close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

- Wie und wo habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt - Hörplanet

EinbettenHerunterladen
Interview
mit
Michael Eickhorst und Dennis Rohling
vom
Hörspiellabel Hörplanet
Wie und wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Das war im Jahr 2000 im Offenen Kanal Osnabrück. Wir hatten dort beide diverse
Sendungen, größtenteils im Bereich Satire und Comedy. Schnell kam der Gedanke an eine
Zusammenarbeit auf, wobei der erste Versuch grandios scheiterte. Im zweiten Anlauf hat es
dann zum Glück doch noch geklappt, und von da an ging es los mit den gemeinsamen
Produktionen…
Würdet ihr euch zu den sogenannten „Kassettenkindern“ zählen oder habt ihr erst
später zum Hörspiel gefunden?
DENNIS: Als Kind hatte ich eine Handvoll Hörspielkassetten, aber keine nennenswerte
Menge. Ein paar TKKG-Kassetten, ein paar „Drei Fragezeichen“. Das war gut anhörbar, aber
ab einem gewissen Alter wanderten die in eine Kiste auf dem Dachboden, wo sie auch heute
noch sind, soweit ich weiß.
Und abgesehen von „John Sinclair“ höre ich auch keine Hörspiele. Ich schaue lieber fern;
wenn ich ein Hörspiel höre, bin ich ruck, zuck abgelenkt, weil nur ein Sinn beansprucht wird.
Manchmal höre ich eine neue Sinclair-Folge, wenn ich spazieren gehe. Dann denke ich
mittendrin über eine Idee nach und plötzlich fällt mir auf, dass ich seit zehn Minuten nicht
mehr auf den Inhalt geachtet habe.
MICHAEL: Beides. In den späten 80ern hab ich die „Drei Fragezeichen“ rauf und runter
gehört. Merkwürdigerweise aber auch fast NUR die – als Dorfkind wusste ich wohl gar nicht,
was es sonst noch für zahlreiche Serien gab. Dann kam jedenfalls die übliche Pause, und in
der Oberstufe hab ich dann die alten Kassetten für mich wiederentdeckt und ungefähr zur
gleichen Zeit angefangen, eher literarische Hörspiele aus der Bücherei auszuleihen. Da fand
ich dann so was wie „Der Name der Rose“ oder „Der Zauberberg“ spannend. Ich denke, im
besten Fall sind unsere eigenen Serien beides: So unterhaltsam wie die „Drei Fragezeichen“,
aber vom Anspruch her „für Erwachsene“. So hab ich’s mir vorgestellt…
Was macht für euch das Hörspiel, als Medium an sich, zu etwas Besonderem?
Die Möglichkeit, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand Berge versetzen kann. Mit
ein bisschen Kreativität und Spaß am Ausprobieren kann man mit einfachen Mitteln satte
Bilder im Kopf erzeugen. Für eine Schlacht brauchen wir weder 2.000 Statisten noch dieselbe
Menge an Kostümen. Im Gegenteil, wir können im Grunde im Bademantel im Studio sitzen,
mit Gegenständen klappern und ein paar Sprecher in diversen Rollen aufnehmen. Das
übereinandergelegt ergibt dann ebenfalls eine Schlacht mit Tausenden von Kämpfern.
Und das ist auch jedes Mal aufs Neue die Herausforderung: aus einem „drögen“ Text eine
gelebte Szene erstellen, die den Hörer später mitnimmt in eine eigene Welt.
1/19
Haben Eure Familien und Freunde direkt hinter euch gestanden nachdem ihr
verkündet habt, euch mit der Produktion von Hörspielen selbständig zu machen?
DENNIS: Nein. Die meisten können damit nichts anfangen und lassen sich auch heute nur
schwer begeistern für das, was wir da so „treiben“. Aber daran habe ich mich gewöhnt. Die
meisten in meinem Umfeld haben mit Hörspielen wenig zu tun. Muss ja auch nicht.
Wenigstens meine zukünftige Frau ist schon vor unserem ersten Treffen Hörspielfan gewesen
und verfolgt unsere Projekte stets mit großer Begeisterung. Na ja, und es gibt zum Glück
genug andere Menschen, die sich für unsere Arbeit interessieren, sodass wir nicht auf den
Freundeskreis angewiesen sind.
MICHAEL: Die Familie ist immer ein Thema für sich. Aber von den Freunden hab ich zum
Glück viel Bestätigung und auch Unterstützung verschiedenster Art bekommen. Dafür bin ich
den entsprechenden Personen wirklich sehr dankbar! Und Tipps und Ratschläge gibt’s
natürlich auch allerorten – hier muss man aber oftmals tapfer sein, wenn der eine oder andere
Ratschlag doch eher „gut gemeint“ als wirklich „gut“ ist…
Gibt es ein Lieblingshörspiel für euch?
DENNIS: Eigentlich nicht. Ich höre gerne „John Sinclair“, weil es leichte und gut gemachte
Kost ist. Immer spannend und sehr hochwertig produziert, das macht mir Spaß. Aber eine
spezielle Folge, die ich gerne höre, habe ich nicht. Ich glaube, ich habe auch bisher keine
Folge mehrmals gehört.
MICHAEL: Die Goldmedaille geht an „Otherland“. Ein echtes Hörerlebnis, das ich unbedingt
mal wiederholen muss – wenn es nur nicht so lang wäre… Silber geht an „Gabriel Burns“.
Eine tolle Serie, mit der ich mich anfangs schwer getan habe, und die mich richtig in ihren
Bann gezogen hat, als ich 2010 in einem Rutsch die mir bis dahin unbekannten Folgen 20 bis
34 gehört habe. Leider kam seither nicht allzu viel nach, obwohl ich gierig auf Nachschub
warte… Und Platin kriegt „Das Wittgenstein-Programm“. Sehr gelungenes Einzelhörspiel!
Habt ihr ein Lieblingshörspiel aus euren eigenen Produktionen bzw. welches eurer
Hörspiele liegt euch besonders am Herzen?
Wir mögen nach wie vor die Abenteuer von „Holger, der Hörspielgurke“ sehr gerne. Das sind
immer sehr heitere Produktionen mit viel Augenzwinkern und Spaß bei den Aufnahmen.
Wann und wie kam es zu der Idee, ein Label zu gründen?
Das müsste 2002 gewesen sein. Wir waren zu dem Zeitpunkt bei teutoRADIO, einem privaten
Radiosender, der damals aus Osnabrück gesendet hatte. Dort versorgten wir eine
wöchentliche Radiosendung mit selbst geschriebenen Beiträgen. Aber nach und nach wuchs
der Frust darüber, dass es so wenige Rückmeldungen gab. Wir fragten uns, ob überhaupt
jemand hören würde, was wir da Woche für Woche sendeten. Da wir „nebenbei“ auch schon
2/19
längere Hörspiele aufgenommen hatten, wobei das teilweise mehr aneinandergereihte Sketche
als Geschichten mit ausgearbeiteter Dramaturgie waren, kamen wir auf die Idee, mal eines
davon auf CD rauszubringen und damit deutschlandweit viele Hörer zu gewinnen. Das mit
den „vielen Hörern“ hat damals nicht so recht geklappt, aber der Grundstein war gelegt. Und
wenn wir heute unsere Hörspiele von damals hören, finden wir es auch ganz angemessen,
dass die Hörerzahl überschaubar war…
Wieso wurde der Labelname von „FerkelRecords“ in „Hörplanet“ geändert und wie
seid ihr auf den Namen gekommen?
Uns war klar, dass wir bei dem Wechsel vom Amateurlabel ins professionelle Lager einen
Trennstrich ziehen mussten. Bei FerkelRecords hatten wir nur Comedy-Hörspiele
veröffentlicht, da hatten wir auch einen entsprechenden Ruf. Beim Hörplanet wollten wir
hingegen ein wesentlich vielfältigeres und „seriöses“ Programm anbieten.
Habt ihr die Gründung eines Hörspiellabels jemals bereut bzw. ist zwischenzeitlich mal
die Luft raus gewesen oder kamen Zweifel auf?
Einen richtigen Tiefpunkt hatten wir eigentlich nie. Wir haben immer daran geglaubt, dass
das, was wir da machen, genug Leuten gefallen wird, um davon leben zu können. Das hat sich
ja auch bestätigt. Es geht uns zwar nicht ansatzweise so gut, wie wir das 2006 bei einem Blick
in die Zukunft gedacht hätten, aber wir können uns nicht beklagen, denn immerhin können
wir halbwegs davon leben. Und das ist doch schön.
