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DIPLOMARBEIT Wie wirken körpertherapeutische Behandlungen

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DIPLOMARBEIT
Wie wirken körpertherapeutische Behandlungen
bei Anorexie und Bulimie?
Foto: flickr.com
Antje Walker
Klasse ME8
Schule für angewandte Naturheilkunde, Zürich
Zürich, 8. Oktober 2010
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Der menschliche Körper und der Zyklus des Lebens
1.2 Motivation
1.3 Ziele
4
4
5
6
2. Theoretischer Teil
2.1 Geschichte
2.1.1 Geschichte einst
2.1.2 Geschichte heute
2.2 Definitionen der Essstörung
2.3 Klinische Einteilung
2.3.1 Klinische Einteilung der Anorexia nervosa
2.3.2 Klinische Einteilung der Bulimia nervosa
2.4 Kompensatorische Mechanismen um Gewichtszunahme zu verhindern
2.5 Diagnostische Kriterien
2.6 Epidemiologie/Prävalenz
2.7 Ätiologie
2.8 Psychodynamik
2.9 Komplikationen bei Essstörungen
2.10 Komorbidität von Anorexie und Bulimie
2.11 Therapie
2.12 Verlauf und Prognose
2.13 Prävention
7
7
7
9
10
11
11
11
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13
14
14
16
17
19
19
21
22
3. Naturheilkundlich energetische Aspekte
3.1 Im Körper zu Hause
3.2 Das Trugbild des idealen Körpers
3.3 Körperschema, Körperbild und was diese mit dem Tastsinn zu tun haben
3.4 Berührungen
3.5 Achtsamkeit
23
25
25
25
27
29
4. Praktischer Teil
4.1 Einleitung
4.2 Manuell-energetische Behandlungen
4.3 Wie reagieren Anorexie- und Bulimie-Patientinnen auf Berührung
4.4 Meine Begegnungen mit Patientinnen mit Essstörungen
4.4.1 Biographie und Behandlung Patientin A
4.4.2 Biographie und Behandlung Patientin B
4.4.3 Biographie und Behandlung Patientin C
4.4.4 Biographie und Behandlung Patientin D
30
30
30
32
34
35
39
43
47
5. Zusammenfassung
5.1 Übersicht der Biographien der Patientinnen
51
51
6. Meine persönliche Schlussreflexion
6.1 Rekrutierung der Probandinnen – erste Termine
6.2 Wie habe ich die Behandlungen mit den Patientinnen erlebt
6.3 Was haben die Behandlungen mit mir persönlich gemacht
6.4 Weiteres Vorgehen – nächste Schritte – Ausblicke
6.5 Gewonnene Erkenntnisse für die Fortsetzung des Themas
6.6 Danksagung
53
53
54
54
55
55
56
2
7. Anhang
7.1 Ernährung
7.1.1 Ernährungsberatung bei Essstörungen
7.1.2 Wechselwirkungen zwischen Ernährung und Psyche
7.1.3 Die Thermische Wirkung von Nahrungsmitteln auf unseren Körper
7.1.4 Der 3-fach-Erwärmer und die Bedeutung auf die Ernährung
7.1.5 Die Auswirkung der Geschmäcker
7.1.6 Anthroposophische Sicht des Zuckers
7.1.7 Hunger und Sättigung
7.1.8 Der Kauvorgang
7.2 Phytotherapeutische Möglichkeiten bei Essstörungen
7.3 Humoralmedizinische Sicht der Krankheit
7.4 Persönliche Originalbiographien der Patientinnen
7.5 Artikel Tages-Anzeiger
57
57
57
59
61
61
62
62
63
65
66
71
73
74
8. Literaturverzeichnis/Internetadressen
75
3
1. Einleitung
„Der menschliche Körper ist fragile verbliebene Natur in einer vom Menschen bestimmten und
durch Technik geprägten künstlichen Umwelt“. Dies ist ein Zitat Gunther von Hagens, Anatom,
Erfinder der Plastination und Schöpfer der umstrittenen KÖRPERWELTEN - der anatomischen
Ausstellungen echter menschlicher Körper.
www.koerperwelten.com
Das nachfolgende Zitat konnten die Besucher an seiner Ausstellung in Zürich 2009 lesen. Es
macht bewusst, welche Kostbarkeit unser Körper ist und für mich ein Ansatz, die Gesundheit zu
unterstützen.
1.1 Der menschliche Körper und der Zyklus des Lebens
„Der menschliche Körper
ein Wunder aus Gegensätzen:
einfach und dennoch komplex,
belastbar,
aber auch verletzlich.
Unser Körper begleitet uns ein Leben lang.
Durch ihn erfahren wir uns selbst und die Welt.
Dabei eröffnet der Körper uns beinahe
unendliche Möglichkeiten.
Doch ist unser Körper
nicht nur ein göttliches Geschenk
oder eine natürliche Gabe,
sondern auch eine persönliche Aufgabe:
Ergebnis eigener Lebensführung.
Gesundheit ist ein höchst brüchiger Zustand!
Empfängnis, Geburt, Kindheit, Jugend
und Reife bis ins hohe Alter –
das Einzige was bleibt ist ständiger Wandel.
Der Körper –
eine lebenslange Herausforderung
und sichtbarer Spiegel
unserer endlichen Lebensuhr.“
Körperwelten Ausstellung Zürich 2009
4
1.2 Motivation
Meine Motivation, dieses Thema für meine Diplomarbeit zu wählen, entstand zunächst einmal
sehr spontan. Eine langjährige Kundin von mir arbeitet als Psychologin seit vielen Jahren mit
Frauen mit Essstörungen. Einmal unterhielten wir uns über die Verdauungsschwierigkeiten dieser
Frauen, wenn diese sich dann endlich auf einem guten Pfad befänden, wieder regelmässig zu
essen, aber ausgerechnet dann (!) die Verdauungsorgane Überforderungssymptome aufzeigen
und den Prozess damit wieder gefährden. So entstand die Idee, diese Patientinnen
körpertherapeutisch mit manuellen Behandlungen zu begleiten.
Zunächst dachte ich „nur“ an die Behandlung über die Füsse mittels der
Fussreflexzonentherapie, um vorallem auf die Verdauungstätigkeit einzuwirken.
Dann merkte ich im Gespräch mit der Psychologin, dass sie den Eindruck hat, dass
Essstörungsbetroffene oft alle Körperteile, welche zwischen Kopf und Füssen liegen, nicht
wahrnehmen, vernachlässigen, nicht akzeptieren können oder wollen. Diese Aussage motivierte
mich, die manuellen Behandlungsformen auszuweiten und hoffte, den zukünftigen Patientinnen
klassische Massage und manuelle Lymphdrainage anbieten zu können und so ganzheitlicher
wirken zu können.
Je länger ich nun schon Essstörungsbetroffene in meiner Praxis behandle, desto mehr merke ich,
dass dieses Thema ganz viel mit mir selber zu tun hat. In meiner Jugend erkämpfte ich mir Liebe
und Anerkennung mit Leistung und Aussehen. Nach aussen hin musste alles hübsch und nett
aussehen. Das Rigide, wie es Wilhelm Reich beschreibt, passt auch heute noch immer sehr gut zu
mir. Nur, heute kann ich meine rigiden Züge mit einem Lächeln auf den Stockzähnen
beobachten. Im Nachhinein denke ich, dass ich in meiner Pubertät gefährdet war, an Anorexie
zu erkranken.
Ich erkenne viele Grundmuster meiner neuen Patientinnen in mir und kann auch viele ihrer
Gedanken und Aussagen nachvollziehen.
5
1.3 Ziele
Zentrale Frage:
Können körpertherapeutische Behandlungen zu einem verbesserten
Ernährungsverhalten von Patientinnen mit Anorexie und/oder Bulimie führen?
Diese Teilschritte sollen helfen, die oben gestellte zentrale Frage zu beantworten:
Helfen die Behandlungen der Patientin, ihre Körperzufriedenheit und Körperakzeptanz zu
verändern?
Fühlt sich die Patientin nach der Behandlungsperiode nach wie vor zu dick?
Können die Behandlungen bewirken, den Körper als Geschenk zu sehen?
Kann sich die Patientin während der Behandlung auf sich einlassen, den Moment
wahrnehmen?
Verändern sich Emotionen wie Wut, Ärger, Aggression?
Können Ängste mit Hilfe der Behandlungen abgebaut werden?
Können sich ständig kreisende Gedanken über Sorgen lösen?
Scheint das Leben weniger bedrohlich?
Kann die Patientin ihren Körper befreit(er) wahrnehmen?
Können bis anhin nicht vorhandene Signale des Körpers wahrgenommen werden?
Verändert sich das soziale Umfeld der Patientin?
Kann mit Bekannten und Freunden über die Essstörung gesprochen werden?
Gibt es Momente oder Phasen, wo die Patientin ihre Krankheit vergisst?
Verändert sich die Energie, die Bereitschaft, welche die Patientin in die Krankheit stecken
will?
Kann sich ein entspannteres Verhältnis zum Essen entwickeln?
Sind regelmässige, angepasste Mahlzeiten möglich?
Finden Heisshungerattacken, Essanfälle weniger häufig statt?
Können selbstinduziertes Erbrechen, der Gebrauch von Laxantien, Medikamenten und
Appetitzüglern reduziert werden?
Finden Selbstverletzungen, selbstzerstörerisches Handeln weniger häufig statt?
Muss die Patientin täglich auf die Waage stehen?
Verändern sich Obstipation, Abdominalschmerzen, Meteorismus?
Verändert sich die Körpertemperatur insbesondere in der Peripherie?
Helfen die Behandlungen, allgemein zu entspannen?
Fühlt sich die Patientin während der Behandlung und danach ruhig und gelassen?
Ziele der Behandlungen zusammenfassend:
Körperwahrnehmung fördern, (Entspannung, Atem, Achtsamkeit, Dankbarkeit)
Körperliche Blockaden lösen, um Prozesse in Fluss zu bringen
Angestautes, selbstzerstörerisches Handeln und Aggressionen abbauen
Ess- und Brechanfälle reduzieren
Laxantienmissbrauch und Selbstverletzungen reduzieren, minimieren, eliminieren
Verdauungsorgane unterstützen
Parasympathikus in ein ausgewogeneres Gleichgewicht bringen
6
2. Theoretischer Teil
In diesem Kapitel möchte ich das theoretisch gesammelte Wissen der Anorexia nervosa und
Bulimia nervosa vorstellen.
2.1 Geschichte
Die Anorexie war die erste differenziert beschriebene Essstörung, erste Fallbeschreibungen
stammen von dem Londoner Arzt Richard Morton aus dem Jahre 1669. Bis zum Beginn des 19ten
Jahrhunderts wurde sie als ein Symptom von diversen physischen und emotionalen Störungen
gesehen. Allerdings war das Interesse für dieses Krankheitsbild nach wie vor nicht sehr gross. Dies
sollte sich nach 1960 drastisch ändern. Die amerikanische Psychiaterin Hilde Bruch leistete
Pionierarbeit, indem sie in ihrem berühmten Buch „Der goldene Käfig“ die Aufmerksamkeit auf
den Mangel an Selbstbewusstsein und die Körperschemastörung der Patienten lenkte. Somit
entwickelte sich die Anorexia nervosa im späten 20ten Jahrhundert von einer unbekannten und
seltenen klinischen Entität zu einem gut beschriebenen Krankheitsbild von grossem generellem
Interesse.
www.magersucht.com / www.eating-disorder.com
2.1.1 Geschichte einst
Die Geschichte vom Suppenkaspar - Märchen oder harte Realität?
„Ich esse keine Suppe! Nein! Ich esse meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“
Dieser berühmte Ausspruch des Suppenkaspars aus dem Jahre 1844 scheint dem Leser erstmal
nichts mitteilen zu wollen, ausser der Tatsache, dass ein kleiner, molliger Junge womöglich aus
Trotz oder Protest gegen die Eltern keine Lust hat, seine Suppe zu essen.
Diese vermeintliche Oberflächlichkeit entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Trugschluss, hat
die Geschichte doch eine tiefgründigere Thematik und offenbart bei näherer Betrachtung und
bei Kenntnis des Tätigkeitsgebiets des Autors wohl eines der ersten Zeugnisse der Neuzeit für eine
Essstörung.
Der Autor des „Suppenkaspars“, Dr. Heinrich Hoffmann, lebte von 1809 bis 1894 und war
Nervenarzt in Frankfurt in einer „Anstalt“. Sein Gebiet war die Jugendpsychiatrie. Da er für seinen
damals dreijährigen Sohn kein passendes Geschenk zu Weihnachten fand, entschloss er sich, ein
Kinderbuch selbst zu verfassen und es ihm zu schenken. Der „Struwwelpeter“ war geboren, wenn
auch vorerst noch unter einem anderen Titel.
Hoffmann griff ein Thema auf, das zur damaligen Zeit weiten Teilen der Bevölkerung völlig neu
war: Die freiwillige Essensverweigerung! Durch die vorausgegangenen, jahrelangen
Hungersnöte breiter Teile der Bevölkerung erschien ein vorsätzlicher Verzicht auf Nahrung ja
geradezu absurd.
Der Suppenkaspar ist wahrscheinlich das erste bekannte literarische Zeugnis eines Anorektikers,
man vermutet sogar ein authentischer Fall aus der Praxis Hoffmanns.
www.psychotherapie.davos.ch
www.kindertagesmutti.de
7
Weiter zurück war schon im Mittelalter das Phänomen der hungernden Frauen bekannt, die
Anorexia mirabilis. Die wundersame Appetitlosigkeit trat bei jungen Frauen auf, die aus
religiösen Gründen fasteten. Nicht wenige wurden als Heilige verehrt, die bekannteste von ihnen
ist Katharina von Siena (1397-1429). Obgleich es viele Parallelen zu den heutigen
Magersüchtigen gibt, existieren auch grundlegende Unterschiede. Die mittelalterliche Asketin
strebte danach, durch Fasten im Sinne eines religiösen Ideals die Schönheit der Seele zu
vervollkommnen. Die heutige Anorektikerin strebt eher nach einer Vollkommenheit des Körpers
im Sinne eines gesellschaftlichen Schönheitsideals.
www.magersucht.com
Allerdings blieb die medizinische Aufmerksamkeit bis zum 19. Jahrhundert vor allem auf extremes
Übergewicht beschränkt. Masslosigkeit galt als Problem der Selbstkontrolle und Moral. Völlerei
galt im Mittelalter als eine der sieben Todsünden.
Heute sind Essstörungen kein Tabuthema mehr und im Allgemeinen als „tatsächliche“ Krankheit
akzeptiert. Regelmässig finden sich in den Medien Berichte von erkrankten, häufig im
öffentlichen Leben stehenden Personen.
Barbies ältere Schwester:
Es gibt eine Fülle von Untersuchungen zu der Frage, seit wann der schlanke Körper idealisiert
wird und als unangefochtenes Modell akzeptiert wird. Während das anorektische Model
„Twiggy“ ca. 1966-1971 noch einen Sonderfall darstellte, konnten verschiedene Autoren zeigen,
dass nicht nur die in Modezeitschriften und Männermagazinen abgebildeten Körper gegen
Ende der 70er Jahre immer schlanker wurden, sondern – in Verbindung mit der ansteigenden
Prävalenz für Adipositas – immer weiter vom realistischen Körperbild abwichen.
„Lilli”, Schwester der Barbiepuppe kam 1959 in New York auf
den Markt
Aber die Barbiepuppe mit ihren klar anorektischen Körperproportionen ist bereits 1962 auf den
Markt gekommen und ihre älter Schwester „Lilli“ bereits sogar schon 1959, d.h. zu beginnender
Nachkriegszeit und einer damals begrüssten makronährstoffreichen Kochkultur.
www.focus.de
8
2.1.2 Geschichte heute
Hungernde Seelen:
“Nothing tastes as good as skinny feels”
sagte Kate Moss einmal und wurde damit zur Göttin der Essgestörten.
Und Angelina Jolie, zweifellos eine Frau mit Obsessionen jenseits der Normalität, liess sich nebst
einem fetten schwarzen Kreuz „quod me nutrit me destruit“ unter den Bauchnabel tätowieren:
„was mich nährt, zerstört mich“
auf Angelina Jolies Bauch prangt auf Latein das Magersüchtigen-Motto
Viele schwer magersüchtige Mädchen nehmen sie beim Wort und liessen sich damit schon
Bauch- und Hüftgegend verzieren. Mich würde interessieren, ob die mehrfache Mutter und
Schauspielerin sich auch schon einmal ob ihrer Verantwortung bezüglich Essverhalten ihrer
Kinder und vielen jungen Mädchen gegenüber Gedanken gemacht hat…
Sie propagiert meiner Meinung nach damit die Magersucht zum Kult. Anhängerinnen der „Pro
Ana“-Bewegung (Ana ist eine zärtliche Abkürzung für Anorexie, oder „Pro Mia“, Mia steht für
Bulimia) betreiben im Internet das Dünnsein bis zum Exzess und bis zum Verschwinden aus der
Realität. Die Mädchen begreifen ihre Essstörung nicht als Krankheit, Dünn sein ist für sie der
Lebensstil der Erfolgreichen. Ana gibt Jugendlichen Tipps, wie sie den Hunger aushalten und die
Krankheit vor Eltern, Lehrer verheimlichen können. Anas Regeln sind tödlich: Du brauchst kein
Essen, hungern ist der Beweis von Willensstärke. Erkennungsmerkmal: Ana Ringe und AnaArmbänder: Jetzt hat das Internet-Auktionshaus reagiert. Seit August dürfen keine AnaArmbänder oder Ringe mehr versteigert werden. Die Mädchen benutzen sie, um sich in der
Öffentlichkeit diskret zu erkennen.
Fragwürdige Werbung auf den Ana-Homepages:
Hilfe beim Abnehmen sollen wohl auch die zahlreichen Anzeigen auf den Ana-Seiten bieten.
Etwa die von Nestlé. Wer den Link anklickt, landet auf der Schweizer Website von Maggi und
erfährt etwas über „kalorienarme“ Rezepte. Nestlé reagierte erschreckt auf Recherchen von
saldo. Pro-Ana-Seiten, aber auch Protest- und Betroffenenseiten findet man im Internet auf der
Suche nach Begriffen wie «Pro Ana», «Be Ana» «Ana Bootcamp», «Thinspiration», «Super Skinny
Me» etc.
www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Leichte-Mädchen-mit-schweren-Problemen
9
2.2 Definitionen der Essstörung
Definitionen und Klassifikationen der Essstörungen erfolgen nach der ICD 10
(INTERNATIONAL CLASSIFICATION OF DISEAES, 10.REVISION, WHO 1993)
www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2010/block-f50-f59.htm
(Deutsches Institut für Medizinische Information und Dokumentation)
Dort gehören sie zur Gruppe der Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und
Faktoren.
Die beiden Hauptgruppen unter den Essstörungen sind:
•
Anorexia nervosa
häufig synonym verwendete Begriffe sind
-
•
Anorexia mentalis
Magersucht
Pubertätsmagersucht
Bulimia nervosa
häufig synonym verwendete Begriffe sind
-
Bulimiarexia
Ess-Brech-Sucht
Compulsive overeating
Dietary chaos syndrom
Beide Worte leiten sich aus dem Griechischen ab.
•
Anorexis bedeutet „ohne Begierde, ohne Appetit“
•
Bulimie setzt sich aus „buos-limos“ zusammen und meint Ochsen-Hunger
10
2.3 Klinische Einteilungen
Die beiden Hauptgruppen einer Essstörung unterscheiden sich im Wesentlichen wie folgt:
2.3.1 der Anorexia nervosa
•
Der zunächst auffälligste Befund der Anorexia nervosa ist der reduzierte
Ernährungszustand bei einem drastischen Gewichtsverlust.
•
Patientinnen mit schwerer Anorexie zeigen einen kachektischen Ernährungszustand.
(schlechter Zustand, sog. Auszehrung, schwere Form der Abmagerung)
•
Die äusserliche Erscheinung ist fahl, subkutanes Fettgewebe kann fehlen.
•
Es besteht der Wunsch nach einer Gewichtsabnahme, eine Gewichtsgrenze nach unten
scheint es nicht zu geben.
•
Der Gewichtsverlust wird erreicht durch Einschränkung der Nahrungszufuhr, Erbrechen,
exzessive körperliche Aktivität oder Einnahme von Abführmitteln oder Diuretika.
•
Patientinnen nehmen den Gewichtsverlust selbst nicht adäquat wahr und verleugnen
ihn. In Extremfällen fühlen sich die Patientinnen auch im Zustand der Kachexie noch zu
dick. Diese Störung des Körperbildes ist ein diagnostisches Kriterium der Anorexie.
•
Bei der Anorexia nervosa wird unterschieden zwischen dem
restriktiven Typ ca. 53%
und dem
purgativen Typ ca. 47%
Gewichtsverlust durch reinigende Massnahmen
(Erbrechen, Abführen usw.)
2.3.2 der Bulimia nervosa
•
Im Gegensatz zur Anorexie, bei der mit wenigen Blicken das Hauptsymptom
Untergewicht erkannt werden kann, scheinen Patientinnen mit Bulimia nervosa zunächst
unauffällig, da sie normalgewichtig sind.
•
Bei der Bulimia nervosa kommt es zu typischen Heisshungerattacken mit Kontrollverlust.
•
Grosse Mengen an Nahrungsmitteln werden hastig geschlungen, ein Unterbrechen ist
nicht möglich.
•
Durch ein Kompensationsverhalten (am häufigsten Erbrechen)wird ermöglicht, das
Gewicht zu halten.
•
Bei Maximalausprägung der Symptomatik kann die gesamte Tageszeit aus Zyklen von
Essen und Erbrechen bestehen. Dabei kommt es häufig auch zu finanziellen
Schwierigkeiten und Problemen, die verbunden sind mit der Beschaffung von
Nahrungsmitteln.
•
Ähnlich wie bei der Anorexia nervosa bestehen gewichtsphobische Ängste und eine
Körperschemastörung.
•
Die Erkrankung ist häufig von Verheimlichung und Scham geprägt.
•
Äusserlich ist den Patienten oft eine Schwellung der Speicheldrüse (Parotisschwellung,
Glandulae parotes) anzusehen und zu erspüren.
Teufel Martin, Zipfel Stephan, Handbuch Essstörungen, 2008
11
2.4 Kompensatorische Mechanismen um Gewichtszunahme zu verhindern
Patientinnen mit Anorexie und Bulimie zeigen ähnliche Verhaltensweisen, um eine
Gewichtszunahme zu verhindern bzw. um Gewicht abzunehmen. Die einzelnen Methoden und
deren „Einsatzweise“ findet heute über neue Medien, vor allem Internet-Foren und Chats schnell
Verbreitung. Betroffene kommen so leicht an krankheitstypische dysfunktionale Informationen
und nehmen diese in ihr Verhaltensrepertoire auf.
Hier die häufigsten Verhaltensweisen:
Fasten:
Patientinnen verzichten phasenweise ganz auf Nahrungsaufnahme (hungern) oder sind in ihrem
Essverhalten sehr restriktiv. Häufig werden von Patientinnen selbst „verbotene“ Nahrungsmittel
definiert. Diese sind überwiegend hochkalorisch. „Erlaubt“ sind eher niedrigkalorische und
fettarme Produkte. Im Rahmen von Essanfällen werden diese selbst festgelegten Gebote und
Verbote impulsartig durchbrochen, und es kann zu unkontrolliertem Konsum von ansonsten meist
„verbotenen“ Nahrungsmitteln kommen.
Erbrechen:
Nach Nahrungsaufnahme dient das selbstinduzierte Erbrechen dem „Loswerden“ der
zugeführten Kalorien. Ebenfalls wird dadurch versucht, das oft schnell empfundene Völle- und
Blähgefühl zu mildern. Erbrechen erfolgt über selbst induziertes Auslösen des Würgereflexes, in
manchen Fällen gelingt dies auch spontan. Der Druck, aufgenommene Nahrung zu erbrechen,
kann so stark sein, dass soziale Aktivitäten nicht mehr stattfinden, da in diesen Kontexten
derartiges Verhalten nicht möglich ist.
Missbrauch von Medikamenten:
Der Missbrauch von Medikamenten als kompensatorisches Verhalten betrifft vorwiegend
Laxanzien. Aufgrund einer dadurch beschleunigten Magen-Darm-Passage wird die enterale
Resorption reduziert. Da es zu Gewöhnungsphänomenen kommen kann, ist häufig eine
kontinuierliche Dosissteigerung zu beobachten, die einem Vielfachen der Tageshöchstdosis der
jeweiligen Medikamente entsprechen kann. Auch der Gebrauch von abführenden und
entwässernden Tees ist zu beobachten. Darüber hinaus werden Appetitzügler, Diuretika, aber
auch stoffwechselaktivierende Substanzen (Thyroxin) missbraucht.
Übermässige Bewegung:
Durch übermässige körperliche Betätigung wird versucht, vermehrt Kalorien zu verbrennen.
Manche Patientinnen halten es kaum aus, längere Zeit nicht aktiv zu sein. Auf die Benutzung von
Verkehrsmitteln wird bewusst verzichtet und alle Wege werden zu Fuss oder mit dem Fahrrad
zurückgelegt. Sportarten werden exzessiv betrieben. Bewegungsdrang kann zum
Bewegungszwang führen.
Weitere kompensatorische Mechanismen:
Es besteht eine Vielzahl weitere Verhaltensweisen, die es ermöglichen, Gewicht zu verlieren,
bzw. eine Gewichtszunahme zu verhindern. Meistens verfolgt die Patientin das Ziel, den
Stoffwechsel zu aktivieren. So kann es beispielsweise sein, dass Betroffene sich bewusst leicht
kleiden, die Zimmertemperatur niedrig halten, kalt duschen oder Eiswürfel zu sich nehmen, um
den Grundumsatz zu erhöhen.
Teufel Martin, Zipfel Stephan, Handbuch Essstörungen 2008
12
2.5 Diagnostische Kriterien nach ICD-10
(INTERNATIONAL CLASSIFICATION OF DISEAES, 10.REVISION)
Anorexia nervosa
Bulimia nervosa
Tatsächliches Körpergewicht mindestens 15% unter dem
erwarteten Gewicht (entweder durch Gewichtsverlust
oder nie erreichtes Gewicht oder BMI von 17,5kg/m2
oder weniger. Bei Patientinnen in der Vorpubertät kann
die erwartete Gewichtszunahme während der
Wachstumsperiode ausbleiben.
