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Bühne, Quartier, Berufsorientierung: Wie sich ein alternatives

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Bühne, Quartier, Berufsorientierung: Wie sich ein
alternatives Jugendtheater bewegt
Wilfried Kruse
1
Einleitung
Jugendtheater in einem schwierigen Stadtteil - das gehört mittlerweile zum Repertoire von sozialräumlich orientierter Sozialarbeit, weil davon ausgegangen
wird, dass dies bislang deprivilegierten Jugendlichen in besonderer Weise die
Chance zur Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein bietet und
damit eine Art "Gegengift" zu den Erfahrungen von Misserfolg, Ausgrenzung
und Enge bilden kann, die sich bereits kumuliert und teilweise verhärtet haben.
Insofern ist der Stadtteil in seiner sozialräumlichen Strukturiertheit Anknüpfungspunkt und im Sinne einer "aufsuchenden Arbeit", die an die Lebenszusammenhänge der "Betroffenen" heranrückt, auch Ort der Theaterprojekte;
Teilöffentlichkeiten des Stadtteils stellen meist auch das Publikum dar, das
adressiert werden soll, denn: Ohne Publikum ist das schönste Theaterspielen
nichts oder zu wenig. Aber: Wird der Stadtteil als sozialer Raum selbst implizit
oder explizit zu einem Thema des Jugendtheaters bzw. zum Gegenstand von
Auseinandersetzung, Imagination und Aneignung? Verändert sich durch die
Theaterarbeit die eigene Sozialraumerfahrung der Jugendlichen und damit möglicherweise auch ihre Positionierung zum städtischen Raum?
Im Zentrum der Betrachtung steht das sozial räumliche Erfahrungsfeld in
seiner Bedeutung für die Optionen von Jugendlichen beim Übergang von der
Schule in die Arbeitswelt. Sozialraumbezug und der Übergang SchuleArbeitswelt bilden Schnittpunkte verschiedener wissenschaftlicher und politischpraktischer Zugänge, die allerdings häufig voneinander separiert sind. In der
Sozialpädagogik z. B. spielt der soziale Raum sowohl in konzeptioneller als auch
in handlungsbezogener Hinsicht eine erhebliche, wenn nicht die zentrale Rolle
(vgl. hierzu die verschiedenen Beiträge in: Kessl et al. 2005). Gerade in ihren
Ansätzen zur BenachteiligtenfOrderung sucht sie seit den Debatten um "Gemeinwesenarbeit" die Nähe zur sozialräumlich orientierten Stadtforschung, insbesondere um die Bezüge zwischen Milieus und Quartieren auszuloten. Für
unseren Blick ist dabei wichtig, dass benachteiligte Quartiere und Stadtteile
hinsichtlich der Lebensqualitäten und -chancen ihrer Bewohnerinnen und Be-
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Wilfried Kruse
wohner nicht als homogen abgehängt, sondern als "ambivalent" (HäußermannlWurtzbacher 2005: 520 ff.) eingeschätzt werden. Potenziale und He1pmnisse, Aufbruch und Stillstand stehen in einem vielfachen Spannungsverhältnis
zueinander. Die "Aneignung" (Deinert/Reutlinger 2005: 304) des sie umgebenden Sozialraums durch die Jugendlichen scheint Mustern zu folgen, die Verknüpfungen zwischen verschiedenen faktischen und imaginären oder auch symbolischen "Rauminseln" herstellen. Ob sie dabei für die Entfaltung und Stärkung
ihrer eigenen Lebensperspektiven Gelegenheitsstrukturen (Kehler 2007: 198 ff.)
antreffen und sich zu eigen machen können, ist für die Färbung der sozialräumlichen Erfahrungsqualität wohl entscheidend. "Raumpioniere" (MatthieseniMahnken 2009), die Nischen solcher Quartiere nutzen, mischen dabei möglicherweise
auch die Chancenstrukturen mancher dort lebender Jugendlicher auf.
In den vergangenen Jahren wurde der Übergang von der Schule zur Arbeitswelt vor allem aus der Perspektive des Ausbildungssystems bzw. der Arbeitsmarktforschung heraus thematisiert (eine kritische Zusammenfassung findet
sich in Kruse et al. 2010). Auch in ihrer Neuauflage wehrt sich die subjektorientierte Übergangsforschung, die nach einer ersten starken Phase in den achtziger
Jahren (Brock et al. 1991) in den letzten Jahren neu einsetzt (Stauber et al. 2007),
gegen eine solche Verengung und betont, dass es sich beim Übergang SchuleArbeitswelt mittlerweile um einen biografisch langgestreckten, sozial differenzierten Prozess der aktiven Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensperspektiven handelt, in dem mehr "Aufgaben" zu bewältigen sind als diejenige, einen
Ausbildungsplatz zu finden (Hoyerswerdaer Erklärung 2011).
Die sozialräumliche Seite dieses subjektiven Erfahrungs- und Auseinandersetzungsprozesses, der gemeinhin und vereinseitigt "Übergang" genannt wird,
bleibt nach wie vor noch weitgehend ausgeblendet. "Stadt als Lernort" kommt
allmählich im Zuge der Überwindung dieses mehrfach verengten Übergangsverständnisses zur Sprache (Paul-Kohlhoff2011: 38 ff.). In diesem Zusammenhang
ist die Arbeit des Jugendtheaterbüros (JTB) in Berlin-Moabit, von der hier die
Rede sein soll, insofern von Interesse, als sie nicht primär sozialpädagogisch
ausgerichtet ist, sondern - angelehnt an die lateinamerikanische "Volkstheater"Tradition (Boal 1989) - in der Professionalität des Theaterspielens und des Theatermachens auch den berufsorientierenden Ansporn sieht.
2
Kiez als sozialer Raum
Diesen Fragen ist ein Verständnis von städtischem Raum als sozialem Raum
hinterlegt, der - hinter seiner formal für alle gleichen Zugänglichkeit - für verschiedene soziale Gruppen unterschiedliche Chancen und Qualitäten bereithält,
I
.....
