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Bankgeheimnis: Wie lange noch? Bourbaki - Schweizer Revue

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DIE ZEITSCHRIFT FÜR AUSLANDSCHWEIZER
JUNI 2008 / NR. 3
Bankgeheimnis:
Wie lange noch?
Bourbaki-Panorama
strahlt in neuem Glanz
Tessiner verbindet
Europa mit Afrika
EDITORIAL
I N H A LT
Reiche Alte – verschuldete Junge
D
55- BIS 75-JÄHRIGEN ist in der Schweiz materiell am besten
gestellt. Das zeigt eine Studie des Bundesamtes für Sozialversicherungen, welche
die wirtschaftliche Situation von 1,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizern
zwischen 25 und 99 Jahren untersucht hat. Mit der Studie wurden erstmals in dieser Breite
Daten sowohl zur Einkommens- als auch zur Vermögenssituation ausgewertet. Dabei
zeigte sich, dass sich das schweizerische Dreisäulensystem der Alters-, Hinterlassenenund Invalidenvorsorge bewährt hat und nur rund sechs Prozent der Bevölkerung arm
sind.
Die Untersuchung bestätigt, dass Menschen im Ruhestand eine hohe materielle Sicherheit geniessen. Neben den Altersleistungen aus den Sozialversicherungen bezieht ein
Drittel der 65- bis 69-Jährigen noch ein Erwerbseinkommen von rund 10 000 Franken
pro Jahr. Ein grosser Teil von ihnen hat zudem noch Einkommen aus Vermögen, das meistens kurz vor Antritt der Rente den Höchststand erreicht. Fast jedes fünfte Rentnerpaar
weist sogar ein Bruttovermögen von über einer Million Franken aus.
Das Risiko arm zu werden hat sich also nach unten verlagert. Die Studie zeigt, dass
heute ein Fünftel der Familien mit drei oder mehr Kindern nur über geringe finanzielle
Mittel verfügt. Zwei weitere Risikogruppen bilden die alleinstehenden oder alleinerziehenden Frauen und Mütter. 40 Prozent der alleinerziehenden Mütter und ein Viertel
der alleinstehenden Frauen im Erwerbsalter sind einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt. Die Studie hat weiter bestätigt, dass die durchschnittlichen Einkommen von Frauen
jeden Alters immer tiefer liegen als diejenigen von Männern.
Auch IV-Rentner unter 40 leben meistens an der Armutsgrenze. Während sich die
finanzielle Lage der Familien und Alleinerziehenden in der Regel mit dem zunehmenden
Alter der Kinder verbessert, haben IV-Bezüger meistens keine Chance ihre materielle
Lage im Lauf der Zeit zu verbessern.
Als die Zeitungen die Resultate der Studie veröffentlichten, meldeten sich viele alte
Menschen in Leserbriefen zu Wort und stellten diesen statistisch
erhobenen Altersreichtum in Frage. Sie erinnerten an die alleinstehenden Witwen, die mit einer minimalen AHV und einer kleinen
Rente leben müssen. Sie stellten auch unmissverständlich fest, dass
sie stets sparsam gelebt und selbst bei kleinen Einkommen und grossen Familien immer etwas auf die Seite gelegt hätten. Damit hatten die Leserbriefschreiberinnen und -schreiber natürlich nicht unrecht.
Heinz Eckert
Die enorme Zunahme der Privatkonkurse unter jungen Menschen zeigt, dass oft sehr fahrlässig mit Geld umgegangen wird. Rund ein Drittel der 18bis 24-Jährigen ist verschuldet. Schuld daran sind häufig die Handy-Rechnungen. Ins
Geld fallen aber auch die Einkäufe für Kleider, Schuhe und Unterhaltungselektronik.
Später werden Leasinggeschäfte für Autos getätigt. Wenn dann noch der Job verloren
geht, beginnt das finanzielle Fiasko, von dem sich die jungen Menschen viele Jahre nicht
oder gar überhaupt nie mehr erholen.
Seit die Ratenzahlung Leasing genannt wird, hat das Abzahlungsgeschäft keinen negativen Beigeschmack mehr; im Gegenteil. Der Ratschlag der Grosseltern, erst dann etwas zu kaufen, wenn man es sich leisten kann, hat heute kaum mehr Gültigkeit.
IE GRUPPE DER
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
HEINZ EC KER T, C HEFREDAK T OR
Rhätische Bahn aus «Die schönsten Verkehrsmittel
der Schweiz» (Seite 7).
5
Briefkasten
5
Gelesen: Alfred Escher
7
Gesehen:
Die schönsten Verkehrsmittel der Schweiz
8
Bankgeheimnis:
Wankender Pfeiler am Finanzplatz Schweiz
Regionalnachrichten
13
Politik
14
Aus dem Bundeshaus
16
Luzerner Bourbaki Panorama erstrahlt
in neuem Glanz
18
ASO-Informationen
20
Giovanni Lombardi: Ein Tessiner will Europa
mit Afrika verbinden
22
Portrait: Evelyne Binsack
23
Echo
Titelbild: Der Karikaturist «Chappatte» zum Thema
Bankgeheimnis.
I M P R E S S U M : «Schweizer Revue», die Zeitschrift für die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, erscheint im 35. Jahrgang in deutscher, französischer, italienischer, englischer
und spanischer Sprache in 20 regionalen Ausgaben und einer Gesamtauflage von rund 400 000 Exemplaren. Regionalnachrichten erscheinen viermal im Jahr.
■ R E DA K T I O N : Heinz Eckert (EC), Chefredaktor; Rolf Ribi (RR); René Lenzin (RL); Alain Wey (AW); Gabriela Brodbeck (BDK), Auslandschweizerdienst EDA, CH-3003 Bern, verantwortlich für «Aus dem Bundeshaus». Übersetzung: CLS Communication AG ■ P O S T A D R E S S E : Herausgeber/Sitz der Redaktion/Inseraten-Administration: Auslandschweizer-Organisation,
Alpenstrasse 26, CH-3006 Bern, Tel. +4131356 6110, Fax +4131356 61 01, PC 30-6768-9. Internet: www.revue.ch ■ E - M A I L : revue@aso.ch ■ DRUC K: Zollikofer AG, CH-9001 St.Gallen.
■ A D R E S S Ä N D E RU NG : Bitte teilen Sie Ihre neue Adresse Ihrer Botschaft oder Ihrem Konsulat mit und schreiben Sie nicht nach Bern.
Einzelnummer CHF 5.– ■
3
www.revue.ch
Wir freuen uns auf Ihren online-Besuch.
BRIEFKASTEN
Vor mir auf dem Stubentisch
liegt immer noch die «Swiss
Review» vom Dezember 2007
mit dem goldenen Titelbild
des Engels vom Kloster Einsiedeln. Es war eine Überraschung für mich, diese besonders schöne Post zwischen
Weihnachten und dem Neujahr
zu erhalten, dann über die Geschichte des Klosters in einem
ganzen Zusammenhang zu
lesen. Dafür und auch für die
stetige Zustellung der «Swiss
Revue» durch all die vergangenen Jahre möchte ich mich
bedanken. Möge das Jahr 2008
uns allen gute und schöne Inspiration aus der Vergangenheit
für die Zukunft bescheren.
HEIDI BL AC K-GOGEL, AUC KL AND,
NEUSEEL AND
SC HWEIZ ER R EVU E Juni 2008 / Nr. 3
Bild: NZZ Libro
Wunderbare Erinnerungen
Als Schweizerin, die in der
Nähe von Manchester in
Grossbritannien lebt, schätze
ich die guten Artikel in der
«Schweizer Revue». Ich habe
wundervolle Erinnerungen an
die Zeit, in der ich als Kind
während langen, glücklichen
Sommern Feriengast in
Schweizer Familien war, insbesondere bei Lili Furrer–Amsler
in Bern. Diese Ferien wurden
von der Pro Juventute organisiert. Heute beschränkt sich
mein Kontakt zur Schweiz auf
erholsame Skiferien in Zermatt. Ihre «grünen» Beiträge,
die die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher
und die Schneemengen behan-
delten, beeindruckten mich
daher besonders.
L AURA DANIEL S, C HESHIRE,
GROSSBRITANNIEN
Vier Landessprachen
in der Schweiz
Soeben habe ich die FebruarAusgabe der «Schweizer
Revue» erhalten und bin einverstanden mit dem Leserbrief
von David J. L. Bongard. Ich
bin zwar Deutschschweizer,
doch stört mich, dass bei der
Vielfältigkeit unserer schönen
Heimat (und wo gerade die
verschiedenen offiziellen Landessprachen ein Beweis des
«Zusammengehörens» aller
Landesteile darstellt) die französische und italienische Sprache immer mehr zurückgedrängt wird. Wie oft werden
wir Schweizer beneidet, weil
wir mehrere Sprachen sprechen.
Also bitte erhalten Sie uns
die schönen Sprachen wie
Französisch und Italienisch
(auch Romantsch soll nicht
aussterben), damit wir uns weiterhin an unserer schweizerischen Sprachkultur erfreuen
können.
KUR T E. GROET SC H, MURCIA ,
SPANIEN
Mentalitäten sind doch
verschieden
Ich lebe in München, also gewissermassen vor der Schweizer Haustüre, und besuche
auch gelegentlich die Schweiz.
Trotzdem lese ich die «Schweizer Revue» gern, da sie mir in
5
Mit festem Blick und staatsmännischer Haltung steht Alfred
Escher seit 1889 auf dem Sockel des Denkmals vor dem Zürcher Hauptbahnhof. Das Monument gilt dem wohl grössten
schweizerischen Staatsmann, dem eigentlichen Begründer
der modernen Schweiz. Nach dem Tod des 63-jährigen «Bundesbarons» und «Eisenbahnkönigs» am 6. Dezember 1882
schritten im Trauerzug die Notabeln des Staats- und Wirtschaftslebens – Bundesräte, eine Hundertschaft von National- und Ständeräten, Regierungs- und Stadträte, Wirtschaftsdirektoren, Gelehrte und Künstler, «alte und junge,
vornehme und schlichte Trauergäste».
Keine andere Persönlichkeit hatte den jungen Bundesstaat so mit Tatkraft und Weitblick in die moderne Zeit geführt wie dieser Sohn aus dem Zürcher Grossbürgertum.
Alfred Escher beherrschte während Jahrzehnten die eidgenössische und zürcherische Politik. Er gehörte 34 Jahre dem
Nationalrat an und war vier Mal dessen Präsident. Im Kanton
Zürich sass er während 38 Jahren im Kantonsrat und während
7 Jahren im Züricher Regierungsrat (vier Mal als Regierungspräsident). Mit dem Namen Escher sind historische Gründungen verbunden – die Schweizerische Nordostbahn (die damals grösste
private Bahngesellschaft), der Bau des Gotthardtunnels, das Eidgenössische Polytechnikum (heute ETH Zürich), die Schweizerische Kreditanstalt, die Schweizerische Rentenanstalt (heute Swiss
Life). «Keinem anderen Politiker des 19. und 20. Jahrhunderts
gebührt ein ähnlicher Palmarès wie Alfred Escher», schreibt der
Biograf und Historiker Joseph Jung.
Sein ganzes Leben war geprägt von einem unermüdlichen, ja
übermenschlichen Einsatz für das Gemeinwohl. Escher war ein
Machtmensch und ein Machtpolitiker, der kompromisslos und radikal sein konnte. Dank seinen politischen und wirtschaftlichen
Spitzenpositionen und seinem breiten Netzwerk besass er eine einzigartige Machtfülle, die auch scharfen Widerstand weckte. Der Eisenbahnbau und die Schaffung des Polytechnikums waren seine
grossen Projekte, aber ebenso seine wirtschaftlichen Schöpfungen,
insbesondere der Bau des Gotthardtunnels.
So einmalig sein Aufstieg und sein Lebenswerk waren, so tragisch war das Ende seines politischen und privaten Lebens. Finanzprobleme bei der Nordostbahn und beim Bau des Gotthardtunnels
wurden ihm zur Last gelegt. Gerade das eigene freisinnige Lager
hatte ihn fallen gelassen. Am Festakt von 1880 zum 25-jährigen
Bestehen des Polytechnikums wurde Escher mit keinem Wort erwähnt. Zu den Feiern nach dem Durchstich des Gotthardtunnels
im gleichen Jahr wurde er nicht eingeladen. Es ist kein offizielles
Dankesschreiben des Bundesrates an den Gotthard-Pionier überliefert. Seine letzten Lebensjahre waren von andauernden Krankheiten gezeichnet. Am Lebensende musste er statt dankbarer Anerkennung viel Anfeindung erfahren. «Alfred Escher überragte als
politische Persönlichkeit das gewohnte
Mass in einer Weise, wie man dies in der
Schweiz nicht zu dulden pflegt», schreibt
der Biograf. Das Buch von Joseph Jung
ist die spannende Biografie eines aussergewöhnlichen Staatsmannes und Wirtschaftsführers und zugleich ein Sittengemälde der Schweiz im 19. Jahrhundert.
Alfred Escher: Aufstieg und Fall
Dankeschön
GELESEN
ROLF RIBI
JOSEPH JUNG: Alfred Escher (1819–1882).
