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Biographiearbeit – CD Text Eine moderne - Walter Seyffer

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Biographiearbeit – CD Text
Eine moderne Biographie lässt sich mit Biographien, wie sie vor nur hundert
Jahren gelebt wurden, nur schwer in Einklang bringen. Der Verlust der
dörflichen Gemeinschaft, der städtischen Handwerkszünfte und das Wegfallen
eines lebenslangen Aufgehobensein in der Geborgenheit der Groß-Familie, hat
es erst möglich gemacht, dass das Ringen des modernen Menschen in der
westlichen Zivilisation, um immer mehr Unabhängigkeit und Individualität, zum
zentralen Angelpunkt allen Streben und Seins werden konnte. Oder vielleicht
anders gesagt, der sich immer mehr entwickelnde Individualismus hat alle diese
althergebrachten sozialen Komponenten fragwürdig und brüchig erscheinen
lassen.
Es handelt sich hier, um einen gesamtmenschheitlichen Entwicklungsprozess.
Konservativen Bedenkenträgern, die den verloren gegangenen Werten
vergangener Zeiten gerne nachtrauern, sei gesagt, dass wir in Zeiten einer
notwendigen gesellschaftlichen Revolution leben. Einer Zeit in der dem
gesellschaftlichen Wohlverhalten ein persönliches Lebenskonzept
entgegengestellt werden muss. Diese Entwicklung war Anfang des letzten
Jahrhunderts besonders in der westlichen Welt ausgeprägt, sie überflutet durch
die Globalisierung nun auch fast den ganzen Erdball. Hinter all den
Gegenströmungen, dem wachsenden Nationalismus, dem Hang zurück zur
Kleinstaaterei und der Vermassung der Menschen durch die Medienlandschaft,
verbirgt sich eben gerade diese Entwicklung. Hier drückt sich eine manchmal
laute und auch manchmal stille Sehnsucht nach den Zeiten aus, in denen man
sich noch darauf verlassen konnte, dass es ein Richtig und ein Falsch gab.
Alle Fragen unserer Zeit lassen sich letztendlich darauf reduzieren, wie wir mit
dieser Individualisierungsdynamik umgehen, die nun immer mehr die ganze
Welt umfasst.
Sicher kann man davon sprechen, dass für den europäischen Menschen bis zum
Ende des Zweiten Weltkrieges ein „Wilhelminische Untertanenbewusstsein“
charakteristisch war. In dieser Hinsicht bedeutete der politische und auch
spirituelle Aufbruch am Ende des 19. Jahrhunderts und dann noch einmal in den
sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen tiefen Einschnitt in das
bürgerliche Selbstverständnis dieser Zeit. Die Selbstfindung, die Frage nach der
eigenen Identität war urplötzlich nicht mehr nur Thema der Literatur und
anderer schönen Künste, sondern eine Frage, die mit einem Male Jeden
anzugehen schien.
Die westliche Welt ist offenbar an einen Punkt gekommen, an dem sich das
Unterbewusste immer mehr mit dem „normalen“ Tagesbewusstsein vermischt.
Das Selbst sucht sich einen Weg sich „selbst“ zu erkennen. So liegt es auf der
Hand, dass diejenigen, die sich aufmachten ihre weißen Flecken auf der
Seelenlandkarte auszutilgen somit gezwungen waren, sich nach und nach auch
mit ihrer eigenen Biographie auseinander zu setzen.
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Anfänglich betrachtete man sich lediglich als ein Produkt seiner Kindheit, doch
im Laufe der Zeit wurde klar, dass menschliches Verhalten und im Besonderen
die Affinitäten, die ein Mensch zu ganz bestimmten Lebensereignissen
entwickelt, sich niemals allein durch dessen Herkunftsfamilie, noch dem Milieu
erklären lassen, in das er hineingeboren ist. Man schaue sich nur die
biographische Entwicklung von Geschwistern an, die aus ein und derselben
Familie kommen.
Biographiearbeit auf Grundlage der Anthroposophie geht davon aus, dass hinter
allem Streben und Tun des menschlichen Individuums sich eine im
Unterbewusstsein vorhandene Aufgabe verbirgt, die sich im Laufe des Lebens
Ausdruck verschaffen will. Der Versuch diese Aufgabenstellung zu bewältigen
drückt die Einmaligkeit jeder Biographie aus, denn jeder Mensch hat eine, ihm
ureigene Mission zu erfüllen. Mit dieser Mission steht der Mensch seit Beginn
der Modernen mit sich allein in der Welt. Niemand kann die Aufgaben eines
anderen Menschen übernehmen. Er kann sie nur ansatzweise im anderen
erkennen und dessen Bemühungen unterstützen, falls er sich dazu aufgerufen
fühlt.
Eine Aufgabe zu erfüllen heißt, sich ihr mehr oder weniger wissentlich
entgegenzustellen. Denn es bedarf zu der letztendlichen Bewältigung einer
Aufgabe immer der Überwindung eines ernstzunehmenden Widerstandes. Nun
macht es sich der Mensch bekanntermaßen gern bequem, scheut die
Anstrengung steile Hindernisse zu überwinden und nimmt dafür gerne längere
Wege in Kauf, um an sein Ziel zu gelangen. Man könnte dann leicht einwenden:
„Wenn der Weg das Ziel ist – ist doch alles in bester Ordnung?!“ doch hilft uns
die buddhistische Gelassenheit wenig in der westlichen
Hochgeschwindigkeitswelt, wenn wir ihr nicht den Rücken kehren und in
Abgeschiedenheit leben wollen. Da heißt es schon eher: „Das Ziel liegt im
Weg“ – also viele, unendlich viele Ziele, die, falls wir sie gründlich verfolgen,
uns in der Gesamtheit des Lebens weiterführen. Unser jeweiliges Ziel – unser
Ideal – ist als solches von Gelassenheit und Weisheit getragen. Kraft dieser
Weisheit versteht es diese „Zielvorgabe“ unsere individuelle Entwicklung, in
uns immer wieder durch Erschwernisse wach zu rütteln, um in unserem Leben
für die nötigen Turbulenzen zu sorgen. Wie ein Lotse, der in Kenntnis aller
Untiefen des Lebens darum bemüht ist, das ihm anvertraute Schiff wieder auf
den einmal vereinbarten Kurs zurück zu leiten.
Eine der vornehmsten Aufgaben der Biographiearbeit besteht darin, dieser
Lebensaufgabe ein Gesicht zu geben, sie als einen roten Faden, der unser Leben
durchzieht, zu erkennen und so weit wie möglich freizulegen.
Ein reichhaltiges Angebot von Büchern, versucht uns zu vermitteln, um was es
sich bei der Biographiearbeit auf der Grundlage der Anthroposophie handelt.
Von vielen Seiten her wurde dieser Versuch unternommen und es empfiehlt sich
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für die interessierte Hörerin oder den interessierten Hörer, möglichst viele
verschiedene Autoren zu diesem Thema zu befragen.
Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat so ziemlich für jeden
Bereich des Lebens Hinweise und Hilfestellungen für seine damals am Anfang
des letzten Jahrhunderts gegenwärtigen Mitmenschen und auch künftigen
Generationen hinterlassen. Man denke nur an die Waldorfpädagogik, die
Biologisch - Dynamische Landwirtschaft, die Anthroposophische Medizin, usw.
Was eine umfassende Darstellung der Biographiearbeit angeht, wird man aber
bei ihm nicht fündig werden. Seine Hinweise hierzu, sind lediglich ansatzweise
und weit verstreut in verschiedenen Werken und Vorträgen zu finden. Erst in
den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts, 50 Jahre nach
Steiners Tot, wussten Menschen, die sich mit seiner Geisteswissenschaft
beschäftigten, diese Aussagen zu deuten und sie zu einem brauchbaren
Instrument - dem der Biographiearbeit, zusammen zu fügen. Die Vielfalt
verschiedenster Publikationen, spricht dafür, dass sich Biographiearbeit, als
eine noch junge, vitale Disziplin nicht auf ein „das ist Biographiearbeit“
festlegen lässt, sondern noch darauf wartet, all das Neue, das Forschungsarbeit
auf diesem Gebiet zu Tage fördert, in sich aufnehmen zu können. Die
Biographie eines Menschen offenbart sich niemals vollkommen. Gewisse
Aspekte bleiben immer verborgen, Fragen unbeantwortet und der Grund für
Verhaltensmuster und deren Zusammenhänge geheimnisvoll.
Wenn ich das „Warum“ kenne – ertrage ich auch fast jedes „Wie“,
sagt sinngemäß Friedrich Nietzsche.
So gehen ich davon aus, dass der Triebfeder unseres Handelns ein „roter Faden“
zu Grunde gelegt ist, der aus dem Unterbewusstsein heraus, immer wieder
versucht unser Lebensschiff auf Kurs zu halten, eine Passage, die wir zu Beginn
unseres Lebens gebucht haben. Die Biographiearbeit gebraucht dazu, den zu
mancherlei Missverständnissen prädestinierten Begriff „Karma“ in dem Sinne,
dass jeder von uns diesen Planeten mit der Absicht betritt, Defizite seiner
Persönlichkeit auszugleichen. Dazu ist es notwendig verschiedenste Orte und
Menschen aufzusuchen, die uns dabei behilflich sein können. Je nach
Entwicklungsstand des jeweiligen Menschen wird er sich dessen mehr oder
weniger bewusst.
