close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

FRP Working Paper 05/2011 Sind die fetten Jahre vorbei? Wie die

EinbettenHerunterladen
FRP Working Paper 05/2011
Sind die fetten Jahre vorbei?
Wie die „Konsummaschinerie“ Weltprobleme
produziert – und warum sie nicht vom Verbraucher allein neu justiert werden kann
von Alexandra Bürger
Mai 2011
Bürger, Alexandra:
Sind die fetten Jahre vorbei? Wie die „Konsummaschinerie“ Weltprobleme produziert – und warum sie nicht vom Verbraucher allein neu justiert werden kann
Regensburg: Mai 2011
(Working Papers des Forums Regensburger Politikwissenschaftler –
FRP Working Paper 05/2011)
Das Forum Regensburger Politikwissenschaftler (FRP) ist eine Initiative des Mittelbaus des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Regensburg. Es versteht sich als Diskussionsplattform
für Politikwissenschaftler aller Teildisziplinen und publiziert online Working Papers zu politikwissenschaftlich relevanten Themen. Ziel der Beiträge ist es, auf Basis theoretischer Reflexion
und unter Bezugnahme auf aktuelle akademische Debatten originelle Positionen, Erkenntnisse
und Problemlösungsvorschläge in einem Format zu präsentieren, das die Profile und Kompetenzen der Politikwissenschaft für eine breitere Öffentlichkeit transparent macht.
Jede Nummer erscheint in elektronischer Version unter
http://www.regensburger-politikwissenschaftler.de
Forum Regensburger Politikwissenschaftler
Institut für Politikwissenschaft, Universität Regensburg
Universitätsstraße 31, D-93053 Regensburg
E-mail: redaktion@regensburger-politikwissenschaftler.de
Homepage: www.regensburger-politikwissenschaftler.de
Herausgeber: Henrik Gast, Oliver Hidalgo, Herbert Maier
Redaktion: Alexandra Bürger, Herbert Maier, Stephanie Rübenach
FRP Working Paper 05/2011
www.regensburger-politikwissenschaftler.de
Zwei Zeitungsmeldungen im April 2011: „Neue Kontrollen sollen Flüchtlinge aufhalten. Paris
und Rom wollen Schengen-Abkommen ändern“ (SZ vom 27.04.). „Weniger Autos sind natürlich
besser als mehr“ (Winfried Kretschmann, seit Mai erster grüner Ministerpräsident, BamS vom
24.04.). Auf den ersten Blick scheinen diese Berichte nichts miteinander zu tun zu haben. Und
dennoch markieren sie die beiden Pole eines globalen Schlüsselproblems, das sich wie folgt umschreiben lässt: Die Menschen der westlichen Welt verbrauchen mehr Ressourcen als die Erde
hergibt, weil sie zuviel konsumieren. Ganz abgesehen von den philosophischen Implikationen
der Maxime: „Ich kaufe, also bin ich“1 ergibt sich daraus eine fatale Kettenreaktion: Umweltzerstörung, Migration, Energiekrise, Rohstoffmangel, Klimawandel.
Wenn aber die Überflussgesellschaft nicht nur zu viele Produkte und Müllberge, sondern auch
weltumspannende Probleme produziert, dann scheint die Lösung klar – unser Wirtschaftssystem
muss nachhaltiger werden. Dass das nicht ganz so einfach ist, weil unser Wohlstand auf einer
ständig wachsenden Wirtschaft fußt, zeigen weitere Meldungen aus dem April: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier wirft dem Grünenpolitiker Kretschmann vor, wirtschaftspolitisch
unklug zu handeln und lädt die baden-württembergische Autokonzerne ein, in Hessen zu investieren (Handelsblatt vom 25.04.). Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) preist den
privaten Konsum als „entscheidende Stütze“ für den Aufschwung in Deutschland (Spiegel online
vom 27.04.). Shoppen scheint zur „staatsbürgerlichen Pflicht“ geworden, denn der private Konsum kurbelt die Wirtschaft an, sorgt für höhere Steuereinnahmen und damit letztlich für unseren
Wohlstand (Spiegel vom 13.12.2010).
