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Beech Bonanza Modell 35 Die Beech Bonanza ist so etwas wie der

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Flying Beech Bonanza
Hüter des Glanzstücks: Wolfgang Müller und Christof Dziarski aus Münster.
Ihren Hallenplatz hat die Beech in Münster-Telgte.
Beech Bonanza Modell 35
Im Zeichen des V
etwas wie der Rolls-Royce
unter den Einmots: solide,
wertbeständig, traditionsbewusst und im Neupreis
über dem Durchschnitt.
Ein sehr frühes Exemplar
ist in Münster zuhause.
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W
ie sie so dasteht mit ihren fließenden Formen, der lichtdurchfluteten Kabine und dieser Ausstrahlung von Solidität und Leistungswillen kann man sich sehr
gut vorstellen, dass die Beech Bonanza bei
ihrem Erscheinen eine Sensation war. Vielleicht hätte es gar nicht dieses gewagten VLeitwerks bedurft, um den Reiseviersitzer
zu einem der begehrtesten Flugzeuge seiner
Zeit zu machen.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kamen
zwei neue Oberklassemodelle für den Privatgebrauch auf den Markt: die Bonanza und
die Cessna 195. Die Cessna war zwar nicht
mehr aus Rohr und Tuch gebaut, aber als
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Schulterdecker mit Sternmotor und Sporn- da dieses extravagante V-Leitwerk, das die
radfahrwerk ein eher rückwärts gewandter Beech mit einer Aura der Einzigartigkeit
Entwurf. Die Bonanza dagegen hatte alles, umgab (und das den Firmengründern Walwas die anderen nicht hatten. Sie war mehr ter und Olive Ann Beech Schadensersatzklawie die Jagdflugzeuge des eben zu Ende ge- gen und jede Menge Ärger einbrachte).
gangenen Krieges. Komplett aus Metall geMehr als 1500 Exemplare der 1947er Bobaut, hatte sie ein Einziehfahrwerk, einen nanza wurden gefertigt – mehr als von jeder
kraftvollen Sechszylinder-Boxermotor und anderen Version. Das V-Leitwerk blieb – aleine Tiefdeckerauslegung. Selbst mit dem len Vorfällen und Kontroversen zum Trotz
anfangs eingebauten 165-PS-Continental – bis 1984 in der Produktion. Die letzte Gawaren die Flugleistungen sehr beachtlich:
belschwanz-Bonanza war eine V-35B, mittDie ersten Bonanzas fegten im Reiseflug lerweile mit 285 PS starkem IO-520-D.
mit etwa 150 Knoten durch ihr Element. Die
Wer will, kann noch heute eine fabrikneue
Höchstgeschwindigkeit lag bei 160 Kno- Bonanza haben. Inzwischen heißt sie G36,
ten. Spätere Versionen mit stärkeren Mo- besitzt einen IO-550-B mit 300 PS und ein
toren waren noch schneller. Und dann war Garmin-Glascockpit. Die Einmot war nie
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Fotos: Herzog
Die Beech Bonanza ist so
Politur hält jung: Die Beech
Bonanza ist erstaunliche 60 Jahre alt.
Sie ist steigfreudig und im Reiseflug
155 Knoten schnell.
Flying Beech Bonanza
Komfort trifft Aerodynamik: Der Tritt hilft beim
Einsteigen, fährt nach dem
Start aber automatisch ein.
Daten Bonanza Model 35
motor
Hersteller
Typ
Leistung
Continental
E-225
kW/PS 168/225
Abmessungen
Spannweite
Länge
Höhe
Kabinenbreite
m
m
m
m
10,1
7,6
2,3
1,1
massen und mengen
Die ersten Bonanzas hatten einen 165-PS-Continental, diese verfügt über 225 PS. Das Steuerhorn lässt
sich auf die Copilotenseite umlegen. Es ist außerdem in
der Höhe verstellbar.
