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E 8107 Spitzenpolitiker der Regierungskoalition wie der Opposition

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PKV
PUBLIK
E 8107
6/02 · 1. 8. 2002
Verband der privaten Krankenversicherung e.V.
Spitzenpolitiker der Regierungskoalition wie der Opposition
positionieren sich auf der PKV-Mitgliederversammlung
Anlässlich seiner Mitgliederversammlung am 12./13. Juni in Berlin begrüßte der PKV-Verband die Fraktionsvorsitzenden der SPD und der CDU/CSU, Dr. Peter Struck und Friedrich Merz, sowie die Parteivorsitzenden von
Bündnis 90/Die Grünen und der FDP, Fritz Kuhn und Dr. Guido Westerwelle. Als wichtiges internes Thema stand
der Generationswechsel im Vorstand wie in der Geschäftsführung des Verbands auf der Agenda.
Seiten 62-67
Disease Management auch für
private Versicherer von Interesse
GKV verliert angeblich durch PKV
– Nachrechnen lohnt sich!
Disease-Management sorgt derzeit für einige Aufregung
zwischen Vertragsärzten, GKV und Gesundheitsministerium. Es steht für das Angebot strukturierter Behandlungsprogramme für Versicherte, die an chronischen
Krankheiten leiden, mit dem Ziel, durch kontinuierliche,
multidisziplinäre Versorgung Komplikationen und Folgekrankheiten zu vermeiden.
Seite 69
„Unter der Annahme, dass von den rd. 360.000 Personen,
die von der GKV in die PKV abgewandert sind, rd. zwei
Drittel, d.h. 240.000 ehemalige GKV-Mitglieder und rd.
120.00 bislang in der GKV beitragsfrei mitversicherte Familienangehörige sein könnten, ergibt sich rechnerisch ein
Netto-Effekt in einer Größenordnung von ca. 1 Mrd. Euro.“
So die Bundesregierung auf CDU/CSU-Anfrage. Seite 71
Der scheidende Vorsitzende des Verbandes der privaten Krankenversicherung, Peter Greisler,
und sein Nachfolger, Reinhold Schulte (links).
AUS DER PKV
Spitzenpolitiker positionieren sich auf der
PKV-Mitgliederversammlung
Anlässlich seiner Mitgliederversammlung am 12./13. Juni in Berlin begrüßte der PKV-Verband die Fraktionsvorsitzenden der SPD und der
CDU/CSU, Dr. Peter Struck und Friedrich Merz, sowie die Parteivorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen und der FDP, Fritz Kuhn und Dr. Guido Westerwelle. Als wichtiges internes Thema stand der Generationswechsel im Vorstand wie in der Geschäftsführung des Verbands auf der Agenda.
In der bis auf den letzten Platz gefüllten Friedrichstadtkirche im französischen Dom am Gendarmenmarkt
stießen die Reden der ersten Garde der
deutschen Politik naturgemäß auf
großes Interesse (Seiten 64-67). Die
Begeisterung im einzelnen fiel aber
unterschiedlich aus. Peter Struck
sprach sich, getreu dem SPD-Wahlprogramm, für eine schrittweise Erhöhung der Pflichtgrenze ab 2004 aus.
Begründung: Das Gleichgewicht zwischen GKV und PKV habe sich in den
letzten Jahren zugunsten der PKV verschoben – dabei deckt diese noch nicht
einmal 10 Prozent des Marktes ab.
se man weitere Schritte ins Auge fassen, mit einer höheren Grenze also
auch – vermeintlich – mehr Geld ins
System holen.
Eindeutige Gegenpositionen vertraten
Friedrich Merz und Guido Westerwelle. Der scheidende Präsident des Bundesaufsichtsamts (jetzt BAFin), Dr.
Helmut Müller, warnte die Politiker sogar davor, die dauernde Erfüllbarkeit
der Verträge der PKV in Frage zu stellen, eine Warnung, die in möglichen
rechtlichen Auseinandersetzungen um
eine höhere Pflichtgrenze noch große
Bedeutung gewinnen könnte. Friedrich
Merz äußerte sich im gleichen Sinne
und verwies auf den überproportionalen Beitrag des privaten Sektors zur Finanzierung des Gesamtsystems.
Guido Westerwelle kündigte allen
künftigen Koalitionspartnern an, dass
mit der FDP eine Grenzerhöhung
nicht in Frage komme. Wie die anderen Spitzenpolitiker auch hielt er sich
allerdings im Zeichen des Vorwahlkampfes deutlich zurück, was die aus
den verschiedensten Gründen – auch
von der PKV – immer wieder ins Gespräch gebrachte Idee angeht, bei der
Beitragsbemessung in der GKV anstelle der Gehälter die Gesamteinkommen zu Grunde zu legen.
Verabschiedung von Peter Greisler
im Ballhaus Pankow
Guido Westerwelle war am Abend im
Ballhaus Pankow erneut Gast der
PKV, bei der Verabschiedung von Peter Greisler nach zwölfjähriger Amts-
Der Verbandsvorsitzende Peter Greisler konterte, es sei eine Illusion, zu
glauben, die Stabilität der GKV, die
man mit 90 Prozent der Bevölkerung
nicht geschafft habe, könne man mit 2
oder 3 Prozent mehr erreichen. Im
Übrigen habe sich die PKV mit ihrem
in der Mitgliederversammlung vorgelegten Standpunktepapier einstimmig
zum gegliederten Krankenversicherungssystem mit der Friedensgrenze –
von deren Zukunftstauglichkeit sie
überzeugt sei – als tragendem Element
bekannt.
Fritz Kuhn von den Grünen versuchte,
das Streitthema zwischen SPD und
PKV zu umschiffen. Er schloss die Erhöhung der Pflichtgrenze nicht aus,
gab allerdings einer Reform des Systems zur Effizienzsteigerung den Vorzug. Erst wenn diese nicht greife, müs-
62
V. l. n. r.: Dr. Volker Leienbach, Josef Beutelmann, Dr. Ernst-Wilhelm Zachow, Reinhold Schulte,
Dr. Jan Boetius und Dr. Christoph Uleer.
PKV ■ PUBLIK 6/02
zeit als Verbandsvorsitzender. Er hielt
eine launige Rede auf einen Mann, der
sich auch politisch (in der FDP) engagierte – wie seine Vorgänger Hermann
Lange, er war in der SPD, und Dr.
Heinz Bach, er gehörte der CDU an.