Weil die an kurzen Wahlperioden orientierte Politik aus der Perspektive vieler Beobachter im
Widerspruch zu nachhaltiger Politik2 stehe, soll es der Konsument alleine richten – indem er ökologisch korrekt einkauft und die Konzerne damit quasi zu mehr Umweltbewusstsein zwingt. Die
täglichen Kaufentscheidungen der Verbraucher seien deshalb sogar wirkungsvoller als der Gang
zur Wahlurne (Hertz 2002). Aufzubringen sei die „ethische Kraft zur Selbstbeschränkung“, was
bedeutet, dass die Konsumenten „um der Zukunft ihrer Kindern willen auf das eine oder andere
verzichten sollen, was nicht lebensnotwendig ist“ (Glück 2010: 21). Fraglich aber ist nicht nur,
woher wir die Kraft dazu nehmen (ebd.). Um die Probleme zu lösen, braucht es zudem ein Zusammenwirken von Mikro- und Makroebene, wie dieses Arbeitspapier erklären will. Doch zunächst einmal soll skizziert werden, warum übermäßiger Konsum ein globales Problem darstellt.
1. Exzessiver Konsum als Weltproblem
Bereits 1972 warnten die Ökonomen des Club of Rome vor den „limits of growth“: Die Ökosysteme der Welt seien nur begrenzt belastbar, weshalb es ohne hohe Risiken für Mensch und Umwelt kein unbegrenztes Wachstum geben könne. Diese Warnung wurde ignoriert, wie folgende
Zahlen illustrieren: Allein im Jahr 2008 verkauften sich weltweit 68 Millionen Fahrzeuge, 85 Millionen Kühlschränke, 297 Millionen Computer und 1,2 Milliarden Mobiltelefone, mehr als 30 Billionen Dollar gaben die Menschen für Waren und Dienstleistungen aus – 28 Prozent mehr als
1996 und sechsmal so viel wie 1960, obwohl die Weltbevölkerung seit damals nur um das
1
2
Motto eines ARTE-Themenabends am 29.06.2010.
„Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und
Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das
andere nicht zu haben“ (Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung).
–1–
Alexandra Bürger
Sind die fetten Jahre vorbei?
2,2fache gestiegen ist. Das heißt: Wir konsumieren beinahe dreimal so viel wie noch vor 50 Jahren (worldwatch, Bericht Zur Lage der Welt 2010). Ein Grund dafür: Das Einkommen der Menschen im Westen ist kontinuierlich gestiegen und mit ihm die Ausgaben der Unternehmen für
Werbung,3 die viele Produkte symbolisch auflud: „Brands, styles, and exclusivity are used to
convey social status, construct identity, and differantiate from or join with others (Schor 2010:
27). Wir kaufen nicht nur mehr Produkte als je zuvor, wir tauschen sie auch immer schneller aus
– nicht etwa, weil sie kaputt sind, sondern weil zu günstigen Preisen endlos neue Varianten locken, die vorherige Modelle veraltet erscheinen lassen. Mehr Konsum bedeutet zugleich, dass
immer mehr fossile Brennstoffe, Mineralien und Metalle gebraucht werden, pro Jahr 60 Milliarden Tonnen (Assadourian 2010). Dabei gilt: Je entwickelter ein Land, desto mehr Ressourcen benötigt es, allen voran die USA. Würden alle Menschen so viele Ressourcen verbrauchen wie die
US-Amerikaner, könnte die Erde nur 1,4 Milliarden Menschen ernähren (ebd.) – obwohl sie bereits jetzt fast sieben Milliarden zählt.4 Dieser Konsumismus, der längst auch in Europa vorherrscht, hat globale Auswirkungen:
Wie viele funktionstüchtige Handys hat ein durchschnittlicher Bundesbürger zu Hause liegen?
