close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Der Mann stürzte wie von Sinnen die ausgetretene - Blitz-Verlag

EinbettenHerunterladen
Der Mann stürzte wie von Sinnen die ausgetretene
Treppe empor. Sein Puls jagte, sein Atem flog, und der
Schweiß lief in Bächen über sein verzerrtes Gesicht. Alles an Félix Lucelion zitterte. Seine Augen waren weit
aufgerissen, und der blanke Wahnsinn spiegelte sich in
seinem Blick. „So weit hätte es nicht kommen dürfen“,
murmelte er im Selbstgespräch vor sich hin. „Ich muss
verrückt gewesen sein. Jetzt ist es zu spät.“
Lucelion jagte die letzten Stufen zu seiner Mansardenwohnung hoch. Qualvolle Sekunden verstrichen,
ehe es ihm gelang, den richtigen Schlüssel zu finden
und die Tür aufzuschließen. Im gleichen Augenblick,
als er in seine Wohnung stürzte, hörte er von unten das
Zuklappen der Haustür und ein Trappeln auf den Treppenstufen. Sein Herzschlag setzte für eine Sekunde aus.
Er war im Haus!
*
Lucelion schaltete das Licht nicht an. Im Dunkeln tastete er sich durch seine stockfinstere Wohnung. Er stieß
gegen einen Stuhl, gegen den Tisch. Irgendetwas fiel
um. Die Wände schienen in seine Richtung zu wabern.
Die Atemluft wurde knapp. Mit fahrigen Fingern öffnete er die oberen Kragenknöpfe. „Monette ...“, wisperte Lucelion, während er in höchster Aufregung in das
angrenzende Zimmer hetzte. „Ich muss Monette anrufen ...“ Er tastete sich in Richtung des kleinen Tisches,
5
Glossar
Die PSA (Psychoanalytische Spezial-Abteilung) hat ihren
Hauptsitz mitten in New York, im Central Park unter dem
bekannten Speiserestaurant Tavern on the Green. Zwei
Stockwerke unter dem Kellergeschoss der Nobelgaststätte befindet sich die Welt der PSA. Büros, Labors und ein
riesiges Rechen- und Kommunikationszentrum. Eine
Geheimtür führt in eine Kammer, die ein getarnter Lift
ist, der nur von PSA-Leuten genutzt werden kann. Einen
besonderen Zugang gibt es nur für den Begründer und
Leiter der PSA, David Gallun, der als X-RAY-1 die mysteriöse Figur in dem Gesamtgebilde der PSA ist.
PSA-Nachrichtenagenten verteilen sich zu Tausenden
in völlig normalen Berufen über die gesamte Welt. PSAAgenten hingegen agieren nur in vierzig Positionen, von
denen zurzeit aus unterschiedlichen Gründen nicht alle
besetzt sind. Diese Elite von Spezialisten wird durch ein
strenges Auswahl- und Trainingsverfahren gewonnen.
Jeder PSA-Agent trägt einen Ring, der zur Kommunikation dient. Dieses winzige Schmuckstück hat die Form
einer Weltkugel. Weibliche Agenten tragen einen Anhänger. Ring und Anhänger sind auf die energetischen Körperströmungen ihres Trägers ausgerichtet. Entfernt man
dieses Miniaturgerät gewaltsam oder sinkt die Körpertemperatur des Trägers erheblich ab, wird in der PSAZentrale das Todessignal ausgelöst.
auf dem das Telefon stand, schaltete die kleine Tischlampe ein, drehte die Wählscheibe, schüttelte dann seinen Kopf und schlug nach mehreren Versuchen auf die
Telefongabel. In der Aufregung fiel ihm nicht die richtige Nummer ein. Die Zeit drängte.
„Es muss jetzt sein! Bitte!“ Seine Lippen zitterten. Er
hatte keine andere Wahl, die Zeit verrann. Es schien
eine Ewigkeit zu dauern, ehe das erste Klingelzeichen
am anderen Ende der Leitung zu hören war. Dann der
zweite Ton. Lucelion stand wie auf heißen Kohlen. Er
trat von einem Bein aufs andere. Die Augen glühten irr
in seinem angespannten Gesicht. Mit zitternden Fingern wischte er sich über die schweißnasse Stirn.
„Doktor Monette“, meldete sich endlich eine Stimme.
„Doktor Monette! Oh Gott, gut, dass ich Sie erreiche!“ Lucelion konnte vor Aufregung kaum sprechen.