Bühne, Quartier, Berufsorientierung
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verschiedene Welten, Demarkationen und Schwellen enthält, von unterschiedlichen Akteuren in Besitz genommen oder verlassen wird und weder macht- noch
herrschaftsfrei ist. Demzufolge hält er für diejenigen, die dort leben, auch jeweils
spezifische Konstellationen von "sich zuhause fühlen" und Fremdheit, von Nähe
und Feme, von Geborgenheit und Geflihrdung bereit; soziale Spannungen und
Konfliktlagen haben nach diesem Verständnis immer auch eine erhebliche sozialräumliche Dimension. Hierin ist als nicht unwichtigster Aspekt die Frage eingeschlossen, wer sich der im Stadtteil vorgehaltenen öffentlichen und privaten
Dienstleistungen und Infrastrukturen in welchem Umfang und mit welchem
Zugangsaufwand bedienen, wer also den Stadtteil besser und wer ihn schlechter
für sich und seine Lebensbedürfnisse nutzen kann. Als sozialer Raum ist der
Stadtteil also immer auch ein "umkämpftes" Terrain.
Die Diskussion um sogenannte "Parallelwelten", die gegenwärtig im Hinblick auf Einwanderung und Integration mit besonderer Aufgeregtheit geführt
wird, ruft einen Ausschnitt des Themas des sozialräumlichen ownership auf.
Unter dem Gesichtspunkt der Nutzung des Stadtteils als einem Aspekt von
Raumaneignung bietet es sich an, zwischen "offiziell" und "alternativ" zu unterscheiden. Dies betrifft vor allem die dem Stadtteilraum zugeordneten und auf ihn
bezogenen Angebote zur Lebensbewältigung. "ParaUelwelten" können in diesem
Zusammenhang so verstanden werden, dass Angebote für spezifische Nutzergruppen subkultureIl parallel zu den offiziellen und offiziösen Angeboten ausgebracht werden und ihre eigenen, auch sozialräumlich geprägten Zugangsregeln
haben. Eine Begründung für solche parallelen Strukturen ist, dass sie zugänglich
und angemessen das bieten, was das offizielle System verweigert, im Zugang
über Gebühr erschwert oder in seinem Nutzen beschränkt oder beschädigt. Parallelweltliche Ansätze können offenbar hinsichtlich ihrer Werte und Orientierungen ganz unterschiedlich eingerarbt sein. Auch Ansätze, die sich nicht "parallel"
zum Offiziellen, sondern zu ihm "alternativ" verstehen, unterliegen der Gefahr,
eine "eigene Welt" mit eigenen "Räumlichkeiten" zu konstruieren, was letztendlich sozialräumliche Segmentiemngen mit ihren Ungleichheits effekten nicht
durchlässiger macht, sondern durch stellvertretendes Handeln die Gefahr einer
"ewigen Lobby" in sich birgt (und sich damit in einem der "klassischen" sozialarbeiterischen Zirkelschlüsse bewegt).
In diesen vielfachen Spannungsverhältnissen bewegt sich das Vorhaben des
Jugendtheaterbüros, einer Gruppe mit langjährigen Erfahnmgen mit Jugendlichen, die eine palästinensische oder arabische Herkunftsgeschichte haben. In der
Tradition des lateinamerikanischen politischen Straßentheaters ist das Vorhaben
nicht primär sozialarbeiterisch, sondern emanzipatorisch und aufklärerisch eingestellt. In diesem Sinne also "alternativ", hat es sich darauf eingelassen, den
Aufbau eines Jugendtheater-Festivals mit "Berufsorientierung" zu verbinden und
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Wilfried Kruse
erhält diese Verbindung durch das XENOS-Programm der Bundesregierung und
die Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Berufsorientierung ist aber nicht nur; Bestandteil des offiziellen Bildungs- und Ü bergangssystems, sondern auch ganz
explizit der offiziellen Nutzul1gsangebote, die im Stadtteil für die Bevölkerung
vorgehalten und weiter entwickelt werden. Das Spannungsverhältnis zwischen
"alternativ" und "offiziell" ist also für das Vorhaben konstitutiv, was auch für
seine Bewegung im sozialen Raum gilt. Eingelassen haben sich die Theaterleute
auf dieses Experiment nicht, um Fördermittel zu erhalten, sondern weil die berufliche Perspektivlosigkeit der Jugendlichen, mit denen sie arbeiteten und arbeiten, sie dazu drängte.
2.1 Alternativ und offiziell? Jugendtheater und Berufsorientierung
Das Vorhaben des Jugendtheaterbüros ist interessant, wenn man nach Ansätzen
sucht, die in neuer bzw. unkonventioneller Weise berufsorientierende Arbeit mit
JugendJjehen in schwierigen Stadtteilen machen, also Zugang zu jenen Jugendlichen haben, die den offizieUen Wegen und Mechanismen von Berufsorientierung
und Ausbildungsplat.zmarkt fernstehen. Dahinter verbirgt sich u. a. die Frage, ob
es gelingen kann, Kooperationen zw ischen alternativen Projekten und den Vertretern des institutionellen "Systems" - also den Fachleuten für Berufe und Berufsorientierung, den Lehrerinnen und Lehrern - anzustoßen, sodass Jugendlichen Wege in das Ausbildungsgeschehen eröffnet werden. Dabei müsste die
Kooperation so gestaltet sein, dass das alternative Projekt nicht seinen lebensweltnahen Charakter verliert, der die Bedingung für den Kontakt mit den Jugendlichen darstellt.
Das JTB ist aus der im Stadtteil schon aktiven, autonomen Theatergruppe
Grenzen-Los hervorgegangen, die schon vielfach "auf der Straße" und "auf der
Bühne" mit Jugendlichen gearbeitet hat und durch ihre Art und ihre Themen
offenbar besonders Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund anspricht.
Dass sieb das Theaterprojekt in Moabit angesiedelt hat, ist von daher keineswegs
zufcillig: Hier leben viele JllgendUche mit einer solchen Herkunftsgeschichte.