Westerwelle unter großem Beifall zu
Peter Greisler: „Sie haben sich um unser Land verdient gemacht.“
Der am Nachmittag des 13. Juni zum
neuen Vorsitzenden gewählte Reinhold Schulte, Vorstandschef der Signal Krankenversicherung a. G., hob in
seiner Laudatio vor allem die Fähigkeiten von Peter Greisler als Kommunikator hervor. Mit dieser habe er
schwierige Entscheidungen – vom
Standardtarif bis zur Pflegepflichtversicherung – mehrheitsfähig gemacht
sowie die Integration vieler Neugründungen – etwa 1/3 der derzeit 50 PKVUnternehmen – ermöglicht. Und mit
dieser Fähigkeit habe er prägend zur
eigenen Identität der PKV – auch in
der Verbändelandschaft der Privatassekuranz – beigetragen. Er trug Peter
Greisler die von der Mitgliederversammlung einstimmig beschlossene
Ehrenmitgliedschaft im Verband an –
die zweite neben Heinrich Frommknecht – und überreichte ihm die Erstausgabe des Bandes 22 der PKVSchriftenreihe mit den Reden, die er
anlässlich der 12 Mitgliederversammlungen seiner Amtszeit gehalten hatte.
In seiner Dankadresse hob Peter
Greisler die sozialpolitische Aufgabe
der Eigenvorsorge in der PKV gegenüber ökonomischen Interessen
hervor. Er bekannte, dass vor allem die
optimistische Grundeinstellung und
die konstruktive Zusammenarbeit in
der PKV die positiven Impulse für seine Arbeit gewesen seien.
Mitgliederversammlung stellt
Weichen für die Zukunft
Im internen Teil trugen letztmals Verbandsdirektor Dr. Christoph Uleer den
Tätigkeitsbericht und Dr. GerdWinand Imeyer den Haushaltsbericht
vor. Ein letztes Mal war auch Abteilungspräsident Dr. Peter Ollick vom
Bundesaufsichtsamt zu Gast, auch er
trat Ende Juni in den Ruhestand. Die
Weichen für die Zukunft stellte die
Mitgliederversammlung durch die
Neuwahl des Hauptausschusses und
des Vorstands des Verbands (siehe
Liste unten). Neben der Wahl Reinhold
Schultes, der den Vorstandsvorsitz von
Peter Greisler übernahm, war die Zuwahl von Josef Beutelmann, Vorstandschef der Barmenia, die wichtigste Neuerung. Und natürlich die Wahl
von Dr. Volker Leienbach, der seit
1. Juli auch geschäftsführendes VorU
standsmitglied des Verbandes ist.
Der auf der Mitgliederversammlung neu gewählte Hauptausschuss setzt sich wie folgt zusammen:
Generaldirektor Reinhold Schulte, Vorsitzender des Vorstands der SIGNAL-Krankenversicherung a.G., Dortmund,
Generaldirektor Josef Beutelmann, Vorsitzender des Vorstands der Barmenia Krankenversicherung a.G., Wuppertal,
Direktor Dr. Jan Boetius, Vorsitzender des Vorstands der DKV Deutsche Krankenversicherung Aktiengesellschaft, Köln,
Direktor Dr. Ernst-Wilhelm Zachow, Vorsitzender des Vorstands der Landeskrankenhilfe V.V.a.G., Lüneburg,
Direktor Willi Alfter, Vorsitzender des Vorstands der CENTRAL KRANKENVERSICHERUNG AKTIENGESELLSCHAFT, Köln,
Direktor Volker Altenähr, Sprecher des Vorstands der Süddeutsche Krankenversicherung a.G., Stuttgart,
Direktor Robert Baresel, Vorsitzender des Vorstands der Bayerische Beamtenkrankenkasse Aktiengesellschaft, Haar, und der UNION
KRANKENVERSICHERUNG AG, Saarbrücken,
Direktor Dr. Günther Bauer, Vorsitzender des Vorstands des MÜNCHENER VEREIN Krankenversicherung a.G., München,
Direktor Rolf Bauer, Vorsitzender des Vorstands der Continentale Krankenversicherung a.G., Dortmund,
Direktor Dr. Karl-Josef Bierth, Mitglied des Vorstands und Gesamtleitung der BERLIN-KÖLNISCHE Krankenversicherung AG, Köln,
Direktor Ingmar Douglas, Vorsitzender des Vorstands der VICTORIA Krankenversicherung AG, Düsseldorf,
Direktor Wolfgang Fauter, Vorsitzender des Vorstands des DEUTSCHER RING Krankenversicherungsverein a.G., Hamburg,
Direktor Herrmann Gühring, Vorsitzender des Vorstands der Hallesche-Nationale Krankenversicherung a.G., Stuttgart,
Direktor Christian Hofer, Mitglied des Vorstands der HUK-COBURG-Krankenversicherung AG, Coburg, mit Gesamtzuständigkeit
für das Geschäftsfeld „Krankenversicherung“ in der HUK-COBURG-Holding und im Konzernausschuss,
Direktor Bernd Jansen, Vorsitzender des Vorstands der INTER Krankenversicherung a.G., Mannheim,
Direktor Hans-Joachim Krauß, Vorsitzender des Vorstands der DBV-Winterthur Krankenversicherung AG, Wiesbaden, und Sprecher
des Vorstands der Delfin Direkt Krankenversicherung AG, Wiesbaden,
Direktor Uwe Laue, ab 1. Juli 2002 Vorsitzender des Vorstands der Debeka Krankenversicherungsverein auf Gegenseitigkeit, Koblenz,
Direktor Axel Meder, Vorsitzender des Vorstands der uniVersa Krankenversicherung a.G., Nürnberg,
Generaldirektor Dr. Ulrich Rumm, Vorsitzender des Vorstands der Vereinte Krankenversicherung Aktiengesellschaft, München,
Direktor Gernot Schlösser, Vorsitzender des Vorstands der AXA Krankenversicherung Aktiengesellschaft, Köln,
Vorsitzender
stv. Vorsitzender
stv. Vorsitzender
stv. Vorsitzender
Kooptierte Mitglieder
Direktor Fritz Horst Melsheimer, ab 1. Juli 2002 Vorsitzender des Vorstands der HanseMerkur Krankenversicherung aG, Hamburg,
Direktor Dr. Werner Rupp, Sprecher des Vorstands der NÜRNBERGER KRANKENVERSICHERUNG AG, Nürnberg.
