitten hitzeversengter Stoppel. Vergangene
Woche ist die Baumwollernte abgeholt worden. Alles hier ist Handarbeit, erklärt
Sienkilé, Traktoren oder Maschinen gibt es nicht. Nur Hacken, seit ein paar Jahren
auch einen Pflug. Wir gehen auf die Hütten der Familie zu, die direkt neben dem Feld
liegen. Es sind fünf oder sechs miteinander verbundene Lehmhütten mit Blechtüren.
In der Mitte sehe ich eine Feuerstelle und einen Baum. Davor steht neben einer
Opferstelle mit Ascheresten eine kleine Holzfigur, der Familienfetisch, der eine gute
Ernte gewährleisten soll.
Atmo: Die Brüder zeigen den Hühnerstall, bieten Alkohol an
Erzähler:
Sienkilés älterer Bruder empfängt uns mit einer seiner Frauen. Er bietet mir Hirsebier
in einer Kürbisschale an. Er selbst, sagt er, hat heute schon vier Liter davon
getrunken. Die anderen lachen, es war ein Witz - glaube ich zumindest. Dehan
Somé, der ältere Bruder, spricht kein Französisch, sondern nur Dagaare, die
Sprache der Ethnie, der die Familie angehört. Wie seine vier Frauen ist er nie zur
Schule gegangen - im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Sienkilé, der so auch
Französisch gelernt hat und für mich übersetzt. Bei aller Schlichtheit wirkt die Szene
auf mich wie eine Idylle. Die Leute lachen und sind herzlich. Doch der Eindruck
täuscht.
3
Atmo: Dehna Somè erzählt
Erzähler:
Dehan Somé erzählt davon, wie 2008 die Preise für Baumwolle plötzlich ins
Bodenlose fielen. Um zu überleben, musste die Familie alle Hühner, Ziegen und
Schafe verkaufen. Irgendwas hatte das mit einer Finanzkrise zu tun, meint er, aber
wie die ausgelöst wurde und was sie mit der Baumwolle zu tun hat, weiß er nicht.
Nach einem Jahr harter Arbeit, sagt Dehan, konnte er noch nicht einmal den Kredit
zurückzahlen, mit dem er das Saatgut, die Düngemittel und die Pestizide erworben
hatte.
Sienkile Some:
Deux ans comme ca. Ca c’est un mauvais prix. C’est difficile à vivre. (…) Le mais
encore ajouter, le mil encore ajouter. Credit va monter sur toi. (…) Oui, l’école faut
payer. Avant les parents on connait pas, avec les enfants on veut. (…)Quand l’enfant
va à l’école, on mange juste une fois par jour, on se débrouille.
Erzähler:
Zwei Jahre lang hat die Familie mit der Baumwolle nichts verdient, schildert sein
Bruder Sienkilé. Und dann sollten ja noch die Kinder zur Schule gehen; das kostet
Geld in Burkina Faso. Sogar einen Teil von der Hirse und dem Mais, die sie zur
eigenen Ernährung anbauen, mussten sie deshalb verkaufen. So aß die Familie
schließlich nur noch einmal am Tag.