Eine andauernde Beschäftigung mit Essen, eine
unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln, die
Patientin erliegt Essattacken, bei denen grosse Mengen
Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert wird.
Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch:
Die Patientin versucht, dem dickmachenden Effekt der
Nahrung durch verschiedene Verhaltensweisen
entgegenzusteuern:
•
selbstinduziertes Erbrechen
•
Missbrauch von Abführmitteln
•
Zeitweilige Hungerperioden
•
Gebrauch von Appetitzüglern,
Schilddrüsenpräparate, oder Diuretika
Wenn die Bulimie bei Diabetikerinnen auftritt, kann es zu
einer bewussten Dosisreduktion von Insulin kommen.
•
•
•
•
•
Vermeidung von hochkalorischen Speisen, sowie
eine oder mehrere der folgenden Verhaltensweisen:
selbstinduziertes Erbrechen
selbstinduziertes Abführen
übertriebene körperliche Aktivität
Gebrauch von Appetitzüglern oder Diuretika
Körperschemastörung in Form einer spezifischen
psychischen Störung: die Angst, zu dick zu werden,
besteht als eine tief verwurzelte überwertige Idee; die
Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle
für sich selbst fest.
Die psychopathologische Auffälligkeit besteht in einer
krankhaften Furcht davor, dick zu werden, die Patientin
setzt sich eine scharf definierte Gewichtsgrenze weit
unter dem prämorbiden, vom Arzt optimal oder
„gesund“ betrachteten Gewicht.
Endokrine Störung auf der Hypothalamus-HypophysenGonaden-Achse. Sie manifestiert sich bei Frauen als
Amenorrhö (Ausbleiben der monatlichen Regelblutung)
und bei Männern als Libido- und Potenzverlust. Erhöhte
Wachstumshormon- und Kortisolspiegel, Änderungen
des peripheren Metabolismus von
Schilddrüsenhormonen und Störungen der
Insulinsekretion können gleichfalls vorliegen.
Häufig lässt sich in der Vorgeschichte mit einem Intervall
von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren die
Episode einer Anorexia nervosa nachweisen. Diese
frühere Episode kann voll ausgeprägt gewesen sein
oder war eine verdeckte Form mit mässigem
Gewichtsverlust und/oder einer vorübergehenden
Amenorrhö.
Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die
Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte verzögert
oder gehemmt (Wachstumsstopp, fehlende
Brustentwicklung und primäre Amenorrhö bei Mädchen,
bei Knaben bleiben die Genitalien kindlich). Nach
Remission wird die Pubertätsentwicklung häufig normal
abgeschlossen, die Menarche tritt aber verspätet ein.
vgl. (Teufel Martin, Zipfel Stephan, Handbuch Essstörungen 2008)
13
2.6 Epidemiologie/Prävalenz
Zahlreiche Studien beziffern die Prävalenz (Gesamtzahl der Fälle in der Bevölkerung) der
Anorexia nervosa bei
•
•
ca. 1% der Mädchen im Jugendalter und der jungen Frauen
ca. 0.1% der Knaben im Jugendalter sowie der jungen Männer
Als besonders gefährdet gelten 14-18-Jährige.
Die Bulimia nervosa ist mit
•
•
ca. 2-4% der weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen
ca. 0.5% der jungen Männer
häufiger anzutreffen.
für die Ess- und Brechsucht wird ein höheres Risikoalter beschrieben: 17-21-Jährig
Die Prävalenzraten für beide Formen der Essstörung lassen wesentliche Dunkelziffern vermuten.
www.netzwerk-essstoerungungen.ch
2.7 Ätiologie
Aufgrund des oben aufgezeigten Geschlechterverhältnisses von etwa 10:1 drängt sich die Frage
auf, warum so viele Frauen in schwierigen Lebensphasen wie z.B. der Pubertät betroffen sind. Bei
den männlichen Jugendlichen laufen die biologischen Veränderungen relativ langsam ab
(Entwicklung über ca. vier Jahre) und bringen diese dem männlichen Schönheitsideal (breite
Schultern, mehr Muskelmasse usw.) näher.
Bei den Mädchen verläuft die Pubertät relativ schnell und früh (7.5 bis 12 Jahren). Die
entstehenden physiologischen fraulichen Körperformen (Verbreiterung der Hüfte, Bildung von
Fettdepots) stehen in Diskrepanz zu dem in den Medien vermittelten, überschlanken
Schönheitsideal.
•
Die verzerrte Selbstwahrnehmung spiegelt sich auch in der Befragung weiblicher
Jugendlicher zu ihrem subjektiven Körpererleben wider: 44% der Befragten fühlen sich zu
dick, wobei nur die Hälfte davon objektiv als übergewichtig zu werten war.
•
Anders bei den jungen Männern, von denen sich nur 16% als zu dick empfanden, aber
tatsächlich 23% Übergewicht auf die Waage brachten.
Auffallend ist das gehäufte Vorkommen von gestörtem Essverhalten in „körperbewussten“
Gruppen, z.B. Tänzerinnen, Models, Läuferinnen. In diesen Gruppen wurden überproportional
viele Fälle von Anorexia nervosa entdeckt.
www.promente-jugend.at/xedaq/src/uploads/docs/443.pdf
14
Die Ursachen für das Auftreten einer Essstörung sind vielfältig und umfassen unter anderem:
•
genetische Prädisposition (v.a. für Anorexie und Übergewicht)
•
intrapsychische Faktoren:
Angst vor dem Erwachsenwerden, Angst vor Sexualität, reduziertes Selbstwertgefühl,
Hang zum Perfektionismus, Kontrollbedürfnis, hohes Leistungsideal
•
Ablösungs- und Abgrenzungskonflikte spielen eine Rolle. Gemäss Psychoanalyse lässt sich
die Anorexie als unbewusste Weigerung, eine erwachsene Frau zu werden oder zu sein,
interpretieren
•
familiäre Faktoren:
Trennungs-/Verlust-Erlebnisse, intrafamiliäre konfliktverdrängende Beziehungsstrukturen
Auffallend ist die familiäre Häufung von Essstörungen und Depressionen. Es sind rein
äusserlich geordnete Familienverhältnisse anzutreffen, aber verbunden mit übertriebener
Enge, dem Fehlen von offenen Auseinandersetzungen, eine überenge Vater-TochterBeziehung und eine mangelnde gegenseitige Abgrenzung sowie Konfliktverleugnung
können vorherrschen
•
Gewalterlebnisse, sexuelle und andere Traumata
Sexuelle Traumatisierung wird als spezifischer Risikofaktor in Frage gestellt, sexueller
Missbrauch soll ein Risikofaktor sein, aber keine ursächliche Variable
•
Soziokulturelle Einflüsse, z.B. Gesellschaftsnormen
•
Überforderungssituationen, Verlusterlebnisse, Hänseleien wegen Übergewicht
www.netzwerk-essstörungen.ch
www.neuro24.de
15
2.8 Psychodynamik
Anorektische Patientinnen zeigen entweder eher ein abweisendes Verhalten, das durch den
hohen Kontroll- und Perfektionsanspruch, den sie an sich und die Umwelt richten und durch die
Betonung ihrer Autonomie erzeugt wird, oder aber ein stark angepasstes Verhalten, das die
oben erwähnte Dynamik verbirgt. Die Kontaktaufnahme ist daher oft erschwert.
Psychophysiologische Prozesse des Hungerns führen, zumindest am Anfang, zu einem
Wohlgefühl und einer Steigerung des Selbstwertes, was eine tiefgreifende Krankheitseinsicht
verhindert.
Bei bulimischen Patientinnen findet man tendenziell eine freundliche und anpassungswillige
Haltung, die zunehmend im Gegensatz zu mangelnden Therapiefortschritten steht. Die Krankheit
spielt sich in der Regel in aller Heimlichkeit ab und wird nicht ohne weiteres preisgegeben.
Bei beiden Patientinnengruppen steht hinter der Krankheit ein grosser Mangel an Selbstwert, viel
Scham, welche es zu verstecken gilt. Darüber zu sprechen löst grosse Angst aus.
Eine Therapie wird oft wegen des Drucks von aussen oder aus psychosozialer Not angefangen.
Die massiven Ängste unter anderem vor der Gewichtszunahme, führen oft jedoch zu
Widerständen.
Die körperlichen Prozesse der Mangelernährung führen zu psychischen Folgeerscheinungen,
die Folge und nicht Ursache der Erkrankung sind:
•
•
•
•
•
dauerndes Denken an das Essen
Unruhe und Angetriebensein oder auch Adynamie
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen
reduzierte Problemlösungsfähigkeit
Depressivität
www.netzwerk-essstörungen.ch
16
2.9 Komplikationen bei Essstörungen
Anthropometrie:
Patientinnen mit Beginn einer Essstörung in der Adoleszenz
bleiben häufig in ihrem Längenwachstum zurück.
Herzfrequenz und Blutdruck:
Eine Bradykardie mit einer Herzfrequenz von unter 40 pro
Minute, eine Tachykardie mit einer Ruhefrequenz von über
110 pro Minute, ein Blutdruck von unter 90/60 mmHg, ein
Abfall des Blutdrucks von mehr als 20mmHg sind
Gefährdungsindikatoren und machen meist eine stationäre
Behandlung notwendig.
Körpertemperatur:
Die Patientinnen neigen zu einer Hypothermie, ein Viertel
aller haben weniger als 36,0°C.
Thorax:
Bei Anorexia nervosa besteht gehäuft ein
Mitralklappenprolaps (Vorwölbung der Mitralklappensegel in den
linken Vorhof des Herzens infolge Ueberdehnung).
Abdomen:
Häufig bei allen Formen der Essstörung sind Veränderungen
der gastrointestinalen Motilität, z.B. Obstipation,
Abdominalschmerzen, Malabsorption, Magenulcera.
Gefässstatus:
Häufig ist bei Anorexie eine Akrozyanose (blaurote
Verfärbung der Haut) zu beobachten.
Mundhöhle, Speicheldrüsen:
Insbesondere Patientinnen, die erbrechen, haben eine
grössere Häufigkeit von Zahnschäden und Vergrösserung
der Ohrspeicheldrüsen und Zungengrundspeicheldrüsen.
Hautoberfläche:
Trockene Haut, Haarverlust, Akne, Störungen der
Hauptpigmentierung, Gelbfärbung der Haut bei
Hyperkarotinämie, neurodermitische Veränderungen,
generalisierter Juckreiz und Hautinfektionen werden bei
allen Formen von Essstörungen beobachtet. Bei
untergewichtigen Personen besteht häufig LanugoBehaarung (Flaumhaar). Patientinnen, die Erbrechen
induzieren, können Schwielen am Handrücken aufweisen,
das sog. Russell-Zeichen. Auch Mundwinkelrhagaden,
trockene Lippen und Zungenbrennen sind Symptome.
Blutbild:
Bei etwa einem Drittel der anorektischen Patientinnen
besteht eine Leukopenie. Auch kann eine
Thrombozytopenie bestehen, häufig auch ein B12 und
Feritin- Mangel.
Elektrolyte:
Unter intensivem Erbrechen aber auch bei
Wiederernährung können rasche Veränderungen der
Elektrolytkonzentrationen auftreten: Hypokaliämie,
Hypophospatämie, Hypomagnesämie, Hypocalcämie.
Blutglukose:
Bei ausgeprägter Mangelernährung können
lebensbedrohliche Hypoglykämien auftreten.
17
Niere:
Aufgrund der verminderten Muskelmasse sind die
Konzentrationen von Kreatinin bei Anorexie oft im niedrigen
Referenzbereich. Chronische Hypokaliämie und
Laxanzienmissbrauch kann zu einem Nierenversagen
führen.
Leber:
Etwa 12% der Patientinnen weisen erhöhte Konzentrationen
von Leberenzymen auf.
Nebenniere:
Die Sekretion des Stresshormons Kortisol ist bei Anorexie
regelmässig gesteigert.
Schilddrüse:
Bei Anorexia nervosa bestehen regelmässig verminderte
Konzentrationen von Trijodthyronin (T3).
Sexualhormone:
Es finden sich verminderte Konzentrationen von Oestradiol,
Progesteron und LH.
Knochendichte:
Die Knochendichte ist bei Anorexie frühzeitig erheblich
vermindert.
Gehirn:
Häufige Befunde sind Erweiterungen der äusseren und
inneren Liquorräume. Magersüchtige bauen auch
Gehirnmasse ab. (s. Tages Anzeiger Artikel Juni 2010 Anhang)
Gesicht:
Beim ersten Kontakt mit einer essgestörten Patientin mit
Untergewicht mag vor allem die veränderte
Gesichtsphysiognomie auffallen: Der Schwund der
Bichatschen Fettpfropfen führt zu prominenten Jochbeinen
und Orbitalbögen und zu einer ausgeprägten
Nasolabialfalte.
Schweiger Ulrich, Handbuch Essstörungen 2008
Prominente Jochbeine bei der Schauspielerin Isabelle Caro.
Sie posierte 2007 für eine Kampagne gegen Magersucht. (Foto: dpa)
18
2.10 Komorbidität von Anorexie und Bulimie
Der Begriff Komorbidität bezeichnet das Vorkommen von zwei oder mehr diagnostisch
unterschiedlichen Krankheiten beim gleichen Patienten. Diese Krankheiten müssen nicht
unbedingt in einem ursächlichen Zusammenhang zueinander stehen. Sowohl bei Anorexie als
auch bei Bulimie sind solche komorbiden Störungen häufig vorhanden.
•
Depressive Verstimmungen kommen in 50-75% aller Patientinnen mit Anorexie und
Bulimie vor und ist die häufigste komorbide Störung bei Patientinnen mit Anorexia
nervosa.
•
Eine Reihe von Patientinnen mit Anorexie zeigen zwanghafte Züge, beziehungsweise
Zwangssymptome. Sie sind bei vielen Patientinnen schon vor der Entstehung der
Essstörung vorhanden. Auch Angststörungen treten bei Essstörungen häufig auf.
•
Eine erhebliche Anzahl von Patientinnen mit Bulimie scheint eine Neigung zum
Missbrauch von Alkohol und anderen Substanzen zu haben (bis 37%).
•
Die Kombination einer Essstörung mit einer Persönlichkeitsstörung kommt oft vor.
Insbesondere wurden Verbindungen zwischen Bulimie und BorderlinePersönlichkeitsstörungen gefunden.
•
Selbstverletzendes Verhalten ist ein häufiges Problemverhalten bei essgestörten
Frauen: jede vierte Patientin ist davon betroffen. Jede zweite Betroffene berichtet,
dass die Selbstverletzungen keine Schmerzen verursachen. Die meisten schätzen ihre
Verletzungen als leicht ein und geben an, sich danach besser zu fühlen. Als häufigste
Gründe werden genannt: Wut und Spannung abbauen, körperlichen statt seelischen
Schmerz spüren, sich bestrafen oder Gedanken stoppen.
•
Bulimische Essstörungen treten gehäuft im Zusammenhang mit einem Diabetes
mellitus Typ I oder anderen, eine Diät erfordernden Stoffwechselstörung auf.
www.netzwerk-essstörungen.ch
2.11 Therapie
•
Eine Essstörung ist eine sehr ernst zunehmende, psychosomatische Erkrankung, die
unbedingt einer Behandlung bedarf.
•
Es ist notwendig, Patientinnen mit einer Essstörung so frühzeitig wie möglich zu
behandeln, da die Dauer der Erkrankung ein prognostisch negativer Faktor ist.
•
Jeder Betroffene ist somatisch (BMI, Blutdruck, Gynäkologische Untersuchung,
Blutbild, Knochendichtemessung usw.) abzuklären und zu begleiten.
•
Das Essverhalten muss bei Anorexia nervosa schrittweise aufgebaut werden. Bei
Bulimia nervosa sind regelmässige Mahlzeiten sowie eine ausgewogene Ernährung
rasch möglichst einzuführen.
•
Die Angst vor der Gewichtszunahme und die realen Schwierigkeiten, wenn der
Organismus wieder regelmässig ernährt wird, sind nicht zu unterschätzen. Es stellen
sich Verstopfung, Blähungen und schlecht ertragenes Völlegefühl ein.
www.netzwerk-essstörungen.ch
In den meisten Städten gibt es Abklärungsstellen oder Spezialsprechstunden, wo man sich über
therapeutische Möglichkeiten im Umkreis der Betroffenen informieren lassen kann.
(siehe www.netzwerk-essstörung.ch)
19
Die Therapie der Essstörung ist multimodal und besteht im Wesentlichen aus vier Bausteinen:
1. Somatische Rehabilitation und Ernährungstherapie
2. Individuelle psychotherapeutische Behandlung
3. Einbeziehung der Familie
4. Behandlung der Komorbidität
Es fehlt bis heute die Evidenz dafür, welche therapeutischen Methoden am wirksamsten sind, so
werden die klassischen psychotherapeutischen Ansätze durch andere therapeutischen
Verfahren wie Körperwahrnehmungs- und Bewegungstherapie, Tanz-, Musik- und
Kunsttherapien, Psychodrama, Ergotherapie, Massage und Physiotherapie ergänzt.
Die Medikamentöse Behandlung:
Weder Antidepressiva noch Antipsychotika zeigten einen Effekt bei adoleszenten AnorexiePatientinnen. Antidepressiva werden vor allem in Erwägung gezogen bei der Anorexie
vorausgegangener und persistierender Depression.
Die ambulante Therapie:
Je nach Schweregrad der Erkrankung sowie therapeutischem Konzept wird in der ambulanten
Therapie meist eine interdisziplinäre Betreuung empfohlen, bei welcher die psychischen wie
körperlichen Aspekte der Essstörung berücksichtigt werden.
Die stationäre Therapie:
Reicht eine ambulante Behandlung aufgrund des Schweregrades, Chronizität oder Komplexität
der Symptomatik nicht aus, wird eine tagesklinische oder stationäre Therapie erforderlich sein.
Bei der Anorexia nervosa ist aufgrund der körperlichen Gefährdung am häufigsten eine
stationäre Behandlung indiziert, in manchen Fällen auch primär als Einstieg in einen
längerfristigen Therapieprozess.
Das Hauptziel stationärer Behandlung ist zunächst eine körperliche Stabilisierung, die bei der
Anorexie eine ausreichende Gewichtszunahme beinhaltet, bei der Bulimie eine Reduktion
selbstinduzierten Erbrechens bzw. eines Abführmittelmissbrauchs.
www.netzwerk-essstörungen.ch
20
2.12 Verlauf und Prognose
Die Anorexia nervosa beginnt typischerweise im mittleren Teenageralter. Oft steht am Anfang
eine Essrestriktion im Rahmen einer Diät, die zunehmend ausser Kontrolle gerät.
In einigen Fällen ist der Verlauf kurz und selbstlimitierend. Bei Anderen zieht sich die Störung über
Jahre und erfordert ein breites Spektrum an Behandlungsbemühungen. Insgesamt zeichnet sich
in den letzten Jahren, zumindest bei jüngeren Patientinnen, ein günstigerer Heilungserfolg, ab. In
25% der Fälle wird der Verlauf jedoch chronisch mit persistierender somatischer und psychischer
Beeinträchtigung und zeigt trotz weitergehender Therapien kaum positive Veränderungen.
Häufig gibt es einen Wechsel vom restriktiven Essverhalten zu Fressattacken. In bis zur Hälfte der
Fälle wird ein Übergang von der Anorexia nervosa zur Bulimia nervosa beschrieben.
Als günstige Prognosefaktoren erweisen sich
•
•
ein frühes Erkrankungsalter, sowie
eine kurze Krankheitsdauer vor Therapiebeginn
Als ungünstige Prognosefaktoren erweisen sich
•
•
•
eine lange Vorgeschichte ohne Behandlung
ein ausgeprägter Gewichtsverlust vor der Behandlung, sowie
bestehende Ess-Brech-Attacken
Erfreulicherweise konnte die Mortalitätsrate in den letzten Jahren gesenkt werden. Die meisten
Todesfälle sind direkte Folge medizinischer Komplikationen oder geschehen durch Suizid.
Von vollständiger Genesung wird bei Anorexie gesprochen bei Wiedererlangen eines
ausgewogenen und unbeschwerten Essverhaltens und dem Erreichen eines gesunden
Gewichtsbereichs (in der Regel korrelierend mit einem BMI von 18.5) und mit dem
Wiedereinsetzen von regelmässigen, spontanen Menstruationsblutungen.
Das Erstmanifestationsalter der Bulimia nervosa ist im Vergleich zur Anorexie höher. Die
Behandlung findet meist erst nach längerem Krankheitsverlauf in der zweiten oder dritten
Lebensdekade statt. Als prognostisch ungünstiger Faktor gilt auch hier eine längere
Krankheitsdauer vor Behandlungsbeginn. Die dokumentierte Mortalität ist deutlich niedriger als
bei der Anorexie, es muss jedoch wegen des meist normalen Gewichts mit einer erhöhten
Dunkelziffer gerechnet werden.
Therapieverläufe bei Frauen mit chronischen Essstörungen sind kaum vorhersehbar. Erfahrene
Praktiker weisen darauf hin, dass ehemals sehr schwierige, scheinbar hoffnungslose Fälle auch
noch nach vielen Jahren einen positiven Verlauf nehmen können.
Zipfel Stephan, Löwe Bernd, Herzog Wolfgang, Quadflieg Norbert, Fichter Manfred, Handbuch Essstörungen 2008
21
2.13 Prävention
Die langfristigen direkten oder indirekten Kosten die in der Schweiz auf Mangel- und
Fehlernährung zurückgeführt werden können, belaufen sie auf mehrere Milliarden.
„Je früher eine Essstörung erkannt und/oder behandelt werden kann, desto grösser ist die
Chance einer weitgehenden Wiederherstellung des gesunden Zustandes oder eines
frühzeitigen Ausstiegs aus dem Teufelskreis.“
Zwei grundlegende Zielrichtungen sind zu verfolgen:
•
Verringerung der ungünstigen sozialen Einflüsse: gesetzgeberische Initiativen gegen
Werbung mit überschlanken Körperidealen, öffentliche und private Kritik gegenüber
Radikaldiäten
•
Stärkung der Persönlichkeit: Identitätsbildung und –festigung, Erhöhung der
Selbstakzeptanz und des Selbstwertes, Entscheidungs- Konfliktfähigkeit. Integration
dieser Themen im schulischen Unterricht und der Jugendarbeit
Um eine Essstörung zu verhindern oder deren Verlauf abzukürzen, ist es wichtig:
•
Kinder und Jugendliche zu stärken und ihnen das Gefühl für ihre eigenen Fähigkeiten
und Talente zu geben
•
ihnen ein positives Gefühl für ihren Körper zu vermitteln
•
ihnen zu helfen, ein natürliches Gefühl für Hunger und Sättigung zu entwickeln
•
das herrschende Schönheitsideal zu hinterfragen und Mädchen und Jungen ein
kritisches Medienbewusstsein zu vermitteln
•
Aufklärungsarbeit zu leisten und über die Sinnlosigkeit von Diäten und die
Auswirkungen auf den Körper aufzuzeigen
Der Zusammenhang zwischen familiären Beziehungen und Essstörungen kann inzwischen als
gesichert gelten:
•
Beziehungen insgesamt: Werden Familien als wenig funktional erlebt, werden auch
Atmosphäre und Stellenwert gemeinsamer Mahlzeiten als negativ gesehen
•
Organisation und Zusammenhalt: Familien Esssgestörter sind oft schlecht organisiert.
Der Zusammenhalt ist beeinträchtigt
•
Essstörungen gehen mit Ablösungsproblemen einher. Familien essgestörter
Patientinnen ermutigen deren Unabhängigkeit weniger als die von
Vergleichsgruppen. Sie üben mehr Kontrolle aus und binden dann, wenn eigentlich
zur Autonomie ermutigt werden sollte
•
Kommunikation: Die Eltern setzen die Probleme ihrer Kinder in ihrer Bedeutung herab
oder sind unwillig, sie wahrzunehmen
vgl: www.netzwerk-essstörungen.ch
Karwautz Andreas, Wagner Gudrun, Handbuch Essstörungen 2008
22
3. Naturheilkundlich energetische Aspekte
Heute behandeln viele Menschen den eigenen Körper, manchmal auch als Folge von Gewalt
und Abwertung, nur noch als Objekt. Was passiert mit dem Körper, wenn wir ihn bewusster
wahrnehmen können, wenn wir ihn bewegen, berühren - vielleicht mit einer Massage berühren?
3.1 Im Körper zu Hause
„Was bewegt Sie, sich mit Ihrer Körperwahrnehmung befassen zu wollen?“
„Warum lassen Sie sich auf körpertherapeutische Prozesse ein?“
frage ich meine betroffenen Frauen mit einer Essstörung, die zu mir in die Praxis kommen.
Einige Antworten:
•
Ich möchte mich akzeptieren, mich nicht mehr hassen, mich in meinem Körper zu Hause
fühlen, nicht immer mit dem Kopf bestimmen, was mein Körper machen soll.
•
Ich möchte mich mit meinem Körper versöhnen.
•
Ich möchte überhaupt erfahren, dass ich etwas spüren kann und darf.
•
Ich möchte merken, was ich will, was mir guttut und was nicht. Ich möchte mich nicht
ständig mit anderen vergleichen.
•
Manchmal stehe ich wie neben mir, fühle mich fremd und leer. Mein Körper gehört nicht
zu mir.
Die Antworten beziehen sich meist auf eine innere Not und die Sehnsucht nach Wertschätzung.
Aber wie kann eine verlorene oder nie da gewesene Selbstakzeptanz erreicht werden?
Wahrscheinlich ist es ein bedingungsloses Geschenk, ein JA dem eigenen Wesen gegenüber mit
all seinen Brüchen und Widersprüchen, einer Überzeugung, dass grundsätzlich jeder Mensch auf
dieser Erde willkommen ist. Wesentlich tragen die Verhaltensmuster unserer Kindheit in unserem
Elternhaus, mit den Eltern, Geschwistern und Verwandten dazu bei, mit welchen Werten und
Vertrauen wir uns auf den weiteren Weg begeben können. Selbstakzeptanz heisst auch, jene
Seiten wertfrei an sich wahrzunehmen, die man nicht mag oder verändern möchte.