PKV ■ PUBLIK 6/01
63
AUS DER PKV
SPD für eine moderate und schrittweise
Erhöhung der Pflichtversicherungsgrenze
Dr. Peter Struck MdB
Dr. Peter Struck MdB, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen Allein im Jahr 2001 hat die private
Krankenversicherung ihren Bestand
Bundestag:
in der Vollversicherung per Saldo um
„Abschließend komme ich zu dem Gleichgewicht zwischen GKV und 213.000 Personen erhöht, die zuvor
Thema, auf das Sie sicher alle schon PKV hat sich in den letzten Jahren zu Mitglieder einer gesetzlichen Kranwarten, dem Vorhaben der SPD, die Lasten der gesetzlichen Krankenver- kenkasse waren. Der Zustrom in die
Versicherungspflichtgrenze zu er- sicherung verschoben. Von 1992 bis private Krankenversicherung hält im
höhen. Die SPD will mit dieser Ände- 2001 hat sich die Anzahl der Vollver- Jahr 2002 ungebrochen an. Diese
rung den Kreis der gesetzlich versi- sicherten in der PKV von rund 6,7 Schieflage wollen wir wieder ins Lot
cherten Personen verbreitern. Junge, Millionen Personen auf ca. 7,7 Millio- bringen. Deshalb hat sich die SPD in
gut verdienende Mitglieder, die am nen erhöht. Demgegenüber ist die An- ihrem Wahlprogramm für eine modeAnfang ihres Berufslebens stehen, sol- zahl der Versicherten in der GKV im rate, das heißt schrittweise Erhöhung
len länger in der gesetzlichen Kran- selben Zeitraum um etwa 0,8 Millio- dieser Grenze bei allen Neuversicherten ab 2004 ausgesprochen. . . .“
kenversicherung bleiben. Denn das nen Personen gesunken.
Dies verschärft die Probleme auf beiden Seiten
– sowohl in der GKV wie in der PKV
Friedrich Merz MdB, Vorsitzender
der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag:
„Lassen Sie mich eine Vorbemerkung
über die Dimension des Themas machen . . . Wir reden über einen Dienstleistungssektor, wir reden über das
Friedrich Merz MdB
Gesundheitssystem in Deutschland,
das mit etwa 250 Milliarden Euro Umsatz im Jahr einer der ganz wesentlichen Faktoren jenseits aller sozial–
und gesundheitheitspolitischen Erwägungen unserer Volkswirtschaft ist. . . .
Ich will in diesem Zusammenhang
ausdrücklich sagen, diese ordnungspolitischen Grundsatzentscheidungen
verlangen auch, dass wir an der
Friedensgrenze zwischen gesetzlicher
und privater Krankenversicherung
festhalten. Sehr geehrter Herr Kollege
Struck, wenn Sie mir das erlauben –
sozusagen als Replik auch auf Ihren
Beitrag an dieser Stelle – zu sagen:
Wir halten es für einen großen Irrtum
zu glauben, dass durch die Anhebung
der Versicherungspflichtgrenze die
Probleme in der GKV lösbar sind.
Unsere feste Überzeugung ist, dass
durch die Veränderung dieser Versicherungspflichtgrenze die Probleme
auf beiden Seiten verschärft sind, sowohl in der GKV wie in der PKV. Ich
64
will auch versuchen, dies zu begründen: Diejenigen, die diese Versicherungspflichtgrenze nach oben verschieben, erhöhen die Umverteilungswirkungen in der GKV zu Lasten derer, die ohnehin schon einen überproportionalen Beitrag zur Finanzierung
unseres Gesundheitssystems leisten.
Wer dies tut, muss wissen, dass die
Flucht aus der GKV weiter anhalten
wird, möglicherweise sogar weiter
steigen wird. Wer dies befürwortet
muss zudem wissen, dass die PKV
schon heute, auch durch die wesentlich höheren Sätze, die beispielsweise
bei Behandlungen in Krankenhäusern
von Privatpatienten entrichtet werden,
einen überproportionalen Beitrag zur
Aufrechterhaltung unseres Gesundheitswesens in Deutschland leistet –
wer daran etwas ändert, wird das
System nicht besser, sondern für alle
teurer machen.
Ich füge hinzu, dass Solidarität nicht
nur eine Grundlage der GKV sondern
auch der PKV ist, also nicht nur die
GKV, auch die PKV kann die Grundgedanken der solidarischen Absicherung von Risiken für sich in Anspruch
nehmen. . . .“
PKV ■ PUBLIK 6/02
Haben wir bewusst nicht im Wahlprogramm
Fritz Kuhn, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen:
„. . . Der zweite Punkt ist der, dass wir
gegen die Aufteilung von Wahl- und
Pflichtleistungen sind . . . weil die Aufteilbarkeit nicht vernünftig gemacht
werden kann und weil der Grundsatz,
alles medizinisch Notwendige soll solidarisch mitversichert werden, auch
gebrochen würde. . . . man muss fragen
ob nicht dann andererseits wieder die
Beiträge bei der GKV steigen müssen,
wenn man so eine . . . differenzierte
Tariflösung vorschlägt. . . .
Wenn wir an der Finanzlage der GKV
etwas verändern wollen, dann ist für
mich der erste Punkt, dass die Erhöhung der Beiträge falsch wäre – mit
Blick auf die Arbeitslosigkeit. Dass
wir zweitens versicherungsfremde
Leistungen, da unterscheide ich mich
von Herrn Struck, so weit wie möglich
aus der GKV herausnehmen und
durch Steuermittel finanzieren. . . .
Jetzt wird es Sie vielleicht interessieren, wie wir denn zum Vorschlag der
Pflichtversicherungsgrenze und deren
Anhebung stehen. Wir haben sie ganz
bewusst nicht in unser Wahlprogramm
aufgenommen . . . Nicht, um uns im
Wahlkampf mit Ihnen fröhlichere
Stunden zu ermöglichen, sondern . . .
weil wir überzeugt sind, dass die Wirtschaftlichkeitssteigerung und die Effizienzsteigerung und die Steigerung
der Prävention Vorrang haben müssen.
... Wenn es gelingt, tatsächlich unser
System zu reformieren, ohne dass wir
die Pflichtversicherungsgrenze anheben müssen, . . . weil wir wirklich ef-
Eine Anhebung lehnen wir strikt ab
Dr. Guido Westerwelle MdB, Vorsitzender der FDP:
„. . . Denn wenn es richtig ist, dass die
veränderte Altersstruktur unserer BeDr. Guido Westerwelle MdB
völkerung dazu geführt hat, dass wir
bei der Rente mehr private Zusatzvorsorge ausgebaut haben – ja dann ist die
zwingende Konsequenz, dass wir
natürlich dieselbe Herausforderung
auch bei der Gesundheit haben werden. . . . Was bei der Rente notwendig
war und unverändert notwendig ist,
nämlich der Ausbau der privaten Zusatzvorsorge, das ist auch Aufgabe für
den Gesundheitssektor. . . .
Wohin führen Budgetierung und Listenmedizin? . . . zur Rationierung und
irgendwann . . . zum Punktesystem,
und das ist die eigentliche Zweiklassenmedizin. Dann fällt nämlich der alte Mensch durch den Rost, weil man
sagt, bei Dir lohnt sich das künstliche
Hüftgelenk nicht mehr. Und das ist,
PKV ■ PUBLIK 6/02
Fritz Kuhn MdB
fektiv das Gesundheitssystem reformiert haben. Wenn natürlich dies nicht
möglich ist und auch von allen möglichen wohlmeinenden Lobbyisten
blockiert wird, dann ist die Frage, wie
man die Grenze zwischen GKV und
PKV zieht, eine Frage, die man offen
diskutieren muss. . . .“
wie die Fachleute . . . wissen, eine Realität in Europa, und zwar genau da, wo
wir planwirtschaftliche Gesundheitsstrukturen haben. Nicht irgendwo in
Amerika, sondern hier in Europa. . . .