Atmo: Stimmen, Tätigkeiten
Erzähler:
Fünf Mädchen und neun Jungen, 14 Kinder insgesamt, hat allein Dehan Somé mit
seinen vier Frauen. Wie heißt es in Afrika: „Wenn die Reichen hungern, sterben die
Armen.“ Je länger ich bei Familie Somé bin, umso ferner rückt mir die Welt in
Deutschland und die Fragen meiner Mutter. Die Menschen hier sind auf der
Spielfläche des Weltmarkts wie ein Wattebausch, der von den Weltmarktpreisen an
die Kante gepustet wird. Eben weil sie nicht anderes haben als die Baumwolle. Fünf
Millionen Menschen leben in Burkina Faso von ihr. Einen Schutz wie
Arbeitslosengeld oder eine berufliche Umschulung gibt es hier nicht. Dass Burkina
Faso fast nur von einem einzigen Exportprodukt, der Baumwolle, lebt, hat seinen
Grund noch in der Kolonialzeit, erzählt mir Sienkilé. Die französischen Kolonialherren
beuteten ihre Kolonien als Rohstoffquellen aus. Aus der Elfenbeinküste kam der
Kakao, in Burkina Faso, der damaligen Kolonie Obervolta, betrieb Frankreich
Baumwollanbau. Diese Strukturen sind geblieben und machen das Land so anfällig
gegenüber den Turbulenzen des Weltmarktpreises. Ein Preis der, von Spekulanten
getrieben, schon mal eben um 35 Prozent einbrechen kann, wie etwa in diesem Jahr
- es genügte die Nachricht, dass in einem andern Teil der Welt, in Pakistan, die
Bauern die Baumwollproduktion und dadurch das Angebot an Baumwolle auf dem
Weltmarkt stark erhöht haben. Dabei ist Baumwolle aus Burkina Faso eigentlich
besonders gute Baumwolle, weil sie handgepflückt ist - anders als die der großen
Konkurrenten aus den USA oder Europa, die mit Maschinentechnik arbeiten. Doch
von Fairness kann in der globalisierten Welt nicht die Rede sein.
4
Ye:
Si on abolit les subventions du coton américain, il est clair que sur le plan
international, le cout du coton va augmenter et ca va permettre aux producteurs
africains et burkinabés en particulier de vivre de leur coton.
Overvoice Ye:
Ein grundsätzliches Problem sind die Subventionen, die die USA oder europäische
Staaten ihren Baumwollbauern geben. Diese Subventionen drücken den
Baumwollpreis weltweit permanent. Wenn man die Subventionen abschaffen würde,
könnten unsere Bauern in Burkina Faso gut von der Baumwolle leben.
Erzähler:
Lucien Ye stammt selbst aus einer Baumwollfamilie. Heute arbeitet er als technischer
Berater für Entwicklungshilfeorganisationen wie die deutsche GIZ, die Gesellschaft
für internationale Zusammenarbeit.
Ye:
C’est une injustice! (…) il y a pas de raison pour que le IMF et la banque mondiale
nous disent, à notre etat, desengagez le secteur agricole, d’arreter les subventions,
dans l’encaderement, et même temps ces états, plus grands que nous,
subventionnent leurs agriculteurs. (...) Mais nous sommes dans un système de petit
producteur qui ont besoin d’informations. Ils ont pas forcément les moyens d’avoir la
bonne information. Et pour ca l’etat s’est donné l’obligation de enseigner ces gens-là.
Sur la variété, sur la production, sur l’ensemble des techniques et de
commercialisation. Mais qui va les enseigner ca?
Overvoice Ye:
Was für eine Ungerechtigkeit! Genau die, die sonst immer die Liberalisierung
predigen, halten sich nicht daran. Der IWF und die Weltbank haben Burkina Faso
sogar gezwungen, die staatlichen Ausbildungsprogramme für die Bauern
abzuschaffen, mit dem Argument, das verstoße gegen die Wettbewerbsfreiheit. Das
sind doch Kleinstbetriebe. Die müssen erst lernen, welches Saatgut richtig ist, wie
man effektiv produziert und verkauft. Und wer soll die Ausbildungsprogramme
bezahlen, wenn nicht der Staat?
Atmo: Kochen
Atmo: Frau kocht und beschreibt, was sie macht
Erzähler:
Es ist Mittag, die Frauen beginnen zu kochen - auf offenem Feuer, vor einer der
Hütten, abgeschirmt nur durch eine niedrige Lehmmauer. Die Luft scheint zu glühen
in der Mittagshitze. Es gibt To, einen Hirsepudding. Erst wird die Hirse in einem
Holzmörser gestampft, dann mit Wasser und Baobab-Blättern in einer tischbreiten
Pfanne angerührt. Burkina Faso ist noch immer eine sehr traditionelle Gesellschaft,
die meisten Menschen hier essen, was sie selbst anbauen. Doch auch ihre
Wirklichkeit ist jedes Jahr stärker eingebunden in das System der Globalisierung, oft
ohne dass die Leute es begreifen.
