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1 Wie kam es zum ersten Kindergarten in Lippstadt - reckerdesign

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Wie kam es zum ersten Kindergarten in Lippstadt?
Eva-Maria Dahlkötter
Der Jakobi- Kindergarten, der sich früher an der Wilhelmstraße und seit 1987 im Gemeindezentrum an der Brüderstraße befindet, möchte sein 150jähriges Bestehen feiern. Ein Blick auf
die Bronzetür des Nordportals der Marienkirche legt 2001 als Termin nahe, dort ist eine
Gruppe spielender Kinder mit einer Erwachsenen zu sehen, dazu die Jahreszahl 1851.
Meine Nachforschungen in den Kirchenarchiven und im Stadtarchiv ergaben, dass die Gründung 1844 erfolgte und dass die Kleinkinder-Bewahr-Anstalt schon im November 1845 eröffnet wurde. Die Ergebnisse sind auch im Hinblick auf die Geschichte der Stadt von Interesse,
darum werden einige Dokumente hier veröffentlicht.
Die Einrichtung von Kindergärten, die Regelung ihrer Trägerschaft, die pädagogischen Zielsetzungen, die Ausbildung der Kinderpflegerinnen (Sozialpädagoginnen), die Finanzierung
der Kindergärten und neuerdings der Anspruch eines jeden Kindes auf einen Kindergartenplatz, all dies findet immer wieder großes Interesse. Diese Fragen sind heute nur einer Lösung
zuzuführen durch die staatliche Gesetzgebung, die sich auf alle hier erwähnten Gebiete bezieht und bei ihrer Umsetzung auf Steuergelder, auf private Träger und Elternbeiträge angewiesen ist.
Wir blicken zurück: Wann begann das Interesse sich solchen Fragen zuzuwenden? – Was war
die Veranlassung zu diesen bis heute uns so vertrauten Formen der Zuwendung und Fürsorge
für Kinder nicht nur im Raum der Familie und der Schule?
Die Anfänge liegen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Damals erlebte Europa
eine Epoche langer Kriege, eine tiefe Erschütterung der alten monarchischen Ordnung,
schwere wirtschaftliche Krisenzeiten und die Veränderungen, die der Prozess der Industrialisierung bewirkte und die zu tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaft führten.
Wie kam es, dass ausgerechnet in Lippstadt in der Mitte der 40er Jahre eine der ersten Kleinkinder-Bewahr-Anstalten im Deutschland gegründet wurde? (In Detmold bestand seit 1802
der „Kindergarten“ der Fürstin Pauline zur Lippe). Die Nöte waren in Lippstadt sicher nicht
größer als anderswo. Sie zeigten sich in Armut, schlechten Wohnverhältnissen, Seuchengefahr und mangelnder Ausbildung, später würden Ökonomen und Soziologen vom „Teufelskreis der Armut“ reden. Es gab in Lippstadt Persönlichkeiten, die diese Nöte nicht nur wahrnahmen sondern die Initiative ergriffen und dabei tatkräftige Förderer fanden. Ihre Motivatio-
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nen sollen im folgenden beleuchtet werden. Waren nicht die Kommune und die Kirchengemeinden diejenigen, die sich dieser Aufgabe zuwenden mussten? Aus heutiger Sicht und nach
den Erfahrungen, die man in den letzten 150 Jahren gemacht hat, erscheint es uns als selbstverständlich, das war es damals aber nicht.
Im Mittelpunkt der Bemühungen um die Betreuung der Kleinkinder der Unterschicht steht
Gangolf Dreieichmann, von 1840-1890 (!) Pfarrer der Großen Mariengemeinde. Als Mitglied
der Schulkommission, bei der Verwaltung des Armenfonds und bei seinen Hausbesuchen
erlebte er, dass Armut und schlechte Wohnverhältnisse zu einer Überforderung der Familien
führten. Die durch die Not erzwungene Arbeit der Frauen der Unterschicht – als Arbeiterin,
Wäscherin, Büglerin, Näherin, als Mithilfe in Haus und Garten und auf dem Feld – führte
dazu, dass ihre Kleinkinder nicht ausreichend versorgt und gefördert wurden. Die erzieherischen Kräfte der Mutter erlahmten oft, die Mängel zeigten sich dann bei den Kindern bei der
körperlichen Pflege, der Ernährung, der geringen Zuwendung und bei der sittlichen Erziehung. Dreieichmann hatte ein warmes Herz, einen klaren Blick, praktischen Sinn und große
Überzeugungskraft. Im Zusammenhang mit seinem Wirken wird immer wieder der erste evangelische Kirchentag in Wittenberg (1848) erwähnt, auf dem Johann Hinrich Wichern in
einer spontanen Rede zur „Inneren Mission“ aufgerufen hatte. Dies Ereignis ist ebenfalls auf
der Bronzetür am Nordportal der Marienkirche festgehalten worden. Jedoch wandte Dreieichmann sich diesem Aufgabengebiet schon früher zu, wahrscheinlich u.a. veranlasst durch
Wicherns „Blätter aus dem Rauhen Haus“ in Hamburg, die von „Rettungsarbeit“ an verwahrlosten Jugendlichen berichteten.
