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Klarer Kopf und ein Herz wie ein BergwerK

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Klarer Kopf und
ein Herz
wie ein Bergwerk
Würde man ein perfektes, universell einsetzbares
Freizeitpferd neu erfinden, sähe es aus wie ein Dolepferd.
Und das gibt es ja schon! Toll – sollte man meinen. Doch
kaum einer kennt es. Ein Mann will das ändern und wird
dabei von Autorin Nicola Förg unterstützt. Sie hat ihn und
seine Pferde in Norwegen besucht.
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Faszination
Tier
& Natur
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Wer sagt eigentlich, dass Kaltblüter nicht
auch in einer Dressuraufgabe glänzen
können? Und Winter ist sowieso ihre
Jahreszeit!
Ob bei der Waldarbeit, ob in einer Marathonkutsche – Dole behalten einen kühlen Kopf! Und sind dabei sehr kooperativ.
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Tier
& Natur
Trotzige Kleinbauern erhalten das Pferd
Landflucht ist ein großes Problem, und das wirkt sich auch
auf die Pferdezucht aus. Denn Heu ist fast so wertvoll wie
Gold, zumal wenn die Flächen zum Heuen immer noch
kleiner werden, ist es unerschwinglich, Pferde über den
Winter zu bekommen! Hätte Stein nicht vergleichsweise viel
Grund in Ostnorwegen, gar nicht weit weg vom Flughafen
Gadermon, würde er vielleicht auch aufgeben. Aber einmal
mehr waren und sind es Nebenerwerbsbauern wie er, die
trotzig an ihrer Identität festhalten und an ihren Pferden!
Der Dole ist eine relativ junge Rasse, die immerhin schon
im 16. Jh. in Erzählungen auftaucht – meist in Geschichten, wo wackere Hengste Bären töten. 1834 wurde jeden-
falls der englische Vollbluthengst Odin eingekreuzt, weil
man die Pferde leichter haben wollte. Ein Großenkel von
Odin, Veikle Balder, wurde ab 1849 zum Stammvater der
Dole. 1854 wurde die Idee zur Sommerweidung im Gebirge
geboren – die Besten der Besten zogen dort hinauf, dem
Himmel so viel näher, und den wunderbar nahrhaften
Bergkräutern. Die Züchter damals wussten schon, dass man
nur so starke, trittsichere und klare Pferde bekommt. 1857
gab es eine erste Dole Zuchtshow in Lillehammer, dem
Zentrum des damaligen Hauptzuchtgebietes, dem Gudbrandsdalen.
Fotos: Malin Heggeli Moen (links oben), Linn Waler-Rönning (rechts oben)
Das Pferd ohne Lobby und Lobbyisten
Ihre Für„sprecher“ sind leise Menschen, die eben wenig
sprechen. Die Isländer verfügten schon in den 50er Jahren
weltweit über Promoters, bei uns Ursula Bruns, Dick und
Dalli, Oma Jansen, Herrn Pudlich und Ethelbert (Anm.
d. Red.: Ursula Bruns, Pferdeexpertin, und andere Namen kennt man aus den Büchern von Lise Gast und von
den „Mädchen vom Immenhof “), Warmblüter hatten und
haben den Pferdesport als Werbung. Heute gibt es etwa
100.000 Pferde in Norwegen, verteilt auf 60 Rassen, die
wenigsten davon sind jedoch Mitglieder der drei norwegischen Rassen: Fjord, Nordlandspferd und Dole. Aber der
Fjordi, das beige Kraftpaket mit dem eigenen Sinn und den
vorwitzigen Ideen, hat außerhalb Norwegens mehr Anhänger und Züchter als im Land. Das Nordlandspferd ist vom
Aussterben bedroht und auch bei den Dole Pferden ringen
lediglich ein paar Menschen um ihren Erhalt. „Die Leute
kaufen Isländer, englische Ponys und Warmblüter, das gilt
als schick, aber keine Dole“, sagt Stein und knuddelt seinen
Hengst. „Die Menschen ziehen in die Städte, haben Ställe
an Stadträndern“, fügt er hinzu.