Selbstakzeptanz ist nicht der Preis für eine besondere Leistung (und dieser rennen
Esstörungspatientinnen hinterher). Sie ist keine Auszeichnung dafür, dass ich mich richtig
verhalten habe. Nach unseren gesellschaftlichen Normen ist ein Mensch umso wertvoller, je
mental stärker und leistungsfähiger er ist. Nach dem Preis für die scheinbare Stärke wird nicht
gefragt. Betroffene verstricken sich mit Disziplin und übertriebener Kontrolle (Diäten, exzessives
Essen, Missbrauch von suchterzeugenden Substanzen) in einen Teufelskreis. Wenn wir uns von
unserem Körper abwenden, entfernen wir uns von Empfindungen und Gefühlen wie Trauer, Wut
oder Enttäuschungen, die uns als bedrohlich erscheinen. Wir sind nicht mehr mit dem Selbst in
Berührung, um zu vermeiden, dass Geschehenes um uns herum uns trifft oder angreift. Dies ist
eine schützende Reaktion auf emotionale und physische Überforderungen. Die feinen Zeichen
des Körpers werden überdeckt, Betroffene flüchten so meistens unbewusst vor den seelischen
Schmerzen.
Unser Gehirn empfängt so viele Informationen, dass es ihm nicht möglich ist, alles abzuspeichern.
Unter normalen Bedingungen, ohne Stress, Flucht oder Angst, prasseln von unseren fünf Sinnen
gemeinsam ca. 100 Milliarden Informationen pro Sekunde auf unser Gehirn ein. Das Gehirn
verarbeitet die Daten und kanalisiert die Informationen in den Körper und lässt so Emotionen
entstehen. Diese Somatisierung, das Absteigen von Emotionen in den Körper, v.a. in unsere
Organe, ist sozusagen der Abfluss für das Zuviel an Emotionen. Eine „vernünftige“ Somatisierung
ist ein begrüssenswertes Phänomen und hält uns geistig gesund.
Egli Rahel, Beyeler Ronny, Diplomarbeit Die Seele durch unsere Organe 2008
23
Es sind vor allem unsere Organe, die mit unseren Emotionen verknüpft sind und entsprechende
Reaktionen auf diese zeigen. Sie sind äusserst empfänglich für unsere Gemütsbewegungen und
Gefühle. Die Reaktionen reichen von Erbrechen, Magenbrennen, Schulterschmerzen bis zu
schwereren Erkrankungen.
Bei allen meinen Patientinnen konnte ich solche Funktionsstörungen der Eingeweide
beobachten, bei mehreren Bulimie-Patientinnen waren diese auf den Bezugszonen der Leber
und Gallenblase zu finden. Diesem Funktionskreis werden nach Traditioneller Chinesischer
Medizin u.a. die Emotionen Wut, Ärger, Gewalt und Zerstörung zugeordnet. Ess- und
Brechattacken, Abführmittel, selbst zugeführte Schmerzen, all diese selbstzerstörerischen
Handlungen stehen für mich sehr eng in Verbindung mit diesen Emotionen.
Bei den anorektischen Patientinnen war meistens der Nieren-Blase-Funktionskreis auffällig. Dieser
reguliert in erster Linie die Funktionen des Urogenitaltraktes. Im Mittelpunkt stehen diejenigen
Organe, die die Arterhaltung und damit die Kontinuität sichern. In diesen Körperorganen und
Funktionen erfährt der Mensch seine Leiblichkeit am stärksten. Hier steckt das Urvertrauen, die
Urkraft, die angeborene Ur-Energie (TCM). Gibt es hier einen Zusammenhang mit dem nicht
vorhandenen Selbstwert und nicht erlebten Selbstakzeptanz?
Dem Funktionskreis Nieren-Blase wird Angst, Schreck, Starre zugeordnet. Was „an die Nieren
geht“, geht tief in den Leib, durchdringt Mark und Bein, ein erlittener Schock. AnorexieBetroffene wirken oft sehr starr, ängstlich und manchmal steht ihnen der Schreck wahrhaftig ins
Gesicht geschrieben. Sie sind bleich und strahlen eine Melancholie aus.
Das Gesicht spiegelt den Ausdruck der körperlichen und seelischen Situation über die Haut
(Ferronato Natale, Praxis der Pathophysiognomik, 2008) und so ist bei meinen Anorexie-Patientinnen eine
Dunkelfärbung unterhalb der Augen zu beobachten. Bei starker körperlicher und seelischer
Belastung verfärbt sich dieser Bereich, der dem Parasympathikus zugeordnet ist, dunkel, er wirkt
oft fast schwarz. Spannenderweise findet sich dort das Urogenitalsystem mit Nieren und Blase
wieder.
Ferronato Natale, Praxis der Pathophysiognomik 2008
24
3.2 Das Trugbild des idealen Körpers
Die meisten Menschen, die an einer Essstörung leiden sind innerlich stark verunsichert. Sie
fürchten und verdrängen intensive Gefühle wie Trauer, Enttäuschung, Wut, aber auch Freude,
weil sie glauben, sie nicht ertragen zu können. Sie flüchten vor seelischem Schmerz oft
unbewusst. Stattdessen empfinden sie Leere, innere Anspannung und Angst. Um sich zu
beruhigen, konstruieren sie sich einen Traum vom Leben mit einem idealen Körper.
Unabhängig vom Körpergewicht lautet die Erklärung: „Ich bin zu dick, daher geht es mir
schlecht, wenn ich schlanker wäre, würde ich mich akzeptieren und wäre glücklicher.“
Mit Disziplin und Strenge versuchen sie, dem Trugbild des idealen Körpers ähnlicher zu werden.
Das leidvolle Suchtverhalten beruhigt paradoxerweise kurzfristig.
Das Auffällige dabei sei, dass sich zwar der Geist kurzfristig beruhigt, nicht aber der Körper.
(Caldwell Christine, Hol Dir Deinen Körper zurück 1997). Der Körper rebelliert und sendet stärkere Signale, um sich
Gehör zu verschaffen. Doch die Betroffenen möchten die Kontrolle behalten. Sie vermeiden alle
Gedanken darüber, wie sie sich fühlen. Körperliche Empfindungen werden betäubt oder durch
stärkere Impulse verdrängt: Exzessives Essen, Medikamentenmissbrauch, Hunger, selbst
zugeführte Schmerzen können subtilere Empfindungen überdecken.
Das Leben scheint weniger bedrohlich, wenn alle Anstrengungen sich auf drei überschaubare
Themen richten:
Essverhalten, Gewicht, Figur
Konflikte ausserhalb dieses Themenkreises und die damit verbundenen sozialen und emotionalen
Herausforderungen werden vermieden. Das kontrollierende Verhalten schwächt die
sensorischen Empfindungen im Körper. So können physische und psychische Warnsignale nicht
wahrgenommen werden und die Trennung zwischen dem als fremd empfundenen Körper und
dem starken, entschlossenen Geist bleibt aufrechterhalten.
3.3 Körperschema, Körperbild - und was diese mit dem Tastsinn zu tun haben
Sprechen Fachpersonen über Essstörungen, wird oft die sogenannte Körperschemastörung als
Symptom erwähnt. Der Begriff bezeichnet die falsche Einschätzung der Körperdimensionen.
Betroffene fühlen sich zu dick, obwohl sie objektiv untergewichtig sind. Mittels Schattenrissen,
Videos von Körperformen und Spiegelbildern wurde in den 80er Jahren erforscht, wie Männer
und Frauen mit und ohne Essstörung ihre Körperdimensionen einschätzen.
Diese Studien zeigten, dass Überschätzung wie auch die Unterschätzung der eigenen
Körperdimensionen KEIN Charakteristikum für Menschen mit einer Essstörung ist. Nicht an einer
Essstörung erkrankte Frauen überschätzen ihre Körperdimensionen genauso häufig wie solche,
die davon betroffen sind (Forster Julia, Körperzufriedenheit und Körpertherapie bei essgestörten
Frauen). Es ist fraglich, ob das mangelnde Körperempfinden ein kulturelles Phänomen ist. Viele
sogenannte Gesunde verfügen über eine ebenso mangelnde Körperwahrnehmung wie
Menschen mit einer Essstörung. Das zumindest erfahre ich immer wieder auch von meinen
Massagepatienten.
Die Forschung zeigt, je zufriedener jemand mit seinem Körper ist, desto höher ist auch der
Selbstwert dieser Person.
Rytz Thea, Bei sich und in Kontakt 2007
Die Zufriedenheit mit dem äusseren Erscheinungsbild geht mit besseren Beziehungen und mit
weniger sozialen und emotionalen Problemen einher.
Brunner Romuald, Resch Franz, Handbuch Essstörungen 2008
25
Aber wie kommen wir zu unserer Vorstellung von uns selbst, wie wir sind?
Dazu habe ich einen spannenden Artikel des Psychologen Martin Grunwald, Leiter des
Haptiklabors der Universität Freiburg gefunden.
Er schreibt zum Thema Tastsinn:
„Unsere Vorstellung von der stofflichen Beschaffenheit der Welt verdanken wir wesentlich dem
Tastsinn.“
Wie realitätsfern dieser sein kann, stellte Grunwald fest, als er Probanden verschiedene
Relieftafeln ertasten liess, um die wahrgenommenen Formen danach aufzuzeichnen. Unter den
meist perfekt nachgezeichneten Figuren entdeckte er eine völlig missratene Serie. Sie stammte
von einer magersüchtigen Frau; sie wog bei 176cm Körpergrösse 30 kg und empfand sich selbst
als fett.
Eine darauffolgende Reihe von Versuchen bei mehreren schweren Anorexie-Patientinnen
belegte, dass bei schwerer Magersucht nicht nur die Selbstwahrnehmung gestört ist, sondern der
Tastsinn allgemein. Er vermutet, dass der rechte Parietalcortex die körpereigenen Informationen
nicht richtig verarbeitet.
Auf der Suche nach einer Methode, der jungen Frau zu helfen, kam Grunwald auf die Idee, die
19-Jährige Langzeitpatientin für die Dauer von 15 Wochen dreimal täglich eine Stunde lang in
einen hautengen Neoprenanzug zu stecken. Auf ihre Körperoberfläche sollte konstant starker
Druck ausgeübt werden, so dass sich das Druckempfinden bei jeder Bewegung änderte. Auf
diese Weise erhielt das Gehirn Informationen, wo genau der Körper zu Ende ist, wo sich die
Gelenke befinden usw. Tatsächlich zeigte die Messung der Hirnströme mit der Zeit Aktivität im
rechten Parietalcortex, wo vor dem Experiment Ruhe herrschte. Die Wahrnehmungsleistungen
der Patientin verbesserten sich, ihre Körpertemperatur stieg, sie nahm Gewicht zu. Sie sagte aus,
dass sie seit Jahren zum ersten Mal wieder Wärme und Kälte auf ihrer Haut spüre. Als das
Experiment beendet war, rutschte die Frau wieder in die Magersucht zurück, es reichte nicht aus,
um das in 15 Jahren entstandene Schema zu überlagern.
Bereits in der achten Schwangerschaftswoche nimmt der Tastsinn den Dienst auf. Riechen, hören
und schmecken kann der Fötus erst im letzten Drittel der Schwangerschaft. „Die erste geistige
Grosstat die wir als Zellklumpen unternehmen, besteht darin zu begreifen: Hier bin ich, dort
beginnt die Umwelt.“ sagt Grunwald. „Nur das Bewusstsein für Innen und Aussen schützt uns, den
eigenen Zeh zu fressen.“ Ein hochgigantisches und hochsensibles Netzwerk aus vielen Millionen
Sensoren gibt permanent Auskunft über äussere Reize wie Druck, Vibration, Kälte, Wärme,
Dehnung, Schmerz. Die Rezeptoren sitzen in der Haut, Gelenken, Muskeln, Sehnen. Und weil
diese Sensoren auch in Muskeln, Gelenken und Sehnen sitzen, ist für Grundwald Bewegung
essentiell für die Entwicklung des Tastsinns.
www.haptik-labor.de
26
3.4 Berührungen
Es ist der Tastsinn, der die Wahrnehmung leitet. Er wurde jahrelang als niederer Sinn gewertet.
Wahrscheinlich ist es seine Nähe zur Sexualität, der ihn „verdächtig“ macht. Jede Kultur und
jeder Mensch hat seine eigene Regel für den Umgang mit Berührungen. Im südostasiatischen
Raum z.B. sollte man einem Kind nicht über den Kopf streichen: Es verletzt seine Seele.
Es gibt kaum eine Berührung die belanglos ist. So bekamen Kellnerinnen in einem Experiment
mehr Trinkgeld, wenn sie den Gast flüchtig berührten. Zweimal ein leichtes Streifen mit den
Fingern über die Hand des Gastes brachten im Schnitt 37% mehr Trinkgeld ein.
Jedesmal wenn sich jemand das Haar hinters Ohr streicht oder an die Nasenspitze fasst,
verändern sich die Hirnströme in bestimmten Bereichen, was darauf hindeutet, dass sich der
Mensch zum einen beruhige und zum anderen seine Konzentration wachruft. In den 60er Jahren
haben Affen-Experimente deutlich gemacht, dass Primatenbabies zugrunde gehen, wenn man
sie nicht berührt. Berührung bedeutet in Kontakt sein mit der Welt "da draussen", aber auch mit
unseren "inneren Welten", unseren Empfindungen, Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen. Jeder
Mensch braucht Berührung. Sie ist ein Grundbedürfnis wie das Atmen, unsere Nahrung und das
Wasser.
Der US-Forscher und Pharmakologe Saul Schanberg erklärt dazu: "Die Berührung ist 10 mal
intensiver, als der verbale oder emotionale Kontakt. Kein anderes Sinnesorgan stimuliert uns so
sehr, wie der Fühl- oder Tastsinn. Dafür gibt es eine biologische Grundlage: Wenn sich die
Berührung nicht gut anfühlte, gäbe es keine Artenvielfalt, keine Eltern, kein Überleben. Wenn uns
das Berühren und Erkunden des anderen nicht gefiele, gäbe es keine Sexualität.
„Berührung ist nicht nur ein grundlegendes Bedürfnis, sondern der Schlüssel
für das Überleben unserer Art.“
www.focus.de/gesundheit/news/medizin-1-archivdokument-2-teile-haut-sache-liebe_aid_164085.html
Die Wirkung von Hautkontakten auf unser System wird seit mehr als 15 Jahren vom Touch
Research Institute in Miami untersucht. In über 100 Studien wurde die Wirkung von Berührung und
insbesondere von regelmässiger Massage auf Beschwerden und Krankheiten wie PMS, Migräne,
Asthma, Diabetes, Krebs, usw. untersucht. Das Ergebnis:
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reduziert Schmerzen signifikant
verbessert die Immunabwehr
produziert vermehrt natürlichen Killerzellen
das Stress Hormon Cortisol nimmt ab
die Vagusaktivität nimmt zu
verlangsamt den Herzschlag, positive EEG-Veränderungen
senkt den Blutdruck
steigert die Konzentration
baut Stress besser ab, weniger Ängste und mehr Lebensqualität
Berührungsmangel führt zu einem Abfall des Serotoninspiegels, während Dopamin- und
Testosteronspiegel ansteigen. Das Ergebnis sind Aggressionen.
27
Berührungen wirken nicht nur auf der bio-chemischen, sondern auch auf der mechanischfunktionalen Ebene. So verbessert Massage:
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die Funktion der Haut und des gesamten Gewebes
sie beeinflusst den Muskeltonus
sie beeinflusst den Zustand der Faszien, Sehnen und Bänder
Verklebungen zwischen den Gewebeschichten können gelöst werden
die Durchblutung und Lymphdrainage verbessern sich insgesamt
die im Gewebe gespeicherten Abfallprodukte können ausgeschwemmt werden
www6.miami.edu/touch-research/
Wellness Angebote boomen. Heute gibt es kaum noch eine Hotel-Buchung ohne die Angebote
der Bäder und Massagen in Anspruch zu nehmen. Der englische Psychologe Charles Spence
spricht von einer berührungshungrigen Generation, die durch die Vereinzelung der Individuen,
künstliche Arbeitswelten und fehlende Naturerlebnisse mittlerweile ein grosses Defizit an taktilen
Erfahrungen haben.
Das Bedürfnis nach Berührung gab es wahrscheinlich schon immer. Berührung bedarf der Muse,
diese fehlt vielen Menschen. Im Alltag fällt es oft schwer, auf berührungsbereit umzustellen.
Wenn aber, wie für eine Massage ein bestimmter Ort aufgesucht wird, gelingt das Umschalten
leichter.
www.nzzfolio.ch/.../74b5eae1-59a0-49fa-a12d-612ccfb9ce04.aspx -
Was bedeutet Berührung?
Was heisst es eigentlich, "in Berührung" zu sein, sich berühren zu lassen oder berührt zu werden?
Lasse ich mich nur äusserlich berühren, oder berührt mich etwas auch innerlich? Rührt es mich
an? Berührt, d.h. bewegt es mich? Und haben wir nicht alle auch etwas Angst vor Bewegung,
vor Veränderung im Leben, vor dem Ungewissen?
Wann fühlt sich mein Herz berührt, wann meine Seele? Kann und will ich es überhaupt zulassen,
dass mich Jemand berührt? Wie berührbar bin ich selbst? Kann ich es wirklich geniessen, kann
ich mich dieser Berührung hingeben, oder macht sie mir Angst? Wo werde ich gerne berührt
und wo fühlt es sich unangenehm an? Wie fühlt sich die Berührung von einem Mann an, wie die
von einer Frau? Wie ist es, von einem Fremden berührt zu werden, wie von meinem
Liebespartner?
Und so findet sich inmitten all dieser Fragen ein ganz grosses Bedürfnis, eine Sehnsucht nach
Nähe, nach Verbundenheit.
28
3.5 Achtsamkeit
Achtsamkeit ist nicht nur für mich als Therapeutin, wo ich diese Fähigkeit verkörpern sollte,
wichtig, sondern überhaupt möchte ich mich auf meinem Lebensweg achtsam auf einen
stetigen Prozess der eigenen Entwicklung einlassen.
Was ist Achtsamkeit?
Wer achtsam ist trägt Sorge, für sich und andere, sucht nach einer respektvollen Haltung, ist
innerlich hellwach, hellhörig, weil eine bestimmte Situation Aufmerksamkeit verlangt. Wer
achtsam ist, ist innerlich anwesend, schafft Raum in sich, um wahrzunehmen, um sich zu
sammeln und zur Ruhe zu kommen.
Christine Caldwell, Körpertherapeutin und Leiterin für Somatische Psychologie umschreibt
Achtsamkeit folgendermassen:
„Achtsamkeit ist eine Bündelung der Aufmerksamkeit, ein Sich-Einlassen auf den Moment der
Gegenwart, die Wachsamkeit im Augenblick.“
Die Fähigkeit, aufmerksam wahrzunehmen, acht zu geben, braucht die Voraussetzung, die
innere Bereitschaft, mit all den zur Verfügung stehenden Sinnen sich immer wieder dem
bewussten Wahrnehmen zuzuwenden.
Caldwell, Christine, Hol dir deinen Körper zurück 1997
29
4. Praktischer Teil
Erfreulicherweise waren die von mir angeschriebenen Psychologen vom Zentrum für Menschen
mit Essstörungen und vom Kompetenzzentrum für Essstörungen in Zürich begeistert von der Idee,
ihren seit Jahren betreuten Essstörungs-Patientinnen körpertherapeutische Behandlungen in
Form von Massage, Fussreflexzonentherapie und manueller Lymphdrainage anzubieten. Es
meldeten sich einige interessierte Frauen, die vom von meinem Angebot erfuhren, sie zunächst
einmal während 9 - 12 Behandlungen zu begleiten.
4.1 Einleitung
Als ich mich im letzten Herbst damit befasste, das Thema dieser Diplomarbeit zu wählen, war ich
zunächst skeptisch, ob es überhaupt möglich sei, Probandinnen für die Behandlungen zu
gewinnen. Die herkömmliche Therapie sieht je nach Patientin verschiedene
psychotherapeutische Methoden vor, dazu Ernährungsberatung, ergänzt durch andere
therapeutische Verfahren wie Körperwahrnehmungs- und Bewegungstherapie, Kreative
Therapien (Tanz-, Musik- und Kunsttherapie, Psychodrama), Ergotherapie, Massage- und
Physiotherapie. Weder die angefragten Kliniken und Psychologen, noch die EssstörungsPatientinnen konnten mir ihre Erfahrungen mit Massage-Therapien mitteilen, weil sie, wie ich
feststellen konnte, in Wirklichkeit KEINE Erfahrung damit hatten.
4.2 Manuell-energetische Behandlungen
Hier möchte ich die von mir in der Praxis angewandten manuellen Behandlungstechniken
vorstellen und einige aufgetretene Wirkungen, Reaktionen und Befindlichkeiten aufzeigen:
Med. klassische Massage:
Zu den wichtigsten Wirkungen einer Massage zählen die Tiefenentspannung, die
Schmerzlinderung und die lokale Steigerung der Durchblutung, wodurch der Stoffwechsel
angeregt wird. Verspannungen und Verklebungen können gelockert und gelöst werden. Da die
physische Entspannung mit einer psychischen einher geht, bewirkt eine Massage eine Reduktion
von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin und eine Absenkung von Blutdruck und
Kolster Bernard C, Wirkprinzipen der Massage 2006
Pulsfrequenz.
Fast alle Patientinnen kamen zu Beginn der Behandlungsphase mit teilweise starken Rückenoder Nackenbeschwerden, durch welche sie in ihrem Alltag beeinträchtigt waren oder ihnen
den Schlaf raubte. Die klassische Massage bot sich so auch als guter Einstieg ins gegenseitige
Kennenlernen an. Den Rücken massiert zu bekommen empfanden die Patientinnen als
schmerzlindernd und entspannend und konnten diesbezüglich schnell Linderung erfahren.
Meine Intensionen galten nicht nur den verspannten, schmerzhaften und verhärteten
Körperregionen, ich setzte auch an den organzugehörigen Zonen (Head-Zonen) verschiede
Reize. Meine Massagegriffe sollen sedierend wirken, manchmal war es angebracht, eine ganze
Weile auf einer gewissen Zone zu verharren, der Patientin die Möglichkeit zu geben, ihren Atem
in dieser behandelnden Region zu spüren oder zu versuchen, sich vielleicht sogar ins Organ
hineinzuversetzen. Das waren anfangs für die Meisten etwas ungewöhnliche Vorschläge. Ich
wollte den Patientinnen auch immer wieder die Möglichkeit geben, beispielsweise thermische
Unterschiede an ihrem Körper wahrzunehmen: wie fühlen sich die verschiedenen Massagegriffe
an den verschiedenen Körperregionen an? Wo wirken diese besonders angenehm, wo
unangenehm? Wo erzeugen diese eine vegetative Reaktion wie Hühnerhaut, Husten,
Schweissausbruch?
30
Fussreflexzonenmassage:
Die Fussreflexzonenmassage basiert auf einer alten Entdeckung, wonach das Massieren
des Fusses nicht nur diesen beeinflusst, sondern auf andere, weitergelegene Körperteile
und Organe einwirkt und die Regeneration des Körpers als Ganzes ermöglichen kann.
Die Chinesen und Indianer betrachteten den Fuss schon vor Jahrtausenden als einen
Spiegel des Körpers. Ein wichtiger Teil ist das Erkennen der Krankheitsursache. Ein sorgfältiges
Analysieren zeigt, welche seelischen Disharmonien sich hinter dem körperlichen Unbehagen
oder in einer organischen Krankheit manifestieren.
Marquardt Hanne, Praktisches Lehrbuch der Reflexzonentherapie am Fuss, 8. Auflage
Die Fussreflexzonenbehandlung eignet sich meiner Erfahrung nach besonders gut bei allen
Störungen des Verdauungstraktes und der Psyche. Einige Patientinnen konnten nach
Fussreflexonenbehandlungen veränderte Stuhlentleerungen und –gewohnheiten beobachten.
Viele Patientinnen klagen über Meteorismus, Durchfall und Verstopfung. Die Zonen des Darmes
weisen druckdolente Stellen auf.
Die Fussreflexzonenbehandlung gibt den Patientinnen oft das Gefühl von zugeführter Energie.
„Die Füsse leben wieder“, „ich bin geerdet“, waren gängige Reaktionen. Da sehr oft während
der Behandlung der Füsse der Parasympathikus aktiv wird und dies mit Magengeräuschen
kundtut, waren die Patientinnen sehr erstaunt, diese Reaktionen ihres Bauches wahrzunehmen.
Die meisten von ihnen liebten die Geräusche gar nicht, hätten sie gerne „abgestellt“, es war
ihnen unangenehm, sie konnten das „Kommunizieren“ nicht geniessen, auch nicht, wenn sie
wussten, dass dies in den Ohren der Therapeuten Musik ist.
Manuelle Lymphdrainage:
Die Manuelle Lymphdrainage ist eine Behandlungsform, mit der das Lymphgefässystem im
ganzen Körper unterstützt und angeregt wird. Entlang der Lymphwege wird mit sanften
rhythmischen, schmerzfrei und langsam ausgeführten kreisförmigen Griffen das Lymphsystem
aktiviert und das Gewebe entspannt und entstaut. Das Immunsystem wird gekräftigt. Die MLD
wirkt wohltuend, schmerzlindernd und kann bei unterschiedlichsten Indikationen eingesetzt
werden.
Volk Peter, Skript manuelle Lymphdrainage und Ödemtherapie Mai 2009
Ich habe sehr oft (für mich selber überraschend oft) bei den Patientinnen mit Essstörung diese
Behandlungsform eingesetzt, ausschliesslich die Gesichtsbehandlung. Offenbar wirkt sie eben
auch entstauend auf immer wieder im Kreis drehende Gedanken und Vorsätze. Zusätzlich habe
ich die Gesichts-Lymphbehandlung eingesetzt bei Bulimikerinnen mit geschwollenen
Parotisdrüsen. Meiner Theorie nach kann so die angesammelte Melanchole abtransportiert
werden.
Weiter ertastete und erzählten mir die Patientinnen von verspanntem Kiefer (auch das zum Kiefer
in Verbindung stehende Becken war verspannt und blockiert). Zähneknirschen war ein weiteres
Symptom, das mich veranlasste, mit Lymphdrainage zu arbeiten.
31
4.3 Wie reagieren meine Anorexie- und Bulimie - Patientinnen auf Berührung?
„Wo möchten Sie berührt werden? Wo möchten Sie auf keinen Fall berührt werden?“
fragte ich meine Probandinnen jeweils beim ersten Treffen in meiner Praxis.
