close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Müsli zu

EinbettenHerunterladen
SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Müsli zu Gold
Wie aus einer belächelten Idee ein erfolgreiches Unternehmen wurde
Autorin:
Miriam Mörtl
Redaktion:
Petra Mallwitz
Regie:
Andrea Leclerque
Sendung:
Dienstag, 18.01.11 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2?
Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen
Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen.
Mit dem kostenlosen Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die
zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.
Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de
SWR2 Leben können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2
Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
___________________________________________________________________
1
MANUSKRIPT
Philip:
„Wir hatten auf unserer Seite eine Online-Umfrage gemacht und hatten die an 200
Bekannte und Freunde rumgeschickt. Und dabei kam eigentlich raus, wir sollten es
nicht machen. Weil sich keiner übers Internet Müsli bestellen würde.“
Max:
„Es gab natürlich viele, die gesagt haben, also so ne verrückte Idee, das kann doch
niemals funktionieren. Aber ganz süß. Und danach gehen sie dann eh zu ner
Investmentbank. Oder so was.“
Hubertus:
„Teilweise haben Kommilitonen gedacht, wenn wir vom Müsliprojekt geredet haben,
dass das nur ein Codename für irgendwas anderes Verrücktes ist. Meine engen
Freunde, die wirklich wussten, worum es geht, haben zum Teil mir einen Vogel
gezeigt und die andere Hälfte fands super. Die waren auch keine Entscheidungshilfe,
was das anging, ob man das machen sollte oder nicht. Deswegen haben wir’s dann
einfach gemacht.“
Sprecher:
Hubertus Bessau, Max Wittrock und Philipp Kraiss. Sie waren am Ende ihres
Studiums angekommen, jeder der drei machte sich Gedanken über die Zukunft und
irgendwie waren sich alle drei sicher: Bloß in kein abhängiges
Beschäftigungsverhältnis geraten. Nicht die Entscheidungsfreiheit abgeben.
Selbstständig sein. Sein eigenes Ding machen. Geschäftsideen schwebten viele im
Raum. Die Müsli-Idee entstand auf der Fahrt zum Badesee. Anlass war der Ärger
über einen furchtbar nervigen Werbespot im Radio:
Atmo: Seitenbacher 1: „Feel good Mix. Nr 738. Ohne Rosinen. Mit Birnenstücken und
Schokolade. Extrem lecker.“
Max:
„Am Anfang stand dieser Tag am See.“
Atmo: Seitenbacher 2: „Weisch, des isch gut. Des dut a dir gut.“
Hubertus:
„Hier in Passau gibt’s so einige schöne Seen, die im Sommer sehr erfrischend sind.
Es hat nur eins gestört auf dieser Fahrt und das war die Radiowerbung.
Witzigerweise. Da gabs einen Spot der ziemlich nervig ist und da gings auch um
Müsli
Atmo: Seitenbacher 3: lecker, lecker, lecker Hubertus:
Und da haben wir gesagt: Mensch, das muss doch irgendwie ein bisschen besser
gehen.
2
Max:
„Wir haben uns da zum ersten Mal über das Produkt Müsli unterhalten. Das tut man
ja sonst eigentlich nicht. Dass man Freunde fragt, so aus heiterem Himmel, welches
Müsli frühstückst Du eigentlich. Und so kamen wir drauf, dass wir alle Müsli sehr
gerne essen. Aber übereinstimmend gesagt hatten: Eigentlich ist da nie das drin, was
wir haben wollen. Der eine mochte keine Rosinen, der andere mochte keine Nüsse.
Und da tauchte dann die Frage auf, warum kann man sich das nicht selbst
zusammenstellen.
Sprecher:
Der Funke war entzündet - auch wenn die Idee wahnwitzig klingt: Ein MüsliUnternehmen, das dem Kunden die Möglichkeit gibt, sich sein eigenes Müsli
zusammenzustellen. Kann man mit dem Verkauf von Müsli im Internet Geld
verdienen? Die Regale im Supermarkt sind doch voll davon. Der Markt scheint
gesättigt. Als ob man den bereits etablierten Marken allein mit der Möglichkeit, sich
das Müsli selbst zusammenstellen zu können, Konkurrenz machen könnte.