Es gab genug zu verbessern, aber wo beginnen? Und wer sollte aktiv werden? - Meine Nachforschungen brachten allerlei Unerwartetes ans Licht. Nicht die Kommune wurde aktiv, auch
nicht die Presbyterien der beiden evangelischen Kirchengemeinden. Angeregt von Friedrich
Bertram, Bürgermeister von 1830-1848, und Gangolf Dreieichmann wurde ein privater Verein gegründet, ordnungsgemäß mit Statuten, einer ehrenamtlichen Geschäftsführung und
Rechnungslegung. Dieser Verein wandte sich an die Öffentlichkeit und bat um Spenden und
um Mitarbeit von „achtbaren Personen“, insbesondere Frauen und Jungfrauen, die die Lehrerin, bald Kinderpflegerin genannt, in der Kleinkinderschule mit Rat und Tat begleiten sollten.
Dieser private Verein, von dem zeitweilig bis zu 120 Kleinkinder betreut wurden, hat in dieser Form für mehr als 50 Jahre bestanden. Die Protokollbücher wiesen aus, wer und wieviel
gespendet hat, welche Damen im Wechsel in der Kleinkinderschule anwesend waren und die
1–2 Erzieherinnen unterstützten. Sie waren die „Patentanten“, sie organisierten den Jahresausflug zum „Tannenbaum“ und richteten die Weihnachtsfeier aus.
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Hier tritt eine neue Organisationsform der Arbeit aus christlicher Verantwortung zutage, die
sich im 19. Jahrhundert in den Kirchen entwickelte, die Vereinsarbeit. Das Gemeindehaus
wurde damals oft als Vereinshaus bezeichnet. Die Lippstädter evangelische Kirchengemeinde
hatte 1919 etwa 10 kleinere und größere Vereine. Es fanden sich also Personen zusammen,
die aus eigener Initiative handelten. Dass der Pfarrer im günstigsten Fall (wie in Lippstadt)
der Motor des Ganzen war, erscheint verständlich, war aber nicht die Regel. Aufs Ganze gesehen haben wir hier einen Schritt weg von der „Pastorenkirche“.
Aber nun zu den Mühen des Anfangs. Wo findet sich ein geeignetes „Local“, 1–2 Räume?
Bei der Lektüre der Akten gewinnt man den Eindruck, dass mancher Bürger die laute Kinderschar nicht auf seinem Grundstück oder an seiner Grundstücksgrenze haben wollte. In den
ersten Jahren stellte die Stadt (Bürgermeister Bertram) Räumlichkeiten in den heruntergekommenen Klostergebäuden von St.-Annen-Rosengarten zur Verfügung, die ihr ja gehörten.
Dann fand sich Unterschlupf im neugebauten evangelischen Hospital an der alten Soeststraße,
später im neugebauten Gemeindehaus, dann in der Elementarschule. Welch eine Verbesserung war es, als Fräulein Marie Epping, Mitglied des Vorstands, aus eigenen Mitteln ein Haus
an der Wilhelmstraße (jetzt Woldemei 16) baute und es dem Verein zur Verfügung stellte, das
war 1877! 20 Jahre später würde sie es der evangelischen Kirchengemeinde schenken.
