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1 Wie Schnee Alle starren zu ihr herüber, als sie zur - Nadine Keil

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Wie Schnee
Alle starren zu ihr herüber, als sie zur Tür der Kneipe hereinkommt. Sie zupft
ihren nassen Pullover zurecht. Er ist durchtränkt von schweren matschigen
Schneeflocken. Sie hat vergessen, eine Jacke überzuziehen. Ihre Haare kleben
ihr nass im Gesicht. Sicher ist ihr Make-up verschmiert. Sie wischt sich mit den
Fingern um die Augen, in der Hoffnung, das gröbste Schwarz zu entfernen.
Dann eiert sie zum Tresen. Sie weiß, dass sie in den knallengen hohen Stiefeln
nicht gehen kann, aber zumindest im Stehen machen sie was her. Sie bestellt
ein Bier und fühlt die stechenden Blicke in ihrem Rücken. Sie schaut sich
ängstlich im Raum um. Als sich ihre Augen mit denen ihres Tresennachbarn
treffen, lächelt sie gequält. Sie nimmt einen langen Zug von dem frisch
gezapften Bier. Es tut gut, sich an etwas festhalten zu können. Es hat sich
nichts in der Kneipe geändert. Bis auf die Gäste: keine bekannten Gesichter.
Das beruhigt und enttäuscht sie. Hat sie am Ende gehofft, ihn hier zu treffen?
Ingo kommt schon lange nicht mehr ins Zar. Und es ist noch länger her, dass
sie gemeinsam hier gewesen sind. Dabei hat alles hier angefangen. Nein,
eigentlich haben sie sich im Supermarkt kennengelernt. Damals hat sie dort an
der Kasse gearbeitet.
Eine Weile kam Ingo jeden Tag. Immer stellte er sich an ihrer Kasse an und
kaufte Toast, Bier und Würstchen im Glas, manchmal auch Ketchup oder Senf.
Evelyn hasste ihre Arbeit. Sie konnte immer noch das monotone Piepen des
Scanners hören. Ingo war ihr Highlight. Es war ein ähnlich nassgrauer
Wintertag. Evelyns rechte Schulter schmerzte von der immer gleichen
Körperhaltung. Durch die Schiebetür zog eisige Luft und die Heizung unter
Evelyns Kasse war kaputt. Ihr Chef moserte, dass sie das Laufband nicht
sauber halte. Aber bei dem Andrang von Kunden war keine Zeit zum Wischen.
Da entdeckte Evelyn Ingo, der sich zur Tür hereinschlich und ihr verstohlene
Blicke zuwarf. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Sie strich ihren Zopf glatt
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und zupfte an ihrem leicht verschmutzten Kassiererinnenkittel. Beim
Drüberziehen von Maisdosen und Karotten in Plastikfolie bemerkte sie verärgert
ihre brüchigen Nägel, von denen der lila Nagellack abblätterte. Ihre Hände
wurden feucht vor Aufregung. Aus ihrem Augenwinkel konnte sie den großen
Blonden erkennen, der mit besonderer Gelassenheit seine Einkäufe auf das
Band legte und sich noch ein Päckchen Zigaretten rausließ. Als Ingo endlich an
der Reihe war, traute sie sich nicht, ihm ins Gesicht zu sehen. Sie spürte, dass
ihre Wangen glühten.
»Tag«, grüßte Ingo. Seine Stimme klang gebrochen und er räusperte sich.
»Was machst denn heut’ nach Schluss?«
Evelyn zog bedächtig den Toast über den Scanner. »Nichts. Hab nichts vor.«
Sie gab sich Mühe gleichgültig zu klingen.
»Wollen wir was trinken gehen?«
»Klar, hab nichts vor.« Evelyn nahm Ingos Fünfzigeuroschein und gab ihm mit
gesenktem Blick sein Rückgeld. Ihr Gesicht war puterrot. Nur das Schmunzeln
verkniff sie sich.
»Cool, dann komm ich so um acht?« Mit einem lauten Ratsch schloss Ingo
seinen Rucksack.