5
Ye:
Ces dernières années le coton a connu des problèmes. Il y eu beaucoup d’impayés,
les gens arrivaient plus à rembourser. Et il y eu aussi beaucoup de suicides. Pq une
fois de plus, c’est une region oú les gens ne tolèrent pas le deshonneur.
Un homme a valeur que quand il produit beaucoup. Quand on veut se marier - on
demande : est-ce que c’est un grand producteur? (…) La richesse n a valeur que
quand ca vient de la terre. Un commercant on le considére très peu. Àla limite
comme un voleur. La richesse qui est respectée, c’est une richesse qui vient de la
terre. (…) Moi j’ai mis tant de grains dans la terre, j‘ai recolte ca, tout le monde a vu
ca.
Overvoice Ye:
Es gab hier Bauern, die haben sich während der Finanzkrise das Leben genommen,
weil sie nach einem Jahr schuften ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten.
Man muss sich klarmachen, dass die Baumwolle in Burkina Faso ein Prestigefaktor
ist. Ein Mann ist etwas wert, wenn er viel Baumwolle produziert. Wer heiraten will,
den fragen die Eltern des Mädchens: Wieviel Baumwolle hast Du dieses Jahr
geerntet? Ein Kaufmann wird eher wie ein Dieb gesehen. Der geht in die Stadt, wenn
er zurückkehrt, hat er Geld, man weiß nicht woher. Bei einem Baumwollbauern sieht
man: Erst hat er gepflanzt, dann geerntet. Nur der Reichtum aus der Erde gilt hier
etwas.
Atmo: mit Sayibetersou in ihre Hütte
Erzähler:
Sayibetersou Somé ist Dehans zweite Frau, sie ist 34 Jahre alt. Sie zeigt mir ihre
Hütte, ihr Schwager begleitet sie. Es ist ungewohnt für sie mit dem fremden Mann,
noch dazu ein Ausländer, sie ist schüchtern. Wasserkrüge lehnen an der Wand, eine
Öllampe hängt an einem Pfosten. Sayibetersou rückt eine der Matten auf dem
Lehmboden zurecht, sie schläft hier in den Nächten, wenn eine der anderen drei
Frauen bei ihrem Mann ist.
Atmo: mit Sayibetersou in ihre Hütte
O-Ton: Sayibetersou Somé
Erzähler:
Drei Kinder hat Sayibetersou. Ihren Mann hat sie in ihrem Heimatdorf getroffen,
erzählt sie, es war Liebe. Als Mitgift brachte er zwei Ochsen. Und Muscheln, das
traditionelle Geld. Dann ging sie mit ihm.
Atmo: kurzes Trommel-Solo
Atmo: Markt
Erzähler:
Der nächste größere Markt ist fast eine Stunde von dem Dorf entfernt, in dem die
Somés leben.
6
O-Ton: Sayibetersou Somé
Erzähler:
Auf dem Markt, erzählt Sayibetersou Somé, verkauft sie selbstgebackene Erbsenoder Hirsekuchen. Auch Hirsebier. Und manchmal Holzkohlen, aus Holz, das sie im
Busch sammelt. Sie verdient nur sehr wenig Geld damit, aber kann immerhin kann
sie die Familie so noch zusätzlich ein wenig unterstützen. Vom einem Busdach aus
laden die Bauern die Waren ab, die sie aus ihren Dörfern mitgebracht haben. Roter
Staub liegt auf den Gesichtern und Kleidern. Hier auf dem Markt treffe ich auch Ye,
der eine der lokalen Schneidereien besuchen will. Wir unterhalten uns, während
Sayibetersou ihre Waren vor sich auslegt.
Ye:
17:40 Quand le cout du coton était intéressant, les gens avait pas besoin qu’un projet
vient leur construire une école, un dispensaire, qu’on leur construise un fourrage. Et
de plus, si les gens ne gagne assez, il y un un dispensaire ou une école, ils vont pas
aller !