Eine zentmle Fragestellung ist: Wie kann es in einem sozial schwierigen Stadtteil
gelingen, Jugendliche mit erheblicher Distanz zu Schule, schulischer Berufsorientierung und den konventionellen Formen von Berufsberatung für eine Berufsausbildung zu interessieren, und sie bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz
und seiner stabilen Aufnahme zu unterstützen? Die Erwartung hierbei ist, dass
die Art und Weise, in der diese Jugendlichen bislang mit Berufsausbildung, Arbeitswelt und insgesamt mit längerfristigen Arbeits- l.md Lebensperspektiven
konfrontiert worden sind, stark bis radikal verändert werden muss, um ihnen
...I...
Bühne, Quartier, Berufsorientierung
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überhaupt die Chance zu einer ernsthaften Erprobung aussichtsreicher beruflicher Perspektiven zu eröffnen. Dazu müssten all jene "Orte" (insbesondere die
Nahräume des Stadtteils) mit genutzt werden, die bei diesen Jugendlichen positives Interesse, Neugier und Engagement auslösen können oder Prestige besitzen.
2.2 Kern des Konzepts: nicht Maßnahme, sondern ein realer alternativer
Theaterbetrieb
Das Jugendtheaterbüro arbeitet nun im Rahmen eines aus dem XENOSProgramm geförderten Vorhabens an der Vorbereitung eines Internationalen
Friedenstheaterfestivals alternativer Jugendtheater, das 2011 stattfinden soll.
Für die hier zu führende Diskussion ist nun wichtig, dass dieses Festivalvorhaben Basis und "Folie" für Berufsorientierung abgeben soll; Berufsorientierung
wird also zu einer weiteren Aufgabe des Betriebs "Friedenstheaterfestival". Das
Theaterfestival mit den einzelnen Bausteinen einschließlich eines eigenen Theaterstücks ist dasProdllkt. Der HerstelJungsprozess die es Produkts stellt die "betrieb liche" Ba i für die geplanten Angebote der Berufsorientierung dar. Es handelt ich also nicht um ein Vorhaben das mit dem Ziel betrieben wird, Berufsorientierung durchzuführen, sondern um einen realen alternativen Theaterbetrieb,
dessen wirkliches Geschäftsziel die erfolgreiche Durchführung des Festivals und
womöglich - mit diesem oder einem ähnlichen Produkt - eine dauerhaftere Etablierung im alternativen Theatersektor ist.
Der alternative Charakter des Theaterbetriebs besteht vor allem darin, dass
er von einer Kernbelegschaft betrieben wird, die aus zwei Teilen besteht: einer
Gruppe von jungen Professionals oder Sem i-Professionals, die das verlässliche
Rückgrat des Betriebs bilden und für seine Performance die Verantwortung tragen, und einer Gruppe von Jugendlichen, die sich für längere Zeit und mit hohem
Einsatz im Betrieb engagieren. Die soziale Organisationsform des Betriebs muss
Kontinuität, Regelhaftigkeit, Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit sicherstellen.
Der Theaterbetrieb erbringt zugleich für die Gruppe der jungen Professionals ein
Einkommen; dies ist die Voraussetzung für ihre kontinuierliche Präsenz und in
einem ausreichenden Stundenumfang geleistete Arbeitstätigkeit.
Für die Angebote der Berufsorientierung bietet der Produktionsprozess des
Theaterbetriebs verschiedene Aufgaben- oder Kompetenzfelder, die es - auf den
Zeitraum von drei Jahren und den Fortgang der Vorbereitung des Festivals bezogen - erlauben eine Art beruflich-betrieblicher Aufgabenmatrix aufzustellen. Da
diese keine Berufsausbildwlg simulieren oll, sondern sich aus realen Aufgaben
aus dem Fortgang des Produktionsproze es zusammensetzt, variieren die Inhalte
von Jahr zu Jahr. Die Jugendlichen erhalten somit einen Einblick in einen be-
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stimmten zeitlich-sachlichen Ausschnitt des Produktionsprozesses, lernen seine
Voraussetzungen und seine Folgeschritte verstehen und können sich an derpBewältigung der jeweiligen fachlichen Aufgaben beteiligen. Ihre praktische Beteiligung am Produktionsprozess muss allerdings didaktisch so aufbereitet und
gegebenenfalls zeitlich so versetzt werden, dass die Aufgabenstellung als Herausforderung der jeweiligen Leistungsfähigkeit angemessen ist.
Damit die Angebote der Berufsorientierung nach den üblichen Standards
durchgeführt werden können, wird der Bereich "Berufsorientierung" als eigenes
Aufgaben-lKompetenzfeld organisiert und in gewissem Umfang verse1bständigt.
Er folgt eigenen Regeln, die aus den Erfordernissen der Berufsorientierung resultieren, und wird in enger Kooperation mit einschlägig erfahrenen Trägem betrieben. Zudem verfügt das Jugendtheaterbüro über ein sich ausdehnendes Netzwerk
kooperierender Einrichtungen vor allem aus der Theater- und Kulturszene aus
dem Quartier, aus Berlin und auch weit darüber hinaus. Dies steigert die Chancen, im Verlauf des Vorhabens auch ergänzende Kooperationen im Feld der
Berufsorientierung und möglicherweise sogar im Bereich der regulären oder
modularen Berufsausbildung aufzubauen und in die Praxis zu überführen.
3
Lebenswelt: Nähe und Distanz als Attraktion
Die Erwartung geht dahin, dass die üblichen und eingespielten Formen der Berufsorientierung in verschiedener Hinsicht für viele dieser Jugendlichen "nicht
passen". Das bleibt auch im Rahmen des geplanten alternativen Festivalbetriebs
richtig, obwohl die Träger dieses Vorhabens bereits vielfältige gute Voraussetzungen einer höheren Anschlussfähigkeit an die Lebenswelten dieser Jugendlichen mitbringen. Ein wichtiger Unterschied, den diese (Ziel-)Gruppe von Jugendlichen gegenüber anderen aufweist, ist ein erhöhter Bedarf an Zeit und an
spezifischen Zuwendungsweisen, um sie in ihrem Selbstvertrauen stabilisieren
zu können. Das Vorhaben "Theaterfestival" kommt diesem Erfordernis entgegen.