Schopenhauer zitiert in seiner Schrift „Absichtlichkeit im Schicksal des
Einzelnen“, einen neunzigjährigen, wie er sagt, lebenserfahrenen Mann namens
Knebel:
„Man wird bei genauer Beobachtung finden, dass in dem Leben der meisten
Menschen sich ein gewisser Plan findet, der durch die eigene Natur oder durch
die Umstände, die sie führen, ihnen gleichsam vorgezeichnet ist. Die Zustände
ihres Lebens mögen noch so abwechselnd und veränderlich sein, es zeigt sich
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doch am Ende ein Ganzes, das unter sich eine gewisse Übereinstimmung
bemerken lässt ... Die Hand eines bestimmten Schicksals, so verborgen sie auch
wirkt.“
Schopenhauer zieht dann, in dem er das Traum- mit dem Wachleben vergleicht
eine überraschende Schlussfolgerung. Er sieht in dem Träumer einen Autor, der
über seine Traumgeschichte verfügt, das Personal seiner Geschichte bestimmt
und dabei gegebenenfalls sogar die Hauptrolle übernehmen kann. Dieser Autor
ist Beobachter seiner eigenen Person und aller sonstigen Akteure. Er ist der
Traumproduzent, der unbewusst einem inneren Anliegen zur Verwirklichung
verhilft. Warum, so Schopenhauer, sollte dies nicht auch für unser
Wachbewusstsein Gültigkeit haben? Wir vertrauen unbewusst einem Regisseur,
der sich in unserem Unbewussten versteckt hält. Er bestimmt die Szenenwechsel
und Begegnungen, des sich selbst suchenden mit anderen sich ebenfalls auf der
Suche befindlichen Menschen. Und dies alles geschieht auf der Grundlage eines
einzigartig, gewaltigen Plans, der, da er alle Menschen mit einschießt, über das
einzelne Individuum hinausweißt.
Schopenhauer führt dazu aus:
„Wenn wir nun, um die dargelegte Ansicht uns einigermaßen fasslich zu
machen, die anerkannte Ähnlichkeit des individuellen Lebens mit dem Traume
zu Hülfe genommen haben; so ist andererseits auf den Unterschied aufmerksam
zu machen, dass im bloßen Traume das Verhältnis einseitig ist, nämlich nur ein
Ich wirklich will und empfindet, während die übrigen nichts als Phantome sind;
im großen Traume des Lebens hingegen ein wechselseitiges Verhältnis
stattfindet, indem nicht nur der eine im Traume des andern, geradeso, wie es
daselbst nötig ist, figuriert, sondern auch dieser wieder in dem seinigen; so dass
vermöge einer wirklichen „harmonia praestabilita“ [vorherbestimmten Harmonie] jeder doch nur das träumt, was ihm, seiner eigenen metaphysischen
Lenkung gemäß, angemessen ist und alle Lebensträume so künstlich ineinander
geflochten sind, dass jeder erfährt, was ihm gedeihlich ist, und zugleich leistet,
was andern nötig; wonach denn eine etwaige große Weltbegebenheit sich dem
Schicksale vieler Tausende jedem auf individuelle Weise anpasst.“
Das ist aus westlicher Sicht und für seine Zeit geradezu revolutionär, greift
Schopenhauer doch den östlichen Gedanken auf: „der Einzelne ein Tropfen im
Ozean der Seelen“ – alles ist mit allem verbunden. Ein morphogenetisches Feld,
das jeder glaubt für sich individuell zu bestellen, aber das dennoch jedem
Menschen zur Verfügung steht und somit dem Ganzen dient. Lebensentwürfe,
die bei verschiedensten Menschen „künstlerisch miteinander verflochten“ sind,
sind in letzter Konsequenz nichts anderes als Karma. Und so liegt der Gedanke
nahe, dass wenn ich Gesetzmäßigkeiten, in der Biographie des einzelnen
Menschen erkenne, ich mich einer Gesetzmäßigkeit annähern kann, die allen
Biographien zu Grunde liegt.
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Der bedeutendste Mythenforscher des letzten Jahrhunderts, der Amerikaner
Joseph Campbell, setzt bei seiner Aufforderung: „Follow your bliss“ – „Folge
deiner Bestimmung“ vorgenanntes Wissen voraus.
Auch er geht davon aus, dass es unsere Aufgabe ist, unsere ureigenste
Geschichte, die der Hintergrund all unserer Sehnsüchte ist, zu realem Leben zu
verhelfen. Bei der Verwirklichung dieses Projektes bleiben wir nicht allein,
solange wir unserer inneren Stimme folgen. Wenn ich ohne Wenn und Aber
bereit bin meiner Bestimmung zu folgen, so Campbell, kann ich mir der
Unterstützung der Welt sicher sein und es werden sich mir Türen öffnen, an
Orten, wo ich sie nie zuvor erwartet hätte. Wer öffnet diese Türen? Von wem
kommt diese Hilfe? Gibt es ein stillschweigendes Einvernehmen zwischen mir
und einem handelnden kollektiven Unbewussten, zu dem jeder Mensch eine
unbewusste Verbindung pflegt?
Ich werde hier der Versuchung widerstehen eine schlüssige Antwort auf diese
Frage anzubieten, doch werde ich versuchen, durch eine Annäherung an das
Gebäude „Biographie des Menschen“ wenigsten die Qualität dieser Frage auf
ein höheres Niveau zu bringen.
Ein Problem besteht offensichtlich darin, wie ich den Inhalt dieser
Aufgabenstellung erkennen kann. Und handelt es sich vielleicht nicht nur um die
eine, sondern um viele Aufgaben, die sich je nach Möglichkeit meiner
Lebenszusammenhänge verwirklichen lassen?
Über die Jahrsiebte
Das Jahrsiebt ist die gängige Einteilung, die in der Biographiearbeit dem
Lebenslauf zu Grunde gelegt wird, d.h., dass dies als Gerüst, als eine Art
rhythmisch gegliederter Raster dient.
Bernhard Lievegoed gibt in seinem mehr als empfehlenswerten Buch
„Lebenskrisen-Lebenschancen“ einen detaillierten Überblick, über all jene
Versuche die menschliche Biographie in Rhythmen einzuteilen. Es sei nur soviel
gesagt, dass diese Einteilung auf einer jahrhunderte langen Tradition beruht, die
sich bis in die Zeit des alten Griechenland zurückführen lässt. U. a. nimmt diese
Einteilung auch Bezug auf die 7 Planeten: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars,
Jupiter und Saturn, wobei der Mond ebenfalls zu den Planeten gerechnet wird.
Was ich bisher in anderen Darstellungen über den siebener Rhythmus nicht
gefunden habe und was ein weiteres Indiz für dessen Berechtigung sein kann, ist
die Tatsache, dass sich der Mensch im Laufe eines Jahrsiebtes materiell völlig
austauscht, d.h. dass wir innerhalb eines 70 jährigen Lebens unsere materielle
Substanz 10 mal komplett ausgetauscht haben.
Verhältnismäßig einfach lässt sich dieses Raster beim ersten bis dritten
Siebenerschritt aus der eigenen Wahrnehmung nachvollziehen, indem wir uns
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alle bewusst sind, dass mit dem Zahnwechsel, der danach erfolgten Schulreife,
der zwangsläufigen Konfrontation mit Menschen außerhalb der Familie (z.B.
Lehrer, Freunde und deren Familie) ein ganz neues Kapitel in unserem Leben
beginnt.
Das erste Jahrsiebt steht ganz unter der Anstrengung des Kindes sich aus der
totalen Abhängigkeit den Eltern gegenüber zu befreien. Es macht sich den
aufrechten Gang zu Eigen, lernt Sprechen und Denken und erobert sich damit
den Raum und ein soziales Umfeld. Wesentlich dabei ist, dass die Umgebung, in
der das Kind aufwächst, ihm die Möglichkeit lässt diese Entwicklungsschritte
„kindgemäß“ zu tun.
Sehr schnell erliegen Eltern, die es gut mit ihren Kindern meinen dem
Trugschluss, dass man diese möglichst schnell mit der Härte des Lebens
konfrontieren solle, um sie für den späteren Wettbewerb tauglich zu machen.
Aber das Gegenteil ist der Fall, denn je mehr ich von meinem Kind verfrühte,
eigene Entscheidungen erwarte, desto mehr schwäche ich es in seiner
Entwicklung. Im ersten Jahrsiebt und besonders in den ersten drei Jahren ist die
spielerische, Zweck ungebundene Begegnung mit der Welt stärkend.
Alle Sinne sind angesprochen, alles will ergriffen, erlaufen und geschmeckt
werden. Das optische Festbinden vor einem Fernsehgerät, kann somit nur
destruktiv auf diesen Drang wirken.
Wo einerseits größtmögliche Freiheit im eigenen Erleben nötig erscheint, ist
andererseits ein fester rhythmischer Tagesablauf stärkend. Essenzeiten,
Spielzeiten und die Zeit zu Bett zu gehen, sollen sich möglichst jeden Tag
gleichmäßig ablösen. Eine stabile Welt ist eine gute Welt für das Kind. Im
„Guten“ liegt alle Sehnsucht des Kindes und diese Sehnsucht unterscheidet noch
nicht, was wirklich gut im Sinne unserer Sozialisation ist, sondern nimmt jede
Situation und jeden Prozess als „gut“ an. So nehme ich wahr, dass es gut sein
kann sich zu streiten, weil, nachdem auch nun noch die letzte Tür geräuschvoll
zugeschlagen wurde, endlich Ruhe herrscht. Trotz allem späteren, erlernten
Wohlverhalten, kann es sein, dass ich bei Auseinandersetzungen, die dem
Strickmuster vergangener Streitunkultur meiner Eltern ähnelt, ich dann als letzte
Mittel das Türenzuschlagen als Problemlösung anwende.
Kommt das Kind im zweiten Jahrsiebt in die Schule, ist der erweiterte Raum,
den es nun betritt mit der Hoffnung erfüllt, weitere Menschen kennen zu lernen,
die es ihm ermöglichen eine immer größere Selbstständigkeit zu erreichen. „Ich
danke dir, dass du dich mir anvertraust“, sollte das Kredo einer jeden Lehrerin
und eines jeden Lehrers sein. Große Worte mag da so mancher sagen, aber es
geht nicht darum jedem Lehrer ein heiligmäßiges Verhalten abzuverlangen,
sondern um das Bewusstsein, dass ich das Vertrauen in die Welt, das es beim
Kind zu entwickeln gilt, möglichst wenig enttäusche. Denn so wird für sein
Empfinden die Welt schön sein. Schönheit unterliegt für das Kind zu dieser Zeit
noch keinen festen Kriterien. Schön ist, dass etwas da ist. Was das inhaltlich
darstellt, welcher Formenwelt, welchem Material es zugeordnet ist, spielt kaum
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eine Rolle. Wie ratlos steht man oft vor einem Spielzeug, das für das eigene
Empfinden unansehnlich vielleicht sogar hässlich aussieht und unverständlicher
Weise ist es gerade dieses Spielzeug, das das Kind am meisten benutzt oder gar
liebt – es eben als „Schön“ empfindet.
