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DIE ZEIT - Dieter E. Zimmer: Mehrsprachigkeit: Wie wird der

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− Dieter E. Zimmer: Mehrsprachigkeit: Wie wird der Kinderkopf
DIE ZEIT
50/1996
Dieter E. Zimmer: Mehrsprachigkeit: Wie wird der Kinderkopf damit fertig?
Bilingualität nützt in vielerlei Hinsicht. Sie schärft den Sinn für Sprache und gibt Heimatrecht in
verschiedenen Kulturen. Doch nicht jeder nutzt diese Fähigkeit mit Gewinn
Dieter E. Zimmer
Bilingualismus − unter diesem Namen firmiert in der Wissenschaft jede Form von Mehrsprachigkeit, und
diese hat in ihrer Einstellung zu dem Phänomen eine erstaunliche Kehrtwendung vollzogen. Jahrzehntelang
war der Bilingualismus in Verruf; dann plötzlich wurde es zu einem höchst erstrebenswerten Schicksal, mit
zwei oder mehr Sprachen aufzuwachsen.
Bis in die sechziger Jahre herrschte nahezu Einigkeit darüber, daß zweisprachige Kinder in ihren
Schulleistungen hinter ihren einsprachigen Altersgenossen zurückblieben, und zwar bis zu drei Jahre. Zwei
Sprachen, meinte man, zersplittern ihre geistigen Ressourcen; vor allem, aber nicht nur sprachlich seien sie
retardiert. Bei den Kindern, die die Forscher dabei im Sinn hatten und deren Intelligenzquotient sie maßen und
verglichen, handelte es sich in der Mehrheit um amerikanische Einwandererkinder. Aber die Befunde waren
klar und hielten sich hartnäckig, und das ließ nur zwei Schlüsse zu, die auch gezogen wurden: Entweder
waren diese Einwandererkinder von vornherein unintelligenter, oder ihre Bilingualität hatte ihre Intelligenz
beeinträchtigt. Die Öffentlichkeit entnahm aus alledem einfach, daß Bilingualität irgendwie mit Dummheit
Hand in Hand gehe.
Ihre Rehabilitation setzte 1962 ein. Damals veröffentlichten zwei kanadische Linguisten, Elizabeth Peal und
Wallace Lambert, eine umfangreiche Studie an französisch−englisch aufwachsenden Kindern in Montreal. Zu
ihrer eigenen Überraschung stellte sie die früheren Befunde total auf den Kopf. Von einem Rückstand konnte
keine Rede sein. Im Gegenteil, zweisprachige Kinder, so schien es nun, waren ihren einsprachigen
Altersgenossen in puncto IQ sogar überlegen. Bilingualität, schlossen Peal und Lambert, schadete nicht nur
nicht, sie nützte sogar; wahrscheinlich, indem sie die geistige Flexibilität erhöhte.
Wie konnte das sein? Wie konnten Wissenschaftler plötzlich das Gegenteil dessen verkünden, was ihr Fach
jahrelang für die bedauerliche Wahrheit gehalten hatte? Hatte man geirrt? Irrte man jetzt? Nach und nach
wurde klar, daß das Fach vorher geirrt hatte und warum. Es war einem klassischen Korrelationsirrtum
aufgesessen.
Bilingualität hatte zwar regelmäßig mit einem niedrigeren Intelligenzquotienten korreliert − aber daß sie ihn
verursacht hatte, war ein voreiliger Schluß gewesen. Die als zweisprachig eingestuften Einwandererkinder
waren auch nicht von vornherein unbegabter gewesen; sie hatten einfach nicht genug englisch gesprochen, um
in den Tests so gut abzuschneiden wie die Kinder eingesessener Familien. Es war fraglich, inwiefern sie
überhaupt zweisprachig gewesen waren; gelegentlich hatte ein südeuropäischer Familienname ausgereicht, ein
Kind in die Gruppe der Bilingualen einzustufen. Wo die früheren Untersuchungen von "Bilingualismus"
sprachen, hatten sie also einfach gemeint: Unterschichtenkind mit mangelhaften Englischkenntnissen. Die
Bilingualität selbst hatte gar nicht auf der Agenda gestanden. Ihre etwaigen Folgen lassen sich auf diese
Weise nie und nimmer dingfest machen. Dazu müßte bestimmt werden, in welchem Grade überhaupt
Bilingualität vorliegt; und dann müßten bilinguale Kinder mit monolingualen Kindern gleicher Intelligenz und
gleicher sozialer Herkunft verglichen werden.