Wie sehr tangieren euch die Kritiken zu den Hörspielen? Lesen werdet ihr sicher so
viele wie nur möglich, um Feedback zu den Produktionen zu sammeln, und jeden Schuh
muss man sich dabei nicht anziehen, aber kommt es dann und wann nicht trotzdem vor,
dass ihr euch bzw. das Hörspiel total missverstanden fühlt?
Ganz so gravierend ist es zum Glück nicht. Aber wir veröffentlichen jedes Hörspiel mit dem
Wissen: „Das ist gegenwärtig das Maximum, das wir erreichen können“. Da tut es natürlich
mitunter weh, wenn bestimmte Dinge dann nicht gut ankommen. Aber wir können in den
meisten Fällen unterscheiden, ob das dann einfach nur falsch rüberkam oder ob wir da in der
Tat nochmal drüber nachdenken müssen beim nächsten Mal. Kritik von außen ist wichtig,
aber man darf sie auch nicht überbewerten. Erst recht nicht, wenn man sieht, dass der eine
dieses gut findet und der andere das genaue Gegenteil. Da muss man schon langfristig
schauen, welche Kritikpunkte sich häufen. Nur, weil zwei Leute in einem Forum derselben
Meinung sind und diese auch lautstark mitteilen, darf man das nicht immer als allgemeine
Meinung ansehen – auch, wenn es sich oft so anfühlt.
Die Lage des Hörspielmarktes wird aktuell immer wieder heiß diskutiert.
Zum Teil haben Label die Tore geschlossen, orientieren sich um oder legen eine Pause
ein. Glaubt ihr, dass sich der Markt durch diese „Bereinigung“ schneller wieder erholen
wird, ober wird es eventuell noch Jahre dauern?
3/19
Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich geht es dem Markt gar nicht wirklich schlecht, und es
ist bloß eine Phase des Umbruchs, in der man entweder durchhält oder untergeht.
Veränderungen sind allgegenwärtig, und Flexibilität ist wichtig. Leider auch dann, wenn es
darum geht, ob eine persönlich von uns sehr wertgeschätzte Serie wie „Ordensschwester
Amélie“ auch ohne eigene Erfolgszahlen weitergeführt werden kann oder nicht.
Illegale Downloader sind ebenso immer wieder ein Thema. Trägt die Anzahl dieser
Downloads auch einen Anteil an der Misere für den Markt? Wie steht ihr grundsätzlich
dazu?
Es ist und bleibt ein leidiges Thema, zu dem wohl alle Parteien ihre eigene Meinung haben.
Wir wissen nicht, wie viele Leute wirklich eine Bedfort-CD gekauft hätten von 1.000
illegalen Downloadern. Aber Fakt ist: selbst, wenn dieses Vorgehen uns nur 10 CD-Kunden
kostet, sind das 50 Euro, die an anderer Stelle fehlen. Und irgendwer bleibt auf den Kosten
sitzen. Der Sprecher, dessen Gage später kommt. Der Vermieter, dessen Miete wir erst später
zahlen können. Das Presswerk, dessen Rechnung später gezahlt wird. Es ist schon bitter, dass
manches Mal das Geld knapp ist, während andernorts tausendfach die eigenen Werke geklaut
werden. Denn das ist es, auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: Diebstahl! Es ist und
bleibt eine Frechheit all denen gegenüber, die Energie und Kraft in die Entstehung der
Hörspiele gesteckt haben. Und nicht zuletzt ist es auch ein Schlag ins Gesicht aller ehrlichen
Käufer. Die fragen sich vielleicht irgendwann auch mal, warum sie die Letzten sein sollen, die
für eine Lady-Bedfort-CD noch Geld zahlen. Dabei sind es gerade diese Leute, die die Serie
am Leben halten. Und denen nach wie vor unser aufrichtiger Dank gilt. Danke für jeden CDoder legalen Download-Kauf! Und an alle, die meinen unsere Sachen unbedingt saugen zu
müssen: kauft sie bitte, wenn sie euch gefallen. Nur so können wir auch weiterhin neue
Hörspiele produzieren.
Die Regale für die Erwachsenen-Hörspiele schrumpfen hier und da doch deutlich.
Warum?
Dass die Regale in den Märkten schrumpfen, liegt einfach am Internet. Viele, die noch vor 10
Jahren beim Media Markt um die Ecke eine Hörspiel-CD gekauft haben, bestellen diese jetzt
bei Amazon. Das hat für uns aber einen ganz entscheidenden Nachteil: wir werden nicht
gesehen, wenn der Kunde eigentlich was anderes kauft. Im Media Markt war die Chance
groß, dass ein Kunde unsere CD sieht, wenn er eigentlich eine neue Sherlock Holmes CD
kaufen wollte. Bei Amazon gibt es zwar auch den Unterpunkt „ähnliche Produkte“, aber das
ist wesentlich schnelllebiger.
Hätte das Hörspiel als reines Download-Produkt eine Zukunft?
Aktuell sehen wir das noch nicht. Vom Gesamtumsatz machen die Downloads vielleicht ein
Fünftel aus. Das ist schon beachtlich, aber von einer Ablösung des Trägermediums noch weit
entfernt. Vor allem gibt es nach wie vor noch eine große Schar von Hörern, die lieber eine CD
besitzen. Das können wir auch verstehen. Leider erwartet der Käufer beim Download oftmals
einen großen Preisrabatt. Allerdings zu Unrecht, denn bei den Hörspielkosten ist die reine
CD-Herstellung ein eher geringer Posten.
4/19
Was würde den Markt, eurer Meinung nach, vielleicht stärken können? Oder wurde
schon alles versucht?
Das können wir nicht sagen. Wir sind sehr kleine Räder in einem riesigen Getriebe. Entweder,
wir passen uns an oder wir gehen kaputt. Das ist leider so. Und der Einzelhandel pfeift auf
Label wie uns. Wenn was kommt, wird eine CD reingestellt, wenn nicht, auch egal. Insofern
haben wir keinerlei Hebel, um etwas zu verändern. Und insgesamt ist der Markt an sich zu
unkontrollierbar, als das wir was verändern könnten. Die einzige Möglichkeit, die uns seit
Jahren bleibt: Kosteneffizient arbeiten. Das gelingt uns zum Glück ganz gut, wir kommen
über die Runden in einer Zeit, in der Mitbewerber reihenweise die Segel streichen.
Fakt ist, dass der Hörspielmarkt ein sehr unbedeutender ist aus dem Blickwinkel der
unterhaltungswilligen Gesellschaft. Aber das war uns klar, damit leben wir. Was sollen wir
jammern? Wenn wir nur 1.000 Leute mit Lady Bedfort erreichen, sagen wir „danke, liebe
1.000“ und nicht „warum sind es nicht 100.000?“ Denn wir haben immerhin viele Fans, die
uns nicht nur mit dem Kauf der Produkte unterstützen, sondern auch mit viel motivierendem
Feedback und großer Freude an dem, was wir produzieren.
In den diversen Hörspielforen gibt es ja oftmals Personen, die schreiben, was die Labels
anders machen sollten. Inwieweit sind diese Hinweise hilfreich und was nehmt ihr davon
an?
Wir lesen das natürlich alles, aber wirklich hilfreich ist es leider in den wenigsten Fällen. Wer
in den Foren mit Patentrezepten um sich wirft, hat zwar schnell den Applaus auf seiner Seite,
aber Fakt ist leider, dass es nicht so einfach ist. Und nur, weil einer schreibt „die müssen mal
mehr tun“ heißt das nicht, dass wir nichts getan HABEN.
Leider sind die Leute, die Ideen äußern, schnell eingeschnappt, wenn sie merken, dass wir
diese nicht direkt jubelnd umsetzen. Aber man muss auch mal versuchen, sich in unsere Lage
zu versetzen. Natürlich ist es schnell gesagt, dass wir zum Beispiel Flyer in der
Fußgängerzone verteilen müssen. Aber bei so was muss nicht nur die Aktion als solche,
sondern auch der Nutzen bewertet werden. Hand aufs Herz: Wie viele Flyer hast du, lieber
Interview-Leser, schon in die Hand gedrückt bekommen? Wie viele Verteiler der Flyer
fandest du nervig und aufdringlich? Wie viele auf den Flyern beworbenen Sachen hast du
dann genutzt? Nach diesen Fragen sollte man erkennen, dass jede auf den ersten Blick noch
so nahe liegende Aktion auch trotzdem einen Aufwand bedeutet und nicht zwangsläufig von
Erfolg gekrönt ist. Hörspiele sind keine Beachparty, die man mit seinen Freunden am
Samstagabend gemeinsam genießt und dafür dankbar ist, dass einem eine schicke Hostess
einen Flyer in die Hand gedrückt hat. Selbst auf der Hörspielmesse blieben nahezu alle Flyer
liegen.
