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1 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Wie ein Maikäfer auf dem

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SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Wie ein Maikäfer auf dem Rücken
Eine Skoliose-Patientin und ihr Weg zur Therapie
Autor:
Lothar Nickels
Redaktion:
Rudolf Linßen
Sendung:
Mittwoch, 26.09.12 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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MANUSKRIPT
Dr. Kai Steffan:
Man muss sagen, dass der Skoliose-Patient, also wir nennen das zwar nicht mehr
so, aber eigentlich, wenn man es auf gut Deutsch sagt, einen extremen Buckel
bekommt, den man von außen sieht. Wir nennen das nicht Buckel, sondern Paket.
Aber das ist schon eine optische Veränderung, die man sehr sieht.
Erzähler:
Dr. Kai Steffan ist Oberarzt in der Katharina-Schroth-Klinik in Bad Sobernheim. Sein
Spezialgebiet sind Skoliosen.
Dr. Kai Steffan:
Und durch die Koresette und durch die Krankengymnastik wird dieser Buckel, der
entsteht, deutlich weniger. Also man sieht das optisch kaum mehr von außen. Und
das, denke ich mal, ist schon ein großer Fortschritt für die Psyche des Patienten. Er
wird nicht mehr ausgegrenzt von anderen. Er sieht einfach in Anführungsstrichen
normaler aus. Oder wieder normal aus wie alle andern auch.
Erzähler:
Patienten, die zu ihm kommen, leiden an einer seitlichen Verbiegung der Wirbelsäule
mit zusätzlicher Rotation. Die meisten von ihnen sind Jugendliche. Eine
Lebensphase, in der Äußerlichkeiten oft eine besonders große Rolle spielen. In der
Klinik begegnet mir die 16-jährige Anika. Sie erzählt, wie es war, als sie von ihrem
Krankheitsbild erfahren hat.
Autor:
Und wie war das dann damals, als du erfahren hadt, dass du eine Skoliose hast?
Anika:
Ja, es war halt nicht so schön. Also, man wusste dann, dass man halt anders ist als
die anderen. Ich hatte auch ziemliche Schmerzen. Ja, es ist halt eigentlich nicht
schön, sowas gesagt zu bekommen, dass man halt so eine Krankheit hat. Und in der
Schule sind ja kaum Leute, die Skoliose haben. Und wenn man dann halt mit einem
Korsett da rum läuft, was man natürlich auch von außen, zum Beispiel bei mir, sehr
deutlich sieht. Das ist dann halt doch schon so Außenseiter und… Also man hat zwar
die Aufmerksamkeit von anderen Leuten. Aber nicht gerade positiv. Und das war halt
sehr unangenehm. Aber so langsam hatte man sich daran gewöhnt und hat man
dann auch keine komischen Kommentare mehr zu geschmissen bekommen.
Erzähler:
In der klinikeigenen Orthopädiewerkstatt werden die unerbittlichen Panzer aus
Kunststoff gefertigt, die den Körper aufrichten sollen. Allein der Gedanke, ich müsste
mich in ein solches Korsett zwängen, beengt mich. Rolf Vogel Orthopädiemechaniker-Meister in Bad Sobernheim.
Rolf Vogel:
Wir gehen ja auf Konfrontationskurs natürlich mit der Skoliose.
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Zwangsläufig haben wir da die Problematik, dass wir natürlich auf verschiedene
Gewebe, Knochen - also gerade Rippenteile - drücken und das ist am Anfang
natürlich sehr, sehr problematisch. Weil das ist eine Struktur. Die Struktur muss
aufgebrochen werden und verändert werden durch die orthetische Versorgung.
Erzähler:
Dazu wird ein Korsett so angepasst, dass es genau an den richtigen Stellen Druck
aufbaut. Orthopädiemechaniker Michael Anken benutzt dazu einen Heißluftföhn, mit
dem er den Kunststoff auf bis zu 600° erwärmt. So lässt sich das Material leichter
verformen.
Autor:
Um das hinzukriegen, dass der Patient das dann auch gerne trägt, muss man doch
auch ganz gut mit dem Patienten reden können.