Und trotzdem: Die Idee, ein Müsli-Unternehmen zu gründen, lies die drei Studenten
nicht mehr los. Sie machten sich an die praktische Umsetzung, fingen an herum zu
spinnen und hatten so einige Müsli-Misch-Konzepte im Kopf:
Max:
Eins davon war, dass wir uns gedacht hatten, es wäre doch ganz schön, wenn die
Leute das live im Supermarkt machen könnten. Nur - dem stehen viele Probleme
gegenüber. Zum einen möchte ein Supermarkt nicht unbedingt Quadratmeter an
Regalfläche hergeben. Zum anderen müsste man gucken, dass die Müslis immer
frisch sind, also die Zutaten, müsste wahrscheinlich selbst mit einen Lieferservice
das alles betreuen, das wäre mit so hohen Kosten verbunden, gerade für drei
Studenten damals. Das war einfach nicht drin.
Sprecher:
Wir schreiben das Jahr 2005. Beim Planen, Ideen diskutieren und Konzepte
entwerfen erkennen die drei Studenten das Zeichen der Zeit: Das Internet. Nur
wenige Jahre zuvor waren Internet-Startups wie Pilze aus dem Boden geschossen,
die einen seriös, die anderen mit wilden Geschäftsideen. Die Börsenkurse stiegen ins
scheinbar Unendliche. Die Dot.com-Blase platzte 2000, der Markt brach völlig
zusammen und die Branche brauchte einige Jahre, um sich wieder zu erholen. Im
Jahr 2005 hatte sich der Markt konsolidiert. Und wurde wieder attraktiv für
Unternehmensgründer:
Max:
Das Internet hatte uns alle schon immer interessiert und wir dachten, das wäre doch
toll, wenn wir diesen Mass Costumization, also kundenindividuelle Massenfertigung,
wenn man diesen Ansatz mit so einem Produkt verbindet. Und den Kunden was
weltweit Neues ermöglicht. Sich ein Biomüsli zusammenzustellen. Deswegen war
dann relativ schnell klar, das muss im Netz erfolgen.
Sprecher:
Klar war aber auch, dass das Geschäftskonzept gut durchdacht sein muß. Wie sollte
der Kunden denn beispielsweise wissen, welchen Anteil Körner- und Haferflocken
man am besten mit welchem Anteil Früchten kombinieren kann? Wie und wo sollte
das ganze produziert und verpackt werden?
3
Und wie kommt das Ganze dann an die Endverbraucher? Den dreien wurde schnell
klar: Ein Unternehmen zu gründen bedeutet Zeit zu investieren. Es geht nicht von
heute auf morgen:
Hubertus:
„Von der besagten Tour zum Badesee, wo uns eben die Idee kam, verging ziemlich
lange Zeit, bis wir soweit waren, dass wir sagen konnten, wir gehen jetzt online mit
der Idee. Zweieinhalb Jahre.
Max:
„Wir haben erst mal alle Zutaten die wir kriegen konnten, bestellt. Haben es dann in
Philips Küche damals immer ausprobiert. Schmeckt das überhaupt, was passiert,
wenn ich vier mal Kokos nehme und nur ein Mal Haferflocken, wie kann ich so was
ausschließen.... Und dann tauchen plötzlich die Details auf: Lass ich das den Kunden
das jetzt Grammweise eingeben. 21 Gramm Cornflakes und 19 Gramm Rosinen.
Das geht natürlich nicht. Wir haben probiert, probiert, probiert.
Philip:
Wir haben jeden Tag darüber gesprochen. Jetzt natürlich nicht 24 Stunden, aber
wenn halt die Uni vorbei war oder in den Pausen oder am Abend, hat man sich
getroffen und darüber gesprochen. Irgendwie geplant, wie man das durchziehen
kann.
Max:
Und irgendwann, im November 2006, hatten wir dann den Punkt erreicht, wo wir
gesagt haben, so da machen wir jetzt eine Geschäftsidee draus. Und Hubertus hat
dann angefangen zu programmieren, der war schon ein bisschen früher fertig mit
dem Studium, das kam uns natürlich sehr zugute.