Natürlich darf man sich nicht verschließen und erst recht keine Mühen scheuen. Aber man
muss als Außenstehender akzeptieren, dass wir seit nunmehr fünf Jahren schon sehr viele
(teilweise auch so oft geforderte neue) Wege gegangen sind, um an Zielgruppen
ranzukommen, die uns nicht kennen. Nur, weil man das nicht mitbekommen hat, waren wir
aber trotzdem zum Beispiel auf CD- und Bücher-Börsen. In beiden Fällen mit dem Ergebnis,
dass nicht mal die Standkosten wieder reinkamen, weil die Besucher dort Kistenwühler und
Antiquitätensucher waren, die stundenlang nicht einmal an unseren Stand herangetreten sind.
Klar kann man an dieser Stelle wieder sagen: „Ja, dann macht ihr das falsch, ihr hättet die
5/19
Leute ran holen müssen“. Und dann sind wir wieder beim Flyer und der Gegenfrage: „Hättet
ihr Bock, euch ran holen zu lassen?“. Die allermeisten werden auch hier ehrlicherweise mit
„nein“ antworten müssen.
Uns ist mittlerweile klar, dass viele Marketing-Ideen einfach nicht funktionieren. Weil das
Produkt es nicht her gibt. Wir freuen uns immer über kreative Ideen, aber die Ideen-Anmerker
müssen dann auch akzeptieren, dass diese Tipps und Ideen im Vorfeld von uns auf ihre
Tauglichkeit geprüft werden bzw. kritisch gesehen werden. Uns da dann mit der „Ihr seid
kritik- und hilfsresistent“-Keule um die Ohren zu hauen, ist unfair.
Ihr seid auch auf der Hörspielmesse in Hamburg gewesen. Hattet ihr danach das
Gefühl, dass eine solche Messe gut getan hat bzw. konntet ihr durch diese Werbung
danach eventuell mehr Abverkäufe verzeichnen?
Nein, eigentlich nicht. Das Problem ist bekannt: dort laufen auch nur die rum, die einen
sowieso schon kennen. Natürlich verkaufen wir dort relativ viele CDs, aber die verkaufen wir
dann die Wochen darauf nicht mehr auf dem normalen Weg, weil sich diese Käufer schon
eingedeckt haben. Rein von den Zahlen her hat sich das nicht gerechnet – aber es war
natürlich eine gute Gelegenheit, viele Fans und Käufer kennenzulernen und mit den
unterschiedlichsten Leuten ins Gespräch zu kommen.
In Sachen „Öffentlichkeitsarbeit“ seid ihr gerade wieder neu durchgestartet.
Das Hörplanet-Forum gibt es nun aber schon einige Jahre. Woher kam die Idee, das
Hörplanet-Forum zu erschaffen? Es ist ja entsprechend zeitaufwendig.
Ein großer Teil unserer Arbeit ist in der Tat der Fan- und Kundenkontakt. Einfach, weil wir
das schön finden, direkt Reaktionen auf das Produkt zu kriegen. Da muss man sich dann zwar
auch mal Negatives anhören, aber größtenteils sind die Rückmeldungen positiv. Das motiviert
dann immer wieder, uns noch mehr anzustrengen beim nächsten Hörspiel – wir wollen ja
sehen, ob es da draußen bemerkt wird!
Gibt’s bei der Bearbeitung der Hörspiele auch mal Meinungsverschiedenheiten oder
trefft ihr euch eigentlich immer in der Mitte?
Das Gute ist, dass wir bis auf die Regie praktisch alle Arbeiten getrennt vornehmen. Dennis
macht die Musik und den Geräuschschnitt, Michael das Lektorat und den Sprachschnitt.
Dadurch haben wir in den meisten Bereichen keine aktiven Unterschiede in den Meinungen,
denn wir vertrauen uns da völlig. Und so hat Michael freie Hand beim Lektorat, weil er da das
größere Fachwissen hat, und gleichzeitig mischt er sich nicht in Dennis‘ Kompositionen ein.
Natürlich kommt es mal vor, dass Dennis noch eine Idee ins Skript bringt oder Michael eine
Musik an einer Stelle nicht optimal findet, dann wird das angesprochen und gemeinsam
optimiert. Und bei der Regie können wir uns Meinungsverschiedenheiten untereinander gar
nicht leisten – da ist es schwer genug, denen in der Sprecherkabine die lachhafte
Rollenanlegung und die sinnfreien Betonungen auszutreiben…
6/19
Mit der Kamera dokumentiert ihr ja eine Menge während des Entstehungsprozesses
eines Hörspieles. Was brachte euch auf die Idee, immer die Kamera im Anschlag zu
haben?
Das ist eigentlich ein ganz banaler Grund: wir haben festgestellt, dass die spannendsten und
witzigsten Sachen immer dann passieren, wenn gerade im Studio nicht aufgenommen wird.
Darum haben wir irgendwann angefangen, alles zu filmen. Nach dem Motto: „Lieber zehn
langweilige Stunden Film wegwerfen, anstatt sich zu ärgern, dass man fünf witzige Sekunden
nicht konserviert hat“. Außerdem kriegen wir selber auch nicht alles mit, da ist immer ein
Vergnügen, abends noch einmal reinzuschauen und zu sehen, was wir in unserer ArbeitsKonzentration so alles verpasst haben an skurrilen und lustigen Sachen um uns herum.
Bei Youtube ist der Hörplanet ebenfalls mit vielen kleinen Videos vertreten. Hattet ihr
schon zu Beginn im Hinterkopf, das Leben im und neben dem Studio zu präsentieren?
Es wäre einfach zu schade, diese ganzen Filmschätze auf der Festplatte vergammeln zu
lassen. Darum denken wir, dass es für den Hörspielhörer genauso spannend ist wie für uns,
immer wieder hinter die Kulissen zu gucken. Wir haben ja zum Beispiel sehr viel Freude und
Spaß bei den Aufnahmen, das zeigt man natürlich auch gerne. Das ist ja die schönste
Anerkennung für die eigene Arbeit, wenn zum Beispiel Top-Schauspieler einen sehr
freundschaftlichen Umgang mit uns haben.
Mittlerweile nehmt ihr überwiegend in Berlin auf. Wie seid ihr auf das „Studio 116“
gekommen?
Google. Schlicht und einfach. Es war gleich der erste Treffer, den wir angeklickt haben. Nun
ja, dann haben wir aufgenommen und sind dort hängen geblieben. Zum Glück, denn mit
Studiobetreiber Georg Kempa pflegen wir einen tollen Kontakt. Mit viel gespieltem
Augenrollen, aber auch viel Sympathie. Kein Wunder, denn wenn man sich nur wenige Male
im Jahr sieht, ist es natürlich jedes Mal aufs Neue spannend zu sehen, wo der andere
mittlerweile angekommen ist.
Wie kam der Kontakt zu eurem Vertrieb „AL!VE“ zustande?
Wir haben damals das erste Bedfort-Hörspiel auf eigene Faust produziert und mehrere
Vertriebe bemustert, und AL!VE hatte gleich Interesse gezeigt. Aus heutiger Sicht sowohl
unerwartet als auch ein Glücksfall – sicher für beide Seiten. Nach einigen negativen
Erfahrungen mit anderen Vertrieben, sind wir jedenfalls sehr froh, einen solch professionellen
und schlagkräftigen Partner an unserer Seite zu haben.
Wie lange dauert es in etwa, ein Hörspiel (von der Idee bis zur CD) zu produzieren?
Das ist immer schwer zu sagen, da wir immer an mehreren Hörspielen gleichzeitig arbeiten.
Heute haben wir zum Beispiel das Layout für „Lady Bedfort 45“ erstellt, außerdem einen Teil
der Sprachaufnahmen von „Lady Bedfort 46“ geschnitten, während Marc Freund an „Lady
7/19
Bedfort 51“ schreibt und wir selbst mit dem Schreiben der Folgen 53 und 54 beschäftigt sind.
So grob über den Daumen gepeilt könnte man sagen, dass bei einer Folge von der ersten Idee
bis zum fertigen Hörspiel knapp zwei Monate Arbeit notwendig sind.
Produziert ihr auch abseits der Wege vom Hörplanet Musiken oder arbeitet mit an
Skripten?