Leermasse
Zuladung
Maximalmasse
Tankinhalt
kg
kg
kg
l
794
370
1164
227
Flugleistugnen
Startstrecke
Steigleistung
max. Flughöhe
max. Reise
VNE
m
ft/min
ft
kts
kts
400
1800
18 000
155
177
Schön, schnell und markant:
Das Design der Bonanza stammt
aus der frühen Nachkriegszeit. Sie
ist bis heute in der Produktion.
Zum Einsteigen gibt es
nur eine Tür. Der Gepäckraum ist gut zugänglich.
Das V-Leitwerk blieb bis 1984.
Es war eine Ausnahmeerscheinung
und stets umstritten.
Fotos: Herzog
Handgemacht: Die Beech schafft
Vertrauen durch ihre solide Bauweise.
Trotzdem ist sie nicht übermäßig schwer.
ein Schnäppchen und ist es jetzt erst recht
nicht. Der Neupreis liegt deutlich jenseits
der 500 000-Dollar-Marke.
Die Bonanza hat zweifellos das besondere Etwas, und sie weiß eine treue Anhängerschaft hinter sich. Alleine die American Bonanza Society zählt mehr als 10 000
Mitglieder.
Dem Charisma des soliden Ganzmetallers
erlagen bald auch Wolfgang Müller und Christof Dziarski aus Münster, als sie im Frühjahr
2006 auf der Suche nach einer Einmotorigen
waren. Wer wollte es ihnen auch verübeln,
dass sie diesem 1947er Modell nicht widerstehen konnten, das als „eine der schönsten
historischen Beech Bonanzas in Europa“ beschrieben worden ist. Die Seriennummer 170
weist es als ein sehr frühes Exemplar aus. Seine neue Heimat hat es auf dem Verkehrslandeplatz Münster-Telgte gefunden.
Wie schwierig es ist, eine unverbastelte
Bonanza aus der Anfangszeit zu bekommen, musste Kurzzeitvorbesitzer Dirk Sadlowski erfahren, der den Hochglanzklassi-
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ker nach Deutschland geholt hat. Sadlowski
musste weit in den USA herumreisen, bis er
schließlich in Idaho auf das Schmuckstück
stieß. Die Reise in die Alte Welt führte über
die klassische Nordroute. 36 Liter verfeuerte
der 225-PS-Continental dabei pro Stunde.
Nach der Ankunft in Deutschland wurde das fast 60 Jahre alte Flugzeug innerlich
und äußerlich gründlich überholt. So wurden die Ruderflächen neu lackiert, das Fahrwerk aufbereitet und alle äußeren Schrauben durch solche aus Edelstahl ersetzt.
Viele wohl überlegte Details
wie der einfahrbare Tritt
Die Kabine wurde in einen „Mindestensso-gut-wie-neu“-Zustand versetzt. Hier beherrschen nun das Blau des feinen Alcantara-Bezugsstoffs und der Glanz von poliertem Metall das Bild. Natürlich wirken auch
die wunderbaren, aus dem Vollen gefrästen
Kippschalter so, als wären sie eben erst aus
dem Ölpapier ausgewickelt worden.
Im Zuge der Restauration erhielt die
N2778V – das US-Kennzeichen trägt sie
noch immer – auch einen verstärkten Rückenspant im Heck. Damit gilt für sie das
Tempolimit nicht mehr, das einst für die VLeitwerk-Bonanzas nach der Unfallserie verhängt worden war. Den 225-PS-Motor plus
hydraulischen Propeller hatte die Beech bereits 1953 bekommen.