Seine Stimme war zu einem heiseren Krächzen herabgesunken, hatte einen wimmernden Unterton bekommen. „Ich bin es, Lucelion ...“
„Lucelion?“ Monette schien erstaunt. „Aber Monsieur Lucelion! Was veranlasst Sie, mich zu dieser Stunde anzurufen? Wissen Sie, wie spät es ist?“
„Ich habe Ihnen versprochen, mich zu melden, wenn
er mir auf den Fersen ist. Ich habe die Begegnung provoziert, Doktor, vorhin in der Rue du Surmelin. Seitdem verfolgt er mich, bis hierher in die Rue de Paradis. Der Nachtmahr, Doktor!“ Lucelion sprach in einem aufgeregten Stakkato. „Kommen Sie bitte schnell,
Doktor! Er ist im Haus. Er muss jeden Augenblick hier
sein.“
7
Obwohl Monette über die nächtliche Störung verärgert war, ließ er sich nichts anmerken. Lucelion war
ein spezieller Fall. Der Mann war nicht normal. „Lucelion, bitte! Sie können sich doch ganz einfach schützen. Verschließen Sie die Tür. Dann muss er draußen
bleiben.“
„Haben Sie denn vergessen, was ich Ihnen gesagt
habe?“ Lucelions Stimme klang weinerlich. Er war am
Ende seiner Kräfte. „Er kann durch Wände und verschlossene Türen kommen.“
„Ah, richtig. Das hatte ich vergessen. Entschuldigen
Sie!“
„Halten Sie Ihr Versprechen, lassen Sie mich jetzt bitte nicht im Stich! Ich habe nie eine Zwangspsychose gehabt, Doktor! Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich hoffte, krank zu sein. Aber was ich durchmache, ist schlimmer als eine seelische Krise oder wie Sie das auch immer nennen mögen. Ich erlebe die Wirklichkeit, und ich
werde verfolgt. Ich habe den Nachtmahr beobachtet,
und er hat mich bemerkt. Bitte kommen Sie, warten Sie
keine Minute länger!“
„Ich komme, Lucelion. Ich sehe ihn mir an.“ Monettes Stimme klang plötzlich hellwach.
„Danke, Doktor!“ Lucelion nickte heftig, obwohl ihn
sein Gesprächspartner natürlich nicht sehen konnte.
„Bitte beeilen Sie sich, wenn ...“ Weiter kam er nicht. Jemand stand hinter ihm. Lautlos und still wie ein Phantom in der Nacht war Lucelions Verfolger in die Wohnung eingedrungen. Dabei war keine Tür geöffnet worden, kein Schlüssel hatte sich im Schloss gedreht.
8
Nur dieses seltsame Trappeln auf den Stufen der
Treppe.
Lucelion war inzwischen klar geworden, dass der
Nachtmahr nur ihn damit erschrecken wollte! Er wollte ihm vor Augen führen, dass er längst über ihn Bescheid wusste. Er sollte für alle Welt sichtbar in den
Wahnsinn getrieben werden, sodass selbst sein Psychiater, Dr. Pierre Monette, ihn für verrückt hielt. Denn
der Nachtmahr bewegte sich sonst ohne das geringste
Geräusch zu verursachen. Nur wenn eben Lucelion in
der Nähe war, dann verursachte er diese beängstigenden Geräusche, die vielleicht wirklich nur er, Lucelion,
zu hören bekam.
Eine schmale, beinahe weibliche Hand drückte die
Gabel herab und unterbrach das Gespräch.
Lucelion gurgelte vor Entsetzen, als ihm der Hörer
aus der Hand genommen wurde. „Nein!“ Er schüttelte den Kopf und wich langsam Schritt für Schritt zurück, als wären seine Füße aus Blei. Dann warf er sich
herum, wollte zum Fenster flüchten, doch der nächtliche Besucher, der wie eine diffuse Silhouette vor ihm
stand, versperrte ihm den Weg. Lucelion taumelte gegen das Fußende des Betts, konnte sich nicht mehr fangen und stürzte mit dem Rücken auf das prall gefüllte
Daunenbett. Er fühlte, wie ihn unsichtbare Hände nach
unten drückten. Er keuchte vor Anstrengung, seine Augen traten wie zwei weiße Kugeln aus ihren Höhlen.
Wie besessen schlug er um sich. Ihm kam es so vor, als
umfassten ihn mit einem Mal tausend Hände, derer er
sich erwehren musste. Das Federbett bebte unter ihm.