Wir haben schon kleinere Regionalwerbespots produziert, und Dennis hat für mehrere Werke
von Nachwuchsfilmern komponiert. Außerdem lektoriert Michael bei der R & B Company
die Skripte von „Faith van Helsing“. Ansonsten bleibt wenig Zeit für andere Sachen, so dass
sich entsprechende Tätigkeiten schon lohnen müssen.
Mit der R&B-Company seid ihr ja gut befreundetet. Wie kam es denn zu dieser
Freundschaft bzw. wie habt ihr euch kennengelernt?
Das muss so im Jahr 2005 gewesen sein, da steckte Simeon gerade in den Foren für irgendwas
gewaltig Prügel ein. Und das nutzte Dennis dann für den Erstkontakt, indem er ihm Mut zu
sprach und ihn in seiner damaligen Position bestärkte. Seitdem telefonieren wir dann und
wann und treffen uns teilweise in Berlin, wenn wir gleichzeitig da sind.
Ein Hörspiel erschafft man nicht mal eben aus dem Stand. Woher habt ihr also das
Know-how zum Produzieren von Hörspielen? (Lektorat, Regie, Schnitt, etc.)
Das ist alles durch mühsames Ausprobieren erarbeitet worden. „Learning by doing“
sozusagen. Und wenn wir heute spaßeshalber Produktionen von 2002 anhören, dann fällt uns
sofort auf, was für eine Erfahrung wir uns durch die Praxis erarbeitet haben. Selbst HörplanetProduktionen, die nur ein paar Jahre alt sind, hören wir uns heute oft mit einem „Das würde
ich heute anders machen“-Gefühl an. Was aber auch gut ist, denn es treibt uns natürlich an,
uns umso mehr Mühe zu geben, damit es „beim nächsten Mal noch besser wird“. Und gerade
diese Weiterentwicklung mit jeder neuen CD macht sicher unter anderem den Reiz für die
Hörer aus. Da verändert sich ständig was, da gibt es trotz aller Routine keinen Stillstand. Die
Hörer machen diese ganzen Entwicklungen ja auch mit, wenn auch eher unterbewusst.
War die „Arbeitsteilung“, z.B. dass Michael das Lektorat übernimmt, von Anfang an so
oder wurde da auch zwischendurch viel ausprobiert?
Ganz früher hatten wir da eine völlig bescheuerte Arbeitsweise. Da hat derjenige, der das
Skript geschrieben hat, bei „seinem Werk“ auch alle anderen Bereiche abgedeckt. Das war
natürlich sehr zeitaufwändig und wenig kreativ. Zumal jeder auch Bereiche hat, die er besser
beherrscht, und andere, die ihm nicht so sehr liegen. Und als es anfing, eine gewisse Menge
an Hörspielen zu überschreiten, mussten wir unsere Kräfte ohnehin gut einteilen. Da hat sich
die jetzige Aufteilung schnell ergeben, und jeder hat sich nach und nach in „seinen“
Bereichen verbessern können.
8/19
Was macht euch bei der Entstehung der Hörspiele am meisten Spaß? (Lektorat, die
Arbeit im Studio, Nachbearbeitung, etc.)
Regie ist klasse, jedenfalls bei einem guten Sprecher. Wenn man zum Beispiel mit jemandem
wie Santiago Ziesmer arbeitet, weiß man: „Der liefert auch von alleine ausreichende
Qualität.“ Da ist es dann einfach Kosmetik, noch ein bisschen was raus zu kitzeln. Und es ist
eine Arbeit, die wir zusammen machen, das ist meistens auch schöner als die Arbeiten, die
wir jeder für sich im stillen Kämmerlein ausführen.
Nach den Aufnahmen in Berlin kommt ihr jedes Mal mit einer großen Menge an
Sprachaufnahmen wieder nach Osnabrück. Ich glaube Michael sagte mir mal, dass es
im Februar gut 8 GB waren. Macht es einem manchmal auch „Angst“ diese Fülle an
Arbeit vor sich zu sehen oder ist es mittlerweile zur Routine geworden sofort weiter zu
machen und neue Hörspiele zu kreieren?
Sowohl als auch. Die schiere Masse an unbearbeiteten Aufnahmen kann einen schon zunächst
einschüchtern, aber das ist natürlich ziemlich genau das, was man ein Luxusproblem nennt.
Es gibt ja weitaus Schlimmeres, als viele Stunden großartiges Rohmaterial für neue Hörspiele
auf der Festplatte zu haben… Und irgendwann ist auch die größte Menge an
Sprachaufnahmen geschnitten, und die nun leeren Ordner lechzen nach neuem „Stoff“. Nicht
zuletzt das treibt uns an….
Sucht ihr beim Schlendern durch den Einzelhandel auch jedes Mal nach euren
Hörspielen? Was war das für ein Gefühl, seine Hörspiele das erste Mal im Regal zu
entdecken?
Wenn wir in der CD-Abteilung sind, schauen wir schon nach, ob die neuesten CDs auch
vorrätig sind. Je nach Laden werden wir dann enttäuscht oder auch mal positiv überrascht, da
gibt es beides. Klar, als die ersten Fächer mit Lady Bedfort in den Läden waren, waren wir
natürlich stolz. Auch wenn wir uns lange Zeit wundern mussten, in wie vielen falschen
Schreibweisen der Handel seine Fächer damals beschriftet hat. Aber auch das ist mit der Zeit
besser geworden…
Dennis, Du komponierst die Musik für den Hörplanet. Stand das jemals in Frage bzw.
kam überhaupt mal die Idee auf, das Komponieren der Musik aus der Hand zu geben?
DENNIS: Ja, wir haben zum Beispiel bei dem Hörspiel „2114“ auf bereits existierende Musik
eines Freundes zurückgegriffen, um mal eine neue Note rein zu bringen. Aber das war in der
Tat ein komisches Gefühl, da ich diesen Arbeitsschritt sehr mag und mir bei dem Hörspiel
sehr untätig vorkam. Daher sehe ich mittlerweile zu, dass ich für jedes Werk genug Zeit und
abwechslungsreiche Ideen habe, um selber zu komponieren. Die Musik ist mit der wichtigste
Arbeitsbereich für mich, das macht mir großen Spaß und ist ein schönes Gefühl. Einfach, weil
die Noten so geduldig sind und ich mit ihnen machen kann, was ich will. Bei den Sprechern
ist man ja größtenteils darauf angewiesen, was sie im Studio anbieten. Man hat ja weder Zeit
noch Lust, jedes einzelne Wort in 20 Versionen aufzunehmen, um dann später beim Schnitt
die Sprachkomposition optimal vorzunehmen. Aber die Noten geben das her.
9/19
Wie sieht es mit Euren Lieblingssprechern aus? Wen würdet ihr unheimlich gerne noch
beim Hörplanet sprechen hören?
Da ist im Laufe der Jahre die Euphorie sehr abgekühlt, nachdem wir zum einen schon so viele
tolle Künstler im Studio hatten und zudem das Ganze auch immer stärker als seriöse Arbeit
und weniger als flippiges Fanprojekt sehen. Wir freuen uns auf alle neuen und uns schon
vertrauten Künstler, die zu uns kommen, da ist jeder für sich ein großer Gewinn, und wir
haben keine konkreten Wunschkandidaten.
War es anfänglich (als noch junges Label) eher schwierig, überhaupt an all die Sprecher
für die Hörspiele zu kommen oder ging das eigentlich ohne Probleme?
Eigentlich ging das gut, weil wir einen tollen Einstieg hatten. Durch unseren Erstkontakt zu
Helmut Krauss für ein Fanprojekt unter FerkelRecords hatten wir einen Fürsprecher, der uns
in Berlin viel geholfen hat, wofür wir ihm bis heute sehr dankbar sind. Es war leicht, an Leute
wie Santiago Ziesmer und Barbara Ratthey heranzutreten, wenn man sagen durfte „Helmut
schickt mich, der mag uns“. Denn die kennen Helmut alle seit Jahrzehnten und wissen, dass
der keine Deppen vorbeischickt.
Die größten Probleme haben wir uns lange Zeit selbst gemacht mit falscher Ehrfurcht und
Bauchschmerzen bei Treffen mit Schauspielern größerer Prominenz. Mittlerweile wissen wir,
dass die zum einen alle nur mit Wasser kochen und zum anderen auch unter anderem
deswegen kommen, weil das ihr Job ist, und nicht, weil wir sie gut überreden können…
Seid ihr trotzdem auch schon überrascht worden, weil ein Sprecher dann im Studio oder
auch persönlich ganz anders war, als ihr ihn euch vielleicht, auch aus dessen
Synchronisationen, vorgestellt habt?