Michael Anken:
Mit Sicherheit. Das ist eigentlich fast die schwierigste Aufgabe heutzutage. So
empfinde ich das. Und ich mache das doch schon einige Jahrzehnte inzwischen,
Korsettbau. Es ist natürlich immer abhängig von dem Gegenüber und von einem
selber. Das ist wie im sonstigen Alltag auch. Dann gibt es natürlich auch Situationen,
wo man sagen muss: Du, wir kommen nicht klar. Das ist manchmal so. Damit muss
man auch umgehen können. Aber im Grunde genommen muss man zuerstmal eine
ganz hohe Sensibilität und eine ganz hohe Feinfühligkeit haben. Aber dabei auch
nicht zu rücksichtsvoll. Denn es geht nicht darum, Rücksicht zu üben, sondern eine
Korrektur zu erreichen. Und das ist schon ein harter Weg für die Korsettträgerinnen
und Korsettträger.
Autor:
Und wie erklären Sie denen das dann manchmal, dass es tatsächlich auch weh tun
muss?
Michael Anken:
Gute Frage. Ein Einheitsrezept aus meiner Sicht, gibt es da nie. Man muss einfach
das Gespür dafür haben, wie weit man gehen kann mit dem Druck am Anfang. Lieber
etwas weniger Druck und die Bereitschaft das Korsett zu tragen. Und dann im Laufe
der Zeit, wenn der oder diejenige, die das Korsett tragen muss, erkennt: Oh, es hilft
mir. Dann kann man da vielleicht noch ein bisschen nachlegen. Es gibt aber auch
Fälle, wo man sagen muss: Wir haben nur noch eine Zeitspanne von bis. Und die
müssen wir nutzen, sonst geht Nix. Da muss man dann auch von der ersten Minute
an sozusagen Vollgas geben. Das ist wie gesagt für niemand angenehm, aber
manchmal notwendig.
Erzähler:
Willensstärke ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Korsetttherapie. Die
hat Sabine Hagedorn. Auch sie ist Korsettträgerin. In ihrem Fall ist das allerdings
etwas ungewöhnlich. Denn sie bekam ihr erstes Korsett mit 23. Das war vor 10
Jahren. Damals rieten die behandelnden Ärzte zu einer Operation. Das sei in ihrem
Alter das einzig Erfolg versprechende. Aber einem solchen Risiko wollte sie sich
nicht aussetzen. Außerdem ist die Wirbelsäule nach einer Operation versteift. Man
tauscht sozusagen einen krummen Rücken gegen einen geraden, der dafür aber
unbeweglich ist. Für Sabine Hagedorn kam also nur eine Korsetttherapie infrage.
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Dr. Kai Steffan.
Dr. Kai Steffan:
Also sie war auch einer der ersten Fälle, die ich dann als Erwachsene mit einem
Korsett versorgt habe. Man muss sich so ein bisschen, wenn man so neue Wege
geht, auch gegen die Kollegen durchsetzen, die dann natürlich sagen, ja, das ist
keine allgemeine Lehrmeinung. Und man selbst ist ja auch so ausgebildet worden.
Man denkt auch erstmal, Erwachsene mit Korsett, das bringt nix.
Erzähler:
Das denkt auch der medizinische Dienst der Krankenkassen. Etwa 70 % der Korsetts
für Erwachsene werden erst einmal abgelehnt. Dann heißt es für den Patienten:
Einsatz zeigen - sich nicht mit mit der Ablehnung zufrieden geben, sondern in die
nächste Runde gehen. Dazu braucht es oft einen langen Atem.
Sabine Hagedorn:
Aber man muss halt dann versuchen, die Argumente darzulegen und einfach seine
Situation zu schildern. Und zusätzlich muss dann der behandelnde Arzt auch
nochmal ein Gutachten schreiben oder ein Attest ausstellen. Und auch aus seiner
Sicht begründen, warum es eben doch sinnvoll ist, ein Korsett zu tragen. Ja, da muss
man halt so lange kämpfen, bis man es dann irgendwann durchgesetzt hat.