Welches waren die Ziele der Kleinkinderarbeit? Die sich wandelnden Bezeichnungen helfen
zum Verständnis: Verwahranstalt, Bewahranstalt, Kleinkinderschule, Kindergarten (manchmal auch Spielschule genannt). Die ursprüngliche Bestimmung war das Beaufsichtigen von
Kleinkindern, deren Eltern außer Haus arbeiteten. Für sie brauchte kein Schulgeld gezahlt zu
werden. Als wegen der erzieherischen Arbeit, die der Kindergarten doch wohl leistete, auch
Eltern der Mittelschicht die Aufnahme ihrer Kinder wünschten, mussten sie Schulgeld bezahlen. Es ist bemerkenswert, dass der Kindergarten zeitweilig bis zu 40% katholische Kinder
aufgenommen hatte, ein Kindergarten der katholischen Kirchengemeinde wurde erst gegen
Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtet. In den „Statuten“ wird umrissen, was als wünschenswertes Ergebnis der Förderung in der Kleinkinderschule erachtet wird: §3: „Die Aufsicht über
die Anstalt, so wie das Bewahren, Beschäftigen und spielende Unterrichten der Kinder wird
einem geeigneten Frauenzimmer von ernstem sittlichen Charakter und christlicher Gesinnung
anvertraut, welche zugleich die Gabe besitzt, die Kinder in liebevoller Weise zum Gehorsam,
zur Ordnung und Reinlichkeit anzuleiten, fröhlich zu unterhalten, zu beschäftigen, und soviel
passlich, nebenbei zu unterrichten.“ – Die langen Arbeitszeiten, von denen die Instructionen
für die Lehrerin spricht, wurden nie strikt eingehalten.
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Aussagen über die Arbeit sind spärlich, was sagt die Ausbildung der „Kinderpflegerinnen“
darüber aus? Sie war, wo immer sie stattgefunden haben mochte, von den pädagogischen
Vorstellungen von Friedrich Fröbel beeinflusst. Er bildete Kinderpflegerinnen in seinen Kursen in Blankenburg am Harz aus. Der erste Fröbel-Kindergarten in Westfalen wurde 1847 in
Lünen eröffnet. Für Fröbel stand das Spiel als gleichwertige Bildungsform neben der Lernarbeit. Ferner ging es ihm um eine sozialpädagogische Unterstützung der Familie. Die Lippstädter nahmen gern Kleinkinderlehrerinnen, die im Diakonissenverein in Kaiserswerth ausgebildet waren, später waren es Betheler Diakonissen. Als diese Ausbildung an verschiedenen Orten Deutschlands angelaufen war, gab es keine Schwierigkeiten, Lehrerinnen für die Kleinkinderschulen zu finden, eröffnete sich hier doch eines der ersten Felder für die berufstätige
Frau. Hatte eine Kinderpflegerin zuerst nur ein möbliertes Zimmer zur Verfügung gestellt
bekommen, so bewohnte sie nach 1877 eine Wohnung in der Kleinkinderschule, bald zusammen mit der Gemeindeschwester, ein Aufgabenbereich, der in dieser Zeit entstand. Die Diakonissen übernahmen gerne diese Aufgaben, die ihnen eine größere Selbständigkeit als in den
anderen Arbeitsgebieten des Mutterhauses ermöglichte.
Die Akten lassen erkennen, welche Schwierigkeiten es machte, die Finanzierung der Kleinkinderschule Jahr um Jahr zu sichern. Die staatlichen Behörden (Preußen und Lippe) hatten
zwar die Erlaubnis zur Eröffnung gegeben, lehnten aber eine einmalige oder gar jährliche
Unterstützung mit deutlichen Worten ab, ebenso verhielt sich die Kommune. Die Begründungen der Ablehnung bewegen sich im Spektrum von : Wir haben kein Geld / Lippstadt hat genug Geld im Armenfonds / wenn wir zahlen, dann werden sich die privaten Spender zurückziehen / wenn die andere Behörde nicht zahlt, dann werden auch wir nicht zahlen.
Als die Kinderschule eröffnet wird, sieht der Kostenvoranschlag vor:
Einrichtung
78 Rth.
Jährliche Unterhaltungskosten
350 Rth.
(d.h. für Gehalt und Wohnung der Leiterin, Miete für den Kindergarten, Feuerungsmaterial,
Utensilien, Frühstück und Vesperbrot für die Kinder, Kittel und Waschlohn.)
Die Frauen, die sich über Jahrzehnte für „ihre“ Kleinkinderschule engagierten, waren Angehörige der bekannten Familien der Lippstädter Ober- und Mittelschicht. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass ihre Motivation u.a. gespeist wurde aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl dieser (damals noch vorwiegend evangelischen) Kreise, aus sozialem Engagement und,
wenn sie aus christlicher Verantwortung wuchs, dann aus der Überzeugung, dass die Kirche,
die die Säuglingstaufe vornahm, damit auch die Aufgabe habe, die Sozialisation dieser Kinder
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durch Hilfe und Erziehung zu fördern. Dies fasste man damals unter dem Begriff „Innere
Mission“. Darüber hinaus wird durch Briefe belegt, dass diese Verpflichtung in freudiger Zusammenarbeit mit Pfarrer Dreieichmann praktiziert wurde. Dies gilt, neben manchen anderen,
für die Töchter der Kaufmannsfamilien Carl Hermann und Johann Diedrich Epping. Fräulein
Marie Epping (1840-1936) trug in den Jahren von 1877 bis in den ersten Weltkrieg die
Hauptverantwortung und die finanzielle Last, indem sie offensichtlich häufiger das jährliche
Defizit ausglich.