Aufstieg, Macht, Tragik. Zürich 2007, Verlag
Neue Zürcher Zeitung. CHF 48.–, EUR 31.–.
Das Buch ist nur auf Deutsch erschienen.
6
BRIEFKASTEN
knapper Form gute Informationen über die Schweizer Befindlichkeiten vermittelt, die man
selbst aus halbnaher Distanz so
genau nicht mitbekommt. Der
Grund meiner Mitteilung: Ich
habe gerade die Leserbriefe in
der neuen Nummer gelesen, in
denen der Wunsch nach weniger
Deutschschweiz-Lastigkeit zum
Ausdruck kommt. Das möchte
ich unterstützen.
Die Mentalitäten in der französischen oder italienischen
Schweiz sind ja so grundverschieden von den deutschschweizerischen, dass es eine grosse
Bereicherung darstellen würde,
wenn solche Stimmen vermehrt
zur Geltung kämen.
MAX NYFFELER, MÜNC HEN,
DEUT SC HL AND
Schweizerdeutsch ist die
Sprache der Mehrheit
Mit Belustigung las ich in der
Ausgabe von Februar 2008 die
Klagen einiger Leser über den
«Ethnozentrismus» und die
Monopolstellung der Deutschschweiz. Als französischsprachiger Schweizer anerkenne ich,
dass das «Schwyzerdütsch» die
Sprache der Mehrheit ist, die
zudem ausschliesslich für die
Gesellschaft und den Kulturraum
in der Schweiz prägend ist. Bei
Französisch und Italienisch ist
das anders, beide Sprachen verfügen über eigene Kultursphären.
Sollte die helvetische Einzigartigkeit ausschlaggebend sein,
müssten alle Artikel auch in Romantsch veröffentlicht werden.
Während die Schweizer Politik
eine perfekte Ausgeglichenheit
anstrebt – und ich hoffe, dass die
«Schweizer Revue» das bei ihren
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Inserat
Danke
Vor ein paar Tagen hielten wir zum ersten Mal die «Schweizer
Revue» in den Händen. Seit Januar dieses Jahres sind wir in Tansania, Ostafrika. Wir finden die Zeitschrift eine gute Sache um ein
bisschen mit der Schweiz verbunden zu bleiben. Auch unsere Tochter Lea hat sich über die Post aus der Heimat gefreut (siehe Bild).
Beim Anblick des Cervelats auf der «In Kürze»-Seite der letzten
Ausgabe lief uns gerade das Wasser im Munde zusammen. Bereits
vermissen wir solche Schweizer Köstlichkeiten wie auch Schokolade und Fondue. Ein Dankeschön aus Tansania.
FAMILIE HUBER, TANS ANIA , OS TAFRIKA
Artikeln genauso tut – reflektiert diese Zeitschrift wohl eher
die schweizerische Realität.
tirade nicht. Vergass er vielleicht anzugeben, dass er eine
französische Ausgabe wünscht?
FABRICE C HRIS TEN, S AN DIEGO, US A
RAYMOND HOFFMEYERL, FRANCE
«Schweizer Revue» in fünf
Sprachen
«Schweizer Revue» als
Schweizer Publikation
Herzliche Gratulation zur
«Schweizer Revue», die ich immer mit viel Freude lese. Mein
heutiger Brief bezieht sich auf
einen Leserbrief von David J.L.
Bongard, der sich darüber beklagt, dass die «Schweizer Revue» die Frankofonie vernachlässige – dabei erscheint dieses
Blatt in fünf Sprachen, darunter selbstverständlich auch auf
Französisch. Ich verstehe daher
den Inhalt dieser Schimpf-
Als Schweizer und langjähriger
Leser der «Schweizer Revue»
bin ich mit Ihrer redaktionellen
Linie nicht einverstanden,
denn mir als Auslandschweizer
scheint, dass diese nicht die
Schweiz, sondern irgendeine
UN-basierte multikulturelle
Sippschaft reflektiert, die nicht
der Schweizer Nationalität
entspricht. Titelseite: Eine Nepalesin, die Wasser aus dem
Hahnen trinkt? Was hat das mit
der Schweiz zu tun? Im Editorial folgt dann eine Art Tirade
gegen Christoph Blocher, die
Leitfigur der grössten politischen Partei der Schweiz, und
ein Sich-Weiden am Verlust
seines Amtes. Ein Artikel über
Schweizer Hilfe in der Dritten
Welt. Wäre es nicht vielleicht
vernünftiger zu überlegen, weshalb diese Länder, die über
mehr natürliche Ressourcen
und ein besseres Klima verfügen, all diese Hilfe zu brauchen
scheinen? Vielleicht weil sie
faul und dumm sind? Sollte
man das dann mit Geschenken
belohnen? Und dann zwei
herabwürdigende Karikaturen
über Blocher… Ich glaube, das
können Sie besser. Ich glaube,
Sie sollten die «Schweizer
Revue» als eine an die Auslandschweizer gerichtete Schweizer
Publikation über die Schweiz
betrachten und nicht als ein
Propagandainstrument für die
politische Linke und die Multikulturalität.
ADRIAN H. KRIEG, FL ORIDA , US A
Napoleon III.
Zu meiner grossen Freude erhielt ich heute die «Schweizer
Revue» 2/08 und fand mit Erstaunen den Artikel von Rolf
Ribi über Kaiser Napoleon III.
Ich kenne das Museum Arenenberg sehr gut. Jedes Mal,
wenn ich meinen geliebten
Heimatkanton besuchen kann,
mache ich auch einen Abstecher nach Arenenberg. Meine
Vorfahren waren Bürger von
Salenstein. Ich danke Ihnen
ganz herzlich für den Artikel.
SOPHIE ZAJAC, BRUNS TATT,
FRANCE
GESEHEN
7
Schönste Verkehrsmittel. Ob in der Luft, auf dem Wasser oder auf Schienen:
Die neuste Publikation des Schweizer Heimatschutzes, «Die schönsten Verkehrsmittel
der Schweiz», lädt zu ganz besonderen Reisen ein. Sei es ein Sessellift, eine Fähre,
die dreimotorige Tante Ju oder die Gotthard-Postkutsche – das reich bebilderte
Büchlein zeigt die Vielfalt der noch immer bewegten Transportmittel.
Roter Pfeil.
Sesselbahn Weissenstein (SO).
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
«Die schönsten Verkehrsmittel der Schweiz»: Das 76-seitige Büchlein (dt./frz.) kostet 12 Franken. www.heimatschutz.ch/d/shop/bestellen.shtm
Fotos: Schweizer Heimatschutz/SBBhistoric (1)/JU-Airforcecenter (7)/Gornergratbahn (8)/Hansjörg Bürgi (10)
Dampfschiff auf dem Vierwaldstättersee.
Furka-Dampfbahn (VS).
Hammetschwandlift am Bürgenstock (NW).
Gotthard-Postkutsche.
Dampfschiffflotte auf dem Genfersee.
Junkers JU 52.
Gornergrat Bahn (VS).
Super Constellation.
8
SCHWEIZER BANKGEHEIMNIS
Bankgeheimnis – Wankender Pfeiler am Finanzplatz
Für die Eidgenossen ist das Bankgeheimnis sakrosankt. Doch
der Druck aus dem Ausland auf Bundesrat und Banken wächst:
Unser Land sei eine Steueroase und begünstige die Steuerhinterziehung. Wie lange noch gibt es diesen Grundpfeiler des
Bankenplatzes Schweiz? Von Rolf Ribi
«Es ist offensichtlich, dass eine grosse Lawine
auf unser Land zukommt. Angesichts der
wirtschaftlichen Bedeutung des Finanzplatzes Schweiz sind die Risiken gross», mahnte
kürzlich Thomas Borer, der frühere Botschafter der Eidgenossenschaft in Berlin.
Die Schweiz werde «permanent auf das
Bankgeheimnis, Steuerhinterziehung und
Steuerflucht reduziert».
In der Tat ist in jüngster Zeit allerhand
Ungemach auf den Banken- und Steuerstandort Schweiz zugekommen: Deutschland wirft der Schweiz nichts weniger als
«Beihilfe zur Steuerhinterziehung» für reiche Bürger mit Vermögen auf hiesigen Banken vor. Die Europäische Union kritisiert
unser Land wegen der bevorzugten Besteuerung internationaler Unternehmen in einzelnen Kantonen. Die Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verlangt auch von der
Schweiz den Austausch von Bankdaten für
steuerliche Erhebungen. Die Vereinigten
Staaten zwingen unser Land, bei der Besteuerung von amerikanischen Bürgern mit
Wertschriften-Guthaben bei unseren Banken mitzuwirken und die Namen der Bankkunden zu nennen.
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Bankgeheimnis seit 1934
Im Kern zielen die Angriffe aus dem Ausland
fast immer auf eine helvetische Besonderheit
– das Bankgeheimnis, verankert im Artikel 47
des Bundesgesetzes über die Banken und
Sparkassen aus dem Jahr 1934. Dort heisst es
sinngemäss: Wer als Mitarbeiter oder Beauftragter einer Bank oder einer Revisionsstelle
vertrauliche Informationen erhält, darf diese
nicht an Dritte weitergeben. Die vorsätzliche oder fahrlässige Verletzung des Bankgeheimnisses wird «mit Gefängnis bis zu sechs
Monaten oder Busse bis zu 50 000 Franken
bestraft». Wer sein Vermögen einer Schweizer Bank anvertraut, darf somit auf die Verschwiegenheit der Bank und ihrer Mitarbeiter zählen.
Wie ist es zum Bankgeheimnis «nach
Schweizer Art» gekommen? Zum historischen Hintergrund für das Schweizer Bankengesetz gibt es zwei Versionen. Bis in die
Achtzigerjahre erzählten Bundesräte und
Bankpräsidenten den Mythos vom Schutz
jüdischer Vermögen vor nationalsozialistischem Zugriff. In Tat und Wahrheit waren
es Bankenkrisen im eigenen Land und gezielte Spitzelaktionen des Auslandes zur
Rückführung von in die Schweiz gebrachtem
Vermögen. Gerade die teure Rettung der
Schweizerischen Volksbank durch den Bund
und die bekannt gewordene Spitzeltätigkeit
zeigten, dass die Zeit für ein nationales Bankengesetz reif war. Das Gesetz wurde im November 1934 im Parlament praktisch einstimmig verabschiedet und trat am 1. März
1935 in Kraft.
Steuerbetrug und Steuerhinterziehung
Das Bankgeheimnis galt nie in einem absoluten Sinn. Wenn immer Rechtsnormen ein
Vergehen strafrechtlich ahnden, wenn also
ein Straftatbestand vorliegt, kann das Bankgeheimnis aufgehoben werden. Gerade bei
Steuerbetrug und kriminellen Vergehen sind
die Banken zur Offenlegung von Steuerdaten und zur Rechtshilfe an die Strafbehörden verpflichtet. Steuerbetrug liegt vor,
wenn ein Steuerpflichtiger bei seiner Steuerdeklaration falsche oder gefälschte Urkunden benützt. Doch wenn er einfach die
Angabe von Vermögen und Einkünften «vergisst»? Dann liegt nach schweizerischem
Recht «nur» eine Steuerhinterziehung vor,
die ohne ein Strafverfahren geahndet wird.
Dank dieser Unterscheidung von Steuerbetrug und Steuerhinterziehung sind ausländische Steuerzahler mit Vermögen auf unseren Banken vor dem Zugriff ausländischer
Behörden sicher. Denn bei Steuerhinterziehung leistet die Schweiz keine Amts- und
Rechtshilfe an das Ausland.
Wie aber wird eine solche Unterscheidung
begründet und gerechtfertigt? Wer mit einer
falschen Buchhaltung oder gefälschten Dokumenten die Steuerbehörde täuscht, legt
gemäss dem Zürcher Strafrechts-Professor
Martin Killias eine grössere kriminelle Energie an den Tag als jener, der «nur» gewisse
Einkünfte nicht angibt. Eine Steuererklärung unvollständig auszufüllen, sei deshalb
kein Steuerbetrug. Die Steuerbehörden
könnten ja alle nötigen Belege einfordern. Es
sei sinnvoll, die Steuerhinterziehung in einem administrativen Verfahren mit Geldbusse zu ahnden, nicht aber mit Gefängnis.
«Das Bankgeheimnis ist nicht dazu da,
Steuerhinterzieher zu schützen. Es schützt
das Menschenrecht auf Privatsphäre», erklärt der St. Galler Bank-Professor Beat Bernet. Wer dieses Recht beanspruche, müsse
aber «dem Staat geben, was diesem zusteht».
Das Bankgeheimnis bleibe «wohl noch einige
Zeit einer der wichtigsten Pfeiler unseres Finanzplatzes». Doch die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung «werden wir nicht mehr lange in die
Zukunft retten können».
Für die «Neue Zürcher Zeitung» ist das
Bankgeheimnis der Ausdruck einer «freiheitlichen Staatsphilosophie, die das Individuum
höher wertet als den Staat und Freiwilligkeit
höher als Zwang». Und: «Der Schutz der Privatsphäre der Individuen vor allem gegenüber dem Staat ist ein starker Pfeiler dieser
Philosophie.» Für den Autor Gerhard
Schwarz ist deshalb die Unterscheidung zwischen dem «Vergehen» Steuerhinterziehung
und dem «Verbrechen» Steuerbetrug eine
Philosophie, «die den Bürger respektiert und
nicht als Objekt des Staates betrachtet».