Einige Frauen schauten mich verwundert an und erklärten, sie könnten sich am ganzen Körper
eine Massage vorstellen, denn sonst wären sie ja nicht gekommen...
(dies waren vorallem Antworten von Bulimikerinnen)
Ich wollte es genauer wissen. Im Laufe der Behandlungsphasen kann und konnte ich vielfältige
und spannende Erfahrungen sammeln:
Kopf/Kiefer:
Alle Probandinnen wollten eine Behandlung in Form von einer Shiatsu-Kopfmassage
kennenlernen. Sie entspannen sich dabei sehr gut und erfahren eine Form von WachSchlafzustand mit einer Art von Träumen. (Aussage der Patientinnen)
Gesichts-Lymphdrainage ist inzwischen der „grosse Renner“. „Es löst den Knäuel im Kopf“.
Rücken/Nacken/Becken:
Der Rücken ist der Ort, der sich bei den Meisten als Einstieg und zum Kennenlernen der Massage
überhaupt und der Therapeutin bewährt hat. Fast alle Patientinnen kamen zu Beginn mit
teilweise starken Rücken- oder Nackenbeschwerden in die Praxis. Mittlerweile ist aber der
Rücken nicht der Körperteil, den die Patientinnen unbedingt behandelt wünschen.
Beim Becken verhält es sich anders, Blockaden und Spannungen sind häufig. Mobilisationen und
Lockerungen beschreiben die Patientinnen als lösend und befreiend.
Bauch:
Erstaunlicherweise sind meine Anorexie- und Bulimie-Frauen sehr, sehr empfänglich für eine
Bauchmassage. Ich kombiniere die sanfte, wohltuende Behandlung oft mit der
Fussreflexzonenmassage.
Auch die Bauch-Lymphdrainage ist sehr beliebt. Was mir auffällt ist, dass viele dieser Frauen ihren
Bauchnabel mit einem Piercing schmücken.
Arme/Hände:
Auch hier war ich erstaunt. Zwei Anorexie-Patientinnen haben verletzte Unterarme. Ich ging
davon aus, dass ich vermutlich diese Arme nicht berühren dürfe. Das Gegenteil war der Fall. Eine
junge Anorektikerin streifte bereits bei unserer zweiten Behandlung die Ärmel ihres Pullovers hoch
und fragte, ob ich sie an den Armen massieren könnte (sie zog zur Behandlung jeweils nur die
Socken aus). Diese Erfahrung machte ich auch mit einer anderen Patientin, die zur Essstörung
noch an Borderline leidet. Auch sie wollte unbedingt ihre vernarbten Armen massiert haben.
Beine:
Die klassische oder auch energetische Massage an den Oberschenkeln
empfinden die Frauen meist nach eigenen Aussagen als überraschend intensiv, aber
angenehm. (Weshalb dies so sein kann, habe ich im Kapitel „manuell-energetischen
Behandlungen“ ausgeführt.)
Füsse:
Auf die Frage, ob sie eine Fussmassage oder Fussreflexzonenbehandlung wünschen würden,
erhielt ich von keiner Patientin eine freudige Reaktion. „Wenn Sie wollen.“ „Was wollen Sie denn
mit den Füssen?“ „Ich habe schreckliche Füsse“ waren die gängigen Antworten. Nach
sorgsamem und langsamem Herantasten und Kennenlernen änderte sich das Bild.
32
Es gibt inzwischen keine Behandlung, in welcher die Füsse der Patientin nicht integriert sind. Und
nicht weil ich will, sondern meine Probandinnen. Sie schätzen auch, dass sie ihre Füsse
überhaupt einmal spüren, plötzlich hätten sie Energie und empfänden Wärme. Dazu sind sie sehr
neugierig, wenn während der Fussreflexzonenbehandlung ein besonders schmerzhafter Punkt
auftaucht.
Meine Erfahrungen – Resultat: Wie berührungsbereit waren die Patientinnen?
Zusammenfassend kann ich nach insgesamt 52 Behandlungen von Frauen mit Essstörungen
feststellen, dass meine Probandinnen äusserst berührungsbereit waren und sind. Meine stillen
Bedenken waren oft, dass die Berührungen allenfalls zu heftig, zu stark, zu intensiv empfunden
werden könnten. Damit meine ich nicht Druck und Schmerz auf der physiologischen Seite,
sondern, wie viel Berührung will die Patientin von einer Therapeutin zulassen? Dies ist ein
Experiment und Wachsein für Patientin und Therapeutin. Beide von uns haben diesbezüglich
keine Erfahrung, keine Vergleiche. Wir können und müssen uns jedesmal wieder neu auf uns
einstimmen, nicht jedesmal ist der Reiz vom letzten Mal auch für dieses Mal adäquat. Deshalb ist
es für mich wichtig, dass die Patientin mir jederzeit mitteilen darf, wenn es für sie nicht mehr
stimmig ist. Dies kam während der Behandlungen nie vor.
Auffallend war für mich, wie dankbar die Frauen für die erhaltenen Behandlungen waren.
Manchmal bedankten sie sich schon, bevor sie sich überhaupt auf den Massagetisch gelegt
haben. Etwas anzunehmen, wofür sie nicht materiell aufkommen mussten, war für viele eine
schwierige Herausforderung.
Einige Frauen sind nach eigenen Aussagen einfach nur froh, nicht immer Gespräche führen zu
müssen. Sie sind zum Teil schon sehr lange mit ihrer Essstörung konfrontiert, sind jahrelang in
psychologischer Betreuung, in Kliniken, und haben das Gefühl, mit ihrer Krankheit nicht
weiterzukommen. Meistens entstanden Gespräche nach der Behandlung.
Vielfältige Aktionen oder auch Reaktionen, teilweise heftige, entstanden: Kündigung oder
Neuausrichtung der Arbeitsstelle, Trennung vom Freund, Kennenlernen eines neuen
Lebenspartners, Wohnungswechsel, Kiff-Anfall, grosse Auseinandersetzung mit Freunden,
Entdeckung neuer Hobbies, Aufgeben von Rauchen, NEIN-Sagen zu Drogenangeboten,
regelmässigeres Arbeiten.
Weitere, ausführlichere und individuelle Reaktionen der einzelnen Patientinnen sind ab Kapitel
4.4.1 – 4.4.4 aufgeführt.
33
4.4 Meine Begegnungen mit Patientinnen mit Essstörungen
Insgesamt begleitete ich 8 Patientinnen regelmässig in meiner Praxis in Zürich und führte mit
ihnen 52 Behandlungen durch. Vier der 8 Patientinnen führten die 9 -12 vorgesehenen
Behandlungen aus den unten aufgeführten Gründen nicht zu Ende:
•
Frau B. war mit 18 Jahren meine jüngste Patientin, sie ist Anorektikerin und kam zweimal in
die Behandlung. Den dritten Termin sagte sie ab, weil sie eine Schnupperstelle antreten
konnte und keine Zeit mehr hätte für weitere Behandlungen. (Ihr Feedback ist im Anhang
nachzulesen „Massage bei Frau Walker“)
•
Von Frau R. wusste ich, dass sie bei mir und auch bei der Psychologin alle Termine von
einem auf den anderen Tag abgesagt hat. Gründe wissen wir beide nicht. Sie ist 25 Jahre
alt und leidet an langjähriger Bulimie. Sie hat sich schon mehreren Schönheits-Operationen
unterzogen, findet nach eigenen Aussagen keinen Arzt mehr, der sie operieren will.
•
Frau W. litt schon mehr als zwanzig Jahre an der Essstörung. Diese wird von Depressionen,
Borderline-Persönlichkeitsstörungen und Angststörungen begleitet. Nach drei
Behandlungen wollte sie keinen weiteren Termin mehr wahrnehmen, weil ihre Mutter im
Sterben lag und sie sich ihr widmen wollte.
•
Frau K. litt an unerträglichen Rückenschmerzen, die auch mit vielen vom Arzt
verschriebenen Medikamenten nicht zu lindern waren. Wenige Tage bevor sie das erste
Mal zu mir kam, wurde sie aus einer Klinik für Essstörungen entlassen. Bei ihr bestand
zusätzlich ein Alkoholproblem, das sie zu bewältigen hatte. Die vier Behandlungen, welche
wir miteinander durchführten, verliefen gut, sie investierte dafür ihre Freitage und einen
langen Anreiseweg aus einem anderen Kanton. Zweimal hintereinander musste sie den
abgemachten Termin wegen Krankheit verschieben, dann meldete sie sich nicht mehr.
Erfreulich war, dass die Patientin durch die Massagen ihren Rücken wieder schmerzfrei
erleben durfte. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich irgendwann wieder melden wird.
Von vier weiteren Patientinnen berichte ich auf den nächsten Seiten im Kapitel 4.4.1 – 4.4.4
ausführlicher.
34
4.4.1 Biographie Patientin A, Jahrgang 1981, Bulimia nervosa
In der Pubertät fühlte sich die Patientin zu dick und versuchte zunächst im normalen Rahmen,
sich gesünder zu ernähren und so abzunehmen. Mit 18 Jahren bekam sie die Möglichkeit, als
Fotomodell ein wenig Geld zu verdienen, was zusätzlich den Wunsch förderte, mehr Gewicht
abzunehmen. Heute sagt sie von sich selbst, dass sie aber nie wirklich dick war. Nach und nach
reduzierte sie das Essen, zuerst nur noch ein Müsli zum Znacht, irgendwann war es nur noch ein
Apfel. Von dieser anorektischen Phase rutschte sie mit 19 Jahren in die Bulimie. Anfangs schien
alles unter Kontrolle, doch die Ess- und Brechanfälle wurden häufiger, bis diese schliesslich
mehrmals täglich stattfanden.
Zu dieser Zeit bekam sie Komplimente aus der Männerwelt, die ihr eine Bestätigung für ihr Tun
gaben. Wenn sie dann wieder zu viel ass, schlich sich das schlechte Gewissen ein, die grosse
Angst vor dem Zunehmen setzte ein, was das Erbrechen geradezu förderte.
Die Patientin sagt, dass ihr die Bulimie anfangs als Schutzmantel gegen die für sie unmögliche
Situation in ihrem Elternhaus diente. Sie konnte sich mit der Krankheit isolieren, schützen,
abgrenzen. Sie habe die tragende Funktion in der Familie übernommen: sie ist krank, so können
die Brüder gesund bleiben. Dass sie zu viel Verantwortung in der Familie übernahm, ist ihr heute
klar. Sie war Ansprechperson und Vorbild für die Brüder, war beste Freundin der Mutter und des
Vaters und litt unter Streitereien und Disharmonien der Eltern. Dazu kam die Alkoholsucht des
Vaters, welche die Situation verschärfte.
Die Bulimie gehörte ihr allein. Sie konnte endlich die Kontrolle verlieren, hatte für kurze Zeit Ruhe
und vergass alles Schlimme um sich herum.
zur Person:
äussere Erscheinung:
• jung, dynamisch, natürlich, sportlich, fröhlich wirkende Frau
• schmale und schlanke Statur, BMI: Untergewicht
• modisch gekleidet
• blasse Gesichtshaut, dunkle Schatten unter den Augen
• ist oft auf Trab und beschäftigt
Humoralmedizinische Sicht:
• Melancholisches Temperament
Zunge:
• blasser Zungenkörper, dünner Zungenkörper
• aussen feucht – innen trocken
• kein Belag
• keine Stresszeichen
Zähne:
• Abnutzungen
Körper:
• vergrösserte Speicheldrüsen
• geschwollene Speiseröhrezeichen links und rechts des Mundwinkels
(nach Natale Ferronato Pathophysiognomik)
•
•
•
•
•
•
•
Kieferverspannung
starke Nackenverspannungen, die sie oft nicht schlafen lassen
rechtes Schulterblatt auf Höhe TH3 schmerzhaft, heisse Gelose
Spannungen im Becken
Krämpfe nachts in den Beinen
kalte Füsse, vorallem die Zehen, diese sind oft bläulich verfärbt
Körperstamm ausgeglichen warm
35
•
•
Blutwerte: zu grosse Erythrozyten (gemäss Arzt nicht besorgniserregend)
Körpergewicht bei ca. 46 kg, Patientin hat keine Waage (muss unbedingt zunehmen,
Ernährungsberaterin hat ihr gedroht, sie sonst wieder in die Klinik einzuweisen)
Verdauung:
• hat oft Durchfall, verzögerte Magenentleerung
• unverdaute Nahrungsbestandteile in Stuhl und Erbrochenem
• Magenbrennen
• Nahrung kommt oft wieder hoch
Medikamente/Laxantien/Appetitzügler:
• keine
Soziales Umfeld:
• Verhältnis zu Eltern und Brüdern beschreibt die Patientin als gut bis sehr gut
• trifft Freunde, Arbeitskollegen
• regelmässige psychologische Beratung
Psychische Verfassung:
• Stimmungsschwankungen, Traurigkeit, Lebensmüdigkeit, Müdigkeit, Energielosigkeit
Wohnsituation:
• Wohngemeinschaft und mit Freund
Arbeit:
Kunsttherapeutin
Grösstes, momentanes Übel:
Als die Patientin im vergangenen Dezember zum ersten Mal zu mir in die Praxis kam, beschrieb
sie ihr momentanes grösstes Übel, dass ihr „Schalter“ während des Essens kippt und sie so
Unmengen an Esswaren verschlingt, denen sie sich später wieder entledigen muss. Ich empfinde
die Patientin als extrem willensstark und zäh. So kann sie beispielsweise ohne jeglichen Hilfsmittel
(Finger, Medikamente) erbrechen und auch nur so viel erbrechen, wie sie für „nötig“ hält.
Ziel der Patientin für die Behandlungsperiode:
Sie wünschte sich mit den Behandlungen, Ruhe in ihrem Körper zu spüren, runterzufahren,
Energie zu tanken und dem Magen spezielle Zuwendung zu geben.
Langfristige Ziele bezüglich Essstörung:
Die Patientin wünscht sich, wieder normal essen zu können, sich dabei wohl zu fühlen. Sie
möchte sich nicht dauernd den Kopf zerbrechen, wann und wie sie den nächsten Anfall
gestalten und veranstalten kann. Sie möchte nicht mehr lügen, keine Angst haben, beim
Erbrechen erwischt zu werden.
12 durchgeführte Behandlungen von 60 – 90 min. Behandlungsdauer,
Dezember 2009 – Mai 2010:
Mein Hauptaugenmerk galt bei dieser Patientin, ihr die Möglichkeit zu geben, sich zu
entspannen, loszulassen. Ihr Rücken, vorallem der Nacken mit Schultergürtel, waren oft bretthart
und verspannt. Die Nackenprobleme, die sie in der Nacht plagten, lösten sich nach der dritten
Behandlung und ermöglichten auch wieder ein erleichtertes Einschlafen. Dies erreichten wir mit
klassischer Massage, langsamen, sedierenden Massagegriffen, auch angepassten TriggerpunktBehandlungen vorallem auf dem Trapezius und vielen Lockerungsgriffen, die ich zusätzlich auf
dem Becken anwendete. Die äusserst stark schmerzende Gelose an der margo medialis des
rechten Schulterblattes auf der Höhe TH3 steht gemäss Humoralmedizin auch mit Aggressionen
in Verbindung. Ich behandelte diese sehr sorgfältig, da ich eine paradoxe Reaktion
ausschliessen wollte. Ab der 9. Behandlung zeigte die Darmzone des Rückens starke
Verklebungen. Die Patientin hat in den Wochen zuvor ihr Gewicht auf 50 kg steigern können. Ich
behandelte diese Region zusätzlich zu der Massage mit der Technik der Geweberolle und
36
sanfter Schröpfkopf-Massage. Die Nacken-Rücken-Becken- Behandlungen nahmen einen
grossen Teil der Therapie ein. Zum anderen arbeitete ich bei ihr jedesmal mit der
Fussreflexzonentherapie mit besonderer Beachtung des gesamten Verdauungstraktes von Mund
bis Anus und des Solarplexus. Viele Reflexpunkte spürte sie unangenehm und druckdolent,
vorwiegend aber hielten sich diese Zonen der Speisröhre und des Magen hartnäckig. Die
Parotisschwellung behandelte ich meist mit einer kurzen manuellen Lymphdrainage, wo ich
zusätzlich noch ein, zwei Griffe für die Lockerung des Kiefers einsetzte.
Für die Beinkrämpfe habe ich ihr die Kalyana Mineralstoff-Creme Nr.7 mit Magnesium/Kalzium
von den Schüssler Salzen empfohlen. Mineralstoff- und Vitaminsupplemente nimmt die Patientin
ein.
Begleitung mit Phytotherapie:
Ab der 9. Behandlung hat die Patientin von Ceres Centaurium(Tausendgüldenkraut)
eingenommen. Die Pflanze spricht sie an, die lieblichen Farben violett, rosa sind bei ihr auch in
einem anderen Zusammenhang ein Thema, die Mythologie der Pflanze interessiert sie. Sie wolle
mehr Frau sein und nicht nur über Leistung gemessen werden. Ich habe ihr empfohlen, die
Tinktur jeweils vor dem Essen, 3mal täglich 3 Tropfen, einzunehmen. Bis zum Abschluss der
Behandlungen nahm sie die Tinktur unregelmässig ein und so konnte sie keine Angaben über
mögliche Veränderungen machen.
(eine ausführliche Beschreibung des Tausendgüldenkrauts befindet sich im Anhang)
Soziale Veränderungen während der Behandlungsperiode:
• Arbeitsstelle gewechselt
• von Freund getrennt und neuen Partner kennengelernt
• von Online Selbsthilfe-Programm Salut für Menschen mit Bulimia nervosa aufgenommen
(www.aes.ch/SALUT_Online_Selbsthilfe_Bulmie.pdf)
Körperliche Veränderungen während der Behandlungsperiode nach meiner Einschätzung:
• Nackenmuskulatur lockerte sich, der Muskeltonus senkte sich etwas, die schmerzende
Gelose am Schulterblatt löste sich
• Verdauungszone am Rücken von 9. Behandlung an verklebt
• Durchblutung der Extremitäten verbesserte sich
• Parotisschwellung: von gut spürbar bis fast nicht spürbar im Wechsel
• Reflexzonen am Fuss: Darmzone stärker druckdolent als zu Beginn der Behandlungen,
Patientin reagierte allgemein sensibler auf die Reize am Fuss
Die wichtigsten Veränderungen bei Patientin A nach Abschluss der 12 Behandlungen nach
eigener Einschätzung der Patientin: (die ausführlichen Veränderungen sind im Kapitel 5 zusammengefasst)
•
•
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•
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•
•
•
•
Ich konnte mich während den Behandlungen sehr gut auf mich einlassen, den Moment
wahrnehmen.
Meine Emotionen haben sich verändert. Ich verspüre weniger Aggressionen.
Mein soziales Umfeld hat sich verändert. Ich bin weniger isoliert.
Ich kann mit Freunden über die Essstörung sprechen.
Ich habe mehr Energie, welche ich in die Genesung stecken will.
Nach den Behandlungen erlebte ich erbrechungsfreie Phasen.
Es sind regelmässigere, angepasste Mahlzeiten im Vergleich zu vor den Behandlungen
möglich.
Ich esse Nahrungsmittel, die ich früher nicht gegessen hätte, z.B. Brot, TomatenMozzarella-Salat, Vegi-Würstli.
Die Verdauung veränderte sich, ich habe öfters als früher Durchfall.
Die Körpertemperatur an Händen und Füssen veränderte sich, sie sind wärmer.
Die Behandlungen halfen mir sehr, allgemein zu entspannen.
Während der Behandlungen fühlte ich mich ruhig, geschützt wie in einer Seifenblase.
Die Nackenschmerzen haben sich verbessert.
37
Meine Gedanken zu Patientin A:
Oft erlebte ich die Patientin erschöpft und ausgelaugt. Ihr Körper schmerzte, ich empfand, dass
sie ihre Kräfte überschätzt, aber der Kopf befiehlt ihr, ein gestecktes Ziel auch einzuhalten.
Irgendwie schien mir immer, als ob sie die Last von früher immer noch auf ihrer Schulter trägt, sie
manchmal erdrückt und sie aber unbedingt stark sein will. Mit dem Essen kann sie alles
rundherum vergessen, es deckt den seelischen Schmerz. Es vermeidet in den Augenblicken der
Essanfälle, ihren Anspruch, dass sie perfekt sein muss. Dann gibt es für kurze Zeit Entspannung,
Befriedigung, Zufriedenheit. Obwohl sie ein gutes soziales Umfeld hat, wirkt sie verloren, mit der
Krankheit fühlt sie sich allein. Ich spürte bei ihr den sehr starken Wunsch, von der Essstörung
loszukommen. Sie hat Angst, dass sie es vielleicht nie mehr schaffen kann. Deshalb wirkte sie auf
mich vielleicht auch rast- und ruhelos.
Komplimente meinerseits konnte sie schlecht annehmen, sie relativierte ihre Aussagen danach
stets.
Patientin A reagiert sehr stark auf Wärme und Sonne. Dann tritt ein unbeschwertes, fröhliches
Wesen zum Vorschein. Für Jeden von uns ist Sonne, Licht und Wärme essentiell, bei meiner
Patientin kommt dieses Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Wärme stark zum Ausdruck.
Ihre Aussage, dass sie sich während der Behandlung geschützt wie in einer Seifenblase fühlte,
zeigt für mich auch, dass dieser Schutz schnell platzen kann und sie wieder verletzlicher wird.
Selbsteinschätzung der Behandlungen: was lief gut, was lief weniger gut?
Wichtig war mir, dass der Nacken sie beim Einschlafen und Durchschlafen nicht mehr
behinderte. Den guten Schlaf braucht sie.
Ich glaube, die Patientin kam wirklich sehr gern in die manuellen Behandlungen, äusserte dies
auch und bedankte sich jeweils aufrichtig, aber sie wollte auf keinen Fall mehr als das. Sie
arbeitet selber als Therapeutin und weiss daher viel. Sie teilte ihre Gedanken gerne mit, aber
wollte keine Vorschläge oder Anregungen von mir erhalten. Die Patientin hat viel Erfahrung mit
der Essstörung, auch im medizinischen und psychologischen Bereich, und liess mich dies deutlich
spüren.
Wie weiter?
Patientin A wurde wie oben erwähnt im vom Online Selbsthilfe-Programm Salut für Menschen mit
Bulimia nervosa aufgenommen, wo es galt, verschiedene Kriterien für die Aufnahme zu erfüllen.
Sie wollte nun einen Eindruck gewinnen, wie dies anläuft und sich dann wieder bei mir melden.
38
4.4.2 Biographie Patientin B, Jahrgang 1974, Bulimia nervosa
Als Kind beschreibt sich die Patientin als aktiv bis hyperaktiv. Selten kam sie zur Ruhe, sie wusste
auch nicht, wie zur Ruhe kommen und wo sie zur Ruhe hätte finden sollen. Sie fühlte sich stets als
Störfaktor für die Eltern und teilweise auch für das Umfeld, sie fühlte sich ungewollt, ungeliebt.
Das Elternhaus war voller Spannungen, Streitereien und Überforderungen. Mit der Schwester
zusammen war sie schon sehr früh auf sich selbst gestellt, auch mit ihr hatte sie viel Streit und
Spannungen. Mit 7 Jahren begann sie auffällig viel Süssigkeiten zu essen. Mit der Zeit bemühte
sie sich zusehends, sich anzupassen, nicht zur Last zu fallen, nicht aufzufallen. Diesen Zustand, so
scheint es ihr heute, hielt sie nur mit „Fressanfällen“ aus. Mit 12 Jahren begann die Essstörung
akut zu werden. Auch die Schwester litt schon sehr früh an einer Essstörung.
Heute sind Süssigkeiten täglich ein Thema. An Tagen mit Essanfällen dreht sich der ganze Tag in
irgendeiner Form ums Essen. An „guten“ Tagen ist es eher die Frage: was soll ich essen. Fast
ausnahmslos hat die Patientin das Gefühl, zu viel gegessen zu haben, auch wenn das
tatsächlich nicht der Fall ist. Die Beschäftigung mit dem Körper, mit dem Aussehen ist dominant,
sie ist unzufrieden mit ihrem Körper.
zur Person:
äussere Erscheinung:
• sympathische, ruhig, nachdenklich und überlegte Frau
• wirkt manchmal traurig
• blasse Gesichtshaut, dunkle Schatten unter den Augen
• mein erster Eindruck: mit dieser Frau kann man „Pferde stehlen“
• Statur normal, BMI: Normalgewicht
Humoralmedizinische Sicht:
• Melancholisches Temperament
Zähne:
• Abnutzungen
• sehr kaputte Zähne
Körper:
• schmerzendes Gewebe vorallem an den Beinen
• gestörte Verdauung
• starke Spannung im Becken
• linker Lendenbereich schmerzt
• hat ein „Gnusch“ im Kopf, glättet sich mit der Hand oft die Stirn
• Körpergewicht: Patientin hat keine Waage, wiegt sich nicht
Verdauung:
• gestörte Verdauung, alles kann vorkommen
Medikamente/Laxantien/Appetitzügler:
• Laxantien, nimmt mehrmals wöchentlich Abführmittel (Klistier)
Soziales Umfeld:
• Kontakt mit Mutter, welche im Ausland lebt, Vater ist im Pflegeheim
• hat einen Lebenspartner, trifft sich mit weiteren Freunden
• monatlicher Termin mit Psychologin
39
Psychische wqVerfassung:
• unausgeglichen, manchmal Ängste, täglich Aggressionen,
allgemein dünnes Nervengewand, Erschöpfung, leichte Depressionen
Wohnsituation:
wohnt allein
Arbeit:
kann keiner regelmässigen Arbeit nachgehen, ist IV-Bezügerin
Komorbidität:
Nikotin, Cannabis, Drogen, Alkohol
Ziel der Patientin für die Behandlungsperiode:
Die Patientin äusserte, froh zu sein, bei mir nicht reden zu müssen. Denn eigentlich sei alles schon
gesagt, da sie schon jahrelang in psychologischer Behandlung sei.
Als sich die Patientin bei mir zum ersten Mal telefonisch meldete um einen Termin zu vereinbaren,
sagte sie mir, dass sie sich vorstellen könnte, dass manuelle Behandlungen und Berührungen sie
in ihrem momentanen Prozess unterstützen könnten. Sie befasst sich mit Zen-Buddhismus. Sie
wollte sie sich auf ihren Körper konzentrieren und zur Ruhe kommen.