Diese „Schönheit“ ist ebenso wie das bereits im ersten Jahrsiebt erwähnte
„Gute“ mit einer stillen Sehnsucht verbunden, die im besten Fall durch die
Begegnung mit Kultur und Ästhetik gestillt wird. Auch hier tragen die Vorbilder
die Verantwortung für die Inhalte und Formen, die dem Kind angeboten werden.
Noch viel wäre über die Entwicklung in den ersten zwei Jahrsiebte zu sagen,
doch würde es die Möglichkeiten dieses Vortrags überschreiten. Allen, die sich
umfassender über die Eigenheiten der jeweiligen Jahrsiebte informieren wollen,
empfehle ich das Buch von Gudrun Burkhart „Das Leben in die Hand nehmen“,
oder das bereits vorgenannte Buch von Bernhard Lievegoed „LebenskrisenLebenschancen“.
Die Zeit der Pubertät, in der die Jugendlichen wegen „Innerem Umbau“
geschlossen haben, hat sich im Laufe der letzten hundert Jahren um ca. 2 Jahre
nach vorn, vom 14. Lebensjahr auf das 12. Lebensjahr hin verschoben und
findet so mit 14 Jahren meist den Abschluss. Auch dies gibt uns Anhaltspunkte
für den siebener Rhythmus im Lebenslauf.
Wenn wir die Entwicklung der Tiere, besonders der höher entwickelten
betrachten, so sehen wir, dass sich die Biographie des Tieres im Wesentlichen
auf drei Entwicklungsstufen beschränkt. Geburt, Geschlechtsreife und Tod.
Eine Biographie im eigentlichen Sinne, verglichen mit der des Menschen, findet
nicht statt.
Dies wird erneut diejenigen zum Einspruch reizen, die in ihrem Hund einen
treuen Weggefährten sehen, der mit ihnen durch Dick und Dünn geht. Aber nun
mal ehrlich lieber Tierfreund – ich bin selbst Hundebesitzer -, lässt sich ein
Hundeleben tatsächlich mit dem eines Menschen vergleichen, oder ist es nicht
so, dass unser treuer Weggefährte lediglich zum Spiegel unserer Vorstellungen
wird. Er entwickelt sich doch höchstens in dem Maße, wie wir ihm durch Lob,
Zuneigung und Verbote zu einem, für unsere Maßstäbe, sozialen Wesen
machen, dass unseren Vorstellungen zu entsprechen hat. Würde denn ein Hund
von sich aus „Platz“ machen oder an der Straßenkreuzung warten, bis die
Fahrbahn frei ist? Eine eigene selbst gewählte Entwicklung ist für ein Tier
unmöglich. Das Löwenbewusstsein bleibt immer ein Löwenbewusstsein auch
wenn er durch einen Feuerreifen springt. Er kann sich nicht reflektieren. Auch
noch so ausgefeilte Trainingsmethoden mit Affen, lassen diesen nicht zum
Menschen werden und wäre dies tatsächlich einmal möglich, wäre er kein Affe
mehr.
Der Mensch, der in sich alle Naturreiche trägt: das mineralische, das pflanzliche
und das tierische Element, bringt diese Elemente mit der Geschlechtsreife zur
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Ausbildung. Somit ist der tierische Aspekt, der seinen Höhepunkt in der
Fortpflanzung findet, in uns, um das vierzehnte Lebensjahr zur Ausgestaltung
gekommen. Die geistig–seelische Ausbildung hinkt dem hinterher. Der
Jugendliche, der sich mit einem Mal in der Lage sieht, sich zu reproduzieren, ist
diesem Umstand oftmals nicht gewachsen. Das Tierisch-Triebhafte, kommt
unverblümt zum Tragen. Das Seelisch-Moralische ist noch eine Strandburg,
gefährdet von jeder Welle, die ans Ufer schlägt.
Ein eigenes Umgehen damit lernt der Jugendliche erst, wenn er sein drittes
Jahrsiebt beendet hat. Bis dahin ist er auf das angewiesen, was er an Erziehung
in den ersten beiden Jahrsiebten genossen hat. Bei aller Unvollkommenheit
unserer Erziehung und all den Zweifeln und Ängsten, die sich bei Eltern in der
Zeit der Pubertät einstellen, können wir ruhig darauf vertrauen, dass, wenn wir
Eltern authentische Vorbilder in der Zeit der Kindheit waren, dieser
Vorbildcharakter jetzt, in einer, der Individualität des Jugendlichen
entsprechenden Weise, zum Tragen kommt. Dies heißt, dass wir soziale Werte
vertreten haben, die wir versuchten einerseits in die Erziehung einfließen zu
lassen und die andererseits in unserem Handeln Gestalt angenommen haben.
Denn unter den Augen eines Pubertierenden nützen uns unsere Masken wenig.
Niemals in seinem Leben ist man so fähig, hinter die Schliche der Erwachsenen
zu kommen, wie in der Pubertät. Dies liegt daran, dass man selbst auf der Suche
nach Werten ist, die man selbst noch nicht für sich individuell handhaben kann.
Die Diskrepanz einerseits, bereits Verantwortung zu tragen, wie sie auch
offensichtlich von der Gesellschaft erwartet wird und sich andererseits einer
Realität gegenüber gestellt zu sehen, in der Zweifel und Zukunftsängste
vorherrschen, erlebt der Jugendliche in einer stetigen Überforderung. Diese lässt
den Jugendlichen Sensoren entwickeln, die es ihm ermöglichen mit
schlafwandlerischer Sicherheit die Finger auf alle die Wunden zu legen, die wir
als Eltern meist schamhaft versuchen, vor uns selbst zu verbergen.
Triebfeder ist nun nach dem, in den ersten beiden Jahrsiebten erwähnten
„Guten“, und dem „Schönen“ die Sehnsucht nach „Wahrhaftigkeit“. Wahr ist,
was verändern will. Ob zum Guten oder Schlechten entzieht sich meist der
Beurteilung des Jugendlichen. Es kann aber leicht eingesehen werden, dass,
wenn die Sehnsüchte der ersten Jahre in der Weise gestillt wurden, dass das
„Gute“ meist auch ein objektiv Gutes war und die ästhetische Erziehung nicht
nur aus Plastikmonstern bestand, sich das Kind auf seinem nun einsamen Weg
in die Adoleszenz zwar in einem Labyrinth befindet – aber dennoch ausgerüstet
ist mit dem Ariadnefaden des Guten und Schönen.
Sicher ist auch, dass das 18. Lebensjahr einen bedeutenden Einschnitt darstellt,
da wir uns in dieser Zeit einem anderen Phänomen gegenübergestellt sehen unserem ersten Mondknoten. Nach jeweils 18 Jahren, 7 Monaten und 9 Tagen
steht der Mond jetzt wieder am gleichen Punkt in dem Sternbild, bei dem er sich
zum Zeitpunkt unserer Geburt befand.
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Bernhard Lievegoed nennt dies: die „Ich-Verwirklichung“, die uns im
Gegensatz zum „Ich-Erleben“ in der Vorpubertät“ und dem „Ich-Bewusstsein“
mit ca. 3 Jahren, darin unterstützt, eine Beziehung zu unserer eigentlichen
Aufgabe im Leben zu finden. Dies kann sich vor allen Dingen darin ausdrücken,
dass wir einen Berufwunsch entwickeln, der zumindest gewisse andere
Möglichkeiten ausschließt, wenn auch noch nicht ein konkretes Berufziel vor
Augen steht. Zum ersten Mal ist die Möglichkeit gegeben, die eigentliche
Lebensaufgabe, wenn auch nur schemenhaft, zu erkennen.
Wenn hier von „eigentlicher Aufgabe“ gesprochen wird, so möchte ich noch
einmal betonen, dass diese so zu verstehen ist, dass für die Biographiearbeit
unzweifelhaft feststeht, dass wir alle ohne Ausnahme schon zu Beginn unserer
Existenz auf diesem Planeten einen unsichtbaren Rucksack mit uns tragen, der
alle unsere Fähigkeiten enthält, die wir in vorangegangenen Leben erworben
haben. Gemäß diesen Fähigkeiten und unter Verwendung derselben, versuche
ich mir ein Leben zu gestalten, in dem ich mit Hilfe dieser bereits erworbenen
Fähigkeiten mir neue Erfahrungen erschließen kann, die es mir ermöglichen
weitere Fähigkeiten auszubilden.
Als sicher gilt, dass die Irrungen und Wirren des Lebens, es uns nach aller
Wahrscheinlichkeit nicht möglich machen, alle unsere mitgebrachten
Fähigkeiten auch zu Geltung bringen zu können. Deshalb ist es auch ohne
weiteres möglich, dass uns erst im hohen Alter durch veränderte äußere
Umstände, bis dahin völlig unbekannte Fähigkeiten urplötzlich zur Verfügung
stehen, von denen wir uns mit Recht fragen: Woher kann ich das eigentlich?
Von der Fähigkeit eigene Verantwortung zu tragen kann aber im Alter von 18
Jahren noch keine Rede sein. Der „Mondknoten“ ist eher eine Vorwegnahme,
ein Erproben dessen, was sich ab dem 21. Lebensjahr zu vollziehen beginnt,
denn erst mit 21 Jahren ist es legitim, dem jungen Menschen im eigentlichen
Sinne Verantwortung zu übertragen und dies auch nur in einem überschaubaren
Maße.