Steuern zu hinterziehen sei «nicht einfach
die Folge von Gier und krimineller Energie,
sondern die Reaktion auf eine als unfair empfundene Höhe der Steuerbelastung».
Der Wirtschaftsethik-Professor Peter
Ulrich hat gegen das Bankgeheimnis nichts
einzuwenden, soweit es dem legitimen
Schutz der Privatsphäre der Bürger dient.
«Zu kritisieren ist aus ethischer Sicht die von
der schweizerischen Gesetzgebung gezielt
geschaffene Möglichkeit, das Bankgeheimnis als Steuerhinterziehungs-Geheimnis zu
missbrauchen, indem zwischen Steuerbetrug
und Steuerhinterziehung unterschieden
wird.» Weil die Schweiz bei hinterzogenen
Steuern die internationale Rechtshilfe verweigern kann, «offerieren unsere Behörden
ausländischem Kapital ein fragwürdiges Finanzasyl». Damit «wildert die Schweiz im
Steuersubstrat anderer Länder, und das kos-
9
tet diese jährlich Milliarden an verlorenen
Steuereinnahmen». Es gibt nach Professor
Ulrich «kein Bürgerrecht auf Steuerhinterziehung». Wer in seinem Land Steuern hinterzieht, «profitiert von den mit Steuern finanzierten öffentlichen Leistungen, ohne
seinen fairen Beitrag gemäss seiner Leistungsfähigkeit zu zahlen».
Starker Finanzplatz Schweiz
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Illustration: Chappatte
Die Stärke der Schweizer Banken ist das
«Private Banking», also die Vermögensverwaltung für reiche und sehr reiche Personen.
Auf Schweizer Banken liegen mehr als 4000
Milliarden Franken (also 4 Billionen Franken) an ausländischen Vermögen. Die
Gründe dafür sind die hohe Fachkompetenz
und Professionalität der hiesigen Bankiers,
das attraktive Angebot an Anlageinstrumenten – und die Verschwiegenheit der Banken
im Schatten des Bankgeheimnisses. Die
Deutsche Bank ging vor einigen Jahren von
70 Prozent nicht deklarierten ausländischen
Vermögen in der Schweiz aus. Dies entspräche einer Summe von gegen 3000 Milliarden
Franken an nicht versteuertem «Schwarzgeld». «Die grosse Mehrheit der ausländischen Anleger, die ihr Geld in der Schweiz
parkiert haben, umgehen die Steuerpflicht»,
bestätigte der Privatbankier Konrad Hummler. Schweizer Banken sind auch weltweit
führend im Offshorebusiness, also über
Steueroasen abgewickelte Geschäfte. Die
klassischen Offshorezentren wie die
Cayman Islands, Jersey oder die Bahamas erheben keine oder nur geringe Unternehmenssteuern, erlauben die Einrichtung von
blossen Briefkastenfirmen, kennen ein striktes Bankgeheimnis und leisten keine internationale Rechtshilfe. Die weltweit rund 50
Offshorebankzentren leben davon, ausländisches Kapital anzulocken und ihm amtlichen
Schutz und weitgehende Steuerfreiheit zu
gewähren. Gemäss der kritischen Organisation «Erklärung von Bern» werden von der
Schweiz aus mehrere Hunderttausend Offshoregesellschaften verwaltet, «ein grosser
Teil davon dient dazu, Steuern zu vermeiden».
Das Bankgeheimnis – ein Lebensnerv unseres Finanzplatzes? «Ja, absolut», antwortete der Bankier Konrad Hummler und
spricht von der«strategischen Bedeutung unseres Bankgeheimnisses». Da ist es kein Wunder, wenn das Ausland an verschiedenen
Fronten gegen die Verschwiegenheit von
Schweizer Banken vorgeht.
Quellensteuer für Europa
Die Schweiz hat gegenüber der Europäischen
Union mehrfach Hand geboten im Kampf gegen Steuerbetrug und Steuerflucht. Unser
Land leistet Rechts- und Amtshilfe bei Steuerbetrug, nicht aber bei der Hinterziehung
direkter Steuern. Ausdruck dafür ist die Teilnahme Berns an der grenzüberschreitenden
Zinsbesteuerung: Die Schweiz erhebt eine
Quellensteuer (bis zu 35 Prozent im Jahr
2011) auf den Zinserträgen natürlicher Personen und führt 75 Prozent davon an den
Wohnsitzstaat der Anleger zurück. Dabei
muss die Schweiz die ausländischen Bankkunden nicht namentlich nennen. «Das
Bankgeheimnis ist für mindestens 15 Jahre betoniert», frohlockte der damalige Präsident
der Schweizerischen Bankiervereinigung.
Im Jahr 2006 hatte die Schweiz aufgrund
dieses Abkommens eine halbe Milliarde
Franken Zinserträge an EU-Staaten abgeliefert, letztes Jahr sollen es noch mehr gewesen sein. «Viel zu wenig», beklagte der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und
sagte «Steueroasen» wie der Schweiz den
Kampf an. Seine Forderung: Ausweitung des
Abkommens auf Erträge aus Dividenden, auf
weitere Anlagen und auf juristische Personen wie Stiftungen. «Wir sind keine Steueroase. Die Zinsbesteuerung mit Brüssel ist
langfristig geregelt. Unser Bankgeheimnis ist
in verschiedenen Abkommen mit Brüssel abgesichert», erklärte Aussenministerin Micheline Calmy-Rey. «Das Abkommen über
die Zinsbesteuerung wird die nächste grosse
Verhandlungsrunde mit der erweiterten Europäischen Union nicht überleben», sagt
Bank-Professor Beat Bernet voraus.
10
SCHWEIZER BANKGEHEIMNIS
Wenn es um die indirekten Steuern geht,
also um die Mehrwertsteuer und die Zölle,
ist das Bankgeheimnis praktisch aufgehoben:
Im Gegensatz zu den direkten Steuern wird
hier nicht nur der Steuerbetrug, sondern
auch die Steuerhinterziehung geahndet und
Rechtshilfe geleistet. Wenn die Schweiz volle
Rechtshilfe bei der Mehrwertsteuer leistet,
können etwa deutsche Unternehmer mit ihren «schwarzen Kassen» nicht mehr auf den
Schutz durch das Schweizer Bankgeheimnis
zählen.
Amtskollegen Peer Steinbrück. «Der Schutz
der Privatsphäre durch das Bankgeheimnis ist
Teil unseres Wertesystems.» Der Magistrat
schliesst einen automatischen Informationsaustausch von Steuerdaten kategorisch aus,
«das Bankgeheimnis werden wir nicht aufgeben». Unbestritten ist, dass Steuerhinterziehung in Deutschland strafbar ist und dass
deutsche Steuerflüchtlinge «Gelder in namhaftem Ausmass in der Schweiz geparkt haben» (so die «Neue Zürcher Zeitung»).
Steuerstreit mit Brüssel
Steuerstreit mit Deutschland
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Illlustrationen: Chappatte
Am meisten Emotionen löste in letzter Zeit
der Steuerstreit mit Deutschland aus. «Für
uns leisten die Schweizer Banken objektiv
Beihilfe zur Steuerhinterziehung von deutschen Bürgern. Da muss man begreifen, dass
wir zornig werden», sagte der frühere deutsche Finanzminister Hans Eichel. Das Bankgeheimnis sei eine «Einladung für Ausländer,
Steuern zu hinterziehen». Der deutsche Politiker droht der Schweiz bei künftigen bilateralen Verhandlungen mit der Europäischen
Union: «Sie werden sehen, das Bankgeheimnis, die Zinsbesteuerung und die Kooperation der Schweiz in Steuerfragen stehen ganz
oben auf der Traktandenliste.»
Ebenso heftig sind die Schweizer Reaktionen: «Es ist ungehörig, die Schweiz als Steueroase zu bezeichnen», konterte Bundesrat HansRudolf Merz den Vorwurf seines deutschen
Seit einem Jahr gibt es einen Steuerstreit
zwischen der Europäischen Union und der
Schweiz. Brüssel kritisiert die Steuernormen
einzelner Kantone zugunsten von «mobilen»
Kapitalgesellschaften. Konkret geht es um
Steuererleichterungen für im Ausland erwirtschaftete Erträge von Holdinggesellschaften (die Beteiligungen an anderen Unternehmen verwalten), Domizilgesellschaften
(eigentliche Briefkastenfirmen) und von Gemischten Gesellschaften (ausländische Konzerne mit überwiegender Tätigkeit im Ausland). «Wenn Holdinggesellschaften für im
Ausland erzielte Gewinne keine Steuern bezahlen müssen, sind das unerlaubte Beihilfen,
welche den Wettbewerb verzerren», erklärte
Michael Reiterer, EU-Botschafter in der
Schweiz.
Kein Zweifel – einzelne Kantone sind für
hier ansässige Konzerne mit Europageschäft
und für Holdinggesellschaften steuerlich
sehr attraktiv. Hierzulande gibt es 20 000
solche Kapitalgesellschaften mit 150 000
Beschäftigen, die jährlich vier Milliarden
Franken Steuern zahlen. Der Streitpunkt ist
die unterschiedliche Besteuerung von inländischen und im Ausland erzielten Erträgen.
Ohne diese steuerlichen Sonderregelungen
würde die Schweiz «massiv Steuereinnahmen verlieren», bekannte Gerold Bührer
vom Dachverband der Wirtschaft. Bundesrat Hans-Rudolf Merz ist zu keinen Verhandlungen mit der Europäischen Kommission
bereit. Sein Departement prüft aber «autonome» Reformen der Unternehmensbesteuerung.
Druck aus Amerika
Die Schweiz und ihre Banken gewähren den
USA weitreichende Informationen – nicht
nur in Fällen von Steuerbetrug. So will es
das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und den Vereinigten
Staaten vom Jahr 2001: Schweizer Banken
sind den US-Behörden zur Auskunft verpflichtet, wenn amerikanische Staatsbürger
auf Schweizer Banken ein Konto haben und
amerikanische Wertschriften besitzen. Der
Austausch von Informationen und die Amtshilfe der Schweiz gelten für «Betrugsdelikte
und dergleichen», und dazu gehört «die Unterlassung, richtige und vollständige Unterlagen zu erstellen». Steuerbetrug und Steu-
11
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
erhinterziehung werden hier gleich
behandelt, was dem schweizerischen Recht
widerspricht und faktisch das Bankgeheimnis verletzt.
Warum lässt sich die Schweiz das gefallen?
Weil es um die Präsenz unserer Banken auf
dem wichtigen Finanzplatz New York geht.
Schweizer Banken benötigen einen Vertrag
mit der amerikanischen Steuerbehörde, um
den Status eines «Qualified Intermediary»
zu erhalten. Als solche sind die Banken verpflichtet, die Identität ihrer amerikanischen
Kunden offenzulegen und auf ihren Wertschriftenerträgen eine Quellensteuer zu erheben. «Faktisch haben die Schweizer Banken dem Druck aus den USA nachgegeben.
Und da behaupten unsere Bundesräte noch,
das Bankgeheimnis sei nicht verhandelbar»,
erklärte Philippe Lévy, ehemaliger Delegierter des Bundesrates für Handelsverträge.
Vor zwei Jahren hatte eine Meldung der
«New York Times» in der Schweiz für Aufregung gesorgt: Im Zeichen der Terrorbekämpfung haben das amerikanische Finanzministerium und der Geheimdienst CIA Zugang
zu Datenbanken des internationalen Zahlungsverkehrs. Über die in Brüssel ansässige
internationale Drehscheibe Swift laufen
praktisch alle Zahlungen; auch die der
Schweizer Banken. Amerikanische Ermittler
gelangen so in den Besitz von Informationen
über Bankkunden – auch von Schweizer Bürgern.
Wo bleibt dabei das schweizerische Bankgeheimnis? Da bestehe keine Gefahr, will das
Berner Finanzdepartement beruhigen. Kein
Kunde einer Schweizer Bank könne aber erwarten, dass der in unserem Land garantierte
Schutz der Privatsphäre auch im Ausland (in
diesem Fall in Belgien) gelte. Bankkunden erhalten heute den schriftlichen Hinweis, dass
die Banken im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr deren Namen, Adressen und
Kontonummern angeben müssen. Der Zürcher Bank-Professor Hans Geiger bestätigte:
«Der Schutz durch das Bankgeheimnis beschränkt sich auf Transaktionen innerhalb
der Schweiz.» Die Bankkunden müssten aber
informiert werden, «dass das Bankgeheimnis
im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr
nicht mehr greift».
Kritik am Schweizer Bankgeheimnis
kommt auch von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): «Übertriebene Bankgeheimnisse und die Weigerung, Informationen
über Steuerflüchtlinge bekanntzugeben, sind
Relikte früherer Zeiten», sagte Generalsekretär Angel Gurría auch an die Adresse der
Schweiz. «Die Schweiz hält sich nicht an den
OECD-Standard für Informationsaustausch,
obwohl sie ein Mitgliedstaat ist», kritisierte
der frühere deutsche Minister Hans Eichel.
