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Leben wie zuvor?

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WALLIS
Walliser Bote
Dienstag, 15. Oktober 2002
Leben wie zuvor?
Tag der
Mammografie!
Brustkrebs: Interview mit Christine Holzer, Betreuerin/Besucherin beim Selbsthilfeverein
ein Auslöser war, eine Beziehung zu beenden, die vorher
auch nicht so intakt gewesen ist.
Eher haben Frauen durch ihre
Krankheit endlich die nötige
Kraft gefunden, aus einer wenig
befriedigenden Beziehung auszusteigen und auch wieder neue
Beziehungen aufzubauen. Andererseits kann aber eine Frau
gerade durch die Anteilnahme
ihres Mannes erfahren, dass sie
ihm wichtig ist, dadurch ihr
Selbstbewusstsein stärken und
sich besser mit ihrem veränderten Körper versöhnen.»
Brustkrebs — Ein Schicksal, das in der Schweiz jedes Jahr neu bis 4000
Frauen und einige wenige
Männer ereilt. Angst, Panik, Seelenschmerz, Unsicherheit sind vorprogrammiert. Der schweizerische Verein «Leben wie
zuvor» — eine Selbsthilfeorganisation für Brustoperierte — will Frauen
nach der Brustoperation
helfen, seelische Belastung
und Probleme auf Grund
eigener Erfahrung durch
Einzel- und Gruppengespräche, aber auch durch
Besuche am Krankenbett
besser zu überwinden. Eine dieser Betreuerinnen
und Besucherinnen ist die
46-jährige Christine Holzer aus Brig.
Ihre Krankheit ist ein Tabuthema gleich im doppelten
Sinn: der Krebs und die Brust,
ein Ursymbol für die Weiblichkeit. Umso wichtiger ist
wohl eine Selbsthilfegruppe, in
der man mit Gleichbetroffenen Probleme, die durch die
Krankheit entstanden sind,
besprechen kann?
«Ja, denn manchmal sind die
nächsten Angehörigen auch
selbst überfordert, weil sie sich
ohnmächtig gegenüber der
Krankheit fühlen und unsicher
sind, ob und wie sie helfen können. Oder die Patientin selbst
will ihre Angehörigen nicht
noch zusätzlich mit ihren Ängsten belasten, kann sie aber
gleich wohl nicht wegstecken.
Gespräche mit Frauen, die dasselbe durchgemacht haben, sind
deshalb sehr hilfreich. Man ist
nicht mehr allein, getraut sich,
über Ängste, Ärger, Wut zu
sprechen. Man kann Erfahrungen austauschen, von andern
lernen, wie sie mit der Situation
besser fertig geworden sind.»
Christine Holzer, Sie haben selbst eine leidvolle Vergangenheit hinter sich. Wann
wurden Sie mit der Diagnose
«Krebs» konfrontiert?
«Ein erster Verdacht auf Krebs
ergab sich ein paar Wochen vor
meinem 36. Geburtstag bei einer regelmässigen Routineuntersuchung beim Arzt. Bis dahin
war ich zwar wegen meiner familiären Vorbelastung etwas
vorgewarnt, spürte aber nie irgendwelche
Beschwerden.
Nach einer Basis-Mammografie
und einer Gewebeentnahme
kurz darauf im Spital, hatte ich
dann erneut einen Termin beim
Arzt, um die Fäden zu entfernen. Kurz davor rief mich der
Gynäkologe zu Hause an und
riet dazu, dass mein Mann mich
begleiten solle. Da wusste ich
Bescheid.»
Die Hiobsbotschaft traf Sie damit wie ein Blitz aus heiterem
Himmel. Das muss ein Wahnsinnsschock gewesen sein?
«Ja, da rutscht einem der Boden
schon ganz gewaltig unter den
Füssen weg. Zumal meine beiden Mädchen damals erst in die
erste beziehungsweise in die
dritte Klasse gingen und mir eigentlich nur Menschen aus dem
Verwandten- und Bekanntenkreis präsent waren, die die
Krankheit nicht überlebt haben.