Dass die Kindergärten noch lange fast ausschließlich private Veranstaltungen oder solche der
Kirchengemeinde waren, geht aus der Statistik für Lippstadt (1916) hervor: Es werden gemeldet vier Kleinkinderschulen, davon 2 von den katholischen Kirchengemeinden, 1 dem katholischen Lyzeum angeschlossen und die von der evangelischen Kirchengemeinde unterstützte
„private Veranstaltung der Frl. Marie Epping.“
Obwohl die Königliche Regierung in Arnsberg den Kommunen nahelegte, die Kleinkinderschulen zu unterstützen, da sie weniger konfessionelle als Anstalten von kommunaler und
sozialer Bedeutung seien, blieben die Städte in der Regel recht „zugeknöpft“ – aus welchen
Gründen auch immer!
Aber auch die kirchlichen Behörden hatten ihre Bedenken. Als 1895 Marie Epping das
Grundstück, das Gebäude und die Ausstattung des Kindergartens der evangelischen Kirchengemeinde schenken wollte und dazu eine Königliche Genehmigung brauchte, lehnte das Konsistorium in Münster die Befürwortung ab, es sei nicht wünschenswert, dass die Kirchengemeinde Institute übernehme, die auch privat geführt werden könnten. Wünschenswert sei hingegen, dass die Kirchengemeinde endlich die 3. Pfarrstelle besetze – dafür solle sie das Geld
nehmen! Aber das Presbyterium ließ nicht locker und wandte sich an den Oberkirchenrat in
Berlin, der das Konsistorium anwies, seinen Widerstand aufzugeben, denn „es gebe keinerlei
kirchliche Bedenken gegen die Übernahme des Kindergartens durch die Gemeinde“!
Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts brachte der preußische Staat schrittweise Erziehung
und Ausbildung in seinen Zuständigkeitsbereich. Indem er Handarbeitsunterricht und Hauswirtschaft nach und nach in den Lehrplan der Elementarschulen (Volksschulen) einführte,
machte er private Strickschulen, Industrieschulen und Handarbeitsschulen überflüssig.
Eine abschließende Beurteilung und Bewertung der Kindergartenarbeit im 19. Jahrhundert,
die hier betrachtet wurde, kann im Zusammenhang dieses Artikels nicht geleistet werden. Ob
die Kinder gerne in den Kindergarten gingen, welche fortwirkende Förderung sie erfuhren,
dafür gibt es für den hier behandelten Zeitraum keine aussagekräftigen Zeugnisse. Die Ergeb-
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nisse waren sehr stark abhängig von den jeweiligen Persönlichkeiten und Fähigkeiten der Erzieherinnen, von der Größe der Gruppen, von ihrem Bewegungsraum, ihren Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten.
Im 20. Jahrhundert, das bei seinem Anbruch als „Jahrhundert des Kindes“ euphorisch begrüßt
wurde, wurde die Jugend in Deutschland einer zutiefst verwirrenden Abfolge von oft entgegengesetzten Erziehungszielen und Erziehungsstilen ausgesetzt.
Wohin geht die Reise nun??
Dokumente aus dem Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Lippstadt, 4,19-21
I.
An den Herrn Bürgermeister Bertram
Euer Wohlgeboren habe ich die Ehre, einen Entwurf zu den Statuten eines Kleinkinder schulVereins vorzulegen mit der ergebensten Bitte, eine nähere Berathung desselben möglichst
bald veranlassen zu wollen.
Statuten
§1
Der Zweck des Vereins ist Errichtung und Leitung einer Kleinkinderschule für Kinder von 2
Jahren bis zum schulpflichtigen Alter, welche wegen Armuth, Unfähigkeit oder Beschäftigung der Eltern in Gefahr sind, verwahrlost zu werden.
§2
In dieser Anstalt soll dahin gewirkt werden, daß die Kinder von den körperlichen Gefahren,
denen sie wegen sonstiger Beschäftigung der Eltern und wegen Mangel an gehöriger Aufsicht
oder sorgfältiger Erziehung überhaupt ausgesetzt sind, geschützt, vor übeln Eindrücken möglichst bewahrt, daß ihre körperlichen und geistigen Kräfte geweckt, sie für den Elementarunterricht vorbereitet, und vor Allem zur Gottesfurcht hingeführt werden.