Die OECD selber bezeichnet die Schweiz
wegen des Bankgeheimnisses als «nicht kooperatives Land». Doch die Schweiz ist zur
Weitergabe von Informationen nur bereit,
wenn es um Tatbestände wie Steuerbetrug
geht.
Ein neues Bankgeheimnis?
Eines ist sicher: Im Schweizervolk ist das
Bankgeheimnis fest verankert. Nach einer
Umfrage der Schweizerischen Bankiervereinigung wollen 81 Prozent der befragten Personen diese Institution beibehalten, auch
wenn der internationale Druck als gross
empfunden wird. Drei von vier Schweizern
erachten es als «wahrscheinlich, dass das
Bankgeheimnis in fünf Jahren in seiner heutigen Form noch besteht». Der Schutz der
Privatsphäre geht den Eidgenossen über alles: 91 Prozent halten es für richtig, finanzielle Daten von Bankkunden gegenüber Dritten abzuschirmen.
Der «Schwur» der Eidgenossen auf das
Bankgeheimnis ist das Eine, der Druck aus
dem Ausland das Andere. Könnte ein neues
Bankgeheimnis einen Ausweg bringen? «Warum passt sich die Schweiz nicht den internationalen Gepflogenheiten an und gibt das
Bankgeheimnis bei Steuerhinterziehung auf?
Dieser Schritt würde auf einen Schlag allen
Druck von den Schweizer Banken wegnehmen, und unser Land würde an Renommee
gewinnen» (so Stefan Eiselin im «TagesAnzeiger»).
Für den Wirtschaftsethiker Peter Ulrich
sollte sich die Schweiz als weltweit grösster
Platz des «Private Banking» für eine faire
Rahmenordnung des internationalen Steuerwettbewerbes einsetzen.
«Die Schweiz wäre längerfristig sogar der grosse Gewinner einer solchen Rahmenordnung ohne Steuerhinterziehung.» Denn in diesem
Fall würden die besseren Bankleistungen zählen, welche die Schweizer Banken selber als Grund für
ihre führende Rolle in der Vermögensverwaltung angeben. «Finanzplätze in Bananenrepubliken, die
ausser dem Geheimnis auf Steuerhinterziehung nichts anzubieten
haben, hätten dann das Nachsehen.»
DOKUMENTATION
Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik.
Grundlagen einer lebensdienlichen
Ökonomie, 4. vollständig neu bearbeitete
Auflage. Bern/Stuttgart/Wien 2008.
Verlag Haupt.
Dokumentationszentrum doku-zug
Publireportage
Einladung zur Generalversammlung 2008
in der Stadt Freiburg
Soliswiss feiert ihren 50. Geburtstag im Rahmen des
86. Auslandschweizerkongresses «Schweiz ohne Grenzen»
in Freiburg. Die Generalversammlung ist Teil der Jubiläumsfeierlichkeiten.
Wir freuen uns, Sie als unsere
Genossenschafterinnen und
Genossenschafter am Freitag
Mittag, 22. August 2008 zur
ordentlichen Generalversammlung einzuladen. Sie findet über
der Stadt Freiburg im Restaurant Des Trois Tours in Bourguillon, www.troistours.ch,
statt. Wie es bereits Tradition
ist, verbinden wir die Generalversammlung mit einer leckeren
Mahlzeit: Chefkoch Alain Bächler wird Ihnen während der
Versammlung ein JubiläumsMittagessen servieren.
Gerne erwarten wir Sie ab
11.45 Uhr im Restaurant
Des Trois Tours an der
Route de Bourguillon 15
in 1722 Bourguillon. Den
Lageplan sehen Sie auf unserer
Website www.soliswiss.ch.
Die Versammlung beginnt
pünktlich um 12.15 Uhr und
findet nach dem JubiläumsDessert um 14.00 Uhr ihren
Abschluss.
Eine Anmeldung (Brief/Email)
ist aus Platzgründen zwingend
nötig.
Bern, im Juni 2008
Dr. Barbara Rigassi, Präsidentin
Dr. Felix Bossert, Direktor
Traktanden der Generalversammlung 2008
1. Erläuterungen zum Jahresbericht 2007
2. Erläuterungen zur Bilanz 2007 und zur Erfolgsrechnung 2007
3. Bericht der Revision
4. Abstimmungen:
a) Genehmigung des Jahresberichts 2007
b) Genehmigung der Jahresrechnung 2007
c) Verwendung des Jahresergebnisses 2007
d) Entlastung des Vorstands
5. Wahlen in den Vorstand
6. Wahl der Revisionsstelle
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
7. Verschiedenes
Erläuterungen zur Generalversammlung finden Sie wie immer
auf unserer Website www.soliswiss.ch. Genossenschafterinnen
und Genossenschafter können die Unterlagen zudem bei
der Geschäftsstelle Soliswiss, Gutenbergstrasse 6, Postfach,
CH-3001 Bern oder unter info@soliswiss.ch anfordern.
POLITIK
13
Frührente ohne soziale Abfederung
Der Nationalrat erhöht das Rentenalter der Frauen auf 65 Jahre. Gleichzeitig baut er
den Spielraum für die Frühpensionierung aus. Allerdings bei voller Rentenkürzung
auch für tiefe Löhne. Die Linke droht mit dem Referendum. Von René Lenzin
Bereits ist es vier Jahre her, seit das Volk die
11. Revision der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 68 Prozent versenkt hat.
Und noch immer ist keine breit abgestützte
Neuauflage in Sicht. Zwar hat der Nationalrat in der Frühjahrssession eine AHV-Reform verabschiedet. Aber allein schon das
Abstimmungsergebnis von 97 zu 89 Stimmen
zeigt, wie umstritten das Geschäft immer
noch ist.
Insgesamt will der Nationalrat die AHVKasse um 800 Millionen Franken pro Jahr
entlasten. Die wichtigste Massnahme dazu
ist die Angleichung des Rentenalters der
Frauen an dasjenige der Männer: Statt mit
64 sollen künftig auch sie mit 65 Jahren in
Pension gehen. Diese Massnahme sei ein kleiner Schritt, um die künftigen Probleme der
Altersvorsorge anzugehen, argumentierte die
Ratsrechte. Die Überalterung der Gesellschaft werde der AHV bald finanzielle Engpässe bescheren.
Die Ratslinke will das höhere Rentenalter
der Frauen jedoch nur akzeptieren, wenn
gleichzeitig die Frühpensionierung erleichtert wird. Sie verlangt, dass Personen mit
kleinen und mittleren Einkommen die Rente
beim Vorbezug weniger gekürzt wird, als es
rein versicherungsmathematisch notwendig
wäre. An diesem Punkt scheiden sich die
Geister. Einigkeit herrscht nur darüber, dass
es mehr Flexibilität beim Pensionsalter
braucht. Künftig sollen alle das Recht haben,
ihre Rente ab dem 60. Lebensjahr zu beziehen oder bis zum 70. Lebensjahr aufzuschieben. Die Mehrheit will aber die Ersparnisse
aus dem höheren Rentenalter der Frauen
nicht für eine erleichterte Frühpensionierung einsetzen, weil das falsche Anreize
setze.
Ohne diese soziale Abfederung bleibe der
vorzeitige Rentenbezug ein Privileg der
Wohlhabenden, entgegnet die Linke. Praktisch dieselbe Vorlage habe das Volk bereits
2004 abgelehnt. Bleibe es dabei, werde man
erneut das Referendum ergreifen. Als Joker
hält die Linke eine Volksinitiative der Gewerkschaften in der Hinterhand, die bis zu
einem Einkommen von 120 000 Franken eine
ungekürzte Rente ab 62 Jahren verlangt.
Diese Initiative würde der AHV jährliche
Mehrkosten von 1,4 Milliarden bescheren.
Auch Sozialminister Pascal Couchepin befürchtet, dass das Volk die Reform des Nationalrats ablehnt. Trotzdem stellt er sich gegen das Modell der Linken, weil dieses nach
dem Giesskannenprinzip funktioniere, von
dem zum Beispiel auch seine Frau profitieren würde. Couchepin hatte ein Modell vorgeschlagen, das sich an den Ergänzungsleistungen orientiert: Nur wer den Bedarf
nachweisen kann, erhält finanzielle Unterstützung für die vorzeitige Pensionierung. Im
Nationalrat ist diese Idee jedoch durchgefallen. Nun liegt es am Ständerat, eine Lösung
zu suchen, die sowohl im Parlament als auch
beim Volk mehrheitsfähig ist.
Keine Einbürgerungen an der Urne
Dreimal Nein: Volk und Stände verwarfen am 1. Juni den Gesundheitsartikel sowie die Einbürgerungs- und die Maulkorb-Initiative.
SH 57.2%-72.5-69.2
64 Prozent des Volks und 25 von 26 KantoBS 71.5%-70.4-77.5
nen haben eine Initiative abgelehnt, die UrTG 51.1%-61.6-67.9
JU 80.2%-87.4-86.1
AG 53.2%-60.2-69.2
nenabstimmungen über Einbürgerungen in
BL 64.8%-70.9-75.5 ZH 60.7%-59.4-72.2
den Gemeinden wieder zulassen wollte. 70
AR 57.4%-65.5-71.4
Prozent und alle Kantone verwarfen einen
AI 51.7%-68.5-66.3
SO 58.6%-65.4-73.7
Verfassungsartikel zur Gesundheitspolitik.
SG
51.7%-58.0-68.5
ZG 55.7%-60.8-72.0
Gar 75 Prozent und ebenfalls alle Stände
LU 55.7%-60.5-73.8 SZ 40.1%-56.9-59.1
BE 63.3%-67.7-76.9
sagten Nein zur Maulkorb-Initiative, NE 82.0%-82.7-83.8
GL 51.1%-74.1-68.3
welche die AbstimmungsinformaNW 50.9%-55.4-67.7
OW 52.9%-61.9-69.0
tion des Bundesrats auf ein MiFR 73.0%-75.9-79.9
GR 65.0%-65.8-76.9
UR 53.5%-67.1-69.7
nimum beschränkt hätte.
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
RL
VD 81.0%-89.1-86.3
TI 57.8%-79.7-65.8
Nein-Stimmen Anteil in
den Kantonen in Prozent
■ Einbürgerung
■ Gesundheit
■ Maulkorb
GE 82.1%-89.1-85.7
VS 75.0%-81.1-82.4
14
AUS DEM BUNDESHAUS
Schweizerische
Altersrente: frühzeitig den Rentenbezug anmelden
Zwei Faktoren bestimmen,
wo Auslandschweizerinnen
und -schweizer ihren AHVRentenbezug anzumelden
haben: der Wohnsitz sowie die
Versicherteneigenschaft.
SC HWEIZ ER R EVU E Juni 2008 / Nr. 3
Zur Versicherteneigenschaft:
Auslandschweizerinnen und
-schweizer, die bei der freiwilligen Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) versichert
sind, müssen nichts unternehmen. Die Schweizerische Ausgleichskasse (SAK) in Genf
informiert sie einige Monate,
bevor sie das gesetzliche Rentenalter erreichen, über das weitere Vorgehen zum Bezug einer
schweizerischen Altersrente.
Auslandschweizer, die nicht
oder nicht mehr bei der freiwilligen AHV versichert sind,
jedoch früher während mindestens einem Jahr Beiträge an die
obligatorische oder freiwillige
AHV entrichtet haben, werden
nicht automatisch benachrichtigt. In diesem Fall ist so vorzugehen:
1. Bei Wohnsitz in einem EU-*
oder EFTA-Staat (Island,
Liechtenstein, Norwegen) ist
das Leistungsgesuch beim
zuständigen Sozialversicherungsträger des Wohnsitzlandes einzureichen. Auslandschweizerinnen und -schweizer,
die nie der Sozialversicherung
an ihrem gegenwärtigen ausländischen Wohnsitz unterstellt
waren, müssen das Leistungsgesuch beim zuständigen Sozialversicherungsträger ihres letzten Wohnsitzstaates einreichen.
Auslandschweizerinnen und
-schweizer, die nur der AHV
unterstellt waren, müssen die
Anmeldeformulare für eine
Altersrente direkt bei der SAK
in Genf verlangen. Dabei haben sie zu vermerken, dass sie
nie in einem EU-/EFTA-Staat
versichert waren.
2. Bei Wohnsitz ausserhalb der
EU/EFTA, ist die Schweizerische Ausgleichskasse in Genf
zuständig. Sie gibt die erforderlichen Formulare ab. Landsleute, die nie in einem EU-/
EFTA-Staat versichert waren,
sollten dies bei ihrer Anfrage
angeben.
Gegenwärtig liegt das ordentliche Rentenalter für
Männer bei 65 Jahren. Für
Frauen beginnt der Anspruch
auf eine Altersrente nach dem
zurückgelegten 64. Altersjahr.
Es ist ratsam, das Gesuch für
eine Altersrente frühzeitig einzureichen, etwa sechs Monate
vor Erreichen des Rentenalters.
Weitere Auskünfte erteilt die
SAK in Genf:
www.zas.admin.ch/cdc/cnc3/
cdc.php?pagid=31&lang=de&do
=noheader
Wenn es mal so weit ist…
Die SAK in Genf berechnet die
AHV-Leistungen in Schweizer
Franken. Als Leistungsempfänger können Sie wählen, wohin
Ihre Altersrente ausbezahlt
werden soll, ob in die Schweiz
oder ins Ausland. Die Altersrente wird in der Regel in der
entsprechenden Landeswährung ausbezahlt. Die mit der
Überweisung verbundenen
Spesen bis zur Empfängerbank
gehen zu Lasten der SAK.
