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FLEXIBLE VERBBEDEUTUNG: WIE VIEL SEMANTIK IST IM

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FLEXIBLE VERBBEDEUTUNG:
WIE VIEL SEMANTIK IST IM
LEXIKON?
Johannes Dölling (Leipzig)
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
1
1 Einführung
1.1 Problem
Die meisten Verben haben in Abhängigkeit vom Kontext ihrer Verwendung eine
Anzahl von Bedeutungen, die in nicht-trivialer Weise aufeinander bezogen sind.
z
Was ist die Basis für diese Variabilität der Bedeutung von Verben und damit
ihrer Argumentstruktur?
z
Was wissen wir über die möglichen Bedeutungen eines Verbs, wenn wir seine
lexikalische Semantik kennen?
z
Welchen Einfluss haben ontologisches und enzyklopädisches Wissen auf die
Bedeutungsvarianten eines Verbs?
z
Inwieweit wird die jeweilige Bedeutungsvariante eines Verbs durch die
syntaktische Konstruktion determiniert, in der es vorkommt?
2
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
1.2 Ziel
(i)
Minimalistisches Verständnis der lexikalischen Semantik von Verben
über die
(ii) Annahme von radikal unterspezifizierten semantischen Einträgen als
(iii) Basis für eine kontextuelle Spezifizierung der Bedeutung des jeweiligen
Verbs
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
3
1.3 Vorgehen
z
Fälle von Bedeutungsvariation und deren Klassifizierung
z
Strategien der lexikalischen Verbsemantik
(i)
Projektionistische Strategie und lexikalische Dekomposition
(ii)
Konstruktivistische Strategie und syntaktische Dekomposition
z
Semantische Form and syntaktische Konstruktion
z
Bedeutungsalternation als Parameterfixierung
4
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
2
Einige Typen der Bedeutungsvariabilität
2.1 Variationen der Verbbedeutung
Bedeutungsalternation
zwischen primären,
wörtlichen Bedeutungsvarianten (Polysemie)
Bedeutungsverschiebung
in eine abgeleitete,
nichtwörtliche Bedeutungsvariante (Metonymie, Metapher)
Systematische Alternation
Nicht-systematische Alternation
(i)
(i)
Generelle Relationen
zwischen den
Bedeutungsvarianten
(ii) Variation der
Aspektklasse, der Aktionsart und der Argumentstruktur
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
Ähnlichkeitsrelationen
zwischen den
Bedeutungsvarianten
(ii) Variation der
Selektionsrestriktionen und
der Argumentstruktur
5
2.2 Systematische Alternation der Verbbedeutung
z
(1)
(2)
Varianten mit Bezug auf die Aktionsart
a.
Anna schmolzk das Eis.
kausativ
b.
Das Eis schmolzi.
inchoativ (--> unakkusativ)
c.
#Anna schmolz.
(nur unakkusativ)
schmelzenk ⇒ schmelzeni
a.
Otto fegtek den Flur.
kausativ
b.
*Der Flur fegte.
(*unakkusativ)
c.
Otto fegteue.
unergativ
fegenk ⇒ fegenue
(3)
a.
Luise rauchtek die Zigarette.
kausativ
b.
Die Zigarette rauchteua.
unakkusativ
c.
Luise rauchteue.
unergativ
rauchenk ⇒ rauchenua
rauchenk ⇒ rauchenue
6
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
z
Varianten mit Bezug auf die Aspektklasse
(4)
a.
Maria aß1 zwei Äpfel (in zehn Minuten).
Accomplishment
b.
Maria aß2 Äpfel (zehn Minuten lang).
Activity
c.
Maria aß3 (zehn Minuten lang).
Activity
essen1 ⇒ essen2
essen2 ⇒ essen3
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
7
2.3 Nicht-systematische Alternation der Verbbedeutung
z
Varianten mit Bezug auf die Sorte des internen Arguments
(5)
a.