Sprecher:
Philipp und Max konnten sich in dieser Zeit auf die letzten Prüfungen konzentrieren
und das Studium ebenfalls beenden. In Deutschland sind es gerade mal zehn
Prozent der Studenten, die direkt nach dem Studium ein eigenes Startup gründen
wollen. Die meisten BWL-Studenten steigen nach dem Studium erstmal klassisch bei
einer Unternehmensberatung, einer Bank oder in einem großen Konzern ein - um
Berufserfahrung zu sammeln, langsam Verantwortung zu übernehmen und natürlich
viel Geld zu verdienen. Nachvollziehbar - denn die „Anfangssterblichkeit“ von
Gründungen ist nach wie vor hoch. Rund ein Viertel aller Gründungen ist nach
spätestens 3 Jahren vom Markt verschwunden. Gabs denn Zweifel?
Hubertus:
Ja, jeden Tag. (lacht) Man ist sich nie sicher was passiert. Wir waren uns nur sicher,
dass wirs ausprobieren wollten.
Philip:
Doch, es waren schon Zweifel da. Es hat uns eigentlich jeder gesagt: Ihr könnt euch
jetzt nicht einfach selbstständig machen mit so einer blöden Idee. Das funktioniert
niemals. Meine Eltern waren auch skeptisch am Anfang. Und alle Freunde haben
auch gesagt, naja, ich weiß nicht, ob das läuft, ob sich irgendjemand Müsli bestellt im
Internet. (...) Die Selbstständigkeit ist in Deutschland jetzt nicht so verbreitet.
4
Es macht sich zwar jeder gern Gedanken, aber den Schritt zu wagen, ok, wir
probieren es jetzt mal wirklich aus, ist dann natürlich noch ne andere Sache.
Sprecher:
Und auch die Fachwelt hielt von dieser Geschäftsidee nicht viel. Der
Wirtschaftswissenschaftler Prof. Frank Piller von der Universität Aachen beschäftigte
sich schon seit Jahren mit Produkten, die der Kunde individuell zusammenstellen
kann.
Prof. Frank Piller:
Als ich zum ersten Mal von MyMüsli gehört habe, dachte ich: Tolle Idee, aber das
wird nie dauerhaft funktionieren. Zum einem war irgendwie der Preis zu hoch im
Vergleich zum Ladenmüsli. Zum anderen dachte ich, wer will denn 2 Wochen oder
auch nur 1 Woche auf die Produktion seines Müslis warten. Und dann schließlich ist
Leuten das Müsli überhaupt soviel Wert, dass ich da soviel Zeit reinsetze. Bei
anderen Produkten wie individuellen Schuhen, Computern, Autos war der Nutzen viel
viel klarer.
Sprecher:
Individuelle Güter gab es schon immer. Doch die hatten ihren Preis. Um 1900 gönnte
sich beispielsweise nur eine gutbetuchte Minderheit ein Automobil. Als Henry Ford in
den1930er Jahren das Fließband erfand, konnte sich auch Otto Normalverbraucher
ein Auto leisten. Und gegen einen gewissen Aufpreis konnte er sich sein Auto so
ausgestalten, wie er es wünschte. Das Zeitalter des Internets machte es möglich,
dass die drei Gründer aus Passau dieses Prinzip auf die Sparte „Lebensmittel“
anwenden konnten.
Mit Müsli! Einem Produkt, das sich - im Gegensatz zum Auto - jeder, zu jedem
Zeitpunkt zu günstigen Preisen in jedem Supermarkt kaufen kann. Das hatte in
Deutschland vorher noch keiner versucht. Für Prof. Piller ist das Grundproblem
offensichtlich
Prof. Frank Piller:
Ein Grundproblem von Kunden, die sich Mass Customization-Produkte bestellen, ist,
man muss im Internet irgendwas konfigurieren, kann es häufig nicht zurückgeben,
muss auch noch darauf warten. Und weil es ja ein individuelles Produkt ist, hat man
keinen Referenzpunkt und weiß nicht, wie tatsächlich das Produkt nachher wird. (…)
Wenn ich mir einen Turnschuh individualisiere, ist es nicht schlimm, weil den krieg
ich leicht visualisiert. Bei Müsli allerdings Geschmack zu visualisieren ist sehr
schwierig.
Sprecher:
Was Philip, Hubertus und Max allerdings nicht wirklich interessierte. Das Konzept
stand, die Aufgabenverteilung hatte sich auch schon herauskristallisiert. Philip konnte
gut mit Zahlen und sollte sich um den Vertrieb kümmern, Hubertus war für die
Homepage zuständig und Max kümmerte sich um die Öffentlichkeitsarbeit.