Es ist als mehrjähriger Produktionsprozess angelegt und im Quartier, also direkt
in der Lebenswelt der Jugendlichen, angesiedelt. Es besteht also grundsätzlich
die Möglichkeit, die begonnene oder abgebrochene Berufsorientierung fortzusetzen oder zu wiederholen, einen Schwerpunkt auf andere Tätigkeitsfelder zu legen, sich längerfristig zu engagieren, stundenweise durch Mitarbeit Berufsorientierung zu vertiefen etc.
Diese Kombinierbarkeit aus formeller Teilnahme an Angeboten zur Berufsorientierung und freiwilliger, eher durch Bedürfnisse und Interessen gesteuerter
Erweiterung, Vertiefung oder Fortführung ist meist nicht gegeben, gehört hier
aber gewissermaßen zum Konzept. Gerade für einen Ansatz, wie ihn das Festi-
~
Bühne, Quartier, Berufsorientierung
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valvorhaben vom JTB vertritt, ist unter verschiedenen Gesichtspunkten die Verankerung im Quartier besonders wichtig. Dabei geht es nicht nur um die Nähe
zur Lebenswelt der Jugendlichen, die hier eine besondere Rolle spielen sollen,
sondern auch um die Mobilisierung der Potenziale von Zusammenhalt und Integration, die das Quartier bietet.
4
Brücken zwischen alternativ und offizien?
Zudem, und dies ist besonders wichtig, geht es darum, solide Brücken zu bauen:
zwischen den Akteuren vor Ort, den Jugendlichen, die in der Gefahr sozialer
Desintegration stehen und die das Feld "Berufsorientierung" - wie in diesem Fall
den Festivalbetrieb - aufnehmen, den anderen wichtigen Akteuren im Quartier,
den Betrieben und vor allem dem "offiziellen System" von Berufsorientierung,
Berufsvorbereitung, Berufsberatung und Velmittlung. Sinnvoll erscheint es, dass
Berufsorientienmg und der Übergang Schule - Arbeitswelt zu einem wichtigen
gemeinsamen Handlungsfeld auf Quartiersebene werden. Das Quartiersmanagement Moabit-West will bei sich einen Arbeitskreis "Übergang Schule Arbeitswelt" einrichten und die oben genannten Akteure einladen. Dies wird ein
wichtiger Ort sein, über den sich der Festivalbetrieb hinsichtlich der berufsorientierenden Aufgaben, die er übernimmt, in die lokale Gemeinschaft und in eine
enge Kooperation mit den "offiziellen Systemen" einbringen kann.
4. I Das Quartier und seine offiziellen Angebote
Das Quartier Moabit-West, wo das Jugendtheaterbüro seinen Sitz hat, gehört
zum Bezirk Mitte. Im Rahmen des berlinweiten Förderprogramms Soziale Stadt
nimmt das Quartiersmanagement eine besondere Rolle ein; es hat prinzipiell
auch eine wichtige Aufgabe im Bereich der Förderung von Ausbildung und Beschäftigung. So heißt es im Programm unter dem Stichwort "Rund um Arbeit"
unter anderem: "Ein wesentliches Ziel des Quartiersmanagements ist es, den
Bürgerinnen und Bürgern ohne Erwerbsarbeit den Zugang zur Arbeitswelt zu
erleichtern. Arbeitssuchenden werden auf den nächsten Seiten Angebote unterbreitet, die helfen sollen, den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben zu finden ." (Kruse
2010: 46) Seit 1999 gibt es in Moabit-West ein Quartiersmanagement, das für
viet Kieze mit einer Gesamtbevölkerung von etwas mehr als 20.000 Einwohnern
zuständig ist. Der Ausländeranteil beträgt 35,5 Prozent. Moabit-West liegt am
Rand des neu geschaffenen Bezirks Mitte und hat aufgrund seiner Einrahmung
durch eine Autobahn und eine breite Eisenbahn-Trasse eine Art "Insellage". Das
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Wilfried Kruse
Quartiersmanagement selbst weist auf folgende Missstände oder Probleme hin:
ungesunde Wohnverhältnisse aufgrund der Baudichte und der Nähe zum In<!iustriegebiet, Mängel an guten Grün- und Spielplätzen und Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, Lärm- und Schadstoffbelastung durch die stark frequentierten Verkehrswege, hohe Bevölkerungsfluktuation bei starker Abwanderung besser verdienender Bevölkerungsschichten, verstärkte Zuzüge von sozial
benachteiligten Bewohnergruppen, Nachbarschaftsprobleme, mangelnde Kommunikation zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, Gefühl von
Fremdheit, kaum vorhandenes Gemeinschaftsgefühl.
Dagegen setzen das Quartiersmanagement und viele Einrichtungen und
Gruppen eine Vielzahl von Aktivitäten, meist unter Nutzung einer unübersehbaren Palette von Fördermöglichkeiten. Überhaupt zeigt sich, sucht man das
Stichwort "Moabit-West" im Internet, ein breites und buntes Bild verschiedener
Initiativen, kultureller Events, von Existenzgründungen, ungewöhnlichen Firmen
und Dienstleistungen als "Kehrseite" des Problemprofils.
4.2 Bildungsinfrastruktur
"Bildung" in ihren verschiedenen Varianten spielt im Quartier eine wichtige
Rolle. So berichtet etwa das SOS-Kinderdorf als eine der großen sozialorientierten Einrichtungen im Quartier von Bemühungen, eine enge Zusammenarbeit und
Koordinierung zwischen allen Akteuren, die im Bereich von Bildung bis zum
Ende der Sekundarstufe I tätig sind, aufzubauen. Diese soll absichern, dass niemand in dieser grundlegenden Bildungsperiode völlig "auf der Strecke bleibt".
De facto zeigt sich aber, dass es sehr schwierig ist, dieses Ziel auch nur annähernd zu erreichen. Es gibt offenkundig eine hohe Zahl von Schulabbrechern,
oftmals mit Migrationshintergrund. Von daher haben nicht-schulische pädagogische Strategien wie z. B. Streetwork, Theaterarbeit oder Sport eine erhebliche
Bedeutung tur die Chancen auf Integration.