Ja, das kommt sogar häufig vor. Das kann dann trotzdem positiv sein, ist es aber leider nicht
immer. Wir hatten zum Beispiel einmal eine Hamburger Sprecherin gebucht, die aufgrund der
Hörproben zu gefallen wusste. Im Studio hörten wir dann aber mit jeder Minute einen
stärkeren Osteuropäischen Akzent heraus, bis schließlich die letzten beiden Rollen komplett
wie rumänische Klischee-Figuren klangen. Was leider nicht akzeptabel war, da die Rollen bei
Lady Bedfort in keinster Weise so einen Akzent erlaubt hätten und wir es vorher nicht
wussten. Das war ärgerlich, denn wir mussten alle Rollen ein paar Wochen später mit einer
anderen Sprecherin neu aufnehmen.
Generell sind viele Synchronsprecher im Studio deutlich anders als im Filmsynchron. Im
Kino hört man sie dann doch in der Art, in der das Original gesprochen hat. Ein halb fiktives
Beispiel: Manfred Lehmann. Der spricht ja nicht nur Bruce Willis, sondern auch Gérard
Depardieu. Zumeist verkörpern diese beiden Schauspieler ja das genaue Gegenteil. Wenn man
jetzt Manfred Lehmann als Bruce Willis haben will und gar nicht weiß, dass er vielleicht
privat eher sanft wie Gérard Depardieu ist, dann wird man im Studio keine Freude haben.
Daher haben wir uns auch hier schnell abgewöhnt, allzu konkrete Vorstellungen zu haben.
Manfred Lehmann sollten wir mal buchen. Schon alleine, um zu hören, ob er dann eher die
Willis- oder doch Depardieu-Stimme nutzt…
10/19
Gibt es bei den Aufnahmen im Studio auch schon mal kleine Diskussionen zwischen
euch und den Sprechern bzw. kann es passieren, dass beim Einsprechen der Text / das
Skript minimal verändert wird, weil etwas im Redefluss doch nicht funktioniert?
Ja, das kommt schon mal vor. Manchmal bei Sachen, die wir im Vorfeld so gar nicht gedacht
hätten – viele Sprecher tun sich generell mit englischen oder französischen Aussprachen
schwer – und manchmal auch völlig zu Recht. So durfte Santiago in Folge 5 von Lady
Bedfort ohne lange Diskussion aus dem Wortgeflecht „Misses Cornrichs Straße“ ganz einfach
„die Straße von Misses Cornrich“ machen. Grammatikalisch nicht ganz toll, aber alle Male
besser als eine unsouveräne Aussprache durch unsprechbare Silben. Gerne wird auch ein
fieser Name mit „th“ und anderen Schikanen einfach weggelassen, wenn sich ein Sprecher
damit schwertut und der Name an der fraglichen Stelle nicht unbedingt notwendig ist. Oder
komplizierte Sätze werden vereinfacht und überflüssige Füllwörter weggelassen. Da darf man
keine falsche Scheu haben – das Ziel muss sein, es dem Sprecher so einfach wie möglich zu
machen. Ein Satz, mit dem sich der Schauspieler bei den Aufnahmen quält, wird auch dem
Hörer später keine Freude machen. Manchmal haben die Sprecher darüber hinaus eigene
textliche Anregungen, die nehmen wir natürlich gerne an. Wenn Waltraut Habicht zum
Beispiel fragt: „Kann ich statt ‚nicht wahr?‘ auch ‚oder?‘ sagen, denn das andere hat sie schon
mehrmals in dieser Folge gesagt“, dann freuen wir uns natürlich über so viel wachen Geist bei
den Aufnahmen.
Ihr „angelt“ ja auch schon mal ein Geräusch, wenn ihr kein passendes findet. Macht ihr
das heute auch noch ab und an und woher kam die Idee selbst loszuziehen? Wusstet ihr
gleich, wie man Geräusche am besten „einfängt“?
Mittlerweile haben wir eigentlich alle Geräusche, die wir brauchen. Darum müssen wir nur
noch sehr selten ins Studio, um selbst Geräusche zu machen. Aber das Geräusche einfangen
an sich war alles andere als einfach. Es ist kaum zu glauben, WAS man alles für Probleme
hat, wenn man vernünftige Geräusche erstellen will. Wind im Mikro, Bewegungsgeräusche,
die sich von der Hand ins Mikro übertragen, Außenaufnahmen, bei denen es nie richtig still
ist. Das alles war teilweise grässlich. Insofern sind wir froh, dass wir jetzt alles auf der
Festplatte haben, was wir heute brauchen. Aber wir wissen, dass wir trotzdem irgendwann
wieder loslegen müssen, zum Beispiel falls bei einem neuen Projekt die bisherigen Geräusche
nicht reichen.
Aber wir sind heute natürlich viel erfahrener und gehen mittlerweile viel lockerer an
Geräusche-Herausforderungen heran als früher. Früher haben wir im Studio einen kleinen
Schrank aufgenommen, bei dem wir die Schublade aufziehen. Heute würden wir das gleiche
Geräusch einfach erzeugen, indem wir mit einem Holzlineal über die Tischkante ziehen. Aber
für solche Dinge muss man echt einmal den Schrank im Studio gehabt haben. Wir möchten
auch im Nachhinein keine Sekunde dieser Momente missen, denn das hatte echt was von
Handwerk und Liebe zum Produkt, das hat uns zum Beispiel sehr eng mit unseren
Produktionen zusammengeschweißt.
Ihr seid auch schon mit Live-Hörspielen auf der Bühne gewesen. Was bewegte euch
dazu, so ein Event auf die Beine zu stellen?
11/19
Es gab zu dem Zeitpunkt ja schon einige andere Livehörspiel-Projekte und wir hatten Lust,
das ebenfalls auszuprobieren. Nicht zuletzt auch deshalb, um auf diesem Weg mal unsere
Fans und Hörer kennenzulernen. Auch die Schauspieler hatten viel Spaß an den Auftritten
und sind immerhin extra zu uns nach Osnabrück gekommen. Bislang gab es drei
Livehörspiele: Lady Bedfort, Edgar Wallace und Holger die Hörspielgurke.
Eure Antwort auf den Erhalt der „Gurke“ beim Hörspiel Award war „Holger“. Wie
kam es dazu, als Antwort darauf diese Parodie zu schaffen? Wer von euch gab Holger
seinen Namen? Gab‘s eine Bewandtnis dazu?
Das war Anfang 2003. Man muss dazu wissen, dass es damals noch in nahezu jeder Kategorie
des Awards eine Gurke für die schlechteste Leistung des Vorjahres gab. Andreas von der
Meden hat in dem Jahr z.B. auch eine bekommen. Jedenfalls haben wir die Negativtrophäe für
das „schlechteste Label 2002“ bekommen. Von der achtköpfigen Jury, nicht vom Publikum.
Das hatte uns schon ein wenig geärgert. Nicht, dass unsere bisherigen Hörspiele besonders gut
gewesen wären, aber eigentlich waren wir ja noch ein Nachwuchslabel, das es gerade mal ein
halbes Jahr gab. Nun ja… Jedenfalls beschlossen wir, auf die Auszeichnung auf unsere Art zu
antworten: Mit einem Hörspiel. Dazu erweckten wir die uns verliehene Gurke sozusagen zum
Leben und schrieben eine Parodie auf Kinderserien und ihre teilweise etwas speziellen Hörer.
Michael verarbeitete darin auch gleich noch seine Vergangenheit bei einem Osnabrücker
Krankenhausradio. So war er es natürlich auch, der dem grünen Gesellen seinen Namen gab.
Warum Holger? Nun, ganz einfach wegen der Alliteration, die ja für alle
Kinderhörspielhelden von Benjamin Blümchen bis Holle Honig ungeschriebenes Gesetz ist.
Tja, das Hörspiel kam gut an, die Award-Ausrichter haben sich über unsere kreative Reaktion
gefreut, zahlreiche Ehrengurken und weitere schräge Hörspiele mit Holger der Hörspielgurke
sollten folgen…
„Fragmente“ ist kein leichter Stoff. Wie kam es dazu, ein solches Hörbuch zu
produzieren?
Unsere erste Produktion sollte etwas besonderes sein. Darum waren wir froh, einen so
provokanten und dennoch guten Stoff vertonen zu dürfen. Allerdings blieb die erhoffte
Diskussion zu dem Hörbuch bis heute aus. Schade eigentlich, denn wir sind der Meinung,
dass dieses intensive Werk mindestens eine kontroverse Auseinandersetzung verdient hätte.