Am 30. April 2007 ging „MyMüsli“ online:
Hubertus:
Wir hatten drei Tage nicht geschlafen, um wirklich noch alles fertig zu kriegen im
April. Weil wir auf unserer Seite angekündigt hatten, im April gehen wir online.
5
Der 30. wurde es dann. Wir waren um fünf Uhr morgens fertig und konnten die Seite
freischalten. Das war ein wahnsinnig spannender Moment. Auch weil wir nicht
wussten, was passiert. Und dachten, wir legen uns jetzt erst mal ein paar Stunden
schlafen. Das hatten wir wirklich nötig. Nur wir konnten einfach nicht schlafen, weil
wir hatten unsere Email-Programme so konfiguriert, dass immer wenn eine
Bestellung einging, dann hats Bing gemacht. Ja. Und wir haben die Seite online
geschaltet und es machte Bing, Bing, Bing. Wir dachten zuerst, das sei ein Fehler.
Aber es waren tatsächlich die ersten Bestellungen, die eingingen und bis zum
Morgen hatten wir so viele Bestellungen, dass wir den ganzen Tag beschäftigt
waren, die überhaupt abzufertigen.
Philip:
Wir hatten am ersten Tag glaub ich, schon 40 Bestellungen. Damit haben wir niemals
gerechnet, wir dachten, am ersten Tag bestellt keiner irgendwas.
Sprecher:
Und die drei hatten zu diesem Zeitpunkt auch noch kein Computerprogramm, mit
dem sie den Überblick über ihre Vorräte im Lager behalten konnten. Sie hatten keine
Ahnung, wie viel Müslis sie mit den vorhandenen Zutaten und den zur Verfügung
stehenden Verpackungen verschicken konnten.
Philip:
Wir hatten Verpackungsmaterial für unsere Verpackungsdosen bestellt und wir
hatten gedacht, es müsste für drei bis vier Monate reichen. Aber der Ansturm war so
groß, dass wir nach zehn Tagen, zwei Wochen gar nichts mehr da hatten. Dann
hatten wir einen großen roten Strich über die Homepage gemacht. Ausverkauft. Aber
die Leute haben trotzdem wild weiterbestellt.
Sprecher:
Die Jungs wurden von der Nachfrage überrannt. Die ersten Wochen bedeuteten: Viel
Arbeit. Wenig Schlaf. Und doppelte Portionen Müsli zum Frühstück, denn der
Kalorienverbrauch war hoch:
Philip:
Am Anfang haben wir alles selber gemacht.
Max:
Wir mussten jede Lieferung, die ankam, in den ersten Stock unserer damaligen
Produktion tragen. Wir durften nicht in der Wohnung produzieren, sondern wir hatten
dafür eine separate Produktion. Und die war im ersten Stock eines Hauses in der
Fußgängerzone. Das heißt der LKW hat die Palette irgendwo in der Fußgängerzone
abgestellt und alles musste einzeln hochgetragen werden und auf der Palette wieder
aufgebaut werden.
Philip:
(...) Dann hat man das Müsli natürlich selbst produziert. Dann muss man natürlich
nebenher noch die Buchhaltung machen und die finanziellen Sachen,
Bankkontenabgleich, ob die Zahlungen eingegangen sind.
6
Max:
Deswegen war es sicher oft so, dass wir viel, viel Arbeit hatten. Nachts noch Müsli
gemixt haben und gedacht haben, Alter, das ist schon ganz schön viel Arbeit. Das
haben wir uns... nicht anders vorgestellt, aber das ist viieeel.
Philip:
Am Anfang haben wir nur gearbeitet. Also mindestens 100 Stunden die Woche.
Haben kaum noch geschlafen und von morgens sechs bis nachts um 3 gearbeitet.
Nach zwei Wochen haben wir die ersten Produktionsmitarbeiter eingestellt. Das
waren am Anfang drei bis vier, wurden dann wöchentlich mehr.
Ich glaub Ende 2007 hatten wir ungefähr 20 Leute. Natürlich die meisten auf
400 EUR-Basis in der Produktion. Und so sind wir dann stark weitergewachsen.
Ende 2008 waren wir bestimmt 60 Leute und inzwischen sind es ungefähr
90, 95.