Der Pförtner öffnete1 die Tür.
b.
Der Verkäufer öffnete2 das Geschäft.
c.
Die Mutter öffnete3 das Paket.
d.
Der Junge öffnete4 das Taschenmesser.
e.
Die Dame öffnete5 die Halskette.
f.
Der Angestellte öffnete6 die Datei.
g.
Der Chirurg öffnete7 die Wunde.
ähnlichkeitsbasierte
Bedeutungsvarianten
etc.
z
Varianten mit Bezug auf die Sorte des externen Arguments
(6)
a.
Der Schlüssel öffnete8 die Tür.
ähnlichkeitsbasierte
b.
Der Wind öffnete9 die Tür.
Bedeutungsvarainten
8
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
z
Varianten durch Argumentstellenreduzierung
(7)
a.
Der Pförtner öffnete10.
öffnen1 ⇒ öffnen10
b.
Das Geschäft öffnete11.
öffnen2 ⇒ öffnen11
z
Varianten durch Argumentstellenerweiterung
(8)
a.
Der Pförtner öffnete12 dem Chef die Tür.
öffnen12 ⇒ öffnen1
b.
Der Wind öffnete13 dem Chef die Tür.
öffnen13 ⇒ öffnen9
etc.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
9
z
Varianten mit Bezug auf die Sorte des internen oder/und des externen
Arguments
(9)
a.
Der Verkäufer nahm1 das Geld.
b.
Der Dieb nahm2 das Geld.
c.
Der Patient nahm3 die Arznei.
ähnlichkeitsbasierte
d.
Der Passant nahm4 das Taxi.
Bedeutungsvarianten
e.
Der Feind nahm5 die Festung.
f.
Die Frau nahm6 den Mann.
etc.
10
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
2.4
Systematische Verschiebung der Verbbedeutung
(vgl. Dölling 2005, Egg 2005)
z
Aspektverschiebung
(10) a.
Das Licht blitzte1.
Semelfactive-Variante
shift
b.
z
Das Licht blitzte2 zwei Stunden lang.
Activity-Variante
Verschiebung der Selektionsrestriktion
(11) a.
Das Wasser gefror1.
Flüssigkeit-Variante
shift
b.
Die Flasche gefror2.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
Behälter-Variante
11
3
Strategien der lexikalischen Verbsemantik
3.1 Die projektionistische Strategie
(z.B. Jackendoff 1990, Rappaport Hovav & Levin 1998, Heim & Kratzer 1998)
z
Grundlagen
(i)
Die lexikalisch gespeicherte Information zur Verbbedeutung und dabei
insbesondere die zur Argumentstruktur wird als zentral für die Ableitung
von syntaktischen Strukturen angesehen.
(ii) Generalisierungen über lexikalisch-semantische Eigenschaften der Verben
bilden die Basis für Voraussagen zur Systematik ihres syntaktischen
Verhaltens.
(iii) Eine bevorzugte Methode zur Bestimmung von generellen Bedeutungsmustern der Verben und ihren Eigenschaften ist die der lexikalischen
Dekomposition.
12
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
3.1.1 Lexikalische Dekompositionen
z
CAUSE-BECOME-Strukturen
(12) a.
[[öffnen]] = λyλx. DO(x) CAUSE (BECOME(OFFEN(y)))
(vgl. Dowty 1979)
b.
[[öffnen]] = λyλxλe. AG(x, e) & ∃e’[CAUSE(e, e’) & TH(y, e’)
& ∃s [BECOME(e’, s) & OFFEN(s) & TH(y, s)]]
(vgl. Parsons 1990)
c.