Langfristige Ziele bezüglich Essstörung:
Die Patientin möchte gedanklich, emotional und im Wort frei von allem Zerstörerischen sein. Die
Energie, welche mit der Essstörung lahm gelegt wird, möchte sie sinnvoll und freudig nutzen
können.
12 durchgeführte Behandlungen von 60 – 90 min. Behandlungsdauer,
Januar – Juni 2010:
Für die Patientin war es eine Überwindung, sich berühren und massieren zu lassen. Sie konnte
sich nicht vorstellen, dass ich ihr z.B. gerne eine Fussreflexzonenmassage geben wollte oder ihre
Beine sich für mich nicht schwabbelig und unangenehm anfühlen.
Dem Lendenbereich, Becken und den Beinen schenkten wir während allen Behandlungen
besondere Aufmerksamkeit. Der linke Lendenbereich war voller Spannung, dies merkte die
Patientin vorallem während der Massage, wo sie Reaktionen in den ganzen Körper wahrnehmen
konnte. Ihr Becken schmerzte so sehr, dass sie sich anfangs nur sehr mühevoll von der Bauchlage
auf den Rücken drehen konnte. Das Gewebe an den Oberschenkeln schmerzte, war aber
irgendwie für sie doch nicht spürbar, die Oberschenkel gehörten zu ihr und doch nicht zu ihr. Die
oben beschriebenen Zonen werden nach der Bindegewebsmassage dem Darm zugeordnet: in
der linken Lendengegend ist der Dünndarm und der absteigende Dickdarm betroffen, im
Becken zusätzlich noch der Urogenitaltrakt und das Gewebe an den Oberschenkeln hat
ebenfalls einen Bezug zum Darm. Wenn man die Bindegewebszonen betrachtet entspricht der
äussere Oberschenkel dem Dünndarm, der innere Oberschenkel dem Dickdarm. Die
Reflexzonen an den Füssen bestätigten dieses Bild.
Nach der ersten Behandlung der Beine mit Massage reagierten diese danach mit starkem
Juckreiz während des nächsten Tages. Diese Reaktionen hielten sich bis zur vierten Behandlung,
danach blieb der Juckreiz aus. Allgemein fühlten sich die Beine für die Patientin präsenter an,
sie hatte das Gefühl, dass sie sich aufrechter bewegen könne und lockerer laufen könne. Ihr
Freund bemerkte die Veränderung ebenfalls. Mit der Zeit ergänzte ich die Massage der Beine
mit einer sanften Schröpfkopf-Massage. Das war für die Patientin DAS Highlight, sie nahm ein
Schröpfglas mit nach Hause, um sich die Behandlung ab und zu selbst zu ermöglichen.
Die Verdauung veränderte sich zusehends. Der Stuhlgang empfand die Patientin als häufiger
und leichter, der Gebrauch der Laxantien veränderte sich und am Ende der Behandlungsphase
beschrieb die Patientin die Häufigkeit des Gebrauchs des Klistiers mit Abführmitteln mit 1mal alle
3-4 Wochen.
40
Oft kam die Patientin in die Behandlung und berichtete von einem „verlorenen Tag“ oder sie
fühle sich wie auf einer Achterbahn. Die Behandlungen nahm sie mit äusserst grosser
Dankbarkeit an. Danach fühlte sie sich ruhig. Da sie auch immer wieder zu selbstzerstörerischem
Handeln und Aggressionen neigt, passten wir die manuellen Behandlungsformen jeweils der
Stimmungslage und Essschub an: Klassische Massage, Fussreflexzonentherapie, Lymphdrainage
an Gesicht oder Oberschenkeln, sanfte Schröpfkopfmassage.
Etwas unruhig verliefen für mich die ersten drei Treffen mit der Patientin. Tags darauf erlebte sie
jeweils einen Kiff-Rückfall (Kiff-Anfall) verbunden mit grossen Ängsten, welche sie bis anhin in
dieser Form nicht kannte. Das löste eine Kette von: Kiffen - Essattacke – Nervosität – Angst Depression aus. Dies „vergeudete“ ihr drei Tage.
Später, Ende April, berichtete sie mir von mehreren Gelegenheiten, wo sie Angebote zum Kiffen
abgelehnt hätte. Sie merkte auch, dass sie sich mit Rauchen vergifte, dass sie ersticke, wenn sie
so weitermache. Anfangs Juli legte ihr ein Heiler seine Hände auf, um sie bei ihrem Vorhaben
das Rauchen aufzugeben, zu unterstützen. Sie schaffte es, einen Monat überhaupt nicht zur
rauchen, dann begann sie wieder.
Begleitung mit Phytotherapie:
Im April erlebte ich die Patientin mit mehr Energie, Vitalität, Ideen und Bewegung auf
verschiedenen Ebenen. Sie freute sich, diesen Prozess phytotherapeutisch zu unterstützen. Der
Löwenzahn (von Ceres: Taraxacum) schien mir passend, ihre Wandlungsprozesse zu begleiten,
die Vitalität und Stoffwechselaktivität der Leber anzuregen. Löwenzahn löst Stauungen und
Erstarrungen in Geist und Körper und vermittelt dadurch neue Lebenskraft. (siehe Kompendium
www.ceresheilmittel.ch) Löwenzahn ist eine Bitterstoffpflanze mit hervorragender diuretischer und
choleretischer Wirkung und im Zusammenhang mit dem vorhandenen Aggressionspotential der
Patientin geeignet. Dosierung: 3x5gtt ac.
Soziale Veränderungen während der Behandlungsperiode:
• Konflikte in Freundschaften, Rollen brechen zusammen, Patientin macht nicht mehr alles,
um nur zu „gefallen“, hat mehr Freiraum
• Patientin prüft ein Arbeits-Angebot zur Betreuung eines behinderten Jungen
Körperliche Veränderungen während der Behandlungsperiode nach meiner Einschätzung:
• Spannung im Lendenbereich veränderlich von einer Sitzung zur anderen
• rechte Körperseite von Lendenbereich bis Fuss ohne Energie
• rechte Leiste: Spannung mit gut fühlbaren Lymphknoten
• rechtes Kreuzbein blockiert, linkes Kreuzbein druckdolent
Die wichtigsten Veränderungen bei Patientin B nach Abschluss der 12 Behandlungen nach
eigener Einschätzung der Patientin: (die ausführlichen Veränderungen sind im Kapitel 5 zusammengefasst)
•
•
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•
•
•
•
Die Körperzufriedenheit und Körperakzeptanz hat sich positiv verändert.
Das Schamgefühl während der Massage konnte ich abbauen.
Meine Emotionen wie z.B. Aggression haben sich verändert. Es wurde alles „feiner“.
Ich nehme mir mehr Zeit zum Essen.
Den Stuhlgang empfinde ich als leichter, häufiger, besser.
Die Schmerzen an den Beinen haben sich verbessert.
Ich konnte Drogen ablehnen.
Meine Gedanken zu Patientin B:
Mir fiel auf, wie sich die Patientin bemühte, nicht so viel Energie in die Krankheit stecken zu
wollen, wie sie das bis anhin tat. Sie will grosszügiger auf körperliche Makel reagieren und ich
finde auch, dass ihr das immer besser gelang. Ich wünsche ihr sehr, dass wenn es nicht rund läuft
in ihrem Leben, sie immer mehr die Kraft hat, als Bewältigungsstrategie nicht zu den Drogen zu
greifen.
41
Selbsteinschätzung meiner Behandlungen: was lief gut, was lief weniger gut?
Aggression, Wut, Selbstzerstörung war immer wieder ein Thema während unserer Behandlungen.
Ich erinnerte mich, wie die Patientin sich als Kind als sehr aktiv beschrieben hat. Mir schien, dass
sie in ihrem jetzigen Leben viel zu wenig körperliche Bewegung praktizierte. Diese oft gestaute
Energie muss freigesetzt werden, am besten in der Natur. Zum Zazen (Zen-Meditation) das sie
praktiziert, was sicher gut ist, braucht sie meiner Meinung nach unbedingt regelmässige und
tägliche Aktivität der Muskulatur, des Bewegungsapparates, sie braucht Sauerstoff, Licht, das
Leben draussen. Sie hält unbändige Energie verborgen, die raus will. Da weiss ich nicht so recht,
ob sie diesen Vorschlag umsetzen konnte oder wollte.
Gefreut hat mich, dass die Patientin mit der Zeit weniger Abführmittel benötigte. Ich denke, dass
sie ihrem Darm nach jahrelangem willentlichem Abführen jetzt die Möglichkeit geben kann,
selber den Rhythmus zu finden.
Wie weiter?
Die Patientin möchte weiterhin regelmässig in die Behandlungen kommen und hat weitere
Termine wahrgenommen. Ich verfolge den eingeschlagenen Weg weiter und widme mich
zusätzliche Aufmerksamkeit der rechten Körperseite. Beispielsweise ist es ihr nicht möglich, auf
dem Rücken liegend ohne Schmerzen die Beine Richtung Brustbein zu ziehen und ein „Päckli“ zu
machen und auch beim Gehen schmerzt es ab und zu in der Leiste.
Ernährungsmässig haben wir kurz einmal ihr Verlangen nach Zucker angeschaut. Hier gäbe es
wahrscheinlich noch Möglichkeiten, mit geeigneter Nahrungsauswahl und komplexen
Kohlenhydraten die Süssigkeitsattacken zu dämpfen oder zu verringern. Die Zeit dafür war aber
noch nicht reif.
Weiter braucht es Geduld und ein Vorwärtsgehen Schritt für Schritt. Die Patientin erzählte mir,
dass sie noch vor zwei Jahren „tief im Drogensumpf“ steckte und die Depressionen nur mit
Medikamenten zu bewältigen waren. Antidepressiva nimmt sie keine mehr zu sich.
42
4.4.3 Biographie Patientin C, Jahrgang 1966, Bulimia nervosa
Die Essstörung entstand bei der Patientin durch das ständige Gefühl, sich zu dick zu fühlen und
abnehmen zu müssen. Mit 16 Jahren glaubte sie, mit dem Erbrechen die Lösung für das
Überessen gefunden zu haben.
Sobald sich die Patientin zu wenig Essen gönnt, kommt unweigerlich die Phase der Fresslust
hinterher. Sie moduliert Gefühle mit dem Essen: sie isst und ass nicht nur, wenn sie Hunger hat,
sondern auch wenn sie müde ist um sich aufzuputschen, wenn sie traurig ist, frustriert ist, lustlos ist.
Mittlerweile fällt es der Patientin sehr schwer, die Signale des Körpers wahrzunehmen und zu
deuten. Wenn sie sich überisst, vergisst sie, was sie bedrückt und die Tatsache, dass sie zu viel
gegessen hat, rückt in den Vordergrund.
Mit ihrem Körper ist sie unzufrieden, sie fühlt sich viel zu dick und minderwertig, wenn sie
Hosengrösse 40 tragen muss und ihr Bauch über den Hosenbund quillt.
zur Person:
äussere Erscheinung:
• sympathische, sportliche, dynamische, grosse Frau
• Mutter von zwei Töchtern mit grossem Herz
• wirkt manchmal etwas gehemmt und unsicher
• Statur normal, BMI: Normalgewicht
Humoralmedizinische Sicht:
• Melancholisches Temperament
Zähne/Mund/Zunge:
• Zähne: keine Angaben
• Mund: Trockenheit
• Zunge: Brennen
Körper:
• schmerzender Nacken und verspannter Schultergürtel
• rechte Rückenseite schmerzhafter und verspannter als linke
• unterer Erwärmer oft kühl
•
Gewicht: wiegt sich (Psychologin hat ihr vorgeschlagen, die Waage zu verschenken)
Verdauung:
• zögerlich, unregelmässig, unbefriedigend für Patientin, Gefühl von unvollständiger
Entleerung, Gefühl von Blähungen und Verstopfung
selbstinduziertes Erbrechen:
• mehrmals wöchentlich
Medikamente/Laxantien/Appetitzügler:
• keine
Soziales Umfeld:
• ist Ehefrau und Mutter von zwei Töchtern
• mit ihren Eltern hat/hatte Patientin eher oberflächlichen Kontakt, der Vater ist verstorben
• regelmässige psychologische Beratung seit letztem Jahr
Sport:
• Joggen
• ist sehr gern in den Bergen, berichtete von ausgedehnten Skitouren
43
Psychische Verfassung:
• reagiert nach eigenen Aussagen manchmal gereizt in Erziehungsfragen
• manchmal fühlt sie sich allein
• evtl. leicht depressiv, ist wetterfühlig
Wohnsituation:
wohnt mit Ehemann und Kindern
Arbeit:
Teilzeitarbeit Büro
Ziel der Patientin für die Behandlungsperiode:
Patientin hat keine bestimmten Wünsche, weiss auch nicht genau, was sie erwarten kann.
Langfristige Ziele bezüglich Essstörung:
Der grösste Wunsch der Patientin ist es, wieder normal mit dem Essen umgehen zu können. Dass
sie nicht mehr essen muss, als für sie gut ist und dass sie mit Essen aufhören könnte, wenn das
Sättigungsgefühl da ist. Sie möchte gesundes Essen geniessen und nicht so viele Gedanken ans
Essen verschwenden.
9 durchgeführte Behandlungen von 60 – 90 min. Behandlungsdauer,
Dezember 2009 – Juni 2010:
Bei der ersten Behandlung erzählte mir die Patientin, dass es ihr nicht leicht fäll, über ihre
Essstörung zu sprechen und ich nach ihrem Ehemann und der Psychologin erst die dritte Person
sei, welche davon weiss. Mir schien, dass es sie Mut und Überwindung kostete, sich für
körpertherapeutische Behandlungen zu entscheiden. Für sie sei aber auch ein Zeitpunkt
gekommen, Hilfe anzunehmen, da sie ja nun seit vielen Jahren allein probiert, mit der Krankheit
umzugehen.
Als Erstes behandelten wir den Nacken und Schultergürtel mit verschiedenen
Massagetechniken, da sich dort die Verspannungen und Verhärtungen am schlimmsten
auswirkten und der Patientin Schmerzen bereiteten. Sie fühlte sich sehr schnell wohl und nahm
Dinge war, die ihr sonst nicht bewusst sind und sie nicht fühlt.
Bei allen Behandlungen setzten wir die Fussreflexzonentherapie mit besonderem Augenmerk
aller an der Verdauung beteiligten Organe ein. Darauf sprach die Patientin gut an, sie
berichtete von spontanen Stuhlentleerungen direkt nach der Behandlung, welche sie als
wohltuend empfand.
Die Fussreflexzonenbehandlungen ergänzte ich hin und wieder mit MassageSchröpfbehandlungen auf dem Becken, Gesäss und den Oberschenkeln. Nach anfänglicher
Skepsis der Patientin wünschte sie sich die Behandlungen in dieser Form noch mehrmals, das
Gefühl beschrieb sie als entstauend und lösend. Die Bindegewebszonen des Oberschenkels
entsprechen in der Bindegewebsmassage medial dem Dickdarm, lateral dem Dünndarm. Dort
dosierte ich das Vakuum des Schröpfglases sorgfältig, da diese Zone sich als schmerzhaft und
verklebt zeigte.
Mir ging es bei dieser Patientin darum, die Verdauungstätigkeit anzuregen und zu unterstützen.
Sie wünschte sich die Fussreflexzonen-Behandlungen. Ein träger Darm macht lustlos, schlägt auf
das Gemüt und die Psyche, macht müde und abgeschlagen. Wenn der natürliche
physiologische Weg zur „Entledigung“ für die nicht mehr verwertbaren Nahrungsbestandteile frei
und geebnet ist und funktioniert, muss allenfalls der eher unnatürliche Weg rückwärts über die
Speiseröhre und Mund nicht provoziert werden, so meine Überlegungen und Empfindungen.
Deshalb war es mir wichtig, ein gutes „Bauchgefühl“ zu vermitteln, gerne hätte ich auch lokal
eine Bauchbehandlung durchgeführt. Ich glaube aber, dass der Bauch für die Patientin eine
spezielle Bedeutung hat und sie zu ihrem Bauch ein zwiespältiges Verhältnis hat.
44
Als ich sie das erste Mal bei der Behandlung fragte, wo sie nicht berührt werden möchte, nannte
sie ihren Bauch. Die Patientin kommt bereits weiter in die Behandlungen, ich vermute, dass der
Zeitpunkt schon bald kommen wird, wo sie Bauchbehandlungen in Form von Massage und/oder
Lymphdrainage gut zulassen kann.
Ernährungstherapeutische/phytotherapeutische Empfehlungen:
Wir besprachen bisher am Rande der Behandlungen über ernährungstherapeutische Tipps zur
Unterstützung der Verdauung. Diese nahm die Patientin jeweils sehr interessiert auf und setzte
Vorschläge um. Prophylaktisch hat sie sich auch von CERES Hypericum gekauft, um allfällig
auftauchenden „Tiefs“ der Psyche entgegen zu wirken.
Körperliche Veränderungen während der Behandlungsperiode nach meiner Einschätzung:
• Schultergürtel und Nackenmuskulatur gelöster, entspannter, weniger Myogelosen
• Rückenstrecker im Lendenbereich mit weniger Tonus
• unterer Erwärmer kühl bis wärmend – veränderlich
Die wichtigsten Veränderungen bei Patientin C nach Abschluss der 9 Behandlungen nach
eigener Einschätzung der Patientin: (die ausführlichen Veränderungen sind im Kapitel 5 zusammengefasst)
•
•
•
•
•
•
•
•
Die Körperzufriedenheit und Körperakzeptanz hat sich positiv verändert. Ich beschäftige
mich mehr mit meinem Körper. Das Bewusstsein für meinen Körper wurde gefördert.
Ich konnte mich während der Behandlungen auf mich einlassen, den Moment
wahrnehmen.
Während der Behandlungen konnte ich meinen Körper befreiter wahrnehmen.
Ich konnte mit einer Freundin über die Essstörung sprechen.
Das selbstinduzierte Erbrechen konnte ich verringern.
Die Obstipation veränderte sich, besserer und häufigerer Stuhlgang, dies ins besonders
nach den Behandlungen.
Die Behandlungen halfen, zu entspannen, ich fühlte mich während und nach der
Behandlung sehr ruhig.
Der Nacken schmerzt nicht mehr.
Meine Gedanken zu Patientin C:
Ich spürte bei ihr, wie sie sich zusehends mehr und mehr für den Körper zu interessieren begann,
die Anatomie und Physiologie mit all den vielfältigen Funktionen und Steuerungsmechanismen
und diese nicht mehr ganz so als selbstverständlich betrachtete, wie bis anhin. Für die Patientin
ist es schwierig, für die Familie einzukaufen, zu kochen, diese gesund und ausgewogen zu
ernähren zu wollen und sich somit noch mehr als gewünscht mit dem ständigen Thema Essen
auseinander zu setzen.
Essen muss man immer irgendwann, irgendetwas. Es ist nicht wie bei einer Alkoholsucht, wo man
streng abstinent werden kann. Ich denke, dass besonders für eine Mutter eine persönliche
Essstörung eine grosse Herausforderung ist. Die Gelegenheiten bieten sich vermehrt an, dass
man grössere Mengen und öfters zwischendurch isst, Süssigkeiten nascht und die eigenen
Bedürfnisse ignoriert. Unausgewogene und unregelmässige Nahrungszusammensetzungen
fördern Essattacken. Wer kennt das nicht; kaum hat man etwas sehr Salziges gegessen, verspürt
man den extremen Drang nach etwas Süssem.
Die Familie möchte Frau ausgewogen und gesund ernähren, das Essen wird geplant, gerüstet,
gekocht. Als Hausfrau beschäftigt man sich doch einige Stunden damit. Schliesslich setzt man
sich an den Tisch und hat eigentlich gar keinen Hungermehr, isst aber trotzdem. Meist fehlt die
Ruhe gänzlich. Das Gefühl, zu viel gegessen zu haben und sowieso das Falsche gegessen zu
haben, wird noch präsenter. Die Patientin beschreibt, dass es ihr in den Ferien gelingt, normal zu
essen und zu geniessen.
45
Selbsteinschätzung meiner Behandlungen: was lief gut, was lief weniger gut?
Ich glaube, für die Patientin war es gut, eine weitere therapeutisch tätige Person gefunden zu
haben, mit der sie ihre Essstörung thematisieren kann. Dass ich ebenfalls Mutter bin, empfand ich
für die Gespräche als hilfreich.
Gerne hätte ich in regelmässigeren und kürzeren Abständen mit der Fussreflexzonenbehandlung
gearbeitet. Ich denke, die Verdauungstätigkeit würde sich verbessern und die damit
verbundene Obstipation könnte reduziert werden. Wenn der Intervall zwischen den
Behandlungen kürzer wäre, könnte der Reiz damit adäquater wirken.
Nach meinem Gefühl ist es der Patientin oft gelungen, ruhig, entspannt, freudig und mit
spürbarer Energie die Praxis zu verlassen. Sie nahm auch war, dass die Skitouren, welche sie im
Winter unternahm, für sie eine Art Meditation wurden und ihr Kraft vermittelte. An solchen Tagen
fanden dann auch keine Essattacken statt.
Die Patientin musste richtig lernen, die Behandlungen unentgeltlich anzunehmen. Am Anfang
zumindest fühlte sie sich sichtbar unwohl und ihr wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, sie
hätte dafür bezahlen dürfen. Irgendwie war es auch für mich schwierig, diesbezüglich die
richtige Kommunikation zu finden. Die Patientin muss jederzeit die Möglichkeit haben, bei
aufkommender Skepsis die vorgesehenen Behandlungstermine vorzeitig abbrechen zu können
ohne sich der Therapeutin gegenüber gedrängt und verpflichtet zu fühlen.
Wie weiter?
Die Patientin hat weitere Behandlungstermine ausserhalb dieser Diplomarbeit wahrgenommen.
Die Reize der Fussreflexzonentherapie müssten für die nächsten paar Behandlungen in kürzeren
Abständen als bis anhin angewendet werden, um Kontinuität zu erreichen und damit die
Verdauungstätigkeit und den Stuhlgang zu stabilisieren.
Weiter würde ich gerne gemeinsam mit der Patientin ihren Ess-Rhythmus, die Ausgewogenheit
und Zusammensetzung der Nahrungsmittel, insbesondere der Kohlenhydrate anschauen, um
allenfalls die Anzahl der Essattacken zu vermindern. Heisshungerattacken auf raffinierte
Kohlenhydrate können nach Forschungsergebnissen durch einen Mangel von Serotonin im
Gehirn entstehen. Der Konsum von Zucker und Weissmehl hilft in akuten Situationen, den
Serotoninhaushalt zu stabilisieren und zwar auch, wenn die Lebensmittel anschliessend
erbrochen werden. Obwohl Zucker und Weissmehl zwar schnell und kurzfristig helfen können,
verschlimmern sie langfristig das Problem des niedrigen Serotoninspiegels und wirken zudem
suchtauslösend. www.wochenblatt.es/1000004/1000003/0/.../article.html
Gerne unterstütze ich die Patientin in ihrem Selbstvertrauen und Tun, den eingeschlagenen Weg
und die Auseinandersetzung weiter zu verfolgen, um dem als selber nicht dem Idealbild
wahrgenommenen Körper entspannter zu begegnen.
46
4.4.4 Biographie Patientin D, Jahrgang 1985, Anorexia nervosa
Die Patientin kennt den Grund für ihre Essstörung nicht. Seit acht Jahren begleitet sie das Thema.
Sicher wollte sie damals attraktiver sein, den Jungs gefallen und cool sein. Ihr Selbstvertrauen
beschreibt sie als klein, ihr Drang nach Perfektion gross, sie erwartete immer Bestätigungen von
der Umwelt. Die Patientin genoss eine wohlbehütete Kindheit, war immer ein sehr braves und
pflegeleichtes Kind, man hatte sie gern. „Es lief alles, wie man es von mir verlangte“. Jahrelang
verheimlichte sie die Essstörung und verharmloste diese selber.
Oft empfindet die Patientin eine grosse Unzufriedenheit und Leere. Mit den ständig kreisenden
Gedanken ums Essen oder eben ums Nicht-Essen ist es für sie eine sehr gute Lösung, dieses
Leere-Gefühl zu stopfen.
zur Person:
äussere Erscheinung:
• sympathische, grosse, junge Frau
• modisch gekleidet
• blasse Gesichtshaut, manchmal dunkle Schatten unter den Augen,
manchmal Augen eingefallen
• Statur: sehr dünn, BMI: starkes Untergewicht
Humoralmedizinische Sicht:
• Melancholisches Temperament
Zähne/Mund/Zunge:
• Zähne: im Moment ok, da sie fast nicht erbricht
• Kiefer verspannt
Körper:
• Ohrendruck
• Gewicht: wägt sich nicht täglich, aber regelmässig
Verdauung:
• Blähungen, Verstopfungen
selbstinduziertes Erbrechen:
• selten
Medikamente/Laxantien/Appetitzügler:
• Cipralex (Antidepressivum)
Soziales Umfeld:
• Eltern/Geschwister: regelmässiger Kontakt
• Vernachlässigte in den letzten Jahre ihre Freunde
• Arbeitskollegen: wissen von ihrer Anorexie
• regelmässige, wöchentliche psychologische Beratung
• regelmässiger, wöchentlicher Arzttermin
Sport/Hobbies:
• früher Volleyball, heute manchmal Fahrradfahren und Wandern
• sagt von sich, dass sie ein wirkliches Hobbie bräuchte, ihr Hobbie sei die Essstörung
47
Psychische Verfassung:
• Die Patientin fühlt sich öfters allein mit dem kranken Kopf. Niemand kann sich in sie hinein
fühlen.
• Sie empfindet auch öfters Wut auf sich selber, weil sie es nicht schafft, die Essstörung
hinter sich lassen.
• Sie verspürt Angst vor der Zukunft, das Leben nicht im Griff zu haben.
Wohnsituation:
• wohnt in einer WG, fühlt sich dort nicht ganz zu Hause
• übernachtet regelmässig bei den Eltern
• wohnt ab und zu bei ihrem Freund
Arbeit:
arbeitet als kaufmännische Angestellte zu 80%
Ziel der Patientin für die Behandlungsperiode:
hat sich aus Neugier auf den ausgeschriebenen Flyer gemeldet
Langfristige Ziele bezüglich Essstörung:
Die Patientin wünscht sich nichts mehr, als einen unbeschwerten und normalen Umgang mit
dem Essen erleben zu können.