Die schwierigste Zeit sollte aber
erst nach der Operation noch
kommen, denn in der nervenaufreibenden hektischen Zeit
davor musste vieles organisiert,
ein Termin nach dem andern
wahrgenommen werden. Ausserdem ist man durch die Panik
sowieso fast wie in Watte gepackt und vor Angst zu sehr gelähmt.»
Die Wahl, auf die Chemotherapie zu verzichten, stellte sich
Ihnen nicht. Wie haben Sie die
Zeit nach der Operation erlebt?
«Sicher war da auch die Erleichterung, dass die Krankheit
erst einmal wegoperiert wurde.
Aber ich fiel dennoch in ein
Loch. Zum einen ist eine Chemotherapie mit all den Nebenwirkungen physisch und psychisch wirklich belastend, zum
andern musste ich mich an ein
Leben mit einer Krankheit gewöhnen, die lebensbedrohend
sein kann.»
Was hat Ihnen in dieser
schwierigen Zeit geholfen?
«Vor allem die liebevolle Unterstützung
durch
meinen
Mann, meine Kinder und auch
durch andere nahe stehende
Menschen, die mich in dieser
Zeit nicht nur mit gutem Rat
aufgemuntert haben, sondern
auch vorbeigekommen sind und
für mich ganz spontan irgendwelche Arbeiten erledigt haben.
Sehr wichtig waren aber auch
Gespräche und die Besuche einiger betroffener Frauen, die die
Krebsliga mir auf meine Anfrage hin vermittelt haben. Denn
zum ersten Mal lernte ich Frauen kennen, die diese Krankheit
Sicher müssen Sie sich in Ihrer
Gruppe auch intensiv mit Tod
und Trauer beschäftigen?
«Ja, dieser andere bedrohende
Pol des Lebens ist immer präsent. Rückfälle oder der Tod
von lieb gewordenen Kolleginnen können sehr belastend sein,
andererseits binden sie auch näher aneinander. Dennoch hat in
unserer Gruppe Spass und Freude viel Platz. Und manchmal
wundern sich Leute, die unsern
Hintergrund nicht kennen, sehr
ob der fröhlichen Stimmung,
die auf unsern Ausflügen
herrscht.»
Christine Holzer: Selbsthilfe für Frauen nach Brustkrebs.
überstanden haben.»
Waren diese Begegnungen für
Sie die Initialzündung, um
hier bei uns eine Selbsthilfegruppe aufzubauen?
«Ja, genau. Ich hab mir damals
gesagt, wenns mir wieder gut
geht, werde ich versuchen, auch
anderen Frauen ein bisschen
Mut zu machen. Ich hab in dieser Zeit auch sehr viel über das
Thema Brustkrebs gelesen. Bei
einer Buchbestellung machte
ich am Telefon dann zufällig die
Bekanntschaft mit Dr. Susi
Gaillard, der Gründerin des
schweizerischen Vereins ‹Leben wie zuvor›. Nach einem
Vortrag des Vereins in Thun
reifte in mir dann der Entschluss, auch hier bei uns eine
Gruppe auf die Beine zu stellen.
Zusammen mit zwei andern Betroffenen lancierten wir einen
Artikel in der Zeitung — mit
dem Aufruf, sich im Bahnhofbuffet in Brig einzufinden. Das
war im Mai 1994. Und es kamen gleich an die 30 Frauen.»
Seit wann existiert denn diese
Selbsthilfeorganisation?
«‹Leben wie zuvor› ist eigentlich in Amerika entstanden. In
der Schweiz konnte 1990 aus
über 30 inzwischen entstandenen Selbsthilfegruppen im
deutschsprachigen Raum dann
der Schweizer Verein für brustoperierte Frauen mit einer ‹Geschäftsstelle» von Dr. Susi Gaillard gegründet werden. Mittlerweile gibt es etwa 70 Selbsthilfegruppen zu je acht bis 18 Teilnehmerinnen in der Schweiz.»
Wie funktioniert denn eine solche Gruppe?
«Jede dieser Gruppen arbeitet
selbstständig, den Bedürfnissen
der Teilnehmerinnen angepasst.