9
Es war weich, gab nach, bewegte sich selbsttätig und
atmete. Es lebte!
Das Grauen schnürte dem Gepeinigten die Kehle zu.
Ihm wurde schwarz vor Augen, nicht nur vor
Schwäche, sondern auch, weil das Ungetüm über ihn
hinwegkroch, seinen Körper mitsamt seinem Kopf bedeckte. Der Atem wurde knapp. Er versuchte zu schreien, doch kein Laut kam über seine Lippen. Ein Zentnergewicht lag auf seiner Brust und erdrückte ihn. Er
keuchte, zog pfeifend die Luft ein und riss den Mund
wie ein gestrandeter Fisch auf. Sein Körper verkrampfte sich. Ekel und Panik ergriffen ihn. Das schwammige, riesige Etwas erinnerte ihn an ein Ungeheuer, das
einem Albtraum entwichen und Realität geworden
war.
Seine vor Entsetzen weit aufgesperrten Augen nahmen das glitschige Etwas mit den blutroten und giftgrünen Streifen wahr. Es bewegte sich, schmatzte und
ächzte und hatte nur der Farbe nach noch Ähnlichkeit
mit seinem schweren Federbett. Der Riesenkörper
senkte sich weiter auf ihn herab, und seine Welt versank in absoluter Finsternis. Félix Lucelion schwanden
die Sinne.
Seine verzweifelten Schreie nahm er mit ins Jenseits.
*
Der silbergraue Citroën bog in die dunkle Straße ein.
Hinter den Fenstern der Häuser brannte längst kein
Licht mehr. Dr. Pierre Monette fand das Haus auf An-
10
hieb. In Paris kannte er sich bestens aus. In dieser Stadt
war er aufgewachsen.
Der Psychiater schaltete den Motor aus, zog den
Schlüssel ab und verließ seinen Wagen. Das Telefongespräch kam ihm vor wie ein schlechter Traum. Dennoch hatte er keine Sekunde gezögert und fuhr mitten
in der Nacht zu einem Patienten, der unter Halluzinationen litt und dem keine hypnotische Therapie und
auch keine chemischen Präparate halfen. Dieser Mann,
Lucelion, wurde für sich selbst zur Gefahr. Die Einweisung des Kranken in eine Nervenheilanstalt durfte
nicht länger hinausgezögert werden. Nicht bei jedem
seiner Patienten hätte Monette solche Schwierigkeiten
auf sich genommen. Aber bei Lucelion lagen die Dinge anders. Erstens interessierte ihn der Fall dieses Mannes als Wissenschaftler und Arzt, und zweitens waren
die Honorare bei Lucelion üppig gewesen. Sein Patient
war wohlhabend, führte jedoch ein auffallend bescheidenes Leben. Er gönnte sich keinerlei Vergnügungen.
Monette seufzte, als ihm dies durch den Kopf ging.
Er konnte nicht verstehen, wie manche Leute mit ihrer
Freizeit umgingen. Und für Lucelion war eigentlich der
ganze Tag Freizeit. Ihm fehlte eine sinnvolle Beschäftigung. Vielleicht war dies der Grund, weshalb sein Verstand durcheinandergeriet und er vor lauter Langeweile seinen seltsamen privaten Forschungen und Beobachtungen nachging.
Monettes Hemd war noch aufgeknöpft. Man sah
dem Psychiater an, dass er sich in aller Eile angezogen
hatte, um hierherzukommen. Er drückte den Klingel-
11
knopf, blickte sich suchend um und wartete. Die Gegend war nicht die beste von Paris. Lucelion hätte es
sich erlauben können, woanders zu wohnen. Er war
wirklich ein merkwürdiger Kauz.
Als sich niemand meldete, versuchte Monette die
Tür zu öffnen. Es funktionierte. Er tastete nach dem
Lichtschalter und eilte die Treppe empor. Das Licht im
Hausgang war schummrig, die Luft roch muffig. Lucelion wohnte direkt unter dem Dach. Monette musste daran denken, da Lucelion ihm anvertraut hatte,
dass dies so gewollt war.
Wenn er … der Nachtmahr … einmal hinter mir her sein
sollte, dann habe ich immer noch die Chance, über das Dach
zu entkommen! Der Psychiater hatte immer noch die
verzweifelten Worte seines Patienten im Ohr.
Kurz darauf stand Monette vor der Wohnungstür.