Erst das 4. Jahrsiebt und die Kräfte, die uns in dieser Zeit zufließen, machen es
möglich ein tieferes Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Wobei das
Augenmerk besonders auf das „Gefühl“ zu richten ist. Es ist eine Zeit, in der wir
unser Gefühlsleben zivilisieren können. Nicht, in dem wir uns direkt dieser
Gefühlslebensexplosion bewusst sind und diese am Ende sogar versuchen zu
unterdrücken, sondern gerade, in dem wir in dieser Zeit noch möglichst
verantwortungslos das Leben auf den Prüfstein stellen, kultivieren wir damit
unser Gefühlsleben, hin zu einer eigenen, unserer Individualität verpflichtenden
Verantwortung.
Die Zeit zwischen 21 und 28 spricht in den meisten Biographien eine deutliche
Sprache.
Ausdrücken kann sich dies nicht nur in Reisen in alle Himmelsrichtungen, die
ungeplant und so spontan unternommen werden, dass es aus der Sicht der Eltern
geradezu fahrlässig, gefährlich erscheint. Es kann sich ausdrücken in der Suche,
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einen eigenen Platz zum Leben zu finden, der vielleicht nicht gerade dem
entspricht, was der Mensch von Haus aus gewohnt ist. Viele Angebote, die uns
die Welt macht, werden ergriffen, Lebensentwürfe erprobt, wieder verworfen
oder nur kurzfristig für gut befunden.
Noch vor nicht allzu langer Zeit, gab es zumindest für junge Männer, die ein
Handwerk gelernt hatten, die Zeit der Wanderung. Es war eine Pflicht für jeden
Gesellen sich auf die Wanderung zu begeben und bei diesem oder jenem Meister
seine Ausbildung zu vervollkommnen. Dies geschah sicherlich aus dem Grund,
dass man aus den Handwerker Zünften heraus die Notwendigkeit sah, dass die
Erfahrungen, die man bei verschiedenen Meistern machen konnte eine breitere
Ausbildung ermöglichen. Dies geschah aber auch, weil dieser Lebensabschnitt
identisch ist mit dem Gefühl, dass der Gesellen in sich trug nun endlich das
heimische Nest zu verlassen, um grundlegende eigene Erfahrungen zu machen.
So gab es zu dieser Zeit für den, der auf der Wanderschaft war eine „Zone“, die
er nicht betreten durfte. Sie erstreckte sich ca. 50 km um den jeweiligen
Heimatort. Wurde ein Geselle innerhalb dieser Zone erwischt, wurde im der
Ohrring das Zeichen seines Gesellendaseins aus dem Ohr gerissen. Wir kennen
heute noch den Begriff des „Schlitzohrs“.
Was den Handwerkern, Rittern und Abenteurern vergangener Jahrhunderte
vorbehalten blieb, ist heut zu Tage mit wachsender Individualität eine
Notwendigkeit für jede junge Frau und jeden jungen Mann, die eine gesunde
Entwicklung durchlaufen wollen.
Dieses vierte Jahrsiebt steht wie eine Spiegelung dem ersten Jahrsiebt
gegenüber. Mit meiner Geburt in dieses oder jenes Milieu habe ich die
Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Organisation meines Körpers die
nötigen physischen Grundlagen bekommt, sodass meine seelisch-geistigen
Fähigkeiten auch physisch Gestalt annehmen können. So braucht ein Mensch,
der musikalische Fähigkeiten ausbilden will eine Familie, in der das Gehör seit
Generationen ausgebildet ist, ein mehr körperorientierter Mensch einen
kräftigen Wuchs, um Sportler zu sein usw. Dies zu generalisieren, hieße
allerdings der postmodernen Zeit nicht ganz gerecht zu werden, denn in der
täglichen Beratung mit den Klienten kann ich feststellen, dass gerade wenn es
um seelisch-geistige Qualitäten geht, viele Menschen sich eine Familie
heraussucht haben, die gerade das Gegenteil an Werten vertritt, die sich im
späteren Leben Geltung verschaffen wollen. Hier sucht sich die Individualität
einen starken Widerstand, um durch vermehrten äußeren Druck letztendlich
dazu zu gelangen, die mitgebrachten Aufgaben mit umso mehr Vehemenz zu
verwirklichen.
Was im vierten Jahrsiebt gefordert ist, ist eine Umarbeitung des Milieus, in das
ich hineingeboren bin. Eigene Maßstäbe gilt es zu entwickeln und auf der
Grundlage des im ersten Jahrsiebt erfahrenen, müssen diese sich am Leben
messen lassen. Diese Maßstäbe können sich nur dann in eine wahrhafte
Lebenserfahrung wandeln, wenn ich alle Gelegenheiten auszunutzen weiß, die
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Welt in ihren höchsten Höhen und tiefsten Tiefen auszuloten. Einen eigenen
Platz zu finden, eigene Anschauungen vertreten, mein soziales Umfeld nach
meinen eigenen Bedürfnissen zu gestalten und diese Bedürfnisse auch
artikulieren zu können, ist unsere Aufgabe zu dieser Zeit.
Goethe über diese Zeit seines Lebens befragt, antwortete: „Himmel hoch
jauchzend – zu Tode betrübt“.
Vor noch nicht langer Zeit galt erst der 21 jährige als Rechts– und
Geschäftsfähig.
Dieser Schutz wird, dem sich in der Adoleszenz befindlichen, heutzutage nicht
mehr gewährt. Wir können einerseits die Jugendlichen nicht schnell genug zu
jungen Erwachsenen machen und andererseits wird in der westlichen
Zivilisation alles versucht um zu vermeiden, dass wir uns als Erwachsene geistig
und seelisch weiterentwickeln.
Es begegnet mir bei meinen Klienten immer wieder, dass äußere Umstände eine
geistig-seelische Entwicklung in vollem Maße zu verhindern wussten. Dieses
Defizit, das durch unsere leistungsorientierte Gesellschaft geradezu gepflegt
wird, indem die geradlinige Ausbildung gefordert, ein fertiger Zukunftsentwurf
viel zu früh erwartet wird, birgt die Gefahr eines Jugendlichkeitswahns, der sich
durch das ganze Leben hindurch ziehen kann. Dies scheint im Interesse derer zu
liegen, die uns permanent weismachen wollen, dass allein der Erhalt
körperlicher Jugendlichkeit und des damit verbundenen materielle Konsums
ausschlaggebend dafür sind, gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen.
Dem schließen sich alle jene bereitwillig an, deren Entwicklung in der Zeit
zwischen 21 und 28 Jahren, in der vorgenannten Hinsicht zu kurz gekommen ist.
Habe ich in dieser Zeit meine erlaubte Unverantwortlichkeit nicht ausgelebt,
werde ich später nach Möglichkeiten suchen dieses Defizit auszugleichen. Ich
werde z.B. eine tiefe Sehnsucht danach entwickeln in späteren Jahren die Welt
zu erkunden. Dies geschieht natürlich nicht mehr mit der Unverschämtheit, die
mir im vierten Jahrsiebt zueigen ist. Ich sage damit nicht, dass man Versäumtes
nicht nachholen kann, nur wird es eben ein ganz anderes Erlebnis sein, das ich
als Pauschaltourist mit meiner Familie innerhalb von vierzehn Tagen im
Robinsoncamp mache, verglichen mit den Erfahrungen als jugendlicher
Rucksacktourist, dem ein viertel Jahr zur Verfügung steht, weil es gilt, die Zeit
zwischen einen Studiengang und dem nächsten zu überbrücken.
Am Ende dieser Zeit steht das Leben als Erwachsener. Und mit zunehmendem
Hinsteuern auf die 28 bis 30iger Jahresgrenze stellt sich eine Sehnsucht nach der
verlorenen Jugend ein. Dies kann sich in vielerlei ausdrücken. Zum einen ist
man nicht mehr in der Lage so unverschämt seiner Selbstverwirklichung
nachzujagen und zum anderen ist der Gedanke erschreckend, dass das Leben
endlich ist und dass sich bereits manche Wünsche vielleicht nicht mehr
verwirklichen lassen.
Bei meinen Einführungsvorträgen habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn
ich von den Anwesenden behaupte, dass sie wohl alle in diesem Zeitraum eine
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grundsätzliche Veränderung in ihren Leben erfahren haben, ich mit dieser
Behauptung meist ungeteilte Zustimmung finde, auch ohne, das ich nur das
geringste von den Anwesenden weis.
Es handelt sich darum, dass in dieser Lebenszeit sich ein grundlegend neues
Gefühl dem Leben gegenüber einstellt. Eine noch nicht gekannte Verantwortung
sich selbst und anderen gegenüber bricht sich Bahn. „Traue keinem über
Dreißig“ Dies Schlagwort der 68iger Generation hat seine Berechtigung.
Markus Wiebusch von der Hamburger Rockgruppe „Kettcar“ drückt das in
einem seiner Liedtexte so aus:
„Gott, was sieht der bitter aus…. Vielleicht ist jemand gestorben? Vielleicht ist
er Dreißig geworden?“
Es ist ganz sicher in uns etwas gestorben. Es handelt sich um ein
Abschiednehmen von der Unbefangenheit der Jugend und ein bereits Erahnen
einer künftigen, von sich selbst abverlangten Verantwortung.
Bis ungefähr zu unserem 35. Lebensjahr ist es uns gestattet, ohne Reue die
sieben Meere des Lebens zu durchkreuzen. Das Haus wird gebaut, der Baum
wird gepflanzt und die Nachkommenschaft gezeugt. Es gilt sich auf diesem
Planeten einzurichten. Doch wer glaubt, hier auf Althergebrachtes zurückgreifen
zu können, den bestraft die Zeit. Zwei Menschen haben zueinander gefunden,
jeder Teil dieses Paares trägt ein Marschgepäck aus seiner Kindheit und
Jugendzeit auf dem Rücken und alles, was dieses Marschgepäck beinhaltet ist
für denjenigen, der es trägt, wertvoll und richtig. Zwei Menschen die
zusammenleben packen diese Inhalte aus und nun muss die Summe dieser
Inhalte mehr werden, als der Inhalt des einzelnen. Wer darauf beharrt, dass das,
was er mit sich trägt wertvoller und „richtiger“ ist, als das, was der andere
mitbringt, wird in dem anderen einen Widerstand gegen das fremde
Mitgebrachte erzeugen und obendrein das Eigene noch wertvoller erscheinen
lassen. Wenn eine Frau enttäuscht ist, dass ihr Mann an Weihnachten nicht den
Christbaum schmückt, so wie das ihr Vater immer getan hat, verpasst die
Chance für einen Neuanfang. Denn mit diesen „kleinen“ Dingen fängt es an.