Weil alle zwei Jahre mit der Verlängerung des Mobilfunkvertrags ein neues Handy lockt, werden
Mobiltelefone zunehmend zu einem Wegwerfprodukt. In jedem von ihnen (sowie in der Elektronik von Laptops, Videokameras, Spielekonsolen, Computerchips usw.) steckt das Roherz
Coltan, das in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) sehr einfach abzubauen ist. Dort
wurde der Rohstoff mit dem einsetzenden Handy- und Elektronik-Boom im Westen zum „Conflict Coltan“, weil er nicht nur den Kampf der Bürgerkriegsparteien des Landes finanzierte, sondern bis heute auch zahllose ökologische und soziale Folgewirkungen mit sich bringt. Im Zusammenhang mit dem Abbau des Erzes berichten Beobachter über Zwangs- und Kinderarbeit,
Mord und Massenvergewaltigung sowie über die Tötung von Berggorillas, weil sich in deren letzten Rückzugsgebieten Coltanvorräte befinden. Laut eines Berichts der Vereinten Nationen bezogen auch Firmen mit Sitz in Deutschland, Belgien, England, Holland und der Schweiz kongolesische Mineralien (UN 2001: Annex 1). Drastisch ausgedrückt: „For the sake of our electronic toys,
guerrillas were getting rich, gorillas were getting slaughtered and the local people were getting
paid next to nothing to ruin their country's environment“ (New York Times, 12.08.2001). An den
Machtkämpfen um den Ressourcenreichtum beteiligten sich auch Armee-Einheiten aus sieben afrikanischen Staaten und viele Rebellengruppen, weshalb der Krieg im Kongo zum „Ersten afrikanischen Weltkrieg“ (1996-2003) eskalierte (Lambach 2010). Trotz der Boykott-Aufrufe der UN
sollen Rohstoffhändler keine Probleme haben, weiter illegales Coltan aus dem Krisengebiet an
belgische Firmen zu verkaufen, so eine ZDF-Reportage aus dem Jahr 2008 (20.08.2008).
Hinzu zu den schwierigen Lebensbedingungen in solchen „failing states“ wie dem Kongo, in
denen Menschenrechte faktisch kaum existieren, kommen die Folgen des Klimawandels, den
nach Stand der Wissenschaft5 die Industrieländer verursacht haben und der u.a. Wirbelstürme,
Überschwemmungen und Dürre6 mit sich bringt. Gesellschaftsgruppen aber, die beispielsweise
von Wassermangel betroffen sind, könnten versuchen, ihre Ziele mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen, wodurch das politische System eines Staates genauso unter Druck geraten kann wie
Rund 6.000 Werbebotschaften ist ein Durchschnittsdeutscher täglich ausgesetzt (Spiegel vom 13.12.2010).
Siehe Weltbevölkerungsuhr, http://www.weltbevoelkerung.de/info-service/weltbevoelkerungsuhr.php?navid=3.
5 Nach einer US-Studie gehen 97 Prozent aller Klimatologen weltweit davon aus, dass sich die Erde durch von Menschen produzierte Treibhausgase erwärmt (Spiegel vom 04.10.2010: 145).
6 Nach Angaben des weltgrößten Rückversicherers Munich Re hat sich seit 1970 die Zahl der großen Naturkatastrophen verdreifacht (SZ vom 30.11.2010).
3
4
-2-
FRP Working Paper 05/2011
www.regensburger-politikwissenschaftler.de
durch die Folgen extremer Wetterereignisse (Richert 2009: 11). Die Kombination dieser Faktoren
führt dazu, dass Menschen ihre Heimat verlassen, weil sie sich anderswo ein besseres Leben erhoffen – etwa in europäischen Ländern, was uns zu unserer ersten Zeitungsmeldung zurückbringt.