Zum Wettbewerb gehört eben auch,
dass sich möglichst viele Menschen
entscheiden können, ob sie in der
GKV oder in der PKV versichert sein
wollen. Das ist der Grund, warum wir
eine Anhebung der Versicherungspflichtgrenze strikt ablehnen – übrigens auch eine Ausdehnung der Beitragsbemessung auf weitere Einkunftsarten. Und wer dann wirklich
der Meinung ist, das Prinzip z.B. von
Rückerstattung würde dazu führen,
dass man bestimmte Vorsorgeuntersuchungen nicht mehr macht – entschuldigen Sie bitte, es bleibt und drängt
sich dann die Frage auf, warum wollen
alle, die im Parlament sitzen, unbedingt privat versichert sein? . . .“
65
AUS DER PKV
Lösung der GKV-Probleme darf die Belange
der PKV-Versicherten nicht gefährden
Dr. Helmut Müller, Leiter der Versicherungsaufsicht in der Bundesanstalt
für Finanzdienstleistungsaufsicht:
„ . . . Sie wissen, dass ich die Situation Gesundheit beabsichtigt – so liest man
in der Krankenversicherung für noch in der Zeitung – in der nächsten Legisviel ernster halte als in der Altersver- laturperiode die Versicherungspflichtsorgung, wo man endlich den einzig grenze in der Krankenversicherung
sinnvollen Weg eingeschlagen hat, um auf die Beitragsbemessungsgrenze der
die Probleme zu lösen, den Weg näm- Rentenversicherung anzuheben. Dalich grundsätzlich vom Umlagever- mit würde ein erheblicher Teil des
fahren weg, hin zum Kapitadeckungs- Neuzuganges in die PKV künftig entverfahren. . . . Für die PKV mit ihrer fallen. Die Abgänge jüngerer Verzukunftssicheren kapitalgedeckten Fi- sicherter an die GKV wegen des Einnanzierung ist insoweit mit unserer tritts der Versicherungspflicht würden
Hilfe ein ganzes Bündel wichtiger Re- stark ansteigen. Ältere Versicherte
formen für die Versicherten durchge- bleiben jedoch in der PKV, da nach der
führt worden. . . . Ich denke, mit diesen Gesetzesänderung im Jahre 2000 dieReformen haben wir das Problem der ser Personenkreis nicht mehr verBezahlbarkeit nun einigermaßen in sicherungspflichtig wird.
den Griff bekommen.
Es besteht das Risiko, dass die Tarife
Nunmehr aber, gestehe ich, bin ich in der PKV austrocknen. Eine Gefahr,
großer Sorge. Das Ministerium für die die Aufsichtsbehörde seit Jahr-
V. l. n. r.: Klaus Bohn, Dr. Gerd-Winand Imeyer, Dr. Helmut Müller, Dr. Bernd Michaels.
66
zehnten bekämpft hat und die der Gesetzgeber auch vermeiden wollte. . . .
Die Bestandsmischung wird sich verschlechtern und zusätzliche Beitragserhöhungen drohen.
Dass es sich hierbei nicht nur um eine
theoretische Frage handelt, ist bekannt. Schon häufig hat die Versicherungsaufsicht mit Unternehmen die
Probleme der Beitragssteigerungen in
geschlossenen Tarifen diskutiert. Es
besteht die Gefahr, dass nunmehr für
einen größeren Kreis von Versicherten
die Bezahlbarkeit der Prämie in Frage
gestellt ist. Bei kleineren Beständen
konnte in der Vergangenheit durch
eine Entnahme von Mitteln aus der
Rückstellung für Beitragsrückerstattung das Schlimmste verhindert werden. Dieser Weg ist hier wegen der
Höhe der erforderlichen Mittel ausgeschlossen.
„Versicherungsaufsichtsbehörde
wurde dazu nicht gehört“
In den Beiträgen der Pflegepflichtversicherung sind Umlageanteile enthalten, um die Beitragsbegrenzungen
zu finanzieren. Sinkt der Anteil der
jüngeren Versicherten, müssen die
Beiträge für die verbleibenden Versicherten angehoben werden. Zahlen
alle Versicherten den Höchstbeitrag,
ist die dauernde Erfüllbarkeit der Verträge gefährdet.
Die Probleme der GKV müssen gelöst
werden. Sie existieren schon lange,
mindestens so lange, wie die der gesetzlichen Altersversorgung. Wie sie
zu lösen sind, wird seit langem diskutiert. Die Versicherungsaufsichtsbehörde wurde dazu nicht gehört. Es
geht sie auch nichts an. Wenn allerdings die Belange der Versicherten der
PKV, immerhin 10 % der Bevölkerung, gefährdet werden, muss sie ihre
Stimme warnend erheben. Das ist
hiermit geschehen. . . . “
PKV ■ PUBLIK 6/01
„Hände weg von der Friedensgrenze“
Generaldirektor Peter
Verbandsvorsitzender:
Greisler,
„Meine diesjährige Rede ist meine 12.
und letzte Rede als Verbandsvorsitzender vor der Mitgliederversammlung. Weil es um die Existenz der
PKV geht, konzentriere ich mich auf
ein einziges Thema, auf die Versicherungspflichtgrenze. Die Zusatzversicherung hat nämlich mit einem Anteil von 13 Prozent für die private
Krankenversicherung nur marginale
Bedeutung – und das wird sich nicht
entscheidend ändern. Für die PKV ist
es deswegen um so notwendiger, im
Bereich der Krankheitskostenvollversicherung gleichberechtigtes Mitglied
im gegliederten Gesundheitswesen zu
bleiben. . . .
Es ist paradox: Um die Gefahr der
Altersarmut durch die demographische Entwicklung zu minimieren,
wurden bei der Altersvorsorge die
kapitalgedeckten privaten und betrieblichen Alterssicherungssysteme
ausgebaut und durch staatliche Förderung attraktiver gemacht. In der Krankenversicherung soll nun genau das
Gegenteil geschehen: Die Bundesgesundheitsministerin plant, nach der
Wahl die Versicherungspflichtgrenze
anzuheben. Die Ausweitung der
Pflichtversicherung soll schrittweise
erfolgen und die Beitragsbemessungsgrenze soll – zunächst – nicht verändert werden. Meine oft gestellte, aber
nie einleuchtend beantwortete Frage
lautet: Wenn die gesetzlichen Krankenkassen mit 90 Prozent der Bevölkerung als Versicherte finanzielle
Probleme haben, wieso soll das dann
mit zwei oder drei Prozent mehr
besser funktionieren? Die Einbeziehung weiterer Personenkreise hat in
der Vergangenheit die Probleme nur
verstärkt.
