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Ein Ball wie ein Märchen

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II THEMA
SA M STA G, 8. J ÄNN ER 2 01 1
ZUM Inhalt
Scharfe
Reporter
NORBERT LUBLASSER
Die Erinnerungen an den
ersten Ball sind verschwommen:
Elmayer-Kränzchen in den
(Jahre später abgebrannten)
Sofiensälen in Wien. Die Brille
war Tage zuvor zu Bruch gegangen, Partnerin wie Rest des
illustren Publikums verschwanden unter einem extremen
Weichzeichner.
Scharf zu sehen sind hingegen hier im Bild die wackeren
Fortsetzung von Seite I
J
a, der Smoking. So einen muss man
erst einmal bekommen. Traditionsreich ist das Kostümhaus Lambert
Hofer in Wien. Im Riesenlager an der
Simmeringer Hauptstraße könnte
man sich auch als römischer Legionär,
Kreuzritter, Germanenkrieger oder Sowjetoffizier einkleiden. Wir belassen es erst
einmal beim Pinguin-Look.
Ganz logisch erklären lässt sich die Smokingpflicht nicht. Schließlich war der Smoking ursprünglich nichts weiter als eine Bekleidung zum Schutz vor Gestank. Der
Gentleman zog ihn während der Rauchpause an, um die restliche Bekleidung vor
dem üblen Rauchgeruch zu schützen. Heute müssen auch militante Nichtraucher in
einen Smoking schlüpfen, damit sie eingelassen werden. Warum ist das alles so
streng normiert? Das sei Tradition, sagt
Ballobmann Maximilian Platzer: „Der
Ballbesucher ist Mitspieler eines Märchens, des Märchens: ,Ball im imperialen
Rahmen‘.“ So wird im Internet angekündigt: „Das Ballkomitee behält sich das
Recht vor, bei nicht entsprechender Kleidung den Eintritt zu verwehren.“ Na, das
wollen wir doch lieber nicht riskieren.
Bei Lambert Hofer muss der Debütant
zunächst zur Anprobe – auch das eine eigene Wissenschaft. Was die Schneider nicht
alles wissen müssen: Oberweite, Bundweite, Ärmellänge, Seitenlänge, Schrittlänge,
Halsweite, Schuhgröße. Wenn alles sitzt,
muss man nur noch zahlen. 150 Euro kostet
die Kompletteinkleidung im Smoking. Das
ist immerhin noch billiger als der Frack,
der auf 240 Euro für einen Abend kommt.
125 Euro kosten die Ballkarten – Sitzplatz,
Würstel und Bier noch nicht eingerechnet.
Wir merken schon, das echt wienerische
Tanzvergnügen könnte ein Amüsement
sein, das noch teurer ist als ein Wochenende in einem Salzburger Skigebiet.
Aber immerhin, der Kaffeesiederball ge-
Bild: SN/APA
SN-Redakteure Christian
Resch und Thomas Hödlmoser, die sich im Dienst der
Leser in Smoking, zu enge Schuhe und gehobenes Ballvergnügen gezwängt haben. Zum Auftakt der Ballsaison ein Schwerpunkt, zu dem Alexander
Purger Wissenswertes über die
Geschichte des beliebten Tanzvergnügens beiträgt.
Schönes Wochenende!
Ein Ball
wie ein
Märchen
hört zu den elegantesten Bällen Wiens.
Dort gebe es die schönsten Kleider zu sehen, heißt es. Die Damen bringen auch die
Farbe ins Ballgeschehen, weil sie anziehen
dürfen, was sie wollen. Sofern ein Kriterium erfüllt wird: Bodenlanges Abendkleid!
Solche Anblicke müssen einem wohl etwas
wert sein.
Lustig anzuschauen sind übrigens nicht
nur die Damenroben. Viele Herren tragen
hübsche Ornamente zu ihren schwarzen
Dressen. Botschafter, ehemalige und aktive Regierungsmitglieder sowie andere
Standespersonen haben alles angelegt, was
das heimische Schmuckkästchen an Orden
hergibt. Orden am Bande, Orden an der
Schärpe, Großkreuze, Verdienstmedaillen
und so weiter – es glänzt allenthalben farbenfroh, und schon allein das OrdenSchauen ist ein netter Zeitvertreib. Ein
Herr, den wir auf sein besonders imposantes Exemplar ansprechen, teilt uns mit,
dass er einmal Staatssekretär in der Bundesregierung war. Was natürlich stimmt –
aber im edlen Festgewand hätten wir den
Ex-Politiker jetzt tatsächlich einfach nicht
erkannt.