Aus dem Fundus des Mitgebrachten Neues zu schöpfen ist die Devise dieser
Zeitspanne. Neue Rituale im Familienleben müssen geschaffen werden. Der
Mann geht eben nicht mehr jeden Samstag zur Mutter, weil er das seit Jahren
tut. Und das junge Paar lebt, so weit es möglich ist, in einer eigenen Wohnung
und Mutter kommt nicht zur „Putzkontrolle“ auch wenn es noch so schwer fällt.
In dem vorangegangenen Jahrsiebt lag die Chance zur Überwindung des Milieus
der Kindheit. Ob sie genutzt wurde wird sich jetzt zeigen.
Wer jetzt noch nicht von zu Hause den „Abflug“ gemacht hat, egal ob mit oder
ohne Partner, läuft in Gefahr, dies in Zukunft nur noch unter großen
Widerständen zu schaffen. Die Individualität muss in dieser Zeit sich zumindest
im Materiellen in einer gewissen Unabhängigkeit darstellen können. Der
Individualist ist kein exotischer Außenseiter, wie er gerne von der Gesellschaft
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gebrandmarkt wird. Der Individualist ist gerade der, der im Beruflichen und
Sozialen eigene Weg geht, ohne verbrannte Erde hinter sich zurück zu lassen.
Innovativ sein heißt nicht nur „ausgeflippte“ Ideen zu Tage zu fördern, sondern
sie auch zu verwirklichen. Bei dieser Verwirklichung zeigt sich immer sehr
schnell, wie „ausgeflippt“ diese Ideen sind. Neues wird immer argwöhnisch
betrachtet und als undurchführbar bezeichnet, nur weil es die Ruhe stört. Das,
was wir im letzten Jahrsiebt geprobt haben schreit nun förmlich nach Form.
Wenn wir in diesen oder jenen Bereichen diese neue, für uns passende Form
gefunden haben, werden wir auch dem nächsten Jahrsiebt mit Gelassenheit
entgegen sehen können. Denn tief in uns wird eine Frage ihren Weg ins
Bewusstsein finden, die nicht anders lautet als: „Soll das nun alles gewesen
sein?“ Ein wenig früh, werden hier einige sagen und tatsächlich merken viele
Menschen zu diesem Zeitpunkt noch nichts von diesem inneren Rumoren, da sie
weiterhin damit beschäftigt sind, das zweite oder dritte Haus zu bauen. So kann
es sein, dass der Ruf des 2. Mondknoten nach der eigentlichen Aufgabe im
Leben, der sich im 6. Jahrsiebt mit 37 Jahren und 3 Monaten wieder einstellt,
leicht überhört wird. Es sind einige Stufen auf der Karriereleiter erklommen
worden und man kann bereits das Ende dieser Leiter sehen. Der Weg ist meist
geebnet und es tut sich kein unbekannter Horizont mehr auf, den man
überspringen könnte um nachzuschauen, was hinter der Hügelkette noch wartet.
Solange man im Materiellen bleibt und weiterhin glaubt, immer mehr materielle
Güter anhäufen zu müssen, um sich durch Besitz zu definieren, wird man bei
einem Überhören dieses 2. Mondknoten die Ursache für eine spätere heftige
Midlife Crisis finden. Dieser zweite Mondknoten enthält die Mahnung, unseren
Auftrag, den wir vielleicht im Materiellen bereits erfüllt haben, nun auf eine
geistig seelische Ebene weiter zu führen. Wir gehen in Riesenschritten auf das
42. Lebensjahr zu, der Schwelle, die uns abverlangt, etwas zu entwickeln, was
uns vorher noch nicht möglich war.
So, wie wir uns mit 28 Jahren von unserer Jugend ein für alle mal
verabschieden, so verabschieden wir uns in diesem Alter von der
„Selbstverständlichkeit“. All unserem Tun lag bis zu diesem Zeitpunkt ein
Selbstverständnis zu Grunde, das nun urplötzlich nicht mehr gegeben ist. Als
Beispiel sei ein Chirurge angeführt, der trotz jahrelanger Praxis im
„aufschneiden“ von Patienten, mit einem Mal eine gewisse Scheu empfindet,
mit dem Skalpell in lebendes Fleisch zu schneiden. Jede neue Operation fordert
seinen ganzen Mut heraus. Es ist als ob wir uns mehr der Folgen unseres
Handelns bewusst werden. Das ungenierte Handhaben der Werkzeuge weicht
einem Zögern und Zaudern, das sich nicht logisch begründen lässt. Wir stehen
allein in der Welt, alle guten Geister haben uns verlassen und wenn nicht
verlassen, so haben sie sich auf eine Beobachterposition zurückgezogen. Wir
sind zum ersten Mal in unserem Leben in der Lage, frei zu sein. Atemberaubend
frei, mit den Füßen auf dem Treibsand einer Verantwortung, die wir auch
wahrhaftig zu verantworten haben. Wie kann ich frei sein, wenn ich soviel
Verpflichtungen in der Zwischenzeit eingegangen bin? Wohin kann ich mich
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wenden, wenn ich noch so viele Ratenzahlungen abzuzahlen habe? Welchen
Weg kann ich in meinem Beruf einschlagen, welche Freiheiten habe ich, wenn
mir wegen Überalterung die mögliche Kündigung droht? Und wenn ich eine
andere berufliche Laufbahn einschlage, bin ich nicht schon zu alt dafür?
Das Leben ist meistens bereits „rundumversichert“, aber wir wissen, es ist
lebensgefährlich und endet meist tödlich, wie dies Erich Kästner zu sagen
wusste. Es wird eine gehörige Portion Mut abverlangt, sich auf den Weg zu
seinem Selbst macht. „Erkenne Dich selbst!“ ist das Motto. Und der
Selbstzweifel gehört dazu. Mit der Selbstüberschätzung hat es nun endgültig
aufgehört, auch wenn Unbelehrbare dies gerade in dieser Lebenszeit lautstark
propagieren. Wir sehen das Ende und wissen um die Vergänglichkeit allen Seins
– dazu braucht es Mut. Wir schöpfen dafür die Energie aus einer Kraft, die
jedem in dieser Zeit zur Verfügung steht, dies ist, wenn wir uns genügend
Selbstvertrauen entgegen zu bringen bereit sind, eine Kraft, die sich nun nicht
mehr dem materiellen Anhäufen von Gütern zur Verfügung stellt, sondern
einzig und allein das geistige Streben zum Ziel hat. Wo immer wir bereit sind,
uns über das Materielle hinweg zu entwickeln, wird unser Streben durch diese
„Mutkraft“ Unterstützung finden.
In gewisser Weise steht dieses Jahrsiebt in Verbindung zu dem Beginn unseres
dritten Jahrsiebts. Denn dort waren wir Abhängige unseres „inneren Umbaues“
in der Pubertät, nun aber sollten die letzten Nabelschnüre gekappt sein und wir
sollten gelernt haben, ohne Netz und doppelten Boden und mit dem Verzicht auf
jegliche Tricks, auf dem Hochseil des Lebens zu balancieren.
Vom 49. Lebensjahr an werden uns Erlebnisse begleiten, die von uns eine
gewisse Gelassenheit abverlangen. Es rücken junge Menschen nach, die
Fähigkeiten haben, in denen sie uns in den Dingen, von denen wir glaubten, dass
wir sie beherrschen, weit überlegen sind. Der Chef, der jeden Morgen der Erste
im Büro und am Abend der Letzte ist der geht, zeigt, dass er Angst davor hat,
dass ihm diese Jungen bereits das Stuhlbein ansägen. Es ist an der Zeit sich in
Gelassenheit zu üben, damit diese Panikstimmung nicht aufkommt. Angst ist
immer der schlechteste Berater, er verführt zu Kurzschlusshandlungen, die wie
ein schleichendes Gift eine Führungspersönlichkeit kontaminiert. Weniger
ängstliche Führernaturen blühen in diesem Alter erst richtig auf. Im römischen
Senat war es verboten, dass man vor dem 45. Lebensjahr das Wort ergreifen
durfte. Eine politische Karriere beginnt in diesem Alter. Die Zeit, um Richtlinien
zu geben, Vorträge zu halten, Vorbild zu werden.
Das 56. Lebensjahr fällt nahezu mit dem 3. Mondknoten zusammen, der sich mit
55 Jahren und 9 Monaten einstellt. War der 2. Mondknoten ein Aufruf an das
„Du“, ein Erleben im anderen, so ist der 3. Mondknoten ein Aufruf an das
„Wir“, das seinen Wirkungsbereich im sozialen Miteinander sucht. Neue
Horizonte tun sich auf. Erfolgreiche Eroberungen können gemacht werden auf
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Gebieten, die nie zuvor betreten wurden. Und zum Unterschied der
Eroberungen, die im 5. Jahrsiebt – zwischen 28 und 35 Jahren - stattfanden,
finden diese Eroberungen – sollen sie von bleibendem Wert sein - nicht auf
Kosten anderer statt. Dies Jahrsiebt steht in Verbindung zu dem Beginn unseres
zweiten Jahrsiebt, in dem wir abhängig von den Erwachsenen und Lehrern, die
Welt aus zweiter Hand erfahren haben. Menschen, von denen wir erwartet
haben, dass sie wissen wo der Lichtschalter ist, wenn es hell werden soll. Nun
müssen wir selbst in der Lage sein uns Licht zu geben. Es handelt sich dabei um
ein inneres Licht. Der Mut des sechsten Jahrsiebtes, die Gelassenheit des siebten
Jahrsiebtes sind die Grundlagen dafür, dass wir nun das Geschenk der Weisheit
empfangen dürfen.