PKV ■ PUBLIK 6/02
Die Pläne der Bundesgesundheitsministerin sind nicht nur für die Zukunft der PKV bedrohlich, sondern für
das ganze Gesundheitswesen . . .
Marktanteil der PKV nicht höher
als vor 40 Jahren
Die Ministerin will den Marktanteil
der PKV auf 10 Prozent begrenzen.
Eine nicht begründbare Vorstellung.
Sie ist nicht akzeptabel, auch wenn der
Marktanteil der privaten Krankenversicherung an der Gesamtbevölkerung
erst bei 9,36 Prozent liegt. Er ist damit
nicht höher als vor 40 Jahren. Die Betriebskrankenkassen konnten dagegen
ihren Anteil an Mitgliedern in den
letzten drei Jahren von 11,4 auf 17,3
Prozent steigern.
Die Versicherungspflichtgrenze müsse angehoben werden – so das Argument der Ministerin –, weil die junge
Generation diese Grenze heute früher
überschreite. Das stimmt nicht! Allein
schon der Umstand, dass die Pflichtgrenze seit 1971 schneller angestiegen
ist als die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer spricht gegen diese Auffassung. Und unsere Zugangsalter lagen auch tatsächlich im Jahr 2000
höher als 1995 und nicht niedriger. . . .
Wir bekunden unsere Entschlossenheit, uns mit guten Gründen und mit
allen Kräften gegen die Gefährdung
eines gesunden privaten Sektors im
gegliederten Gesundheitswesen zu
wehren. Denn die Politik kann und
darf nicht wollen, dass privat und freiwillig organisierte Solidarität und
Subsidiarität keine Chance mehr haben, um im Wettbewerb mit der Sozialversicherung die höchste Effizienz
für die Versicherten anzustreben. Eine
Einheitsversicherung als Alternative
könnte das nicht leisten und würde zu
einem für alle nicht hinzunehmenden
Qualitätsverlust führen. Deshalb:
Hände weg von der Friedensgrenze.“
V. l. n. r.: Peter Greisler, Dr. Jan Boetius, Dr. Christoph Uleer, Reinhold Schulte, Dr. Ernst-Wilhelm Zachow,
Dr. Ulrich Rumm
67
Brief aus Berlin und Köln
Doch auch unabhängig vom konkreten Rechenergebnis (Seite 70), zeugt
ein solcher politischer Schritt von
wenig Weitsicht. Politische Interventionen auf der Basis von Zeitpunktbetrachtungen lösen keine Probleme, sie
schaffen neue. Die Krankenversicherung ist ein auf den gesamten Lebenszyklus angelegtes System. Insofern
sollte Basis für politische Entscheidungen auch der gesamte Lebensverlauf von Versicherten sein. Gerade angesichts der demographischen Entwicklung ist eine andere EntscheiDoch was der SPD im Detail auch im- dungsbasis nicht verantwortbar.
mer vorschweben mag: die von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt er- SPD-MdB Eike Hovermann: „das
hofften Erwartungen werden sich in wäre schädlich für die GKV“
keinem Fall erfüllen. Eine Erweite- Eike Hovermann, der gesundheitsporung des versicherungspflichtigen litische Vize-Sprecher der SPD-FrakPersonenkreises löst kein einziges tion, befürchtet, dass viele Versicherte
strukturelles Problem der GKV, scha- angesichts der drohenden Erhöhung
det jedoch der PKV, die bekanntlich der Pflichtgrenze die GKV verlassen.
einen überproportionalen Finanzie- Dieser Verlust sei durch die Grenzanrungsbeitrag für das Gesundheitswe- hebung selbst nicht mehr zu kompensen leistet. Auch begründete die Mini- sieren. Hovermann wörtlich: „Wer die
sterin nicht, warum die GKV durch PKV schwächt, schwächt die KonkurWechsel zur PKV Mindereinnahmen renz der beiden Systeme. Und das wävon 1 Mrd. E hinzunehmen habe. re schädlich für die GKV.“
Die SPD hält, wie es ihr Fraktionsvorsitzender Peter Struck anlässlich der
Mitgliederversammlung in Berlin
wieder einmal demonstrierte (Seite
64) unbeirrt an ihrer Absicht fest, die
Versicherungspflichtgrenze zu erhöhen. Doch lässt sie die Öffentlichkeit nach wie vor über die konkrete
Ausgestaltung im Unklaren. Weder im
Gesundheitsministerium noch in der
Fraktion scheint man bislang auch nur
annähernd konkrete Vorstellungen
entwickelt zu haben.
Unterstützenswert ist der im Juni von
der FDP eingebrachte Antrag, mit
dem die Bundesregierung aufgefordert wird, „zur Wahrung der Generationengerechtigkeit . . . von unabhängiger Stelle dem Deutschen Bundestag regelmäßig eine Generationenbilanz vorzulegen.“ Wird dieser überfällige Schritt – wie auch in andern Ländern – endlich realisiert, wird sehr
schnell deutlich werden, dass die private Krankenversicherung – anders
als die gesetzliche – mit den Alterungsrückstellungen eine wirksame finanzielle Vorsorge für das Älterwerden ihrer Versicherten getroffen hat.
Auch der Vorschlag aus der
CDU/CSU, es dem Versicherten in der
GKV zu ermöglichen, Leistungen aboder hinzuzuwählen, wird zunehmend
kritisch diskutiert. Eine solche Aufteilung des Leistungskatalogs – für die
sich insbesondere Horst Seehofer
stark macht – ist in der GKV mit dem
Solidarprinzip nicht vereinbar. Es belastet die Kranken, führt zum Vorteilshopping und wirkt beitragssatzsteigernd. Die Gesundheitsministerin
geht von einem Anstieg der Beiträge
allein aufgrund dieses Reformschritts
von 0,8 Prozentpunkten aus.
Die Anzeigen wie die Fernseh- und
Rundfunkspots der PKV zum Thema
„Keine Wahl mehr?“ haben nicht nur
bei der Positionierung der Parteien
zum Erhalt der Friedensgrenze Wirkung gezeigt. Sie haben auch andere
Partner im Gesundheitswesen motiviert, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Nach der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die anlässlich ihres
Rostocker Ärztetages eine Imagekampagne beschlossen hatte, denkt
man auch in der GKV sehr konkret
über Aktionen zur Verbesserung ihres
Images nach. Dieses könnte sie jedoch
mit und ohne Öffentlichkeitsarbeit in
erster Linie dadurch verbessern, dass
PKV-Mitgliederversammlung 2002: (v. l. n. r.) Dr. Dieter Thomae MdB, Wolfgang Lohmann MdB, Dr. Peter Ollick
68
PKV ■ PUBLIK 6/02
PKV UND
GESUNDHEIT
sie sich auf ihre eigentlichen Aufgaben beschränkt und die vor 30 Jahren
gemeinsam gefundene Balance zwischen Solidarität und Subsidiarität
nicht durch kurzfristig Erfolg versprechende Abenteuer stört – wie etwa
durch die Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze oder das Angebot
von Zusatzversicherungen.