Overvoice Ye:
Wenn die Weltmarktpreise für Baumwolle stimmen - dann verdienen die Menschen
hier so gut, dass gar keine Entwicklungshilfe brauchen, die ihnen eine Schule oder
ein Krankenhaus baut. Aber wenn der Weltmarktpreis nicht stimmt, dann kann
Deutschland oder Europa noch so viele Schulen oder Krankenhäuser bauen, die
Leute haben dann noch nicht einmal genug Geld, um sie zu nutzen.
Erzähler:
Sayibetersou Somé hat inzwischen die Holzkohle und zwei ihrer Erbsenkuchen
verkauft. Mit dem Geld in der Hand bittet sie die Frau vom Nachbarstand, kurz auf
ihre Waren aufzupassen. Ein paar Schritte weiter bleibt sie vor einem auf einer Plane
aufgehäuften Berg Kleidung stehen, gebrauchte Hosen und Hemden aus Europa.
Gut möglich, dass sie aus den Beständen einer Hilfsorganisation abgezweigt wurden
und jetzt verkauft, statt verschenkt werden. Sayibetersou ist es egal: Sie hat ein TShirt für ihren jüngsten Sohn erspäht, es kostet umgerechnet weniger als einen Euro,
das kann sie sich leisten. Wer weiß, vielleicht stammt die Baumwolle, aus der das TShirt gemacht wurde, ja sogar aus Burkina Faso, kommentiert Ye. Den größten Anteil
an dem Gewinn beim Verkauf des neuen T-Shirts in Europa, sagt Ye, hat aber auch
dann nicht der hiesige Baumwollproduzent erzielt - sondern die Firmen im Ausland,
die es verarbeitet und verkauft haben. Dass hier in Burkina Faso so wenig verdient
wird an der eigenen Baumwolle, liegt auch daran, dass nur der Rohstoff ausgeführt
wird. Kaum etwas wird im Land selbst weiterverarbeitet.
Atmo: Schneiderei - Nähmaschine
Atmo: Schneiderei - neutral
Erzähler:
Ye führt mich in die Schneiderei einer Bekannten, gleich um die Ecke. Priska Hien
näht traditionelle Gewänder aus Baumwolle. Vor ihr liegt ein Obergewand für einen
Mann, mit breiten Ärmeln und blau-weißen Längsstreifen. Eigentlich ist heute
Ruhetag, erzählt sie, sie ist trotzdem hier.
7
Priska Hien:
Comme c’est dimanche, je suis venue pour vendre de l’eau. Aujourd’hui c’est notre
repos, mais comme j’ai un frigo, je suis venue pour vendre de l’eau.
Erzähler:
Sonntags findet der Markt statt, sagt Priska Hien, da verkauft sie Wasser, als
Zuverdienst, schließlich hat sie einen Kühlschrank in der Werkstatt. Und näht
nebenher doch… Traditionelle Gewänder sind zwar wieder in Mode, vor allem bei
afrikanischen Politikern, die auf volkstümlich machen wollen. Aber das Geschäft läuft
trotzdem schlecht - die billigen Produkte aus China und die Second-Hand-Ware aus
Europa verkaufen sich einfach besser.
Priska Hien:
Le coton, c’est du Burkina. (…) Les tissus, c’est au niveau de Ouaga. (…) Si l
personne vient avec le tissu, je fais pour le client. Sinon j’achète pour les clients. (…)
Mes mains-deux … trois jours de travail. C’est pas facile, ca prend du temps. (…)
Moi, je me débrouille un peu, je me plains pas. (…)
Erzähler:
Dabei stammt ihre Baumwolle aus Burkina Faso, sagt Priska Hien. Die Stoffe sind
aus Ouagadougou. Sie kauft meist selbst für ihre Kunden ein. An einem traditionellen
Gewand arbeitet sie drei Tage gemeinsam mit ihren zwei Lehrlingen. Doch sie will
nicht klagen, sagt sie. Es ist ein Paradox: Um ihre Familien durchzubringen, kaufen
Bauern wie Sayibetersou Somé lieber die billigeren Waren aus dem Ausland - und
verhindern so, dass im Land selbst mehr Arbeitsplätze wie in Priskas Näherei
geschaffen werden.