Nach den offiziellen Verlautbarungen der im Quartier oder in den angrenzenden Bereichen liegenden Sekundarschulen sind auch diese in der Förderung
teilweise mit innovativen Ansätzen und in Kooperation mit externen Akteuren
aktiv. Dies gilt auch für den ganzen Komplex der Berufsorientierung und der
Hinführung zur Berufsausbildung und zum Arbeitsmarkt, so gibt es etwa enge
Kooperationen mit Fachverbänden der Wirtschaft, Arbeitserkundungen und auch
individuelles Übergangscoaching.
....
Bühne, Quartier, Bemfsorientiemng
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Die Wirtschaft im Bezirk und die Jugendlichen aus dem Kiez: bislang
zwei Welten
Im Hinblick auf Bemfsorientiemng, wohnortnahe Bemfsausbildung und "Jobs"
ist dieses Quartier auch deshalb besonders interessant, weil es - im Unterschied
zu den meisten Gebieten in Berlin - nicht nur einen erheblichen Industriebetriebs-Besatz aufweist, sondern weil dieser in seiner Heterogenität in vielfältiger
Weise ein technologisch modemes Profil hat. Im Jahr 2008 hat sich ein Unternehmensnetzwerk Moabit gegründet, das zum Ziel hat, diesen Standort zu "promoten" und Nachwuchs zu gewinnen.
In Moabit-West liegt mit dem Industriegebiet Martinickenfeld einer der
wichtigen, noch verbliebenen Industriebetriebs-Standorte in Berlin. Dieser Unternehmenskomplex befindet sich direkt an der Spree, zentral gelegen in Berlin
Mitte und ist mit 92 Hektar Berlins größtes innerstädli ehe Indu lriegebiet.
Traditionelle Großkonzerne, mittelständische Unternehmen und innovative
Kleinunternehmen prägen den Standort. Für zukünftige Wirtschaftsentwicklungen und Unternehmensansiedlungen bietet Moabit-West hervorragende Potenziale: einen hochmodernen industriellen Sektor, starke und zukunftsorientierte
gewerbliche Dienstleistungsanbieter, günstige Gewerbeflächen in optimaler
verkehrstechnischer Anbindung sowie herausragende Wissenschaftseinrichtungen im Umfeld.
Das Unternehmensnetzwerk Moabit gehört zu den bislang wenigen Beispielen einer auf die Aufwertung des bezirklichen StandOlts orientierten, unternehmensbasierten Initiative. Es knüpft an Bemühungen an, die im Zusammenhang
mit der Quartiersarbeit schon seit geraumer Zeit angestellt wurden: Im November 2002 startete im QuartiersmanagementgebicL Monbit-West er tmalig in einem Berliner sozia len Brennpunkt ein Pilotprojekt, um Einrichtungen au den
Bereicben Soziale Lind Bildung mit der Wirtschatl in langfristigen und gl,eichberechtigten Partnerschaften zusammenzubringen - in Untemehmen kooperationen
auf Win-win"-Ebene. Zielsetzung dieses Pilotprojekt war es, das bloße Nebeneinander von ansässigen Unternehmen und dem täglichen Leben vor Ort in einem Brennpunkt aufzubrechen, die Wirtschaft beim Aufbau und der Stabilisiemng eines funktionierenden Gemeinwesens einzubeziehen und die Akteure in
einer solchen Weise fruchtbar miteinander zu vernetzen, dass langfristig neue
Re sourcen für a lle Beteiligten im Kiez aktiviert werden konnten. Das Pilotprojekt war erfo lgreich und 2003 wurde die erste Kooperation zwischen dem Siemens Gashlrbinenwerk und der Diakoniegemeinschaft Bethania geschlossen.
In Moabit-West sind seitdem mehrere Partnerschaften zwischen Unternehmen und Schulen, Kindertagesstätten und sozialen Einrichtungen nach diesem
Ansatz initiiert worden - Kooperationen, bei denen sich beide Partner gegensei-
156
Wilfried Kruse
tig ihre Ressourcen wie Dienstleistungen, Know-how, Kompetenzen und Qualifikationen sowie Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Zu einer engeren J(ooperation zwischen den im Unternehmenskomplex Moabit angesiedelten Unternehmen und dem Quartier im Hinblick auf den Eintritt ansässiger Jugendlicher
als Auszubildende in die Betriebe war es aber bis dahin nicht gekommen. Vielmehr kamen die Auszubildenden dieser Betriebe offenbar in ihrer großen Mehrheit aus Wohnbereichen außerhalb von Moabit-West. Erklärungen, die hierzu
kursierten, hoben die Diskrepanz zwischen den Anforderungen der mehrheitlich
zum Hightech-Sektor zählenden Betriebe und den schulischen Voraussetzungen
und sozialen Verhaltensweisen, die die Jugendlichen aus dem Quartier mutmaßlich mitbrächten, hervor. Diese "Demarkationslinie" zwischen den Betrieben und
ihrem Standort in Bezug auf die Besetzung qualifizierter Ausbildungsplätze
entsprach wohl weitgehend einer Grundeinstellung: Die vorherrschenden Konzepte für die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten zielen auf
den schulisch besser ausgebildeten, motivierten und engagierten Teil dieser
Gruppe. Die bisher im Unterricht, in Praktika und in den Beratungen praktizierten Methoden sprechen in ihrer sprachlich-intellektuellen Aufbereitung vor allem
diese Teilgruppe an. Alle Erfahrungen zeigen aber, dass für Jugendliche, die
diesen Typ von Vermittlung boykottieren oder ihm schlicht nicht folgen können,
andere Ansatzpunkte entwickelt werden müssen.