»Cool.«
Am Abend ging alles ganz schnell. Ingo führte sie ins Zar aus. Evelyn hatte sich
von einer Kollegin Lippenstift und Wimperntusche geliehen, die Haare zu einem
hohen Pferdeschwanz gebunden. Sie hoffte, das würde ihm gefallen. Sie
tranken mit seinen Freunden. Auf dem Heimweg knutschten sie im Regen. Sie
landeten in Ingos Wohnung im Bett.
Die Decke drehte sich über Evelyn, das Blut pochte laut in ihrem Kopf. Ingo lag
in Boxershorts auf ihr. Ihre Körper pressten sich aneinander. Schnell hatte er
ihre Jeans, ihren Slip ausgezogen. Er fuhr ihr zwischen die Schenkel. Evelyn
zog laut Luft durch die Nase. Er schob ihren Pullover nach oben, entblößte
einen schlichten, weißen BH. Sie zog ihm die Boxershorts aus. Sein Schwanz
war bereits steif und groß. Er schob Evelyn weiter aufs Bett. Er drang in sie ein.
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Ihr Gesicht verhärtete sich. Er war groß, schnell, es tat weh. Nach einigen
heftigen Stößen sackte Ingo über ihr zusammen. Er zog seinen Schwanz raus.
Ein Brennen blieb zurück. Er wischte sich seinen Schwanz mit den Boxershorts
ab, legte sich erschöpft neben sie. Evelyn kuschelte sich an seine Schulter und
er strich ihr übers Haar. Sie küsste seine Hand und sie schliefen ein.
Über ihre Hand krabbelt eine Spinne. Sie schüttelt sie auf den Boden der
Kneipe. Eine Spinne mit langen dünnen Beinen und einem winzigen Körper. Sie
beobachtet sie, wie sie die Wand entlang läuft und muss an Ingos Wohnung
denken, wie sie glücklich am Tag danach in völligem Chaos aufgewacht war.
Überall lag schmutzige Wäsche, Leergut und benutztes Geschirr herum. Auf
der kleinen Küchenzeile türmten sich Teller und Tassen, die leeren
Würstchengläser und Ketchupflaschen. Eigentlich eine hübsche Wohnung. Sie
bräuchte nur eine weibliche Hand, dachte Evelyn damals. Die Spinne macht vor
einer Jacke halt, die vom Stuhl gerutscht ist. Sie tastet mit einem Bein den
weichen Untergrund ab und bleibt dann starr davor sitzen. Evelyn wünscht sich,
dass sie weiterkrabbelt. In den Ärmel am besten.
Es blieb nicht bei der einen Nacht. Wenn Ingo morgens zur Arbeit verschwand,
räumte sie ihm die Wohnung auf, wusch seine Wäsche. Ingo nahm das
kommentarlos hin. Erst als Evelyn anfing, ihre Kleider bei ihm zu deponieren
und ihre Zahnbürste und ihr Haarshampoo nicht mehr aus seinem Badezimmer
verschwanden, wurde er stutzig. Ohne es zu merken, war Evelyn bei ihm
eingezogen. Sie bettelte, dass sie es doch eine Weile versuchen könnten. Sie
wollte nicht mehr nach Hause zu ihren Alten. Sie würde ihm die Wohnung
schön halten, für ihn kochen. Und Ingo schluckte es und ließ sie bei sich
wohnen.
Eine Weile ging das gut. Die Wäsche im Schrank war immer frisch, der
Kühlschrank immer voll und die Topfpflanze und die neue Ikea-Bettwäsche
gaben dem Zimmer Farbe. Das Geld reichte locker für Zigaretten und
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Ausgehen. Aber Ingo nahm Evelyn immer seltener mit und hin und wieder gab
es Streit, wenn Ingo mitten in der Nacht besoffen nach Hause kam. Er konnte
es nicht ertragen, sie ständig um sich zu haben. Er wollte auch mal was alleine
unternehmen. Die üblichen Erklärungen.