Sprecher:
Beim Firmenbesuch in Passau kann man sich ein Bild von der Erfolgsgeschichte der
drei Gründer machen. Die Firmenzentrale befindet sich heute nicht mehr in der
Passauer Innenstadt. Ein bisschen außerhalb, im idyllischen Grün, hat sich das junge
Startup-Unternehmen in einer ehemaligen Fleischereifabrik niedergelassen. Auf
1.500 qm Fläche verteilen sich heute Büros, Produktionsraum und Lagerhallen.
Atmo: Schritte, Türe geht auf, Begrüßung:
Philip:
„Chris, komm mal her und sag Servus.“
Chris:
„Chris, komm mal her uns sag servus. Servus.“
Atmo: Auf dem Weg in die Produktion
Atmo: Geschäftiges Treiben
Sprecher:
Geschäftiges Treiben in der Produktion. Sie befindet sich in einem einzigen großen
Raum. An sieben Mix-Plätzen wird das kundenindividuelle Müsli gemixt. Die
Basismüslis lagern in der Mitte des Raumes, Früchte, Kerne und sonstige Extras
stehen, in Dosen verpackt, in den Mischplatzregalen. Mit einem Handgriff kommen
die Müslimixer an jede Zutat. Wiegen und verrühren sie und füllen das fertige Müsli
dann in die selbstentworfenen MyMüsli-Dosen ab.
Atmo 4: Mitarbeiter kommt und fragt Philip um Rat
Sprecher:
Die Büros befinden sich in den oberen Stockwerken. Max und Philip arbeiten
zusammen mit sechs Mitarbeitern in einem Großraumbüro, Hubertus sitzt mit den ITLeuten eine Etage höher. Hierarchien und festgeschriebene Konventionen Fehlanzeige:
7
Vivien:
Das ist ein sehr junges Unternehmen, klar. Wir sind ungefähr alle so eine Altersliga.
(...)
Sprecher:
Vivien ist absolute Quereinsteigerin, 30 Jahre alt. Studiert hat sie Rhetorik,
Französisch und Ethnologie in Tübingen, bei MyMüsli ist sie, wie auch Hubertus
Bessau, im Bereich Marketing und Vertrieb zuständig:
Vivien:
Es ist ein sehr angenehmes, lockeres Arbeiten. Natürlich, wir haben auch unsere
40, 50 Stunden-Woche, das ist vollkommen klar. Aber: Eigeninitiative, viele Ideen,
die man selber einbringen und auch umsetzen kann und das Schöne ist, es ist nicht
ein altes, eingesessenes Unternehmen, wo die Strukturen sehr fest gefahren sind,
sondern es ist sehr dynamisch und flexibel. Und das macht das Arbeiten in der
heutigen Zeit wirklich so angenehm.
Sprecher:
Christian hat sich in zwei Jahren von der 400-Euro-Kraft als Müslimixer in der
Produktion zum Produktionsleiter hochgearbeitet:
Christian:
Die Leute merken, die bei uns bestellen, dass viel Liebe dahinter steckt. Dass hier
jeder gern arbeitet. Dass wir untereinander alle per Du sind. Ist ja auch nicht
unbedingt üblich. Dass wir von den Chefs her, dass sie uns die Möglichkeit geben
selbstständig zu arbeiten, frei zu arbeiten. Und ich muss sagen, ich hatte ja schon
mehrere Arbeitgeber mit 39 und ich hab mich bei keinem noch so wohl gefühlt wie
hier. Man lässt einen hier wirklich arbeiten. Ohne beobachtet zu werden oder ohne
das Gefühl zu haben, beobachtet zu werden.
Sprecher:
Und wie siehts denn mit Konflikten aus?
Vivien:
Ja! Gerade mit Herrn Bessau!!! (lacht). Natürlich gibt’s das auch genauso.
Konfrontationen müssen hier genauso ausgetragen werden und jeder hat hier seine
eigene starke Persönlichkeit. Aber wir versuchen, dass es am Ende sich wieder ins
Gleichgewicht einpendelt.