Von daher ist es sehr bemerkenswert, das sich das Unternehmensnetzwerk
Moabit nun mit einer Werbekampagne für Ausbildung explizit dem Quartier
zuwendet, und zwar mit einer Ausbildungskampagne unter dem Motto "Moabit
Insight". In einer Erklärung (vom 22. März 2010)1 heißt es hierzu:
"Das Unternehmensnetzwerk Moabit plant mit ,Moabit Insight' eine Kampagne zur
Förderung und Stärkung der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bildungseinrichtungen in Moabit. Ziel ist es, Unternehmen sowie Schüler und Schülerinnen aus dem
Gebiet zusammenzufiihren. Jugendliche aus Moabiter Schulen sollen Gelegenheit
bekommen, Betriebe aus erster Hand kennen zu lernen. Dabei soll es um folgende
Fragen gehen: In welchen Berufen bildet das Unternehmen aus? Welche Voraussetzungen müssen dafiir erfiillt werden (z. B. Noten, soft skills, Praktika etc.)? Wie
sieht der Arbeitsalltag in dem jeweiligen Beruf aus? Von großem Interesse sind sicherlich Gespräche mit Auszubildenden und Ausbildungsleitem, aber auch Führungen, Präsentationen oder auch Stationen, an denen selber etwas ausprobiert werden
kann."
I
www.netzwerk-moabit.de
J...
Bühne, Quartier, Berufsorientierung
6
157
Neue Raumerfahrungen: einige Beobachtungen
Die Jugendlichen, die sich um die Theaterleute eingefunden haben und mit ihnen
gemeinsam das Vorhaben "Theaterfestival" entwickeln, machen von Beginn an
schon dadurch "neue" Raumerfahrungen, dass sie ihren Platz im schon "verteilten" sozialen Raum fmden müssen. Das Vorhaben wirkt wie eine Sonde im sozialen Raum und macht ihn als ein umkämpftes Terrain erfahrbar. Vieles hängt
davon ab, ob mit dieser Erfahrung produktiv und perspektivreich umgegangen
werden kann.
6.1 Räumlichkeiten
Alles beginnt mit dem Finden und Sichern der eigenen Räumlichkeiten, die für
die Arbeit am Vorhaben, vor allem aber auch als Stützpunkt unabdingbar sind.
Durch Vermittlung eines Pfarrers kommt es zur Anmietung nicht mehr benötigter Gemeinderäume einer evangelischen Kirche mitten im Kiez, unter Standortgesichtspunkten ideal. Die Umnutzung der Räume erweist sich aber durchaus als
schwierig, weil grundlegender Renovierungsbedarf besteht, dem aber aufgrund
der auslaufenden Nutzung durch die Kirche nicht mehr nachgekommen wird,
ebenso wenig wie der erforderlichen laufenden Instandsetzung.
Im Lauf der ersten Monate wird der Fahrstuhl außer Betrieb gesetzt, weil
nunmehr das Jugendtheaterbüro im 3. Stockwerk der einzige verbliebene Nutzer
ist. Mehrfach regnet es durch. Die Jugendlichen und die Theaterleute richten die
Räumlichkeiten neu her: Wände werden gestrichen, Innenausbau erfolgt, zum
Teil mit Hilfe von Maßnahmeträgern vor Ort, vor allem aber durch Eigenarbeit.
Dabei wird dem Bühnenraum besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Gruppe
gibt sich Regeln, die die gemeinsame Verantwortung für die eigenen Räume
ausdrücken sollen. Dennoch kommt es zu Konflikten mit der Kirchenleitung: Die
neuen Nutzerinnen und Nutzer sind doch anders als offenbar erwartet, sie geben
dem Ort ein anderes Image, das sich vor allem in seiner Spontaneität und Expressivität mit den traditionellen Umgangsweisen wenig zu vertragen scheint.
Verhandlungen und Gespräche müssen immer wieder für "gutes Wetter" sorgen.
Es wird aber immer deutlicher, dass die Hoffnung, die Räumlichkeiten könnten
sich zu einem langfristig stabilen Ort entwickeln, nicht aufgehen wird: Die aktuellen Räumlichkeiten sind also eine Zwischennutzung, ein Provisorium. Das
Provisorische hat aber vermutlich für die Theaterleute eine andere Bedeutung als
für die Jugendlichen und deren Bedürfnis nach gesicherten eigenen Räumen.
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Wilfried Kruse
6.2 Bühne
Die Bühne ist innerhalb der eigenen Räumlichkeiten für die Jugendlichen der
zentrale Ort, zunächst einmal ganz schlicht in dem Sinn, dass sie von der Bühne
Besitz ergreifen; sie bewegen sich zunehmend auf ihr, aber auch im gesamten
"Theaterhaus" so, als sei es ihr "Zuhause". Dass das Zentrum des "Eigenen" die
Bühne ist, zeigt sich unter anderem auch darin, dass Sorgfalt, Ordnung und
Struktur in Richtung auf Bühne und Bühnengeschehen immer größer werden.
Zugleich wird deutlich, dass sich hierauf auch die pädagogische Arbeit der "Macher" konzentriert.
Disziplin und Ernsthaftigkeit des theatralischen Geschehens sind Dreh- und
Angelpunkt der "internen Raumordnung". Diese wird umso nachlässiger (aber
nicht: vernachlässigt), je weiter man sich von diesem Zentrum entfernt befindet.
Es sind ja vor allem die Bühne und das Bühnengeschehen, worüber die Beziehungen zu den anderen definiert werden; hier zieht sich auf kleinstem Raum das
Theaterprojekt als soziale Aktion zusammen. Im Licht der Bühne zeigt sich, was
die Gruppe kann, und dies bezieht sich nicht nur auf diejenigen, die Theater
spielen, sondern auf alle, die mitwirken. Insofern geht von der Bühne auch die
interne Organisation der Arbeits- und Diskursprozesse aus. Bühnengeschehen
bedeutet dabei immer, Imagination nicht nur in Sprache und Bilder, sondern
auch in Verräumlichung zu übersetzen.
