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Die Welle wupwup oder wie Viktor den Techno nach Südtirol

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Die Welle wupwup
oder wie Viktor den Techno nach Südtirol brachte
von Johan Kornder
Südtirolbesucher erwarten köstlichen Wein und schneebedeckte Berge, nicht
urbane Subkultur und elektronische Tanzmusik. Viktor Matic will das ändern. Er
hat mit Freunden das aufstrebende Mode-, Design- und Musiklabel wupwup
gegründet, von Südtirol aus eine internationale Partyreihe etabliert und eine
Galerie in Bruneck eröffnet. Wie es dazu kam und warum der Erfolg dem Projekt
gefährlich werden kann.
Am Tag nach der Ausstellungseröffnung in der Galerie Prawneg&Wolf lümmeln
alle gemeinsam im Bett und kuscheln. Die Kuratorin Nadja Kammerer, 30, hockt in
der Bettmitte. Anna, eine 20jährige Künstlerin von anmutiger Schönheit, lehnt sich
an sie und bläst genüsslich Rauch in den Raum. Neben Nadja fläzt ihr Geschäftspartner und Mitkurator Viktor Matic, legeres Hemd, Dreitagebart und Wuschelhaar. Er hält seine Freundin im Arm.
Am Fensterbrett lehnt ein Mann mit Gitarre – der Freund der Kuratorin. Er sieht
aus wie Frank Zappa und singt eine Ballade. Alle grölen mit. Ich sitze am Fußende
und verstehe nun langsam warum Viktor immer nur von der wupwup-Familie
spricht. Künstler und Kuratoren teilen nicht nur das Interesse für Kunst, sondern
auch das Bett. „Das ist wupwup“, sagt Viktor.
Jedes Jahr verlassen viele junge Südtiroler das Land zum Studieren. In ihren besten
Jahren leben sie in Innsbruck, Mailand, Berlin, London. Nicht in Bozen, Meran oder
Bruneck. Zwar kommen die meisten nach ihrem Studium zurück, doch auf die
Subkultur wirkt sich der Wegzug aus wie fehlendes Bier auf eine Party. Es geht
auch so, aber die Stimmung könnte besser sein.
Gut sieben Prozent der jungen Südtiroler langweilen sich in ihrer Freizeit, heißt es
in der Jugendstudie von 2009. Das sind nicht erschreckend viele. Bedenkt man
aber, dass „Freizeit“ im Allgemeinen doch sehr positiv besetzt ist und als schönste
Zeit des Tages gilt, sind es gar nicht so wenige. Und in dieser Studie sind nur Menschen bis 25 Jahre befragt worden, was die daheim gebliebenen 25- bis 35jährigen
zu ihren Freizeitmöglichkeiten sagen, wurde nicht ermittelt. Doch auch die will
Viktor erreichen. Seine eigene Altersklasse eben.
Eigentlich wollte er genau, was er heute Nacht geschafft hat: eine Veranstaltung
nach eigenem Geschmack organisieren und dabei den Künstlern ihren Platz lassen.
Die Hütte, in diesem Fall die Galerie, voll haben und sich am nächsten Mittag verkatert, aber glücklich, mit seinen Freunden in den Armen liegen. Und das in Südtirol. In seiner Heimat. Deshalb hat er vor fünf Jahren wupwup gegründet.
„wupwup ist eine Idee. Ein Kollektiv, das sich als Zusammenschluss unterschiedlichster Künstler versteht.“, sagt der 26jährige. Aus der Idee ist ein Mode- und
Musiklabel entstanden. Die Künstler verkaufen ihre selbst entworfenen Klamotten
im wupwup-Fashionstore im Internet und die Musiker und DJs veröffentlichen
unter dem Kollektivnamen ihre neusten Platten. Dazu kommen die Partyreihe
„Tanzen ist auch Sport“, die mittlerweile in München, Wien, Berlin etabliert ist und
die neu eröffnete Galerie in Bruneck.