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Genauso machte man es in den Jahren darauf, und dabei bestätigte sich Peals und Lamberts Befund noch und
noch. Daß die Bilingualität die Intelligenz geradezu erhöhe, wurde zwar wieder mit Fragezeichen versehen −
aber jedenfalls richtete sie keinen Schaden an, und zumindest sprachlich waren die zweisprachigen Kinder
ihren einsprachigen Altersgenossen voraus. So wurde die Mehrsprachigkeit ihren schlechten Ruf los.
Mittlerweile glaubt man auch zu wissen, wie sich die sprachliche Überlegenheit der Bilingualen erklärt.
Erhöht der ständige Sprachwechsel die geistige Flexibilität? Verlassen sich die Zweisprachigen bei der
Bewältigung geistiger Aufgaben mehr auf den effizienten Modus Sprache? Oder sind sie den Einsprachigen in
dem überlegen, was die Wissenschaft "metalinguistisches Bewußtsein" nennt? Erstmals hatte das einer der
Pioniere der Bilingualismusforschung konstatiert, der Deutschamerikaner Werner Leopold, als er in den
dreißiger Jahren die zweisprachige Entwicklung seiner Tochter beobachtete und protokollierte: Zweisprachige
Kinder neigen weniger dazu, Sache und Wort für dasselbe zu halten. Sie gewinnen eine gewisse Distanz zu
ihrer Sprache, ihren Sprachen. Früher und gründlicher wird ihnen klar, daß Wörter auswechselbare Symbole
sind. Ganz von allein kommen sie zu Ferdinand de Saussures Grunderkenntnis: Wörter sind "arbiträr". Als
Kenji Hakuta 1987 die verschiedenen Möglichkeiten evaluierte, kam er zu dem Ergebnis, daß es genau dieses
metalinguistische Bewußtsein der Zweisprachigen und nichts anderes ist, das ihnen ihren Vorsprung
verschafft.
Die Triumphmeldungen, die den ganzen Enthusiasmus beglaubigt hätten, sind bisher ausgeblieben. Wie das
Gehirn mit mehreren Sprachen fertig wird, ist trotz vielen Detailwissens alles in allem nicht viel klarer als
vorher. Daß Bilingualismus, wo er sich denn eingestellt hat, in jeder Beziehung von Vorteil ist, kognitiv wie
sozial, scheint zwar festzustehen − aber nicht, unter welchen Umständen und mit welchen Methoden er sich
am besten erreichen ließe und ob es überhaupt realistisch ist, ihn für ein allgemeines Ziel zu halten.
Immerhin, aus Skandinavien wurde gemeldet, daß sich bei nicht wenigen bilingual unterrichteten Kindern ein
Zustand eingestellt hatte, den die Forscher kurz entschlossen und undiplomatisch Semilingualismus nannten,
Halbsprachigkeit. Sie beherrschten keine der beiden Sprachen ganz. Sofort wurde eingewendet, daß das
diesen Kindern gegenüber unfair sei: Erstens lasse sich der Grad der Sprachbeherrschung objektiv kaum
messen, zweitens sei das Ideal der vollkommenen Sprachbeherrschung sowieso eine Fiktion, denn niemand
beherrsche auch nur eine Sprache vollständig, drittens müßte, wenn schon, etwas ganz anderes gemessen
werden, nämlich das gesamte kommunikative Geschick dieser Kinder, zu dem sich eben die wenn auch
unvollständige Beherrschung zweier Sprachen addiere. Was zwar alles richtig sein mag, soweit es einen
ungerechten persönlichen Vorwurf von diesen Kindern abwenden möchte, indessen nicht den Verdacht aus
der Welt räumt, daß ein vollständig funktionsfähiges Auto zwei kaputten doch irgendwie vorzuziehen ist.