6.3 Raumerfahrungen vorzeigen
Raumerfahrungen werden in verschiedener Weise auch zum Gegenstand der
Theaterarbeit - und sie werden "auf die Bühne gebracht". Auch in den Stücken
selbst werden Räume ausgemessen, die eigenen wie auch die anderer. Raumerfahrungen werden mit Hilfe einfacher Requisiten vorgespielt; so verwandeln sich
in einem der letzten Stücke, Social Box, einfache Holzboxen jeweils zum Platz,
in dem sich ein Obdachloser verkriecht, oder zu der Kleinstwohnung, die man
sich als Hartz-IV-Empfanger nur noch leisten kann, oder zum Schutzraum "nur"
für sich selbst. Im Zentrum stehen damit auch Fragen wie: Wie viel Raum von
welcher Qualität braucht man? Welcher Raum ist menschenwürdig? Ist Knappheit an selbstbestimmtem Raum nicht eine wichtige Dimension sozialer Benachteiligung?
.....
Bühne, Quartier, Berufsorientierung
159
6.4 Exkursionen
Das Gemeindehaus als - wenn auch provisorischer - Stützpunkt und die Orientierung auf das Betriebsziel "Festival" machen es möglich, sich einigermaßen
sicher lmd selbstbewusst hinauszubewegen in die "Fremde" und Erkundungen
durchzuführen, die wiederum als "Event" auch inszeniert und gefilmt werden
und insofern weitere Produkte sind. So führt eine Exkursion zum Haus der Kulturen der Welt, einer Eimichtung, die nach ihrem Selbstverständnis an der
"Grenze" zwischen dem offiziellen Kulturbetrieb und der alternativ kulturellen
Weltkulturszene der Hauptstadt liegt. Diese Exkursion ist, wie das Video zeigt,
nicht nur "Action", angstvolle Herausfordemng und befreiender Spaß, sondern
zugleich eine ernsthafte Ausmessung der Spielmöglichkeiten, die dieses Haus für
das Festival bietet (und insofern ist diese Exkursion - methodisch betrachtet auch ein wichtiger Baustein für Berufsorientierung). Exkursionen bedeuten zugleich auch einen entdeckenden Schritt aus dem Herkunftsquartier in die weitere
Stadt hinaus.
6.5 Ein anerkannter Ort?
Betrachtet man den sozialen Raum des Quartiers als "umkämpftes Terrain", dann
stellt sich die Frage, welche Orte gewissermaßen eine öffentliche Anerkennung
erfahren, also zu einer Art "Marke" des Quartiers gehören. Gerade unter dem
Aspekt der Selbstbehauptung wird dies wichtig; insofern dreht sich das Theatervorhaben auch immer darum, ob es gelingt, die eigene Stimme auch "ortsfest" zu
machen.
Zunächst gilt für die Gruppe: Wo die Bühne ist, ist ein Stützpunkt. Ein eigenes "Theaterhaus" zu haben, ist zwar auch eine praktische Frage, aber es ist
vor allem eine Frage nach der Selbstbestimmtheit der Raumnutzung: Gäste, die
kommen, begegnen den lugendtheaterleuten auf deren eigenem Terrain; die
Erfahrung, die viele bisher gemacht haben, nämlich, dass sie woanders hingehen
müssen, um etwas zu erreichen, wird umgekehrt - nun sind sie diejenigen, zu
denen die anderen kommen.
Allerdings handelt es sich "nur" um ein Angebot und die Besucher kommen
freiwillig. Dies ist natürlich auch Nagelprobe dafür, ob sich jemand interessiert
und wie hoch for wen die Schwellenproblematik ist. Denn natürlich verwandelt
ich mit anderen Nutzern auch die soziale Qualität de Raums (oder sein image)
und die Zugangs. chwellen werden sozial neu definiert. Hier stehen die wichtigen
Erfahrungen noch aus, die nämlich dann einsetzen, wenn die erstc Neugier sich
gelegt hat, die Verwandten und Freunde nicht mehr jedes Mal als dankbares
Wilfried Kruse
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Publikum bereitstehen, und auch der Sozialtourismus keine Rolle spielt. Von
daher war es ein Ereignis besonderer Art, dass der Bezirksbürgermeisterlnicht
nur die Schirmherrschaft für einige Theatertage übernommen hatte, sondern auch
im Anschluss an die Uraufführung des Stückes Social box (Anfang Dezember
20 I 0) zu einer Diskussion ins Haus kam. Sein Auftritt beeindruckte insofern, als
er auch bei schwierigen und provokanten Fragen nicht auftrumpfte, sondern
erklärte, seine Position erläuterte, Probleme einräumte und ganz offenkundig den
Dialog suchte. Die Debatte war in gewisser Weise erneut auf die sozialräumliche
Dimension des Bezirks konzentriert, weil Fragen nach sozialer Segregation, nach
Wegzug und Infrastruktur, aber auch nach eigenen Räumen für Jugendliche zum
Thema wurden. Da das gerade aufgeführte Stück die Stilllegung von Jugendzentren und die Einschränkung von Öffnungszeiten bei öffentlichen Einrichtungen
thematisiert hatte, verwundert es nicht, dass es zwischendurch auch zu einer
kurzen Neuauflage einer Debatte über das Recht auf Besetzungsaktionen kam.
7
Nachbemerkung
Ausgangspunkt war die Frage danach, ob es gelingen kann, Kooperationen zwischen einem alternativen Theaterprojekt und den Vertretern des offiziellen, institutionellen "Systems" der Berufsorientierung und Ausbildungsvermittlung auf
eine Weise anzuschieben, dass Jugendlichen Wege in das Ausbildungsgeschehen
eröffnet werden, und zwar so, dass das alternative Projekt seinen lebensweItnahen Charakter behält, der die Bedingung für den Kontakt mit dieser Gruppe von
Jugendlichen ist. Gezeigt wurde, welche Bedeutung die sozialräumliche Dimension hierfür hat. Chancen für eine alternativ-offizielle Zusammenarbeit "auf
Augenhöhe" sind offenbar eng mit dem schwierigen Spannungsverhältnis zwischen Abschottung und Öffnung verbunden. Der Moabiter Festivalbetrieb versucht - bisher erfolgreich -, sich auf diesem Weg voran zu bewegen. Was
schließlich erreicht werden kann, bleibt noch offen.