Jeder Aspekt des modernen Konsumzeitalters, „manufacturing, traveling, heating, cooling,
burning, eating“ (Dauvergne 2008: 21), verschlingt fossile Ressourcen und produziert Treibhausgase, die das Klima verändern. Ein Blick auf die Nahrungsmittelproduktion: 80 Prozent der Urwälder der Erde sind in den letzten Jahrzehnten abgeholzt worden. Jedes Jahr verschwindet nicht
nur weiter eine Fläche so groß wie Griechenland, sondern damit auch der wichtigste Kohlenstoff-Speicher der Welt. „Bis zu 20 Prozent der globalen Treibhaus-Emissionen werden durch
Rodung verursacht, das ist mehr, als alle Schiffe, Flugzeuge und Autos der Welt ausstoßen“ (SZ
vom 27.09.2010). Regenwald wird zerstört, weil die gerodete Fläche etwa als Weideland für Rinder gebraucht wird7 und zum Anbau von Palmölplantagen. Die landwirtschaftliche Nutztierhaltung ist dabei nicht nur eine maßgebliche Triebkraft bei „Entwaldungen“, sondern auch bei
„Biodiversitätsverlusten und Bodendegradationen. Sie verschärft oft Wasserprobleme, und zwar
sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht“; auch die Viehhaltung, bei der große
Mengen klimarelevanter Gase wie Methan freigesetzt werden, trägt demnach erheblich mehr zur
globalen Erwärmung bei als alle Autos dieser Welt (Schulz 2008: 12). Palmöl wiederum, deklariert
als pflanzliches Öl, steckt in fast allen Produkten, die es in europäischen Supermärkten zu kaufen
gibt: in Tiefkühlpizzen, Saucen und Suppen, Backwaren, Schokoriegeln, Chips, Speiseöl und
Margarine, in Kerzen, Kosmetika, Wasch- und Putzmitteln. Bis 2020 wird sich die weltweite Produktion verdoppeln (WWF Indonesia 2006) – auch weil Palmöl verstärkt als Biotreibstoff zum
Einsatz kommt.
Weil permanentes Wirtschaftswachstum allen technischen Fortschritt und alle Effizienzsteigerungen aufzufressen droht, ist für die „absolute Senkung des Ressourceneinsatzes (...) eine
grundlegende Veränderung der Produktions- und Konsummuster in Richtung Nachhaltigkeit
notwendig“ (Irrek/ Kristof 2008: 7). Aus dem idealtypischen homo oeconomicus soll ein homo oecologicus werden. Aber ist das realistisch und die Lösung der beschriebenen Probleme?
2. Wer kann das Tempo der „Konsummaschinerie”8 drosseln?
Die fetten Jahre sind vorbei: Weniger und überlegter, zum Beispiel lokale und saisonale Produkte
statt billigem Fleisch, soll er konsumieren, der mündige Bürger. Das „wäre einer, der bewusst
Nachteile in Kauf nähme, wenn das Gemeinwohl es erforderte. Was wir stattdessen haben, ist
der Bürger, der gegen Lärm klagt, wenn in seiner Nähe ein Kindergarten gebaut werden soll, der
ja sagt zur Revolution in Arabien, aber nein zu den Flüchtlingen, die infolge der Unruhen zu uns
kommen“ (SZ vom 26./27.03.2011). Einer, der Atomkraftwerke genauso ablehnt wie Massentierhaltung, aber eine Bürgerinitiative gründet, wenn „Windräder auf seinem Hausberg aufgestellt
werden sollen“ (ebd.). Repräsentative Umfragen zeichnen ein ähnliches Bild.
Zwei von drei befragten Deutschen (66,8 Prozent), gleich welchen Einkommensniveaus, achten beim Lebensmitteleinkauf vor allem auf den günstigen Preis, so eine Umfrage des Marktfor-
7
8
Die weltweite Fleischproduktion hat sich von 1950-2005 verfünffacht (Dauvergne 2008: 139).
Vandana Shiva, indische Nuklearphysikerin, ausgezeichnet mit dem alternativen Nobelpreis.