[[öffnen]] = λyλxλe. ∃e1e2P [e = e1 ⊕ e2 & P(e1) & AG(x, e1) & CAUSE(e1, e2)
& TH(y, e2) & ∃s [BECOME(e2, s) & s: OFFEN(y)]]
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
13
z
Lexikalische Unterspezifikation (Bierwisch 1997)
(i)
Kausativ/Inchoativ-Alternation
[[schmelzen]] = λy[αλx]λe. e: [α (ACT(x) CAUSE] (BECOME(FLÜSSIG(y))[α)],
(13)
wobei für [α X] gilt: X ist vorhanden, falls der Parameter α = +,
ansonsten leer
Kontextuelle Spezifizierung:
14
a.
[[schmelzenk]] = λyλxλe. e: (ACT(x) CAUSE (BECOME(FLÜSSIG(y))))
b.
[[schmelzeni]] = λxλe. e: (BECOME(FLÜSSIG(x))))
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
(ii) Konzeptuelle Differenzierung
[[öffnen]] = λyλxλe. e: (ACT(x) CAUSE (BECOME(OFFEN(y))))
(14)
Kontextuelle Spezifizierung:
a.
[[öffnen1]] =
...
...
b.
[[öffnen2]] =
...
...
etc.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
15
3.1.2 Kritik
(i)
(15) a.
Dekompositionsanalysen beziehen sich fast ausschließlich auf Verben mit
einer relativ allgemeinen Bedeutung. Es ist nicht klar, wie die Bedeutung
speziellerer Verben adäquat zu dekomponieren ist.
öffnen
vs.
aufbrechen, aufreißen, aufstoßen, aufziehen, auftrennen, ...
b.
nehmen
vs.
sich aneignen, ergreifen, erbeuten, erobern, benutzen, ...
c.
geben
vs.
schenken, aushändigen, überlassen, verleihen, spenden, ...
(16) a.
b.
[[geben]] = λzλyλxλe. e: (ACT(x) CAUSE(BECOME(POSS(y,z)))
[[schenken]] = λzλyλxλe. e: (SCHENKEN(x, z) CAUSE(BECOME(POSS(y, z)))) ?
(vgl. Wunderlich 1997)
16
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
(ii) Es ist fraglich, ob für alle ähnlichkeitsbasierten Bedeutungsvarianten eines
Verbs passende Dekompositionsstrukturen existieren.
(17) a.
b.
c.
d.
e.
f.
g.
(17’) a.
Der Pförtner öffnete1 die Tür.
Der Verkäufer öffnete2 das Geschäft.
Die Mutter öffnete3 das Paket.
Der Junge öffnete4 das Taschenmesser.
Die Dame öffnete5 die Halskette.
Der Angestellte öffnete6 die Datei.
Der Chirurg öffnete7 die Wunde.
∀xye [ÖFFNEN1(x, y, e) → ∃e1e2P [e = e1 ⊕ e2 & P(e1) & AG(x, e1)
& CAUSE(e1, e2) & TH(y, e2)
←
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
& ∃s [BECOME(e2, s) & s: OFFEN1(y)]]
17
(iii) Es ist nicht klar, wie der Unterschied zwischen unterschiedlichen
Bedeutungsvarianten mit Bezug auf die Aspektklasse dekompositional
erfasst werden kann.
(18) a.
b.
(18’) a.
b.
18
Anna schmolz ein Stück Eis (in zehn Minuten).
Accomplishment
Anna schmolz Eis (zehn Minuten lang).
Activity
∃e [e: (ACT(anna) CAUSE (BECOME(FLÜSSIG(ein_stück_eis))))]
∃e [e: (ACT(anna) CAUSE (BECOME(FLÜSSIG(eis))))]
Resultat ?
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
(iv) Die mit Verben ausgedrückte Ereignisstruktur ist häufig differenzierter und
komplexer, als die üblichen CAUSE-BECOME-Strukturen wiedergeben
können.