Erzähler:
Sich durchsetzen gegen die Meinung von Experten. Das ist Sabine Hagedorn
gelungen, weil sie selber initiativ geworden ist: Im Jahr 2001 hat sie die
Internetplattform skoliose-info-forum gegründet.
Sabine Hagedorn:
Einerseits wollte ich gerne ein eigenes Webseiten-Projekt ins Leben rufen im
Rahmen meiner Ausbildung zur Fachinformatikerin. Und andererseits habe ich halt
festgestellt, dass es im Internet sehr wenig Informationen über Skoliose gibt. Und da
ich selber gerade dabei war, mich mit meiner eigenen Skoliose auseinander zu
setzen, habe ich gedacht, ich könnte ein Forum ins Leben rufen, wo dann eventuell
Betroffene Erfahrungen austauschen können.
Erzähler:
Sie hätte bereits in der Wachstumsphase ein Korsett bekommen müssen, was
allerdings versäumt wurde. Also nahm die Krümmung ihrer Wirbelsäule mit den
Jahren zu - und damit auch die Schmerzen. Diesen Leidensweg wollte sie anderen
ersparen, was mit ein Grund war, ein Internetforum einzurichten. Und diese
Kommunikationsplattform sollte auch ihre eigene Krankheitsgeschichte verändern.
Denn hier trifft sie auf Dr. Steffan, der schließlich bereit ist, sie mit einem Korsett zu
versorgen. Davon will sie mir in seinem Büro erzählen. Auf dem Weg dorthin
begegnen wir Ingeborg und ihrer Tochter Helga. Die Begrüßung ist herzlich. Beide
freuen sich, Sabine Hagedorn zu treffen. Es ist sogar etwas wie Dankbarkeit zu
spüren, dass sie diese Internetplattform auf den Weg gebracht hat.
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Ingeborg:
Ich habe da als allererstes recherchiert, nachdem die Diagnose gestellt wurde. Und
da trifft man unweigerlich auf sie. In diesem Forum, da waren halt alle Meinungen
vertreten und man konnte sich wirklich gut informieren über, was es alles gibt an
Behandlung und wo die Spezialisten sind.
Erzähler:
Dr. Kai Steffan ist einer dieser Spezialisten. Ein sportlich-jugendlicher Typ, Anfang
50, dem man seine Chefarzt-Position äußerlich nicht ansieht. Jedenfalls läuft er so
gut wie nie in einem weißen Kittel durch die Klinik, sagt mir zumindest Sabine
Hagedorn. Die beiden kennen sich mittlerweile seit mehr als 10 Jahren. Damals ist
Dr. Kai Steffan bei seinen Netzrecherchen auf das Forum von Sabine Hagedorn
gestoßen.
Dr. Kai Steffan:
Ich war ja, wenn man das so sagen kann, ein Mann der ersten Stunde. Und, glaube
ich, der erste Mediziner, der mitgeschrieben hat. Oder? Glaube ich, so war das. Und
wie sich das entwickelt hat. Ich weiß gar nicht, wie viele Mitglieder hat das Forum?
5000 sogar. Also es ist unglaublich. Und dass auch jetzt wirklich viele andere dazu
gekommen sind. Ein paar andere Ärzte, die über Operationen schreiben,
Physiotherapeuten. Und dass es wirklich eine große Gemeinde geworden ist.
Erzähler:
Die überwiegend aus betroffenen Laien besteht. Deshalb ist medizinisch fundiertes
Hintergrundwissen wichtig, das eben nur Spezialisten einbringen können. Ohne sie
würde ein solches Forum zur Gerüchteküche mutieren. Viele Kollegen von Dr.
Steffan halten ohnehin nichts davon, wenn Betroffene untereinander medizinische
Fachthemen im Internet diskutieren.
Dr. Kai Steffan:
Das muss man auch so ein bisschen differenziert sehen. Es kann natürlich viel
Falsches auch erzählt werden. Da finde ich, das ist wiederum mein Job dann im
Forum einfach da ein bisschen einzugreifen. Also, ich lese oft mal einfach
Diskussionen mit. Und wenn es mir dann zu bunt wird, dann schreibe ich meinen
Senf dazu, sag dann meine Meinung dazu. Aber erstaunlicherweise brauche ich das
auch selten zu machen, weil viele von den Mitgliedern dann selbstbremsend
eingreifen. Die schreiben dann selbst dazu, jetzt geht's einfach zu weit und jetzt
wird's zu fachspezifisch. Und worher willst Du das wissen?