Rausschmeißen wollte er sie, als Evelyn eine Woche lang das Bett nicht
verlassen hatte und die Kündigung vom Supermarkt kam. Er verwüstete die
Wohnung und riss ihre Kleider aus dem Schrank. Sie sei krank, brüllte Evelyn
ihn an. Tatsächlich hatte sie ihr Chef beim Geldzählen in seinem Büro
begrabscht und Evelyn wollte nicht wieder hingehen. Sie traute sich nicht, Ingo
davon zu erzählen. Sie wollte es niemandem erzählen.
Noch immer schämt sie sich dafür, dass sie es zugelassen hat, dass sie ihrem
Chef nicht die Meinung gegeigt hat. Sie schob seine Hand weg und zählte
weiter, als sei nichts gewesen. Dann stellte er sich hinter sie. Seine Hände
rutschten immer tiefer in ihren Ausschnitt. Ihr »Lassen Sie das«, ignorierte er
einfach. Sie hätte gleich gehen sollen, gleich als er anfing. Aber sie war sitzen
geblieben und hatte fertig gezählt.
»Bist du’s wirklich? Mensch, du warst ja Ewigkeiten nicht mehr hier!« Die
Kellnerin begrüßt sie wie eine alte Freundin. »Und, wo hast du Ingo gelassen?«
Evelyn nimmt einen großen Schluck von ihrem Wein und der Kloß in ihrem Hals
löst sich ein wenig. »Keine Ahnung«, schnaubt sie böse.
Kurz verliert die Kellnerin ihr Lächeln, fährt dann aber mit derselben
Begeisterung fort: »Und wie geht’s den Kindern? Ihr habt doch zwei, nicht?«
Evelyns schaut sie düster an. Ihr Gesicht fühlt sich taub an. »Gut, denen geht’s
gut.«
Die Kellnerin wird unsicher. Sie schaut sich in der halbleeren Kneipe um, ob sie
an einem anderen Tisch gebraucht wird.
»Ich hätte nicht gedacht, dass du mich noch kennst«, versucht es Evelyn
freundlicher.
Die Kellnerin nimmt dankbar an. »Aber klar. Und der Ingo war ja so oft da. Da
kennt man sich ja.«
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Evelyns Gesicht verhärtet sich wieder. Sie mustert die Kellnerin von oben bis
unten: vom Blondfärben sprödes Haar mit dunkelbraunem Ansatz, solariumbraune Haut, Fitnesscenter-Figur, aber nicht zu dürr.
»So? Kennt man sich da?«, fragt sie zynisch, und ihre Lippen verzerren sich zu
einem bitteren Grinsen.
»Ja. – « Es dauert eine Weile, bis die Kellnerin begreift. Evelyn starrt sie
herausfordernd an. Aber die Kellnerin zeigt ihr nur ein kühles Lächeln. Sich
entschuldigend verschwindet sie zu einem anderen Gast.
Weder der Kellnerin noch Ingos Stammtischfreunden fiel damals auf, dass
Evelyn schwanger war. Niemandem fiel es auf. Nicht einmal Ingo. Das war vor
knapp drei Jahren, sechs Monate nachdem sie bei Ingo eingezogen war. Sie
versteckte ihren Bauch unter weiten Sweatshirts und Jogginghosen. Keiner
bemerkte, dass sie sich übergab, dass sie weniger trank. Nur dass sie fett
geworden sei und immer noch mehr fressen würde, motzte Ingo manchmal.
Sie kann sich noch genau daran erinnern, wie leer ihr Kopf sich anfühlte, als sie
auf den Teststreifen starrte. Immer wieder verglich sie die Abbildung des
Testergebnisses auf dem Beipackzettel und den Teststreifen. Schwanger. Sie
wickelte dick Klopapier um den Streifen und stopfte ihn tief in den Mülleimer.
Nach kurzem Zögern nahm sie die Mülltüte und trug sie nach unten zu den
Tonnen. Die warme Sonne tat gut. Mit Hausschlappen, Jogginghose und
weitem T-Shirt setzte sie sich in den nächsten Bus und fuhr los.
Sie landete am Baggersee und ließ sich in den roten Sand fallen. Ihre nackten
Füße gruben sich ein, bis sie kühlen, feuchten Boden spürten. Evelyn wackelte
mit den Zehen und der rote Sand blieb an ihrer weißen Haut kleben. Sie
schaute auf das braune Wasser, in dem Kinder tobten. Eine alte Frau fühlte
sich gestört vom Wasserspritzen und schwamm pikiert weiter nach draußen.