§3
Die Aufsicht über die Anstalt, so wie das Bewahren, Beschäftigen und spielende Unterrichten
der Kinder wird einem geeigneten Frauenzimmer von ernstem, sittlichen Charakter und
christlicher Gesinnung anvertraut, welche zugleich die Gabe besitzt, die Kinder in liebevoller
Weise zum Gehorsam, Ordnung und Reinlichkeit anzuleiten, fröhlich zu unterhalten, zu beschäftigen, und soviel passlich, nebenbei zu unterrichten.
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§4
Zur Bestreitung der Kosten sucht der Verein von wohlgesinnten Einwohnern freiwillige Beträge zu sammeln.
§5
Wer sich zu einem jährlichen Beitrage von wenigstens 1 Thaler verpflichtet, ist Mitglied des
Vereins:
§6
Die Mitglieder des Vereins wählen aus ihrer Mitte einen Vorstand von sieben Personen.
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§7
Dieser Vorstand besorgt die Angelegenheiten des Vereins, beschafft das Local, wählt die Lehrerin, besorgt das Rechnungswesen, entwirft die Schulordnung und die Dienstanweisung für
die Lehrerin, führt die Oberaufsicht über die Anstalt, legt jährlich öffentliche Rechnung ab,
und versammelt sich so oft, als der Zweck des Vereins es erfordert.
§8
Ständige Glieder des Vorstandes sind der Bürgermeister und sämmtliche Pfarrer der Stadt.
Die übrigen Mitglieder wechseln und werden alle 2 Jahre gewählt.
§9
Zur Erreichung eines geordneten Geschäftsgangs wählt der Vorstand aus seiner Mitte
1. einen Director. Diesem liegt ob:
a) den Vorstand, so oft er es für nöthig hält oder von 3 Gliedern desselben darauf angetragen wird, zusammenzuberufen.
b) Die Beschlüsse des Vorstandes in Ausführung zu bringen,
c) Die Correspondenz mit den Behörden zu führen und den jährlichen Bericht abzufassen.
d) Das Organ zu sein, wodurch die Lehrerin ihre etwaigen Wünsche oder Beschwerden zur Kenntniß des Vorstandes bringt, und andererseits wodurch der Vorstand
mit der Lehrerin communicirt.
2. einen Rendanten. Pflichten:
a) Derselbe hat die Casse in Verwahrung, besorgt die Einnahmen und Ausgaben und
führt über beides genaue Rechnung.
b) Zahlungen dürfen nur geleistet werden auf eine von dem Direktor und zwei anderen Vorstandsmitgliedern unterzeichnete Anweisung.
c) Er ist verpflichtet, zu jeder Zeit Aufschluß über dem Stand der Casse zu geben und
jährlich Rechnung zu legen.
3. Einen Secretair, der das Protocoll in den Sitzungen zu führen hat.
Er, sowie der Director, bekommt einen Stellvertreter, der im Verhinderungsfalle ihn
zu vertreten hat.
§ 10
Der Vorstand sucht zu seiner Unterstützung eine Anzahl achtbarer Frauen und Jungfrauen zu gewinnen, welche die Verpflichtung übernehmen, die Schule abwechselnd
wöchentlich zu besuchen und zu beaufsichtigen, ohne jedoch augenblicklich in das Innere derselben durch Verfügung und Erinnerung einzugreifen; sie werden vielmehr
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das Resultat ihrer Untersuchungen und Bemerkungen dem Vorstande berichten, damit
Einheit in den Anordnungen Statt finde.
§ 11
Über die Aufnahme der Kinder entscheidet der Vorstand. Doch hat auch jedes Mitglied das Recht, Kinder zur Aufnahme in Vorschlag zu bringen. Der Aufnahmeschein
wird vom Director ausgestellt.
II.
Wochenblatt für den Kreis Lippstadt, Nr. 47, 22. November 1845
Durch Subscription ist nun auch am hiesigen Orte das Bestehen einer so längst gewünschten allgemein als segensreich anerkannten Anstalt, nämlich einer Klein-KinderBewahr-Anstalt für drei Jahre gesichert, und wird dieselbe am 24. November c. eröffnet
werden.
Für die Eltern, welche wünschen, daß ihre Kinder in diese Anstalt aufgenommen werden, dient Folgendes zur Beachtung:
1) Sie haben ihre Bitte um Aufnahme des Kindes bei einem der Unterzeichneten Vorsteher
anzubringen.