In der nächsten Legislaturperiode
wird es bei der anstehenden Reform
im Gesundheitswesen zentral auch um
die Frage gehen, wie weit die Eigenverantwortung von Versicherten und
Patienten reichen soll. Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz, der im Herbst
aus beruflichen Gründen den Vorsitz
im Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen
niederlegt, fordert, dass der Bürger in
seiner Eigenverantwortung ernst genommen wird. Für die kleinen Gesundheitsstörungen seines Lebens
könne er durchaus selbst einstehen. Es
gehe nicht länger an, dass die GKV eine Rundumversorgung verspreche.
Vorbereitung für das elektronische
Rezept läuft auf Hochtouren
Von besonderer Bedeutung für die
PKV ist das elektronische Rezept. Die
Vorbereitungen des Aktionsforums
Telematik im Gesundheitswesen –
hier kooperieren PKV, GKV und die
Leistungserbringer – zur modellhaften
Einführung laufen auf Hochtouren.
Mittlerweile hat der PKV-Verband eine Einigung mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) über die
Bewertung der Wahlleistungsangebote in Ein- und Zweibettzimmern
erreichen können. Nachdem die Gremien des PKV-Verbandes bereits im
Juni ihre Zustimmung erteilt hatten,
haben auch die DKG-Gremien beschlossen, den Vertrag zu unterzeichnen. Damit kann die Vereinbarung
noch im Sommer in Kraft treten.
L
PKV ■ PUBLIK 6/02
Disease Management auch für private
Krankenversicherer von Interesse
Disease-Management sorgt derzeit für einige Aufregung zwischen Vertragsärzten, GKV und Gesundheitsministerium. Es steht für das Angebot
strukturierter Behandlungsprogramme für Versicherte, die an chronischen Krankheiten leiden, mit dem Ziel, durch kontinuierliche, multidisziplinäre Versorgung Komplikationen und Folgekrankheiten zu vermeiden.
In den Disease-Management Programmen (DMP) erfolgen medizinische Interventionen also nicht erst
dann, wenn der Versicherte sie nachfragt, sondern wenn sie angebracht
sind: Es gibt einen Steuermann. Doch
die Frage, wer steuern soll, wird zum
Stein des Anstoßes: Der Arzt oder der
Kostenträger? Beim amerikanischen
Vorbild "Managed-Care" liegt es auf
der Hand: die Kostenträger. Um steuern zu können, braucht der Steuermann Navigationsdaten, also detaillierte Informationen über den Versicherten. Ein weiterer Stein des Anstoßes: Ist es mit dem Datenschutz und
dem besonderen Vertrauensverhältnis
zwischen Patient und Arzt vereinbar,
personenbezogene Behandlungsdaten
an den Kostenträger weiterzugeben?
Sich in ein DMP einzuschreiben, ist
eine freiwillige Entscheidung des Versicherten, bei der er die Datenweitergabe berücksichtigen wird. Die Einschreibung ist mit Selbstverpflichtungen verbunden, u.a. an Patientenschulungen teilzunehmen.
Geeignet bei häufigen Krankheiten
mit hohen Folgekosten
Der Koordinierungsausschuß gemäß §
137e SGB V hat als für DiseaseManagement geeignete Krankheiten
Diabetes mellitus, chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen (COPD,
"Asthma"), Brustkrebs und koronare
Herzkrankheit (KHK) vorgeschlagen.
Das Bundesgesundheitsministerium
ist dem gefolgt. Die Änderungsverordnung zum Risikostrukturausgleich
legt die Anforderungen an DMPs für
Diabetes und Brustkrebs fest. Die beiden anderen Krankheiten – und weitere wie z.B. die Depression – werden
vermutlich kurzfristig folgen.
Die Kriterien für die Eignung ergeben
sich aus der ursprünglichen – ökonomischen – Perspektive des ManagedCare: Es muß sich um häufige Krankheiten handeln, die mit hohen – insbesondere direkten – Kosten u.a. durch
Folgekrankheiten verbunden sind. Es
muß erkennbar sein, daß Versorgungsdefizite, also auch Verbesserungspotentiale, bestehen. Dafür müssen
die Behandlungsergebnisse ("Outcomes") messbar sein. Es müssen
schließlich wissenschaftliche, Evidenz-basierte Behandlungsstandards
verfügbar sein, bei deren Befolgung
die medizinischen Verbesserungspotentiale und Kostenersparnisse – im
wesentlichen durch vermiedene stationäre Behandlung – realisiert werden können. Im Idealfall profitieren
also vom Disease-Management Patient und Kostenträger. Die gesetzlichen
Krankenkassen profitieren zusätzlich,
denn wegen der gesetzlich vorgeschriebenen Verknüpfung mit dem Risikostrukturausgleich (RSA) werden
die Kosten partiell von konkurrierenden Kassen übernommen.
Disease-Management ist grundsätzlich auch für private Krankenversicherer ein interessanter Ansatz, dem sie
sich auch aus Wettbewerbsgründen
stellen müssen. Deshalb hat der PKVVerband am 05.06.2002 ein Informa-
69
PKV UND
GESUNDHEIT
tionsforum hierzu veranstaltet. Referenten waren der deutsche Protagonist
des Desease Management, Prof. Karl
Lauterbach (Köln), und – eher als Vertreter seiner Kontrahenten – der
Hauptgeschäftsführer der KBV, Dr.
Rainer Hess, als Experte aus den USA
eigens eingeflogen Dr. Joachim Roski,
Assistant Vice-President, Quality
Measurement, des National Committee for Quality Assurance (NCQA),
als Motor für Disease-Management
eines privaten Krankenversicherers
Dr. Jürgen Preuss von der DKV und
Dr. Andreas Tecklenburg, um aus der
Perspektive der Krankenhäuser – hier
der Sana-Kliniken – die Chancen und
Risiken des Disease-Management zu
beleuchten.
An den gesetzlichen DMPs können
sich private Versicherer nicht unmittelbar beteiligen, denn sie sind im Gesetz nicht als Vertragspartner vorgesehen. Die Risiken liegen in den zusätzlichen Management-Kosten, dies erst
recht angesichts der relativ geringen
Versichertendichte des einzelnen
PKV-Unternehmens, so Preuss. Damit
die Chancen die Risiken überwiegen,
sind auch für die PKV die Eignungskriterien vorauszusetzen. Dabei ist
nicht auszuschließen, daß in der PKV
einzelnen chronischen Krankheiten
ein anderes Gewicht als in der GKV
zukommt. Dann stellt sich insbesondere die Frage, ob die Verbesserungspotentiale in der PKV denen in der
GKV vergleichbar sind. Lauterbach
machte deutlich, daß sich die suboptimalen Ergebnisse z.B. bei der Behandlung des Bluthochdrucks nicht
auf GKV-Versicherte beschränken.