Ein knutschendes Pärchen hielt sich am Steg fest. Der Strand war voll mit
kreischenden Schülern, die das Hitzefrei genossen. Evelyn ging zum Imbiss
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und kaufte sich ein Eis. Wenn sie so zurückdenkt, war das einer ihrer schönsten
Tage.
Sie bewahrte ihr Geheimnis und manchmal vergaß sie sogar selbst, dass sie
schwanger war. An einem Morgen kam sie aus der Dusche und Ingo platzte
rein. Er glotzte auf ihren runden Bauch. Er konnte nicht glauben, dass sie
gewartet hatte, bis die Kugel zu groß war, um sie wegmachen zu lassen. Er
wollte sie nicht. Er wollte sie nicht und das Baby nicht. Sie sollte endlich aus
seiner Wohnung verschwinden. Er verschwand. Zwei Tage ließ er sich nicht
mehr blicken.
Evelyn ging zu ihrer Mutter. Die drückte ihr fünfzig Euro in die Hand und
schickte sie zu ihrem Frauenarzt. Der sagte, es wird ein Mädchen werden,
scheint gesund zu sein und alles gut. In vier Monaten soll’s kommen. Wenn’s
erstmal da ist, wird’s Ingo schon lieb haben, da war sich Evelyn ganz sicher.
Dann würden sie eine richtige Familie sein. Ingo, Evelyn und das Baby.
Vielleicht heiratet mich Ingo dann, dachte sie sich. Evelyn Münzer. Ingo und
Evelyn Münzer.
Evelyn Heinrich beobachtet die Kellnerin und kann nicht anders als sich
vorzustellen, wie Ingo ihre blonden Haare streichelt, ihren Busen, ihren Po, wie
er auf ihr liegt. Bibi heißt sie, fällt ihr ein. Ein Gast zieht sie zu sich auf den
Schoß, dass ihr fast die leeren Gläser vom Tablett rutschen. Sie schreit gespielt
erschrocken auf. »Du Schlimmer! « entgegnet sie dem lachenden Alten mit
einem Schmollmund. Dann befreit sie sich und kreischt noch lauter, als er ihr
einen Klaps auf den Po versetzt. Der war auch mal kleiner, denkt Evelyn finster.
Ingo wollte nicht mehr mit ihr schlafen. Als er mehrere Tage nicht nach Hause
kam, ging Evelyn ins Zar, um ihn zu suchen. Aber da war er nicht und die
Bardame meinte es gut mit Evelyn und steckte ihr, dass er eine andere habe.
Als Ingo wieder auftauchte, stritt er es nicht einmal ab. Er sagte, mit so einer
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großen Kugel könne man ja nicht ficken. Wenn die Kleine nur endlich
rauskommen würde, dachte sich Evelyn.
Und sie kam. Marie Anastasia Heinrich wurde geboren. Ingo musste zur Arbeit
und konnte nicht dabei sein. Alles lief gut. Evelyn war glücklich. Sie hatte alles
richtig gemacht. Am Abend ließ Ingo ihr ausrichten, dass er zu fertig sei, um
noch ins Krankenhaus zu kommen. Er würde morgen kommen. Am nächsten
Tag besuchten die stolzen Großeltern Münzer ihr Enkelkind. Auch Evelyns
Mutter schaute vorbei und brachte gute Schokolade. Ingo kam nicht.
Die Hebamme zeigte Evelyn, wie sie die kleine Marie stillen sollte. Evelyn kam
sich vor wie ein Tier, wie eine Kuh. Warum kam Ingo nicht? Er musste es sich
anschauen kommen. Dann würde er es lieb haben.