Fotos: Nicola Förg (Vorseite), Irene Skaugerud (links oben), Maria Sivertsen (rechts oben)
S
tein hält einen norwegischen Rekord, nein, eigentlich
einen Weltrekord. Er ist der Mann, der die meisten
Dole Pferde besitzt – in Norwegen und weltweit. Über
40 Pferde betreut der Mann und kämpft für seine Lieb­linge
wie ein Löwe. Denn er hat sich eine titanische Aufgabe ausgesucht: das Dole Pferd zu retten, das geliebte Pferd „mit
dem klaren Kopf und dem großen Herzen“. Ein großes Herz
hat Stein auch, und dazu „einen Knall“, wie seine Familie findet, die seine Pferdeeuphorie nicht ganz teilt. Aber
Stein ist ein Infizierter, der als Kind das erste Pferd bekam
und dessen eigene Kinder auf gänzlich uneingerittenen
Dreijährigen ins Gebirge mitreiten durften – sicher wie in
Abrahams Schoß. Stein ist ein Infizierter, der auf zwei Bauernhöfen pro Jahr 400 Heuballen machen muss, um seine
Lieben zu ernähren.
Bis Mitte Juni etwa bleiben die Pferde noch auf den hofnahen Wiesen, und beim Besuch im März sind da drei junge
Hengste, die wohl denken, sie wären Schoßhunde. Jeder
von ihnen schmust Herrchen nieder, große Liebe sitzt unter
Wuschelköpfen und dem Teddyfell. Große Liebe spricht
aus Steins Blicken und all seinen sanften Gesten. Er ist ein
Pferdemann, kein neumodischer Pferdeflüsterer. Er ist mit
einem unsichtbaren Band an seine Pferde geschmiedet, er
muss kein Mann großer Worte sein, kein Marketingprofi
– und damit beginnen sie auch schon, die Probleme dieser
Rasse.
Pferdezucht war immer ein Stück Kulturgeschichte
Wie bei vielen Rassen kann man in der Rückschau dann die
typischen Zuchttrends ablesen, mal leichter, mal schwerer,
je nachdem, was der Mensch eben so für brauchbar erachtet hatte. Bis 1900 waren es schwere Forstarbeiter, ab 1900
aber wollte das Militär leichtere Pferde haben. 1902 wurde
das erste Stutbuch eröffnet. Die große Zeit der Dole war um
1920–1930 gekommen, die Preise waren auf dem Höhepunkt, es wurde viel gezüchtet, unharmonische Pferde wurden rigoros vom Zuchtprogramm ausgeschlossen. „Giestar“
war damals der perfekte Hengst.
Der 2. Weltkrieg zerstörte dann alles! Es wurde wegen des
großen Pferdebedarfs mit allem gezüchtet, was ansatzweise laufen konnte, Qualität war kein Thema mehr. Und
hinterher liefen überall zurückgelassene Pferde der Deutschen herum, die gab es billig, wer kaufte da schon ein vergleichsweise teures heimisches Dole Pferd? Fohlen wurden
geschlachtet, in den 60er Jahren gab es nur noch 3000 Dole
Stuten und Kenner prophezeiten damals schon eine große
Inzuchtproblematik. Behalten hatten die Pferde wieder mal
die Bauern, gegen allen Zeitgeist, denn der sommerliche
Auftrieb der Pferde ins Gebirge galt ihnen als unantastbares Heiligtum. Es war eine Zäsur im Bauernjahr, eine Art
Urlaub, eine große Party dazu und einfach nicht wegzudenken! Kleine Völker sind besonders stur, wenn’ s um
Identität geht, sagt man. Die Bauern solcher Völker sind es
erst recht. Die Stursten waren die Hengstbesitzer! Und sie
alle hielten durch!
In den 70er Jahren wurden Traber eingekreuzt, um ein
leichteres Reitpferd zu bekommen, so gibt es heute zwei
Linien bei den Pferden: die leichteren Traber und das klassische Dole Pferd. Ein Pferd so schön wie Norwegen! Wiewohl als Kaltblüter eingestuft haben sie kleine Köpfe, ihr
Ausdruck ist immer freundlich. Es sind fast Ponyköpfe mit
eleganten Ohren, viel Mähne und vor allem Schopf. Dole
sind wohlproportionierte Pferde mit kurzem Rücken, keinem allzu mächtigen Hals, um die 150–155 cm groß. Aber
die Größe ist kein Dogma, das Typvolle ist wichtig und
die Harmonie. Farblich kommen sie vom Blauschimmel
über Isabell bis zum Fuchs vor, dunkle Braune und schwarze Pferde gibt es häufig. Kleine Blässen und Sterne sind
erlaubt, „kurze Socken“, wie Stein sagt, auch, aber generell
wenig Abzeichen. Und dann ist´s eben der Charakter: Titanenkraft, Schwung, aber mit Engelsgeduld gesegnet. Zum
Reiten und Fahren geeignet, kinderlieb und bemüht, auch
schlechtere Reiter zu verstehen. Keine panischen Fluchttypen – eigentlich das absolut perfekte Freizeitpferd, das
auch mal einen tragen kann, der ein paar mehr Kilo in den
Sattel bringt. „Sie sind nie anstrengend und immer wohlmeinend“, sagt Agna, eine Züchterkollegin am Sognefjord.