(Vgl. Engelberg 2004)
∀xye [FAHREN(x, y, e) → ∃e1e2 [e1 ⊆imm e & e2 ⊆imm e & DUR(e1)
(19)
& DUR(e2) & e1 ο e2 & CAUSE(e1, e2)
& CONTROL(x, e2) & MOVE(y, e2) & …]]
z
Fazit:
Strukturen des CAUSE-BECOME-Typs sind (typischerweise) logisch schwächer
als die Bedeutung des Verbs, die mit ihnen lexikalisch dekomponiert werden
soll.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
19
3.2 Die konstruktivistische Strategie
(z.B. Borer 2005, Ramchand 2008, Pylkkänen 2008, Lin 2004)
z
Grundlagen
(i)
Die lexikalisch gespeicherte Information zur Verbbedeutung wird auf ein
absolutes Minimum reduziert oder überhaupt als für die syntaktische
Ableitung nicht zugänglich angesehen.
(ii)
Universelle grammatische Konfigurationen, darunter insbesondere die mit
unterschiedlichen funktionalen Kategorien erhalten das entscheidende
Gewicht.
(iii) Die syntaktische Konstruktion, in der ein Verb vorkommt, übernimmt eine
oder sogar die wesentliche Rolle für die Determination seiner jeweiligen
Bedeutungsvariante.
(iv) Meistens wird die Methode der syntaktischen Dekomposition angewandt,
mit der die vom Verb ausgedrückte Ereignisstruktur in die Syntax
übertragen wird.
20
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
3.2.1 Syntaktische Dekompositionen
z
Partieller Konstruktivismus (von Stechow 1996, vgl. von Stechow 2007)
(i)
Dekompositionen in der Syntax sind nötig, weil einige kausative und inchoative
Verben zusammen mit wieder eine repetitiv/restitutiv-Ambiguität zeigen.
(ii) Ein Verb unterliegt der syntaktischen Dekomposition, wenn es in seinem
Lexikoneintrag das uninterpretierbare Merkmal [u-CAUSE] oder [uBECOME] hat.
(iii) Diese Merkmale müssen in der syntaktischen Struktur durch die Merkmale
[i-CAUSE] bzw. [i-BECOME] lizensiert werden, die entsprechend die
beiden abstrakten (konverten) Verben CAUSE und BECOME haben.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
21
(iv) Kausativ/Inchoativ-Alternation
(20)
wach :
[[wach]] = λwλxλt. x ist wach in w zu t
(21) a.
aufwecken:
[u-CAUSE]
[[aufwecken]] = [[wach]]
kausativ
stativ ?
aufwachen:
[u-BECOME]
[[aufwachen]] = [[wach]]
inchoativ
stativ ?
b.
(22)
flüssig:
[[flüssig]] = λwλxλt. x ist flüssig in w zu t
(23)
schmelzen:
22
a.
[u-CAUSE]
[[schmelzen]] = [[flüssig]]
kausativ
stativ ?
b.
[u-BECOME]
[[schmelzen]] = [[flüssig]]
inchoativ
stativ ?
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
z
Die konstruktivistische Position von Ramchand (2008)
(i)
Abstrakte syntaktische Dekompositionsstruktur von Ereignissen, in die sich
beliebige verbale Projektionen einordnen lassen:
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
23
(ii) Verben verfügen im Lexikon über keine Argumentstruktur. Sie sind aber
durch Selektionsmerkmale init, proc oder res gekennzeichnet, die ihre
Insertion in syntaktische Dekompositionsstrukturen beschränken.
(24) a.
push: [init, proc]
b.
c.
[[procP]] = λe. push(e) & Process(e) & Subject(DP’1,e)
[[initP]] = λe. ∃e1e2 [push(e2) & Process(e2) & Subject(DP’1,e2) & push(e1) ?
& State(e1) & e = e1 → e2 & Subject(DP’2,e1)]
24
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
z
Die konstruktivistische Position von Lin (2004) (vgl. Vortrag von M. Guhl, 08.07.10)
(25) John broke the window.