Nach drei Tagen durften Evelyn und Marie nach Hause. Ingo holte sie ab. Er
holte seine Familie heim. Evelyn strahlte. Aber Marie hatte schlechte Laune. Sie
schrie und wollte sich nicht beruhigen lassen. Zu Hause war Evelyn baff. Das
Kinderzimmer war rosa gestrichen und eine Wiege stand mitten drin. Deshalb
hatte Ingo sie nicht im Krankenhaus besuchen können! Ingo küsste Evelyn und
seine kleine Tochter. Evelyn musste lachen, als Ingo sich nicht traute, sein
Baby auf den Arm zu nehmen.
Evelyn sitzt schmunzelnd am Tresen und starrt ins Leere. Ingo ist ein guter
Vater, denkt sie. Er liebt seine kleine Tochter. Wenn sie nur nicht immer so viel
geschrien hätte. Sie hätte ein braveres Mädchen sein müssen. Sie raubt Evelyn
ihre ganze Kraft. Ingo bekam das natürlich nie mit. Er war ja nie zu Hause. Er
konnte gar nicht wissen, was er für eine anstrengende Tochter hatte. Wenn er
zu Hause war, gab es Streit. Vor allem morgens, wenn er seinen Rausch
ausgeschlafen hatte.
Evelyn war gerade erst völlig erschöpft ins Bett gefallen, als ihr auf einmal ein
T-Shirt ins Gesicht flog. Im Halbschlaf hörte sie Ingo schimpfen, dass er keine
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frische Wäsche mehr habe, dass sie nicht mal das auf die Reihe kriege. Ein
kräftiger Klaps auf den Po weckte sie schließlich ganz.
»Es ist nicht mal was zum Futtern im Haus«, brüllte er.
Evelyn schaute ihn zornig an. Sie hatte schwarze Ringe um die Augen und ihre
Haare hingen ihr fettig ins Gesicht. Sie wollte etwas zurückschreien, aber Marie
war aufgewacht und fing an zu weinen. »Na toll, jetzt war sie gerade
eingeschlafen, du Idiot!« Evelyn drängte sich an Ingo vorbei und stapfte
Richtung Kinderzimmer.
»Ich Idiot? Es ist nicht meine Schuld, dass du den Balg nicht im Griff hast!«
»Du hast ja keine Ahnung! Bist ja nie da. Und wenn, bist du besoffen! Ist doch
auch dein Kind, die Kleine.«
Maries Brüllen wurde lauter.
»Ich buckle mir den ganzen Tag den Arsch für euch ab! Und dann soll ich am
Abend auch noch deine Arbeit machen. Das wäre ja noch schöner. Unfähig bist
du!«
Evelyn hielt sich die Ohren zu und verschwand im Kinderzimmer. Ingo ging ihr
nach. »Meine Mutter hat vier Kinder groß gezogen. Und du kriegst nicht mal
eins hin!«
Evelyn knallte ihm die Türe vor die Nase.
»Mach nur so weiter, mach nur so weiter!«, raunte er.
Evelyn zuckte mit Marie auf dem Arm zusammen, als die Wohnungstür
krachend ins Schloss fiel. Sie ging mit ihr auf und ab, aber sie wollte nicht
aufhören zu weinen. »Sei still, sei doch still!« Evelyn legte das schreiende Baby
zurück in seine Wiege. Sein Gesicht war knallrot vor Anstrengung. Sie ging aus
dem Kinderzimmer, schloss die Tür und kauerte sich auf den Boden. Sie hielt
sich die Ohren zu. Sie weinte.
Nach dem Streit war Ingo zum ersten Mal nach der Geburt wieder für ein paar
Tage verschwunden. Sie wusste, dass er bei der Anderen war. Vielleicht auch
bei einer Neuen. Er hatte ihr versprochen, dass das nach dem Baby aufhören
würde. Er maulte über ihre Figur, dass ihre Titten runter hingen und er Angst
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hatte, dass Milch raussabbern könnte. Unten sei sie völlig ausgeleiert. Ich bin
eh zu müde zum Ficken, dachte sich Evelyn dann. Einmal bekam er wohl einen
Laufpass. Da kam er dann wieder an. Evelyn wollte nicht. Sie war immer noch
wund. Aber er bestand darauf, rutschte drüber. Es dauerte nicht lange, er kam
und besabberte sie mit seinem klebrigen Sperma, das in der Wunde brannte. Er
schimpfte, wie schlecht sie nach der Schwangerschaft geworden sei und
verschwand aus der Wohnung. Evelyn zog die Beine an und machte sich ganz
klein. Sie fing an, Ingo zu hassen. Sie wollte ihn nicht hassen. Sie wollte ihn
doch heiraten.