2) Nur solche Kinder können aufgenommen werden, die das dritte Lebensjahr erreicht haben
und noch nicht schulpflichtig sind.
3) Die Kinder müssen zur vorgeschriebenen Stunde in die Anstalt geschickt und wieder abgeholt werden.
4) Wenn das Kind zum ersten Mal die Anstalt besucht, so muß die Mutter oder wer sonst das
Kind gebracht hat, auf Verlangen der Lehrerin den ganzen Morgen in der Anstalt bleiben.
5) Die Kinder müssen gewaschen und gekämmet, reinlich gekleidet und von allem Ungeziefer gereinigt kommen.
6) Die Kinder haben ihr Morgen- und Nachmittagsbrod mitzubringen.
7) Kein Kind darf ohne hinreichend Gründe, als z.B. Krankheit, die Anstalt versäumen. Jedenfalls aber muß, wenn es geschieht, der Lehrerin an demselben Tage, wo das Kind zu
erscheinen verhindert ist, Anzeige davon gemacht werden..
8) Diejenigen Eltern, welche diesen Vorschriften nicht nachkommen, haben es sich selbst
beizumessen, wenn ihnen ihre Kinder zurückgegeben werden. –
Schließlich wird von den Eltern mit Zuversicht erwartet, daß sie die Zwecke der Anstalt auch
zu Hause unterstützen, ihre Kinder nicht nur zur Ordnung, Reinlichkeit, zum Gehorsam und
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Gebete anhalten, sondern auch mit großer Sorgfalt über sich wachen, daß sie nicht etwa durch
Fluchen, Schwören, Lügen, häuslichen Zwist und überhaupt durch böses Beispiel das zu Hause zertreten, was die Klein-Kinder-Schule gepflanzt hat.
Lippstadt, den 21. November 1845.
Der Vorstand der Klein- Kinder- Bewahr- Anstalt.
Bertram. Ribonitsch. Dreieichmann. Daecke.
III.
Instruction für die Lehrerin an der hiesigen Kleinkinder – Bewahr – Anstalt.
§1
Die Lehrerin ist gehalten, während der Sommer- Monate die Kinder Morgens von 7 – 12, und
Nachmittags von 1 – 7; in den Winter - Monaten von 8 – 12 und Nachmittags bis zum Anbruch der Dunkelheit zu beaufsichtigen.
§2
Am Sonnabend Nachmittag sowie an den Festtagen, welche von beiden Confessionen gefeiert
werden, fällt der Unterricht aus.
§3
Sollte die Lehrerin zu einer anderen Zeit den Unterrichten auszusetzen wünschen, so hat dieselbe die Erlaubniß bei dem Vorstande schriftlich einzuholen und für ihre Stellvertretung die
nöthige Sorge zu tragen. Krankheitsfälle machen selbstredend hiervon eine Ausnahme.
§4
Die Lehrerin hat eine Abwesenheitsliste zu führen, welche dem Vorstande monatlich vorzulegen ist.
§5
Ueber die angeschafften Schul-Utensilien hat die Lehrerin ein Inventar anzufertigen und für
deren Aufbewahrung und Erhaltung Sorge zu tragen.
§6
Die Aufnahme eines Kindes in die Anstalt kann nur auf schriftliche Anweisung eines der
Vorstandsmitglieder erfolgen.
Lippstadt, den 19. Juni 1846
Der Vorstand:
gez. Bertram
gez. Dreieichmann
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IV
Wochenblatt für den Kreis Lippstadt, Nr. 27, 4. Juli 1846
Bekanntmachung.
„Es ist jetzt bereits ein halbes Jahr verflossen, seitdem die durch milde Beiträge am hiesigen
Orte gegründete Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt bestanden hat, und halten wir uns verpflichtet,
sowohl um für dieselbe eine allgemeinere Theilnahme zu erwecken als auch um einigen hin
und wieder im Betreff derselben laut gewordenen irrigen Ansichten zu begegnen, über den
Fortgang und das Gedeihen der Anstalt kurzen Bericht zu erstatten.
Wir müssen zuvörderst wiederholt bemerken, daß die Schule zunächst nur für solche
Kinder – und zwar beider Confessionen – bestimmt ist, welchen wegen Armuth, Unfähigkeit
oder Beschäftigung der Eltern die erforderliche häusliche Erziehung und Beaufsichtigung
fehlt. Wenn bis dahin auch einige Kinder anderer Eltern Aufnahme gefunden haben, so konnte dies nur gegen Zahlung eines Schulgeldes geschehen, und wird ihnen auch fernerhin so
lange zugestanden werden können, als der Raum und die Kräfte der Lehrerin es gestatten.