λe. ARGext(john, e) & DO(e, [actundef]) & ∃e'∃s [BE(s, [stbreak])
& ECOME(e', s) & ARGδ(the_window, e') & CAUSE(e, e')]
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
25
3.2.2 Die radikal-konstruktivistische Sicht
Borer (2005):
Fundamentally, this is a book about polysemy. About why words can mean
so many things, but structures cannot. An English word, such as stone, can
be used in a multitude of syntactic contexts as either a noun or a verb, and it
can have different meanings in different communicative situations. But not
so for structures such as three stones and much stone, or to stone a bird, or
be stoned.
(Vol. 1:3)
(26) a.
26
The fire stations sirened1 throughout the raid.
b.
The factory sirened2 midday and everyone stopped for lunch.
c.
The police sirened3 the Porsche to a stop.
d.
The police car sirened4 up to the accident.
e.
The police car sirened5 the daylights out of me.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
Grammatisches System
Konzeptuelles System
making sense
(i)
Verben – wie auch die anderen Inhaltswörter – gehen als hermetisch
abgeschlossene ‚Konzeptpakete’ in die grammatische Berechnung ein.
Sie werden in syntaktische Strukturen eingebettet, ohne dass sie diese
Strukturen affizieren noch von diesen affiziert werden.
(ii) Nach Etablierung der syntaktischen Struktur werden die ‚Konzeptpakete’
geöffnet und in einer − vom grammatischen und vom konzeptuellen System
verschiedenen − ‚making sense’-Komponente mit den Strukturbedingungen
abgeglichen.
(iii) Im Ergebnis des Abgleichungsprozesses haben die Verben eine für die
jeweilige syntaktische Struktur passende Bedeutung ‚ausgebildet’.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
27
3.2.3 Generelle Bewertung der konstruktivistischen Strategie
z
Pro: Lexikalischer Minimalismus
(i)
Der lexikalisch-semantische Eintrag eines Verbs sollte so wenig wie
möglich strukturelle Beschränkungen enthalten, um jede seiner
Bedeutungsvarianten ableiten zu können.
(ii) Der Kontext in Gestalt von syntaktischen Konstruktionen und
konzeptuellem Wissen sollte eine größere Rolle für die Ableitung der
aktualen Verbbedeutungen spielen.
z
Kontra: Syntaktische Dekomposition
Die Adäquatheit von ‚Ereignisstrukturen’, die aus dem Transfer von Annahmen
der lexikalisch-semantischen Dekomposition in die autonome Syntax
hervorgehen, ist zweifelhaft.
z
Kontra: Radikaler Konstruktivismus
Borers (2005) Eliminierung der Verbsemantik als Teil des Lexikons und damit
auch der kompositionalen Semantik zerstört die Basis einer systematischen
Berechnung der Bedeutung.
28
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
4
Semantische Form and syntaktische Konstruktion
Grammatisches System
Konzeptuelles System
SEMANTIK
Semantische Form SF
PRAGMATIK
Pragmatische
Anreicherung
Semantischer Gehalt SC
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
29
4.1 Ein minimalistisches Verständnis der lexikalischen Verbsemantik
z
Die lexikalische SF eines Verbs
(i)
partizipiert an der grammatischen Berechnung als eine autonome Einheit,
(ii) gibt dem Verb so wenig wie möglich an strukturellen Beschränkungen
seines syntaktischen Verhaltens vor und
(iii) bietet ausreichend Ansatzstellen seiner kontextuellen Spezifizierung.
