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Hundert Jahre danach: Der Erste Weltkrieg scheint so nah wie nie 4

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E I N J OU R N A L FÜ R DAS LI TE RARI S C HE GE S C HE HE N
DIE LITERARISCHE WELT
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A
Auch Widerlinge haben manchmal recht. Also sprach Martin Heidegger: „Das lyrische
Werk Trakls ist ein einziges großes Gedicht.“
Diesem Riesen-Canto hat Rüdiger Görner
nun eine schlechterdings bewundernswerte
Biografie gewidmet; ihre Besonderheit liegt
darin, dass der Forscher mit so empfindsamer wie liebevoller Detailtreue das Leben
und Werk interpretiert, bis hinein in die Verästelungen und Verschlüsselungen eine Höllenfahrt in Trakls Finsternisse wagt: penibel
Zeit- und Lebensumstände in Bezug setzt
zum meist unerforschlichen Kern dieses so
schmalen wie bedeutenden Œuvres der frühen Moderne: schwarzes Leben, dunkel dräuendes Werk. Diesen Grundton des bittenden
Vergebens mag Heidegger gemeint haben.
Viele Interpreten haben dem gelauscht.
Schon das vermutlich früheste Gedicht
(fast keines ist exakt datiert) schlägt den lastenden Akkord an. Der Moll-Vokal A – der
dann im fiebrigen Farbenrausch dieser Lyrik
wie von Wellen getragen umspült wird – ist
im Gedicht „Die Raben“ bereits Warn- und
Weckruf: „Über den schwarzen Winkel hasten / Am Mittag die Raben mit hartem
Schrei. / Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei / Und manchmal sieht man sie
mürrisch rasten.“ Wir lesen bei dem protestantisch getauften Salzburger Bürgersohn eine hoch auflodernde Gegenpredigt (gelegentlich durchaus an Rilke erinnernd, der
einmal bewundernd fragte „Wer mag dieser
Trakl sein?“), immer eines Gottes – und seiner Boten, der Engel – gewärtig, der Erlösung nicht bieten kann den Gepeinigten dieses Jammertals: „An des Einsamen elfenbeinerner Schläfe erscheint der Abglanz gefallener Engel … Aus grauen Zimmern treten Engel mit kotgefleckten Flügeln. Würmer tropfen von ihren vergilbten Lidern.“
Rüdiger Görner ist ein begnadeter Analytiker; und ein hochgebildeter Essayist. So weiß
er „Im Blick des Dichters ist das Schöne dem
Tod anheim gegeben“, und er kann Lacan zitieren mit dessen Diktum „Lyrik ist Wissen
von Unbewusstem“. Und führt uns immer
wieder das Unauslotbare von Trakl-Versen
vor Augen: „Die Blinden streuen in eiternde
Wunden Weiherauch. / Rotgoldene Gewänder; Fackeln; Psalmensingen; / Und Mädchen, die wie Gift den Leib des Herrn umschlingen. / Gestalten schreiten wächsernstarr durch Glut und Rauch.“
Nicht zufällig ist der Wissenschaftler 2013
und 2014 „Georg-Trakl-Gastprofessor“ an
der Universität Salzburg. Er hat sich auch
mit zahlreichen Publikationen – unter anderen zu Rilke, Kleist und Thomas Mann – einen Namen gemacht, was ihm zahlreiche Ehrungen im akademischen Bereich einbrachte;
nicht zuletzt die als Korrespondierendes
Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er hat ein genaues Gespür
für jeglichen Subtext der Poesie. Dabei enthält der Forscher sich konsequent jeder Antwort auf die Lehrerfrage „Was will der Dichter uns damit sagen?“ Er ventiliert – sein
Buch ist auch eine große Erzählung – ein
Wunder: Trakl führte ja eine ganz bürgerliche Existenz, absolvierte geflissentlich seine
Apothekerlehre, war gerne in den sprichwörtlichen Cafés mit Kameraden zusammen
(wo man gelegentlich zu viel trank), besuchte die Salzburger Bordelle (der oft in der Sekundärliteratur betratschte Inzest mit seiner
Schwester Grete lässt sich nicht belegen).