In den meisten der Gruppen
treffen sich ausschliesslich
brustoperierte Frauen, an anderen wiederum nehmen auch
Frauen nach anderen Krebserkrankungen teil. Eine oder mehrere Frauen übernehmen, nach
einer Ausbildung in Kursen, Seminaren und Tagungen, die
‹Begleitung› der Gruppe und
sind zugleich auch Kontaktperson zur Geschäftsstelle des
Schweizer Vereins. In unserer
Gruppe sind wir gegenwärtig
zwischen zwölf und 20 Frauen
im Alter von 30 bis 80 Jahren,
die entweder schon länger mit
der Krankheit leben oder auch
neu mit der Diagnose konfrontiert wurden.»
Für eine 30-Jährige stellen
sich aber doch ganz unterschiedliche Probleme als etwa
für eine 60-Jährige?
«Natürlich haben wir alle unser
eigenes Schicksal zu tragen.
Primär aber soll in unserer
Gruppe Wärme, Anteilnahme,
Zusammengehörigkeit und Verständnis füreinander erlebt werden können. Doch durch unsere
Krankheit gehören wir trotzdem
irgendwie zusammen, auch
wenn wir alle ganz unterschiedliche Ängste und Sorgen haben.
Eine Brustoperation ist für eine
30-Jährige sicher ganz besonders schlimm, aber auch die 80Jährige hadert vielleicht mit
dem Schicksal, das ihr, nach
vielen Widrigkeiten des Lebens,
jetzt auch noch dieses Leiden
auferlegt hat.»
War die Krankheit für Sie
selbst eine Aufforderung, das
Leben zu ändern? Können Sie
Krankheit als «Chance» sehen?
«Ich empfinde jetzt — nach einem langen Prozess! — vor allem eine tiefe Dankbarkeit, dass
ich leben darf. Anders vielleicht
als Frauen meiner Generation,
die an ihren Geburtstagen über
das ‹Schon-wieder-ein-Jahr-Älterwerden› stöhnen, kann ich
jetzt aus vollem Herzen Gott
danken, dass ich wieder ein Jahr
älter werden durfte. Dankbar
bin ich meiner Krankheit auch,
dass sie mir viele wertvolle Begegnungen mit Menschen gebracht hat. Und sie hat es mir
ermöglicht, mich von einigen
Altlasten zu befreien, andere
Prioritäten zu setzen, alltägliche, kleine Problemchen, materielle Sorgen usw. als nicht
mehr so wesentlich anzusehen.
Ich versuche jetzt, mir ganz bewusst mehr Gutes zu gönnen,
mir einen Tag mehr frei zu nehmen, mir ein kleines Inselchen
zu schaffen — nicht, weil ich
früher falsch gelebt habe, sondern um nicht nur zu überleben,
sondern ein bisschen besser zu
leben.»
Durch eine Brustkrebserkrankung können auch Probleme
in der Partnerschaft entstehen. Haben Sie es erlebt, dass
sich Paare aufgrund veränderter Gefühle der Sexualität gegenüber getrennt haben?
«Eine
Brustkrebserkrankung
kann tief verwunden, und wenn
eine ganze Brust entfernt werden muss, kommt zur seelischen
noch eine körperliche Verletzung dazu. Natürlich ist auch
das Sexualleben mitbetroffen.
Es gibt sicher Paare, die sich
nach einer Brustoperation getrennt haben, aber ich denke,
dass die Krankheit vielleicht
nicht die Ursache, sondern nur
18
Wie sieht denn Ihr Jahresprogramm aus?
«Wir treffen uns einmal monatlich zu einer Gesprächsrunde,
organisieren Vorträge oder
Nachmittage, z. B. mit dem Spitalpfarrer, einem Radiologen,
einer
Ernährungspädagogin,
machen mal eine Modeschau
mit den neusten BHs und Badekleidern mit eigenen Mannequins, unternehmen Wanderungen oder auch mal einen grossen Ausflug. Demnächst findet
Aquafit mit fachlicher Anleitung statt, dann eine Weihnachtsfeier und im Januar informiert Doris Küttel über ‹Blüten,
die die Seele heilen›.»
Sie liessen sich auch zur «Besucherin» ausbilden. Können
Sie mehr über diese Tätigkeit
erzählen?