Mit 63 Jahren können wir diese errungenen Lebensweisheiten wieder an die
Welt zurückgeben. Keine Kindergärtnerin oder Kindergärtner versteht sich so
gut auf diese „Frischlinge“, die sich noch völlig unbedarft die Welt erobern, wie
eine Frau oder ein Mann, die dieses Alter erreicht haben. Großeltern haben
gegenüber den Eltern einen völlig anderen Zugang zu ihren Enkeln. Die einen,
die Enkelkinder, sind gerade angekommen und die anderen, die Großeltern,
wissen von ihrem immer näher rückenden Abschied von dieser Welt.
„Lass die Eltern doch ihren Geschäften nachgehen, wir beide wissen es doch
viel besser, auf was es im Leben ankommt.“
Sinnvoll altern bedeutet, bereit zu sein, eingefahrene Vorstellungen täglich über
Bord zu werfen und sich mit bisher ungedachtem Denken zu verjüngen. Den
körperlichen Abbau kann man erträglicher gestalten, wenn man ihm geistige
Frische entgegenhält. Es gibt noch immer Fähigkeiten zu entdecken, die bislang
das Licht der Öffentlichkeit gescheut haben. Ein Hobby schafft dabei keine
Abhilfe, es muss eine Fähigkeit sein, die zur Berufung werden kann und die sich
einen Platz im Sozialen sichert. Die Suche nach Möglichkeiten, meine
Erfahrungen der Welt zurück zu geben und jede Gelegenheit zu nutzen, dies
auch zu tun, kann einem Menschen im Rentenalter zum Jungbrunnen werden.
Eine Gesellschaft, die nicht die Voraussetzungen dafür schafft, ist keine soziale
Gesellschaft, sondern sie schickt ihre älteren Bürger in einen Irrgarten. Die
westliche Zivilisation scheint sich viel davon zu versprechen, die Menschheit
durch ihr ganzes Leben hindurch im dritten und vierten Jahrsiebt fest zu zurren,
um ihnen so ein Leben lang Turnschuhe und alle sonstigen Attribute ewiger
Jugend, verkaufen zu können. Potemkinsche Dörfer, deren hohle Fassaden nur
die Trostlosigkeit eines hoffnungslosen Dahinalterns verbergen.
„Jeder Mensch ein Künstler“. Diese so oft missverstandene Aussage von Joseph
Beuys bedeutet nicht, dass jeder Mensch die Fähigkeit erwerben muss, sich als
Schriftsteller oder Maler zu beweisen, sondern dieses „Künstlertum“ meint ein
lebenslanges Ringen, um die soziale Kompetenz des Einzelnen, sich ungeachtet
jedweder Konventionen, immer wieder neu für das für den Augenblick
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wesentliche zu entscheiden. Was wesentlich ist bestimmt das Individuum allein
für sich, denn der Mensch ist dazu bestimmt, eine innere Freiheit zu erkämpfen,
die sich im Äußeren durch seine moralischen Handlungen ausdrückt. Dieses
Bedürfnis, das heute bei den meisten Menschen zwar vorhanden, aber dennoch
ein karges Dasein fristet, kann aus der Arbeit an der eigenen Biographie
wachsen, an Sicherheit gewinnen und eine Perspektive für das künftige Leben
werden. Je mehr ich mein Leben unter diese Prämisse stelle, desto befriedigter
werde ich an seinem Ende den Blick zurück wenden und sagen können, das war
es wert. Ich habe zwar die Welt nicht retten können, noch habe ich die Lösungen
für ihre Probleme gefunden, doch es war wunderbar!
Methodisches:
Viel ist geschrieben worden, über die geisteswissenschaftlichen Hintergründe
der Biographiearbeit, viel über die, der Biographiearbeit zu Grunde liegenden
Lebens-Rhythmen und anderer biographischen Gesetzmäßigkeiten, doch wenig
über die eigentliche Arbeit mit dem Klienten.
Das liegt vielleicht auch daran, dass die individuelle Arbeit mit einem Klienten
niemals nur Methode sein darf, sondern mehr ein situativ vages Abstecken eines
Terrains, dessen Grenzen sich nicht umzäunen lassen. „Work in Progress“ ist
jede Biographie und so muss sich der Biographieberater damit bescheiden,
selbst ein Teil dieser Entwicklungsphase seines Klienten zu werden.
Eine der Hauptmerkmale der Biographiearbeit könnte man darin sehen, dass wir
in unserem biographischen Rückblick auf unser Leben geneigt sind, einzelne
Vorkommnisse steht’s isoliert zu betrachten – sie also meist losgelöst von den
vorangegangenen und sich den daraus ergebenen Tatsachen wahrzunehmen.
Mache ich mich nun, unter der Führung eines Beraters daran, meine Erlebnisse
in einer durchgängigen Rückschau zu vergegenwärtigen, so entsteht ein
Lebensbild, das nicht bei dem einzelnen Erlebnis stehen bleibt, sondern alle
meine gemachten Erfahrungen in einem Gesamtkontext zusammenfasst. Ich
erfahre somit, dass das, was ich bislang als isolierte, einsame Erfahrung gemacht
habe, sich im Kontext des Vorausgegangenen und dem sich daraus Entwickelten
zu einem sinnvollen Ganzen fügt.
So geht es bei Beginn der konkreten Arbeit darum, einen möglichst lückenlosen
Bericht der Klientin oder des Klienten zu erhalten. Die Aufgabe des Beraters
besteht darin, dass er in der Lage ist, hilfreich beim schließen von
Gedächtnislücken zu sein. Dazu gibt es einige Methoden. Eine davon ist die
Umkehrung von seelisch Erlebten in äußerlich Erlebtes und umgekehrt. Mit
andern Worten: erinnert sich die Klientin nicht mehr an das Kinderzimmer, das
sie als 6 Jährige bewohnt hat, fragt man vielleicht nach dem Geruch, den der
Sonntagbraten im Hause verbreitet hat, nach der Art des Fußboden oder nach
dem Tapetenmuster, dann wieder nach Rhythmen im Tagesablauf usw. Dadurch
entsteht ein Bild, das sich selbst vervollkommnen will.
Manche erinnern sich nicht mehr an ihre Schule, besonders was die ersten vier
Jahre in der Grundschule angeht. Dann stellen wir uns vor, wie wir gemeinsam
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morgens aufstehen, uns anziehen und uns dann nach dem Frühstück auf den
Schulweg bis zum Schulgebäude, dann durch die Schultür, den Gang entlang,
bis hinein ins Klassenzimmer begeben. So werden verschüttete Erinnerungen
wieder wachgerufen und dabei wird vielleicht auch erkannt, warum diese nicht
mehr erinnert werden.
Dies kann eine mühevolle Arbeit sein. Meist ist eine Beratung unter 15 bis 20
Stunden, je nach Lebensalter, nicht zu bewältigen, will man möglichst viele
Details aus der Vergangenheit wachrufen.
Schon diese Aufarbeitung der Erinnerungen, ist eine der wertvollsten
Bestandteile der Biographiearbeit.
Diese intensive Beschäftigung geht weit über das gewöhnliche Erinnern an
Vergangenes hinaus, da dieses Erinnern einem Mentor untersteht, der sorgsam
darüber wacht, dass die Kontinuität des Erzählens erhalten bleibt. Jede
Handlung, jede Begegnung, jeder Sieg und jede Niederlage greifen ineinander
und ergeben so einen Sinn. Dadurch erfährt jedes dieser Ereignisse eine
Relativierung seiner bisherigen Bewertung. Manche Niederlage wird
verständlich, erklärt sich aus den vorausgegangenen Umständen und kann so in
einem anderen Licht gesehen werden. Sie war vielleicht notwendig, dass zu
einem späteren Zeitpunkt überhaupt ein neues Ziel ins Visier genommen werden
konnte. Ein Menschen, der einem über Jahre hinweg im Beruf drangsalierte,
bekommt urplötzlich den Rang eines „Geburtshelfers“, weil er wesentlich dazu
beitrug, dass ich mich entschließen konnte, zu kündigen und endlich die
berufliche Laufbahn einschlug, und den „Job“, den ich zuvor hatte, in eine
„Berufung - einen Beruf“ umwandelte.
Manche Biographieberater/innen belassen es bei diesem erarbeiteten
Lebensbericht und vertrauen ganz auf die gesundende Wirkung dieser verbalen
Zusammenschau.
In meiner Arbeit gehe ich darüber hinaus, in dem ich einen grafischen
Lebenskreis zusammen mit dem Klienten erarbeite, um diesem an Hand dieses –
wie ich es nenne - Lebenstableaus, wiederkehrende Ereignisse, Spiegelungen
und Transformationen deutlich zu machen.
Der amerikanische Parapsychologe, Psychiater und Philosoph Raymond Moody
hat in seiner Arbeit, bei der er jahrzehntelang die Erlebnisse von NahtodPatienten untersuchte, in seinen Umfragen festgestellt, dass diesen Erlebnissen
ein gewisses Schema zu Grunde liegt. Bei Nahtod-Patienten handelt es sich um
Menschen, die für einige Minuten klinisch tot waren und durch Reanimation
wieder ins Leben zurückgeführt wurden. Neben dem, dass sie über der Stelle, an
der ihr „toter“ Körper lag, schwebten und ihren Körper unter sich liegen sahen,
wussten viele davon zu berichten, dass sie, nachdem sie sich nach und nach von
dieser Stelle entfernten und „höheren“ Regionen entgegengingen, ein Erlebnis
hatten, das sie tief erschütterte. Bei diesem Phänomen handelt es sich um eine
Lebensüberschau, die ihnen ermöglichte, alle Ereignisse ihres Lebens in einem
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Augenblick wahrzunehmen. Während diesem überwältigenden Eindruck wurde
ihnen bei diesem Anblick deutlich, dass alle diese Handlungen eine
unterschiedliche Qualität hatten. Moralisches Handeln, wie auch sträfliche
Versäumnisse wurden deutlich und nachdem diese Menschen wieder
„zurückgeholt“ wurden, trugen sie alle den festen Vorsatz in sich, ihr Leben
radikal zu ändern, sich mehr auf jene Dinge zu konzentrieren, die ihnen nach
diesem Ereignis wichtig erschienen.