Dennis, ist dir beim Einsprechen für „Fragmente“ je in den Sinn gekommen, dass du
den Ohrkanus als "Bester Sprecher einer Lesung 2006" erhalten könntest?
DENNIS: Nein. Das war natürlich eine große Freude. Auch wenn sie aus heutiger Sicht ein
wenig geschmälert ist, denn diesen Preis haben wir wohl nur erhalten, weil der Preis damals
noch neu war. Daher gab es nur wenige Nominierte, und die Jury wollte wohl auch
unterstreichen, dass dieser neue Hörspielpreis bewusst auch die Kleinkunst würdigen sollte
und nicht nur die Global Player. Was ja auch okay ist. Wir freuen uns jedenfalls so oder so,
dass wir einen so schönen Preis erhalten haben.
Würdet ihr wieder ein Hörbuch machen wollen, wenn euch die Vorlage zusagt?
12/19
Na klar. Aber Insiderinformationen zufolge stöhnt der Buchhandel angeblich seit Jahren über
jedes neue HörBUCH, insofern werden wir uns das dreimal überlegen, bevor wir da Energie
und Geld reinstecken.
Wie seid Ihr auf die Ideen zu Hörspielen wie „Edgar Allan Wallace“ oder auch „Jekyll
P.I.“ gekommen?
Manchmal stellt man sich die Frage „Was kommt als nächstes?“ und dann schaut man, was
der Markt aktuell nicht hat und worauf man selber auch Lust hat. Leider waren das beides
Fälle, die der Markt anscheinend auch gar nicht haben wollte. Aber ausprobieren muss man
es, sonst weiß man es nicht.
„Lady Bedfort“ oder auch „Ordensschwester Amélie“ sind Kriminalhörspiele. Woher
kam der Impuls, eine Lady bzw. eine Ordensschwester auf Verbrecherjagd zu schicken?
Auch wieder die Fragen „Was fehlt dem Markt?“ und „Was will der Markt?“. Wir hatten
gemerkt, dass Fantasy, Humor und Horror nicht so wirklich gut von uns am Markt zu
positionieren waren. Daher wendeten wir uns dem Krimi-Genre zu. Aber es war uns wichtig,
etwas anzubieten, das für sich etwas Tolles darstellt, nicht einfach nur eine Krimigeschichte
mit einem Kommissar.
Was glaubt ihr macht „Lady Bedfort“ für die Hörer über die Jahre so reizvoll?
Der Inhalt oder auch die liebenswerten Charaktere?
Im besten Fall das, was die Serie auch für uns reizvoll macht: Dass man Folge 44 nicht
anhört, dass die Lady schon 43 andere Fälle gelöst hat. Und dass nicht eine alte Folge wieder
neu durchgekaut wird, sondern zumindest immer der eigene Anspruch da ist, einen Fall zu
präsentieren, der irgendetwas Neues oder Besonderes hat. Wir wollen uns ja nicht langweilen
– weder bei der Produktion noch beim Anhören des fertigen Hörspiels. Und diese
Rangehensweise, dass die Hörspiele auch für uns frisch und spannend bleiben sollen,
überträgt sich wohl auch auf den Hörer. Manchmal hören wir Produktionen anderer Label und
fragen uns hinterher: „Haben die sich das fertige Hörspiel eigentlich noch mal angehört? Und
fanden die das dann selber gut?“ Das können wir bei uns selbst definitiv bejahen. Und dass
dieser Versuch, Neues auszuprobieren, immer in einem ganz klar abgesteckten bewährten
Rahmen und unter Verwendung der beliebten Charaktere geschieht, ergibt dann am Ende
hoffentlich die gute Mischung aus „der Hörer kriegt, was er erwartet“ und „er wird trotzdem
überrascht“.
Wenn man eine Serie wie „Lady Bedfort“ oder „Ordensschwester Amélie“ aus der
Taufe hebt, ist es natürlich wichtig, die richtigen Sprecher zu finden. Wie geht ihr dabei
vor, und habt ihr Eure Wunschsprecher immer engagieren können?
Bei Lady Bedfort war es einfach, denn wir hatten Kontakt zu allen Hauptsprechern und holten
uns deren Okay ein, bevor wir anfingen zu schreiben. So konnten wir die Rollen Barbara
Ratthey oder Santiago Ziesmer quasi exakt auf den Leib schreiben. Und bei Amélie hatten wir
13/19
einfach das Glück, dass wir zu dem Zeitpunkt schon mit vielen tollen Künstlern gearbeitet
hatten und so auch direkt überlegen konnten, mit wem wir da arbeiten wollen. Neben der
künstlerischen Arbeit muss natürlich auch das Drumherum stimmen – wer will schon eine
Serie machen mit einem Hauptdarsteller, den man gar nicht treffen will, weil er schlecht
gelaunt ist?! Im Fall von Amélie haben wir dann einfach die besten und sympathischsten
Künstler besetzt, um uns UND den Hörern das Leben schön zu machen.
Nach dem Tod von Barbara Ratthey bestand für euch die schwierige Aufgabe, eine neue
Lady Bedfort zu finden. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Waltraut Habicht?
Waltraut war eine Empfehlung von Santiago Ziesmer, den wir für eine passende
Neubesetzung um Rat baten. In dem Alterssegment kannten wir leider nur Christel Merian,
und die hatte zu dem Zeitpunkt schon zu viele andere Rollen gesprochen, um noch als
Titelfigur in Frage zu kommen. Daher waren wir erleichtert, dass Santiago uns gleich so einen
guten Vorschlag machen konnte. Und das Schönste ist, dass die Hörer Waltraut schnell als
neue Stimme der Lady akzeptiert haben. Nach der zu erwartenden und völlig
nachvollziehbaren anfänglichen Skepsis haben wir jede Menge Zuspruch und Lob für die
gelungene Besetzung erhalten, das war natürlich eine tolle Bestätigung!
Der Kontakt zu John Beckmann bestand ja bereits durch die „Bibliothek der
Albträume“. Kam es dadurch auch zur Zusammenarbeit für „Lady Bedfort“ oder gab
es mehrere Autoren zur Auswahl?
Wir wussten zumindest gleich, dass wir die Skripte nicht selbst schreiben wollten. Mit der
Abmischung und den Sprachaufnahmen hatten wir ja genug zu tun. So hatten wir zunächst die
Idee – eine Krimiserie mit einer alten Dame und ihrem Butler – und suchten dann einen
Autor, der das Ausformulieren der einzelnen Folgen übernehmen würde. Dabei gingen wir in
der Tat erst einmal die Autoren durch, zu denen wir bereits Kontakt hatten. Es mit John
Beckmann zu probieren, war natürlich ein Wagnis, er hatte ja keinerlei Hörspielerfahrung.
Aber wir haben uns dann ja gemeinsam weiterentwickelt…
Wie kam nach und nach der Kontakt zu den weiteren Autoren von „Lady Bedfort“
zustande?
Wir bekommen zum einen immer wieder Anfragen, ob wir noch Unterstützung brauchen,
zum anderen haben wir auch selber dann und wann nach neuen Autoren gesucht. Nicht immer
mit Erfolg – man muss manchmal viele Kandidaten ausprobieren, um einen geeigneten
Autoren zu finden.
Habt ihr bei einem Skript schon mal gedacht „Super! Genialer Krimi!“, aber die Idee
dann doch nicht weiterverfolgt, weil es vielleicht eine Grenze überschreitet bzw. dann
dadurch irgendwie doch nicht zur Lady gepasst hätte?
Wenn ja, behaltet ihr solche Skripte trotzdem auf dem Zettel, um – losgelöst von Lady
Bedfort – vielleicht später mal einen einzelnen Krimi zu veröffentlichen?