–3–
Alexandra Bürger
Sind die fetten Jahre vorbei?
schungsunternehmens GfK aus dem Jahr 2010.9 Überspitzt formuliert: „Billiger Strom. Billiges
Essen. Billiger Sprit: Da sind wir alle gern dabei. Aber wehe, das System Günstig fordert seinen
Preis“ (SZ vom 26./27.03.2011). Das unterstreicht eine aktuelle Umfrage des Magazin Stern: 60
Prozent der Befragten wollen für atomfreien Strom zusätzlich höchstens 10 € im Monat bezahlen
(AFP vom 27.04.2011) – und das, obwohl wir Deutschen Weltmeister sind in Sachen Umweltund Klimaschutz, glauben wir zumindest selbst. Dass dem nicht so ist, hat eine Arbeitsgruppe
der Philipps-Universität Marburg herausgefunden, die das Klimabewusstsein in den 27 EULändern untersuchte. Zwar werden alle in der Studie abgefragten klimarelevanten Verhaltensweisen in Deutschland etwas häufiger praktiziert als im europäischen Durchschnitt, doch tatsächlich
belegen die Deutschen in keinem einzigen Fall den Spitzenplatz. Dennoch sind fast nirgendwo
außer in der Bundesrepublik so viele Bürger der Meinung, dass die Regierung und auch sie selbst
schon genug im Kampf gegen den Klimawandel unternähmen.10 Die Studie zeigt aber auch, dass
zwischen dieser Einschätzung und dem Handeln in der Realität eine gewaltige Lücke klafft: So
haben bislang nur drei Prozent eine freiwillige Klimaabgabe bei Flügen gezahlt. „Kaum höher ist
die Zahl derjenigen, die Öko-Strom beziehen. Bei dieser Frage zeigt sich übrigens deutlich, wie
viel soziale Erwünschtheit bei den Antworten im Spiel ist: Seit Jahren geben relativ viele Befragte
an, dass sie in Zukunft Öko-Strom beziehen wollen; aber diese Absicht wird nur von sehr wenigen auch realisiert“ (Kuckartz 2011: 131-132).
Faktisch also handeln europaweit viel zu wenige, obwohl 75 Prozent der Befragten glauben,
dass durch den Druck der Bürger wirksame Maßnahmen zum Klimaschutz erzwungen werden
können und sogar 84 Prozent der Meinung sind, die Bürger könnten durch ihr Kaufverhalten
wesentlich zum Umweltschutz beitragen. „Offenkundig schließt im Denken der einzelnen das
Wir das Ich nicht ein. Man weiß, was man bzw. wir eigentlich für den Klimaschutz tun sollten oder müssten, kennt die soziale Norm, stellt sich aber mit gewisser Nonchalance eine Art
persönlicher Sondererlaubnis aus“ (ebd., 135).11 Ob also der Bürger durch ein ökologisches
Kaufverhalten in naher Zukunft Weltprobleme lösen kann, ist mehr als fraglich:
Das sonst immer wieder gern praktizierte Verfahren, Probleme, die man derzeit nicht lösen
kann, in den Bereich der Bildung zu verlagern, ist im Falle des Klimawandels kaum gangbar,
denn Bildung, deren Effekt auf das Klimabewusstsein zweifellos erheblich ist, lässt sich nicht
mal eben auf die Schnelle produzieren. Es bleibt der Weltgesellschaft nicht genug Zeit, um
den Bürger, auf den man beim Klimaschutz zählen kann, erst durch Bildung zu erzeugen.
Dies spricht nicht gegen Umwelterziehung oder Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es bedeutet lediglich, hiervon in absehbarer Zeit nicht allzu viel für eine wirksame Klimaschutzpolitik zu erwarten (Kuckartz 2011: 136).
Selbst wenn man das in Zeiten von Stuttgart 21-Protesten und den bayerischen OlympiaSkeptikern nicht so düster sehen mag: Endverbraucher haben dennoch keinerlei Einfluss „auf die
wichtige Dimension der Energie- und Materialeffizienz von industriellen und landwirtschaftlichen Produktionsprozessen. (...) Weder verfügen sie über die entsprechenden Informatio-
Vgl. http://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article10377293/Bei-vielen-reicht-das-Geld-nur-fuer-BilligNahrung.html
10 Nur in Irland sind ähnlich viele Menschen überzeugt, dass schon genug getan wird gegen den Klimawandel.
11 Eine sehr gute Darstellung, warum „Umweltbewusstsein und Handeln verschiedene Dinge sind“, liefert Kapitel II
„Denn sie tun nicht, was sie wissen“ in Leggewie/ Welzer (2010): 72-99.