Weder die SAK noch die Korrespondenzbank ziehen Gebühren oder Kommissionen aus
dem Überweisungsbetrag ab.
*Mitgliedstaaten der EU: Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland,
Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Irland, Italien, Lettland, Litauen,
Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn, Zypern. Die
Erweiterung der Personenfreizügigkeit
auf Bulgarien und Rumänien ist noch
nicht in Kraft. Das Schweizer Parlament
wird über das entsprechende Zusatzprotokoll II im Sommer 2008 befinden.
«Der Bund kurz
erklärt 2008»
Die Bundeskanzlei hat im
April die Broschüre «Der Bund
kurz erklärt 2008» in den
vier Landessprachen sowie in
Englisch herausgegeben.
Sie ist in diesem Jahr konzeptionell überarbeitet und
modernisiert worden und ist
kostenlos erhältlich.
Die von der Bundeskanzlei publizierte Broschüre erfreut sich
grosser Beliebtheit. Dieses Jahr
wurde die Auflage leicht erhöht und liegt jetzt bei 243 000
Exemplaren.
«Der Bund kurz erklärt
2008» umfasst 80 Seiten. Als
Einstieg in die Broschüre wird
jeweils ein Interview mit der
gegenwärtigen Bundespräsidentin oder dem Bundespräsidenten geführt. Dieses Jahr
wurde Bundespräsident Pascal
Couchepin befragt. Die Fragen
hat Henry Habegger von der
Bundeshausredaktion des
«Blicks» gestellt.
Die Broschüre gibt einen geschichtlichen Überblick über
die Schweiz und zeigt auf, wie
die Schweiz politisch organisiert ist, welche Volksrechte
ausgeübt werden können und
wie sich National- und Ständerat zusammensetzen. Wie immer sind die Ratsmitglieder im
Bild festgehalten. Es wird auch
ersichtlich, wann diese gewählt
wurden und welchen Kommissionen sie angehören. Auf verständliche Art wird ausserdem
dargestellt, wie ein neues Gesetz entsteht. Ferner werden
die Aufgaben verschiedener
Behörden beschrieben: des
Bundesrates, der Departemente und Bundesämter, der
Parlamentsdienste, der Bundeskanzlei, des Bundesgerichts,
des Bundesverwaltungs- und
des Bundesstrafgerichts. Die
Fotos der diesjährigen Ausgabe
stammen von Roland Tännler
aus Zürich.
Die Broschüre kann kostenlos bezogen werden bei:
Bundesamt für Bauten und
Logistik (BBL), Vertrieb
Publikationen, CH-3003 Bern
Fax: +41 (0)31 325 50 58
Internet:
www.bbl.admin.ch/
bundespublikationen
«Aus dem
Bundeshaus» –
Fackelübergabe
Gabriela Brodbeck zeichnet
seit Herbst 2002 für die Seiten
«Aus dem Bundeshaus» verantwortlich. Ihre vielseitigen,
informativen Beiträge zu Themen wie Sozialversicherungen,
politische Rechte, schweizerische Reisedokumente etc.
erschienen in über 30 Ausgaben der «Schweizer Revue».
Gabriela Brodbeck verlässt
im Sommer das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten,
um sich beruflich neuen Herausforderungen zuzuwenden.
Wir danken ihr an dieser Stelle
bestens für ihren Einsatz zugunsten der Auslandschweizerinnen und -schweizer und der
«Schweizer Revue» und wünschen ihr für die Zukunft alles
Gute.
Die Seiten «Aus dem Bundeshaus» werden bis auf weite-
15
res durch Frau Rahel Schweizer redigiert. Rahel Schweizer
arbeitet seit 1992 beim Eidgenössischen Departement für
auswärtige Angelegenheiten
und hat in Toronto, Kopenhagen, Luxemburg und Hongkong konsularische Erfahrungen gesammelt. Seit 2004
arbeitet sie in Bern, zuerst in
der Sektion Konsularischer
Schutz, seit Dezember 2006
als stellvertretende Chefin
des Auslandschweizerdienstes.
Mehrfachzustellungen verhindern!
Die «Schweizer Revue» wird
jeder erwachsenen, bei einer
schweizerischen Vertretung
im Ausland angemeldeten
Person kostenlos zugestellt.
Haushalte mit mehreren
Personen erhalten die Zeitschrift deshalb mehrfach.
Dies wirkt sich spürbar auf
die Kosten aus.
Die «Schweizer Revue» informiert vor allem über wichtige
politische Ereignisse und Entwicklungen in der Schweiz. Die
Seiten «Aus dem Bundeshaus»
enthalten wesentliche Erläuterungen über Gesetzesänderungen sowie Rechte und
Pflichten, die Auslandschweizerinnen und -schweizer direkt
interessieren und angehen. Ferner werden Termine über eidgenössische Abstimmungen
und Wahlen veröffentlicht.
Seit 2003 hat die «Schweizer
Revue» einen Internet-Auftritt
und seit Januar 2007 werden
unter der Rubrik «Regionales»
auch alle Regionalteile
elektronisch aufgeschaltet:
www.revue.ch
Mehr Sicherheit und
Ökologie im schweizerischen Strassenverkehr, Offroader
stoppen
sung (BV). Dieser Artikel regelt den Strassenverkehr und
soll neu durch einen Buchstaben a ergänzt werden.
Die Initiative hat folgende
Ziele: Der Bund wird beauftragt, Massnahmen für sichere
und umweltfreundlichere Motorfahrzeuge zu erlassen. Bei
der Zulassung der Fahrzeuge
soll inskünftig die Sicherheit
der Verkehrsteilnehmer stärker
beachtet werden. Ausserdem
soll mehr Gewicht auf die
Zulassung von umweltfreundlichen Fahrzeugen gelegt werden. Der Bund setzt dafür
Emissionsgrenzwerte für Motorfahrzeuge der unterschiedlichen Fahrzeugkategorien fest.
Der Bund hat ferner diese Vorschriften und Grenzwerte
regelmässig dem technischen
Fortschritt und den neuen
Erkenntnissen anzupassen.
Motorfahrzeuge, die vor dem
Inkrafttreten des neuen Artikels oder im Ausland zugelassen wurden, dürfen in der
Schweiz weiterhin verkehren.
Personenwagen, die die Verkehrssicherheit übermässig ge-
Am 27. Februar 2007 hat der
politisch neutrale Verein
«Für menschenfreundlichere
Fahrzeuge» die gleichnamige
eidgenössische Volksinitiative
lanciert.
VOLKSINITIATIVEN
Seit der letzten Ausgabe sind folgende Volksinitiativen lanciert
worden:
■ «Für Geldspiele im Dienste des Gemeinwohls», bis 22. Oktober 2009
■ «Für die Stärkung der Volksrechte in der Aussenpolitik
(Staatsverträge vors Volk)», bis 4. September 2009
Die Initiative bezweckt eine
Änderung von Artikel 82 der
schweizerischen Bundesverfas-
Unter der Seite www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis_1_3_1_1.html
können Sie die Unterschriftenbogen der hängigen Initiativen
herunterladen.
Wie können Sie Mehrfachzustellungen verhindern und
mithelfen Kosten zu sparen?
Senden Sie den ausgefüllten
Talon (siehe unten) bitte mit
Ihrer Unterschrift an Ihre zuständige Schweizer Botschaft
oder Ihr zuständiges Schweizer
Generalkonsulat im Ausland.
Sie können diese Behörden
auch auf elektronischem Weg
über den Verzicht einer individuellen Zustellung informieren: www.eda.admin.ch/eda/
de/home/reps.html
SC HWEIZ ER REVUE Juni 2008 / Nr. 3
MEHRFACHZUSTELLUNGEN DER «SCHWEIZER REVUE»
VERHINDERN!
Ich habe Zugang zur «Schweizer Revue» eines Familienmitgliedes
und verzichte daher auf die individuelle Zustellung.
Name
Vorname
Geburtsdatum
Adresse
Unterschrift
fährden oder die Umwelt massiv belasten, jedoch für
bestimmte Einsatzzwecke
unabdingbar sind, sollen ausnahmsweise zugelassen sein
(z.B. Offroader in Landwirtschafts-, Handwerker- oder
Forstbetrieben).
Mit der Einführung des
neuen Buchstabens a soll auch
Artikel 197 der Übergangsbestimmungen der BV durch eine
neue Ziffer 8 ergänzt werden.
Die neue Übergangsbestimmung soll garantieren, dass die
Initiative vom Parlament
umgesetzt wird und enthält gewisse Eckwerte für deren
Umsetzung.
Sollten die Ausführungsgesetze zum neuen Verfassungsartikel 82 a nicht innert zwei
Jahren nach der Annahme
durch Volk und Stände in Kraft
getreten sein, hat der Bundesrat die nötigen Ausführungsbestimmungen vorübergehend
auf dem Verordnungsweg zu
erlassen.
Sie können die Initiative
noch bis 27. August 2008
unterschreiben.
VERANT WOR TLIC H FÜR DIE AMTLIC HEN MITTEIL UNGEN DES EDA:
G ABRIEL A BRODBEC K, AUSL ANDSC HWEIZERDIENS T/EDA , BUNDESG ASSE 32,
C H-3003 BERN; TELEF ON: +41 31 324 23 98; TELEFAX: +41 31 324 23 60
WWW.EDA .ADMIN.C H/ASD; PA6-AUSL ANDC H@EDA .ADMIN.C H
Inserat
16
KUNSTDENKMAL
Das Bourbaki Panorama erstrahlt im neuen Glanz
Edouard Castres’ Riesengemälde im Luzerner Panorama fristete
viele Jahre ein Mauerblümchendasein und war dem Vermodern
nahe, als es Ende der Siebzigerjahre endlich zum Kunstdenkmal
von nationaler Bedeutung erklärt und unter Denkmalschutz
gestellt wurde. Nach der Restauration strahlt es nun wieder in
neuem Glanz. Von Heinz Eckert
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Fotos: Bourbaki Panorama/E. Ammon
Das Kulturzentrum Panorama.
In den frühen Morgenstunden des 1. Februar
1871 und am folgenden Tag überschritten insgesamt 87 847 französische Soldaten, darunter 2467 Offiziere mit 11 000 Pferden, 11 150
Transportwagen, 285 Kanonen, 72 000 Gewehren und 64 000 Bajonetten an vier Übergängen im Jura die Schweizer Grenze. Allein
im kleinen Les Verrières kamen über 33 500
Soldaten und in Sainte-Croix, Jougne und
Saint-Cergues im Waadtländer Jura bei viel
Schnee und grosser Kälte weitere 54 000
Mann in die Schweiz.
Miserabel ausgerüstet und durch Hunger
und Kälte geschwächt, suchte die französische Ostarmee unter General Bourbaki unmittelbar nach der Unterzeichnung der
Übertrittskonvention und kurz vor dem
Ende des Deutsch-Französischen Kriegs in
der Schweiz Schutz vor den deutschen Gegnern. Die Franzosen sahen sich damals vor
die Wahl gestellt, entweder weiter zu kämpfen oder sich den Deutschen zu ergeben.
Bourbakis Nachfolger, General Clinchant,
suchte deshalb in der Schweiz um Asyl für
seine entkräfteten und kranken Soldaten.
Damit fand für die französischen Soldaten
ein sinnloses Gemetzel in der Schweiz ein
vorzeitiges Ende. Für den Empfang der gedemütigten Truppe wurden 3000 Schweizer
Soldaten in den Jura aufgeboten.
Von Les Verrières wurden die Entwaffneten ohne Begleitung nach Fleurier geschickt,
wo sie von Walliser Truppen erwartet wurden. Für den Weitertransport sorgten die
Rotkreuzzüge. Mehr als 48 Stunden lang ergossen sich die nicht enden wollenden Kolonnen der Bourbaki-Armee in die Schweiz.
Mit Ausnahme des Tessins wurden die Internierten auf sämtliche Kantone aufgeteilt.
Edouard Castres war damals ein bekannter Genfer Maler, der zu Beginn des DeutschFranzösischen Krieges sein Atelier aufgab
und sich beim französischen Roten Kreuz als
Helfer meldete. Castres wurde mit der Bourbaki-Armee in die Schweiz abgetrieben und
damit Zeuge des Kriegselends. Tief beein-
druckt von den Greueln des Krieges begab
sich Edouard Castres nach Kriegsende wieder nach Paris, wo er seine gesammelten Eindrücke malerisch umsetzte. Bald darauf
erhielt Castres von einem belgischen Panorama-Unternehmen den Auftrag, ein Rundgemälde über die Kapitulation der BourbakiSoldaten im Schweizer Jura zu malen.
Mit Hilfe einer Gruppe hervorragender
Künstler – unter ihnen befand sich auch Ferdinand Hodler – malte Castres schliesslich
1881 das Rundgemälde von 14 Metern Höhe
und 112 Metern Umfang. Am 24. September
1881 wurde das Panorama in Genf eröffnet.