Erzähler:
Mit 5000 Mitgliedern ist das skoliose-info-forum das größte in ganz Deutschland.
Allein 2000 Besucher sind im Schnitt täglich online. Für Jugendliche gibt es einen
abgetrennten Bereich, das Teenie-Forum. Hier sind sie unter sich und können ihre
ganz speziellen Themen besprechen.
Sabine Hagedorn:
Den Jugendlichen geht es halt wirklich darum, wie sage ich es meinen Freunden?
Wie sage ich es meiner Klasse? Wie verhalte ich mich in der Schule beim
Sportunterricht? Beim Sportunterricht wird das Korsett in der Regel nicht getragen.
D.h. also, man muss es vorher ausziehen. Dann besteht die Gefahr, dass die ganze
Klasse es sieht. Viele wollen das aber gar nicht.
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Und das sind dann so die Themen, die die Jugendlichen bewegen. Oder was kann
ich im Korsett noch machen? Welchen Sport darf ich machen? So die Alltagsfragen.
Die vor allen Dingen von Jugendlichen kommen, die neu Korsett versorgt wurden.
Erzähler:
Da gibt es zum Beispiel sasi, die sich im Forum meldet. Alle Teilnehmer müssen sich
einen Benutzernamen zulegen - eine Vorgabe der Administratoren. Sasi ist 13 und
erzählt, dass sie ihr Korsett erst seit zwei Wochen hat. Nun soll sie zum ersten Mal
damit zur Schule gehen.
Sasi:
Hey Leute! Ich habe meinen Mitschülern noch nichts von meiner Skoliose erzählt. Ich
wette, sie wissen nicht mal was das ist. Selbst meine Freunde wissen nichts davon.
Ich weiß enfach nicht, wie ich's sagen soll und bin auch nicht gerade sehr mutig.
Deshalb trau ich mich einfach nicht, es in der schule anzuhaben. Die Jungs merken
das doch dann auch alle! Hilfe! Wie habt ihr das denn gemacht? Bitte schreibt
schnell. Ich muss es schon in zwei Tagen zur Schule anziehen!
Goliath:
Hey Sasi. Wenn du es wirklich in der Schule tragen willst, dann musst du in die
Offensive gehen. Wenn du versuchst, es zu verstecken, wird es in den meisten
Fällen schief gehen. Ich bin am ersten Tag in die Klasse - mein Lehrer wusste
Bescheid - hab mich vornehin gestellt, meinen Pulli hochgezogen und erklärt, dass
ich eine Skoliose habe und jetzt diesen Panzer tragen musss. Offene Münder und
staunende Blicke. Aber kein Lachen. Dann kamen ein paar Fragen, die ich alle sehr
genau beantwortet habe. Damit war das Problem vom Tisch. Wenn du versuchst, es
zu verstecken, dann wird es für alle erst interessant. Und wenn die merken, dass du
damit ein Problem hast, dann bist du angreifbar. Also selbstbewusst voran und auch
wenn es weh tut, nicht ärgern lassen. Wenn die merken, dass du dich nicht ärgerst,
sondern dass es normal ist, dann wird es uninteressant dich auszulachen.
Uspe:
Hallo sasi, ich kann dich gut verstehen. Meine Tochter hatte auch total Schiss davor!
Ich hatte vorher allen Lehrern Bescheid gegeben. Und der Klasslehrer hat es dann
der Klasse gesagt. Denn meine Tochter hätte sich nicht getraut, sich so vor die
Klasse zu stellen! Gleich in der ersten Pause sind dann die Mädels mit ihr auf
Toillette, um das Korsett zu sehen. In der zweiten Pause wieder. Und alle waren sehr
hilfsbereit - auch die Jungs... Rauskommen tut es eh - irgendwann, irgendwie. Und
das ist dann noch schlimmer. Lieber allen sagen. Wenn du dich traust, kannst du
ihnen dein Korsett auch zeigen, oder du lässt es sie sogar mal anprobieren. Denn
spätestens dann haben alle erst richtig gemerkt, WAS es bedeutet, das den ganzen
Tag an sich zu haben! Sag's doch erstmal deinen besten Freunden und
Klassenkameraden. Dann hast du da schon mal Unterstützung.