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Landslaget for dølehest, Norsk Hestesenter, Starum,
NO-2850 LENA, Tel. 61 16 55 00
dolehest@nhest.no, www.dolehest.no Homepage des
Zuchtverbandes auf Norwegisch
Stein Bentstuen spricht gut Englisch und ist immer interessiert, Dole bekannt zu machen oder gar zu verkaufen. Er würde Pferde auch nach Deutschland verkaufen
und kümmert
sich dann
alle Formalitäten.
Storchenpaar
bei derum
Gefiederpflege
(oben). Kontakt:
Storchenfreund
Günter Pellatz mariwStein Bentstuen, Eidsvoll,
Tel. 0047/97592748,
vor Storchenhorst (Mitte).
ben@online.no
Neue Lebenschance – aus einem Horst
gefallene Babystörche im Storchendorf PapDole in Deutschland: Es gibt geschätzt etwa 20 Dole
pendorf. Sie konnten im Spätsommer 2012
Stuten in Deutschland, einige Dole sind auch in einer
mit ihren Artgenossen pünktlich zur Reise
Jugendferienanlage
in Norddeutschland
zu finden; dort
ins Winterquartier
aufbrechen (unten).
stand zudem
der
Zuchthengst
„Gullstein“,
der leider an
Storchenpaar beim Ausbau ihres Horstes in
Kolik verstarb. Die großen Hoffnungen,
Dole
Wismar (rechts). in Deutschland nachzuzüchten, sind erst einmal zerstört!
Die Pferde schauen uns an, fast
mitleidig. Sie sind trittsicherer
als wir.
Sie ist mit dem Spruch aufgewachsen: „Fjordis sind stur
und beißen, das Nordlandspferd ist zu klein, nur Dole sind
sanfte Geschöpfe der Berge.“
Klar, längst hat das Gebirgs- und Fjordland Tunnel und
Brücken, auf der Strecke Oslo-Bergen sogar den Straßentunnel mit 26 km (!) Länge. Die Asphaltgeneration vergisst
auch in Norwegen, dass man früher nicht durch die Täler
kam, sondern übers Gebirge. Und über die alten Pfade ist
das Gudbrandsdalen ein historisches Zentrum, hier entlang
gingen die Pferde und sie tun es heute noch. Denn jetzt im
Juli, beim zweiten Besuch, sind die Pferde wie vor Jahrhunderten wieder im Gebirge, ganze Sommer lang. Stein will
nachsehen, wo sie sind, seine Lieben.
Die Pferde schauen uns an, fast mitleidig. Okay, stolprige Menschen, die kennt man. Stuten, teils mit Fohlen,
übersprenkeln den Hang – so wie sie das im Sommer seit
Jahrhunderten tun, nach Altväter Sitte. Stuten, Fohlen und
ein Hengst, der die Stuten deckte – natürlich! – und der
aber auch seine Herde gegen Wölfe und Bären zu verteidigen hatte. Den Hengsten gab man früher scharfe Eisen
als Waffe mit auf den Weg. Es gehen viele Legenden um
diese sagenhaften Hengste, die Bären mit nur einem Schlag
getötet haben. Es war und ist auch noch so, dass die besten
Stuten ins Gebirge gingen – zum Arbeiten blieben nur die
weniger Vielversprechenden, die Alten und die Wallache
im Tal.
Ja, und bei unserer Herde – wo ist da der Bärentöter? Stein
ist schon wieder unterwegs zwischen den mannshohen
Felsen, und nach einiger Zeit zieht er am Schopf ein Pferd
hinter sich her. Und lacht und lacht und lacht! Nein, ein
Bärentöter ist der nicht! Der Hengst ist vielmehr hoch
erfreut über Besuch und lässt sich begeistert hinterm Ohr
kratzen. Ah, das tut gut! Die Leitstute schaut nachsichtig,
er ist halt auch so ein Schmuser. Und weil die Führung
der Herde eben doch an ihr hängen bleibt, ruft sie zum
Aufbruch. Gerade so, als wolle sie sagen: Ende der Show!
Und in bemerkenswerter Trittsicherheit verschwinden die
Pferde in einem Steilhang – und irgendwie passend dazu,
so würde der Vorhang fallen, kommt die Regenwand.