Während acht Jahren, von 1881 bis 1889,
wurde das Bourbaki Panorama in Genf gezeigt. Dann kamen die Besucher spärlicher,
und Benjamin Henneberg, der das Panorama
in der Zwischenzeit der belgischen Firma abgekauft hatte, entschloss sich, das Rundbild
einem neuen Publikum zuzuführen. Dass die
Wahl für den Bau eines neuen Panoramas auf
Luzern fiel, hängt einerseits mit der damals
steigenden Bedeutung der Innerschweizer
Metropole im internationalen Tourismus zusammen, andererseits wurde dort im Hinblick auf die 500-Jahr-Feier der Schlacht bei
Sempach im Jahr 1885 schon lange der Bau
eines Schlachten-Panoramas geplant. Als
Standort fiel der Entscheid auf das Luzerner
Weyquartier unweit der Hofkirche und des
Sees.
Bis 1925 blieb das Luzerner Panorama im
Besitz des Genfers Henneberger. Dann
Der Einzug der geschlagenen Bourbaki-Armee in Les Verrières: Das Gemälde von Eduard Castres ist ein Kunstdenk
17
Kriegsdrama: Details aus dem Bourbaki-Rundbild.
wurde der ganze Gebäudekomplex an ein Luzerner Transportunternehmen verkauft, das
eigentlich nicht daran dachte, den Panorama-Betrieb aufrechtzuerhalten. Im Gegenteil: Im grossen Gebäude sollte eine Autogarage eingerichtet werden. Da das 1100
Quadratmeter grosse Gemälde von Edouard
Castres zu dieser Zeit aber immer noch eine
Touristenattraktion war und nach wie vor für
Einnahmen sorgte, wurde nur das Erdgeschoss umgebaut. Dabei wurde Castres’ Gemälde erstmals von unten her beschnitten
und hochgezogen. 1949 wurde die Garage um
ein Stockwerk vergrössert und das Panorama-Bild zugunsten eines Ersatzteillagers
nochmals verkleinert: Stimmungsvoller Himmel und viel Boden sind für immer verloren
mal von nationaler und internationaler Bedeutung.
gegangen. Für die Besitzer des Panoramas
wurde die Liegenschaft an bester Geschäftslage Luzerns zusehends zur Belastung. Einerseits hätte das Grundstück mehrmals zu
hohen Preisen verkauft werden können,
andererseits reichten die Einnahmen aus den
Eintritten bei weitem nicht für eine dringend
notwendige Renovation des Gebäudes und
des Rundgemäldes. Castres’ Kunstwerk wird
durch ein Glasdach vom Tageslicht beleuchtet. Da Temperaturschwankungen das Glas
immer wieder zerspringen liessen, hatte das
eintretende Regenwasser hässliche Streifen
und Flecken auf dem Bild hinterlassen, und
die Leinwand ist im Lauf der Jahrzehnte brüchig und löchrig geworden.
1979 wurde schliesslich ein «Verein zur Er-
haltung des Bourbaki Panoramas» gegründet, dem es gelang, die Öffentlichkeit für das
«einzigartige geschichtliche Dokument» zu
sensibilisieren. Mit einem A-fonds-perduBeitrag der Stadt Luzern von einer Million
Franken und einem zinslosen Darlehen von
einer weiteren Million konnte der Verein die
Liegenschaft erwerben und das Rundgemälde rudimentär restaurieren lassen. Noch
1991 wurde angenommen, dass das Bild zur
Restaurierung demontiert werden könne.
Sein damaliger Zustand machte dies jedoch
unmöglich, eine Auslagerung kam deshalb
nicht in Frage. Nationale und internationale
Fachleute hatten sich zudem für den Erhalt
von Rotunde und Rundgemälde als Ganzes
ausgesprochen.
Nachdem das ambitionierte Projekt eines
Neubaus des Panorama-Gebäudes, das Castres’ Bild zum Mittelpunkt eines neuen Kunstmuseums machen wollte, 1991 an Geldmangel gestorben war, konkretisierte sich 1994
eine neue Lösung: Die Luzerner Stadtbibliothek mit der Zentralstelle des Bibliotheksverbandes, für die schon seit langer Zeit ein
neuer Standort gesucht wurde, sollte im vollständig sanierten Panorama-Gebäude zusammen mit dem Panorama-Gemälde, einem
kleinen Panorama-Museum und den bisher
für alternative Produktionen genutzten Räumen des «Kulturpanoramas» eine neue Heimat finden. So würde Luzern für 20 Millionen Franken ein neues kulturelles Zentrum
erhalten, das allerdings eigenwirtschaftlich
funktionieren sollte, das heisst, die laufenden
Kosten müssten über Mieteinnahmen aus
Räumlichkeiten im Erdgeschoss bestritten
werden.
Das Luzerner Stimmvolk sagte Ja zu einem
Kredit von 14 Millionen Franken; für die
restlichen 6 Millionen Franken sorgten Gönner. Zwischen 1996 und 2004 wurde das Gebäude rundum saniert und das Rundgemälde
restauriert. Anfang März dieses Jahres wurde
auch der Vorplatz fertig erstellt, und das neue
Panorama konnte eingeweiht werden.
18
A U S L A N D S C H W E I Z E R - O R G A N I S AT I O N
Der Auslandschweizerrat (ASR) lässt
seine Stimme hören
Das «Parlament der Fünften
Schweiz» ist am 12. April im
Rathaus von Bern zu seiner
Frühlingssitzung zusammengekommen. Dabei kamen
Themen zur Sprache wie die
politische Vertretung der
Auslandschweizer sowie die
Herausforderungen, welche
die ASO unter der Ägide
ihres neuen ASO-Präsidenten
Jacques-Simon Eggly zu
bewältigen hat.
Jacques-Simon Eggly, seit August 2007 an der Spitze der
ASO, erklärte die Stossrichtung, die er der Organisation
unter seiner Präsidentschaft
geben will. Vor dem Hintergrund der Rolle der ASO betonte er die Wichtigkeit der
politischen Neutralität.
Während die Zahl der Auslandschweizer von Jahr zu Jahr
zunimmt, ist das EDA gleichzeitig einem enormen Druck
zur Reduzierung seiner Ausgaben ausgesetzt. Der ASR ist
sich dieser Situation wohl bewusst, gleichzeitig aber auch
besorgt über die Schliessung
verschiedener Berufskonsulate.
Die ASO erachtet es als wünschenswert, dass im Falle einer
nicht zu vermeidenden Konsulatsschliessung als Kompensation ein vom EDA und von der
lokalen Schweizergemeinde
unterstützter Schweizer Honorarkonsul eingesetzt wird.
die Bundesbeiträge, welche die
eidgenössischen Räte im letzten Dezember bewilligt haben,
wieder reduziert würden. Die
ASO protestiert in aller Form
gegen dieses Vorgehen; stellt
es doch eine Missachtung des
Willens des Parlaments dar,
das eine Finanzierung in der
Höhe von 20 Millionen Franken beschlossen hatte.
Direkte Vertretung
der Fünften Schweiz
Der ASR diskutierte eine Motion und eine parlamentarische
Initiative, die im Juni 2007 zum
Thema der direkten Vertretung der Fünften Schweiz im
eidgenössischen Parlament eingereicht wurden. Nationalrat
Carlo Sommaruga (SP/GE)
erläuterte seine parlamentarische Initiative, welche eine
direkte Vertretung der Auslandschweizer sowohl im Nati-
onal- wie auch im Ständerat
vorsieht. Die ASO hat den Antrag gestellt, von der prüfenden
Kommission angehört zu werden. Der Standpunkt des ASR
basiert auf den Besonderheiten
unseres Landes: dem System
der direkten Demokratie, in
welchem die Bürger häufig zur
Urne gebeten werden, sowie
der föderalistischen Struktur,
wo jeder Bürger in seinem Kanton abstimmt oder wählt (was
auch für die Auslandschweizer
gilt). Aus diesem Grund hat
sich der ASR dazu entschlossen, das Schwergewicht auf die
Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen EDA und
ASO, auf die erhöhte Präsenz
und Sichtbarkeit der Auslandschweizer, die Förderung der
politischen Beteiligung der einzelnen Auslandschweizer sowie
auf verstärkte Einflussnahme
(Parlamentarische Gruppe
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Fotos: ASO
Sitzverteilung im Auslandschweizerrat – Neuregelung
Die Sitzverteilung im Auslandschweizerrat wurde 1989 letztmals überprüft. Seitdem sind
mehrfach punktuelle Retouchen
vorgenommen worden. Anpassungen sind nun wieder notwendig geworden, weil die Bundesfeier-Spende/Pro Patria und die
Neue Helvetische Gesellschaft
auf eine weitere Vertretung im
ASR verzichtet haben.
Im Zuge der Neubestellung
des Rates für die Amtsperiode
ab 2009 soll der Rat verkleinert
und der Anteil an Auslandschweizern verstärkt werden.
Alle Ratsmitglieder sollen künftig den gleichen Status haben.
Daraus werden folgende Eckwerte der Revision abgeleitet:
Aufhebung des Instituts der
Stellvertretung
■ Fixer Gesamtbestand von
140 Mitgliedern
■ Verhältnis von Ausland zu
Inland 6:1 (120 Auslandsmitglieder, 20 Inlandsmitglieder)
■ Verhältnis von Europa
zu Übersee 1:1 (60 Europa,
60 Übersee)
■
Wahl eines weiteren
Vorstandsmitglieds
Bei der Wahl eines neuen
Vorstandsmitglieds der ASO
konnte der Rat zwischen zwei
aktiven Politikern auswählen:
Nationalrätin Thérèse MeyerKaelin (CVP) und Nationalrat
Hans Kaufmann (SVP) stellten
sich zur Wahl. Gewählt wurde
Thérèse Meyer-Kaelin, die
Gründungspräsidentin der
Parlamentarischen Gruppe
Auslandschweizer.
Im Berner Rathaus …
Zukunft der
Schweizer Schulen
Die Finanzierung der Schweizer Schulen im Ausland gab
Anlass zu einer unmissverständlichen Stellungnahme der
ASR-Mitglieder in Form einer
Resolution. Der ASR sieht die
Existenz der Schweizer Schulen im Ausland gefährdet, wenn
Auslandschweizer, ASR,
Stimmbeteiligung der Auslandschweizer) zu legen.
… tagte der Auslandschweizerrat.
Mit dem Swiss Club of
Northern Nevada hat die grosse
Familie der Schweizervereine
ein neues Mitglied erhalten.
19
AuslandschweizerKongress 2008: vom
22. bis 24. August
in Freiburg
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Foto: Keystone
Welche Erfahrungen machen
Auslandschweizer mit der
Personenfreizügigkeit? Wie
reagieren sie auf den Schweizer Beitritt zum Schengenraum? Wie sehen sie die
schweizerische Debatte von
aussen? Der 86. Auslandschweizer-Kongress ist diesen
aktuellen Fragen gewidmet
und trägt den Titel «Schweiz
ohne Grenzen?». Er findet vom
22. bis 24. August im Kongresszentrum Freiburg statt.
Für den 86. AuslandschweizerKongress erwartet die Auslandschweizer-Organisation (ASO)
wiederum mehrere Hundert
Teilnehmer aus der ganzen
Welt. Bundesrat Moritz Leuenberger wird an der Plenarversammlung vom Samstag als
Ehrengast präsent sein und ein
Referat an die Kongressteilnehmer richten. Danach wird er
auch Fragen jugendlicher Auslandschweizer beantworten.
Tagungsort ist das Kongresszentrum Forum Fribourg
(www.forum-fribourg.ch).
Der Schweizer Beitritt zum
Schengenraum bewegt die
Fünfte Schweiz. Was wird aus
der Schweiz, wenn sich ihre
Grenzen auflösen, beziehungsweise dort die Personenkontrollen wegfallen? Was, wenn
sie sich von Europa isolieren
sollte? Die definitive Einführung der Personenfreizügigkeit
unterliegt nämlich dem fakultativen Referendum. Die rund
670 000 im Ausland residierenden Schweizer sehen gebannt
auf die Entwicklungen in ihrer
Heimat. Grenzübergänge,
Fremdsein, Stellensuche als
Ausländer – all dies sind Themen, welche die Kongressteilnehmer aus eigener Erfahrung
Der nächste Auslandschweizer-Kongress findet im schönen Freiburg statt.
kennen. Die Zukunft ihrer
Heimat berührt sie, ob sie nun
selber im Schengenraum leben
oder ausserhalb. Am diesjährigen Kongress werden Fachleute
über Hintergründe des Schengener Abkommens und der
Personenfreizügigkeit debattieren, Auslandschweizer werden
ihre Erfahrungen einbringen
und in den drei Workshops
Antworten auf ihre Fragen erhalten.
Die Migrationsgeschichte des
Kantons Freiburg macht den
diesjährigen Tagungsort zusätzlich interessant: Im Jahr 1818
reisten gut 300 Familien aus
dem damals hungernden Kanton, um in Brasilien eine neue
Heimat aufzubauen. Im Bundesstaat Rio de Janeiro gründeten sie die heute 180 000 Einwohner zählende Stadt Nova
Friburgo. Eine eindrückliche
Fotoausstellung am Auslandschweizer-Kongress zeigt Ansichten aus der neuen Heimat
dieser Schweizer Auswanderer.