Er unterließ es zu klingeln, als er sah, dass die Tür nur
angelehnt war. „Monsieur Lucelion?“, fragte er leise
durch den Türspalt und klopfte.
Keine Antwort, kein Geräusch aus der Wohnung.
Monette konnte sich eines unguten Gefühls nicht erwehren. Wenn Lucelion ihn aus der Wohnung angerufen hatte, war es unverständlich, dass er sich jetzt nicht
meldete. Der Arzt stieß die Tür auf und starrte in die
düstere Wohnung.
„Monsieur Lucelion?“ Fragend schob er sich weiter
in das Zwielicht. Irgendwo musste eine Lampe brennen. Er passierte den Korridor und stand unter der
Türfüllung. Von dort ging er ins Wohnzimmer. Hier
konnte er besser sehen. Eine kleine Tischlampe leuch-
12
tete und durch das Fenster schien der Mond. In dem
breiten Lichtstreifen erkannte Monette einen Teil der
bescheidenen Einrichtung, sah den runden Tisch und
das Telefon darauf. Darüber hinaus befanden sich in
dem Raum zwei verschlissene Sessel und Lucelions
Schlafstatt, darauf ein wild zusammengeknäueltes Federbett. Zwei in braunen Halbschuhen steckende Füße
ragten unter der Bettdecke hervor.
„Monsieur Lucelion?“ Monette tastete nach dem
Lichtschalter. Die Deckenleuchte flammte grell auf. Geblendet schloss der Psychiater für einen Moment seine
Augen. Danach durchwühlte er hastig das Federbett.
Es war kaum zu glauben, wie Lucelion sich darin eingegraben hatte. Es sah fast so aus, als hätte er mit diesem Bett gerungen, als hätte das Bett ein Eigenleben
entwickelt, um ihn im Nahkampf zu besiegen.
Schließlich erlöste Monette seinen Patienten aus dessen unglücklicher Lage. Dabei musste er seine gesamte Kraft aufwenden, um das Federbett auseinanderzureißen.
Lucelions Körper rollte schlaff auf die Seite. Monette horchte nach Herztönen, fühlte den Puls, doch nichts
rührte sich. Dennoch begann er mit Wiederbelebungsversuchen.
Ohne Erfolg. Erschöpft und schweißüberströmt gab
Monette nach einiger Zeit auf. Erst jetzt, wo er alles
Nötige von sich aus getan hatte, kam er endlich zur
Besinnung. Er musste die Polizei verständigen. Mit
schnellen Schritten näherte er sich dem Tisch, auf dem
das Telefon stand. Auf dem Boden lagen mehrere Ma-
13
gazine, das Telefonbuch und ein in schwarzes Nappaleder gebundenes Büchlein. Die Utensilien mussten
durch einen unachtsamen Stoß aus dem Zwischenfach
gerutscht sein.
Monettes Hand näherte sich dem Hörer, als sein
Blick das aufgeschlagene Buch traf. Handschriftlich
waren dort Notizen vermerkt. Monette überflog im Stehen die ersten Zeilen und war so gefesselt, dass er sich
fast wie in Trance bückte, das Buch aufhob und die erste Seite Wort für Wort las.
Das Tagebuch von Félix Lucelion!
Der Kranke hatte darin seinen Tagesablauf vermerkt,
hatte über seine Krankheit und über jede Kleinigkeit,
die er erlebte, genau Buch geführt. Dort hatte er Dinge
hineingeschrieben, die nicht einmal in den hypnotischen Sitzungen zur Sprache gekommen waren.
Pierre Monette blätterte das Buch von Anfang bis
Ende flüchtig durch. Die ersten Eintragungen begannen auf den Tag genau vor drei Monaten, dem Zeitpunkt also, an dem sich Félix Lucelion in psychiatrische
Behandlung begeben hatte.
Monette steckte das Tagebuch ein. Für ihn würde jedes Wort daraus wichtig sein, der Polizei konnte er es
später immer noch übergeben.
Dann wählte er den Notruf.
*
Kommissar Marcel Tolbiac brauchte kaum zehn Minuten, um mit seinen beiden Assistenten am Einsatzort
14
einzutreffen. Der dort anwesende Psychiater Pierre
Monette erzählte ihm in aller Ruhe und Ausführlichkeit den Ablauf der Geschehnisse aus seiner Sicht.
Tolbiac hörte zu, ohne den Mann ein einziges Mal zu
unterbrechen. „Die Tür war offen?“, fragte er schließlich und ging mit Monette zur Wohnungstür.
