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Maschinenbauer : Wie die Chinesen einen Mittelständler übernehmen ...
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9. Dez. 2013, 17:25
Diesen Artikel finden Sie online unter
http://www.welt.de/122682845
08.12.13
Maschinenbauer
Wie die Chinesen einen Mittelständler übernehmen
Seit Jahren sind Chinesen an der Kölner KHD beteiligt. Eine glückliche
Beziehung war das nie. Nun wollen sie die Firma ganz kaufen und damit
die Schmach aus der Hauptversammlung wieder wettmachen. Von Carsten
Dierig
Diu-mian-zi – das ist wohl das Schlimmste, was einem Chinesen passieren kann. Übersetzt
steht der Begriff für die Wendung "Das Gesicht verlieren" – also seine soziale Anerkennung.
Für die Betroffenen ist dieser Ehrverlust schwerwiegend und meist nicht umkehrbar.
Das zeigt auch der Fall von Eliza Suk Ching Yuen. Knapp ein Jahr lang war die Chinesin
Aufsichtsratsvorsitzende des Kölner Anlagenbauers KHD Humboldt Wedag. Ende Juni trat
Yuen unvermittelt von ihrem Amt zurück, einen Tag nach der Hauptversammlung von KHD.
Bei dem turbulenten Aktionärstreffen hatte der chinesische Großaktionär Avic, dem die
Managerin aus Fernost nahesteht, zwei überraschende Abstimmungsniederlagen kassiert.
Eine betraf die Höhe der Dividende – und die andere Yuen selbst.
Aktionäre ließen Vorschlag der Chinesen durchfallen
Wegen mangelnder Deutschkenntnisse wollte sie die Leitung der Versammlung an einen
vertrauten Rechtsanwalt übertragen. Die übrigen Aktionäre ließen sich das nicht gefallen. Per
Gegenantrag setzten sie einen anderen Versammlungsleiter durch. Die Chinesen standen
dumm da.
Yuens Gesichtsverlust ist einer der seltsamen Höhepunkte einer drei Jahre währenden
Annäherung zwischen zwei höchst unterschiedlichen Welten. Auf der einen Seite steht der
chinesische Avic, die Aviation Industry Corporation of China.
Auf der anderen Seite die 155 Jahre alte Kölner KHD Humboldt Wedag AG, ein
Unternehmen mit knapp 800 Mitarbeitern, das riesige Anlagen für die Zementindustrie baut.
Deutsche Ingenieurskunst, Mittelstand wie aus dem Bilderbuch. Spätestens zum Jahresstart
2014 dürfte daraus eine Firma mit chinesischem Besitzer werden, wenn nicht sogar ein
chinesischer Betrieb.
Chinesen sichern sich 40 Prozent der Stimmrechte
Dazu hat Avic gerade die letzte Weiche gestellt. Nach der kleinen Revolte auf der
Hauptversammlung will sich der Konzern nun seiner unbotmäßigen Miteigentümer bei KHD
entledigen. Avic plant, den Traditionskonzern über eine Tochtergesellschaft komplett zu
übernehmen.
Die Chinesen haben daher in der vergangenen Woche ein Übernahmeangebot für den
Zementanlagenbauer veröffentlicht. 6,45 Euro pro Aktie bieten sie. Die Annahmefrist läuft bis
kurz vor Weihnachten. Und sowohl der Vorstand als auch der Aufsichtsrat von KHD sprechen
sich in einer Stellungnahme für einen Verkauf der Aktien an Avic aus.
Schon jetzt hat sich Avic 20 Prozent der Aktien gesichert. Außerdem kaufen die Chinesen
wohl die KHD-Anteile der Stiftung JC Kellogg Foundation und der Versicherer IAT
Reinsurance sowie Transguard Insurance Company of America. Ihr Anteil wird sich dadurch
auf einen Schlag verdoppeln.
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Neuer Geschäftsführer muss keine Sperrminorität mehr fürchten
Mit dann 40 Prozent der Stimmrechte im Rücken muss Frau Yuens Nachfolger auf der
nächsten Hauptversammlung keinen Gesichtsverlust befürchten. Schließlich gibt es keinen
Aktionär mit Sperrminorität, und bei der letzten Versammlung waren gerade einmal 53
Prozent des Grundkapitals vertreten.