Aus organisatorischen Gründen läuft die Anmeldefrist für
den Kongress Ende Juni ab. Auf
www.aso.ch finden Sie alle Unterlagen, inkl. Anmeldeformular.
Jugendseminar zum
AuslandschweizerKongress
Am Auslandschweizer-Kongress vom 22. bis 24. August
informieren sich die Auslandschweizer über die Stellung
der Schweiz in Europa. Das
Verhältnis zur EU hat sich in
den letzten Jahren verändert
und es stehen spannende
und aktuelle Themen wie die
Ausweitung der Personenfreizügigkeit bevor. Gibt es in
Zukunft eine Schweiz ohne
Grenzen?
Die jungen Auslandschweizer
sind sehr oft in verschiedenen
Welten zu Hause. Viele sind im
Ausland als Schweizer geboren.
AUSLANDSCHWEIZER-ORGANISATION
Unsere Dienstleistungen:
■ Rechtsdienst
■ Jugenddienst
■ AJAS
Der Verein zur Förderung der Ausbildung junger Auslandschweizer
■ KSA
Das Komitee für Schweizer Schulen im Ausland
■ SJAS
Die Stiftung für junge Auslandschweizer
Auslandschweizer-Organisation, Alpenstrasse 26, CH–3006 Bern
Telefon +41 31 356 61 00, Fax. +41 31 356 61 01, www.aso.ch
Es sind vor allem die Jugendlichen in Europa, die von der
Personenfreizügigkeit profitieren. Sie können sich irgendwo
in Europa eine Stelle suchen
oder sich ausbilden lassen. Mobilität ist für die junge Generation eine Selbstverständlichkeit.
Dank den bilateralen Abkommen sind Schweizer in
Europa ebenso mobil wie EUBürger. Was sind die Erfahrungen von jungen Auslandschweizern in Europa? Welche
Erfahrungen machen junge
Auslandschweizer ausserhalb
Europas mit dem Thema Mobilität? Die Jugend kann sich
am Auslandschweizer-Kongress
äussern.
Das Jugendseminar «Schweiz
ohne Grenzen?» beginnt bereits am 17. August in Bern, wo
die Teilnehmer ihre Schweizer
Gastfamilien treffen. Die ASO
führt die Auslandschweizer von
Montag bis Donnerstag in das
Thema: «Schweiz und Europa»
ein. Die Jugendlichen erhalten
Informationen zur Europapolitik der Schweiz, besuchen
Workshops zur europäischen
Zusammenarbeit und debattieren mit Befürwortern und
Gegnern über eine Öffnung
der Schweiz gegenüber Europa.
Ein attraktives Rahmenprogramm sorgt für Abwechslung
und Auflockerung. Es ist der
ASO ein Anliegen, dass die Jugendlichen die Städte Bern und
Freiburg kennenlernen.
Am Auslandschweizer-Kongress in Freiburg nehmen die
Jugendlichen schliesslich aktiv
teil. Bundesrat Moritz Leuenberger nimmt sich Zeit für die
Jugend und wird deren Fragen
beantworten. Gemeinsam
übernachtet die Gruppe die
letzten Tage in der Jugendherberge in Freiburg. Junge Auslandschweizer aus aller Welt
sind an diesem lehrreichen und
unterhaltsamen Seminar willkommen.
20
IN EINEM ZUG NACH AFRIKA
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Foto: Keystone
Ein Tessiner verbindet Europa mit Afrika
Spanien und Marokko träumen von einem Eisenbahntunnel durch die Meerenge von Gibraltar. An der Spitze des internationalen Konsortiums,
das dafür eine Machbarkeitsstudie erstellt, steht der Tessiner Ingenieur
Giovanni Lombardi. Seine Erkenntnis: Trotz geringer Distanz zwischen Afrika
und Europa ist es ein langer Weg bis zum Ziel. Und: Der kürzeste Weg ist
nicht immer der beste. Von René Lenzin
«Wir müssen akzeptieren, dass wir in einer
nur teilweise voraussehbaren Welt leben und
dass immer Unvorhergesehenes auf uns zukommen wird.» Das sagte Giovanni Lombardi, als sein Ingenieurbüro im Oktober
2005 das 50-jährige Jubiläum feiern konnte.
Für sein jüngstes Projekt trifft diese Aussage
gleich doppelt zu. Der 82-jährige Tessiner
plant nichts weniger als eine unterirdische –
oder genauer: unterseeische – Verkehrsverbindung zwischen Spanien und Marokko. Zu
den immensen Unwägbarkeiten der Geologie gesellen sich dabei auch noch diejenigen
der Politik. Der Eisenbahntunnel zwischen
zwei Kontinenten weckt zwar Begeisterung
und Träume. Aber beidseits der Meerenge
von Gibraltar gibt es auch kritische Stimmen
zu hören.
Daher ist alles andere als gewiss, dass dereinst wirklich Züge von Afrika nach Europa
verkehren werden. Aber selbst wenn der
Tunnel an geologischen, finanziellen oder politischen Widerständen scheitern sollte, ist
er das mit Abstand spektakulärste Projekt im
langen Ingenieursleben des Giovanni Lombardi. Und das soll doch etwas heissen. Immerhin hat der fünfsprachige und weit gereiste Tessiner an grossen Bauwerken in über
60 Ländern mitgewirkt. Zu seinen bekanntesten Bauten gehören die 220 Meter hohe
Staumauer im Verzascatal und der 17 Kilometer lange Strassentunnel durch den Gotthard. Diesen Auftrag hatte er erhalten, weil
er nicht die direkteste, sondern die günstigste Route wählte. Sein Tunnel folgt den
Taleinschnitten im Gebirge, was den Zugang
erleichterte und weniger hohe Belüftungsschächte erforderte.
Dass der kürzeste Weg nicht zwangsläufig
der beste ist, zeigt sich auch beim Projekt in
Gibraltar. An der mit 14 Kilometern schmalsten Stelle ist die Meerenge nämlich bis 900
Meter tief. Das hätte Steigungen im Tunnel
zur Folge, die für die Eisenbahn nicht zu bewältigen sind. Deshalb hat Lombardi eine
Route etwas weiter westlich
ausgewählt, wo die Wassertiefe
«nur» 300 Meter beträgt. Dadurch verlängert sich der Tunnel zwar auf fast 40 Kilometer,
aber die Steigungen lassen sich
so auf die für Züge noch machbaren drei Prozent begrenzen.
Schwieriger als der
Euro-Tunnel
Trotzdem verläuft der Tunnel
immer noch rund 475 Meter
unter dem Meeresspiegel. Und
das in einer geologischen Zone,
von der man vor allem weiss,
dass sie heikel ist. Hier, wo sich
die europäische und die afrikanische Platte aneinander reiben, bebt die Erde immer wieder. Zudem gibt es nur
Vermutungen, aus welchen
Materialien der Meeresboden
besteht. Daher sind Sondierbohrungen erforderlich, die
mindestens 20 bis 30 Millionen
Euro kosten würden. Der Wasserdruck von 500 Tonnen pro
Quadratmeter zwingt die Ingenieure, den Tunnel fast 200
Meter unter dem Meeresboden zu planen. Und trotzdem
sei nicht garantiert, dass der
Vortrieb problemlos verlaufe,
sagt Lombardi.
Die Über- oder UnterqueDer Tessiner Ingenieur Giovanni Lombardi plant einen Tunnel unter dem
rung der Meerenge von Gibraltar ist ein alter Traum. Eine Hängebrücke
England verbindet. Allerdings beträgt die
scheiterte jedoch an den gewaltigen Strö- Wassertiefe im Ärmelkanal nur 50 bis 60
mungen zwischen Atlantik und Mittelmeer,
Meter, und der Tunnel konnte dank günstiein Autotunnel am Problem der Lüftung.
gerer Geologie zwischen 45 und 75 Meter unNun soll es also ein zweiröhriger Eisenbahn- ter dem Meeresboden erstellt werden. Im
tunnel mit Sicherheitsstollen werden; am
Vergleich zur Gibraltar-Röhre, sagt Giovanni
ehesten vergleichbar mit dem 50 Kilometer
Lombardi daher, «ist der Euro-Tunnel ein
langen Euro-Tunnel, der Frankreich und
Lego-Spiel gewesen».
21
Blühender Handel oder Fehlinvestition?
Im Juli oder August dieses Jahres wird Lombardi sein Projekt vorlegen und Sondierbohrungen vorschlagen. Danach müssen Spanien und Marokko über Realisierung und
Finanzierung befinden. Im Oktober könnten
erste Entscheidungen fallen, hofft man im
Büro Lombardis. Genaue Prognosen, wie
viel der Tunnel kosten würde, wagt der Ingenieur nicht. Vielleicht acht Milliarden Euro,
men, könnten dank der neuen Bahnverbindung schneller nach Europa gelangen.
Marokko erhofft sich zudem neue Touristenströme.
Genau das befürchten die Skeptiker in
Spanien: Die Gäste blieben nicht mehr in
Iberien, sondern könnten direkt nach Nordafrika weiterfahren, wenden sie ein. In Marokko wird kritisiert, das Geld für den Tunnel fehle für Projekte, die für die Entwicklung
und Fragen geklärt werden, könnten die Baumaschinen um 2015 auffahren, schätzt Lombardi. Als Bauzeit kalkuliert er 15 bis 20 Jahre.
Das seien jedoch optimistische Annahmen.
Es könne auch sein, dass die ersten Züge die
30-minütige Fahrt zwischen zwei Kontinenten erst 2050 aufnähmen. Jedenfalls rechnet
Giovanni Lombardi nicht damit, die Eröffnung seines spektakulärsten Projektes noch
zu erleben.
GIOVANNI LOMBARDI –
TESSINER UND
AUSLANDSCHWEIZER
Ende Mai 1926 in Lugano geboren,
wuchs Giovanni Lombardi in Frankreich auf, wohin sein Vater ausgewandert war. Einen Teil der Primarschule
absolvierte er in Lugano. Später
besuchte er das Institut auf dem
Rosenberg in St.Gallen und legte in
Basel die eidgenössische Matur ab –
mit dem landesweit besten Notendurchschnitt. Danach studierte er an
der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich Bauingenieur. 1955
gründete er sein eigenes Ingenieurbüro. Rund 100 Angestellte beschäftigt das Unternehmen heute am
Hauptsitz in Minusio sowie in mehreren Filialen. Zuerst baute Lombardi
vor allem Staudämme, später spezialisierte er sich auf den Tunnelbau. In
den vergangenen 20 Jahren wirkte er
primär als Experte und Berater, unter
anderem auch für die Weltbank.
Giovanni Lombardi, der seinen Wohn-
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Meeresgrund zwischen Spanien und Marokko.
vielleicht zehn, vielleicht auch mehr, sagt er
nur. Ohne Drittmittel – etwa von der Europäischen Union – liessen sich diese Summen
wohl kaum auftreiben.
Ob sie sich überhaupt lohnen, ist umstritten. Die Befürworter sagen ein Aufblühen
des Handels voraus. Die Frachtcontainer, die
im entstehenden Hafen von Tanger ankom-
sitz in Monaco hat, bezeichnet sich
des Landes viel wichtiger seien. Offen ist zudem, ob sich die Investitionen auszahlen. Der
ohne staatliche Hilfe erstellte Euro-Tunnel
kostete 15 Milliarden. Zwar rentiert der Betrieb mittlerweilen aber die Betreibergesellschaft leidet immer noch unter einem Schuldenberg von neun Milliarden Euro.
Sollten all die Widerstände überwunden
als Tessiner und Weltbürger. Er ist
verheiratet und hat drei erwachsene
Kinder. Sein Sohn Filippo vertritt
den Kanton Tessin seit 1999 im Ständerat.
RL
22
PORTRAIT
Faszination Südpol. Schweiz–Südpol, 27 000 km mit dem Velo,
zu Fuss und auf Skiern. Diese Leistung erbrachte die Extremsportlerin Evelyne Binsack, bevor sie am 28. Dezember 2007 den
Südpol erreichte. Eine 454-tägige Abenteuerreise für die erste
Schweizerin, die den Mount Everest bezwang. Von Alain Wey
«Wer es wagt, kann verlieren. Wer es nicht
wagt, hat schon verloren.» Evelyne Binsack
hat diese Maxime zu ihrer Lebensphilosophie gemacht. Die 40-jährige Bernerin, eine
erfahrene Bergsteigerin und Helikopterpilotin, schaffte es, die Strecke von der Schweiz
bis zum Südpol mit der Kraft ihrer Muskeln
und ihres Willens zu überwinden. Auf dem
Weg durch 16 Länder legte sie 25 000 km mit
dem Velo und 1200 km (das entspricht der
Distanz Bern–Barcelona) auf Skiern zurück.
Insgesamt überwand sie auf ihrem Weg zum
Südpol 120 Höhenkilometer und machte
2,5 Millionen Schritte.