Sie nippt an ihrem Rotwein. Ihr Magen zieht sich zusammen. Sie bestellt
Erdnüsse. Sie bemerkt eine ältere Frau, die am Eingang steht und sich
umschaut. Sie passt nicht hierher. Auf einmal hat sie wohl ihr Ziel erspäht und
geht energisch auf einen Tisch mit drei alten Männern zu. Sie keift einen davon
an, nimmt seine Jacke und seinen Hut und ruft nach der Kellnerin. Der Mann
schimpft, holt aus. Sie ist aber schneller und packt seine Hand. Sie keift noch
lauter. Gleich wird der Mann aufstehen, wütend aus der Bar stapfen und sie wie
eine dumme Kuh stehen lassen, denkt Evelyn. Und er hätte Recht. Sie ist eine
dumme Kuh. Auch Ingo hatte Recht, sie stehen zu lassen.
Er hatte nichts dazu gesagt, dass Evelyn wieder schwanger war. Er ignorierte
es, wie Evelyn selbst es sechs Monate ignoriert hatte.
Der Frauenarzt hatte dann gefragt, ob sie es denn gewusst habe, ob sie Alkohol
und Drogen in der Zeit genommen habe. Natürlich habe sie es gewusst, log sie.
Sie habe nur keine Zeit gehabt, früher zu kommen. Natürlich freuten sie und ihr
Mann sich auf den Familienzuwachs. Ihr Mann. Ingo hatte sie nie gefragt, ob sie
ihn heiraten wollte. Er war fast nicht mehr zu Hause. Geld brachte er auch
immer weniger und er sollte Evelyn gestohlen bleiben. Nur Marie freute sich,
ihren Papa zu sehen. Die Verräterin, dachte Evelyn, wenn sie die Wahrheit über
ihren Papa wüsste! Und so sagte sie auch nichts, wenn Papa mal ausholte,
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wenn Marie mit der Fernbedienung des Fernsehers spielte oder sein Bier
umwarf.
Mit einem lauten »Schreib’s an!« marschiert der alte Mann davon. Die dumme
Kuh legt sich mit der Kellnerin an, um die Rechnung zu begleichen. Dabei reißt
sie ihren Mund so weit auf, dass man die dunkelgelben Ränder an ihren
Zähnen sehen kann. Evelyn muss an ihre Schwiegermutter denken.
Als Evelyn zum ersten Mal schwanger war, hatte Ingos Familie den beiden
geholfen, in eine größere Wohnung zu ziehen. Das Kind sollte ein eigenes
Zimmer haben. Sie kann noch genau die Stimme der Mutter in dem halligen
leeren Raum hören, als sie die Wohnung zum ersten Mal besichtigten.
»Wenn du mir meinen Ingo unglücklich machst! Der ist noch viel zu jung zum
Papa werden!« Sie ließ Evelyn stehen, die aus dem Fenster schaute und sich
freute, dass es im Hinterhof einen kleinen Spielplatz gab.
Auf Marie waren die frisch gebackenen Großeltern dann stolz. Sie mussten sie
jeden Sonntag besuchen gehen. Dann saßen sie am Wohnzimmertisch. Vor
ihnen stand ein altmodisches Porzellangeschirr und Kuchen. Evelyn hatte Marie
auf dem Arm und die Großeltern bestaunten ihre Enkelin. Marie schaute
teilnahmslos in das alte Gesicht ihrer Oma und spielte ein wenig mit Evelyns
Rüschenbluse.
»Sie hat deine Augen, Ingo, und deine Haare.«
Ingo nickte verlegen, als seine Mutter ihn stolz anstrahlte. Er hatte sich ein
frisch gebügeltes Hemd angezogen und die Haare ordentlich glatt gegelt.