Mamoni:
Hallo sasi, auch meine Tochter ist damals in die Offensive gegangen. Ihr
Klassenlehrer und die ein oder andere Freundin wussten schon vorher Bescheid. Am
ersten Tag mit Korsett in der Schule hat sie sich an die Tafel gestellt, eine gerade
Wirbelsäule und eine gekrümmte Skoliose-Wirbelsäule an die Tafel gemalt und
kurzerhand den Unterschied erklärt. Dass ihre Wirbelsäule so ausschaut und sie
deswegen ein Korsett tragen muss.
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Viele konnten sich natürlich nichts darunter vorstellen. Also hat sie ihr Korsett ein
kleinwenig gezeigt. Da sind dann die Münder offen stehen geblieben. Niemand hat
bis heute einen Witz darüber gemacht. Alle haben großen Respekt vor ihr. Sogar die
Jungs. Inzwischen ist das Verhältnis bezüglich Korsett völlig entspannt. Auf der
letzten Klassenfahrt haben diverse Mitschüler (auch Jungs) das Korsett anprobiert
und sind beeindruckt, was meine Tochter so "aushält". Du kannst nur gewinnen.
Umso offener du damit umgehst, und zwar von Beginn an, um so leichter ist es. Du
schaffst das!!!
Sasi:
Hey Leute! Anfangs hab ich mir überhaupt nicht vorstellen können, einen Vortrag zu
halten. (Hatte Angst vor der Reaktion meiner Mitschüler...) Dann hab ich ein bisschen
darüber nachgedacht und fand die Idee gar nicht mal sooo schlecht! Aber meine
Mami hat mit allen meinen Lehrern geredet und ich hab es dann meinen Freunden
erzählt. Bin froh, DAS schon mal hinter mir zu haben. Wenn es meinen anderen
Mitschülern auffallen sollte, erklär' ich es ihnen kurz. Werde mein Korsi morgen zur
Schule mitnehmen und mal sehen wie es wird! Wünscht mir Glück!!!
Dr. Kai Steffan:
Eine Frage ist auch immer die Büstenhalterfrage: Was ziehe ich also unten drunter.
Das ist eine wichtige Sache, weil die Korsette drücken. Kann man sich jetzt so
vielleicht im Hörfunk schlecht vorstellen im Brustbereich sehr stark. Und wenn die
Mädchen dann einen Bügel-BH anziehen, gibt das Druckstellen. Also muss man
drüber diskutieren, was für Alternativen hat man.
Seanakady:
So, hallo mal wieder zusammen. In zwei Wochen ist es so weit: ich bekomme mein
Korsett. Jetzt hätte ich noch eine Frage: Und zwar trag ich unterm Korsett einen BH?
Bin da ja totaler Neuling und weiß gar nicht, was mich erwartet.
Mick:
Hallo seanakady. Ja, unterm Korsett trägt man einen BH. Wobei es bei Bügeln
drücken kann - hat mich als Jugendliche nie gestört, aber jetzt irgendwie schon.
Kann also sein, dass es für dich angenehmer ist, einen BH ohne Bügel (also SportBH oder sonstiges) zu tragen. Und ein Korsetthemd trägt man dann noch unterm
Korsett. Wünsche dir alles Gute mit deinem neuen Korsett! Das wird schon, auch
wenns am Anfang echt gewöhnungsbedürftig ist!
Raven:
Hallo seanakady. Je nach Korsett und Form der Oberweite kann es auch sein, dass
du keinen BH mehr benötigst, da erstens natürlich das Korsetthemd (wie ein
Unterhemd) weitestgehend blickdicht ist, und ein straffes Korsetthemd mit Korsett
durchaus auch die Brüste stützen kann. Wenn kein BH nötig ist, um die Oberweite in
Form zu bringen, würde ich keinen anziehen. Ich selber habe auch keinen
angezogen. Diese Extralage Kleidung habe ich gerne eingespart, einfach auch
wegen des Schwitzens. Ich wünsche dir viel Erfolg mit deinem Korsett.