Aus Holland kam Ende der achtziger Jahre die Nachricht, recht verhalten und kleinlaut, daß es den Erwerb
des Niederländischen zwar nicht beeinträchtige, wenn Minoritätenkinder einen Teil des Unterrichts in ihrer
Muttersprache erhielten, ihm aber auch nicht weiter förderlich sei. Egal, nach welcher Methode die bilinguale
Erziehung vonstatten gehe und ob sie dazu bestimmt sei, langsam zur Zweitsprache überzuleiten (Transition)
oder die Erstsprache voll zu bewahren (Erhalt), alle Studien stimmten darin überein, daß die
Niederländischkenntnisse am Ende nicht besser waren als in den verschrieenen "Submersions"−Programmen,
bei denen die Kinder ohne sprachliche Unterstützung in einsprachige Klassen "eingetaucht", sozusagen
versenkt werden. Und "nicht besser" hieß: daß die Minoritätenkinder, mit und ohne zweisprachigen
Unterricht, in ihren Schulleistungen im Durchschnitt hinter ihren einsprachig−niederländischen
Altersgenossen deutlich zurückblieben. Der bilinguale Aufwand hatte ihnen zwar nicht geschadet, aber auch
nicht genützt, jedenfalls nicht direkt. Bilingualer Unterricht, heißt das wohl, nützt wahrscheinlich den
kleineren, schwächeren und damit bedrohten Sprachen, indem er ihnen öffentliche Anerkennung zollt und sie
in der nachwachsenden Generation übt; er unterstützt die Kinder moralisch, die sich in einer Sprachumgebung
finden, in der sie mit ihrer Erstsprache nichts anfangen können. Aber Bilingualität stellt er nicht her und
bewahrt er nicht.
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Wenn jene nicht allzu zahlreichen heroischen Studien, in denen Linguisten den Spracherwerb ihrer eigenen
oder fremder Leute Kinder über viele Jahre hin genau beobachten und analysieren, eines deutlich gemacht
haben, dann dies: Der doppelte Spracherwerb ist kein Kinderspiel. Der ideale Bilingualismus ist etwas
außerordentlich Seltenes, wenn es ihn überhaupt je geben sollte: daß ein Kind sozusagen in zwei
gleichberechtigte Sprachen hineinwächst und dann beide sein Leben lang als seine Muttersprachen spricht.
Bald ist die eine dominant, bald die andere, bald vielleicht sogar eine dritte. Jede nicht ständig und gern
geübte Sprache verblaßt und verschwindet schließlich. Auch von Anfang an zweisprachig aufgewachsene
Kinder können jede dieser Sprachen vollständig verlernen; höchstens, daß es ihnen vielleicht etwas leichter
fällt, später im Leben auf sie zurückzukommen. Bilingualismus ist überhaupt nichts Statisches. Er ist immer
in Bewegung und droht ständig, sich ganz zu verabschieden.
Zwar kommt kaum ein Mensch sein Leben lang allein mit seiner Muttersprache aus. Aber die Hoffnung, daß
die ganze Menschheit nur mit gutem Willen und etwas Nachhilfe mehrsprachig werden könnte, nähren solche
Beobachtungen ganz und gar nicht. Daran hatte schon Werner Leopold nicht mehr geglaubt, seit seine
bilingualen Erziehungsanstrengungen bei der zweiten Tochter auf Renitenz gestoßen waren. Er meinte, was
heute wenig populär ist: daß der Erfolg auch sehr von persönlichen Variablen abhänge, Sprachbegabung,
Temperament, Motivation; daß also Bilingualität nicht jedermanns Sache sei. Wenn aber die zweisprachige
Erziehung selbst dort nur bedingte Chancen hat, wo alle Signale auf Erfolg stehen: wo Mittelschichtskindern
von hingebungsvollen Eltern, oft selber Linguisten, das zweite Idiom mit List und Liebe schmackhaft
gemacht wird; wenn also oft sogar versagt, was manche Soziolinguisten mit gerümpfter Nase
"Elite−Bilingualismus" nennen, im Unterschied zum normalen Bilingualismus, der eines der weiteren
Probleme der Unterprivilegierten ist, welche sich in fremder Sprachumgebung durchschlagen müssen − wie
soll dann in den verschiedenen Sprachminoritäten der multikulturellen Gesellschaften je allgemeine
Mehrsprachigkeit ausbrechen können?
Widerlegt ist bis heute nicht die zwanzig Jahre alte Interdependenzhypothese des Kanadiers Jim Cummins:
daß sich die Zweitsprache nur auf der Grundlage einer intakten Erstsprache entwickeln kann und daß dann
auch die Erstsprache von der Zweitsprache profitiert. Sie bedeutete: Wer, aus welchen Gründen auch immer,
im richtigen Entwicklungsstadium nicht zu einer intakten Erstsprache gekommen ist, läuft Gefahr, im
Semilingualismus steckenzubleiben, auch wenn er dann eine zweite Sprache dazulernen sollte und könnte.