Literatur:
Boal, Augusto (1989): Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler
und Nichtschauspieler. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Brock, Ditmar/Hantsche, Brigitte/Kühnlein, Gertrud/Meulemann, Heiner/Schober, Karen
(Hrsg.) (1991): Übergänge in den Beruf. Zwischenbilanz zum Forschungsstand.
München: OJI
Deinert, Ulrich/Reutlinger, Christian (2005): Aneignung, in: Kessl et a1. (2005): 295-312
..
Bühne, Quartier, Berufsorientierung
161
Häußennann, Hartmut/Wutzbacher, Jens (2005): Stadtentwicklungspolitik und Segregation, in: Kessl et al. (2005): 513-528
Hoyerswerdaer Erklärung 2011, auf: www.weinheimer-initiative.de
Kehler, Holger 2007: Gelegenheitsstruktur oder Warteschleife? Maßnahmeerfahrungen
junger Frauen und Männer in Ostdeutschland. In: Stauber et al. (2007): 177-200
Kessl, Fabian/Reutlinger, ChristianJMaurer, Susanne/Frey, Oliver (Hrsg) (2005): Handbuch Sozialraum. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Kruse, Wilfried (2010): Berlin braucht Dich! - Auch über den Öffentlichen Dienst hinaus? Eine Recherche zu Integration und Dualer Berufsausbildung. Berlin und Dortmund: bqn
Kruse, Wilfried & Expertengruppe (2010): Jugend. Von der Schule in die Arbeitswelt.
Bildungsmanagement als kommunale Aufgabe. Stuttgart: Kohlhamrner
Kruse, Wilfried/Paul Kohlhoff, Angela: (2011): Hoyerswerda: ein guter Ort für lebenspraktische Bildung? (sfs Beiträge aus der Forschung Bd. 180). Dortmund: sfs
Paul-Kohlhoff, Angela (2011): Lebenspraktische Bildung - Was ist damit gemeint? Und:
Wie kann ein solcher Ansatz in Hoyerswerda umgesetzt werden? In: Kruse/Paul
Kohlhoff: (2011): 31-46
Matthiesen, Ulf/Mahnken, Gerhard (Hrsg.) (2009): Das Wissen der Städte - Neue stadtregionale Entwicklungsdynamiken im Kontext von Wissen, Milieus und Govemance.
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Stauber, Barbara/Pohl, Axel/Walther, Andreas (Hrsg.) (2007): Subjektorientierte Übergangsforschung. Weinheim: Juventa
Malte Bergmann· Bastian Lange (Hrsg.)
Eigensinnige
Geographien
Städtische Raumaneignungen
als Ausdruck gesellschaftlicher Teilhabe
VS VERLAG
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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Besonderer Dank gilt der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis für die vertrauensvolle
Förderung von Forschung und Publikation .
STIFTUNGS
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1. Auflage 2011
Alle Rechte vorbehalten
© VS Verlag für Sozialwissenschaften I Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
Lektorat: Dorothee Koch I Sabine Schöller
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Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
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ISBN 978-3-531-17860-8
~
Inhaltsverzeichnis
I
Zur Einführung
Eigensinnige Geographien
Bastian Lange, Malte Bergman, ... ........ .. ......... .... ..... .... ................. .. ....................... 9
Eigensinnige Geographien oder Eigenlogiken der Städte?
Martina Löw, Bastian Lange, Malte Bergmann ........ ............. .. .......................... .. 33
11
Migrantische Unternehmer als Agenten städtischen Wandels
Die Sonnenallee in Berlin als Raum grenzüberschreitender Ökonomien
Malte Bergmann ..... ................................... ........................................................... 45
Stadt ist Migration
Erol Yildiz.............................. .... ........................................................................... 71.
III Sozialisation im Spannungsfeld von städtischer Ordnung und
eigensinniger Aneignung
Raumaneignung und Kompetenzerwerb - Kinder im Gensinger Viertel
in Berlin
Jana Schubert......... .... .. ........... .......... ...... .................................. ........ .... .. ..... ... ..... 8 L
Habitus- und Raumstmkturen in der Schule
Florian von Rosenberg.... ..... .... ................ .. .. .................. ..... ... ............................ 115
Hoyerswerda - eine besondere Stadt?
Angela Paul-Kohlhoff. ................................. ........ ..... ....... ... .............................. .. 127
Bühne, Quartier, Berufsorientiemng: Wie sich ein alternatives Jugendtheater
bewegt
Wilfried Kruse .... ... .. .... .................... .. ................ ....... .... ...... .... ............ ................ 147
Inhaltsverzeichnis
8
IV Möglichkeiten städtischer Selbstbestimmtheit im Alter
Eigensinnig aktiv? Raumaneignung älterer Menschen in einem Berliner
Innenstadtquartier
Georgelte-A . Ziegler........... ... .... .. .......... ........ ... ......... ..... ......... .......................... . 163
Aneignung und Verlust des städtischen Raums im Alter
Birgit Wolter ................. .. ....................... .... ....................... ... .... ........................... 195
V
Eigensinnige Geographien der Kreativwirtschaft
Lokale Artikulationen eines globalen Diskurses - Kreativuntemehmer
in Berlin-Neukälln
Kristin Breitenbruch ..... ...... .. ..................... .... ........ .. ..... ... .. .............. .. ... ............. .213
Topologisierung der Wertschäpfung - Ursprung, Widerstände und der
empirische Fall betahaus
Sebastian Olma ........... .... ... ..................... ...... .. .................................................. .247
VI Ausblicke
Öffentlicher Raum und lokale Ökonomie
Klaus M. Schmals .................................. ..... ........................................... ............. 267
Guerilla Gardening und andere Strategien der Aneignung des
städtischen Raums
Christa Müller ........... ..................... ... .... ... ....... ........... ................. ........... ............ 281
Eigensinnige Mikrotrends. Long Tai1-Ökonomien und die Chancen
der Nischen
Holm Friebe, Bastian Lange, Malte Bergmann ............................ ..................... 289
Autorinnen und Autoren ... ............................. .... .......... ...................... ...... ... .... .. .. 303
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