z
30
Die lexikalische SF eines Verbs
(a)
ist konzeptuell unterspezifiziert
(b)
wird strikt kompositional verrechnet
(c)
kann pragmatisch angereichert werden.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
4.2 Ein vereinfachter Lexikoneintrag
(27)
öffnen
PF:
SYN:
SF:
/öffn-/
V, [α/NPacc]/NPnom
λe. ÖFFNEN(e)
PRAG: (a)
α = + gdw <ÖFFNEN> = {ÖFFNEN1, ÖFFNEN2, ...}
(b)
z
GRAMMATIK
α = − gdw <ÖFFNEN> = {ÖFFNEN10, ÖFFNEN11}
Vier Komponenten des lexikalischen Eintrags:
(i)
PF, SYN und SF sind die grammatischen Komponenten, d.h. sie bilden
gemeinsam die Basis für die grammatische Berechnung;
(ii)
PRAG ist eine außergrammatische Komponente
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
31
z
SYN:
Der Subkategorisierungsrahmen [α/NPacc]/NPnom indiziert, dass das Verb in einer
transitiven und in einer intransitiven Variante auftreten kann; die Notation [αX]
gibt an, dass X vorhanden ist, wenn α = +, und ansonsten nicht.
z
SF:
(i)
Der λ-Term zeigt, dass das Verb ein 1-stelliges Prädikat von Ereignissen ist,
d.h. keine thematischen Argumentpositionen besitzt.
Die lexikalische SF ist damit unabhängig von der variierenden Anzahl und
von der Sorte der Argumente, die in der jeweiligen syntaktischen Struktur
für das Verb zugänglich sind.
(ii) ÖFFNEN ist ein SF-Parameter (d.h. eine spezielle freie Variable), für den
1-stellige Prädikatskonstanten substituiert werden können, die verschiedene
Konzepte des Öffnens repräsentieren.
32
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
z
PRAG:
(i)
Mit (a) und (b) werden Bedingungen für die Determination des
Wertebereichs des SF-Parameters ÖFFNEN in Abhängigkeit vom
syntaktischen Kontext des Verbs angegeben.
Z.B. wird der Wertebereich von ÖFFNEN mit der Menge {ÖFFNEN1,
ÖFFNEN2, ...} identifiziert, wenn das Verb für eine Nominativ- und eine
Akkusativ-NP subkategorisiert wird.
(ii) Welcher der Werte im Prozess der pragmatischen Anreicherung aus dem
jeweils syntaktisch determinierten Bereich aktual ausgewählt, ist abhängig
von der Art der Entitäten, auf die die Argument-NPn referieren.
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
33
4.3 Einführung von verbalen Argumentpositionen
z
Problem
Wie werden die unterschiedlichen Bedeutungsvarianten eines Verbs mit ihrer
thematischen Argumentstruktur verbunden?
z
Annahmen
(i)
Die Information zu den Argumentpositionen wird über spezielle
Konfigurationen im Prozess der SF-Komposition eingebracht.
(ii) Die Insertion dieser SF-Konfigurationen wird durch den Prozess der
syntaktischen Strukturbildung ausgelöst.
(iii) Die SF-Konfigurationen sind die Beiträge, die von speziellen funktionalen
Kategorien zur SF-Berechnung geliefert werden.
Fazit:
Einführung der Argumentpositionen als eine Verallgmeinerung
von Kratzers (1996) Vorschlag für externe Argumente
34
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
z
(28)
Eine vereinfachte Ableitung
Hans öffnete1 die Tür.
voiceP
λe. θnom(hans, e) & θint(die_Tür, e) & ÖFFNEN(e)
NP
/Hans/
voice'
λxλe. θnom(x, e) & θacc(die_Tür, e) & ÖFFNEN(e)
voice
λPλxλe. θnom(x, e) & P(e)
vP
λe. θacc (die_Tür, e) & ÖFFNEN(e)
NP
/die_Tür/
v'
λxλe. θacc(x, e) & ÖFFNEN(e)
v
λPλxλe. θacc(x, e) & P(e)
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
V
λe. ÖFFNEN(e)
/öffn_/
35
5
Bedeutungsalternation als Parameterfixierung
5.1 Fixierung von SF-Parametern
Parameterfixierung als pragmatische Anreicherung
z
(29)
Hans öffnete1 die Tür.