Der äußere Verlauf dagegen scheint klar. Am deutlichsten hat ihn 1983 Traute Taeschner beschrieben, die
zusammen mit ihrem Mann zwei Töchter italienisch und deutsch aufzog. Ihr stellte sich die Entwicklung in
drei Phasen dar. In der ersten ist der Wortschatz der Kinder nicht nach Sprachen getrennt. Für die Dinge ihrer
Umwelt lernen sie jeweils nur ein Wort; Äquivalente in der anderen Sprache gibt es kaum. Benutzt werden die
Wörter, als entstammten sie einer einzigen Sprache, durcheinander also. Die Frage der Grammatik stellt sich
noch nicht, denn es ist das Stadium der Ein− und Zweiwortsätze, in dem die Kindersprache noch ihre eigene
universale Grammatik besitzt. Die zweite Phase dann, in der die ersten rudimentären Sätze auftauchen, ist die
der starken Interferenzen. Den Kindern wird klar, daß die Eltern verschiedene Sprachen sprechen und daß das
nun auch von ihnen verlangt wird. Phonetisch (also in der Aussprache) färben die beiden Sprachen so gut wie
nie aufeinander ab, wohl aber morphologisch (in der Wortbildung), syntaktisch (in Wortstellung und Satzbau)
und semantisch − die in der einen Sprache erworbenen Bedeutungen werden manchmal in die andere Sprache
mit hinübergenommen. "Ti ricordi Giulias Geburtstag mit zwei candelen? Io trinko, io esso. Ich weiß schon
cucire" ("Erinnerst du dich an Giulias Geburtstag mit zwei Kerzen? Ich trinke, ich esse. Ich kann schon
kochen"). Eine Hybridsprache scheint im Entstehen begriffen. Aber dann kommt es ganz anders. In der
folgenden dritten Phase klären sich die Verhältnisse, und zwar vollständig. Auch andere Untersuchungen
ergaben das gleiche Bild: Am Ende der Einund Zweiwortphase, also etwa mit zwei Jahren, wird den Kindern
klar, daß sie zwei verschiedene Lexika haben, sie beginnen beide Sprachen zu trennen, und mit etwa drei
Jahren ist die Trennung abgeschlossen: Nunmehr wissen sie genau, wann und wem gegenüber welche
angebracht ist, wechseln zwischen ihnen nur dann hin und her, wenn sie jemand vor sich haben, der so
bilingual ist wie sie selber, und selbst in ihrem inneren Monolog wechseln sie so gut wie nie.
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DIE ZEIT − Dieter E. Zimmer: Mehrsprachigkeit: Wie wird der Kinderkopf damit fertig?
Es scheint also, daß die Kinder spontan, von sich aus auf eine saubere Trennung beider Sprachen hinsteuern.
Für den, der es dazu bringt, so scheint es, ist Bilingualität darum eine rundum gute Sache. Sie schadet ihm in
keiner Hinsicht, sie verstärkt sein Gespür für den formalen Charakter der Sprache, sie führt keineswegs zur
Vermengung der Sprachen, sie nützt ihm in vielen Situationen, sie gibt ihm Heimatrecht in verschiedenen
Kulturen, sie stärkt die Verbindung zu den eigenen Wurzeln, sie kann eine Quelle beständigen Glücks sein.
Aber wahrscheinlich jagte einer Illusion nach, wer sie von jedem erwartete.
Wir neigen dazu, jenen mit mißtrauischem Neid zu begegnen, die die Gelegenheit hatten, mit mehr als einer
Sprache groß zu werden, so als wäre ihnen ohne ihr Zutun ein mirakulöser Zustand zuteil geworden, der den
meisten für immer verschlossen ist: die Bilingualität. "Die" Mehrsprachigkeit aber ist etwas, das es in der
Wirklichkeit nicht gibt. Es gibt sie nur in verschiedenen Graden und Formen, und bei jedem einzelnen ist sie
unablässig im Fluß, braucht sie, um erreicht und erhalten zu werden, unausgesetzte Anstrengung.
Eine ausführliche Fassung dieses Wissenschaftsreports erscheint im Januar in Dieter E. Zimmers neuem Buch
"Deutsch und anders" bei Rowohlt
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