Bis wir irgendwo viele, viele Höhenmeter weiter unten den
Pick-up wieder erreicht haben, sind wir klatschnass – ein
ziemlich normaler norwegischer Zustand. Wir sagen dem
Pferdeaufpasser noch schnell Bescheid, dass alle Pferde
gesund sind, dass er dem Hengst mal wieder eine Extraportion Futter geben soll und dass keine Stute rosst, denn
das ist besonders wichtig für die Besitzer, damit sie im
Frühjahr wissen, wann ihre Stute fohlt. Als er hört, wo wir
die Pferde gefunden haben, ist er ziemlich froh, nicht mehr
rauszumüssen. Seine eigene Stute läuft auch gratis mit, das
ist sozusagen seine Bezahlung für diesen alpinen Sommerjob.
Fotos: Nicola Förg
Informationen zum Dole Pferd
Fotos: privat
„Prinzesschen“ wurde
richtig berühmt
„Mal kurz nach den Pferden sehen“
ist ein Tagesausflug.
Der Schnee ist schon zum Greifen nah, stetig steigen wir
bergauf, und mit uns steigt eine schwarze Regenfront über
das Gebirge. Der Talschluss tut sich auf, wild, rau, von spröder Schönheit. Stein blickt über die Hänge, einige Schafe,
sonst aber nichts. Es ist fast wie ein Flehen: „Aber irgendwo müssen die Pferde doch sein!“ Ja, sie müssten irgendwo
sein! Die Betonung liegt auf „irgendwo“ hier im norwegischen Gebirge. Irgendwo zwischen einem Flüsschen, schier
undurchdringlich verbuschten Hängen und den steilen
Felsen, dort, wo die Trolle wohnen …
Gestern erst hat sie der Rentner gesichtet, dessen Aufgabe
es ist, mindestens dreimal die Woche nach den Pferden zu
sehen. Weit unten im Tal, viel weiter unten! Aber da sind sie
nicht, bis zum Knie sinken wir ein im Morast, überklettern
die Felsen dazwischen – Himmel, die Pferde, die hier leben,
müssen Schwimmhäute haben und Bergziegen gleichzeitig
sein. Und auf einmal steht da eine dunkle Stute mit einem
hellen Fohlen. Lange sieht sie zu uns hin, dann senkt sie
den Kopf wieder. Stein strahlt: „Dann sind die anderen auch
irgendwo!“ Wir stolpern weiter, gemessen daran, wie leichtfüßig das Fohlen gerade einen Felsen erklimmt, sind unsere
Bewegungen schon beschämend. Wieder eine Geländestufe,
da sind sie! Ohne die etwas einzelgängerische Stute hätten
wir die Herde nie gefunden. Ein Bild fast nicht aus dieser
Welt: Die nassen Wiesen sind grüner als anderswo, der
Schnee ist weißer, der Himmel schichtet immer neue Graustufen auf – es ist einer dieser Momente im Leben, wo die
Gänsehaut den Nacken kitzelt. Die Leitstute, eine alte Dame
mit Erfahrung im Gebirge, ruckt den Kopf. Sie treibt sofort
die Herde zusammen. Aufgepasst!
Die Beweidung ist auch Landschaftspflege
Für die Nutzung des Gebirgsareals ist in Norwegen nur ein
symbolischer Betrag fällig, im Prinzip ist die Landbevölkerung nämlich froh, dass die Pferde die Vegetation in Schach
halten. Die Optik Norwegens verändert sich in dramatischer Weise: Die Hänge wachsen urwaldartig zu, weil die
kleinen Bauern sterben und immer weniger Schafe und
Ziegen ausgetrieben werden. Zudem ist das Klima milder
geworden und schnell wachsende Büsche haben eine viel
längere Wachstumsperiode – eine viel zu lange! Damit helfen diese Pferde auch, Norwegen zu erhalten, so wie es ist:
grün und grau, blau an den Fjordkanten und schneeweiß.
Diese Pferde kommen im September retour und sind stark,
gesund und zufrieden. Diese Pferde sollten Käufer finden –
in und außerhalb Norwegens, denn so viel Herz und Hirn
und so starke Beine haben nur noch wenige Rassen!
Shades of Green – es regnet eben oft in
Norwegen, und Dole sind ebenso wetterfest wie trittsicher. Durch Morast
und Fels – kein Problem! Das lernen
schon die Kleinsten (oben). Unten: Der
Hengst ist der König der Berge.
Text: Nicola Förg
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