Sprecher:
Seit dem Start von MyMüsli im Jahr 2007 hat das Unternehmen viele Nachahmer
gefunden. Mittlerweile kann man sich nicht nur das eigene Müsli im Internet
individuell zusammenstellen:
Prof. Frank Piller:
Eine erstaunliche Entwicklung, die auch wirklich weltweit von Deutschland
vorangetrieben ist, ist daß so ungefähr seit dem Start von MyMüsli, die hier das
Vorreiterunternehmen waren, es eine große Reihe von Startups gibt, die
Lebensmittel individualisieren. Nach MyMüsli kam der Tee, Schokolade mit chocri,
als gutes Beispiel und viele viele Produkte, selbst die Wurst, die können sie sich
beim fränkischen Metzger im Internet individualisieren lassen.
8
Sprecher:
Zur Erinnerung: Der Aachener Wirtschaftswissenschaftler hatte starke Zweifel am
Geschäftskonzept des Müsli-Startups. Da lag er mit seiner Einschätzung also
komplett falsch. Wie beurteilt er heute die Entwicklung?
Prof. Frank Piller:
Ich hab mich da eines Besseren belehren lassen. (…)
Sprecher:
Der Erfolg hat ihn überrascht, trotzdem hält er seinen Zweifel nicht für unbegründet:
Prof. Frank Piller:
Ich glaube, dass 90, 95% aller Deutschen von MyMüsli als Individualprodukt nichts
halten. Für die ist das zu teuer, zu komplex. Aber die restlichen paar Prozent, denen
das wichtig ist, weil sie vielleicht Allergien haben, weil sie einen besonderen
Geschmack haben, weil sie irgendwie Spaß an dem Produkt haben, weil sie das,
was der Marketingwissenschaftler ein „hohes Involvment“ nennt, besitzen, für die ist
dieses Produkt was.
Sprecher:
Diese fünf Prozent sind bei einer Bevölkerung von Deutschland immer noch groß
genug, um ein nachhaltig erfolgreiches Geschäft zu begründen.
Diese Kunden sind zahlungskräftiger, zahlungswilliger und häufig auch sehr loyal.
Und letztes großes Kriterium: Für diese Käuferschicht ist das Bestellen und Kaufen
im World Wide Web Alltag.
Die drei Gründer gehören dieser Internet-Generation an und verstehen es perfekt,
sich in dieser Welt zu bewegen. Sie haben es nicht nur geschafft, sich über das
Internet einen Kundenstamm aufzubauen. Sie wissen auch, wie man im Internet
kommuniziert. Das betont der ehemaligen BWL-Professor der drei Gründer,
Professor Franz Lehner von der Uni Passau:
Prof. Franz Lehner:
Was die Gründer von My Müsli definitiv verstanden haben ist diese Kundenbindung,
also diese Idee, das das Internet heute über Kontakte funktioniert. Und über
Diskussion. Und über Kommunikation. (…) Es ist eben nicht mehr so, dass man als
Kunde, und da ist es egal, ob man ein Fahrrad kaufen will oder ein Telefon, man
möchte nicht nur der reine Käufer sein, der Ware gegen Geld tauscht, sondern man
erwartet ein bisschen mehr.
Max:
Emails bekommen wir tatsächlich sehr sehr viele. Von allen Seiten. Von Kunden, von
Geschäftspartnern, von möglichen neuen Geschäftspartnern. Und das ist auch eine
der großen Organisationsaufgaben. Diesen Input vernünftig zu bewältigen. Weil wir
wollen ja auch jedem eine vernünftige Antwort geben. Denn gerade bei einem
kundenindividuellem Unternehmen sollen ja auch die Antworten auf die
Kundenemails nicht aus der Retorte kommen. So: Sehr geehrter Herr, sehr geehrte
Dame, vielen Dank, unser System wird sich in den nächsten 10 Wochen mit Ihnen in
Verbindung setzen.
9
Sprecher:
Auch die große Nachfrage, die die drei Gründer nach dem Start ihrer Internetseite
fast überrollt hätte, lässt sich mit der „Marketingstrategie Internet“ erklären.
Hubertus:
Die Nachfrage gerade am Anfang kam nur durch Mundpropaganda. Die haben wir
teilweise am Anfang selbst ins Rollen gebracht, dadurch dass wir 150 Emails an
Freunde und Bekannte Blogger geschickt haben. Die haben es wieder weitererzählt,
in ihren eignen Blogs und Internetseiten davon berichtet und so hat sich das immer
weiter multipliziert.
Philipp:
Es haben gleich drei bis vier Blogs aufgegriffen, dann auch der Basik Thinking Blog,
das war damals der größte in Deutschland, hat gleich was berichtet. Und nach zwei
Wochen hatten wir 100.000 Google-Hits.