Es haben bis jetzt durchschnittlich 50 Kinder die Schule besucht, von welchen 27 der
evangelischen und 23 der katholischen Confession angehören. Dieselben sind im Singen,
Buchstabiren, Zählen, bibl. Geschichte sc. Auf eine ihrem Alter angemessene Art und Weise
unterrichtet worden. Ueber den Erfolg dieses Unterrichts lässt sich zwar wegen des kurzen
Bestehens der Anstalt noch wenig sagen, aber wer demselben beigewohnt, wer das gesittete,
ruhige Betragen der Kinder, wie die Freundlichkeit und den liebevollen Ernst der Lehrerin
gesehen hat, womit sie sich lehrend und spielend im Kreise ihrer kleinen Schüler bewegt, der
wird gewiß die Ueberzeugung gewonnen haben, daß die Schule für unsere Stadt nicht ohne
Segen bleiben kann. Welche Wohltat es außerdem für die Eltern ist, ihre Kinder den ganzen
Tag über so wohl verwahrt zu wissen und nun ungehindert ihren Geschäften nachgehen zu
können, braucht nicht erwähnt zu werden.
Es kann unser Wunsch nur sein, daß diese Wohltat möglichst Vielen zu Theil werde,
und ersuchen wir demnach Alle, denen das Wohl ihrer Mitmenschen, namentlich der arbeitenden Classe, am Herzen liegt, in ihrem Kreise auf unsere Anstalt aufmerksam zu machen,
und den Besuch derselben zu empfehlen.
In demselben Maaße jedoch, wie wir zum Besuch unserer Schule auffordern, fühlen
wir uns auch veranlasst, die Mildtätigkeit unserer Mitbürger für dieselbe in Anspruch zu
nehmen, da die bis jetzt gezeichneten Beiträge nicht ausreichend sind, um die laufenden Ausgaben damit zu decken. Damit also das Fortbestehen dieses so segensreichen Instituts für die
Zukunft gesichert sei, werden wir uns erlauben, in einer der nächsten Wochen, denen, welche
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sich noch nicht betheiligt haben, die Subscriptionsliste vorlegen zu lassen, und bitten um recht
reichliche Beiträge. Sobald die Liste geschlossen sein wird, soll eine General-Versammlung
und Berathung der Statuten stattfinden. Ueber Einnahme und Ausgabe kann erst am Jahresschluß Rechnung gelegt werden.
Lippstadt, den 19. Juni 1846.
Der provisorische Vorstand:
Bertram, Daeke, Ribonitsch, Dreieichmann.
(Nach 30 Jahren ein erneuter Aufruf zur Unterstützung der Kleinkinderschule.)
V.
Indem wir auch in diesem Jahre wieder mit bittend geöffneter Hand vor die Freunde
und Gönner unserer Kleinkinderschule hintreten, wird es eines näheren Nachweises über die
Wirksamkeit dieser Anstalt nicht bedürfen. Es sei nur erwähnt, daß sie auch im verflossenem
Jahre in gewohnter Weise fortgefahren hat, für die leibliche und geistige Pflege der ihr anvertrauten Kleinen nach Kräften zu sorgen, und soviel als möglich den Saamen des Guten in ihre
Herzen auszustreuen.
Als ein erfreuliches Zeichen der öffentlichen Anerkennung dieser ihrer Tätigkeit darf
ja auch wohl die sich mit jedem Jahre steigernde Frequenz der Schule angesehen werden, die
jetzt bereits eine Höhe von 120 Schülern erreicht hat. Zu ihrer Beaufsichtigung reichten jedoch die Kräfte unserer, wenn auch noch so tüchtigen Lehrerin, nicht mehr aus, und sind wir
daher gezwungen gewesen eine zweite Lehrerin zu berufen.
Dadurch haben sich nun aber selbstredend auch unsere Ausgaben sehr bedeutend vermehrt, und wenn unsere Anstalt schon früher der Beihilfe gütiger Wohlthäter nicht entbehren
konnte, so sieht sie sich jetzt noch mehr auf deren Unterstützung angewiesen.
Wir erlauben uns daher, an die Freunde unserer Schule die ergebene und dringende
Bitte zu richten, ihre bisherigen Gaben uns nicht nur nicht entziehen, sondern wo möglich
noch erhöhen zu wollen, und uns dadurch in den Stand zu setzen, daß von uns begonnene und
von Gott bisher so reichlich gesegnete Unternehmen seiner weiteren Entwicklung entgegenzuführen.