Atmo: Gesang im Bus
Erzähler:
Ich fahre nach Ouagadougou, in die Hauptstadt. Im Bus beginnen einige Fahrgäste
zu singen und zu trommeln. Die Menschen in Burkina Faso arbeiten hart, doch sie
wissen auch, wie man die Pausen nutzt, im Handumdrehen können sie gemeinsam
fröhlich sein. Ich denke an Priska Hien in ihrer Näherei und an Sayibetersou Somé,
die nicht nur auf dem Feld arbeitet, sondern auch Haus und Kinder versorgt, Wasser
und Holz sammelt, die Wäsche von Hand wäscht und Waren auf dem Markt verkauft.
Den Frauen weist die traditionelle Arbeitsverteilung wesentlich mehr Tätigkeiten zu.
Durch das Fenster blicke ich auf die dürre Steppenlandschaft, die in der Hitze
geschrumpften Seen, an deren Ufern sich die Krokodile sonnen - und lausche
fasziniert dem ausgelassenen Gesang im Bus. In Ouagadougou will ich ein BioBaumwoll-Projekt besuchen. Baumwolle, die nach ökologischen Maßstäben
produziert und im eigenen Land zu Fair-Trade-Bedingungen verarbeitet wird - ist das
eine Lösung für die Baumwollbauern in Burkina Faso? Vielleicht auch für die Familie
Somé in ihrem Dorf weit im Süd-Westen des Landes?
Atmo: Weberei Couleurs du Sahel
8
Atmo: Zakaria Quedraogo (stereo, man hört Webstuhl) Nous sommes en face d’un
métier à tisser grande largeur, capable de produire un tissu de 120 centimètres, voilà
nous avons la montée du coton biologique, le fil a été fait par nos braves mamans
qui utilisent les instruments traditionnels. Ca nous donne du tissu à grand epaisseur,
qui peut servir à des produits comme des couvres-lits, des couvertures.
Erzähler:
Der Webstuhl, vor dem wir stehen, kann Stoff bis zu etwa 1,20 Breite weben, erklärt
mir Zakaria Ouedraogo der Gründer der Weberei und Färberei „Couleurs du Sahel“,
„Die Farben des Sahel“. Reine Biobaumwolle verwenden sie, sagt er und zeigt mir,
wie kräftig der Stoff für die Laken und Bettdecken ist. Das Garn wird hier vor Ort
gesponnen, von den „tüchtigen Frauen unsres Landes“, wie er es ausdrückt. 2008 ist
die Weberei auf Biobaumwolle umgestiegen.
Zakaria Quedraogo:
Le prix du vente est multiplié par deux. (…) J’ai pas besoin d’acheter le colorant, il
me suffit d’aller en brousse et récolter les feuilles, et je vais faire ma teinture avec.
Du jaune, des oranges, couleur vertes, grises, bleues.
Erzähler:
Der Verkaufspreis, sagt Zakaria Ouedraogo, hat sich seitdem verdoppelt. Früher
habe die Weberei zum Färben teure künstliche Farben verwendet, erklärt er. Seit sie
auf Bio umgestiegen sind, geht er einfach in den Busch und sammelt Blätter und
Pflanzen für die Farben.
Zakaria Quedraogo:
Sur le plan de la santé, tous ceux qui faisaient la teinture avec moi a un moment se
plaignaient du fait qu’ils ressentaient des anomalies dans le fonctionnement de son
organisme. Donc voilà, ca m’a donné des idées.
Erzähler:
Was seine Gesundheit und die seiner Mitarbeiter betrifft- fast alle hier hätten sich
früher beklagt, dass es ihnen nach dem Färben körperlich schlecht gehe. Seit sie
natürliche Farben statt der künstlichen einsetzen, beschwert sich niemand mehr. Die
Schweizer NGO „Helvetas“ hilft der Weberei, ihre Biowaren in Europa und den USA
zu vermarkten. Kunden sind das deutsche Naturtextilienversandhaus Hessnatur,
aber auch die Unterwäschefirma Victoria's Secret. Georg Felber leitet das
Biobaumwollprojekt von Helvetas, er arbeitet auch mit den Bauern zusammen.