Es ist nicht der erste Geniestreich von
Evelyne Binsack. Sie bestieg bereits die meisten Viertausender in Europa und beim breiten Publikum wurde sie 1999 bekannt, als sie
an der vom Schweizer Fernsehen live übertragenen Bezwingung der Eigernordwand
teilnahm. Zudem war sie 2001 die erste
Schweizer Frau, die den Gipfel des Mount
Everest erreichte. Auf ihre «Expedition Antarctica» bereitete sich die Bergführerin drei
Jahre lang vor, insbesondere auch mit zwei
Aufenthalten in der Arktis, um sich an die Extremtemperaturen von bis zu minus 40°C zu
gewöhnen. Mit ihrer Expedition unterstützte
Evelyne Binsack den Spendenaufruf für den
Neubau eines SOS-Kinderdorf-Hauses in
Leon, Nicaragua. Es war der 1. September
2006, als sie in Innertkirchen (BE) mit dem
Velo zu ihrer 16-monatigen Reise aufbrach.
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Foto: Keystone
Von Europa nach Amerika
In Grenoble, Frankreich, überbrückt Evelyne
Binsack die Wartezeit auf ein neues Fahrrad,
indem sie den Mont Blanc (4810 m) besteigt,
bevor sie ihre Fahrt fortsetzt. Das Wetter
verschlechtert sich und unter zum Teil sehr
heftigen Niederschlägen erreicht sie Spanien
und Santiago de Compostela. Am 19. Oktober trifft sie in Porto ein. Schwere Unwetter
zwingen sie, hier den europäischen Teil der
Expedition zu beenden, um die Reise auf
demselben Breitengrad in Nordamerika fortzusetzen. So fliegt sie Ende Oktober nach
Salt Lake City. Endlich ist ihr das Wetter
EVELYNE BINSACK – EINE FRAU DER TAT
■ Steckbrief: Evelyne Binsack, geboren am
17. Mai 1967, wuchs in Hergiswil (NW) auf und
lebt heute in Innertkirchen (BE).
■ Berufe: Skilehrerin, Bergführerin seit
1991, Helikopterpilotin seit 1999.
■ Extremkletterin: Evelyne Binsack steigt
nicht nur auf die höchsten Gipfel der Welt,
sondern ist auch Sportkletterin. 1996 bestieg
sie das damals höchste Hochhaus Europas,
den Messeturm in Frankfurt mit seinen 257
Metern Höhe.
■ Buch: «Antarctica, aus eigener Kraft von
Innertkirchen zum Südpol» aufgezeichnet
von Markus Mäder, Herbst 2008.
www.binsack.ch
www.binsack-antarctica.com
www.sos-childrensvillages.org
freundlich gesinnt und sie durchquert die riesigen Ebenen von Uncle Sams Land, die grossen Städte meidet sie dabei bewusst. Nach
Texas und dem Grand Canyon erreicht sie
im Dezember Los Angeles.
Im Januar 2007 verlässt Evelyne Binsack
Kalifornien in Richtung Zentralamerika.
«Mit Mexiko tat ich mich wegen des offensiv ausgelebten Machismo, von dem eine permanente Gefahr ausging, schwer. Eine blonde
alleinreisende Frau auf einem Fahrrad ist in
den schwierigen Ländern Lateinamerikas
extrem exponiert.» Der Abenteurerin gelingt
es jedoch, dank einer unerschütterlichen Gelassenheit, dem Ärger aus dem Weg zu gehen.
«Aber ich habe gelernt, mich vorsichtig zu
bewegen. Ich habe das Zelt meist erst in der
Dämmerung aufgebaut und in der Dunkelheit keine Taschenlampe angeknipst, damit
niemand auf mich aufmerksam wurde. Ich
musste lernen, meine typisch schweizerische
Höflichkeit auf ein Abstellgleis zu stellen. Da
draussen bringt einen nur Entschlossenheit
zum Ziel.»
Sie durchquert Guatemala, El Salvador,
Honduras und Nicaragua, wo sie das SOSKinderdorf Leon besucht, für das sie Spenden sammelt. Danach folgen Costa Rica, Panama, der Äquator, Peru. Um Kolumbien
macht Evelyne Binsack hingegen einen Bogen: zu gefährlich. «Südamerika ist wunderschön und extrem abwechslungsreich, aber
die Durchquerung von Peru war ebenfalls
eher schwierig, da viele Gefahren von der Bevölkerung ausgehen: Dort herrscht hauptsächlich Selbstjustiz.» Schliesslich erklettert
sie noch einige der höchsten Gipfel Lateinamerikas: acht Fünftausender und drei
Sechstausender. Nachdem sie Bolivien hinter sich gelassen hat, fährt sie während des
ganzen Juni durch die chilenische AtacamaWüste, die als die trockenste Wüste der Welt
gilt. Sie reist weiter durch Argentinien, um
später wieder nach Chile zurückzukehren,
wo sie am 16. September Punta Arenas erreicht. Von hier aus fliegt sie mit dem Flugzeug in die Antarktis.
Der äusserste Süden
Im November 2007 beginnt die letzte Herausforderung der Reise: zu Fuss und auf Skiern zum Südpol. Bis vor der letzten Etappe
hat Evelyne Binsack zehn Kilogramm zugenommen, in der Antarktis verliert sie zwölf
Kilogramm. Ihr internationales Team besteht aus dem Kanadier Devon McDiarmid,
dem Libanesen Max Chaya, dem Norweger
Hans Foss und dem Briten Adrian Hayes. Am
Abend des 23. Dezembers notiert Evelyne
Binsack in ihr Reisetagebuch: «Es ist, als verlasse meine Seele den Körper, es ist, als übernähme eine andere Macht das Zepter…» In
den letzten Tagen der Expedition ist sie körperlich geschwächt und am Rande der Verzweiflung. «Jeder Tag war ein einziger
Kampf», erzählt sie. Am 28. Dezember, nach
47 Tagen Antarktis, erreicht das Team endlich den Südpol. Die Tränen können nicht
mehr zurückgehalten werden.
Die Bergsteiger pflegen zu sagen, die Erde
habe drei Pole: den Nordpol, den Südpol und
das Dach der Welt mit dem Mount Everest.
Evelyne Binsack hat nun bereits ihren zweiten Pol geschafft, aber dabei wird es bestimmt nicht bleiben. Wann gehts zum Nordpol?
ECHO
■ Nach einem Rekordverlust
im letzten Jahr streicht die
SBB Cargo 400 Stellen in den
Werken von Bellinzona, Basel
und Freiburg. Mitarbeiter,
Gewerkschaften und Behörden
protestieren gegen den Abbau
von einem Zehntel der Belegschaft.
■ Bundesrat Hans-Rudolf
Merz will die Reform für eine
getrennte Besteuerung der
Ehepartner aufgeben. Statt-
dessen sollen Verbesserungen
für unverheiratete Eltern und
Alleinerziehende angestrebt
werden.
■ Der Internet-Konzern Yahoo
verlegt seinen Europasitz von
London in die Schweiz. Im
waadtländischen Rolle sollen
mehrere Hundert Arbeitsplätze angesiedelt werden.
Yahoo-Konkurrent Google
eröffnet in Zürich ein Entwicklungszentrum mit 350 Mitarbeitern.
■ Der Nationalrat stimmt der
Erhöhung des Rentenalters
für Frauen von 64 auf 65 Jahre
zu. Die erleichterte Frühpensionierung für Personen mit
unteren Einkommen wird
abgelehnt. Die Linke droht
mit dem Referendum gegen
die 11. AHV-Revision.
■ Bei den kantonalen
23
«Bei einem Nein zur Personenfreizügigkeit wäre das Risiko immens, dass
die EU die bilateralen Verträge mit der Schweiz kündigt. Dann wären
wir gezwungen, der EU beizutreten.»
DORIS LEUTHARD,
BUNDESRÄTIN UND WIR T SC HAFT SMINIS TERIN
«Die Wahl in den Bundesrat kam überraschend. Ich habe sie nicht erschlichen, und ich habe niemanden belogen. Die Vorwürfe der SVP
Schweiz sind haltlos.»
EVELINE WIDMER-SC HL UMPF,
BUNDESRÄTIN UND JUS TIZMINIS TERIN
«Wir sind reif für den Bundesrat. Wir kommen rein, wenn die anderen
reif sind, uns aufzunehmen. Wir werden antreten.»
UELI LEUENBERGER, GENFER N ATION ALRAT
UND PRÄSIDENT DER GRÜNEN PAR TEI DER SC HWEIZ
«Der Armeebestand ist in wenigen Jahren von über 600 000 auf lediglich
200 000 gesunken. Ich befürchte, dass sich längerfristig das Ende des Milizsystems abzeichnet, leider.» MIC HELE MOOR, ABTRETENDER PRÄSIDENT
DER SC HWEIZERISC HEN OFFIZIERSGESELL SC HAFT
«Der Schweizer Gardist mit der Hellebarde leistet Ehrendienst und keinen Sicherheitsdienst. Die Garde ist mit modernen Schusswaffen ausgerüstet.»
ELMAR MÄDER, ABTRETENDER
KOMMANDANT DER PÄPS TLIC HEN SC HWEIZERG ARDE IN ROM
«Das Tragen eines Kopftuches ist als religiöses Bekenntnis durch die
Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Bundesverfassung geschützt.»
DAS SC HWEIZERISC HE BUNDESGERIC HT ZUM ENT SC HEID EINER AARG AUISC HEN GEMEINDE, EINER MUSLIMIN DEN SC HWEIZER PASS ZU VER WEIGERN
«Die Gentechnologie wurde in der Schweiz entwickelt. Sie hätte eine
grosse wirtschaftliche Stütze werden können. Heute ist die Technologie in
den Händen der Amerikaner und Chinesen.»
PETER BRABEC K,
VER WALTUNGSRAT SPRÄSIDENT UND KONZERNC HEF VON NES TLÉ
«Erneuerbare Energie ist eine wunderbare Chance für die Schweiz mit
grossem Potenzial für die Wirtschaft. Warum also sich kein ehrgeiziges
Ziel setzen?»
BER TRAND PICC ARD, DER MIT SEINEM PROJEK T
SOL AR IMPUL SE ALLEIN MIT SONNENENERGIE UM DIE WELT FLIEGEN WILL
Schweizer Baukonzern Implenia zieht sich der britische
Hedge-Fund Laxey zurück,
bleibt aber weiterhin der mit
Abstand grösste Aktionär.
SC HWEIZ ER R EVUE Juni 2008 / Nr. 3
Fotos: Keystone
Wahlen in Schwyz
und St.Gallen löst
die SVP die CVP als
stärkste Partei ab.
Damit geht der Siegeszug der Schweizerischen Volkspartei
bei kantonalen Wahlen vorläufig weiter.
■ Die diesjährigen
Ostern waren die kältesten seit fast dreissig Jahren. Im Mittelland lagen
die Temperaturen beim
Gefrierpunkt. Der starke und
anhaltende Schneefall führte
über die Feiertage zu zahlreichen Verkehrsunfällen.
■ Nach fast einjährigem Übernahmekampf um den grössten
■ Die SVP Schweiz will Eveline
Widmer-Schlumpf zum Rück-
tritt aus dem Bundesrat und
aus der Partei zwingen. Doch
die Bündner SVP stellt sich
hinter ihre Bundesrätin. Auf
dem Berner Bundesplatz bekunden 100 000 Personen ihre
Solidarität mit der Bundesrätin.
■ Marcel Ospel tritt als Verwaltungsratspräsident der Grossbank UBS zurück. Ospel reagierte damit auf eine
weitere Abschreibung
von 19 Milliarden
Franken infolge der
Hypothekenkrise in
den USA.
■ Der Bundesrat will
die Ausfuhr militärischer Trainingsflugzeuge einschränken.
Exporte in Konfliktgebiete sollen nicht
mehr bewilligt werden. Im
Tschad war ein schweizerisches
Pilatus-Flugzeug für Kampfeinsätze umgebaut worden.
■ Ein Zürcher Jugendgericht
verurteilt zwei junge Männer
wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen. Der 19-jährige
Täter erhält dreieinhalb Jahre
Gefängnis, der 17-Jährige muss
in ein Jugendheim.
■ Vor 38 000 Zuschauern im
Basler St.-Jakob-Park gewinnt
der FC Basel gegen die Berner
Young Boys mit 2:0 und wird
damit verdient zum 12. Mal
Schweizer Fussballmeister.
■ Die Glarner Landsgemeinde
hat die freisinnige Marianne
Dürst zur Frau Landammann
gewählt. Der abtretende
Landammann Röbi Marti
von der SVP übergibt das
Landesschwert erstmals einer
Frau.
■ Die Berner SVP stellt sich gegen einen Ausschluss der Bündner Kantonalpartei aus der
SVP Schweiz. Diese hat den
Ausschluss verlangt, weil die
Bündner weiterhin hinter Bundesrätin Widmer-Schlumpf
stehen.
■ Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wird vom
Bundesrat empfangen. Hauptthema ist der Fluglärm-Streit
zwischen den beiden Ländern.
Neue Analysen sollen die
Lärmbelastung im Grenzgebiet
messen.
■ Ende April ist das Mandat
von Jean Ziegler als Uno-Berichterstatter für das Recht auf
Nahrung abgelaufen. Bei sei-
nem Rücktritt verlangt Ziegler
mehr Hilfe für Palästina und
mehr Gelder für das Welternährungsprogramm.
■ Rinderdärme aus Paraguay
sollen den Engpass bei der Produktion von Cervelats überbrücken. Ab nächstem Jahr sollen
gemäss dem Schweizerischen
Fleischverband wieder Därme
aus Brasilien eingeführt werden.
R.R.
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Seele and Geist
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