9 durchgeführte Behandlungen von 60 – 90 min. Behandlungsdauer,
April – Juli 2010:
Vor den Massage-Behandlungen hatte die Patientin bisher in der Klinik Erfahrungen mit
Kinesiologie gemacht. Sie wusste also nicht so ganz genau, worauf sie sich mit den
Massagebehandlungen einlassen würde. Sie wirkte für mich auch sehr angespannt und ich
versuchte, sie nicht mit Reizen zu überfordern und zu überfluten. Vorwiegend bestanden die
Behandlungen aus Massage des Rückens, der Arme, des Beckens und der Beine und Füsse.
Meine Intension galt, ihr ein Gefühl für den ganzen Körper zu ermöglichen, sie den Energiefluss
spüren zu lassen und den Kopf zu entlasten. Ihre Aufmerksamkeit sollte in den Körper gleiten,
weg vom Kopf, weg vom Kontrollierenden, weg von den ständig kreisenden Gedanken über
das Essen, die sie zu einem grossen Teil des Tages beschäftigen. Ich wollte sie spüren lassen, dass
zu ihrer Person auch ein Körper gehört. Ihr Körper sei einfach da, sie spüre ihn eigentlich
normalerweise nicht, sagte sie mir beim Kennenlernen. Sie kennt ein Hungergefühl, ignoriert
dieses aber meistens, verschiebt das Essen auf später und später wieder auf später. Ich hoffte,
sie mit den Berührungen spüren zu lassen, dass ihr Körper Nahrung braucht.
Ab und zu ergänzte ich die Behandlungen mit wenigen Griffen der Fussreflexzonentherapie für
die Verdauung. Einmal versuchten wir es mit einer sanften Massage des Bauches, welche sie
selber als gut empfand.
Veränderungen während der Behandlungsperiode nach meiner Einschätzung:
• Nach den Behandlungen wirkte die Patientin jeweils gelöster.
• Nach den Behandlungen war die Patientin gesprächiger und mitteilungsfreudiger.
• Sie sagte nach den Behandlungen: „So, jetzt gehe ich heim Nachtessen“. (hat sie
gemacht)
• Die Patientin äusserte von einer Behandlung zur nächsten häufigere Reaktionen auf die
Reize. Sie empfand die Behandlung intensiver als zum vorigen Mal. Einmal sagte sie, sie
sei wie „weggedriftet“ oder „Wow, das war schön!“
48
Die wichtigsten Veränderungen bei Patientin D nach Abschluss der 9 Behandlungen nach
eigener Einschätzung der Patientin: (die ausführlichen Veränderungen sind im Kapitel 5 zusammengefasst)
•
•
•
•
•
Die Behandlungen halfen, die Körperzufriedenheit und Körperakzeptanz zu verändern.
Die Behandlungen ermöglichten, wachsamer ins Innere des Körpers zu lauschen. Sonst
habe ich diese Möglichkeit nicht.
Ständig kreisende Gedanken und Sorgen konnten sich während und direkt nach der
Behandlung lösen. Ich verspürte einen Kick und mehr Optimismus.
Direkt nach der Massage konnte ich ein entspannteres, ruhigeres Verhältnis zum Essen
entwickeln. Ich traf weniger hektische Entscheidungen.
Die Behandlungen halfen mir, zu entspannen.
Meine Gedanken zu Patientin C:
Die Patientin ist täglich sehr oft mit dem Ess-Thema überfordert und weiss nicht, was und wie sie
essen soll. Sie denkt zwar fast pausenlos daran, kann aber einfach nicht essen und verschiebt es
auf später. Das gibt einen unwahrscheinlicher Knäuel im Kopf. Sie wirkt verloren und hilflos. Sie
sagt, wenn sie gegessen hätte, entsteht eine Leere, wo sie denkt: „Ok, nun habe ich gegessen,
was nun?“ Sie hat dann das Gefühl, nicht mehr übers Essen nachdenken zu dürfen. Sie sagt,
dass sie oft unzufrieden ist und eine Leere spürt und für sie die Essstörung eine Lösung ist, diese
Leere zu stopfen. Stopfen ist gewaltsam und meist unbefriedigend. Die massive
Nahrungsreduktion zeigt sich an ihrem Körper auch gewaltsam und schlussendlich auch
unbefriedigend, äussert die Patientin doch auch den Wunsch, unbeschwerter mit dem Essen
umgehen zu können. Sie hat mir meine Frage bestätigt, dass für sie ein grosses Loch entstehen
würde, könnte sie sich gedanklich nicht so oft mit der Essstörung auseinandersetzen. Es würde
etwas fehlen. Sie will die Kontrolle behalten, sie beschreibt sich als Kontrollfreak und es gibt ihr
eine Bestätigung, auch eine Art Überlegenheit.
Selbsteinschätzung meiner Behandlungen: was lief gut, was lief weniger gut?
Nähe zwischen der Patientin und mir entwickelte sich langsam, Schritt für Schritt. Ich bin mir dies
nicht so sehr gewohnt und es zwang mich, geduldig zu bleiben und zu vertrauen, dass ich schon
zu den von mir erwünschten Feedbacks kam. Ich wusste lange nicht so recht, wie wohl sich die
Patientin fühlte. Deshalb freute und freut es mich besonders zu sehen, wie offen die Patientin
mittlerweile ihre Gedanken und Ängste äussern kann. Ich bin nicht ihre Psychologin, sie hat bei
mir keine Gesprächstherapie, aber es vereinfacht die Arbeit, wenn die Patientin sich mir mitteilt.
Weil die Patientin doch sehr dünn ist, wurde ich massagetechnisch gefordert, die Griffe ihrem
Körper anzupassen und anzumodelieren.
Wie weiter?
Die Patientin hat bereits mehrere neue Behandlungstermine ausserhalb dieser Diplomarbeit
wahrgenommen.
Ich glaube, dass es für sie ganz wichtig wäre, ein Hobby oder eine Weiterbildung zu finden, die
sie fasziniert und gedanklich fordert. Sie spürt dies auch, sie weiss nicht, wie weiter, sie trottet
einen gleichmässig emotionslosen Trab. Sie spürt, dass sie sich eigentlich verändern möchte und
es für sie nicht stimmt, die nächsten Jahre ihrem Bürojob nachzugehen. Sie hat von der Idee
gesprochen, mit Kindern oder Behinderten zu arbeiten. Ich denke, wenn die Patientin eine
Herausforderung und Faszination in etwas Neuem finden könnte und die jetzige Lethargie
brechen könnte, würde dies die Essstörung positiv beeinflussen. Aber sie hat auch Angst vor
diesem Schritt.
Sie muss sich zusätzlich „nähren“. Wir haben dies auch bereits einmal angeschaut, welche
Nahrung ausserhalb der Nahrungsmittel sie noch brauchen würde. In diesem Prozess würde ich
die Patientin gerne unterstützen und ihr Mut zusprechen.
49
Auf der manuellen Seite würde ich an den bisherigen Behandlungsformen anknüpfen, dabei die
Fussreflexzonentherapie häufiger anwenden, um die Verdauung zu unterstützen und zu
stabilisieren. Den Ohrendruck behandle ich mit den sanften Griffen der Lymphdrainage entlang
der Lymphknotenkette von Profundus zum Terminus und dem Parotis-Gabelgriff am Ohr.
50
5. Zusammenfassung
Übereinstimmungen, Gemeinsamkeiten, Auffälliges der Patientinnen von Kapitel 4.4.1 – 4.4.4
5.1 Übersicht der Biographien der Patientinnen A/B/C/D
Erklärung: violett hinterlegt: trifft zu
Patientin A
Patientin B
Patientin C
Patientin D
Anorexie/Bulimie
Bulimie
Bulimie
Anorexie
Klinische Faktoren
Ernährungszustand
reduziert
kachektisch
äusserlich fahl/dunkle Schatten unter den Augen
subkutanes Fettgewebe fehlt
Wunsch nach Gewichtsabnahme
Gewichtseindämmung durch Erbrechen
mehrmals/Tg.
mehrmals/W.
mehrmals/W.
Gewichtseindämmung durch Abführmittel
Gewichtseindämmung durch Hungern
Anorexie: restriktiver Typ/purgativer Typ
purgativ
restriktiv
Heisshungerattacken mit Kontrollverlust
Körperschemastörung
Schamgefühl, Verheimlichung der Essstörung
Parotisschwellung
Ursachen
reduziertes Selbstwertgefühl
Hang zum Perfektionismus
Kontrollbedürfnis
hohes Leistungsideal
Psychodynamik
abweisendes Verhalten
stark angepasstes Verhalten
Mangel an Selbstwert
Folge der Erkrankung
andauerndes Denken an das Essen
Unruhe und Angetriebensein
Adynamie
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen
reduzierte Problemlösungsfähigkeit
Depressivität
Komplikationen
Gastrointestinale Motilität
Zahnschäden
Diarrhoe
Obstipation
Obstipation
Obstipation
vergrösserte Ohrspeicheldrüsen
Mundwinkelrhagaden, Zungenbrennen
Rhagaden
Zungen-Br.
Kieferverspannungen
prominente Jochbein und Orbitalbögen
Komorbidität
depressive Verstimmungen
Ängste
Neigung zu Alkohol/Tabak/Cannabis
Therapie
Klinikaufenthalt stationär
in psychologischer Betreuung
in ärztlicher Begleitung
mehrmals
wöchentlich
mehrmals
monatlich
regelmässig
mehrmals
wöchentlich
wöchentlich
51
Patientin A
Patientin B
Patientin C
Patientin D
Anorexie/Bulimie
Bulimie
Bulimie
Anorexie
Beginn der Essstörung mit
Dauer der Essstörung seit
Essstörung : von der Anorexie in Bulimie gerutscht
18 Jahren
> 10 Jahre
12 Jahren
> 10 Jahre
16 Jahren
> 10 Jahre
17 Jahren
< 10 Jahre
Patientin litt an Disharmonien im Elternhaus
sehr stark
sehr stark
aus den Biografien
Alkoholkonsum eines Elternteils
Vater
Vater
Vater
verspüre Schmerzen am Körper
Nacken
Becken
Rücken
früher
früher
früher
früher und jetzt
In den Ferien
nein
teilweise
nach Behandl.
Beckenverspannungen
kühle, kalte Extremitäten
unzufrieden mit dem eigenen Körper
verknüpft Gewicht mit Selbstwertgefühl
Verharmlosung der Krankheit
Einnahme von Medikamenten/Antidepressiva
betreibt ein Hobby
hat Kontakt zu Eltern/Geschwistern
geht Arbeit/Teilzeitarbeit nach
Angst, nicht mehr von der Essstörung loszukommen
kann Krankheit total vergessen
für Stunden
für Stunden
Erfolge nach der Behandlungsperiode
Körperzufriedenheit, Körperakzeptanz verbessert
Wut, Ärger, Aggressionen kommen weniger häufig vor
selbstinduziertes Erbrechen: weniger oft
nach Behandl.
Gebrauch von Laxantien: weniger oft
regelmässigere, angepasste Mahlzeiten möglich
Heisshungerattacken finden seltener statt
unverändert
2x/Woche
Verdauung hat sich verbessert
Stuhlgang hat sich verändert (Rhythmus, Konsistenz)
Nacken-/Rückenschmerzen gelindert, beseitigt
die Behandlungen halfen zu entspannen
esse Schokolade, Käse, Würstli, Kohlenhydrate
beim Arzt
wäge mich täglich/regelmässig
bevorzuge Light-Getränke
Gewichtzunahme während Behandlungsperiode
gewollt
ungewollt
Essen bedeutet:
Entspannung, Beruhigung/Zufriedenheit
Genuss
deckt seelische Schmerzen
Kompensationsverhalten
niemand kann mir dreinreden, esse was und wie ich will
füllt eine Leere, dämpft Gefühle
beschäftigt mich zu einem grossen Teil des Tages
Essstörung verleiht einen „Schutzmantel“
Die manuelle Behandlungsform, welche
meine Essstörung am besten unterstützt ist:
klassische med. Massage
Fussreflexzonentherapie
Favorit
manuelle Lymphdrainage
52
6. Meine persönliche Schlussreflexion
Viele spannende Begegnungen und Erfahrungen durfte ich im Zusammenhang mit dieser
Arbeit erleben. Seit meiner Abschlussprüfung an der Schule für angewandte Naturheilkunde
ist nun schon fast ein Jahr vorüber und endlich kann ich diese Diplomarbeit einreichen. Die
Arbeit mit den Patientinnen hat mich gefordert, haben mir viele dankbare und schöne
Augenblicke geschenkt und mir bewusst gemacht, welche Herausforderung und
Schwierigkeit es für Menschen mit einer Essstörung ist, zu gesunden.
6.1 Rekrutierung der Probandinnen – erste Termine
Als ich mich im Herbst 2009 damit befasste, das Thema dieser Diplomarbeit zu wählen, war
ich zunächst selber skeptisch, ob es überhaupt möglich ist, Probandinnen für die
Behandlungen zu gewinnen. Auch viele darauf angesprochene Fachpersonen teilten diese
Skepsis mit mir. Ehrlicherweise aber motivierten mich gerade diese Zweifel und Aussagen,
dass es sehr schwierig werden dürfte, Patientinnen mit dieser Krankheit zu behandeln, da
diese sehr oft verschlossen seien und sich nicht gern berühren liessen.
Erfreulicherweise meldeten sich doch relativ schnell die ersten Frauen, die sich für die von mir
angebotenen Behandlungen interessierten. Wir unterhielten uns am Telefon, besprachen
Vorstellungen und Motivation der Patientin für die Behandlungen, gewannen gegenseitig
einen ersten kleinen Eindruck voneinander und machten einen Termin für eine erste
„Kennenlern-Behandlung“ ab. Doch sehr viele der Patientinnen verschoben den
vereinbarten Termin wieder, sagten ihn teilweise ab, meldeten sich nicht wieder usw. War die
Zeit einfach doch noch nicht reif für sie, bin ich nicht geschult genug, um Gespräche zu
führen? Ich spürte ab und zu, dass man die Patientinnen mit Samthandschuhen anfassen
muss. War ich zu wenig diplomatisch? War ich zu offen, zu direkt? Es kristallisierte sich heraus,
dass die Hälfte der Patientinnen, die den Schritt zur ersten Behandlung gewagt haben,
danach die Behandlungen auch fortgeführt haben (siehe Kapitel 4.4.1- Kapitel 4.4.4). Das
gab mir Zuversicht, Vertrauen und bereitete Freude.
Mit ungefähr 8 weiteren Patientinnen führte ich unzählige Telefone zwecks mehrerer
Terminverschiebungen, die dann irgendwann zu definitiven Absagen führten und ich somit
die Patientin gar nie persönlich kennenlernen konnte. Was mir auch im Gegensatz zu meinen
anderen Massage- und naturheilkundlich- betreuten Patienten auffiel war, dass die
Patientinnen mit einer Essstörung sehr kompliziert denken und Agenda führen, auch teilweise
unflexibel sind und schnell überfordert sind. Oft wusste ich schon im Voraus, dass ein
bestimmter Termin sicher verschoben oder abgesagt würde. Auch die Zeiten, welche ich
von den Patientinnen über eine Verschiebung informiert wurde, waren manchmal
aussergewöhnlich: sie telefonierten mir zu allen Zeiten, abends, sonntags oder einmal auch
um 2.00 Uhr in der Nacht. Dieses Telefon wühlte mich ausserordentlich auf. Die Patientin
hinterliess eine Nachricht auf der Combox, welche grosse Besorgnis in mir auslöste. Ihre
Stimme klang weinerlich, ängstlich, depressiv. Leider konnte ich sie direkt nach ihrem Anruf
nicht erreichen. Auf mein SMS reagierte sie glücklicherweise am nächsten Abend, es schien
ihr soweit gut zu gehen. Danach hatte ich die Möglichkeit, mit ihrem Arzt zu sprechen, der
ihre schwierige Lebensphase begleitete. Bei solchen Vorfällen wurde es mir manchmal schon
etwas mulmig. Worauf habe ich mich da eingelassen? Ist das nicht fahrlässig? Welche
Verantwortung habe ich gegenüber meinen Patientinnen? Mir war es immer wichtig, Namen
des Arztes und des Psychotherapeuten der Patientinnen zu kennen, an die ich mich im
Notfall hätte wenden können. Fast in allen Fällen werden und wurden die Patientinnen über
Jahre betreut.
Schlussendlich begleitete ich insgesamt 8 Patientinnen regelmässig in meiner Praxis in Zürich
und führte mit ihnen 52 Behandlungen durch. Vier der 8 Patientinnen führten die 9 – 12
vorgesehenen Behandlungen aus den im Kapitel 4.4. beschriebenen Gründen nicht zu Ende.
53
6.2 Wie habe ich die Behandlungen mit den Patientinnen erlebt?
Beim ersten persönlichen Kennenlernen der Patientinnen, fragte ich sie jeweils, welches Ziel
sie hätten, warum sie kommen, was ihre Erwartungen sind. Die langfristig erwähnten
Wünsche, welche jede Patientinnen persönlich äusserte, sind jeweils in der entsprechenden
Biografie im Kapitel 4.4.1. bis Kapitel 4.4.4 erwähnt. Dieses Ziel musste mit kleinen Teilschritten
angesteuert werden, den langfristigen Wunsch der Patientin hielt ich mir vor Augen. Das war
auch wichtig, denn das Leben der Patientinnen mit Essstörungen erlebe ich als sehr
dynamisch und sprunghaft. Die Teilschritte, um zum geäusserten Wunsch zu gelangen,
ergaben sich auch häufig aus der momentanen Situationen, in der die Patientin
gegenwärtig steckte. Es fiel auf, dass bei den meisten Patientinnen diese erwähnte grosse
Dynamik, manchmal Hektik herrschte und sich eine chaotische Woche mit einer ruhigeren
Woche sehr oft abwechseln konnte, dies immer auch mit starker Auswirkung auf das
Essverhalten. So war immer wieder auch der Wunsch nach Ruhe, Loslassen, Aufladen,
Auftanken und Rhythmus da.
Oft empfing ich die Patientinnen erschöpft, gestresst oder auch etwas fahrig. Sehr oft spürte
ich ganz klar, teilweise kommunizierten die Patientinnen mir dies auch, dass sie auf keinen
Fall ein Gespräch wünschten. So besprachen wir im Voraus den Behandlungsablauf
gemeinsam: die Patientinnen schilderten mir die aktuellen Beschwerden, worauf ich ihnen
vorschlug, wie diese behandelt werden könnten. Manchmal hätte ich gern anfangs der
Behandlung mehr erfahren, manchmal war es mir auch sehr recht, mich in die manuelle
Arbeit vertiefen zu können. Mir wurde immer wieder bewusst, welche herausfordernde Arbeit
die Psychologen leisten. Ich erinnerte mich an einen Tipp von Wolfgang Fasser, einer unserer
Lehrer an der Schule für angewandte Naturheilkunde. Er riet uns einmal, erst ganz am
Schluss, nach Anamnese und eigenem körperlichen durchgeführten Untersuch am Patienten
allfällige Röntgenbilder oder Diagnosen von Ärzten zu studieren. Also, sich nicht ablenken zu
lassen und nicht eine vordefinierte Meinung weiter zu verfolgen, bevor man sich nicht selber
in den Patienten herein versetzt hat. So musste ich mich bei der manuellen Arbeit auf mein
Gespür verlassen, war nicht beeinflusst von Aussagen und meinen eigenen Interpretationen
aus einem Gespräch. Ich musste während der Behandlung mir selber vertrauen, das Richtige
zu machen und die Patientin dort zu unterstützen, wo sie es braucht. Ich selber fühlte mich
bei der manuellen Arbeit sicherer als im Gespräch.
Spannenderweise entwickelte sich dann oft nach den Behandlungen, z.B. beim Anziehen,
vor dem Verabschieden, das Gespräch, das ich mir anfangs der Behandlung gewünscht
hätte. Dann waren auch immer wieder naturheilkundliche Tipps möglich, kleine
Hausaufgaben konnten besprochen werden oder auch nur Bekräftigung und Unterstützung
auf den Weg mitgegeben werden. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich mich nach
durchgeführter Behandlung immer besser gefühlt habe als zu Beginn. Das erging den
Patientinnen wahrscheinlich ebenso! Auffallend war auch, wie sehr sie sich für die
Behandlungen bedankten und betonten, sich schon wieder auf das nächste Mal zu freuen.
Das empfand ich als grosses Kompliment.
6.3 Was haben die Behandlungen mit mir persönlich gemacht?
Schon immer war es für mich selber wichtig, mich gesund zu ernähren und auf keinen Fall
übergewichtig zu sein. In meiner frühsten Pubertät wurden mir oft Komplimente zu meiner
Figur gemacht und später, wenn die dann einmal ausblieben, zweifelte ich schnell, ob ich
jetzt wohl zu dick geworden sei. Mit 20 Jahren nahm ich während eines einjährigen
Amerikaaufenthaltes 10 kg an Gewicht zu. Fern von zu Hause, wo mich niemand kannte und
ich mich richtig gehen lassen konnte. War das schön, einfach nur zu (fr)essen! Obwohl ich
nachher immer mein Idealgewicht halten konnte, blieb das Gewicht immer ein Thema für
mich. Ich merke schon, wie das Selbstwertgefühl immer mal wieder mit dem Gewicht, der
Figur und den damit erhaltenen Komplimenten korreliert.
54
Während den intensiven Behandlungen der Patientinnen mit Essstörungen erlebte ich für
meine Begriffe ein katastrophales Essverhalten. Ich ass sehr unregelmässig, unausgewogen
und auch lustlos. Das entspricht mir normalerweise überhaupt nicht. Irgendwie beunruhigte
mich dies aber nicht, ich wusste, dass ich u.a. den enormen Zuckerkonsum wieder in den
Griff bekommen würde. So ist es auch geschehen. Auch die Waage habe ich lange nicht
mehr benützt. Ich weiss bei mir, dass ich sicher nicht zu einer Essstörung tendiere, Gesundheit
ist mir zu wichtig. Ich will auch Vorbild für meine Kinder sein. Dazu kommt, dass mich die
Ausbildung zur Naturheilpraktikerin bei Sybille Binder in der Ernährung/Diätetik nachhaltig
geprägt hat und es Freude macht, das vermittelte Wissen persönlich anzuwenden.
6.4 Weiteres Vorgehen – nächste Schritte – Ausblicke
Inzwischen ist nun die Zeit schneller fortgeschritten, als mir lieb ist, es ist bereits Oktober 2010
und ich bin noch mit diesen Zeilen beschäftigt. Die Patientinnen B, C, D kommen seit dem
Abschluss der angebotenen Behandlungen regelmässig weiter zu mir und ich schätze die
Erfahrungen, die ich mit ihnen und den Behandlungen machen kann. Patientin C fühlt sich
inzwischen so stabil, dass sie vorderhand keine psychologischen Beratungen mehr in
Anspruch nehmen möchte. Patientin D kommt alle zwei Wochen zu mir. Vor kurzer Zeit erlitt
sie einen epileptischen Anfall mit anschliessendem Spitalaufenthalt. Das Erlebnis schilderte sie
als sehr einschneidend. Wir arbeiten nun daran, einen Ess-Rhythmus zu erreichen und
beizubehalten, damit sie auf keinen Fall in eine Hypoglykämie fällt. Zunehmend kann ich sie
auch naturheilkundlich beraten.
Meine Idee ist, nach beendeter und angenommener Diplomarbeit, diese den Psychologen,
welche die Menschen mit einer Essstörung betreuen, persönlich abzugeben und mich ihnen
auch vorzustellen. Vor Beginn dieser Arbeit konnte ich die Klinik Aadorf besuchen, um
allenfalls ein Praktikum zu absolvieren und bei Frau Dr. Renate Thomsen vorsprechen, die dort
die „Station Oase“ für Frauen mit Essstörungen leitet. Leider hat dies wegen dem damals
verschärften Personalmangel nicht geklappt. Ihr darf ich meine Arbeit ebenfalls zusenden
und vielleicht kann ich mein Praktikum auch „nachholen“?
6.5 Gewonnene Erkenntnisse für die Fortsetzung des Themas
Wahrscheinlich begleitet Patientinnen mit Anorexie oder Bulimie eine Essstörung ein Leben
lang, mal stärker, mal weniger. Längerfristig bleiben den Patientinnen pathologische EssMuster und kognitive Denkschemas, welche auch nach mehr als 10 Jahren die Diagnose
einer Essstörung bestätigen. Über alle bisherigen Studien gemittelt, liegt die Rückfallrate bei
ca. 30%. Zipfel
Zipfel Stephan, Löwe Bernd, Herzog Wolfgang, Handbuch Essstörungen 2008
Mir geht es darum, den Patientinnen zu helfen, die essstörungsfreien Phasen zu häufen und
auszudehnen. Ein Ziel ist die Stabilisierung und Normalisierung des körperlichen Zustandes z.B.
mit einer Gewichtssteigerung und Regulierung des Essverhaltens, als Grundlage für die
weiterführende Behandlung. Dies beinhaltet die Einnahme von regelmässigen Mahlzeiten,
gegebenenfalls Zwischenmahlzeiten, die aus einer ausgewogenen Ernährung bestehen, die
Abstinenz gegenüber gewichtsreduzierenden Massnahmen wie Laxantien, Diuretika,
Hormonen oder übermässiger sportlicher Betätigung.
Alle Patientinnen mit Essstörungen sind gekennzeichnet durch Störungen im Körper, im
Körperbild und in der Körperwahrnehmung. Körpertherapie dient daher der Verbesserung
der Wahrnehmung des eigenen wie des fremden Körpers, der Beziehungsaufnahme zu sich
selbst und anderen und dem körperlichen Ausdruck von Gefühlen. Ich möchte auch den
Patientinnen immer wieder anatomische und physiologische Vorgänge im Körper
aufzeigen, da ich während dieser Diplomarbeit die Erfahrung gemacht habe, dass so die
Patientinnen einen anderen Bezug zu ihrem Körper entwickeln. Patientin C erzählte mir,
dadurch hätte sie gelernt, den Körper mehr als Gesamtes zu sehen, ihn mehr zu schätzen
55
und nicht so selbstherrlich davon auszugehen, dass sowieso immer alles funktioniert. Plötzlich
entstehen mehr Gedanken darüber, warum der Bauch jetzt gebläht ist oder der Stuhlgang
nicht funktioniert. Ich möchte immer wieder darauf hinweisen, dass den Meisten von uns ein
wunderbar funktionierender Körper geschenkt wurde und er, wie im Gedicht auf Seite 4
beschrieben, für uns eine lebenslange Herausforderung ist, mit ihm, in ihm und für ihn zu
leben.