Der Psychiater bestätigte dieses Detail noch einmal.
„Erinnern Sie sich bitte genau daran, was Monsieur
Lucelion zu Ihnen sagte, Doktor“, bemerkte Tolbiac mit
konzentrierter Miene und streichelte dabei seinen Bart.
„Hat er am Telefon davon gesprochen, dass seine Wohnung abgeschlossen war?“
Monette musste kurz nachdenken. „Ja. Ich glaube, er
drückte sich so aus, dass er die Tür hinter sich verschlossen hatte, als er in die Wohnung flüchtete.“
„Dann muss sein Verfolger, wie auch immer, gewaltsam eingedrungen sein. Und beim Verlassen der Wohnung hat der Unbekannte die Tür nicht mehr ins
Schloss gedrückt.“
„Es gibt keinen Unbekannten, Kommissar. Lucelion
war ein kranker Mann. Er hat sich seinen Verfolger nur
eingebildet. Er litt unter einer Zwangspsychose.“
„Hm. Und wer hat Ihrer Meinung nach die Tür geöffnet?“
„Vielleicht hat Lucelion sie gar nicht erst zugeschlossen.“
„Vorhin aber haben Sie noch gesagt, dass ...“
„Ich weiß“, unterbrach Monette den Kommissar.
„Doch ich kann mich auch irren. Es ging alles so
schnell, und Lucelion war aufs Äußerste erregt, viel-
15
leicht hat er sich getäuscht. Zudem habe ich nur die
Hälfte von dem verstanden, was er mir gesagt hat. Die
letzten Minuten seines Lebens müssen schrecklich für
ihn gewesen sein. Er hat offenbar Dinge in seinem Kopf
gesehen, von denen wir uns keine Vorstellung machen.“
„Monsieur Lucelion ist tot. So, wie er da liegt, war
das kein Herzschlag. Seine Haltung ist zwar verändert,
schließlich haben Sie unmittelbar nach Ihrer Ankunft
versucht, ihn wiederzubeleben, dennoch ist zu erkennen, dass Monsieur Lucelion offensichtlich mit jemandem gekämpft hat. Sein Gesichtsausdruck ist schlimm
verzerrt.“
„Er hat mit einem Phantom gekämpft, Kommissar.
Sein Gesicht wurde sozusagen von innen verzerrt. Er
hat vielleicht etwas auf dem Bett sitzen sehen und geglaubt, es hätte sich im Federbett verkrochen. Er muss
sich wie ein Wilder darauf gestürzt haben. Er hat verbissen mit dem Einsatz all seiner Kräfte gerungen. Dabei wühlte er sich tief in die Kissen. Entweder ist er dabei vor Aufregung oder an Luftmangel oder an beidem
gestorben.“
Tolbiac nickte. „Könnte natürlich sein, Doktor. Also
keine Suche nach dem Mörder? Wenn es so ist, wie Sie
vermuten, dann wird das die gerichtsmedizinische Untersuchung der Leiche eindeutig ergeben. Gut. Sie hören von mir.“
*
16
Danielle Rouson und Gigi Chapelle kamen gegen zwölf
Uhr mittags in die Tuilerien. Die beiden Mädchen trafen sich an der Bank in der Nähe der Statue, die die Venus mit einer Taube darstellte.
„Ich habe gedacht, dich heute gar nicht zu Gesicht zu
bekommen“, rief Gigi schon von Weitem. Sie trug eine
helle Ledertasche unter dem Arm, darin steckten ihre
Lehrbücher. Gigi war einundzwanzig, studierte Medizin
und kam gerade von einer Vorlesung. „Wenn du so oft
fehlst, hast du eine Menge nachzuarbeiten, meine Liebe. Hast du die Nacht mit Louis verbracht? Wieder nicht
aus den Federn gekommen? Und viel getrunken, wie?“
Ihre Freundin Danielle war eine sehr lebendige, sympathische junge Frau, schlank und langbeinig. Sie verstand es, ihre weiblichen Reize auszuspielen. Obwohl
die Sonne schien, war es zu dieser frühen Tageszeit
noch verhältnismäßig kühl. Das hielt sie jedoch nicht
davon ab, ein kurzärmeliges Sommerkleid mit ausgestelltem Rock zu tragen. „Nicht geschlafen, nichts getrunken“, sagte sie leise, während sie auf der Bank
Platz nahm, sich zurücklehnte und ihre wohlgeformten Beine übereinanderschlug.