Die Kerntruppe besteht aus vier Personen. „Viktor ist der Kopf, Nadja das Herz“,
sagt Viktors Freundin, die seit zwei Jahren Teil der Familie ist. Sie selbst fotografiert für das Modelabel, ihre Schwester wiederum ist als Modell auf der Webseite
zu sehen. So findet jeder seinen Platz in der Gruppe. Die Hierarchien sind flach,
jeder macht, was er kann und will.
Zum Kernteam gehören neben Kopf und Herz der DJ Martin „Reddey“ Retter, der
für die Pressearbeit zuständig ist (muss dann wohl der Mund sein) und Arno
Parmenggiani, im Hauptberuf Referent für Jugendkultur und Politik bei der Südtiroler Volks Partei, der die Musiker für die Partys bucht (das Ohr?). Daneben sind
weitere 30 bis 40 Menschen aus Südtirol und der ganzen Welt als Künstler, DJs,
Musiker, Designer oder Organisatoren an dem Kollektiv beteiligt. Die eine mehr,
der andere weniger.
In der Galerie Prawneg&Wolf, einem Kellerraum hinter dem Irish-Pub in Bruneck,
stellen an diesem Abend vier junge Künstler ihre ersten Werke aus. Der älteste ist
21. Keiner hat jegliche Erfahrung. Aber sie haben Mut. Sie machen. Es ist eine typische wupwup-Veranstaltung. Wie eine Wundertüte. Möglicherweise erfreulich,
möglicherweise enttäuschend – immer spannend. Trotzdem oder gerade deshalb
hat der weltbekannte Kurator Hans Ulrich Obrist eine Späherin geschickt. Er sucht
junge Künstler, um sie in seinem Projekt 89plus miteinander zu vernetzen.
Als die Späherin längst weitergezogen ist, verbrennt die 20jährige Anna eines ihrer
Werke. Sie zündet ihre Figur aus Pappmaschee an, löscht sie mit Wein – genießt
die Blicke. Viktor fragt etwas ratlos in die Runde, ob man sie wohl aufhalten solle.
Er sieht der Spontanperformance leicht kopfschüttelnd zu wie ein junger Vater
seinem Sohn beim Toben. „Ach Annele, meinst nicht...?“, fragt er und lässt das
Annele dann doch weitermachen. Das soll sie schließlich: machen. Sie sitzt nun auf
der Puppe und reitet auf ihr wie ein Cowboy beim Rodeo. Dann lässt sie ab und
widmet sich dem Rotwein und den verbliebenen Gästen. Viktor schnauft durch.
Lacht gelöst. „So soll es sein. Die jungen müssen sich austoben.“
Hat er ja auch getan. Angefangen hat alles auf einer Interrailfahrt. Kopf und Mund,
also Viktor und Martin, besuchten verschiedene Musikfestivals in Europa. Sie hörten die Alternative Rocker Radiohead in Belgien, die Trip-Hopper Massive Attack
in Mailand und die Electro-Popper Kraftwerk in Deutschland. „Ich habe alles gehört, aber der Fokus lag bald auf der elektronischen Musik“, sagt Viktor heute.
An seinem 17. Geburtstag veranstaltete er das erste Mal eine größere Party. Er
konnte selbst bestimmen, welche Musik läuft. Es war ein Schlüsselmoment. Das
wollte er wieder. Also organisierte er auch den Maturaball seiner Schule. Damals
stand er noch selbst als DJ hinter den Plattentellern, doch er merkte bald, dass ihm
das Organisatorische mehr lag. Also gründete er mit anderen die „Jungen Grünen
Südtirol“ und rief das Georgios Festival mit ins Leben.
Nach seinem Schulabschluss verbrachte Viktor einen Sommer in Berlin. Dort lernte er die DJs Michal Zietara und David Goldberg kennen, die heute im Musiklabel
organisiert sind. Nächtelang feierte er in der legendären Bar 25 und verliebte sich
in die Berliner Szene. Solche Partys wollte er auch schmeißen. In Südtirol.