6.6 Danksagung
Ein grosses Dankeschön geht an meine Familie, welche mich stets unterstützte und mir so die
Ausbildung zur Naturheilpraktikerin ermöglichte. Ihr Interesse am Erlernten und das Mitfiebern
vor Prüfungen freuten mich sehr und ist ein riesiges Geschenk ihrerseits.
Ein riesiger Dank geht an Sybille Binder und Manuela Messmer, welche mit unermüdlichem
Einsatz und grossen Fachwissen die Schule leiten. Jederzeit haben sie für uns Studenten ein
offenes Ohr, bieten Unterstützung und Motivation in manchmal schwierigeren Phasen
während der 4-jährigen Ausbildung. Ich hätte mir für mich keine geeignetere Schule
wünschen können.
Herzlichsten Dank an alle meine Probandinnen, welche ihre Zeit zur Verfügung gestellt haben
und sich über Monate therapeutisch begleiten liessen. Sie wussten im Voraus nicht, worauf
sie sich einliessen. Für diesen Mut danke ich. Ohne Probandinnen wäre es nicht möglich
gewesen, diese Arbeit zu schreiben. Besonders freute mich die vertrauensvolle
Zusammenarbeit.
Ich bedanke mich sehr herzlich bei Vivianne Buchter für die wertvolle Unterstützung und
Begleitung als Fachexpertin. Ihre Geduld und Fähigkeit, mich auf dem rechten Pfad zu
halten, strukturiert vorzugehen und ihre Erfahrung im Schreiben von Arbeiten waren für mich
eine enorme Hilfe. Danke für Dein grosses Engagement!
Grosser Dank und Respekt geht an alle Fachpersonen, die sich seit Jahren mit vollem Einsatz
für die Patienten mit einer Essstörung einsetzen. In meinem Fall ist dies Frau lic. phil. Silvia Frei,
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP vom Zentrum für Menschen mit Essstörungen, die
mich überhaupt auf die Idee brachte und mir zutraute, mich mit dem Thema dieser Arbeit
auseinander zu setzen.
Danken möchte ich all meinen Freundinnen und Freunden. Ihr Interesse an meiner
Ausbildung und das Daumendrücken vor Prüfungen war für mich stets eine grosse Freude
und Anerkennung. Jetzt habe ich wieder viel Zeit für euch!
56
7. Anhang
Im Hauptteil von Kapitel 1-6 galt mein Hauptaugenmerk den körpertherapeutischen
Behandlungen.
In diesem Anhang widme ich mich Themen, welche für mich im Arbeiten mit den Patientinnen
mit einer Essstörung ebenfalls Beachtung finden sollten und wichtig sind.
7.1 Ernährung
„Die Normalisierung des Essverhaltens ist nicht alles, aber ohne diese, ist alles nichts.“
Zipfel Stephan, Löwe Bernd, Herzog Wolfgang, Quadflieg Norbert, Fichter Manfred, Handbuch Essstörungen 2008
7.1.1Ernährungsberatung bei Essstörungen
Nahrungsaufbau bei Anorexia nervosa:
Ziel: Verbesserung der körperlichen Funktionen durch Gewichtszunahme
•
schrittweises Wiedererlernen der Übernahme von Verantwortung für die
Nahrungsaufnahme
•
3 Hauptmahlzeiten und 2-3 Zwischenmahlzeiten gleich von Beginn weg
Steigerung der Energiezufuhr:
•
bei Beginn ist die Menge der Energiezufuhr abhängig vom bisherigen Essverhalten der
Patientin sowie dem Therapie-Setting: unter stationären Bedingungen: Beginn mit 30-40
kcal/kg KG (= 1000 – 1500kcal) ambulant eher weniger
•
langsame Steigerung auf bis zu 70 – 100 kcal/kg KG, während Gewichtszunahme (= ca. +
150 kcal/d)
•
ca. 40 – 60kcal/kg KG, um erreichtes Gewicht zu halten
•
ausgewogene Ernährung fördern, keine Kompromisse, auch keine Light-Produkte
•
Zielgewicht als Bandbereich festlegen. Bei Unterschreitung Anpassung der Energiezufuhr
vornehmen
Folgende Schwerpunkte sind zu beachten:
a) Calciumreiche Nahrungsmittel wie Milch, Milchprodukte
b) Biologisch hochwertige Proteinkombinationen
(Kartoffel und Ei, Getreide mit Hülsenfrüchten)
c) hochwertige Fette
d)falls vegetarische Ernährung, dann die ovo-lacto-vegetabile Form wählen
e) initial je nach Laborresultaten Supplemente wählen, K, Mg, B12, Eisen
57
Ernährung bei Bulimia nervosa:
Ein Ess-Brechprotokoll ist als wichtiges Therapie-Instrument einzusetzen, verhaltenstherapeutische
Modifikationen können aufgrund der Besprechung des Protokolls vorgenommen werden (z.B.
Einhalten regelmässiger Mahlzeiten, Vermeiden von ernährungsbedingen Triggern, Änderungen
von Umgebungsfaktoren).
Regelmässige Mahlzeiten sind von zentraler Bedeutung, da Essattacken häufig im
Zusammenhang mit Diät oder ausgelassenen Mahlzeiten stehen. Nach einer Nahrungskarenz
kommt es in diesen Fällen zur unkontrollierten, kompensatorischen Nahrungsaufnahme, einer
Essattacke.
www.netzwerk-essstörungen.ch
Meine persönlichen, ergänzenden Überlegungen zu den Empfehlungen
des Experten-Netzwerks Essstörungen Schweiz:
zu Punkt a): Seite 57
Eine schwerwiegende Komplikation der Anorexie ist die Osteoporose. Zur Prophylaxe und
Therapie gehört zum einen die Normalisierung des Körpergewichts, Bewegung, genügend
verwertbares Calcium und Vitamin D. Daher würde ich calciumreiche Nahrungsmittel
empfehlen: grünes Gemüse, Kräuter, Sesam und nicht nur auf Milch und Milchprodukte
vertrauen.
zu Punkt b) und d): Seite 57
Die meisten der Anorexie- und Bulimie- Patientinnen die ich treffen konnte, essen kein Fleisch. Da
ist es eine gute Möglichkeit, vermehrt auf die biologische Wertigkeit zu achten, wo durch
geschicktes Kombinieren von tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln dem Körper die
Möglichkeit gegeben wird, körpereigenes Protein aufzubauen. Die biologische Wertigkeit ist das
Mass dafür, wie viel Gramm Körperprotein aus 100g Nahrungsprotein gebildet werden kann.
Gute Kombinationen mit hoher biologischer Wertigkeit sind beispielsweise:
•
Kartoffel und Ei oder Milch: Gratin, Gschwellti mit Käse, Aufläufe, Kartoffelstock, Röschti
mit Ei
•
Getreide und Ei oder Milch: Fotzelschnitte, Milchreis, Griesspudding, Polenta mit Milch
zubereitet. Birchermüesli
•
Hülsenfrüchte und Milchprodukte oder Getreide: Falavel, Kartoffeln mit Hülsenfrüchten,
Eintöpfe, türkische Küche
•
Getreide oder Nüsse und Hülsenfrüchte: Nüsse sind gute Proteinlieferanten, auch
Sprossen, roter Bohnensalat mit Nussbrot
•
Mais und Bohnen
Honold Brigitte, Skript Ernährungslehre/Diätetik 2006, Schule für angewandte Naturheilkunde, Zürich
zu Punkt e): Seite 57
Generell sollte einer ausgewogenen Ernährung Priorität eingeräumt werden. Die eingesetzten
Supplementierungen ersetzen auf keinen Fall die ausgewogene Ernährung. Der Einsatz von
Multivitaminprodukten inklusiv Mineralstoffen und Spurenelemente wird kontrovers diskutiert.
58
7.1.2 Die Wechselwirkung zwischen Ernährung und Psyche
Alles was wir an Nahrung zu uns nehmen, löst eine Reaktion in unseren Zellen aus, die
sensibelsten Anzeichen finden wir vorallem im Hirn. Wichtiges Organ im Zusammenhang mit der
Psyche ist die Leber. Ist sie in ihren Aufgaben überfordert, kann sich dies mit
Befindlichkeitsstörungen, Müdigkeit, Gereiztheit und Aggression zeigen. Ebenso wichtig sind die
Nieren. Bei Mangelzuständen entwickeln sich verstärkte Angstgefühle oder
Depressionsneigungen. Diese Symptome kennen wir von anorektischen und bulimischen
Patientinnen sehr gut. Daher macht es für mich Sinn, einzelne Wirkstoffe die auf die Psyche
wirken, näher zu betrachten:
Serotonin:
Die Glückssubstanz ist ein wichtiger Neurotransmitter, vermittelt das Gefühl von Wohlbefinden
und angenehmer Sättigung, wirkt schlaffördernd, wirkt regulierend bei Depressionsneigung.
Enthalten in: Kartoffeln, Kastanien, Getreide, Mandeln, Datteln, Feigen, Ananas, Bananen.
Durch Serotonin, das sowohl bei Anorexie- als auch Bulimie-Patientinnen vermindert verfügbar
ist, wird eine verminderte Nahrungsaufnahme stimuliert. Serotonin könnte somit auch als Auslöser
eines Essanfalls mitbeteiligt sein. Für diese Hypothese (Fichter 1992, Weltzin 1994) spricht, dass
einige Symptome wie Depression, impulsives Verhalten, Medikamentenmissbrauch, wie wir es
von Bulimie-Patientinnen kennen, ebenfalls mit einer verringerten Serotoninaktivität einhergehen.
www.zeit.de/2004/11/M-Magersucht
Tryptophan:
Ist eine essentielle Aminosäure, welche mit weiteren Aminosäuren und einer gewissen Menge
Polysacchariden als Aktivator für Serotonin wirkt. Deshalb ist es günstig, Kohlenhydrate mit einer
kleinen Menge der unten genannten Nahrungsmitteln zu kombinieren: Milchprodukte, Fisch,
Hülsenfrüchte, Eigelb, Cashewnüsse, Fleisch. Tryptophan wirkt antidepressiv, aber nur wenn der
Kohlenhydrat- und Eiweissbedarf des Körpers abgedeckt ist.
Thyamin:
Ist das Vitamin B1 und hat eine kurze Reserve von nur 1.5 Tagen im Körper. Bei Mangel entstehen
Schlafstörungen, innere Unruhe, Gereiztheit, Heisshunger auf Süsses. Enthalten ist Thyamin in
Nährhefe, Vollkornprodukte, Scholle. Zucker und Weissmehl sind Vitamin B1-Räuber.
Niacin:
Vitamin B3 ist wichtig im Hirnstoffwechsel und wirkt an verschiedenen Stellen der
Reizübermittlung im Hirn. Bei Mangel entsteht eine Depressionsneigung, Suchtanfälligkeit,
Unruhe, Schlaflosigkeit. Enthalten ist es in Leber und Getreide.
Pantothensäure:
Ist ein hitzestabiles, wasserlösliches Vitamin und am Aufbau der Nebennierenhormonen und
Funktionsabläufen der Neuromotorik beteiligt. Auch hier entsteht bei Mangel eine erhöhte
Depressionsneigung, Unruhe, Müdigkeit, Zittern an Händen und Füssen. Haferflocken haben
Pantothensäure, ebenfalls Eier und Getreide.
Kalzium:
Neben der bekannten Wichtigkeit für den Aufbau der Knochen ist Kalzium mitverantwortlich an
der Übertragung von Nervenimpulsen und der Blutgerinnung. Bei einem Mangel entsteht die
Unfähigkeit, sich zu entspannen, Reizbarkeit, Krämpfe in den Extremitäten, lässt uns müde sein,
aber nicht einschlafen. Kalzium finden wir in Milchprodukten, Sesam, Sardinen, grünem Gemüse
wie Broccoli, Grünkohl, Spinat und Kräutern gehäuft.
59
Magnesium:
Ist beteiligt an der Übertragung zwischen Nerven und Muskulatur und schützt die Myelinschicht.
Bei einem Mangel begegnen wir dem weit verbreiteten Zähneknirschen, Verspannen des
Kiefers, Unruhe, Reizbarkeit, Krämpfe in den Extremitäten und Rücken-Nacken-Bereich.
Magnesiummangel macht aggressiv. Enthalten ist es in Gemüse, insbesondere grünem Gemüse,
Salat, Kräutern, Obst, Nüssen.
Phosphor:
Ist für verschiedene Energiestoffwechselvorgänge wichtig. Wird es in grösseren Mengen
zugeführt und besteht gleichzeitig ein Kalziummangel, kommt es zu Ueberreizungen des
Hirnstoffwechsels und führt zu Konzentrationsstörungen, Aggression. Enthalten als Phosphatsalze
in Wurstwaren, Fleischwaren, Cola, vielen Fertigprodukten. In natürlicher Weise in Milchprodukten
vorhanden.
Tyrosin:
Als nicht essentielle Aminosäure ist sie wichtig, um gewisse Neurotransmitter zu aktivieren. Es wird
für den Aufbau von Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin benötigt. Tyrosin wirkt
konzentrationssteigernd, erhöht das Aggressionspotential, verstärkt Hungergefühle. Enthalten ist
es in Fleisch, Fisch, Milchprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Eiern, Bananen. Nach dem Genuss
von eiweissreichen Nahrungsmitteln kommt es zur Ansammlung von Tyrosin, deshalb sollte
abends auf diese verzichtet werden und anstatt leichte Kohlenhydrat-Mahlzeiten eingenommen
werden.
Endorphine:
Hier handelt es sich um körpereigene Drogen im Aufbau ähnlich den Opiaten. Sie dienen als
Hilfe bei Schmerzsituationen und sind Stimmungsaufheller. Bei Suchtpatienten sind Endorphine zu
stoppen. Enthalten sind sie in Kombinationen von Kohlenhydraten und Fell, also vielem JunkFood: Gebäck, Frittiertem, Snacks, Kakao, Nüsse
Wenn ich diese Zusammenstellung meinen Patientinnen mit Essstörung zeige, reagieren sie sehr
erstaunt ob diesen Zusammenhängen. Natürlich ist es für sie sehr schwer, gewisse Empfehlungen
umzusetzen. Mir scheint es aber wichtig, ihren Fokus, der meist NUR auf der Kalorienanzahl eines
Nahrungsmittels beschränkt ist, etwas zu hinterfragen, durchzurütteln. Vielleicht sehen sie in der
bis anhin problematischen Banane oder auch den Nüssen nicht nur die Kalorien, das Fett, den
Zucker, sondern andere, positivere, neue Aspekte, die dann vielleicht sogar ein Verzehren
irgendwann möglich machen.
vgl. (Binder Sybille, Skript Wechselwirkung zwischen Ernährung und Psyche 2006, Schule für angewandte Naturheilkunde Zürich)
60
7.1.3 Die thermische Wirkung von Nahrungsmitteln auf unseren Körper
Nahrungsmittel haben die Fähigkeit, ihre Umgebungstemperatur zu beeinflussen. Sie
beeinflussen so auch unseren Körperwärmehaushalt. Zucker wirkt auf der Zunge eher kalt, Honig
süss und warm. So können Nahrungsmittel eher anregend oder abkühlend wirken.
Nahrungsmittel werden nicht nur als Nahrungsmittel angesehen, sondern können auch als
Heilmittel eingesetzt werden.
Kühlende Nahrungsmittel (z.B. Tomate, Gurke, Salz) sind eher wasserreich oder wirken durch ihre
organischen Säuren und Mineralsalze kühlend. Exotische Früchte wirken alle kühlend (Klima).
Wärmende Nahrungsmittel (z.B. Fenchel, Kürbis, Hafer) sind eher wasserarm, gewachsen in
warmen Umgebungen oder sie besitzen Inhaltsstoffe von scharf-süssem Geschmack und wirken
deshalb wärmer.
Neutrale Lebensmittel (z.B. Gerste, Hirse, Ziegenkäse) sind in der Mitte meist süsslich und haben
die Tendenz, die Mitte zu stärken, die Energie zu verteilen, ausgleichend zu wirken Sie stärken das
Qi (Lebensenergie, Lebensfluss).
7.1.4 Der 3-fach-Erwärmer und die Bedeutung auf die Ernährung
Der 3-fach-Erwärmer entspricht keinem anatomischen Organ. Laut TCM werden alle Organe
von ihm beeinflusst. Der obere Erwärmer versorgt den Brustbereich, der mittlere Erwärmer den
Bauchbereich und der untere Erwärmer die Beckenregion.
Der mittlere Erwärmer bildet die Basis in der 5-Elementen-Ernährung. Er kann direkt durch die
Ernährung gestärkt oder geschwächt werden und zeigt Wirkung auf den ganzen Organismus.
Der untere Erwärmer stellt das Holz, das Grundfeuer dar. Abwärtsbewegung, Ausscheidung,
Entschlackung, Nieren, Blase, Dickdarm erwärmen, damit sie richtig ausscheiden können. Hier
lagert die gespeicherte geerbte Lebensenergie, die vorgeburtliche Energie.
Der mittlere Erwärmer umfasst Magen, Milz, Pankreas. Die Nahrung wird gekocht. Die
Nahrungsessenzen werden aufgeteilt in den Yin- und Yang-Anteil. Dieser Erwärmer stellt den
Suppentopf dar. Dieser kommt zum Einsatz, kann geheizt werden, wenn der untere Erwärmer
funktioniert.
Im oberen Erwärmer steigt die verdaute Energie nun auf in die Brust und wird hier mit Sauerstoff
verbunden. Unter Mitwirkung von Lunge und Herz wird nun Lebenskraft gebildet, die sich im
Körper verteilt.
vgl. (Binder Sybille, Skript Ernährung nach 5 Elementen 2006, Schule für angewandte Naturheilkunde Zürich)
61
Warum ist die Thermik der Nahrungsmittel und die Auswirkung auf den 3-fachErwärmer bei Patientinnen mit Anorexie wichtig?
Aus den erwähnten Gründe der Thermik der Nahrungsmittel und die Auswirkung auf den 3-fachErwärmer würde ich es als sinnvoll erachten, wenn Patientinnen mit Anorexie ihre Mitte stärken
würden, sich wärmend ernähren könnten. Der mittlere Erwärmer wird u.a. gestärkt durch gelborange Lebensmittel wie Karotten, Kürbis, Langgekochtes wie Eintöpfe, Aufläufe, Kräutern. Rohe
ungekochte Nahrungsmittel, Blattsalate, Joghurt, alles Kühlende ist nicht zu empfehlen (siehe
Liste). Ich empfehle, möglichst oft gekochte Speisen zu essen, um genügend Energie zu
bekommen. Industriell stark verarbeitete Lebensmittel und Tiefkühlkost sind nicht
empfehlenswert, sie schwächen den Organismus und entziehen ihm zu viel Energie.
7.1.5 Die Auswirkung der Geschmäcker
Der warme, süsse Geschmack lässt nährendes, kostbares Phlegma im Körper entstehen, bringt
gutes, nährendes Yin. Der kalte, süsse Geschmack lässt hingegen zähes, schlechtes Phlegma im
Körper entstehen (z.B. alle raffinierten künstlichen Süssprodukte) Der süsse Geschmack wirkt
tonisierend, harmonisierend auf Milz und Magen, befeuchtet. Der süsse Geschmack stärkt unsere
Mitte und vor allem auch unsere Verdauung.
(z. B.: viele Obst- und Gemüsesorten wie Fenchel, Karotten, Kürbis, Kirschen, Huhn, Hirse)
Süss in Form vom weissem Zucker oder Schokolade (zähes, schlechtes Phlegma) führt aber zu
einem Energiemangel in unserem Verdauungstrakt, bildet Feuchtigkeit und Schleim und so
kommt es oft zu Müdigkeit und generellem Energiemangel. Da vor allem die AnorexiePatientinnen Schwächezustände, Substanzmangel, Anspannung, Trockenheit, Nervosität
aufweisen, würde ich der warme, süsse Geschmack mit der Auswirkung des nährenden
Phlegmas in die Mahlzeiten einbauen. Jede Mahlzeit soll aber möglichst alle fünf
Geschmacksrichtungen (sauer, bitter, süss, scharf, salzig) und auch alle fünf Farben (grün, rot,
gelb, weiss und blau/schwarz) enthalten.
vgl. (Binder Sybille, Skript Ernährung nach 5 Elementen 2006, Schule für angewandte Naturheilkunde Zürich)
7.1.6 Anthroposophische Sicht des Zuckers
Zucker fördert die Gestaltungs- und Bewusstseinsprozesse, er dient als Bewusstseinsvermittler. Er
unterstützt gemäss geisteswissenschaftlicher Sichtweise das ICH und fördert die
Bewusstseinsentfaltung. Zucker ermöglicht dem Körper Tätigkeiten auszuführen, die aus der Idee
des Körpers selber kommen. Kinder brauchen z.B. Zucker, Das ICH ist mit 28 Jahren
abgeschlossen. Zucker ist kein Ersatz für Liebe. Zucker hilft demnach, mit mir in Kontakt zu
kommen, Je raffinierter der Zucker, desto schneller. Die verschiedenen Zucker haben aus
geisteswissenschaftlicher Sicht unterschiedliche Wirkung auf die Bewusstseinsentwicklung des
Menschen.
vgl. (Binder Sybille, Skript Ernährung nach anthroposophischen Grundsätzen 2006, Schule für angewandte Naturheilkunde Zürich)
62
7.1.7 Hunger und Sättigung
Der Prozess der Nahrungsaufnahme:
Die Nahrungsaufnahme lässt sich in verschiedene Phasen unterteilen, von denen jede mit
bestimmten biologischen bzw. psychologischen Aspekten der Sättigung verbunden ist:
1. In der cephalen Phase (cephal = Hirn) besteht noch kein direkter Kontakt der Nahrung mit den
Verdauungsorganen. Sensorische Reize (optische, olfaktorische, gustatorische), die von der
Nahrung ausgehen, bewirken über das Zentralnervensystem eine Vorbereitung des Körpers für
die Nahrungsverwertung. Die Bedeutung der zephalen Phase wird dadurch unterstrichen, dass
z.B. allein der Anblick, der Geruch oder die Erwartung von Nahrung bereits 50% der maximal
möglichen Magensäuresekretion bewirken. Während dieser gesteigerten Sekretion von
Magensäure kommt es in der zephalen Phase zu einer vermehrten Freisetzung von Gastrin und
Somatostatin aus dem Magen. Zudem ist eine gesteigerte Insulinausschüttung zu beobachten.
Diese Mechanismen führen zu einem gesteigerten Hungerempfinden. So kommt es eine
bestimmte Zeit nach Beginn der Nahrungsaufnahme zur Beendigung derselben, auch wenn das
physiologische Ungleichgewicht noch nicht wieder ausgeglichen ist.
2. Die gastrale Phase (gaster = Magen gr.) ist durch Anwesenheit von Nahrungsbestandteilen im
Magen gekennzeichnet. Während dieser Phase kommt es zu weiteren Magensäuresekretion. Die
Magendehnung bewirkt auch eine verminderte Empfindlichkeit des ZNS für Geruchs- und
Geschmacksreize.
3. Während der intestinalen Phase (intestinum = Dünndarm) d.h. der Anwesenheit von Nahrung
im Darm, kommt es zu einer Freisetzung verschiedener Peptide aus der Darmschleimhaut
(Cholezystokinin CCK, Neurotensin und Somatostatin). Diese Hormone erfüllen wesentliche
Funktionen bei der Nahrungsverwertung und sind wichtige periphere Sättigungssignale. Die
Anwesenheit kleiner Nahrungsmengen im Darm führt zur Sättigung.
Biologische Faktoren:
Somit finden sich sowohl in der Peripherie als auch im Zentralnervensystem Faktoren, die auf
Hunger und Sättigung Einfluss nehmen.
Periphere Faktoren sind der
- Füllzustand des Magens
- die Menge der Nahrungsmakrobestandteile im Blut
- hormonelle Regulationsprozesse
•
Der Füllzustand des Magens scheint ein wesentlicher Faktor für das Auftreten von Hunger
zu sein (aber nicht nur, denn es konnte gezeigt werden, dass auch nach einer
Magenresektion Hungergefühle beschrieben worden sind).
•
Das Absinken der Makrobestandteile im Blut gilt ebenfalls als ein zentraler Indikator für die
Auslösung einer Hungerempfindung.
•
Von besonderer Wichtigkeit für die Regulation von Hunger und Sättigung sind periphere
hormonelle Regulationsprozesse. Dies sind die Hormone, die durch die
Nahrungsaufnahme im Verdauungstrakt freigesetzt werden und im Gehirn als
Sättigungssignale wirken. Das wichtigste ist Cholezystokinin, CKK.
63
Aber auch Hormone aus den Fettzellen des Körpers und der Bauchspeicheldrüse können
eine zentralvermittelnde Sättigung auslösen. Diese Hormone werden analog der Menge
von Körperfett freigesetzt und bewirken eine verminderte Nahrungsaufnahme.
Der Hypothalamus scheint ebenfalls eine Bedeutung auf die Hunger-SättigungsRegulation zu haben. Der lateraler Hypothalamus und der ventromediale Hypothalamus
scheinen für die Entstehung des Hungers und der Sattheit verantwortlich zu sein. Der
laterale Hypothalamus gilt als Hungerzentrum, der ventromediale Hypothalamus als
Sättigungszentrum.
Sensorische Faktoren:
Wie wir gesehen haben, spielen sensorische Faktoren eine wesentliche Rolle für Hunger und
Sättigung. Die Schmackhaftigkeit von Nahrung steht in direktem Zusammenhang mit der
hypothalamischen Kontrolle der Nahrungsaufnahme. So führt eine Läsion des Hungerzentrums
zum Einstellen der Nahrungsaufnahme, die von der Schmackhaftigkeit der dargebotenen
Nahrung abhängig ist. Je schmackhafter die Nahrung, desto schwächer ist der Appetitverlust.