9
-4-
FRP Working Paper 05/2011
www.regensburger-politikwissenschaftler.de
nen, noch wäre zu erwarten, dass solche Informationen ein entsprechendes Kauverhalten nach
sich ziehen“ (Geden 2009: 139). Selbst durch weniger Konsum kann der Verbraucher mitunter
paradoxerweise kaum zum Umweltschutz beitragen. So scheint es etwa dem „gesunden Menschenverstand (...) zwingend, dass Stromsparen im Haushalt zu einer Verminderung des globalen
CO2-Ausstosses führen wird“, was aber nicht so ist, weil die Gesamtzahl der Zertifikate im EUEmissionshandelssystem gleich bleibt. Je mehr die umweltbewussten Haushalte einsparen, desto
günstiger werden also die Zertifikatspreise auf den Emissionshandelsmärkten, wovon in erster
Linie energieintensive Industrien wie die Stahl- oder Aluminiumbranche profitieren (ebd., 135).
Demnach müssten es die Unternehmen sein, die Energie sparen. Doch auch sie tun es bisher
zu wenig. So untersuchte die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Dezember 2005 die Frage,
warum volkswirtschaftlich eigentlich rentable Investitionen in energieeffiziente (und damit Energiekosten sparende) Projekte dennoch unterbleiben. Das Ergebnis: Vor allem in mittleren und
kleineren Unternehmen ist nicht das nötige Kapital vorhanden, auch weil sich die Firmen zwischen mehreren Investitionsalternativen entscheiden müssen und meist jene wählen, die das eigentliche Kerngeschäft betreffen, sprich: die zur Steigerung der Produktion oder zur Erhöhung
des Marktanteils führen (KfW 2005: 4). Die Hälfte der befragten Unternehmen gab indes an,
Energieeffizienzmaßnahmen zu ergreifen, sollte dies öffentlich gefördert werden. Dass mit solchen Projekten ein Imagegewinn verbunden wäre, spielt hingegen eine untergeordnete Rolle
(ebd., 38-40).
Nicht also die Willensstärke und die Macht der Verbraucher allein können den Konsumismus
in nachhaltigere Bahnen lenken; es braucht politische Regulierungen, die das Verhalten der Konsumenten und das der Wirtschaft mit beeinflussen. Die Politik kann sich der Zielbestimmung des
Art. 20a GG nicht entziehen: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen.“ Vorschläge, wie das gehen kann, gibt es seit den
70er Jahren genügend. Und auch aktuell untersucht eine Enquetekommission des Bundestags
„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der sozialen Marktwirtschaft“. Mit Ergebnissen wird in zweieinhalb Jahren
gerechnet (SZ vom 04.01.2011). Die „Verbraucherzentrale Bundesverband“ propagiert derweil
etwa einen niedrigeren Steuersatz für besonders energie- und rohstoffeffiziente Produkte (Welt
vom 19.03.2010). Auch der Ressourcenverbrauch könnte besteuert werden. Außerdem wird gefordert, die Kosten des Klimawandels auf die Verursacher umzulegen. Gäbe es nämlich einen
echten Preis zu zahlen für CO2-Emmissionen, würden Unternehmen motiviert, umweltfreundlicher zu agieren. Dazu aber bräuchte es ein globales Abkommen, das nach der gescheiterten Klimakonferenz in Kopenhagen wieder in die Ferne gerückt scheint. Doch das Beispiel Finanzkrise
zeigt, dass sich die Staatengemeinschaft durchaus einer globalen Herausforderung gemeinsam
annehmen kann.