SF: ∃e [θnom(hans, e) & θacc(die_Tür, e) & ÖFFNEN (e)]
SEMANTIK
PFS: ∃e [AG(hans, e) & TH(die_Tür, e) & ÖFFNEN1(e)] PRAGMATIK
z
(30)
36
Parameter-fixierte Strukturen als Bedeutungsvarianten
PFS(öffnen1):
λyλxλe. AG(x, e) & TH(y, e) & ÖFFNEN1(e)
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
5.2 Die konzeptuelle Basis von Bedeutungsalternationen
z
Einige provisorische Axiome für die Interpretation von öffnen1
(31) a.
… ∀e [ÖFFNEN1(e) → ∃xy [AG(x, e) & TÜR∨FENSTER∨....(y) & TH(y, e)]]
Das Axiom formuliert Einschränkungen für die Anwendung von ÖFFNEN1 mit
Bezug auf die Art der Objekte, die als Partizipanten in den betreffenden
Eeignissen auftreten.
b.
… ∀e [ÖFFNEN1(e) → ∃e1e2xyP [e = e1 ⊕ e2 & P(e1) & AG(x, e1)
& CAUSE(e1, e2) & TH(y, e2) & ∃s [BECOME(e2, s)
& s: OFFEN1(y)]]]
Das Axiom charakterisiert Ereignisse der Art von ÖFFNEN1 als solche, die zwei
Teilereignisse enthalten und in einem Zustand des Offenseins einer bestimmten
Art OFFEN1 resultieren.
z
Problem: Eine bloß axiomatische Charakterisierung ist zu ‚grobkörnig’!
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
37
z
(32)
Konzeptuelles Netzwork für Arten des Öffnens (‚conceptual space’)
(vgl. Gärdenfors 2000, Geuder & Weisgerber 2001)
ÖFFNEN
ÖFFNEN1 ÖFFNEN2 ÖFFNEN3 ÖFFNEN4
Ä H N L I C H K E I T
...
bzgl. Q U A L I T Ä T E N
(z.B. Öffnen eines Taschenmessers, Reißverschlusses etc.)
'Bauteile auseiander bewegen'
(z.B. Öffnen eines Pakets, Kuverts etc.)
'Zugang zum Inneren eines geschlossenen
Behälters gewinnen'
(z.B. Öffnen eines Geschäfts, Cafés, Büros etc.)
'Zugang zu einer Institution gewähren'
(z.B. Öffnen einer Tür, eines Fensters etc.)
'eine Vorrichtung bewegen, um Durchlass zu ermöglichen'
38
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
5.3 Systematische Bedeutungsalternationen
(33)
PF:
SYN:
SF:
/zerbrech-/
V, [α/NPacc]/NPnom
λe. ZERBRECHEN(e)
PRAG: (a)
(b)
α = + iff <ZERBRECHEN> = {ZERBRECHENKAUS}
α = − iff <ZERBRECHEN> = {ZERBRECHENINCH}
GRAMMATIK
PFS1(zerbrechen1): λyλxλe. AG(x, e) & TH(o, e) & ZERBRECHENKAUS(e)
(34)
PFS2(zerbrechen2): λxλe. TH(x, e) & ZERBRECHENINCH(e)
(35) a.
PRAGMATIK
… ∀e [ZERBRECHENINCH(e) → ∃x [TH(x, e) & ∃s [BECOME(e, s)
& s: ZERBROCHEN(x)]]]
b.
… ∀e [ZERBRECHENCAUS(e) → ∃e1e2xP [e = e1 ⊕ e2 & P(e1) & AG(x, e1)
& CAUSE(e1, e2) & ZERBRECHENINCH(e2)]]
Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
39
Literatur
Bierwisch, M. (1997): Lexical information from a minimalist point of view. In C. Wilder, H.-M. Gärtner & M.
Bierwisch (eds.): The role of economy principles in linguistic theory, 227-266. Berlin: Akademie Verlag.
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Semantik-Kolloquium, 21.10.2010
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