Was dem Nichttänzer auffällt: Er ist in
der Unterzahl. Getanzt wird hier in einem
geschätzten Dutzend riesiger Säle gleichzeitig, mit jeweils variierter Beleuchtung,
Stimmung und natürlich Musik. Bars und
Buffets gibt es so viele, dass das bekannte
„Sich-Durchfressen“ schon fast aussichtslos ist. Die Qualität ist super, die Preise
sind, erraten, hoch.
Man geht aber nicht nur zum Tanzen auf
einen Ball, das verrät Otto Ernst Wiesenthal, Hotelier in Wien und leidenschaftliches Ball-Victim. „Man geht auch dorthin,
weil man bis fünf Uhr früh mit den Kollegen seines Standes oder seiner Berufsgruppe kommunizieren kann. Da wird durchaus
vieles besprochen.“ Der Ball ist also so was
wie Golfen in der Nacht? „Guter Vergleich“, sagt Wiesenthal und muss lachen.
Daneben profitiert der Besitzer des Hotels
Altstadt Vienna auch wirtschaftlich von
der Ballsaison. Gäste, die das Tanzbein
schwingen wollen, machen im Jänner und
Februar einen erklecklichen Teil des Umsatzes aus. Deshalb bietet nicht nur das
Altstadt Vienna verschiedene Ball-Packages mit Unterkunft plus Ballkarte an.
Früher besser gewesen ist laut Wiesenthal übrigens der Opernball. Vor Jahren
hätten sich dort die Spitzen von Industrie
und Politik getummelt. Heute verhindere
die Antikorruptionsgesetzgebung oft das
Spendieren von Ballkarten. „Hinzu kommt
eine Lugnerisierung des Opernballs auf
Sex-and-the-City-Niveau, die bedauerlich
ist“, sagt der Hotelier.
Mittlerweile hat auf dem – gar nicht lugnerisierten – Kaffeesiederball die offizielle
Eröffnung begonnen. Die ist erwartungsgemäß pompös, und im Hauptsaal drängeln
sich die schönen Menschen bei rasant steigender Raumtemperatur. Das Spektakel
dauert – wie der Wiener wohl sagt – urlang.
Dann ist Zeit für eine kleine Tour durch
das Gelände, auch wenn die Füße in den
selten getragenen Lackschuhen langsam
ein bisserl wehtun. Tortenschau im Foyer,
Mexikanisches in der Lounge, Kaffeestützpunkt von Meinl, noch mehr Kaffee mit
Livemusik im „Schatzkammersaal“, DJ
VORTEXX in der „Alten Hofküche“,
Weinheuriger in der „Kellergasse“, Blue
Danube Orchestra im „Metternich-Saal“,
und so weiter. Die Füße tun jetzt noch ein
bisschen mehr weh. Außerdem ist es ganz
schön heiß, weil man ja doch eher viel
anhat.
Denn auch das, was sich unter dem Smoking verbirgt, ist genau geregelt. Der Smoking verlangt Smokinghemd mit glatter
Brust, verdeckter Knopfleiste und Manschettenknöpfen. Naturgemäß muss der
Herr Fliege tragen. Jedoch nicht irgendeine Fliege. Sie soll schwarz sein, keinesfalls
aber darf sie weiß sein. Weiß darf sie nur
beim Frack sein. In der Praxis scheint zu
solcher Tracht eine Uhr der Marken Rolex
oder Breitling getragen zu werden. Unsere
Uhr war gratis bei einem Zeitungsabo dabei, wir verstecken sie verschämt unter
dem Ärmel unseres Knopfleistenhemds.
Fangen spielen mit
Limbo-Aspekten
Nach Besuchen im „Radetzky-Appartment“ (Klavierkonzert), im „Entrée-Zimmer“ (Würstelstand) und im Dachfoyer
(fette Party) beginnt ein weiterer Höhepunkt des Ballabends: die MitternachtsPublikumsquadrille. Die ist, sagen wir mal,
ausgelassen. Sie besteht für den Außenstehenden in einer Art Fangen spielen mit
Limbo-Aspekten, Sprint- und Polka-Einlagen. Für Insider wird sicher auch was anderes dahinterstecken. Unterhaltsam ist
die Sache allemal.
Was gibt es noch? Einen Styling-Corner,
eine Austernbar, einen Jazzraum, eine
Gourmetgalerie, einen Make-up-Auffrischung-Stand, und, und, und. Es ist ein
Disney World mit aristokratischem Flair –
und es macht durchaus Spaß. Und das bis
in die frühen Morgenstunden, als wir,
streichfähig, uns in der Menge brav um ein
Taxi anstellen. Die Füße tun auch nicht
mehr weh – wir spüren sie nicht mehr.
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Reisen
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