Weitere aktuelle Zeitungsmeldungen wecken aber Zweifel, ob all die geforderten Nachhaltigkeitsanstrengungen ausreichen können: „Weltbevölkerung wächst bis 2050 stärker als angenommen auf 9,3 Milliarden“; innerhalb von gerade einmal 13 Jahren ist sie damit laut eines UNBerichts von sechs auf sieben Milliarden gewachsen, vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern (SZ vom 03.05.2011), die wiederum ein gemeinsames Ziel verfolgen: den westlichen
Lebensstandard zu erreichen. Wie aber kann der Westen diesen Ländern Verzicht und „weniger
ist mehr“ predigen, wenn er doch selbst wissentlich zu lange über die Verhältnisse der Welt gelebt hat?
–5–
Alexandra Bürger
Sind die fetten Jahre vorbei?
3. Literatur:
Agence France-Presse AFP vom 27.04.2011: Deutsche wollen nur geringe Mehrkosten für
Energiewende.
Assadourian, Erik (2010): Aufstieg und Fall unserer Konsumkultur, abrufbar unter:
http://www.boell.de/oekologie/gesellschaft/oekologie-gesellschaft-8859.html.
Bild am Sonntag BamS vom 24.04.2011: Wir müssen mit weniger Autos auskommen, abrufbar
unter:
http://www.bild.de/politik/inland/winfried-kretschmann/weniger-autos-indeutschland-teil-2-17564360.bild.html.
Dauvergne, Peter (2008): The Shadows of Consumption. Consequences for the Global Environment, Cambridge.
Geden, Oliver (2009): Strategischer Konsum statt nachhaltiger Politik? Ohnmacht und Selbstüberschätzung des „klimabewussten“ Verbrauchers, in: Transit. Europäische Revue, Heft 36
(Winter 2008/09), 132-141.
Glück, Alois (2010): Politische Studien-Zeitgespräch mit dem Präsidenten des Zentralkomitees
der deutschen Katholiken (ZdK) Alois Glück. Für mich liegt die Leidenschaft beim Gestalten, in: Politische Studien 429, Januar/Februar 2010, 8-26.
Handelsblatt vom 25.04.2011, Kretschmann erntet scharfe Kritik, abrufbar unter:
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/kretschmann-erntet-scharfe
kritik/4096222.html.
Hertz, Noreena (2002): Wir lassen uns nicht kaufen! Keine Kapitulation vor der Macht der Wirtschaft, München.
Irrek, Wolfgang/ Kristof, Kora (2008): Ressourceneffizienz. Warum sie verdient, viel schneller
umgesetzt zu werden, Wuppertal Papers Nr. 176, September 2008.
Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW (2005): Befragungen zu den Hemmnissen und Erfolgsfaktoren von Energieeffizienz der Unternehmen, Frankfurt am Main, abrufbar unter: www.enq.de/.../KfWBefragung_zu_den_Hemmnissen_und_Erfolgsfaktoren_von_Energieeffiozienz_in_Unternehmen
.pdf.
Kuckartz, Udo (2011): Klimabewusstsein in Europa. Liegt Deutschland vorne?, in: Altner, Günter et al. (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 2011. Die Klima-Manipulateure. Rettet uns Politik oder
Geo-Engineering?, Stuttgart, 128-137.
Lambach, Daniel (2010): Die äußere Dimension innerstaatlicher Konflikte. Interessen und Strategien
regionaler
und
internationaler
Akteure,
abrufbar
unter:
http://www.bpb.de/themen/SCDA71,0,0,Die_%E4u%DFere_Dimension_innerstaatlicher
_Konflikte.html.
Leggewie, Claus/ Welzer, Harald (2010): Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische
Bildung, Bonn.
The New York Times vom 12.08.2001: A Black Mud From Africa Helps Power the New Economy, abrufbar unter:
http://www.nytimes.com/2001/08/12/magazine/12COLTAN.html?pagewanted=3.
Richert, Jörn (2009): Sicherheit und Stabilität im Kontext des Klimawandels, Diskussionspapier
FG 8, 2009/3, Januar 2009, SWP Berlin.