Sabine Hagedorn:
Die ersten Tage, wenn man ein neues Korsett hat, dann liegt man wie ein Maikäfer
auf dem Rücken und zappelt mit allen vieren und kommt nicht aus dem Bett. Kommt
nicht von der Couch hoch. Man kann eigentlich gar nichts machen.
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Und das sind dann halt auch im Alltag, jetzt in meinem Fall, ich habe halt kleine
Kinder zuhause und wenn ich mit denen am Boden sitze und spiele, das war am
Anfang sehr schwer. Weil man einfach sehr eingeschränkt ist. Man kann nicht
bequem sitzen ohne Stuhl. Und so dann diese Bewegung. Seitlich geht, aber nach
vorne oder hinten eine Bewegung ist sehr schwer.
Seanakady:
Ich überlege seit längerem, es doch mal mit einem Korsett zu versuchen, denn ich
möchte nichts unversucht lassen, um die Krümmung zu stoppen. Würde sich noch
was verbessern, wärs umso erfreulicher: Ich muss dazu noch sagen, dass ich
meistens schmerzfrei bin, eher hab ich mal Verspannungen.
Sloopy:
Ganz ehrlich glaube ich, dass es dann schwer wird, eine Korsett-Therapie
durchzuziehen. Du musst schon sehr diszipliniert sein, wenn du das über einen
längeren Zeitraum schaffst. Ich bin sicher, dass ich mein Korsett nicht so konsequent
tragen würde, wenn ich auch ohne schmerzfrei wäre. Schmerzen sind ein sehr guter
Motivator zum Korsett-Tragen, allerdings hilft mir mein Korsett auch gegen
Verspannungen. Wenn ich zwei aufeinanderfolgende Nächte ohne Korsett schlafe,
hab ich morgens Nackenverspannungen.
Bluecat:
Bisher hattest du noch kein Korsett tragen müssen oder dürfen. Um die Krümmung
zu verbessern, wirst du auf relativ hohe Tragezeiten kommen müssen (bei mir sollten
es mind.16 Stunden sein, mehr sind besser). Das ist sehr hart, vor allem wenn man
noch Korsett unerfahren ist. Sei dir bewusst darüber, dass du zumindest in der
Eingewöhnung Schmerzen haben wirst und du dich eingeengt fühlen wirst. An die
neuen Bewegungsabläufe muss man sich erst mal gewöhnen. Aber es ist machbar.
Seanakady:
Seit kurzem habe ich nun mein Korsett. Ich hatte um 14 Uhr meinen Termin, um 17
Uhr war ich fertig und habs dann bis 24 Uhr getragen. Ich kam mir ein wenig
unförmig und steif vor, aber ingesamt echt nicht sonderlich tragisch. Vor allem meiner
Mutter ist aufgefallen, dass ich jetzt nicht mehr so leicht humpel bzw schleife, also
eine echte Wohltat.
Erzähler:
Die Klinik in Bad Sobernheim versorgt Patienten nicht nur mit Korsetts - viele
kommen auch zu Reha-Aufenthalten. Sabine Hagedorn war schon siebenmal hier.
Sabine Hagedorn:
Wenn man hier ankommt, das ist so wie nachhause kommen. Je öfter man hier war,
lernt man die Leute kennen. Die Therapeuten kennen einen. Man wird oft dann
schon namentlich begrüßt oft. Und hört dann auch so Sätze wie: Och, wie schön,
dass Du wieder mal bei uns bist. Ja es ist so wie eine kleine eigene Familie hier. Man
ist einfach unter Gleichgesinnten. Man weiß von den andern, man wird verstanden.
Man hat die gleichen Probleme. Im Alltag, zuhause, ist es oft so, dass man der unter
die einzige ist mit Skoliose.
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Und hier ist man einfach… man braucht niemandem was zu erklären. Jeder weiß,
was ein Korsett ist. Jeder kennt die Einschränkung davon. Und man kann sich
einfach frei bewegen und seinen Gedanken freien Lauf lassen.