Nach dem Berliner Sommer, zurück in Südtirol, war für Viktor zunächst der Weg
klar: ab ins Ausland an die Uni – wie alle. Es kam anders. Vielleicht hat er seine
neue Heimat nicht so einfach verlassen wollen, weil er seine alte verlassen musste.
Mit sechs Jahren flüchtete er mit seiner Mutter und seinen Brüdern von Bosnien
über ein kroatisches Flüchtlingslager nach Deutschland. Doch auch hier durfte er
nicht bleiben. Die Familie wurde ausgewiesen und kam erst 2001 nach Südtirol.
Auf die Zeit im kommunistischen Jugoslawien führe er auch sein kollektivistisches
Bedürfnis zurück, sagt Viktor. Und auf die Zeit im Flüchtlingslager seine Internationalität. Sagt es und lacht wieder schallend.
Zumindest konnte er sich letztendlich nicht aus Bozen losreißen und studierte
dort Design. Während des Studiums verwirklichte er nun die Idee, ein Kollektiv zu
gründen. „Wir wollten einfach Leute in unserem Alter mit ähnlichen Interessen
zusammenführen“, sagt er rückblickend. Also setzte er sich an seinen Computer,
malte mit der Mouse in einem Zeichenprogramm das bis heute bestehende Loge,
setzte eine Seite auf beim Facebook-Vorgänger MySpace auf und begann alternative Partys und Veranstaltungen zu organisieren. „wupwup war unsere Spielwiese.
Wir wollten immer machen“, sagt er. Doch mit dem „machen“ stießen Viktor und
seine Mitstreiter schnell an Grenzen. Öffnungszeiten der Veranstaltungsorte? Zu
kurz. Glasverordnung zur Regelung des Getränkeverkaufs? Zu streng. Vorschriften
im Bereich Kartenvorverkauf? Zu kompliziert.
Arno Parmeggiani blickt ins Tal. Im Nebel verstecken sich die Geislerspitzen, die
sonst so malerisch emporragen. Einige Mitglieder der wupwup-Familie haben sich
zum Sonntagsausflug getroffen. „In Südtirol“, sagt Arno, „bekommt man immer
erst mal ein Nein zu hören, will man was Neues machen.“ Die Entscheidungsträger
seien oft unflexibel, Subkultur werde nicht wertgeschätzt, ganze Zielgruppen würden so aus den Augen verloren. „Zum Beispiel die Snowboarder“, ruft er in den
Wind. Bei der großen Dichte an Snowboardparks sei es eine Schande, dass es für
die Jungs kein Angebot gäbe. „Man muss einfach zu lange kämpfen“, sagt Arno
und stapft weiter den Weg entlang. Er verlange noch nicht mal ein Ja zu jedem
Vorschlag. Er wünsche sich doch nur ein Nein, so nicht, aber so.... Im Jahr 2011
entstand aus diesem Frust das Manifest „Safe the Nightlife“. Eine Gruppe Kulturschaffender Südtiroler publizierte es, um auf Missstände im Nachtleben aufmerksam zu machen.
Ich selbst ahnte von solchen Problemen nichts, als ich im Jahr 2011 von einem
Freund auf ein Festival auf einer Alm in Südtirol eingeladen wurde. Almore - Techno auf der Alm. Dreihundert Menschen aus Italien, Deutschland und Österreich.
Auf 1964 Metern. Drei Tage Lesungen, Improvisationstheater, Essen und Baden.
Dazu drei Nächte Musik. Alles mitten im Bergpanorama auf der Knappalm in
Mühlwald. Das klang spannend.
Es wurde ein Erlebnis. Noch während des Aufstiegs setzte leichter Regen ein, der
später zu einer wahren Sintflut werden sollte. Gerade noch schafften wir es, unsere Zelte aufzubauen und uns zu den anderen Tanzenden unter die Planen zu retten. Die Musik war gut, alles schien perfekt.