Prof. Franz Lehner:
Es war ja, in Verbindung mit Blogs auch so, dass dann Fernsehsender auch
aufmerksam wurden und auf diese Weise entstand so ein Multiplikatoreffekt, den
man kaum erzwingen kann und der von mir immer als der Glücksfaktor bei
Unternehmensgründungen bezeichnet wird. Das kostet andere Unternehmen
manchmal zwei, drei harte Jahre, mit Marketingkonzepten, mit Werbekampagnen
und das lief bei MyMüsli ein bisschen anders, glücklicherweise kriegten die das fast
gratis geliefert.
Sprecher:
MyMüsli ist im sozialen Netz präsent, wie kaum ein anderes vergleichbares
Unternehmen. Auf ihrem Unternehmensblog veröffentlichen sie neue Produkte,
Bilder und Videos. In Facebook schließen sie Wetten mit Ihren Fans ab und verlosen
Gratismüsli. Und über Twitter bitten sie ihre Abonnenten um Ratschläge. Gemeinsam
mit den Kunden Probleme lösen - dieser Ansatz gehört für das Unternehmen von
Beginn an zum Erfolgsrezept:
Max:
Wir hatten einmal das für uns drängende Problem, dass wir keine
Versandverpackung gefunden haben. Das war ganz am Anfang. Wir haben unsere
Müslis als Biounternehmen in Plastikfolie verschickt. Die war zwar abbaubar, aber
das ging trotzdem gar nicht. (...) Man versucht total nachhaltige Zutaten einzukaufen,
ein Bioprodukt herzustellen und dann verschickt man‘s in drei Meter Plastikfolie. Das
ist einfach nicht schön.
Sprecher:
Also haben Sie ihre Kunden gefragt: Günstige Versandverpackungen, die ökologisch
sinnvoller sind als Folie und dennoch bezahlbar - Wo bekommt man die her?
Max:
Und binnen Stunden kamen die ersten Emails, Kommentare, Anrufe. Und zwei, drei
Tage später hatten wir dann einen regionalen Kartonhersteller gefunden, der uns
dann beliefert hat. Und das ist einfach super.
10
Sprecher:
Der Kunde steht im Mittelpunkt. Nicht nur als Käufer. Er hilft auch dabei, das Produkt
zu optimieren. Und weiterzuentwickeln. Besser als jede Unternehmensberatung,
denn er kennt und mag das Produkt. Und der Nutzen kommt direkt bei ihm an.
Nichtsdestotrotz: Die große Mehrheit der Müsli-Esser in Deutschland hat keine Lust
darauf, sich das Müsli im Internet selbst zusammen zu mixen. Geschweige denn
davon, die Internetaktivitäten der MyMüsli-Gründer regelmäßig zu verfolgen. Auch
diese Kunden werden mittlerweile bedient. In ausgewählten Cafes und Supermärkten
können sie sich heute fertiggemixte MyMüsli-Mischungen kaufen. Und damit stellt
sich heraus: Das Angebot des Selber-Mixens war eine clevere Strategie, um einen
gesättigten Markt aufzubrechen:
Prof. Frank Piller:
Man kann in viele etablierte Märkte als kleines Startup-Unternehmen überhaupt nicht
reinkommen. Klassischer Weise eine Müsli-Marke im deutschen Handel zu
etablieren, ist Selbstmord. Brauch ich unheimlich viel Geld. Allerdings über diesen
Umweg - Individualisierung - hab ich irgendwas was alle anderen nicht bekommen.
Ich krieg viel Presse, bekomme kostenlose Werbung, die Leute sprechen darüber.
Sprecher:
Das Individualisierungsversprechen wurde also dafür genutzt, um eine Marke
aufzubauen. Wer aber glaubt, die drei Passauer hätten mit ihrer Idee ausgesorgt und
könnten sich erstmal zurücklehnen und den Erfolg genießen, wird von Max eines
Besseren belehrt:
Max:
Jetzt zu sagen, dass wir gesettelt sind, wäre glaub ich ganz gefährlich. Klar, ich
glaube, wir haben auf jeden Fall gezeigt, dass es kein Hype ist. Und wir haben
gezeigt, dass man ein beständiges Unternehmen mit einer super Rendite draus
machen kann. Aber jetzt zu sagen, dass ist ein Selbstläufer ist absolut gefährlich.