Erzähler:
Das klingt nach einem entspannten Erholungsurlaub. Ist es aber nicht. Jeden Tag
müssen die Patienten ein vollgepacktes Programm absolvieren. Los gehts morgens
mit Aufwärmen, dann Gruppenübungsstunde und schließlich freie Übungszeit. Die
nutzen die Patienten, um gezielt Übungen zu machen, die zu Beginn der Reha
individuell festgelegt wurden. Dann ist erstmal Mittagspause - in der Klinikkantine.
Kaum jemand hier ist älter als 18. Das wirkt sich auch auf die Atmosphäre aus. Ich
fühle mich wohl hier und vergesse sogar, dass ich in einem Krankenhaus bin. Den
Patienten scheint es ähnlich zu gehen. Alle wissen, dass sie mit ihren körperlichen
Schwierigkeiten in diesem Haus keine Ausnahme sind und sich nicht verstecken
müssen. Das verbindet, schafft Gemeinschaft. Und ganz nebenbei tun sie während
des Essens auch noch ihrem Rücken etwas Gutes. Anika und Irhard - beide sind
16 Jahre alt.
Anika:
Ja, also mir ist das schon aufgefallen. An manchen Tischen saß ich niedriger. An
manchen war der Tisch höher. War ganz komisch.
Irhard:
Also, das man gerade sitzt. Ja, es ist auf jeden Fall besser. Sonst sitzt man ja so
gebückt.
Anika:
Also man wird ja theoretisch gezwungen aufrecht zu sitzen, damit man halt ordentlich
essen kann. Ist eigentlich ganz gut. Also anstrengend ist es jetzt nicht.
Erzähler:
Anstrengend wird es erst wieder nach der Mittagspause - in der zweiten
Gruppenübungsstunde, auf die anschließend wieder freie Übungszeit folgt. Vor
Spiegeln sitzen die Jugendlichen auf Gymnastikbällen und halten in jeder Hand
einen Holzstab. Mich beeindruckt die Disziplin und Körperbeherrschung, mit der sie
den Anweisungen von Übungsleiter Philipp Gigerich folgen:
Philipp Gigerich:
Atmet langsam leise ein durch die Nase. Bei der Ausatmung haltet ihr diese Position.
Spannt Po und Bauch an und drückt die Stäbe ganz leicht nach unten in den Boden.
Philipp Gigerich:
Ich habe jetzt eine Gruppe von 12 Mädels. Und mit denen mache ich jetzt Therapie.
Ganz individuell für die zugeschnittene Übungen eben. Dauert eineinhalb Stunden.
Anika:
Ich habe eigentlich eine ganz gute Motivation, weil ich dann auch weiß, dass ich was
für meinen Rücken tue. Und ich merke auch, dass es was hilft. Und es ist halt immer
schwierig, wenn man nicht genau weiß, was man machen soll. Wenn man dauernd
korrigiert wird, ob man es dann vorher richtig gemacht hat oder falsch.
9
Also das ist dann schon wieder so ein, ja, Punkt, wo man so denkt, ja, jetzt habe ich
keinen Bock mehr. Aber man merkt halt dann, wenn man mit den Übungen fertig ist,
die Muskelkater und so im Rücken. Dann merkt man halt schon, dass es was
gebracht hat, und dann hat man auch die Motivation weiterzumachen.
Erzähler:
Fast alle hier sind Mädchen oder junge Frauen. Sie sind am häufigsten von Skoliose
betroffen. Warum das so ist, wisse man nicht genau, erklärt mir Dr. Steffan.
Vermutlich ein defektes Gen, das in der Pubertät durch das Hormon Östrogen
angeknipst werde. Irhard, den ich schon in der Mittagspause getroffen habe, ist einer
der wenigen männlichen Jugendlichen.
Autor:
Wie ist denn das hier so als Junge unterwegs zu sein unter so vielen Mädels?
Irhard:
Es ist eigentlich ganz normal. O.k., es ist eine andere Erfahrung, aber ganz nett.