Lippstadt, den 27. September 1876
Der Vorstand der Kleinkinderschule –
I.A.
Dreieichmann
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VI.
Lippstadt, d. 2. März 1897
An das Presbyterium der evangelischen Gemeinde hierselbst.
Nachdem Sie meine Mitheilung, wonach ich bereit bin, die sogenannte Kleinkinderschule hierselbst, Parzelle Flur sieben N° Drei Tausend zwei Hundert vier u. dreissig fünf
Hundert zwei u. zwanzig, der Gemeinde Lippstadt, mit darauf stehenden Gebäulichkeiten,
nach dem Cataster groß: 8,55 Are u. das in den Gebäuden befindliche Inventar, der evangelischen Kirchen Gemeinde hierselbst, unter der Bedingung als Eigenthum zu überweisen, daß
die Gemeinde nach meinem dereinstigen Ableben oder von dem Zeitpunkte an wo es mir
nicht mehr gefallen sollte die Leitung der Schule wie bisher selbst auszuüben, unterm gestrigen Tage acceptirt haben, so erkläre ich nunmehr mich bereit, das Eigenthum an den besagten
Realitäten für unsere Kirchen Gemeinde aufzulassen.
gez. Marie Epping
VII:
Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Lippstadt
Lippstadt, den 1. März 1897
An Fräulein Marie Epping Wohlgeboren Hier.
Sie haben seiner Zeit eine Mitteilung uns zugehen lassen, wonach sie bereit sind, die
in Ihrem Eigentum befindliche und bisher von Ihnen geleitete Kleinkinderschule unserer Kirchengemeinde als Eigentum unter der Bedingung zu überweisen, daß die Gemeinde –
Vertretung sich bereit erkläre, nach Ihrem dereinstigen Ableben, oder von dem Zeitpunkte
an, wo es Ihnen nicht mehr gefallen sollte, die Leistung der Schule wie bisher selbst auszuüben, die Schule als Anstalt der Gemeinde fortzuführen und Ihrer Bestimmung gemäß zu erhalten.
Sie haben durch diesen Entschluß unsere Gemeinde, für welche eine Kleinkinderschule ein dringendes Bedürfnis geworden ist, zu großem und dauerndem Danke verpflichtet. Von
der Repräsentanten- Versammlung der Gemeinde dazu autorisirt und nach erfolgter Genehmigung des Evangelischen Oberkirchenraths erklären wir hierdurch, daß wir Ihre hochherzige
Zuwendung und die daran geknüpfte Bedingung herzlich dankend hiermit acceptiren.
Der von Ihnen erklärte Bereitwilligkeit entsprechend nehmen wir an, daß Sie die Verwaltung der Kleinkinderschule solange es Ihnen gefallen wird, - was, wie wir wünschen,
noch lange der Fall sein möge, - in bisheriger Weise fortführen werden, so daß bis zu solchem
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gedachten Zeitpunkte sich die Gemeinde- Vertretung mit dieser Verwaltung in keiner Weise
sich zu befassen haben wird.
Wir halten aber dafür, daß es Ihrer erklärten Absicht entsprechend sich empfehle wenn
Sie die Auflassung des Eigentums an den betreffenden Realitäten für unsere Kirchengemeinde, wenn es Ihnen gelegentlich passt, bewirken und wegen Einholung der Genehmigung Seiner Majestät des Königs zur Annahme Ihrer Zuwendung, (..welche das Grundstück Flur sieben Nummer dreitausend, zweihundertvierunddreißig der Steuergemeinde Lippstadt fünfhundertzweiundzwanzig mit aufstehenden Gebäulichkeiten, groß nach dem Cataster 8 Are 55
? mtr. und das in den Gebäuden befindliche Kleinkinderschul – Inventar betrifft;) die Erklärung Ihres Einverständnisses mit dem Vorstehenden durch Schreiben an uns, welches wir höheren Orts vorzulegen haben, gütigst bestätigen wollten.
Mit der nochmaligen Versicherung des herzlichsten und ergebensten Dankes
Das Presbyterium der Evangelischen Gemeinde:
gez.: Niemöller
P. Thurmann
Berkemeyer
A. Kisker
Haumann
Sterneborg
H.W. Thurmann D. Lempke Schirmer
Frh. von Werthern C.D. Epping
Rich. Hennig
F. Maas
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Seele and Geist
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