Branchenkenner wundern sich zwar über den Zeitpunkt des Übernahmeangebots, verweisen
darauf, dass auf der nächsten Aufsichtsratssitzung alle Aufsichtsräte mit einfacher Mehrheit
zur Wiederwahl anstehen. "Dadurch war Avic verwundbar", heißt es.
Kunden und Investoren sind genervt
Aber nicht nur die Chinesen verbinden mit dem Übernahmeangebot die Hoffnung, Ruhe ins
das aufgewühlte Unternehmen zu bekommen. Auch Kunden, Investoren und die Belegschaft
sind inzwischen genervt. Denn die transkontinentale Verbindung zwischen Mittelständler und
chinesischem Investor funktioniert bislang nicht reibungslos.
Diese Verbindung begann Anfang 2011. Damals beteiligte sich Avic im Rahmen einer
Kapitalerhöhung über seine Tochtergesellschaft Max Glory bei KHD. Zu ungewöhnlich
günstigen Konditionen, wie Aktionärsschützer betonen. Während der Aktienkurs bei rund
sieben Euro lag, kosteten die neuen Aktien gerade einmal 4,50 Euro.
KHD war eines der ersten größeren Direktinvestments chinesischer Unternehmen in
Deutschland. Was damals eine echte Überraschung war, ist inzwischen fast Normalität. Der
Baumaschinenkonzern Sany zum Beispiel hat den schwäbischen Betonpumpenhersteller
Putzmeister gekauft, Hebei Lingyun den Türschlosshersteller Kiekert, und Shandong Heavy
Industry ist beim Gabelstaplerhersteller Kion eingestiegen.
Übernahme durch Chinesen kann eine Chance sein
"Die Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen ist nicht per se eine Gefahr", sagte
Isabell Welpe, Professorin an der Technischen Universität München. Gemeinsam mit der
Beratungsgesellschaft Munich Innovation Group hat sie die Einkaufspolitik von 50
chinesischen Konzernen untersucht. "In vielen Fällen war es für das übernommene deutsche
Unternehmen eine echte Chance, mit dem starken finanziellen Hintergrund der Investoren
Arbeitsplätze und Produktionskapazitäten zu retten, Technologien weiterzuentwickeln sowie
den asiatischen Markt zu erschließen."
Anders im Fall KHD/Avic. Hier ist die Angst vor dem Ausverkauf von Hochtechnologie nie
verflogen. "Weil niemand weiß, was die Chinesen wirklich wollen", sagt ein
Aktionärsschützer. Klar gebe es eine gewisse Logik. "Avic kann große Anlagen bauen, und
KHD liefert die notwendige Technik. Noch dazu könnte KHD über Avic den asiatischen Markt
erschließen."
Doch die erhofften Synergien habe es nie gegeben, monieren Investoren. "Die praktische
Ausführung hat bislang nicht funktioniert. Warum sollte sich das plötzlich ändern?" Ein
einziger Auftrag sei in fast drei Jahren Zusammenarbeit akquiriert worden, in Malaysia. Und
dort verdient KHD nicht einmal Geld. "Es ist keine klare Linie zu erkennen", schimpfen daher
Aktionärsvertreter.
Probleme bei KHD wachsen seit Einstieg der Chinesen
Stattdessen wachsen die Probleme, seit Avic an KHD beteiligt, im Aufsichtsrat vertreten und
mit Yizhen "Mario" Zhu auch in den dreiköpfigen Vorstand eingebunden ist. "Seither läuft dort
alles falsch", sagen Kritiker. Der Posten des Finanzchefs zum Beispiel blieb fast zwei Jahre
lang unbesetzt, ehe die Nachfolge am Ende intern geregelt wurde.