Dieses Phänomen kann uns als Beispiel dafür dienen, was geschieht, wenn wir
in der Lage sind unserem Leben im Ganzen gegenüber zu treten. Offenbar stellt
sich bei dieser Zusammenschau auch gleichzeitig eine moralische Bewertung
ein. Moral ist in diesem Falle nicht ein von der Gesellschaftsordnung geprägtes
Normverhalten, sondern diese Moral bezieht sich darauf, ob ich mein Leben im
Sinne meiner mir selbst gegebenen Aufgabenstellung gelebt habe, oder ob ich
meine Ideale, das eigentliche Konzept meines Lebensganges aus diesem oder
jenem Grund nicht ausleben konnte.
Wenn ich am Ende einer Beratung zusammen mit dem Klienten ein grafisches
Lebenstableau erstelle, erleben wir ein vielleicht nicht ganz so überwältigendes,
aber dennoch ähnliche beeindruckendes Phänomen.
Eine Art „Nahtod-Erlebnis“, allerdings ohne Unfall und Todesgefahr, denn die
gewünschte Erfahrung, stellt sich auch ohne Lebensgefahr ein. Wir gehen das
Ganze nur gelassener, mit viel mehr Zeit an und die Erinnerung an das
ursächliche Konzept unseres Lebens kann so, ohne körperliche und seelische
Verletzungen, seinen Weg ins Tagesbewusstsein finden.
An Hand dieses Lebens-Tableaus, kann der Klient am Ende der Arbeit sein
Leben buchstäblich unter den Arm nehmen und nach Hause tragen. Mit der
erworbenen Kenntnis über die Gesetzmäßigkeiten, die seiner Biographie zu
Grunde liegen, ist er dann in der Lage, in der Zukunft weitere Eintragungen
vorzunehmen und sich autonom errungene Entwicklungsschritte deutlich
machen.
Über das Nachholen!
Oft werden mir folgende oder ähnliche Frage gestellt: „Also, ich habe erst das
Haus meiner Eltern verlassen, als sie gestorben sind, da war ich 45 Jahre alt und
es war am Anfang tatsächlich schwierig für mich, mich alleine zu Recht zu
finden. Nachdem was ich hier nun von ihnen gehört habe, müsste ich eigentlich
dadurch mit Defiziten leben, weil ich den Absprung vom Elternhaus nicht
rechtzeitig geschafft habe. Ich kann zwar dadurch bei mir keine Defizite
erkennen, aber falls diese doch - vielleicht noch unerkannt - in mir ihr
Eigenleben führen, ist es noch möglich diese Defizite im späteren Leben
auszugleichen?“
Dazu gibt es zu sagen, dass es wohl noch keinen Menschen gegeben hat, der
zum angeblich rechten Zeitpunkt alles in der richtigen Weise erleben konnte.
Vor allen Dingen, weil es ein Richtig oder Falsch in diesem Zusammenhang gar
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nicht gibt. Einerseits sind die biographischen Vorgaben, wie wir sie in dem
„Gerüst“ des Siebenjahresrhythmus suchen streng Wissenschaftlich, da sie ein
nachvollziehbares kollektives Verhalten des Menschen im Allgemeinen
beschreiben, andererseits verhält sich die Individualität des Einzelnen völlig
unwissenschaftlich, indem sie sich als Unwiederholbar - als einzigartige
Biographie darstellt. Diese Unwiederholbarkeit gründet im Selbst des
Menschen, das sich nicht mit einem anderen Selbst in Übereinstimmung bringen
lässt. Vielleicht war es ja sehr hilfreich, dass z. B. eine „Abnabelung“ von der
heimischen Versorgungsstation sehr schwer gefallen und erst mit 40 Jahren
erfolgt ist. Vielleicht ist es gerade dieser Umstand, der dazu geführt hat sich so
unwohl zu fühlen, dass man nun diese Abnabelung mit weit mehr Bewusstsein
durchführt, als man es mit 25 Jahren hätte bewerkstelligen können. Bei einem
anderen Menschen spielt sich dieser Prozess vielleicht wie von selbst ab, so hat
für ihn ein solches Problem keinerlei Bedeutung – er muss daran nicht wachsen,
dieses Problem gehört nicht zu seinem Marschgepäck.
Der erste Schritt ist immer der, dass ich in einer gewissen Weise mit dem was
ich denke, fühle und tue nicht im Einklang stehe. Es klingt also eine innere Saite
in mir, die mit der äußeren nicht mitschwingt. Ein Einklang – ein Mitschwingen
einer zweiten Saite wird bei einem Instrument dann erreicht, wenn beide Saiten
die exakt gleiche Stimmung haben. So ist es auch mit unserer äußeren und
unserer inneren Saite. Die Referenz ist immer die innere Saite, die darauf wartet,
dass sich die äußere wieder so einstimmt, dass sie mitschwingen kann. So
kommen wir in Einklang mit uns selbst.
Wenn mir während der Arbeit an meiner Biographie, diese oder jenen Defizite
zum Bewusstsein gebracht werden, ist es zunächst einmal das Wissen darum,
das mir Erklärungen für so manches Verhalten gibt, dem ich bislang ratlos
gegenüber stand. Des Weiteren ist die höhere Wertschätzung meiner
Vergangenheit, die nun im Rückblick auf mein Leben einen sinnstiftenden
Zusammenklang bietet, ein nicht zu unterschätzendes Kraftpotential, über das
ich von nun an Verfügen kann. Es kann mir dabei deutlich werden, um beim
voran genannten Beispiel zu bleiben, dass es zwar ein Dilemma war erst mit 45
Jahren von zu Hause auszuziehen, dass ich aber dadurch auch Energien
freisetzen konnte, die ich ansonsten für ganz andere Dinge hätte aufbringen
müssen.
Wir holen also versäumtes nicht nach, indem wir mit 55 Jahren in eine WG
ziehen, weil wir das mit 20 versäumt haben, sondern wir versuchen zu
ergründen, warum mir dieser Umstand überhaupt als Versäumnis erscheint und
was dies für Folgen in meinem späteren Leben hatte. Ich kann versuchen die
Stimmung zu finden, damit die innere Saite mitschwingt. Das ist ein sehr intimer
Vorgang, der abhängig von der jeweiligen Individualität keine
Verallgemeinerung verträgt. Dies gilt es zu erleben – nicht zu beschreiben. Wir
können uns bei der Betrachtung eines Sonnenaufgangs zwar darüber einigen,
dass es sich um einen Sonnenaufgang handelt, den wir uns ansehen. Das
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Erlebnis selbst aber ist nicht übermittelbar, das erlebt jeder so, wie es die
jeweilige Gemütsverfassung zulässt.
Einem weiteren biographischen Phänomen, dem der Spiegelung, gilt es
Beachtung zu schenken. Die Spiegelung ist eine Gegenüberstellung von zwei
Ereignissen, die in einem physischen oder seelisch-geistigem Zusammenhang
stehen. Das Zentrum dieser Spiegelung – der Spiegel selbst – bildet sich aus der
Hälfte der Jahreszahlen, die das erste vom zweiten Ereignis trennen.
Als Beispiel dafür möchte ich eine Spiegelung aus meiner eigenen Biographie
anführen:
1956, ich war damals 6 Jahre alt, schickte mich meine Mutter zum Bäcker, um
dort ein Brot zu kaufen. Der Bäcker war nicht weit entfernt und ich nahm trotz
des verhältnismäßig kurzen Weges meinen blauen Tretroller, ohne den ich mich
zu dieser Zeit nirgendwohin bewegte. Ich war kaum rollernd in die Nebenstraße
eingebogen, als sich mir ein Junge in den Weg stellte, den ich flüchtig aus der
Nachbarschaft kannte. Kaum, dass ich abgebremst hatte, ergriff er den Lenker
meines Rollers, stellte sich hinter mich auf das Trittbrett und fuhr mit mir los. Er
war wesentlich größer als ich und ca. 12 Jahre alt. Mir blieb nichts anderes
übrig, als mich in mein Schicksal zu fügen und unter meinen zaghaften
Protesten fuhren wir beide zusammen an der Bäckerei vorbei und immer weiter
und weiter. Ich kann mich nach all den Jahren an keine Einzelheiten mehr
erinnern, aber die Verzweiflung, die mich beschlich kann ich heute noch genau
nachfühlen. Wir fuhren lange Zeit durch das Hafengebiet von Mannheim.
Hilflos war ich der Willkür dieses Jungen ausgeliefert, der außer, dass er mich
entführt hatte, ansonsten keinerlei Anstalten machte mir etwas zu Leide zu tun.
Verlässlichkeit und Pünktlichkeit galt bei meinen Eltern als vornehmste Tugend
und in diesem Sinne erzogen, schnürte sich mir die Kehle zu, wenn ich daran
dachte, dass meine Eltern aller Wahrscheinlichkeit nach bereits auf der Suche
nach mir waren, denn die Fahrt zog sich endlos hin. Wie lange meine
„Entführung“ dauerte, weiß ich heute nicht mehr zu sagen. Als ich wieder vor
meiner Haustür stand - der Junge war genau so schnell verschwunden, wie er
aufgetaucht war - eilte ich die Treppen zu unserer Wohnung hoch, um meinen
Eltern von diesem ungeheuerlichen Vorfall zu berichten. Mein Vater öffnete die
Tür und ich hatte noch nicht den Mund geöffnet, um atemlos und mit hochrotem
Kopf zu berichten, da hagelte es ohne Vorwarnung Ohrfeigen.
Mein Vater hat mich selten geschlagen und wenn, wusste ich immer für was ich
diese Schläge erhielt. In diesem Fall war die Regel gebrochen - ich war
unschuldig und wenn ich auch aus der Perspektive von Heute durchaus verstehe,
dass dies wohl eine Angstreaktion meines Vaters war, denn man hatte
tatsächlich bereits nach mir gesucht, war dies für mich ein Erlebnis, das mir
deutlich machte, dass es Situationen im Leben gibt, die nicht zu bewältigen sind.