Anpassung der Vergütungs- und
Honorarstruktur erforderlich
Private Krankenversicherer könnten
sich der DMP-Versorgungsnetze der
GKV bedienen. Sofern diese aber –
was kritisiert wird – Minimalstandards darstellen und als „Kochbuchmedizin“ individualisierte Behandlungen behindern, stellt sich Hess
zufolge die Frage, ob dies den Versor-
gungszielen der PKV entspreche.
Falls private Krankenversicherer
DMPs mit vertraglich gebundenen eigenen Ärztenetzen organisieren wollen, setzt dies den vorherigen Umbau
der geltenden Vergütungs- und Honorierungsstruktur hin zu einer Komplex- oder Pauschalvergütung voraus,
so Preuss. Davon sollten auch für die
Ärzteschaft Anreize ausgehen. Wichtig als primär- und sekundär-präventive Aktivität wie auch attraktiv für Versicherte sei die Patienten-Schulung
("Behavior Management Program",
BMP), um Verhaltensmodifikationen
insbesondere bezüglich Risikofaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum
sowie Über- und Fehlernährung und
Bewegungsmangel zu ermöglichen.
Die Weitergabe von Behandlungsdaten an einen privaten Krankenversicherer stellt im Gegensatz zur GKV
kein Problem dar, da diese Daten dem
Versicherer – dies ist Grundlage des
Versicherungsvertrags – ohnehin zur
Prüfung der Leistungspflicht zugänglich sind. Auch die Sektorgrenzen sind
für die PKV unproblematisch, denn
dem Versicherten steht auch der ambulante Zugang zum Krankenhausarzt
frei. Die rechtlichen Voraussetzungen
dafür, dass das Krankenhaus diese
Chancen auch für GKV-Versicherte
nutzen kann, stehen aus, so Tecklenburg. Dennoch seien die Sana-Kliniken im Vorgriff bereits jetzt in dieses
Marktsegment eingestiegen.
Die gesetzlich eingeführten DMPs
werden mit rechtlich bindender Wirkung Mindeststandards definieren,
welche Therapie dem Stand der Wissenschaft entspricht und einzufordern
ist. Diese Standards werden auch für
Privatversicherte gelten müssen, unabhängig davon, ob im Rahmen von
DMPs behandelt wird oder nicht. Insofern werden alle Versicherten auch
mittelbar profitieren.
JF
70
PKV ■ PUBLIK 6/02
PKV UND GKV
GKV verliert angeblich jährlich eine Milliarde
Euro durch die PKV – nachrechnen lohnt sich
enten damit deutlich überproportional
zur Finanzierung des Gesundheitswesens beitragen?
„Unter der Annahme, dass von den rd. 360.000 Personen, die von der GKV
in die PKV abgewandert sind, rd. zwei Drittel, d.h. 240.000 ehemalige
GKV-Mitglieder und rd. 120.00 bislang in der GKV beitragsfrei mitversicherte Familienangehörige sein könnten, ergibt sich rechnerisch ein NettoEffekt in einer Größenordnung von ca. 1 Mrd. Euro.“
... und auch nicht den Alterseffekt
Es ist ja richtig, dass 35-Jährige, die
die GKV verlassen, dort keinen Beitrag mehr zur Einkommensumverteilung leisten. Maßgeblich sollte aber
nicht die Beurteilung zu einem bestimmten Zeitpunkt sein, sondern die
Frage, wie sich die Versicherung über
das ganze Leben rechnet. Die jungen
Versicherten müssen heute in der
GKV ein Defizit von mehr als 30 Mrd.
Euro mitfinanzieren, das dadurch entsteht, dass ältere Versicherte deutlich
weniger Beitrag zahlen als sie an Leistungsausgaben verursachen.
So die Antwort der Bundesregierung
auf eine kleine Anfrage der CDU/CSU
zur von der SPD geplanten Anhebung
der Versicherungspflichtgrenze (BTDrucksache 14/9181). Gut also für die
GKV, dass die Regierung endlich die
Abwanderung zur PKV begrenzen
will – oder?
Nachrechnen lohnt sich
Ein freiwillig in der GKV versicherter
Arbeitnehmer zahlt bei der Versicherungspflichtgrenze von 3.375 Euro
und bei durchschnittlichem Beitragssatz von 14 Prozent 5.670 Euro im
Jahr. Angeblich 360.000 dieser Personen – inklusive 120.000 mitversicherter Familienangehöriger – wechselten
also im Jahr 2001 zur PKV. Das wären
dann in der Tat (240.000 x 5.670 Euro)
1,36 Mrd. Euro Beitragsverlust für die
GKV, von denen noch die Leistungsausgaben abzuziehen wären. Stimmt
also die 1 Milliarde?
Schein und Realität
• Bekanntlich sind etwa die Hälfte
der PKV-Versicherten Beamte.
Dies dürfte auch für die Neuversicherten zutreffen, für Personen
also, die bisher entweder nur einen
minimalen oder als Familienversicherte überhaupt keinen GKVBeitrag geleistet haben. Folglich ist
der angebliche Beitragsverlust
deutlich zu hoch geschätzt.
• Auch die andere Hälfte besteht nur
zum Teil aus Arbeitnehmern. Derzeit sind rd. 1 Mio. Angestellte (zu-
PKV ■ PUBLIK 6/02
züglich Familienangehörige) PKVversichert. Diese Zahl hat sich in
den zurückliegenden Jahren nur
wenig verändert, so dass entgegen
der Annahme des Ministeriums
nicht von einem Zugang zur PKV
in der genannten Größenordnung
ausgegangen werden kann. Ein
großer Teil sind überdies Selbständige, die oft in der GKV deutlich
weniger als den Höchstbeitrag zahlen. Auch hier hat also das Ministerium deutlich zu hoch gegriffen.
Überzahlungen nicht vergessen...
Privatpatienten zahlen beim Arzt fast
dreimal mehr als Kassenpatienten.
Auch die Wahlleistungen im Krankenhaus stützen im Umfang von mehreren
Mrd. Euro jährlich das deutsche Gesundheitswesen. Insgesamt summiert
sich die Überzahlung des selbstzahlenden Sektors auf mehr als 5 Mrd.
Euro im Jahr. Je mehr Menschen sich
deshalb privat versichern, desto höher
werden diese Überzahlungen – zum
Vorteil des gesamten Gesundheitssystems.
Davon will aber das Gesundheitsministerium offensichtlich nichts wissen.