Hauptversammlungen wurden abgesagt und verlegt. Die wichtige Rollenpressesparte wurde
an Weir Minerals abgegeben, und selbst das offizielle Übernahmeangebot kam letztlich erst
zwei Monate nach der ersten Ankündigung. Der Kapitalmarkt ist Kummer mit KHD und
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seinem Großaktionär gewohnt. Gespräche mit Investoren hat es dem Vernehmen nach über
Monate hinweg nicht gegeben. "Es gab keine Roadshows, keine Investorengespräche, die
Aktie wird daher nicht mal mehr von Analysten gecovert."
Der ständige Wirbel hat Folgen. Der Umsatz von KHD ist 2012 auf nur noch 213 Millionen
Euro geschrumpft. Gleichzeitig hat sich der Gewinn praktisch halbiert, auf netto nur noch
sieben Millionen Euro. "Die Firma könnte deutlich besser dastehen", sagt der Vertreter eines
größeren Aktionärs. Das zeige der Blick auf die Margen der Konkurrenz, die zum Teil deutlich
höher liegen.
Aktienkurs entwickelt sich enttäuschend
Enttäuschend verläuft aus Sicht der anderen Investoren auch die Entwicklung des
Aktienkurses. Der ist seit dem Einstieg von Avic kräftig eingebrochen, zeitweise sogar um 40
Prozent. Erst die Ankündigung des Übernahmeangebots hat wieder für eine leichte
Kursbelebung gesorgt.
"Trotzdem bekommen die Chinesen am Ende für wenig Geld eine Perle im deutschen
Anlagenbau", sagt ein Branchenkenner. Er spricht von einem "Schnäppchenpreis". Und es
gibt nicht wenige Stimmen, die vermuten, dass die Firmenpolitik der vergangenen Jahre
darauf abgezielt hat.
Das Management um den finnischen Vorstandschef Jouni Salo hatte sich angesichts der
niedrigen Kurse zwar von der Hauptversammlung den Rückkauf von Aktien genehmigen
lassen – davon aber keinen Gebrauch gemacht. Der Kassenbestand bei KHD ist daher nicht
nur höher als bei jedem anderen Anbieter in der Branche, er übersteigt auch den Umsatz –
und zwar deutlich.
"Das Geld hätte für Zukäufe und damit strategischen Fortschritt eingesetzt werden können",
schimpfen Investoren. "Wir lassen uns nicht drängen", entgegnet der Vorstand.
Aktienrückkäufe seien eine Möglichkeit, und nach Übernahmezielen werde gesucht. "Das
richtige Projekt war aber noch nicht dabei."
Teilen der Belegschaft wurde gekündigt
Ob gewollt oder nicht, das Übernahmeansinnen der Chinesen hat der Vorstand mit seinem
Kurs unterstützt. Zumindest ist keine Gegenwehr in Sicht. Zwar halten die meisten Investoren
das Angebot von 6,45 Euro für deutlich zu niedrig. Ihre Vorstellung liegt eher bei sieben bis
neun Euro. "Viele dürften nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre aber so frustriert
sein, dass sie froh sind, ihre Aktien zu einem halbwegs akzeptablen Preis noch
loszuwerden", heißt es am Kapitalmarkt.
Und selbst die Belegschaft wehrt sich nicht mehr – die verbliebene zumindest. Im Frühjahr
gab es eine kleine Kündigungswelle. Inzwischen machen die Chinesen Zugeständnisse.
Hieß es bislang hinter vorgehaltener Hand, die komplette Firma werde nach China verlagert,
wurde den Mitarbeitern jüngst offenbar eine Stärkung des Standorts Köln versprochen.
Zwar gibt es keine Bestätigung für einen Verbleib in Köln. Allerdings könnte eine Aussage
des KHD-Vorstands aus der Stellungnahme zum Übernahmeangebot so interpretiert werden:
"Die Beschäftigungsverhältnisse bleiben nach Auskunft der Bieter im Falle einer Übernahme
unangetastet." Das sorgt für Ruhe. "Dann brauchen wir jetzt nur noch einen Technik-Chef",
sagt ein Mitarbeiter. Vielleicht gewinnt der endlich wieder Aufträge für KHD.
© Axel Springer SE 2013. Alle Rechte vorbehalten
09.12.2013 17:26
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