Georg Felber:
Man fängt immer beim Einkommen an. Wenn man fragt einen Bauern: Warum
machst du Biobaumwolle? Dann ist wohl immer der erste Grund, ja, ich verdien jetzt
mehr damit. Das ist ganz wichtig, weil der Preis für Biobaumwolle wesentlich höher
ist. Man muss wissen, es ist hier doppelt zertifiziert: Bio und Fair Handel, das gibt
dann noch ein höhere Plus an Einnahmen als einfache Biobaumwolle, sag ich mal.
Das ist so in Burkina. Somit haben die Bauern praktisch annähernd doppelt so viel
für ein Kilo Rohbaumwolle gekriegt.
Erzähler:
Biobaumwolle heißt: die Bauern verwenden Mist oder Kompost als Dünger und
pflanzliche Mittel zur Schädlingsbekämpfung.
9
Mit Fairem Handel ist gemeint: Demokratische Organisation der Bauern, sowie ein
Mindestpreis, der einen vernünftigen Gewinn garantieren soll. Die Erträge seien bei
der Biobaumwolle zwar meist etwas geringer als beim Anbau mit künstlichen Düngeund Spritzmitteln, sagt Georg Felber - der höhere Preis pro Kilo mache das aber
mehr als wett. Und er sieht noch einen Vorteil, der auch die Familie Somé
interessieren könnte - zumindest die Frauen in der Familie:
Georg Felber:
Wir haben einen großen Anteil von Frauen. (…) Gestern zum Beispiel war ich auf
dem Feld bei einem Bauern, da haben wir eine Gruppe getroffen, eine junge Frau,
die war 18 Jahre alt. (…) Die hat zum Beispiel Baumwolle angebaut. Und zwar hat ihr
Vater hat ihr eine Fläche zur Verfügung gestellt, das zu machen, und das hat sie in
Eigenregie… natürlich haben sie sich gegenseitig geholfen, aber es ist ihre Fläche,
ihre Baumwolle. Die Baumwolle liegt jetzt in ihrem Haus, in ihrem Speicher und
wartet bis sie abgeholt wird. Die hat bestimmt, mindestens 300 Kilo Baumwolle
produziert. (…) Sie wird so viel Geld sehen, wie sie noch gesehen hat in ihrem
Leben. Im konventionellen System gibt es keine Frauen, die direkt Produzentinnen
sind.
Atmo: Trommel
Atmo: Hacken auf dem Feld
Erzähler:
Im konventionellen Baumwollanbau stehen Frauen als reine Arbeitskräfte für ihre
Männer auf dem Feld. Die Biobaumwolle und die Ideen des Fairen Handels
verändern die traditionellen Geschlechterverhältnisse, wie sie auch noch in der
Familie Somé herrschen. Sayibetersou Somé geht es wie den drei anderen Frauen
ihres Mannes: Will sie die Einnahmen aus der eigenen Arbeit auf dem Baumwollfeld,
der Haupteinnahmequelle der Familie, für sich oder ihre Kinder verwenden, dann
muss sie erst ihren Mann Dehan um Erlaubnis fragen. Noch ist die Biobaumwolle
nicht sehr verbreitet - ungefähr 30 000 Menschen leben heute in Burkina Faso von
ihr. Und es gibt eine Entwicklung, die die Zukunft der Biobaumwolle problematisch
macht: Burkina Faso hat mit der amerikanischen Agrar-Firma Monsanto Verträge
abgeschlossen, in Zukunft sollen über 80 Prozent der Anbauflächen des Landes
genmanipuliertes Saatgut von Monsanto verwenden. Biobaumwolle darf aber per
Definition nur in einem bestimmten Abstand zu Feldern mit genmanipuliertem
Saatgut angebaut werden. Dies zu garantieren, wird in Zukunft zumindest schwerer
werden.