Solche „Behauptungen sind nicht
nachvollziehbar“ heißt es dort. Immerhin liegen die ärztlichen Gebührenordnungen in der Verordnungskompetenz
der Bundesregierung. Auch die Überzahlung im Krankenhaus ist das Ergebnis staatlicher Gesetzgebung. Hat man
diese Gesetze und Verordnungen gemacht, ohne zu wissen, dass Privatpati-
Dieses Defizit wird nicht nur demographisch bedingt stark steigen. Wichtiger ist ein anderer Zusammenhang:
Die Jungen finanzieren das Defizit der
Älteren auf der Basis des heutigen
Kostenniveaus der GKV. Bei weiterem medizinischem Fortschritt und
auch weiter steigenden Preisen im Gesundheitswesen ist das Defizit, das
diese heute junge Generation später,
wenn sie die alte ist, verursacht, wesentlich höher als es zu den heutigen
Verhältnissen wäre. Und dieses Defizit wälzt sie auf die dann Jungen ab.
Diesem „dynamischen Effekt“ ist es
zu verdanken, dass jeder junge Versicherte, der heute die GKV verlässt,
nachweislich zu ihrer Entlastung über
das ganze Leben beiträgt. Je mehr
Menschen rechtzeitig in der PKV vorsorgen, desto mehr profitiert das Gesundheitswesen insgesamt. Eigentlich
kein Wunder, denn erst die Entscheidung für die PKV führt dazu, dass für
das Alter Rückstellungen gebildet
werden. Ohne finanzielle Vorsorge
muss es folglich für alle diejenigen
teurer werden, die das Defizit dann zu
zahlen haben.
W
71
LESER
SCHREIBEN
Für Minitarif keine
Super-Versorgung
gesellschaftlichen Gruppe – auch keinem angestellten Arzt – wird Derartiges ignorant zugemutet.
Betr.: Selbstzahlende Patienten stützen das Gesundheitssystem (PKV
Publik 2/02, Seite 14)
Und Sie suggerieren, dass Ihnen eine
Minderung der Preise um 20 Prozent
wie in der GKV lieber gewesen wäre!!
Sie vergessen dabei regelmäßig, Ihren
Mitgliedern zu sagen, dass damit auch
eine entsprechend schlechtere Versorgung der GKV-Versicherten eingetreten ist. Wenn Sie den gleichen Niedergang für Ihre Mitglieder wollen,
müssen Sie Ihnen die Folgen auch vermitteln und ihnen erklären, dass sie
dann in Zukunft ebenso schlecht versorgt werden wie die GKV-Versicherten – nämlich mangelhaft. Aber das
vermeiden Sie beharrlich!
Es ist korrekt, dass Selbstzahler höhere Preise bezahlen als GKV-Patienten
– sie bekommen auch eine wesentlich
bessere Leistung. Für einen 7er-BMW
muss halt auch mehr bezahlt werden
als für einen 3er-BMW. Logisch! Es
ist aber falsch, dass es sich hier um
überhöhte Preise handelt. Als Basis
Ihrer Argumentation benutzen Sie die
Anhebung der GOÄ-Sätze seit 1993
um 5 Prozent. Schämen Sie sich eigentlich nicht? Diese Erhöhung bedeutet gerade eine Steigerung von
0,625 Prozent/Jahr!
Da wird man doch sicher fragen dürfen,
– um wie viel Prozent die Verwaltungsausgaben der PKV seit 1993
gestiegen sind?
– um wie viel Prozent die BruttoGehälter bei den Managern und
Angestellten der PKV gestiegen
sind?
– wie die Gewinne der PKV gestiegen sind?
– wie stark das Bruttosozialprodukt
in dieser Zeit gestiegen ist?
– wie viel die GOÄ-Gebühren seit
1982 gestiegen sind, wenn man
berücksichtigt, dass lediglich 1988
und 1996 eine minimale Punktwertanhebung vorgenommen wurde, einzelne Leistungen sogar abgewertet wurden.
Seit 1996 warten die niedergelassenen
Ärzte auf eine der wirtschaftlichen
Entwicklung Rechnung tragende
Punktwertanhebung. Die Politik und
die PKV haben es bisher verstanden,
diese zu verhindern. Keiner anderen
72
Das GKV-System ist im jetzigen Zustand mehr als unmoralisch, wie selbst
CDU-Politiker inzwischen selbstkritisch feststellen. Wenn Sie das für
Ihre Mitglieder auch wollen – dann
müssen Sie es nur sagen! Zum Minitarif ist jedefalls keine ausreichende
medizinische Versorgung zu erhalten.
Dr. med Jürgen Sperling
76530 Baden-Baden
Schärfster Protest gegen diesen Blödsinn
Betr.: Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze
Die noch amtierende Ministerin für
Gesundheit beabsichtigt, die Bemessungsgrenze der GKV auf 4.500 Euro
heraufzusetzen, damit Mitglieder
nicht mehr in die private Versicherung
wechseln können. Ganz besonders
hart würde diese unsinnige Maßnahme auch die freiwillig in der GKV
Versicherten treffen.
Ich
bin Mitglied
der AOK und
zahle zur Zeit einschl. Pflegeversicherung 477,04 Euro monatlich. Eine Zusatzversicherung habe ich bei einer
Privatkrankenkasse. Bei einer Anhebung der Pflichtgrenze auf 4.500 Euro
müsste ich monatlich über 33 Prozent
entsprechend über 120,15 Euro mehr
bezahlen! Ich habe bereits schärfstens
beim Gesundheitsministerium gegen
diesen Blödsinn protestiert und hoffe,
dass die von Ihnen angedrohte Klage
Wirkung zeigen wird.
Heinz Behrendt
21227 Bendestorf
PKV
PUBLIK
Herausgeber: Verband der privaten
Krankenversicherung e. V., Postfach
51 10 40, 50946 Köln; Bayenthalgürtel
26, 50968 Köln, Tel. (0221) 3 76 62-0,
Fax (0221) 3 76 62-10, Internet:
http://www.pkv.de, eMail: postmaster@
pkv.de. Verantwortlich: Dr. Volker Leienbach. Redaktion: Christian Weber. Produktion: Karin Held. Mitarbeiter dieser
Ausgabe: Prof. Dr. Jürgen Fritze, Dr. Christoph Uleer, Karikaturen: Dirk Meissner,
Köln. Fotos: Georg J. Lopata, Berlin. Verlag Versicherungswirtschaft GmbH, Klosestraße 20-24, 76137 Karlsruhe, Telefon
(0721) 3 50 90. Herstellung: LUTHE
Druck und Medienservice KG, Köln. Erscheinungsweise: Neunmal jährlich.
Abonnementpreis: Jährlich E 6,50 einschl.
Versand und MWSt.
ISSN 0176-3261.
Nachdruck der Texte honorarfrei.
Belegexemplar erbeten.
Die nächste Ausgabe erscheint
am 15. 9. 2002.
PKV ■ PUBLIK 6/01
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Seele and Geist
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