Auch mal nur mit Mädels unterwegs zu sein. Die sind nicht so wie Jungs, immer auf
irgendwie auf dem Gewinnertrip. Mit denen kann man sich besser unterhalten.
Autor:
Wie ist das denn bei dir so? Wie lange hast du das Korsett?
Irhard:
Seit einem dreiviertel Jahr.
Autor:
Und wie ist das so bei deinen Kumpels?
Irhard:
Das ist ganz normal. Also, die haben anfangs ein paar Späße gemacht, so harte
Nuss, oder so. Aber eigentlich ist es ganz o.k.
Autor:
Bei Jungs hat das auch was von einer Ritterrüstung, oder?
Irhard:
Ja, so ähnlich. Also, wenn es mal zum Gedränge kommt, dann ist es ganz nützlich.
Autor:
Warum?
Irhard:
Ja, ich meine, warum? Ich meine, dann tut es nicht so weh.
Autor:
Dir?
Irhard:
Ja.
10
Autor:
Aber dem anderen umso mehr.
Irhard:
Ja, genau.
Autor:
Ok.
Erzähler:
Ein paar Meter von Irhard entfernt steht Annette vor einem Spiegel und macht ihre
Übungen. Sie ist heute im Gymnastiksaal mit Abstand die älteste Teilnehmerin.
Autor:
Hier sind ja fast nur jugendliche Patienten. Die ich zumindest heute hier gesehen
habe. Wie ist das für Sie, hier zu sein, mit fast ausschließlich Jugendlichen?
Annette:
Das ist völlig in Ordnung. Wollen wir hier einen Rentner-Club aufmachen, oder
sowas? Nee, nee, das ist schon… das passt.
Autor:
Sie machen auch dann diese ganzen Übungen?
Annette:
Die Zielsetzung ist natürlich ein bisschen anders, wenn man so eine alte Schachtel
ist wie ich, dann kann man die Skoliose nicht mehr auskorrigieren. Aber man kann
die Verschlechterung, die ja sonst automatisch dazu gehört, die kann man etwas
aufhalten. Oder den Prozess etwas verlangsamen auf jeden Fall. Und auch in
fortgeschrittenem Alter kann man natürlich noch leichte Korrekturen vornehmen.
Nicht mehr, dass man eine Skoliose auskorrigiert, wie das ist, wenn man im
Wachstumsschub noch ist. Aber natürlich kann man eine Verbesserung herstellen.
Autor:
Kennen Sie das Skoliose-Info-Forum im Internet.
Annette:
Ja, habe ich mir schon mal angeschaut, bevor ich herkam. Aber so lange kenne ich
es noch nicht.
Autor:
Die Gründerin dieses Forums, das ist die Frau Hagedorn.
Annette:
Es freut mich, Sie kennen zu lernen, hallo.
Sabine Hagedorn:
Gleichfalls.
11
Annette:
Und Sie haben auch verschiedene Foren und Chats habe ich gehört heute Morgen
noch, wo man auch in Austausch kommen kann dann mit anderen?
Sabine Hagedorn:
Ja, genau. Wir haben verschiedene Unterforen auch. Also, für Eltern von
Betroffenen. Oder nur für Jugendliche, wo die dann unter sich sind. Und ein nichtöffentlicher Erfahrungsaustausch, wo man dann bestimmte Bedingungen erfüllen
muss, um überhaupt mitlesen zu können. Weil es ja schon manchmal brisante
Informationen sind, die man von sich preisgibt.
Annette:
Das finde ich wunderbar, dass es sowas gibt. Dass man sich austauschen kann über
Korsetterfahrung oder Operationserfahrung oder sowas - Austausch darüber, das
finde ich wunderbar, dass sie das eingerichtet haben. Super.
Sabine Hagedorn:
Ja, schön, freut mich.
Autor:
Wie ist das, so ein Feedback zu kriegen?
Sabine Hagedorn:
Ja, freut mich sehr. Diese Patientin hat gerade gesagt, sie brauchte 59 Jahre, um
diese Klinik kennen zu lernen. Und unteranderem durchs Forum, ist sie hierhin
gekommen. Das ist halt wirklich eine Bestätigung für die Arbeit.
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