Schor, Juliet (2010): Plenitude. The New Economics of True Wealth, New York.
Schulz, Dietrich (2008): Die Rolle der Landwirtschaft beim Klimawandel. Täter, Opfer, Wohltäter, in: local land & soil news no.24/25 I/08, Umweltbundesamt, online abrufbar unter:
http://www.umweltbundesamt.de/landwirtschaft/emissionen/klimarelevanz.htm.
Der Spiegel vom 13.12.2010: Weltreligion Shoppen, 56-65.
Der Spiegel vom 04.10.2010: Die Wissenschaft als Feind, 144-146.
-6-
FRP Working Paper 05/2011
www.regensburger-politikwissenschaftler.de
Spiegel online vom 27.04.2011, Inflation klettert auf Rekordhoch, abrufbar unter:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,759312,00.html.
Süddeutsche Zeitung SZ vom 03.05.2011, Weltbevölkerung 2011. 7.000.000.000 Menschen, abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/wissen/weltbevoelkerung-menschen-1.1092714.
Süddeutsche Zeitung SZ vom 29.04.2011, Ethik im Zeitraffer, 5.
Süddeutsche Zeitung SZ vom 27.04.2011, Neue Kontrollen sollen Flüchtlinge aufhalten, 1.
Süddeutsche Zeitung SZ vom 26./27.03.2011, Wer, wenn nicht wir, Wochenende V2/3.
Süddeutsche Zeitung SZ vom 04.11.2011, Umwelt braucht einen Preis, 26.
Süddeutsche Zeitung SZ vom 30.11.2010, Was kostet die Welt?, 42.
Süddeutsche Zeitung SZ vom 27.09.2010, Staaten wollen Urwald besser schützen, 8.
UN (2001): Report of the Panel of Experts on the Illegal Exploitation of Natural Resources and
Other Forms of Wealth of the Democratic Republic of the Congo. Annex 1. Sample of
companies importing minerals from the Democratic Republic of the Congo via Rwanda,
New York, abrufbar unter: http://www.un.org/News/dh/latest/drcongo.htm.
Die Welt vom 19.03.2011, Lage der Welt 2010. US-Forscher prophezeien neuen Öko-Wohlstand,
abrufbar unter: http://www.welt.de/politik/deutschland/article6832104/US-Forscherprophezeien-neuen-Oeko-Wohlstand.html.
Worldwatch Institute (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch (2010): Zur Lage der Welt 2010. Einfach besser leben. Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil, München.
WWF-Indonesia (2006): Realising Sustainable Oil Palm Development in Indonesia – Challenges
and Opportunities, abrufbar unter:
http://wwf.panda.org/what_we_do/footprint/agriculture/palm_oil/publications/?80300/Realis
ing-Sustainable-Oil-Palm-Development-in-Indonesia-Challenges-and-Opportunities.
ZDF, 20. August 2008: ZDF-Programmhinweis. Kongos verfluchter Schatz. Ein Film von Patrick Forestier, abrufbar unter:
http://www.presseportal.de/pm/7840/1228078/zdf?search=handy.
–7–
Alexandra Bürger
Sind die fetten Jahre vorbei?
Alexandra Bürger, M.A., ist Doktorandin am Lehrstuhl für
Vergleichende Politikwissenschaft (Schwerpunkt Westeuropa)
der Universität Regensburg.
Forschungsschwerpunkte: Innerstaatliche Konflikte, Bürgerkrieg, Demokratisierung als Friedensstrategie.
Email: alexandra.buerger@web.de
Empfohlene Zitation: Bürger, Alexandra (2011): Sind die fetten Jahre vorbei? Wie die „Konsummaschinerie“ Weltprobleme produziert – und warum sie nicht vom Verbraucher allein neu
justiert werden kann, FRP Working Paper 05/2011, Regensburg,
abrufbar unter: www.regensburger-politikwissenschaftler.de/frp_working_paper_05_2011.pdf
-8-
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
3
Dateigröße
268 KB
Tags
1/--Seiten
melden