Der Frühbegabte wuchs in jenem berüchtigten „trauten Heim“ auf, das man aus vielen literarischen Darstellungen der Jahrhundertwende kennt – liebeleer und sprachlos.
Das hinderte zu jener Zeit nicht, dass die Ehe
mit mehreren Kindern „gesegnet“ war; indes
GEGRÜNDET VON WILLY HAAS, 1925
U
EINE BEILAGE DER WELT
U
Der Giftige
Ein Leben im Rausch der Moderne:
Hundert Jahre nach dem frühen Tod des Georg Trakl
widmet Rüdiger Görner einem der größten deutschen
Dichter eine brillante Biografie Fritz J. Raddatz
D
„Getrunken hat er nicht,
aber sehr viel Cocain zu
sich genommen“, stellte
ein 1914 im Garnisonsspital
Krakau angefertigtes Gutachten fest. Georg Trakl
höre auch „viel Glockenläuten“. Am 3. November stirbt
der 27-Jährige an einer
„Cocainintoxication“
die Mutter sich fast immer schweigend in ein
grotesk möbliertes Refugium einmauerte: Sie
sammelte mit wahrer Kaufwut Antiquitäten,
die sie mehr liebte und hütete als ihre Kinder. Als fahler, bleicher Widerschein taucht
sie – sehr selten – in des Sohnes Gedichten
auf. Der war schon als Schüler belesen,
sprach dank des Kindermädchens der Familie gut Französisch, Rimbaud – einer seiner
„Einflüsse“ – kannte er aus Übersetzungen
wie Maeterlinck, George, Nietzsche, Baudelaire, Verlaine. Es war wohl tatsächlich Rimbaud und dessen Idee von der „Farbe der Vokale“ und der „hallucination des mots“, die
ihn am tiefsten berührten. Damit ist auch
das „Hauptwort“ gefallen: Halluzination.
Dass Rimbaud auch in den Höllennächten
des Rauschgifts wohnte, ist bekannt. Trakl –
gleichgültig, ob er schon früh die Mittel aus
dem Apothekerschrank nahm oder gar erst
spät nach dem viersemestrigen Pharmaziestudium 1910-1911 als k.u.k. Sanitätsabteilungsfreiwilliger in Wien – experimentierte
schon jung mit „Giften“. Ein früher Brief an
den Freund Buschbeck ist überliefert, in dem
er „beichtet“, er habe „leider wieder zum
Chloroform Zuflucht genommen. Die Wirkung war furchtbar.“
In der für ihn typischen Behutsamkeit
zieht Görner Bilanz: „Trakls spärliche Lebensspuren summieren sich zu einem Zeugnis verschiedener Intensitäten, die selbst
SUEDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO/ SCHERL
S A M STAG , 2 6 . J U L I 2 014
dann als solche in Erscheinung treten, wenn
er Unentschlossenheit an den Tag legte,
scheinbar dröge dahin lebte oder an einem
Wechselbad von Nervosität und Langeweile
litt. Alles erlebte er intensiv, den Überdruss
und Ekel (oft genug über sich selbst), die Erfahrung des Schönen im Hässlichen und des
Widerwärtigen im Schönen.“
In einem der besten Kapitel seines Buches,
das auf das „toxische Schaffen“ Trakls eingeht, zeigt Görner: Das ist nicht alles. Das
Mysterium der Lyrik dieses Menschen, der
sein Ich nicht mehr versteht und die Welt
auch nicht, ist weitaus rigoroser verriegelt.