«Die ‹Besucherin› ist ein Angebot für alle Frauen mit Brustkrebs, die wünschen, dass sie eine Gleichbetroffene im Spital
besuchen kommt. Wir arbeiten
ehrenamtlich
und
halten
Schweigepflicht. Wir sind keine
medizinischen Fachfrauen, verstehen uns aber als eine Ergänzung zum medizinischen Fachpersonal. Der Besuch von einer
Gleichbetroffenen, von jemandem, der dieselben Ängste und
Schwierigkeiten überwunden
hat und wieder voll im Leben
steht, kann Zuversicht geben
und neuen Lebensmut. Wenn
die Patientin es möchte, bringen
wir auch eine Erstprothese,
Brusteinlagen,
verschiedene
Formen von Prothesen, Modelle
von BHs, Badeanzügen, Informationsmaterial für eine Rekonstruktion der Brust usw. mit.
Meistens ist von den Frauen
auch der Wunsch da, über dazu-
Der Freitag, 18. Oktober,
ist internationaler Tag der
Mammografie. Von 16.00
bis 18.30 Uhr laden verschiedenen private Institute
und
Röntgenabteilungen
der Spitäler zu einem «Tag
der offenen Tür» ein. Man
will Interessierten die Gelegenheit geben, den Mammografie-Apparat kennen
zu lernen, und versuchen,
alle gewünschten Erklärungen über den Untersuchungsablauf zu geben und
eventuelle Unsicherheiten
der Frauen gegenüber
Mammografie zu vermindern.
«Tag der offenen Tür» im
Oberwallis:
— im Institut MRO, dem
Magnetresonanz-Zentrum
Oberwallis, Spital Visp
— im MRI, dem Medizinisch-Radiologischen Institut von Dr. Kolbe und Dr.
Loretan,
Bahnhofstrasse
Brig
— in den Röntgenabteilungen des Spitals Brig und
Visp
gehörende Probleme zu sprechen. So stellen sich Fragen,
wie man erstmals dem Partner
wieder begegnen kann oder wie
man sich gegenüber den Kindern verhält.»
Worauf legen Sie bei diesen
Besuchen besonderen Wert?
«Wir wollen und können keine
medizinischen oder therapeutischen Ratschläge geben, aber
wir wollen Frauen auf ihrem
Weg zurück in den Alltag unterstützen. Ich erzähle den Patientinnen nicht meine Krankengeschichte, aber ich kann ihnen
mit meinen Erfahrungen zeigen,
dass sie mit ihren Ängsten nicht
alleine da stehen. Bei einem solchen Besuch schätze ich es ganz
besonders, wenn auch jemand
von den Angehörigen, der
Mann, die Tochter, oder eine
gute Freundin dabei ist. Die Patientin hat so die Möglichkeit,
sich mit jemandem auszutauschen, der auch informiert wurde.»
Gab oder gibt es noch irgendwelche Widerstände von Ärzten, Krankenschwestern usw.
gegen Ihre «seelische» und
praktische Erstversorgung im
Spital?
«Die gab es anfänglich schon.
Aber mittlerweile wird unsere
Arbeit von vielen anerkannt und
geschätzt. (lacht) Ich hab dafür
sogar schon von einem Arzt einen wunderschönen Blumenstrauss bekommen.»
Dem möchten auch wir uns
mit einem symbolischen Blumenstrauss für Ihr grosses Engagement anschliessen und
danken herzlich für das interessante Gespräch.
Interview: hs
Fragen zu
Brustkrebs?
Selbsthilfeverein «Leben wie zuvor», Oberwallis:
Weitere Auskunft:
Christine Holzer, Glis
Tel.: 027 923 21 22
E-Mail:
christine.holzer@rhone.ch
Schweizer Verein: www.leben-wie-zuvor.ch
Walliser
Liga
für
Krebsbekämpfung
Beratung im Oberwallis:
Beratungsbüro Spitalstr. 5,
Brig
Tel.: 027 922 93 21
Natel: 079 644 80 18
E-Mail:
wkl.brig@bluewin.ch
Krebstelefon:
Speziell ausgebildete Beraterinnen beantworten Fragen rund um den Brustkrebs am Telefon. Die Gespräche sind kostenlos. Die
Linie 0800 55 88 38 ist von
Montag bis Freitag offen.
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