14/19
Es gibt tatsächlich immer mal wieder Fälle, die in gewisser Hinsicht „zu weit gehen“. Zwar
reizen wir auch in den veröffentlichen Folgen die Grenzen des Machbaren aus, wenn es zum
Beispiel um einen Serienkiller geht oder ein Schuldner sich im wahrsten Sinne des Wortes
sein eigenes Grab schaufelt. Einige Folgen sind da ja deutlich düsterer geworden, als man es
im beschaulichen Broughton erwarten würde. Aber manchmal denken sich die Autoren auch
Dinge aus, die unseres Erachtens wirklich nicht in die Serie passen. Das können einzelne
Details sein, die eher nach einem Bond-Film klingen, zum Beispiel ein Verbrecher, der alle
täuscht, weil er sich einer kompletten Gesichts-Operation unterzogen hat. Oder auch schon
häufiger ein allzu konsequent zu Ende gespielter Plot, bei dem es am Ende noch zu diversen
Rachemorden kommt – ganz gefährlich wird es dabei, wenn Lady Bedfort oder die Polizisten
auch noch Kenntnis davon haben und nicht so richtig versuchen, das zu verhindern… Da
müssen wir dann schon zusehen, dass alles in einem gewissen Rahmen bleibt. Da wir
allerdings schon immer eng mit den Autoren zusammengearbeitet haben, lässt sich da auch
ohne Weiteres gegensteuern. Wir tauschen uns schon lange vor dem eigentlichen Skript über
die Inhalte aus und können bei „unpassenden“ Entwicklungen meist schon im ExposéStadium eingreifen. Somit haben wir eigentlich bisher jedes Skript auf den rechten Weg
gebracht, und es gibt keine nicht verwendeten Skripte auf der Festplatte.
Wusstet ihr von Anfang an, dass ihr bei der Lady Charaktere sprechen werdet?
Nein. Dass Dennis den Max sprechen würde, stand schnell fest, aber Michaels Rolle existierte
als Sprechrolle bis Folge 8 noch gar nicht.
Wieso wurde das Aussehen von „Lady Bedfort“ auf dem Cover zwischendurch
verändert?
Das hatte rechtliche Gründe. Unser damaliger Layouter hatte die Zusammenarbeit beendet,
und wir hatten nun die Wahl, uns das alte Design möglicherweise teuer zu erkaufen oder
einfach mutig nach vorne zu gehen, aus dem Fehler zu lernen und die Dinge selbst in die
Hand zu nehmen. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung, denn die meisten Hörer finden
das neue Layout deutlich frischer. Und wer wären wir, ihnen zu widersprechen?
Sind die Bilder der Cover zum Teil auch von euch, oder woher bezieht ihr die Motive?
Nur ein einziges Bild ist von uns, das von Folge 13. Schlimmerweise war dieser schäbige
Sicherungskasten wirklich in einer Berliner Ferienwohnung im Einsatz. Ansonsten beziehen
wir die Bilder von Portalen, auf denen man als Hobbyfotograf seine Schnappschüsse der
Öffentlichkeit zugänglich machen kann. Das ist immer wieder ein spannender
Auswahlprozess, ein passendes Motiv für die neuen Folgen zu finden.
Der „Helmut-Take“ wurde in den Lady Bedfort Folgen 6 bis 42 eingebaut. Was steckt
dahinter?
Aus Scherz haben wir damals einen Outtake von Helmut Krauss in alle unsere Hörspiele
eingebaut. Wir dachten uns „Mal sehen, wann es jemandem auffällt“. Leider fiel es nie
15/19
wirklich jemandem auf, bis wir selber irgendwann drauf hinwiesen. Und so verlor die Sache
dann wieder ihren Reiz. Nicht sofort, aber nach und nach.
Ihr seid nun auch unter die Autoren von „Lady Bedfort“ gegangen. War das schon
länger geplant, oder kam das, weil man auch gerne mal selber durch das Schreiben
Hand anlegen wollte?
Als John Beckmann Ende 2009 keine Skripte mehr schreiben konnte, suchten wir neue
Autoren. Sebastian Weber steckte zu der Zeit mitten in den Arbeiten zu „Ordensschwester
Amélie“ und stand somit auch nicht zur Verfügung. Eine frustrierende Zeit lag vor uns, bei
der wir viel Energie in die Skriptversuche fremder Autoren steckten, die dann schlussendlich
alle abgelehnt werden mussten, weil sie den Stil der Serie nicht trafen oder qualitativ nicht
ausreichend waren. Daher erschienen 2010 auch nur fünf der geplanten zwölf BedfortFolgen, was uns vor nicht gerade geringe Probleme stellte. Denn ohne neue Folgen keine
Einnahmen, und ohne Einnahmen keine Spielräume für Durststrecken. Eine Lösung war, dass
wir selber schreiben würden. Wir hatten zahlreiche Ideen und die Serie ja ohnehin seit Jahren
mit entwickelt, nicht zuletzt durch die vielen Lektorats- und Inhaltsanregungen der
vorangegangenen Folgen.
Glücklicherweise kam dann auch Marc Freund ins Boot. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir
schon gar keine Lust mehr hatten, noch fremde Skripte zu lesen, weil wir bis dahin so viele
schlechte Sachen eingereicht bekommen hatten (bei manchen Autoren merkte man sehr
schnell, dass sie einfach eine alte Geschichte aus der Schublade geholt und nur die Namen der
Charaktere in Bedfort-Namen geändert hatten, der Stilbruch zu den sonstigen Folgen wäre
katastrophal gewesen). Marc ist der bislang schnellste und kontinuierlichste Autor der Serie,
und es ist ein großes Vergnügen, mit ihm zu arbeiten. Außerdem freuen wir uns, dass auch
Sebastian Weber die eine oder andere Folge schreiben wird. Gemeinsam mit Thorsten
Beckmann und uns haben wir somit ein schlagkräftiges Autorenteam, dem es nicht an Ideen
mangelt und das sicherlich noch jede Menge unterschiedlichster Folgen schreiben wird.
Wieso habt ihr Euch aus der Serie „Lady Bedfort“ als Sprecher selbst raus geschrieben
bzw. den Anteil an Auftritten stark reduziert?
Zum einen waren das zeitliche Gründe. Wenn man so viele Aufgabenbereiche stemmt, ist es
anstrengend, sich auch noch alle paar Wochen ins Studio zu bewegen und mit der nötigen
Frische die entsprechenden Leistungen zu bringen. Das war teilweise sehr krampfig. Zum
anderen haben wir auch immer wieder negative Äußerungen von Hörern gelesen, denen es
nicht gefiel, dass die Produzenten in der Serie selbst mitsprechen. Interessanterweise haben
sich dann nach dem Erscheinen von Folge 34 viele Hörer als „Max-Fans“ geoutet. Nicht
zuletzt ist ein Ausstieg eines Charakters bzw. Sprechers auch immer die Gelegenheit, neue
Charaktere in die Serie zu bringen, die für Belebung und neuen Schwung sorgen.
Tim Denham wäre dann ja ein solcher neuer Charakter. Wann ist in euch die Idee
gereift, ihn zu „erfinden“ und damit für Max an die Seite der Lady zu stellen?
Das ging einher mit der Entscheidung, Max gehen zu lassen. Denn eine Serie ohne Erzähler
braucht einfach zwei Personen, die sich überall aufhalten. Wir finden nur wenige Dinge
16/19
grauenhafter als Hörspielszenen, in denen eine Person alleine agieren muss und dann so
Sachen sagt wie „Nanu, da hinten steht ja ein Mann. Ich glaube, ich gehe jetzt mal rüber“,
damit der Hörer versteht, dass die Person sich nun bewegen wird.
Darüber hinaus war Tim Denham für uns die Chance, einen neuen Charakter einzuführen, der
direkt so angelegt wird, dass er zum einen schon viele markante Eigenschaften hat und zum
anderen zu keiner Sekunde Zweifel daran aufkommen lässt, dass er noch viele
Überraschungen auf Lager haben wird. Max war dahingehend ja leider häufig sehr blass
geblieben.
Ist Jürgen Kluckert für den Charakter direkt vorgesehen gewesen?
Ja. Wir haben Denhams Einführungsfolge ja selber geschrieben und wollten von Anfang an
Kluckert, haben ihm die Rolle dann auch direkt auf den Leib schreiben können („und der ist
groß“ würde Jürgen jetzt von der Seite rein rufen). Wir haben ja schon mal in den Folgen 23
und 25 bei Lady Bedfort mit ihm gearbeitet, von daher kannten wir einander. Und in aller
Bescheidenheit können wir heute - nach mehr als 10 Folgen mit Tim Denham - sagen, dass
auch hier die Entscheidung richtig war, denn Jürgen Kluckert ist wieder ein Paradebeispiel für
den Typ Schauspieler, der nicht nur im Studio glänzt, sondern auch im Drumherum einfach
eine Seele von Mensch ist. Diese tiefen Sympathien sind für uns auch immer wieder eine
Freude, denn das motiviert jedes Mal aufs Neue sehr, wenn viel Harmonie und Arbeitsfreude
im Studio weht.