»Die meisten Babys haben blonde Haare und werden später dunkel«,
entgegnete Evelyn mit genervtem Unterton. Der steife Kragen ihrer weißen
Bluse juckte und sie kratzte sich am Hals.
»Aber es wäre doch schön, wenn Marie ein Blondschopf werden würde und
nicht die aschfarbenen Haare ihrer Mutter bekäme, oder?« Maries Oma wartete
gar nicht Evelyns Antwort ab, sondern setzte noch einen nach: »Aber ein
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bisschen mager ist sie. Du musst sie besser füttern. Und geht ihr oft genug
raus? Sie sieht ein wenig blass aus.«
»Ich füttere sie genug. Sie ist nur ein ganzes Stück gewachsen.«
Marie hatte sich an Evelyns Kragen festgekrallt. Um sich zu befreien, wollte
Evelyn sie anders positionieren. Marie fand das gar keine gute Idee und fing an
zu schreien. Evelyn versuchte sie zu beruhigen, aber bevor sie aufstehen
konnte, nahm ihr Ingos Mutter Marie aus dem Arm.
»Komm mein kleiner Schreihals. Na, das ist besser, hm.« Sie ging mit ihr
schunkelnd durch den Raum und Marie hörte auf zu weinen. Ingo lächelte seine
Mutter an.
Das neue Baby bekamen die Großeltern nicht sehr oft zu sehen. Ingo mochte
es nicht. War auch ein hässliches Ding, verschrumpelt wie eine Schildkröte. Er
sagte ihnen, dass Evelyn oder das Baby krank seien. Und sie gaben sich damit
zufrieden, weil sie dann zumindest Evelyn nicht sehen mussten.
Die Kneipe ist fast leer. In einer Ecke beginnt die Kellnerin Bibi aufzustuhlen.
Sie beugt sich über die Schulter eines Betrunkenen, dessen Kopf schwer auf
der Tischplatte liegt. Er wendet sich zu Evelyn um. Bibi geht weiter ihrer Arbeit
nach. Der Betrunkene lächelt Evelyn an. Es ist Eddie, einer von Ingos
Stammtischbrüdern. Er taumelt mit seinem Bier in der Hand zum Tresen
hinüber und lässt sich auf einen Barhocker neben Evelyn plumpsen. Er stützt
den einen Arm auf den Tisch und hält sich den Kopf.
«Evelyn, Evelyn, Evelyn…» Er schüttelt grinsend den Kopf und spielt den
Überraschten. »Wie lange ist das jetzt schon her?«
»Als hättest Du einmal an mich gedacht.« Ihre Augen sind schwer. Sie schwitzt,
spürt Schweiß auf ihrer Oberlippe. Sie leckt danach, kommt mit der Zunge aber
nicht weit über die Lippen hinaus.
»Was?«
»Nichts.« Sie schnaubt und greift nach ihrem Rotweinglas. »Prost!«, sagt sie.
»Prost!«
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Sie stoßen an und das Weinglas zerspringt. Eddie kichert, und Evelyn nach
einer kurzen Schrecksekunde auch.
»Ne Flasche Rotwein und zwei Gläser!«, ruft er.
»Wir schließen gleich«, gibt Bibi genervt zurück.
»Ist das mein Problem oder deins?«, brüllt er bestimmt, und sie bekommen
ihren Rotwein. Er fängt an zu reden, erzählt und hört gar nicht mehr auf. In
ihrem Kopf kommt nur Dröhnen an. Sie hat Mühe, ihr Glas zu fixieren.
Nach dem Ersten rutscht er näher an sie heran, streichelt ihren Oberarm. Sie
spürt seine warmen Hände durch ihren Pulli hindurch. Es fühlt sich gut an,
berührt zu werden. Lange hat sie keiner mehr liebkost. Selbst ihre Kinder
kommen nie zum Schmusen. Das neue Baby liebt sie nicht, da ist sich Evelyn
ganz sicher. Es schreit die ganze Zeit, noch mehr als Marie damals. Egal was
Evelyn tut, es hört nicht auf. Das macht es nur, um sie zu ärgern. Warum kann
es sie nicht lieb haben? Jedes Kind liebt doch seine Mama. Es ist kein
normales Kind. Es ist ein böses Kind, denkt Evelyn.