„Oh là là!“, bemerkte Gigi spitzbübisch. „Habt ihr
euch so verausgabt?“
Danielle Rouson schüttelte den Kopf und strich ihre
dichten, glänzenden Haare aus dem Gesicht. Ihr hübsches Gesicht wirkte ungewöhnlich angespannt. „Nein,
eigentlich nicht“, sagte sie mit finsterem Blick. „Louis
und ich … wir haben uns gestritten. Aber das renkt
sich wieder ein. Ist nicht zum ersten Mal passiert. Wir
17
müssen uns noch abschleifen, aber sonst ergänzen wir
uns prächtig.“
Gigi Chapelle musterte ihre Freundin und Studienkollegin mit einem langen Blick. „Du siehst heute nicht
gut aus.“
Danielle massierte ihre Stirn. „Ich habe schlecht geschlafen und noch schlechter geträumt.“
„Wieder diese Albträume?“
„Ja. Es fängt schon wieder an.“
„Das hängt mit Louis zusammen.“
„Nein. Ich hatte das schon, als mit Louis noch alles
in Ordnung war. Aber es wird immer schlimmer. Heute Nacht hatte ich wahrhaftig den Eindruck, vor Angst
zu sterben. Es war fürchterlich, Gigi. Als ich aufwachte, war ich in Schweiß gebadet. Danach habe ich mich
abgeduscht, und während dieser Zeit wurde ich das
Gefühl nicht los, dass mich jemand beobachtet. Ich
spürte deutlich die Nähe von irgendetwas, das mich
bedrohte.“
„Dass man mal Albträume hat, kann vorkommen
und ist völlig normal. Aber wenn sie oft oder wie bei
dir beinahe regelmäßig auftreten, dann lässt das auf
eine Krankheit schließen.“
Danielle Rouson senkte den Blick. „Ich habe nicht
den Eindruck, verrückt zu sein.“
„Das hat mit Verrücktsein nichts zu tun. Eine seelische Krise, mehr nicht. Aber das darf man nicht auf die
leichte Schulter nehmen. Ich an deiner Stelle würde einen guten Psychiater konsultieren. Lass dich doch mal
gründlich untersuchen.“
18
Danielle Rouson seufzte. „Ich mag keine Psychiater!“
„Ach, du!“ Gigi Chapelle fuchtelte mit den Händen
in der Luft herum. Sie reagierte stets temperamentvoll.
„Du musst etwas dagegen tun, bevor es schlimmer
wird.“
„Ich werde dir etwas sagen, Gigi. Nachts, wenn ich
wach werde … immer, wenn ich das Gefühl habe, erdrückt zu werden, ersticken zu müssen … dann liege
ich da, mit pochendem Herzen und jagendem Puls. Hin
und wieder falle ich in einen leichten, unruhigen Schlaf.
Aber wenn morgens die Sonne durch das Fenster
scheint, kommt mir wieder alles so unwirklich vor. Ich
kann mir dann nicht mehr vorstellen, dass ich dieses
Gefühl, sterben zu müssen, wirklich durchgemacht
habe.“
„Ich sage ja: Du brauchst einen Psychiater. Ich frage
Paul, der kennt sich mit solchen Dingen aus. Er kann
dir bestimmt eine Empfehlung geben.“
„Ich war heute Morgen so erledigt, dass ich kaum
aufstehen konnte“, fuhr Danielle Rouson fort, als hätte
sie die letzte Bemerkung ihrer Freundin nicht gehört.
„Ich bin erst um elf aus den Federn gekrochen, habe
mich kurz frisch gemacht und bin hierhergekommen.“
„Hast du gefrühstückt?“
„Nein.“
„Dann verschwinden wir am besten ins nächste Restaurant, meine Liebe. Du musst etwas Ordentliches essen.“ Gigi Chapelle griff nach ihrer Handtasche, die
sie neben sich auf die Bank gestellt hatte.