Atmo: Familie beim Dolo-Trinken, Unterhaltung, Lachen
Erzähler:
Der große Karitébaum ist so etwas wie das Wohnzimmer der Familie Somé. Eben
haben sie noch ein Stück Feld umgegraben, jetzt sitzt die ganze Familie auf Hockern
und Kanistern in der Abenddämmerung unter den ausladenden Ästen. Der 17-jährige
Ganpala hat seine Schleuder in den Hosenbund geklemmt, er kauert neben seinem
Vater, vor ihm liegt der Hase, den er heute geschossen hat.
10
O-Ton Dehan Somé
Erzähler:
Dehan Somé ist in diesem Jahr mit dem Preis der Ernte mäßig zufrieden, sagt er. Mit
den Erträgen aus der Baumwolle konnte er seine Schulden bezahlen und dazu noch
umgerechnet 150 Euro verdienen. Als Jahreslohn, versteht sich. Vor einer der
Lehmhütten steht neben zwei alten Fahrrädern ein nagelneues Motorrad, eine
chinesische Marke. Ye, der mit uns Hirsebier trinkt, grinst, als ich ihn danach frage.
Ye:
Les gens achètent des motos qu’ ils peuvent pas entretenir trois mois après pq ils ont
plus d’argent. Ou se mettent à consommer des alcohols, souvent de qualité
douteuses, pq ils ont de l’argent et veulent quitter leurs routines.
Erzähler:
Wenn einmal Geld da ist, sagt Ye, dann kaufen sich die Leute hier gerne mal ein
Motorrad, oft auch auf Pump, für das sie dann drei Monate später nicht mal mehr das
Benzin bezahlen können. Sie wollen zeigen, dass sie Geld haben! Manche, fügt er
hinzu, versaufen das Geld auch einfach in den Dorfkneipen. Die internationalen
Baumwollpreise haben nach der Talfahrt eine Bergfahrt hingelegt - zwischenzeitlich
waren sie sogar bis auf einen historischen Höchsttand geklettert, doch jetzt sind sie
schon wieder am Sinken. Ich denke an Sayibetersou, die ihrem Sohn gerade das auf
dem Markt gekaufte Second-Hand-T-Shirt zu recht zieht, während sie gleichzeitig
ihre jüngste Tochter in dem Tuch auf ihrem Rücken wiegt. Das Geld, das ihr Mann in
das Motorrad gesteckt hat, hätte sie sicher anders investiert. Und das Thema BioBaumwolle? Wären Bio und Fairer Handel nicht etwas für die Familie Somé? Doch
die Männer interessieren sich im Moment eher dafür, ob sie nicht in Zukunft auf
genmanipuliertes Saatgut umsteigen sollen, ein Nachbar soll damit besonders viel
geerntet haben. Genmanipuliertes Saatgut zu kaufen, ist außerdem viel einfacher als
auf Bio umzustellen. Es wird viel getrunken, und bei dem selbstgebrauten Hirsebier
weiß niemand so recht, wie viel Alkohol es enthält. Heute scheint es eher mehr zu
sein. Die Kinder der Familie spielen auf dem abgeernteten Feld und blicken ab und
zu herüber. Über uns scheint schon der Mond durch die Zweige. Sobald es dunkel
ist, gegen acht Uhr, wird die Familie ins Bett gehen, elektrisches Licht gibt es nicht.
Bevor sie sich auf die dünne Strohmatte auf dem Boden legt, wird Sayibetersou
Somé wie jeden Abend ihren Fetisch ansprechen, die kleine Holzskulptur in einer
Ecke ihrer Hütte. Vielleicht wird sie ihm als Opfergaben auch etwas Obst oder
Blumen hinstellen. Der Fetisch, da ist sie sich sicher, beschützt nicht nur ihre Familie,
sondern sorgt auch dafür, dass die Baumwollernte im nächsten Jahr zum Überleben
reicht.
Atmo: Trommel
11
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