Eddies Redefluss bricht ab. Er streichelt ihren Nacken. Ingo hatte Recht, sie
stehen zu lassen.
Heute Abend kam Ingo betrunken von der Arbeit. Die Wohnung stand vor
Dreck. Es stank. Tüten mit vollen Windeln und leeren Babybreigläschen
standen überall herum. Der Boden klebte. Evelyn lag vor dem Fernseher. Sie
musste sich ausruhen. Marie hatte genervt. Sie hatte sie ins Zimmer zum Baby
gesperrt. Jetzt war sie endlich still.
Ingo stopfte seine schmutzige Wäsche in eine Trainingstasche.
»Was soll das?«, fragte sie ihn zornig. Ingo antwortete ihr nicht. Er schloss den
Reißverschluss seiner Tasche.
»Ja, hau doch ab! Dich braucht keiner hier«, zischte sie ihn an.
Ingo starrte in ihre hasserfüllten Augen. Er entschied sich, nichts zu sagen, und
ging.
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»Deine Kinder wirst Du nie wieder sehen!«, schrie sie ihm durch das
Treppenhaus nach. Aber Ingo war längst weg.
Eddies Hände fahren über ihren Hals, über ihr Schlüsselbein. Sie hat die Augen
geschlossen. Ingo wird nicht wiederkommen. Er hat noch nie seine Sachen
mitgenommen, wenn er für ein Paar Tage verschwunden ist.
»Wo sind eigentlich deine Kinder?«, fragt Eddie unvermittelt.
Sie öffnet die Augen. »Zu Hause.«
»Allein?«
Evelyn nickt und hebt fragend die Brauen.
»Hast du denn keine Angst –?«
»Sie schlafen doch!«, unterbricht sie ihn energisch.
»Also meine Frau –«
Evelyn springt von ihrem Barhocker, der lautstark zurückrutscht, und brüllt ihn
an: »Willst du mir etwa sagen, wie ich mich um meine Kinder kümmern soll?«
Eddie will sie besänftigen, aber die Kellnerin nutzt die Gelegenheit, dazwischen
zu gehen. »Wir wollen schließen!« Ihre Stimme klingt zickig.
»Halt du bloß dein Maul! Ich weiß genau, dass du mit ihm gefickt hast, du kleine
Schlampe!«, schreit sie Bibi an.
Eddie zieht Evelyn nahe an sich heran. »Schschsch, was schreist denn jetzt
so?«
Meine Babys schlafen, denkt Evelyn, und starrt der Kellnerin nach, die wütend
in der Küche verschwindet.
»Komm, wir hatten doch so einen schönen Abend.« Er hält sie ganz fest. Ihre
Brust ist gegen die seine gepresst und sie spürt seine starken Hände auf ihrem
Rücken. Die Wut klingt ab und sie lässt zu, dass seine Hand ihr über den Po
streicht, dass sein Körper sich fester an ihren drängt. Niemand ist mehr im
Lokal.
»Komm«, haucht sie und führt ihn auf die Damentoilette.
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Sofort sind seine Hände unter ihrem Pullover, unter ihrem BH. Er presst sie
gegen die kalten Fliesen.
Er hat geschlafen, denkt sie, ganz fest.
Eddie fährt ihr mit den Fingern zwischen die Beine. Ihr Körper zuckt.
»So ein braver Junge!«, hat sie an seinem Bettchen gedacht. Er hat keinen
Mucks gemacht. Ganz klein war er, ganz weiß, wie frischer Schnee. Sie hat die
Decke ein Stück höher über die kleinen Ärmchen gezogen. Er hat sich nicht
gerührt.
Ihr wird übel. Sie drückt Eddie von sich und übergibt sich in die Schüssel. Die
Kellnerin schreit von draußen: »Die Sauerei mach ich nicht weg!«
Evelyn rappelt sich auf, rollt Klopapier ab und wischt sich über den Mund. Sie
hält sich an Eddie fest. Eddie macht seine Hose zu.
»Komm, wir gehen zu mir«, sagt er.
von Nadine Keil
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