In Folge 27 wird Inspektor Miller mitgeteilt, dass er suspendiert ist. In Folge 28 stößt
dann Inspektor Gomery dazu, welcher später zum neuen, festen Kollegen von Inspektor
Miller wurde. Kann man es im Nachhinein so betrachten, dass bereits von Folge 27 an
daran gearbeitet wurde, eure Anwesenheit als Sprecher (hier: Sergeant bzw. Inspektor
McBrian) zu reduzieren?
Nein. Gomery sollte ursprünglich nach Folge 32 wieder verschwinden. Aber dann stand
McBrians Weggang im Raum, und da war es die bequemste Lösung, Gomery zu behalten.
Vor allem war der zu dem Zeitpunkt auch schon recht beliebt, denn während Miller sich mehr
und mehr von Bedfort helfen ließ, hatten wir nun einen neuen Charakter, der Lady Bedfort
nicht ausstehen konnte. Und das wird auch in den nächsten Folgen für amüsante Situationen
sorgen.
Ist ein Erzähler überhaupt mal ein Thema bei „Lady Bedfort“ gewesen?
Nein. Bislang haben wir den Einsatz eines Erzählers immer vermieden, weil er oft die
Dynamik aus der Szene nimmt und den Realitätsfluss beim Anhören immer wieder
unterbricht. In anderen Genres arbeiten wir aber gerne mit Erzähler, wenn es sich anbietet.
Zum Beispiel zur Darstellung einer anderen Zeit und fremder Wesen wie bei „Jekyll P.I.“
oder als quasi eigenständiger Charakter wie bei „Holger, der Hörspielgurke“. Auch in
künftigen Projekten werden wir also bestimmt an der einen oder anderen Stelle einen Erzähler
einsetzen.
17/19
Ist die Jubiläumsfolge von Lady Bedfort von vornherein als Doppelfolge (50 u. 51)
geplant gewesen?
Nein. Marc Freunds Geschichte war sehr lang. Und sonst kürzen wir an diesen Geschichten
immer so lange rum, bis sie auf eine CD passen. Aber diesmal dachten wir uns, dass das ja
auch schön wäre, den Jubiläumsfall mal in einer schönen Ausführlichkeit zu haben, zumal
man ja versucht, zum Jubiläum etwas Besonderes zu bieten. Außerdem war das sogar einer
der Fanwünsche zur Jubiläumsfolge. Eine Doppelfolge.
Hättet ihr je gedacht, dass ihr mit „Lady Bedfort“ einen Kosmos mit locker über 50
Folgen erschaffen würdet?
Nein, das hätten wir nicht gedacht. Darauf sind wir auch total stolz, vor allem, weil wir es
anscheinend immer noch schaffen, so viele Hörer zu begeistern. Das ist ja auch nicht
selbstverständlich bei einer Krimiserie. Natürlich haben auch wir mit der Marktsituation zu
kämpfen, aber zum Jammern bleibt keine Zeit, dafür sind wir viel zu sehr damit beschäftigt
die Serie weiter voran zu bringen.
Nervt es euch, wenn „Lady Bedfort“ mit Agatha Christies „Miss Marple“ verglichen
wird?
Teilweise schon, weil die einzige wirkliche Gemeinsamkeit im Grunde die Faktoren „alte
Frau“ und „Kriminalfälle lösen“ sind. Solange diese Vergleiche wohlwollend gemeint sind, ist
das ja noch okay. Aber manche benutzen den Vergleich auch, um bereits aufgrund der
Klappentexte etwas Schlechtes über das Konzept zu sagen. Und das wird der Energie,
Detailtreue und Freude am Hörspiel einfach nicht gerecht, die ALLE an der Produktion
Beteiligten einbringen. Erst recht nicht bei mittlerweile über 50 Folgen.
Ihr bietet für den 17.09.2011 einen Workshop in Berlin an. An diesem Tag können
Santiago Ziesmer und Jürgen Kluckert kennengelernt werden, die Teilnehmer dürfen
unter eurer Regie eine Rolle aus der Serie „Lady Bedfort“ einsprechen und vieles mehr.
Wann kam euch die Idee für den Workshop und hattet ihr von Anfang an die Idee, auch
die Teilnehmer hinters Mikro zu lassen?
Das war ein Gedanke, der nach und nach entstanden ist. Zum einen hatten wir immer mal bei
unseren Aufnahmetagen Gäste hinter uns sitzen, die immer sehr beeindruckt waren von dem,
was sie dort erlebt haben. Zum anderen ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein „normaler
Hörspielfan“ einen Tag mit zwei tollen Synchronstars verbringt, relativ gering. Nun kam uns
also der Gedanke, diese beiden Sachen zu verbinden und Fans diesen einmaligen Blick hinter
die Kulissen zu ermöglichen. Und dafür muss man erstmals nicht mal mit uns befreundet sein.
Da uns aber klar war, dass das alleine nicht reicht, haben wir uns Gedanken gemacht, was
man noch bieten kann. Und da kam uns die Idee der Hörspielrollen, quasi wie in dem Film
„Die Einsteiger“ mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger. Nur mit dem Vorteil, dass es
OHNE Thomas Gottschalk und Mike Krüger ist, dafür mit Jürgen Kluckert und Santiago
Ziesmer. Das ist doch schon mal was.
Und natürlich freuen wir uns auch darauf, mal Fans hautnah zu treffen und uns einen Tag lang
auszutauschen. Wir sind selber sehr gespannt, was dabei letzten Endes herumkommen wird,
18/19
wir machen das ja auch zum ersten Mal. Aber wir sind uns sicher, dass es auch für uns ein
unvergesslicher Tag werden wird.
Die Bedfort-Pedia besteht seit Anfang des Jahres 2011. Wie kommt man auf die Idee, ein
Lexikon zu Lady Bedfort entstehen zu lassen?
Zum einen merkten wir schnell, dass wir in unserer Funktion als Autoren dringend eine Liste
brauchten, in der Kleinigkeiten vermerkt sind, die man dann beim Schreiben beachten muss
(„Wo lebte Vivien vorher?“ oder „Mag Lady Bedfort Navigationsgeräte?“). Zum anderen fiel
uns bei der Planung so einer Bedfort-Pedia auf, dass das nicht zwangsläufig nur ein dröges
Nachschlagewerk sein müsste, sondern auch den Fans Spaß machen könnte. Und dann haben
ja auch tatsächlich die Fans das Ruder in die Hand genommen und das Nachschlagewerk in
wenigen Tagen komplett aus dem Boden gestampft.
Manchmal lesen wir einfach nur zum Spaß darin und schmunzeln, WAS da alles schon an
Kleinigkeiten gewesen und aufgefallen ist. Schön, dass so viele Hörer diese Details wahr
nehmen.
Wann ist euch die Idee zu „Ordensschwester Amélie“ gekommen und stand Sebastian
Weber für euch da sofort als Autor fest?
Die Planung begann im Frühjahr 2009, also satte 14 Monate vor der Veröffentlichung der
ersten Folge. Immer wieder beängstigend, wie viel Vorlauf so eine Sache benötigt. Da kriegt
man direkt Angst, wenn einem HEUTE eine Idee zu einer neuen Hörspielsache kommt. „Will
die Ende 2012 jemand haben?“ muss man sich da wohl fragen.
Sebastian war von Anfang an unser Wunschkandidat und konnte es sich auch sofort
vorstellen.
Stand es von Anfang an fest, dass die Cover von „Ordensschwester Amélie“ von euch
kommen? Und standen auch die heutigen Motive schnell fest?
Ja, das war Teil unseres Konzepts. Wir wollten etwas, das anders ist als das bisherige. Wir
stellten uns die Frage: „Was fällt auf in einer CD-Wand, in der ein buntes Cover neben dem
anderen ist?“ Und da kamen wir schnell darauf, dass wir mit einem minimalistischen Motiv
und einer total ruhigen Grundfläche Aufmerksamkeit bekommen könnten zwischen all den
funkelnden und grellen Covern der Mitbewerber. Ob man dieses Konzept nun mag oder nicht,
völlig objektiv betrachtet ging dieser Schachzug wunderbar auf. Wer Folgen der Serie im CDRegal gesehen hat, konnte bestätigen, wie sehr diese unschuldig dreinschauende Reihe sofort
den Blick auf sich zog. Ob einem dann bei näherer Auseinandersetzung mit der Sache das
Hörspiel gefiel, stand natürlich auf einem anderen Blatt. Aber von der Verpackung und ihrer
Außenwirkung her haben wir da wohl unser bislang klügstes Layout geschaffen.
Das Interview führte Sonja Wegner.
19/19
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
8
Dateigröße
159 KB
Tags
1/--Seiten
melden