Und da muss noch ganz viel von unserer Seite passieren, dass es auch so weiter
geht. Weil die Kunden sind auch anspruchsvoll. Die Idee, dass man sich was selbst
zusammenstellen kann, die ist gelernt. Die ist akzeptiert. Aber wenn wir da immer
neue Impulse setzen wollen, Vorreiter sein wollen, wie wir‘s schon mal waren, dann
haben wir noch viel Arbeit vor uns.
Sprecher:
Dass die drei Gründer beständig neue Wege gehen, erkennt man, wenn man auf der
Webseite recherchiert. Da gibt’s neue Kooperationen mit Unternehmen aus der Biound Sportbranche, da gibt es Müsli für Veranstaltungen und da gibt es
Weiterentwicklungen wie das Müsli-to-go. Das isst man nicht zuhause, sondern gegebenenfalls - auch im Hubschrauber vor einem Fallschirmsprung.
Atmo einblenden: Spot 1 to-go
„Making of - my mysli-to-go-spot. (...)“
Sprecher:
Das suggeriert jedenfalls der selbstgedrehte Werbespot. Das Video dazu ist im
Internet abrufbar. Genauso wie das dazugehörige Making-of:
11
Atmo: Spot 2 - making of
„Das ist super.... Vielleicht könnten wir es jetzt nochmal in der Luft machen. Weil
dann brauch ich den Teppich nicht filmen, weil der ist nicht so schön.... Und
Action....“
Sprecher:
Hier zeigt sich: Wer ein Unternehmen gründen will, braucht nicht nur eine Idee. Es ist
immer auch ein Zusammenspiel von Faktoren, die zusammenpassen sollten:
Max:
Wir sind alle drei sehr ehrgeizig. Wir sind alle drei bereit, viel zu geben für das was
wir hier machen und wir haben alle drei wahnsinnig gern Spaß mit dem was wir tun.
Und lassen uns ungern die Laune verderben.
Philip:
Kaufmännisch versiert sein muss man auf jeden Fall, sonst kann es gar nicht
funktionieren. Man muss aber gleichzeitig auch kreativ sein. Deswegen ist das
meistens schwierig das in einer Person zu vereinen.
Max:
Was wir vor allem finden, ist, dass ein ganz ganz komplementäres Team sehr sehr
wichtig ist. Wir drei ergänzen uns in unseren Fähigkeiten sehr gut. Das hat viel zum
Erfolg beigetragen.
Philip:
Man muss relativ risikofreudig sein. Was viele ja auch nicht sind. Viele haben ja
Angst, das selber zu probieren und irgendwas zu riskieren. Und man muss natürlich
auch sehr zielstrebig sein und an seine Idee glauben, und dafür auch kämpfen.
Prof. Franz Lehner:
Ich würde sagen hinter fast jedem erfolgreichen Projekt, das gilt für diese
Internetgründungen in ganz besonderer Weise steckt wirklich viel Zeit dahinter.
Gründer sind natürlich auch oft interessiert dran, so einen Mythos um ihr
Unternehmen entstehen zu lassen und das ein bisschen zu verschleiern, so dass
man einfach das Gefühl hat, ach, mit fast keinem Aufwand und es geht wirklich
mühelos, aber man sollte sich da nicht täuschen lassen.
Sprecher:
Vom eigenen Müsli überzeugen konnten die Gründer allerdings weder ihren
ehemaligen Passauer BWL-Professor noch den versierten
Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Aachen.
Prof. Frank Piller:
Ich esse jeden Morgen Müsli, allerdings nicht MyMüsli. Doch zu teuer. Und vielleicht
auch Gewohnheit, ich bin mit meinem Standardmüsli zufrieden.
Prof. Franz Lehner:
Es ist tatsächlich so, dass ich eigentlich... Meine Lebensgewohnheiten sind ein
bisschen anders. Vielleicht kommt es aus der Kindheit. Es gibt da so eine
Negativliste an Nahrungsmitteln und da steht eben Müsli ganz weit oben.
12
Sprecher:
Auf der Positivliste steht Spiegelei mit Speck ganz oben. Auch wenn es mehr Arbeit
macht und nicht ganz so gesund ist.
13
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
10
Dateigröße
117 KB
Tags
1/--Seiten
melden