Leider hatten nicht alle so viel Glück. Bald bat der DJ die Trockengebliebenen, den
Nassen mit Kleidung auszuhelfen. Immer mehr triefende Technofans kamen den
Bergweg hochgeschlurft. Die Neuankömmlinge wärmten sich in den Zelten. Jeder
gab ein trockenes Stück Kleidung ab und alle tanzten gemeinsam gegen die Nässe
an. „Es war die Nacht meines Lebens“, sagt Viktor noch zwei Jahre später.
Tatsächlich war es wohl eine Nacht in der sich Paare finden, eine Nacht, von der
man Enkeln erzählen kann. Doch es war auch ein organisatorisches und finanzielles Desaster für die Truppe. Noch Tage später puhlten Viktor und seine Helfer
Konfetti aus dem Schlamm. Der Verlust belief sich auf über 3000 Euro, viele
Künstler fuhren ohne Gage nach Hause. „Trotzdem ein Meilenstein“, sagt Viktor.
„Was ich da an Sympathie, Freundschaft und Hilfsbereitschaft erlebt habe. Einmalig!“
Außerdem war es ein Event mit immensem Werbewert. Ging man von nun an mit
einem Jutebeutel oder einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Tanzen ist auch Sport“ auf
eine Party, ob Berlin oder Bozen, wurde man gefragt, ob das nicht die seien, die
dieses legendäre Almfest gemacht haben. Die Macher von wupwup waren pleite
aber glücklich.
Schon ein halbes Jahr zuvor hatte Viktor den Techno nach Südtirol gebracht. Damals in einem weniger familiärem Umfeld, dafür auch finanziell erfolgreich. Im
Januar 2011 holte er den DJ Fritz Kalkbrenner nach Bozen. Erst kurz zuvor war die
Technohymne „Sky and Sand“, die er mit seinem Bruder Paul produziert hatte, in
die deutschen Charts gestürmt, wo sie über hundert Wochen nicht mehr ver-
schwinden sollte. Gebucht hatte Viktor praktischerweise schon einige Wochen vor
Kalkbrenners Durchbruch. Zudem meinte wohl so mancher, er bekäme den noch
bekannteren Bruder zu hören. Wie auch immer – über dreitausend Menschen
füllten die Halle 28 in Bozen. Hunderten Fans warteten vergeblich davor, da niemand mit einem solchen Ansturm gerechnet hatte. Spätestens seit dieser Veranstaltung ist wupwup in Südtirol ein Begriff.
Das Sharaton Hotel Bozen führt wupwup heute als „miglor partner“. Für die Messe
Bozen buchte Viktor zuletzt den europaweit bekannten Techno-DJ Oliver Koletzki.
Braucht ein Festival Programm, wupwup kann es offerieren. „Mit wupwup und
„Tanzen ist auch Sport“ können wir mittlerweile Massen mobilisieren, aber auch
einfach Dienstleistungen anbieten“, sagt Viktor. Die Schwierigkeit für die Zukunft
wird nun sein, nicht zu erfolgreich zu werden. wupwup steckt in der Mainstreamfalle. Wird das Projekt zu bekannt, geht man Partnerschaften mit den Falschen ein,
wird es bald nicht mehr als cool empfunden.
Viktor sitzt auf einem Klappstuhl auf seinem Balkon und sinniert: „wupwup steht
für eine gewisse Richtung. Wir können nicht einen Nummer-Eins-Star bringen und
gleichzeitig Kunst machen.“ Die Fragen, die sich ihm stellen: Wie bleibt man Subkultur? Wie groß darf der Online Store werden? Ist es schon Kommerz, wenn man
Facebook nutzt? „Wir müssen aufpassen, in welchen Kontexten wir uns bewegen“,
sagt er.
Wenn nun adidas käme und böte eine hübsche Summe, um den Spruch „Tanzen ist
auch Sport“ zu kaufen? „Den müssten sie sich nur nehmen“, sagt Viktor lachend.
„Das Copyright zu sichern wäre viel zu teuer für uns gewesen.“ Klingt cool. Noch.
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Johan Kornder: johan_kornder@hotmail.com
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