Es versteht sich, dass es diese überaus aufwändige, vertraueneinflößende Bauweise ist,
die Wolfgang Müller und Christof Dziarski
besonders angesprochen hat. „Sie ist“, sagt
Dziarski anerkennend, „im Prinzip handgemacht.“ Ihnen gefallen die wohl überlegten
Details wie die versenkten Nieten in der Außenhaut oder der Tritt unterhalb der Kabinentür, der zusammen mit dem Fahrwerk
einfährt. Das Einziehen des Fahrwerks ist
sowieso ein kleines Schauspiel für sich: Erst
werden die Räder in die Flächen geschwenkt,
dann schließen sich die inneren Abdeckklappen, danach die äußeren und am Ende
hat man eine perfekte, vollkommen ebene
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Unterseite. Wie man einem Flugzeug aero- stehende empfindet die Einmotorige nicht gleichzeitig. Der Pilot kann das Steuerhorn
dynamischen Feinschliff verpasst, das wuss- unbedingt als laut.
im Flug auf die andere Seite „hinüberwerten die Beechcraft-Ingenieure vor 60 Jahren.
Fliegerisch bringt das V-Leitwerk in Ver- fen“, „Throw-over Yoke“ nennen die AmeriUnd offensichtlich durften sie dabei ohne bindung mit dem Cockpitkonzept aus einer kaner daher diese Vorrichtung, die für ausSparzwang alle Register ziehen.
vergangenen Epoche einige Besonderheiten gesprochen viel Beinfreiheit sorgt.
Die Kabine vermittelt ein Gefühl von Ge- mit sich. „Bei ruhiger Luft“, sagt Wolfgang
Wenn die Beech, die nicht so schwer ist,
borgenheit wie eine gepanzerte Luxuslimou- Müller, „fliegt sie wie an der Schnur.“ An- wie sie wirkt, sich erst einmal in die Luft gesine. Da es ja nur eine Tür gibt, empfiehlt ders sieht es aus, wenn es bockig ist: Dann schwungen hat, ist mit Eifer bei der Sache.
sich eine spezielle Reihenfolge des Betretens neigt die Bonanza zum Gieren. Mit anderen Die VNE liegt bei 177 Knoten, im Reiseflug ist
und Niederlassens: Als Erster nimmt der Pi- Worten: Der Pilot bekommt viel Arbeit.
sie – bei 70 Prozent Leistung – mit 150 Knolot seinen Platz ein, dann folgt der für den
ten unterwegs. Dabei reichen die 200 Liter in
hinteren linken Sitz vorgesehene Passagier. Das Steuerhorn kann
den drei Tanks, um locker fünf Stunden in
Dann kommt der zweite Passagier für hinten die Seite wechseln
der Luft bleiben zu können. Der Tankinhalt
und zum Schluss der rechts vorne Sitzende.
darf sogar aus Superbenzin bestehen, die
Der Grund für dieses Verfahren? Irgend jeHinzu kommt, dass Arbeitsplatzergono- Bonanza besitzt das passende STC.
mand soll entdeckt haben, dass die Bonan- mie im Gegensatz zu Aerodynamik vor 60
Bei der Landung gilt es, das Temperament
za unversehens zum Spornradflugzeug wird, Jahren ein Fremdwort war, die Bedienung des Viersitzers zu zügeln, er wird nur höchst
wenn sich zwei – um es mal so auszudrücken dieses frühen Oberklassemodells ist ver- widerwillig langsamer.
– horizontal orientierte Mitmenschen auf die gleichsweise aufwändig. „Man muss mehr
Alles in allem ist die 1947er Beech, die
hinteren Polster fallen lassen und vorne nie- fliegen“, fasst Müller das zusammen.
Wolfgang Müller und Christof Dziarski
mand sitzt.
Originell ist das Steuerhorn, das auf ei- nach Münster-Telgte geholt haben, ohne
Im Flug fällt auf, dass der Hochglanz- ner mittig angebrachten Achse montiert ist Frage ein Glanzstück – im doppelten Sinn
ae
Klassiker die Umweltgeräusche nur stark ge- und entweder vom Piloten oder dem Copi- des Wortes.
filtert in die Kabine lässt. Auch der Außen­ loten bewegt wird, aber niemals von beiden
Martin Schulz
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Seele and Geist
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