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Des Weiteren hatte ich erkannt, dass mein Vater mir nicht uneingeschränkt
vertraute. Er war nicht bereit mir zu glauben und beschuldigte mich ihn frech
anzulügen, nur um meiner "gerechten" Strafe zu entgehen.
Ich hatte diese Geschichte über lange Jahre hin vergessen. Bei meiner
Ausbildung zum Biographieberater mussten wir unsere einzelnen Jahrsiebte
einer genauen Betrachtung unterziehen und dabei auch Szenen aus dieser Zeit
plastizieren. So stieg in mir, beim unschlüssigen herumkneten am Ton und beim
Nachdenken darüber, was in aller Welt ich denn nun formen sollte, die
Erinnerung an diese „Entführung“ wieder auf. Ich formte aus Ton einen kleinen
Jungen, der sich verzweifelt an der Lenkstange seines Tretrollers klammert und
über ihm, ein riesenhafter Junge, der sich weit und übermächtig über ihn beugt.
Ich spürte nach über vierzig Jahren erneut die ganze Verzweiflung und
Hilflosigkeit, der ich in dieser Situation ausgesetzt war. So entschloss ich mich
diese Szene zu plastizieren. Anschließend im Plenum, wurden die Arbeiten
vorgestellt und ich erzählte dazu meine Geschichte. Es war für mich
offensichtlich, dass die intensive Auseinandersetzung mit diesem Jahrsiebt auch
dieses Erlebnis wieder an die Oberfläche meiner Erinnerung gespült hatte und
beließ es auch dabei, ohne mich weiter mit dieser Erinnerung auseinander zu
setzen.
Kurze Zeit später, ich war inzwischen 50 Jahre alt, besuchte ich zur Osterzeit die
Familie meines Patenkindes Simon. Der Junge war zu diesem Zeitpunkt 4 Jahre
alt und hatte zu Ostern von seinen Eltern einen Tretroller geschenkt bekommen.
Simon hatte mit seinen 4 Jahren noch erhebliche Probleme damit, sich auf dem
Roller aufrecht zu halten, geschweige denn mit ihm überhaupt fahren zu können.
Bei dem Spaziergang, den wir an diesem Tage unternahmen, wollte er mir stolz
seine neue Errungenschaft präsentieren, scheiterte aber immer wieder daran,
dass er eigentlich noch viel zu klein für dieses, für ihn viel zu großes Fahrzeug
war. Nachdem ich mir dies eine Zeitlang angeschaut hatte und auch immer
wieder versucht hatte, ihm mit aufmunternden Zurufen Mut zu machen, stellte
ich mich kurzer Hand hinter ihn auf den Roller und fuhr mit ihm los. Stolz stand
er unter mir und genoss die Fahrt. Auch ich genoss diese Situation, weil ich das
Gefühl hatte, dass sich mir hier eine Gelegenheit geboten hatte ein Kind ohne
viele Worte und Belehrungen, bei einem wichtigen Schritt in seinem Leben zu
unterstützen.
Einige Tage später erhielt ich ein Schreiben von der Familie meines
Patenkindes, das einige Fotos von unserem letzten Treffen enthielt. Ein Foto
zeigte mich, auf dem Roller stehend über den Jungen gebeugt und dieses Foto
war bis auf die dargestellten Personen nahezu identisch mit der von mir
plastizierten Figur während meiner Ausbildung.
Auf diesen äußeren Wink des Schicksals hin, nahm ich mir meine
biographischen Aufzeichnungen vor und sah, dass 44 Jahre Abstand zwischen
den beiden Ereignissen lagen.
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Wenn ich biographische Ereignisse spiegele, nehme ich dabei die Zeitachse in
Augenschein und es bestätigte sich, dass nicht nur die beiden bereits bekannten
Ereignisse in einem inneren Zusammenhand standen, sondern, dass auch die
„Spiegelungsachse“ ein bedeutsames Ereignis beinhaltete. Mit 28 Jahren hatte
ich mich entschieden meinem ungezügeltem „Wanderleben“ ein Ende zu
bereiten – eine feste Beziehung einzugehen – und die Verantwortung für ein
Kind zu übernehmen, dass meine damalige Lebenspartnerin mit in diese
Beziehung brachte.
Wenn ich bei einführenden Vorträgen über Biographie-Arbeit dieses Beispiel
erwähne, steht oft nachdem sich das erste Erstaunen gelegt hat, die Frage im
Raum: „Was nützt mir eine solch eine „Spiegelung“ – was kann ich denn damit
anfangen?“
In meinem Leben finden offensichtlich immer wieder Ereignisse statt, die mir
den augenblicklichen Stand meiner geistig-seelischen Entwicklung in solchen
Ereignissen widerspiegeln.
Im ersten Bild – der Entführung – durch den Nachbarjungen, wurde ich mir zum
ersten Mal in meinem Leben deutlich bewusst, dass es Situationen gibt, denen
ich im wahrsten Sinne des Wortes nicht gewachsen bin, wo die Erfüllung von
gelernten Verhaltensmustern keinerlei Nutzen mit sich bringt. Das Ereignis, das
sich im „Spiegel“ selbst darstellt, macht mir deutlich, dass ich mit 28 Jahren reif
war eine Entscheidung zu fällen, die ein gewisses Verantwortungsbewusstsein
beinhaltet und in den dritten Ereignis wird deutlich, dass ich meiner
Verantwortung gerecht geworden bin. Bei allen drei Ereignissen war das Kind
die zentrale Figur. Einmal ich selbst, dann das Kind meiner Lebensgefährtin zu
dem ich trotz unserer späteren Trennung bis zum heutigen Tage noch Kontakt
pflege und nun beim dritten Bild wird mir deutlich gemacht, dass ich in der
Lage war situativ richtig zu handeln. Die Spiegelung gibt mir auf wunderbare
Weise zu verstehen, dass ich auf verschiedenen Ebenen den jeweilig
biographischen Verhältnisse entsprechen gehandelt habe. Dies kann einem mit
einer Zuversicht erfüllen, dass es im Laufe des Daseins zu Entwicklungen
gekommen ist, deren Erscheinungen sich zwar dem logischen Denken entziehen,
aber dennoch Hinweise vermitteln, die ich voller Zufriedenheit annehmen kann.
Die Arbeit mit dem Lebenstableau ist damit noch lange nicht ausgeschöpft.
Doch möchte ich auf weitere Beispiele verzichten, da sich ansonsten diese
Ausführungen in Gebiete erstrecken, die noch weiteren ausführlichen
Erklärungen bedürfen. Mein Anliegen war, in hoffentlich verständlicher Form,
die wesentlichen Gesichtspunkte der Biographie-Arbeit darzustellen, in der
Hoffnung meinen Zuhörerinnen und Zuhörern deutlich zu machen, dass diese
Arbeit eine Notwendigkeit in der heutigen Zeit darstellt. Biographie-Arbeit kann
so eine wertvolle Grundlage für die Sinnsuche bilden, zu der wir durch das
Leben selbst aufgerufen sind.
Wie Goethe sagte: „Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.“
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Es wird nicht dafür taugen neugierige Fragen detailliert zu beantworten, aber es
kann unsere Fragen auf eine höhere Eben tragen. Oscar Wild wusste dazu zu
sagen: „Wen Gott bestrafen will, dem erfüllt er seine Wünsche“. Und erteilt
damit allen denen, die sich auf spirituellem Weg erhoffen noch mehr materielle
Güter anzuhäufen eine schallende Ohrfeige. Bei der Biographie-Arbeit geht es
immer nur um seelisch – geistige Entwicklung, die dann auch zur Folge haben
kann, dass dadurch, dass ich mit mir gnädiger umzugehen lerne, ich auch
gnädiger mit anderen umzugehen weiß. Gerade dann, wenn ich vielleicht
feststelle, dass mein „größter Feind“ in einem bestimmtem Lebensabschnitt dazu
beigetragen hat, dass ich einen wertvollen Entwicklungsschritt überhaupt
vollziehen konnte.
Überdies besteht die Möglichkeit, dass ich mir klar darüber werde, dass es
Menschen gegeben hat, die sich ihrer Hilfe, die sie mir zukommen ließen, nie
bewusst wurden. Ich konnte ihnen auch nie dafür danken, da es sich vielleicht
erst nach Monaten oder Jahren herausstellte, dass sie mir unwissentlich eine
Hilfe waren. So kann ich dann auch annehmen, dass es auch mir, vielleicht nur
durch einen „Nebensatz“, den ich selbst für völlig unwichtig hielt, einmal
gelungen ist, jemanden einen entscheidenden Hinweis oder Rat für eine
anstehende Entscheidung gegeben zu haben. Welche Menschen haben mir
geholfen – wem habe ich geholfen? – Eine Bilanz, die so manchen
Lebensrückblick urplötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen kann.
Dadurch, dass wir bei der Biographie-Arbeit eigene Entwicklungsschritte
erkennen und nachvollziehen können, stellt sich ein Wissen darüber ein, dass
nichts nach dem Zufallsprinzip entsteht, weder das Leben, das uns geschenkt
wurde, noch das Milieu in dem wir aufwachsen, noch die Ereignisse, denen wir
uns in diesem Leben gegenüber gestellt sehen. Wir wählen aus der Vielzahl der
möglichen Ereignisse, denen wir im Leben begegnen immer öfter diejenigen
Begegnungen aus, die sich, wenn sie ergriffen werden, unser Marschgepäck mit dem wir Anfangs diese Welt betreten haben - immer mehr und mehr
ergänzen. Wir lernen dabei zu sortieren, was für unsere Zukunft wichtig sein
könnte. Wir lernen wissentlich auszuwählen, was sich vielleicht mit unserem
roten Faden verweben lässt, wir scheiden mehr und mehr die Spreu vom
Weizen. Wie leicht oder wie schwer unser Rucksack dabei wird, könne wir nun
Anfangen selbst zu bestimmen.
Walter Seyffer
Februar 2008
23
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Seele and Geist
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