Der 1887 Geborene hatte ja begabte, einige
geniale Zeitgenossen – Hans Arp, Jakob van
Hoddis, Georg Heym, Kurt Schwitters, Gottfried Benn, Albert Ehrenstein, Max Herrmann-Neisse waren ihm gleichaltrig oder
nur ein Jahr älter. Ob Else Lasker-Schüler eine kurzfristige Geliebte war, ist nicht erwiesen. Es gab also diese frühe Moderne. Doch
dieser eine ging einen einsamen Weg, den
Hall seiner Schritte bannte er in Versen von
grässlicher Schönheit. Ernst Bloch und Walter Benjamin haben in ihren „Protokollen zu
Drogenversuchen“ fixiert, wo der Pfad enden
musste: „Es bildet sich ein verschneiter Weg
in den Rausch hinaus, dieser Weg ist der
Tod.“ Dazu noch einmal unser Biograf: „Die
Sprache wurde (auch) ihm eine Art Rauschmittel, ein Trance-Medium und eine Form
HOCHZEIT
GEDENKZEIT
Das Geheimnis
einer guten Ehe:
Stewart O’Nan
im Interview ✒ 3
Hundert Jahre danach:
Der Erste Weltkrieg
scheint so nah wie nie ✒ 4
von Autosuggestion, die ihn jedoch seiner
Identität zu entfremden schien. Denn das
Seltenste bei Trakl sind Ich-Gedichte.“
Noch verharrte der bereits lauernde Sensenmann. Die „Sympathie mit dem Tode“,
wie Thomas Mann dieses Lebenszittern in einem Brief an seinen Bruder Heinrich nannte,
blieb vorerst elementares Gefühl. Georg
Trakl war Reiter und Rappe in einem, die
Funken der Hufe seines schwarzen Pegasus
schossen weit hinauf an den Horizont, waren
Sterne in einem Firmament ohne Hoffnung:
seine Gedichte. Todwärts. „Der Dichter ist
das Herz der Welt“, hatte Eichendorf geschrieben – auch wenn das Herz des Drogenabhängigen manchmal versagte: Er schuf Unvergleichliches. Seine poetische Kraft bändigte er durch unzählige Korrekturen; Rüdiger
Görner hat mit mustergültiger Akribie die
zahlreichen unterschiedlichen Fassungen der
Gedichte analysiert und deren Eigenständigkeit bewiesen. Ortlos mag der zwischen Innsbruck, Berlin, Salzburg umherirrende Poet im
banalen Sinne des Wortes gewesen sein.
Doch er hatte seinen Ort. Das Papier.
In unserer von eilfertiger Hurtigkeit geprägten Zeit, die unsere Ohren vergewaltigt,
Muße mit Faulheit verwechselt und Fantasie
für die Damenoberbekleidung reserviert, halte ich für dringend geboten: Setzen wir uns
aus dem Verrätselten, dem Magischen, der
wundersamen Besessenheit von Trakls Ge-
PROBEZEIT
+
Zur Wiedervorlage:
Wilhelm Genazinos
Flaneur unter
Steuerprüfern ✒ 6
NUMMER 3 0 / 2 014
dichten. Sie zwingen den Leser dazu innezuhalten, dem eigenen Herz-Rhythmus zu lauschen, statt auf das Geräusch-Geplärr der
Spaß-Welt zu hören. Wir müssen uns dieses
Poesie-Genie zurückholen.
Vielleicht hatte der Gigant gar mehr Glück
zu seiner Zeit, als ihm heute beschert ist. Er
fand verständige Bewunderer. Ludwig von
Ficker druckte immer häufiger Trakl-Gedichte in seiner für den österreichischen Sprachraum bedeutenden Zeitschrift „Brenner“,
Franz Werfel erkannte alsbald die hohe Qualität des Kollegen, der zu Enthusiasmus nicht
allzu häufig neigende Karl Kraus empfahl ihn
an den Kurt Wolff-Verlag in Leipzig. Dort erschien schließlich im Sommer 1913 der einzig
zu Lebzeiten des Autors gedruckte Gedichtband, nachdem kurz zuvor der Verlag Albert
Langen das Manuskript abgelehnt hatte. Ein
wenig bizarr wirkt das trotzige Selbstbewusstsein des Debütanten, der sich gegen eine Publikation in der renommierten Reihe
des Kurt Wolff-Verlages „Der jüngste Tag“ –
was die Lektoren Franz Werfel und Max
Brod zunächst angeregt hatten – heftig wehrte: „Damit bin ich selbstverständlich in keiner Weise einverstanden.“ Obwohl finanziell
keineswegs gut gestellt (die üppige Zuwendung von 20.000 Mark des Mäzens Wittgenstein erreichte ihn erst später) bot er gar an,
das Honorar nicht in Anspruch zu nehmen.