Psychologische Faktoren:
Hunger und Sättigung sind im Wesentlichen emotionale und kognitive Prozesse. Diese führen zu
einer selektiven Aufmerksamkeit für Nahrungsreize und einer intensiveren Verarbeitung dieser
Reize, einer erhöhte Fixierung, die sich einer vermehrten gedanklichen Beschäftigung mit
Nahrungsreizen niederschlägt. Sättigung führt dazu, dass die selektive Aufmerksamkeit
zurückgeht. Diese kognitiven Prozesse sind der bewussten Erfahrung nicht zugänglich.
Bei vielen Essgestörten besteht zusätzlich eine starke kognitive Fixierung auf den eigenen Körper
und das Aussehen. So zeichnen sich diese Patientinnen durch den fehlenden Rückgang der
kognitiven Fixierung auf Nahrungsreize nach Nahrungsaufnahme aus. Dies ist ein typisches
Merkmal bei essgestörten Patientinnen und wahrscheinlich für die Entstehung und
Aufrechterhaltung der Essstörung mitverantwortlich.
Heisshunger:
Der so genannte Heisshunger unterscheidet sich von normalen Hungergefühlen durch einen
plötzlich einsetzenden extremen Drang nach sofortiger Nahrungsaufnahme, wo körperliche
Symptome wie Zittern und Schweissausbrüche hinzukommen können (Unterzuckerung). Häufig
besteht ein starkes Verlangen nach Süssem oder nach bestimmten Nahrungsmitteln, die
während normalen Essphasen gemieden werden. Die Patientinnen essen meist leicht
zugängliche, ohne Zubereitungsaufwand, verzehrfähige Lebensmittel, kohlehydratreich und
fettreich. Psychisch bedingter Heisshunger wird nicht durch einen körperlichen Bedarf, sondern
häufig durch Stress, negative Emotionen, Langeweile, Frustration, Ärger und Wut begünstigt.
vgl. (Pietrowsky Reinhard, Handbuch Essstörungen 2008)
64
7.1.8 Der Kauvorgang – Akt des Zerkleinerns – Akt der Aggression
Jeder von uns weiss, dass schlecht gekaute oder herunter geschlungene Nahrung
Magenschmerzen verursachen kann und schwer verdaulich ist.
Die Zähne und das Kauen stehen für Aggression.
Wenn der Akt des Zerkleinerns, also ein Akt der Aggression nicht stattfindet, z.B. während einer
Essattacke, wo die Nahrung möglichst schnell herunter geschlungen wird, wird dann diese nicht
stattgefundene Aggression in Form von Erbrechen, Laxantiengebrauch, „nachgeholt“?
Langsames Kauen, gutes Kauen und Einspeicheln der Nahrung würde Ruhe in die Mahlzeit
bringen, durch ausgiebiges und gründliches Kauen schmeckt ein Brot plötzlich süss. Die
aufgespaltenen Enzyme aus dem Speichel zerlegen den Brothappen in seine Bausteine,
vorallem in Stärke und Zucker. Kauen ist für die Verarbeitung und Verwertung der Nahrung
enorm wichtig und hat eine Wirkung auf die Insulinausschüttung. Je besser der Zucker durch
sorgfältiges Kauen schon in seine Bestandteile zerlegt ist, umso weniger Insulin wird benötigt, um
diesen in die Zelle einzuschleusen. Braucht der Körper bei den Mahlzeiten weniger Insulin, kommt
es seltener zu starken Blutzuckerschwankungen. Weil der Blutzucker weniger schwankt, gibt es
weniger Heisshungerattacken.
vgl. (Egli Rahel, Beyeler Ronny, Diplomarbeit die Seele durch unsere Organe 2008)
Merksätze zur Esskultur (nicht nur für Menschen mit einer Essstörung):
Nimm Dir Zeit für das Essen.
Richte die Speisen appetitlich an. Iss am freundlich gedeckten Tisch.
Nimm in Dankbarkeit „Dein täglich Brot“ zu Dir.
Nimm nur kleine Bissen in den Mund.
Kaue sorgfältig und speichle jeden Bissen ausgiebig ein.
Gut gekaut ist halb verdaut.
Geniesse jeden Bissen.
Iss in Stille, Behaglichkeit und Muse.
Konzentriere Dich nur auf das Essen.
Betrachte die Aufnahme und Umwandlung von Speisen in Körpersubstanz als Wunder.
Verschiebe ausgiebige Gespräche, Zeitungslesen, Fernsehen auf später.
65
7.2 Phytotherapeutische Möglichkeiten bei Essstörungen
Tausendgüldenkraut:
Es fördert den Appetit, bekämpft Magersucht und heilt verschiedene Magenleiden. Das
Tausendgüldenkraut gilt seit dem Altertum als wirksames Heilmittel. Die kleine Pflanze schmeckt
äusserst bitter und genau darin liegt ihre Stärke.
Bittere Schönheit
Das heute eher unbekannte Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) wurde als Heilpflanze
bereits im Altertum von Aristoteles, Hippokrates und Plinius als wirksames Mittel gegen
Magenleiden beschrieben. Die wunderschöne Pflanze ist nicht immer leicht anzutreffen, denn
sie wächst im dichten Gras scheinbar im Verborgenen. Früh morgens wenn die Sonne scheint,
beginnen sich die hübschen Blüten zu öffnen. Dann tummelt sich eine Vielzahl von Faltern um sie
herum, die sie bestäuben. Die schön anzuschauenden «fliegenden Edelsteine» werden in der
Blütezeit zwischen Juli und Oktober wie magisch von ihrem Nektar angelockt. Das echte
Tausendgüldenkraut gehört zu den streng geschützten Pflanzen, sie sollte daher nicht
gesammelt, sondern aus Drogerien und Apotheken bezogen werden. Diese Arzneidroge stammt
aus Importen der Länder Marokko, Bulgarien und Ungarn. Als Alternative zum Sammeln ist ihr
Saatgut im Handel erhältlich, so dass die Pflanze auch im eigenen Kräutergarten angebaut
werden kann.
Chiron ein Doppelwesen...
Die hübsche Pflanze verdankt seinen Namen dem heilkundigen Chiron, der aus der Familie der
Centauren stammte. Er war der Sohn der Nymphe Phylira und des Titanen Kronos. Aus dieser
Verbindung entstand Chiron, ein Doppelwesen zwischen Pferd und Mensch. Chirons Kenntnisse
66
in der Arzneikunde waren unübertroffen gut, nach Homer war er der erste, der über die Pflanzen
und speziell auch über das Tausendgüldenkraut lehrte. Er lebte in einer Höhle im Peliongebirge in
Nordgriechenland, von wo er auch den bekannten Helden Herakles, Asklepios (Äskulap), Jason
und Achilles seine Kenntnisse weiter vermittelte.
...zwischen Pferd und Mensch
Chiron verkörpert als Doppelwesen zum einen das geistig-göttliche und zum anderen auch das
erdhafte Element mit seinen Instinkten und Bedürfnissen. Es symbolisiert sozusagen den Zwiespalt
des menschlichen Daseins, in dem einerseits das Streben nach Höherem und andererseits
natürliche Triebe zum Ausdruck kommen.
Das Tausendgüldenkraut wächst nicht wie ihr Bruder der Enzian in höheren Gefilden, sondern in
Niederungen an Waldlichtungen, Wegrändern und im Grasland. Sie hat sich vom Standort der
Familie gelöst und andernorts angesiedelt. Im hohen Gras wächst sie im Gegensatz zum Enzian
im Verborgenen und kann auf Anhieb nicht so leicht entdeckt werden wie ihr Bruder, der meist
auf Bergweiden anzutreffen ist. Der Stängel des Tausendgüldenkrautes hat sich seiner
Umgebung angepasst und ist im Verhältnis zu den zarten Blüten vierkantig, zäh und robust.
Dieser grobe Gegensatz zwischen den leuchtendfarbenen zarten Blüten und dem groben
Stängel bildet die Brücke zwischen dem geistigen und erdhaften Element, wie es bei Chiron dem
Doppelwesen beschrieben wird.
... aus hundert mach tausend…1000 Gulden für eine gute Verdauung
Bezüglich des lateinischen Namens „Centaurea“ ergibt sich noch eine weitere Deutungsweise.
„Centum“ heisst „Hundert“ und „Aurum“ heisst „Gold“. Daraus entwickelte sich das
„Hundertguldenkraut. Ab dem 15. Jahrhundert wurde es in Tausendgüldenkraut umbenannt. In
67
der Volksheilkunde bezeichneten die Menschen das Kraut als Kraftpflanze. So wurden ihr wie
vielen anderen rotblühenden Pflanzen übernatürliche Kräfte zugeschrieben. In alten
Kräuterbüchern ist deshalb oft von dem „roten Aurin“ oder dem „wilden Laurin“ die Rede. Aber
auch andere Namen wie Aderntee, Gallen-, Magen- oder Bitterkraut deuten auf Eigenschaften
der Pflanze hin.
Bittere Pflanzeninhaltsstoffe (die Blüten erreichen einen Bitterwert von 12000) bringen alle
Verdauungssäfte ins Fliessen. Sie vermehren den Speichelfluss, lassen also das sprichwörtliche
Wasser im Mund zusammenlaufen, regen die Magensaftproduktion und den Gallenfluss an,
fördern die Sekretion der Darmdrüsen sowie von Verdauungsenzymen aus der
Bauchspeicheldrüse. Daher beschleunigen Bitterstoffe die Verdauung und sorgen darüber
hinaus für eine effektivere Nahrungsverwertung. Durch die raschere Darmpassage verhindern sie
auch Fäulnisprozesse im Darm und wirken Blähungen entgegen. Redensarten wie „bitter macht
das Herz froh“ oder Begriffe wie die „bittere Entscheidung“ deuten darüber hinaus eine
Heilwirkung auf die Psyche an.
„Je kränker der Mensch, desto bitterer sollte die Arznei sein“, denn Bitterstoffdrogen stärken
nicht nur die Verdauungsorgane, den Stoffwechsel und das Immunsystem, sondern füllen
langfristig auch die Lebensenergie wieder auf. Man könnte auch von einer erwärmenden
Wirkung auf Verdauung, Stoffwechsel und Lebenskraft sprechen.
Ebendiese erkannte Paracelsus an den Blüten: Es ist die Ordnung der Farben zu beachten, die
die Natur der Dinge anzeigen, wie Centaurea, die rot ist, daher ist sie von einer heissen Natur.
Anwendungsgebiete von Bitterstoffdrogen:
•
•
•
•
•
•
•
•
•
Appetitmangel
Völlegefühl
Verdauungsschwäche
Verstopfungsneigung
Blutarmut
Erschöpfungszustände
Rekonvaleszenz
Fettverdauungsstörungen
Sodbrennen
68
… was könnte da bessere Indikationen aufweisen als diejenigen der Anorexia nervosa? So wird
in verschiedenen Büchern und Heilkundigen das Tausendgüldenkraut als DIE Pflanze bei
Anorexie beschrieben.
Rippe Olaf, Madeysky Margret, Die Kräuterkunde des Paracelsus 2006
Bäumler Siegfried, Heilpflanzen Praxis Heute, 2007
Anwendungen:
Tausendgüldenkraut- Tee
Man übergiesst 1 gehäuften Teelöffel zerschnittenes Kraut mit einem ¼ lt. kaltem
Wasser und zieht es unter gelegentlichem rühren 7- 10 h aus, siebt ihn ab und erwärmt
ihn auf Trinktemperatur. Der Tee sollte vor den Mahlzeiten getrunken werden und über
längere Zeit.
Da dieser Tee aber sehr bitter ist und umständlich in seiner Aufbereitung, vor allem
aber auch weil ich von der besseren Wirkung der Ceres Urtinkturen überzeugt bin,
würde ich diese Anwendung empfehlen:
Tausendgüldenkraut-Urtinktur von Ceres: www.ceresheilmittel.ch
Dosierung der wesenhaften Urtinktur:
1-3 x täglich 2 – 5 Tropfen vor oder nach der Mahlzeit in etwas Wasser im Mund zergehen lassen.
Die Dauer der Anwendung muss der Patientin angepasst werden.
Weitere mögliche Heilpflanzen zur Unterstützung und Begleitung der Essstörung:
Wermut, Wegwarte, Gelber Enzian, Löwenzahn, Kalmus:
Weitere Bitterstoffdrogen wie Wermut, Wegwarte, Gelber Enzian, Löwenzahn, Kalmus könnten
sicherlich eine Alternative bei Essstörungen sein, weil sie, wie oben beschrieben, nicht allein
vielfältige Wirkungen auf den Verdauungstrakt haben, sondern eben auch „Lust aufs Leben“
machen und den ganzen Menschen in Schwung bringen.
Gänseblümchen:
Keine Bitterstoffdroge ist das Gänseblümchen, aber könnte je nach Patientin indiziert sein. Es ist
besonders angezeigt bei Verletzungen, die mit dem Gefühl einhergehen, Unrecht erlitten zu
haben, egal, ob rein subjektive Wahrnehmung oder objektiv erlittene Gewaltanwendung. Da
denke ich vorallem an junge, mädchenhafte Anorektikerinnen, die sich nicht zur Frau entwickeln
wollen und können und sexuelle Übergriffe ertragen mussten.
Weitere Anwendungsgebiete des Gänseblümchens sind, wenn man dem eigenen Körper
Unrecht angetan hat, indem man ihm eine Verletzung angetan hat. Bei der Komorbidität haben
wir gesehen, dass selbstverletzende Verhalten bei essgestörten Patientinnen immer wieder
vorkommen. Das muss im Extremfall nicht nur Ritzen, Brennen sein, auch Bulimikerinnen können
eigene an sich ausgeführte Aggression und Gewalt nennen.
Kamille:
Die Kamille vermittelt ein Gefühl mütterlicher Geborgenheit, indem sie eine übersteigerte innere
oder äussere Sinnesempfindlichkeit dämpft. Bei einer gesteigerten Sinnesempfindlichkeit
erscheinen Mitmenschen, Situationen und Umwelt sowie der eigene Körper in einem grellen,
übertriebenen Bild. Dann fühlt man sich angreifbar und ungeborgen, man ist
69
schmerzempfindlich, reizbar. Kamille vermittelt eine ruhevolle Sanftheit. Den AnorexiePatientinnen fehlt oft der Schutzmantel, sie wirken sehr zerbrechlich und verloren,
orientierungslos. Vielleicht ist dann gerade Kamille das Mittel der Wahl, wenn einem die Patientin
noch etwas zur Mutter-Tochter-Beziehung verrät.
Johanniskraut:
Johanniskraut hat von allen Heilpflanzen die stärkste Beziehung zum Licht. Die zur Zeit der
Sommersonnenwende blühende Pflanze fördert die Aufnahme und Speicherung von Licht und
dessen Umwandlung in Nervenkraft. Licht ist eine essenzielle Energiequelle für die Nerven, die
Schnittstelle zwischen Körper und Seele. Wer zu wenig aus dieser Quelle schöpfen kann, wird
trübsinnig und depressiv. Johanniskraut ist auch bei Verletzungen von Körper und Seele
angezeigt. Depressionen als Folge erlittener physischer und psychischer Verletzungen und
Kränkungen werden erfolgreich behandelt.
Lavendel:
Der Lavendel ist eine grosse Seelenpflanze. Der botanische Namen bringt deren Wirkung vor
allem auf seelischer Ebene zum Ausdruck: Lavendel – lavare – waschen. Lavendel wirkt klärend
und beseelend. Die Klärung bringt Ruhe und Nervenkraft. Dies erleichtert einerseits die Bejahung
des persönlichen Schicksalswegs und fördert andernseits die Aufnahmebereitschaft für die
Anforderungen der nächsten Stufe. Lavendel hat die Kraft, den Menschen aufzurichten und die
Seele zu öffnen. Er bringt seelische Klarheit, innere Ruhe und lenkt das Bewusstsein auf
Lebensbereiche und Beziehungen, die zu bereinigen sind, in denen Klarheit geschaffen werden
soll. Menschen, die immer wieder seelische Krisen erleben, denen gibt Lavendel den Anstoss und
die Möglichkeit, eine Hülle zu bilden. Als mütterliches Wesen nimmt er den Menschen liebevoll
an die Hand. Lavendel ist indiziert bei psychovegetativ labilen Zuständen, bei denen Nervosität,
verbunden mit Magenschwäche im Vordergrund stehen.
Melisse:
Die Melisse hilft bei vielen Beschwerden im Bereich der Nerven, des Herzens und der
Verdauungsorgane. Er gehört zum Menschen, der die kleinsten Unannehmlichkeiten des Lebens
als hart und störend empfindet. Ein grosses Harmoniebedürfnis zeichnet ihn aus. Er liebt alles
Schöne, Zarte, Ebenmässige, Liebliche. Kleine Unpässlichkeiten trüben sein Lebensgefühl, er
braucht viel Zuwendung.
Rippe Olaf, Madeysky Margret, Die Kräuterkunde des Paracelsus 2006
Bäumler Siegfried, Heilpflanzen Praxis Heute, 2007
Kalbermatten Roger, Wesen und Signatur der Heilpflanzen 2005
Welches ist das Mittel der Wahl?
Bei der Wahl der Heilpflanze suche ich demnach nicht „nur“ nach den bestehenden
körperlichen Symptomen und Indikationen, sondern berücksichtige vor allem das Wesen der
Pflanze, die mit der inneren Beziehung und dem seelischen Zustand der Patientin übereinstimmt.
70
7.3 Humoralmedizinsche Sicht der Krankheit
Die vier Temperamente:
Die fast 2500 Jahre alte Temperamentenlehre kategorisiert Menschen nach ihrer
Grundwesensart. Sie geht auf die Humoralpathologie (Viersäftelehre) zurück, die Hippokrates
von Kós (griech. Arzt, 460–375 v. Chr.) zugeschrieben wird. Je nach Vorherrschaft einer der vier
Körpersäfte (gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim, Blut) bildet sich das damit verbundene
Temperament besonders hervor.
Choleriker
Melancholiker
Phlegmatiker
Sanguiniker
Ein Choleriker ist die perfekte Führungsperson. Er ist willensstark, versteht es sich durchzusetzen
und sprüht nur so vor Ehrgeiz. Er trifft schnell und sicher Entscheidungen, lässt sich nicht
entmutigen und erreicht somit seine Ziele meistens. Choleriker denken praktisch und haben
oft wenig Gespür für die Nöte anderer Menschen. Sie nutzen Mitmenschen aus und meinen,
Freunde sind nicht allzu wichtig. Cholerikern fällt es schwer sich auszuruhen und nichts zu tun.
Sie sind dominant, manchmal auch streitsüchtig und fanatisch.
Wenn ein Melancholiker eine Party betritt wird er sich unauffällig verhalten und versuchen
niemandem Anlass zu geben, etwas Schlechtes über ihn zu denken. Eine gedankenlose Aussage
eines Sanguinikers nimmt er sich oft so zu Herzen, dass er in Depressionen verfällt und sich
weigert, darüber zu reden. Wenn man einem Melancholiker ein Kompliment macht, fällt es ihm
schwer, es anzunehmen, er wirkt ziemlich bescheiden. Er plant sehr genau und wenn er was
anfängt, beendet er es meistens perfekt. Melancholiker sind kritisch eingestellt,
meistens mit sich und ihren erledigten Aufgaben nicht zufrieden, weil nichts gut genug ist. Die
meisten Genies, Ingenieure, Erfinder und Wissenschaftler sind Melancholiker.
Wenn ein Phlegmatiker eine Party betritt, wird er innerlich darüber lachen, dass sich so viele
Leute die Mühe gemacht haben, sich bei einer solch unwichtigen Zusammenkunft zu
versammeln. Phlegmatiker sind friedliebend und meistens mit allem so zufrieden, wie es gerade
ist. Sie sind ruhig und zuverlässig. Es macht ihnen nichts aus, ständig die gleiche Arbeit zu
erledigen, an die sie sich schon gewöhnt haben. Es begeistert sie nicht allzu sehr, jeden Tag vor
neue Probleme gestellt zu werden, die es erforderlich machen, umzudenken.
Ein Phlegmatiker ist ein guter Diplomat, da er sehr gutmütig ist und mit anderen super auskommt.
Leider sind sie auch schwer zu begeistern. Sie brauchen Druck um schnell zu arbeiten, da es in
ihrer Natur liegt möglichst wenig zu tun.
Sanguiniker lieben es sich zu unterhalten, wobei sie oft mit Händen fuchteln, um ihre Geschichte
auszuschmücken. Auf einer Party rennen sie von Gruppe zu Gruppe um möglichst viel los zu
werden und im Mittelpunkt zu stehen. Wenn er doch mal ruhig sitzt, wird er immer wippen oder
mit den Fingern trommeln. Er lebt in der Gegenwart, sorgt sich auch um die Zukunft nicht, was
dazu führt dass man sich mit ihm nie langweilt. Freundschaften mit Sanguinikern sind jedoch oft
71
oberflächlich, er ist nicht zuverlässlich und vergisst oft seine Verabredungen, weil er total
unorganisiert ist. Sanguiniker können unverschämt sein und andere verletzen, ohne es selbst zu
merken.
www.temperamentenlehre.de
um eigenes Temperament zu eruieren ☺
Der in der individuellen Säftemischung dominierende Saft gibt der Gesamtmischung ihre
besondere Prägung. Beim
•
•
•
•
Melancholiker
Sanguiniker
Phlegmatiker
Choleriker
Element Erde
Element Luft
Element Wasser
Element Feuer
überwiegt schwarze Galle
überwiegt Blut
überwiegt Schleim
überwiegt gelbe Galle
Das Element Erde:
Bei Patientinnen mit Anorexie ist sehr häufig das Element Erde anzutreffen. Die Melancholie, die
Traurigkeit ist den Frauen stark ins Gesicht geschrieben. Sie wirken oft ausgemergelt und
trocken, vertragen keine Reize, tendieren zu schleichenden und progressiven Leiden. Bei einem
Übermass an Erde besteht ein Mangel an Luft. Deshalb sollte der Melancholiker auch immer
wieder mit Reizen des Sanguinikers konfrontiert werden. Dies kann u.a. in Form von
Nahrungsmitteln, Heilpflanzen, Ordnungstherapie geschehen.
Die Fruchtbarkeitsgöttin Persephone
verkörpert das Element Erde
(für mich hat sie verblüffend ähnliche Gesichtszüge
mit jenen der Anorektikerin)
72
7.4 Persönliche Originalbiographien der Patientinnen
Diese Schreiben stehen online nicht zur Verfügung.
73
8. Literaturverzeichnis/Internetadressen
Bauer Joachim, 5. Auflage 2005
Das Gedächtnis des Körpers
Bäumler Siegfried
Heilpflanzen Praxis Heute 2007
Bierbach Elvira
Naturheilpraxis Heute, 3. Auflage 2006
Binder Sybille
Skript Ernährung nach anthroposophischen Grundsätzen 2006
Schule für angewandte Naturheilkunde Zürich
Binder Sybille
Skript Ernährung nach 5 Elementen 2006
Schule für angewandte Naturheilkunde Zürich
Binder Sybille
Skript Wechselwirkung zwischen Ernährung und Psyche 2006
Schule für angewandte Naturheilkunde Zürich
Brunner Romuald, Resch Franz
Handbuch Essstörungen 2008
Caldwell Christine
Hol Dir Deinen Körper zurück 1997
de Gruyter Walter
Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 259. Auflage, 2002
Egli Rahel, Beyeler Ronny
Diplomarbeit: Die Seele durch unsere Organe 2008
Ferronato Natale
Praxis der Pathophysiognomik 2008
Forster Julia
Körperzufriedenheit und Körpertherapie bei essgestörten Frauen 2002
Herpertz Stephan, de Zwaan Martina, Zipfel Stephan
Handbuch Essstörungen 2008
Honold Brigitte
Skript Ernährungslehre/Diätetik 2006
Schule für angewandte Naturheilkunde, Zürich
Kalbermatten Roger
Wesen und Signatur der Heilpflanzen, 4. Auflage 2005
Karwautz Andreas, Wagner Gudrun
Handbuch Essstörungen 2008
Kolster Bernard C,
Wirkprinzipen der Massage 2006
Madejsky Margret
Lexikon der Frauenkräuter 2008
Marquardt Hanne
Praktisches Lehrbuch der Reflexzonentherapie am Fuss, 8. Auflage
Pietrowsky Reinhard
Handbuch Essstörungen 2008
Rippe Olaf, Madejsky Margret
Die Kräuterkunde des Paracelsus 2006
Rytz Thea
Bei sich und in Kontakt, 2. Auflage 2007
Schweiger Ulrich
Handbuch Essstörungen 2008
Tages-Anzeiger
Magersüchtige bauen auch Gehirnmasse ab
1.6.2010
Teufel Martin und Zipfel Stephan
Handbuch Essstörungen 2008
Toman Erika
74
Bulimie und das Unverdaubare 2002
Berner Schriftenreihe Download [pdf]
Volk Peter
Skript manuelle Lymphdrainage und Ödemtherapie 2009
Zipfel Stephan, Löwe Bernd, Herzog Wolfgang
Handbuch Essstörungen 2008
Zipfel Stephan, Löwe Bernd, Herzog Wolfgang, Quadflieg Norbert, Fichter Manfred
Handbuch Essstörungen 2008
Internetadressen:
www.aes.ch
(Arbeitsgruppe Essstörungen Schweiz)
www.allgemeine-zeitung.de/nachrichten/print_7060074.htm
www.ceresheilmittel.ch
www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2010/block-f50-f59.htm
www.eating-disorder.com
www.essstoerung.ch
(Zentrum für Menschen mit Essstörungen)
www.focus.de
www.focus.de/gesundheit/news/medizin-1-archivdokument-2-teile-haut-sache-liebe_aid_164085.html
www.haptik-labor.de
www.kindertagesmutti.de
www.koerperwelten.com
www.magersucht.com
(Netzwerk Essstörungen)
www.netzwerk-essstörungen.ch
www.neuro24.de
www.nzzfolio.ch/.../74b5eae1-59a0-49fa-a12d-612ccfb9ce04.aspx www.pepinfo.ch
(Prävention Essstörungen Praxisnah)
www.psychotherapie.davos.ch
www.promente-jugend.at/xedaq/src/uploads/docs/443.pdf
www.sf.tv/sfwissen/dossier.php?docid=10565&navpath=ges
www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Leichte-Mädchen-mit-schweren-Problemen
www.temperamentenlehre.de
www.wochenblatt.es/1000004/1000003/0/.../article.html
www.zeit.de/2004/11/M-Magersucht
www6.miami.edu/touch-research/
75
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