19
Danielle Rouson fasste ihre Freundin am Arm. „Du
bist ein prima Kumpel, Gigi.“ Sie lächelte. „Ich habe
mich so darauf gefreut, dich hier zu treffen. Jetzt, nachdem ich mit dir über meine Probleme gesprochen habe,
geht es mir schon etwas besser. Ich habe eine Bitte an
dich, Gigi.“
„Schieß los! Wenn ich sie dir erfüllen kann, gern. Bei
Geld muss ich allerdings passen. Die nächsten Scheinchen kommen erst in einer Woche. In meinem Portemonnaie herrscht elende Ebbe.“
Danielle lachte. „Dann geht es dir wie mir. Aus dem
fetten Menü wird wohl nichts.“ Sie hatten sich schon
oft gegenseitig aus einer Notlage geholfen. Aber die
neuen Frühjahrskleider, auf die keine von ihnen verzichtet hatte, waren nicht ganz unschuldig an der augenblicklichen Geldflaute. „Ich möchte erst mehr über
mich selbst erfahren, ehe ich zum Psychiater gehe. Das
ist der eine Grund. Der zweite: die Angst, die mich
schon jetzt wieder befällt, wenn ich an heute Abend
denke. Ich möchte nicht allein sein, ich muss das Gefühl haben, dass jemand in meiner Nähe ist … ein
Mensch, zu dem ich Vertrauen haben kann.“
Ihre Worte wurden zu einem Flehen. Gigi erkannte
ihre Freundin nicht wieder. So schlimm hatte sie sich
das nicht vorgestellt. Sie nickte. „Schon verstanden. Ich
bleibe heute Abend bei dir.“
*
20
Dr. Pierre Monette konnte es kaum erwarten, bis er die
letzte Sitzung abgearbeitet hatte. Nach dem Vorfall
letzte Nacht war er umgehend nach Hause gefahren.
Da es schon zwei Uhr gewesen war, hatte er keinen
Blick mehr in Lucelions Tagebuch geworfen. Heute
Morgen war er auch nicht dazu gekommen. Seine Mitarbeiterin war frühzeitig eingetroffen, um die schriftlichen Sachen, die er keines Blickes würdigte, zu erledigen. Um acht war der erste Patient gekommen, eine
Mutter, die einen verhaltensgestörten Jungen in seine
Praxis brachte. Mit dem Knaben hatte er sich mehr als
drei Stunden beschäftigt. Bis vier Uhr hatte er insgesamt fünf Patienten behandelt, seine Mittagspause von
zwei Stunden mit eingerechnet. In diesen zwei Stunden
bedurfte er allerdings der Ruhe. Die Sitzungen waren
oftmals so anstrengend, dass er sich körperlich und
geistig völlig erschöpft fühlte. Mehr als acht bis zehn
Patienten verkraftete er am Tag nicht. Die einzelnen
Fälle waren schwer, aber auch interessant.
Als letzte Patientin an diesem Tag empfing er Virginie de Ayudelle, die siebenundzwanzigjährige Ehefrau
eines Fabrikanten, die nach Monettes Meinung lediglich unter Langeweile litt. Sie erlaubte sich den Luxus,
einen Psychiater aufzusuchen, ohne ernstlich krank zu
sein. Virginie de Ayudelle behauptete, ihrem Mann in
der Liebe nur Theater vorzuspielen. Die gut aussehende Frau kam seit einem Monat regelmäßig. Seit wann
sie denn merkte, dass sie für ihren Mann nichts mehr
empfinde? Das war die erste Frage, die Monette an sie
gerichtet hatte. Dabei war herausgekommen, dass Vir-
21
ginie de Ayudelle seit jeher so veranlagt war. Und inzwischen sorgte sie sich.
Virginie de Ayudelle stammte aus armen Verhältnissen, dennoch war es ihr gelungen, sich zu einer Solotänzerin im Moulin Rouge emporzuarbeiten. Mit vierundzwanzig Jahren erreichte sie den Höhepunkt ihrer
Karriere. Die Männer wurden zu Beifallsäußerungen
hingerissen, wenn die langbeinige Virginie auf die Bühne marschierte, nur mit etwas Flitterkram bekleidet,
der bequem in einer Streichholzschachtel Platz finden
konnte.
Die blonde Virginie sang, tanzte und spielte. Und das
nicht nur bei ihrem Auftritt. Auch mit den Männern, die
ihr zu Füßen lagen. Sie hätte an jedem Finger zehn Liebhaber haben können. Doch an einem war sie hängen geblieben, an Édouard de Ayudelle. Der Fabrikant war
Stammgast im Moulin Rouge, er bewunderte Virginie,
und eines Tages hatte er um ihre Hand angehalten.