Der junge Mann, der sich ab 1912 „Landwehrmedikamentenakzessist“ nennen durfte, konnte störrisch, auch bösartig sein.
Wien nannte er eine „Dreckstadt“ und
schmähte: „Die Wiener gefallen mir gar
nicht. Es ist ein Volk, das eine Unsumme,
dummer, alberner, und auch gemeiner Eigenschaften hinter einer unangenehmen
Bonhomie verbirgt. Mir ist nichts widerlicher, als ein forciertes Betonen der Gemütlichkeit. … Der Teufel hole diese unverschämten Wanzen!“ Auch Venedig, das er im
August 1913 immerhin in Gesellschaft von
Adolf Loos, Karl Kraus und Peter Altenberg
besucht – ein Foto zeigt den recht Stämmigen im schwarzen Badeanzug am Lido – „gebiert“ zwar ein traumschwarzschönes Gedicht; es führt aber vor den „Einsamen, Heimatlosen“: „Schwärzlicher Fliegenschwarm
verdunkelt den steinernen Raum.“
Eine der häufigsten Metaphern im Œuvre
von Georg Trakl ist der Klang von Glocken.
Noch heute, bei der Lektüre von Görners so
einfühlsamem Buch und dem Wiederlesen
vieler Gedichte dieses Magikers wollen sie
einem höhnisch ins Ohr schallen. Am 25. Oktober 1914 geht ein Telegramm aus Krakau
(wohin den Freiwilligen der Krieg verschlagen hatte) an Kurt Wolff: „sie würden mir
große freude bereiten, wenn sie mir ein
exemplar meines neuen buches ‚sebastian im
traum‘ schickten. liege krank im hiesigen
garnisonsspital krakau. georg trakl.“ Er sollte
dieses Buch nie in Händen halten.
„Grodek“ hieß sein letztes Gedicht, nach
der Schlacht bei Grodek am 13. Oktober 1914.
Er las es Ludwig von Ficker bei dessen Besuch im Krakauer Garnisonsspital am 24.
und 25. Oktober vor; der Besucher erinnerte
sich, dass Trakl „leise, mit der schlicht hinsagenden Stimme, die ihm eigen war“ gelesen
habe. In dieses Hospital war der Kranke „zur
Beobachtung des Geisteszustandes“ schon
am 8. Oktober eingeliefert worden. Ein weiteres ärztliches Gutachten konstatiert, „getrunken hat er nicht, aber sehr viel Cocain zu
sich genommen … außerdem hört er sehr viel
Glockenläuten … er vermutet, daß er von einem Kardinal abstammt und daß er in der
Zukunft ein großer Herr wird.“ Schließlich
testiert ein Dr. Havel am 4. November 1914
„Suicid durch Cocainintoxication“. (Der Tod
trat am 3. November um 21 Uhr ein.)
Ein großer Herr? Ein großer Dichter war
er geworden. Einer der ganz großen. Seine
letzte Lektüre waren Gedichte des schlesischen Barockhymnikers Johann Christian
Günther. Dessen Gedicht „Bußgedanken“
schließt mit der Zeile „Oft ist ein guter Tod
der beste Lebenslauf“.
Rüdiger Görner: Georg Trakl.
Dichter im Jahrzehnt der Extreme.
Zsolnay, Wien. 352 S., 24,90 €.
ZOMBIEZEIT
Die Untoten der Polen:
Maria Janion erklärt
die Seele unserer
Nachbarn ✒ 7
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