Édouard de Ayudelle war reich – und alt. Fünfunddreißig Jahre trennten das ungleiche Paar. Die Heirat zwischen der rasanten Tänzerin und dem Fabrikanten wurde damals in Paris zum Tagesgespräch, die Klatschspalten der Boulevardpresse behandelten das Ereignis
ausführlich. Virginie hatte natürlich ihren Beruf aufgeben müssen, die Männer durften ihr nun nicht mehr zu
Füßen liegen, dafür legte der steinreiche Édouard ihr
genug zu Füßen. Die ersten zwei Ehejahre verbrachten
die de Ayudelles ausschließlich als Flitterwochen. Virginie lernte die Welt kennen, von Paris bis Timbuktu
und von Hawaii bis zu den Bahamas. Wenn sie Lust
22
hatte, konnte sie sich jederzeit einen Scheck ausstellen
und auf der Stelle eine neue Weltreise antreten.
Doch das wurde ihr schon bald langweilig. Was für
andere ein Wunschtraum blieb, für Virginie de Ayudelle bedeutete das nur eine Unterschrift. Und diese
Selbstverständlichkeiten nahmen dem Leben der hübschen und verwöhnten Tänzerin jegliche Würze.
Dies alles wusste Monette. Und den Rest konnte er
sich denken. Freundlich lächelnd und die ausgesprochen hübsche Besucherin mit einem Handschlag begrüßend, kam Monette in den Therapieraum, dessen
Einrichtungsgegenstände eine unifarben bezogene,
breite Couch, eine Deckenlampe, ein stilechter Schreibtisch aus der Zeit Ludwigs XVI. sowie ein bequemer
Sessel waren, die ins Auge stachen.
Virginie de Ayudelle trug ein weit ausgeschnittenes
Kleid, das ihre wohlgeformte Brust perfekt in Position
brachte. Die junge Frau bewegte sich mit einer Grazie,
wie sie nur hervorragenden Tänzerinnen eigen ist.
„Nehmen Sie bitte Platz“, sagte Monette, nachdem er
seine Patientin begrüßt hatte.
Virginie streifte mit eleganter Bewegung die Schuhe
von ihren schmalen Füßen und legte sich leicht seufzend auf die breite Couch. Nach einer halben Stunde
angeregter Unterhaltung nannte Monette das Bezugswort, auf das er Virginie de Ayudelle eingestellt hatte.
Die junge Frau fiel sofort in Trance, ohne dass in ihrer
äußeren Erscheinung ein Wandel auftrat. Lediglich ihre
Stimme veränderte sich ein wenig.
Monette stellte sehr gezielte Fragen; er wollte die Sit-
23
zung heute etwas abkürzen. Während der Therapie eröffnete sich jedoch ein Weg, der ihm wie ein Signal erschien. Es gelang ihm, die Erinnerung bis in das sechzehnte Lebensjahr seiner Patientin zurückzuführen.
Hier veränderte sich Virginies Tonfall erneut, wurde
glockenrein, wirkte jünger. Virginie erzählte von einer
Party. Viele junge Menschen waren zusammengekommen. Es wurde gelacht, getanzt und geküsst. Ein junger Mann namens Gilbert wurde öfter erwähnt. Virginie nannte diesen Namen flüsternd und mit einer Zärtlichkeit, bei der sich plötzlich ihr Gesicht verklärte.
„Er war der erste Mann in meinem Leben“, wisperte sie. „Gilbert … die Nacht mit dir … war wunderbar.
Ich liebe dich, Gilbert, ich liebe dich ...“
Der Psychiater lauschte angespannt der berauscht
klingenden Stimme. Virginie warf den Kopf hin und
her, ihre Lippen blieben geöffnet. Monette erhob sich
von seinem Platz, beugte sich über die in Trance versetzte Fabrikantenfrau und beobachtete ihre Gesten.
Virginie de Ayudelles Rechte tastete nach seiner
Hand, mit der er sich auf die Couch stützte. Er nahm
es kaum wahr und zuckte erst zusammen, als es ihm
bewusst wurde. Ihre schlanken Finger streichelten seine Hand und tasteten an seinem Arm hoch. Auch die
andere Hand kam in die Höhe, legte sich um seinen
Nacken und zog ihn dann mit sanfter Gewalt, der er
keinen Widerstand entgegensetzte, abwärts.
„Gilbert“, wisperte Virginie mit feucht schimmernden Lippen. Ihre blauen Augen waren plötzlich weit
geöffnet und strahlten ihn an. „Lieber, lieber Gilbert,
24
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
6
Dateigröße
150 KB
Tags
1/--Seiten
melden