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2000-17 Wie steht es um die Evidenz bezüglich der Wirksamkeit von

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Schweiz Med Wochenschr 2000;130:629–34
Peer reviewed article
A. Nordmann
Internal Medicine Ambulatory
Care Practice Group and
Department of Clinical Epidemiology,
University of Toronto,
Toronto Hospital (CDN)
Fortbildung
Wie steht es um die Evidenz
bezüglich der Wirksamkeit
von Orlistat?1
Summary
What is the evidence for the effectiveness
of orlistat?
Background: Obesity is worldwide one of today’s most important medical and public
health problems. Orlistat (Xenical®) is a relatively new drug in the pharmacological
treatment of obesity which partially blocks
fat absorption. The following article analyses
the available evidence of orlistat’s effectiveness
in the treatment of obese patients.
Methods: Three randomised controlled trials
investigating the effect of orlistat in the treatment of obesity were identified by systematic
Medline search. The internal and external
validity of these studies was assessed using
systematic criteria.
Results: All three studies consistently demonstrate a treatment benefit of orlistat compared
to placebo. Patients treated with orlistat lost
an average of 3.4 kg more than patients taking
placebo while on a hypocaloric diet. Simultaneously, control of cardiovascular risk fac-
tors improved independently of the observed
weight loss. Up to 40% of all patients experienced gastrointestinal side effects which were
generally well tolerated. The studies prove that
treatment with orlistat can result in a moderate weight reduction. However, the results of
the studies cannot be easily generalised to
obese patients in a primary care setting, due
to limitations concerning the studies’ internal
and external validity.
Conclusions: Based on these studies orlistat is
an efficient pharmacological treatment for
obesity in patients adhering to a hypocaloric
diet. Studies demonstrating orlistat’s effectiveness in a primary care setting are so far lacking. From a public health perspective there is a
need for a randomised controlled trial showing
not only orlistat’s effectiveness on surrogate
markers in a primary care setting but, ideally,
a reduction in obesity-related mortality and
morbidity.
Keywords: orlistat; obesity; Xenical®
Zusammenfassung
Fragestellung/Grundlagen: Die Adipositas stellt
weltweit eines der wichtigsten medizinischen
und gesundheitsökonomischen Probleme dar.
Mit Orlistat (Xenical®) ist seit wenigen Jahren
ein Medikament auf dem Markt, das durch
1 Diese Arbeit wurde durch ein Nachwuchsstipendium
des Schweizerischen Nationalfonds und
der Freien Akademischen Gesellschaft ermöglicht.
eine partielle Hemmung der Fettresorption
eine pharmakologische Behandlung der Adipositas ermöglicht. Der folgende Artikel geht
der Frage nach, wie es um die Evidenz der
Wirksamkeit von Orlistat steht.
Korrespondenz:
Dr. Alain Nordmann
Internal Medicine Ambulatory Care Practice Group
and Department of Clinical Epidemiology
University of Toronto
Eaton Wing, Suite 242
Toronto Hospital
200, Elizabeth Street
Toronto, Ontario M5G 2C4
Canada
e-mail: alain.nordmann@utoronto.ca
629
Fortbildung
Schweiz Med Wochenschr 2000;130: Nr 17
Methoden: Mittels systematischer MedlineSuche wurden die drei einzigen kontrollierten,
randomisierten Studien identifiziert, welche
bisher die Wirksamkeit von Orlistat in der
Behandlung der Adipositas untersucht haben.
Die Studien wurden nach systematischen Kriterien auf ihre interne und externe Validität
hin geprüft.
Resultate: Alle drei identifizierten Studien zeigen konsistent einen Behandlungserfolg von
Orlistat gegenüber Plazebo. Die Gewichtsdifferenz zwischen Plazebo und Orlistat unter
gleichzeitiger hypokalorischer Ernährung betrug nach einem Jahr durchschnittlich 3,4 kg.
Gleichzeitig konnte eine von der Gewichtsreduktion unabhängige diskrete, aber signifikante Verbesserung wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktoren beobachtet werden. Bis zu
40% aller behandelten Patienten litten unter
gastrointestinalen Nebenwirkungen, welche in
der Regel aber gut toleriert wurden. Die Studien beweisen, dass Orlistat zu einer mässigen
Gewichtsabnahme führen kann. Aufgrund
limitierter interner und externer Validität
können die Resultate aber nicht ohne weiteres
auf den medizinischen Alltag übertragen werden.
Schlussfolgerungen: Die bisher durchgeführten
Studien beweisen die Effizienz von Orlistat in
der Behandlung der Adipositas bei gleichzeitiger Einhaltung einer hypokalorischen Diät.
Bis heute existieren noch keine Daten über die
Effektivität einer Behandlung mit Orlistat im
Grundversorgerbereich. Unter Berücksichtigung
immer wichtiger werdender gesundheitsökonomischer Gesichtspunkte ist die Durchführung einer kontrollierten, randomisierten klinischen Studie im Grundversorgerbereich zu
fordern, welche neben einer Verbesserung von
Surrogatmarkern idealerweise auch den Nachweis einer Reduktion von Adipositas-bedingter Mortalität und Morbidität erbringen sollte.
Keywords: Orlistat; Xenical®; Adipositas
Die Adipositas stellt weltweit ein medizinisches
und gesundheitsökonomisches Problem von
höchster Priorität dar. Allein in den USA ist die
Adipositas für 3–7% der gesamten Gesundheitskosten verantwortlich [1]. In vielen Ländern hat die Prävalenz der Adipositas in den
letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen
[2, 3]. Die Adipositas induziert metabolische
Veränderungen, welche zur Entwicklung eines
Diabetes mellitus sowie zu erhöhter kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität führen.
Zudem leiden adipöse Patienten vermehrt
unter Beschwerden des Bewegungsapparats.
Auf Diät und vermehrter körperlicher Aktivität basierende konventionelle nicht-pharmakologische Behandlungsversuche haben in der
Vergangenheit leider kaum zu anhaltendem
Gewichtsverlust geführt [4]. Pharmakologische Versuche zur Behandlung der Adipositas
waren mit Abhängigkeits- und Toleranzent-
wicklung, primärer pulmonaler und systemischer Hypertonie sowie mit valvulären
Herzerkrankungen assoziiert [5], welche den
Rückzug dieser Substanzen vom Markt erforderlich werden liessen.
Orlistat (Xenical®) ist eine relativ neue Substanz, welche die Aktivität der Magen- und
Pankreaslipasen hemmt. In einer peroralen
Dosierung von 120 mg 3mal täglich verhindert Orlistat die Resorption von etwa 30% der
eingenommenen Fettmenge [6]. Da weniger als
1% des Medikaments resorbiert wird [6],
scheint das Potential für systemische Nebenwirkungen gering zu sein. Die folgende Arbeit
setzt sich zum Ziel, die bis zum heutigen Tag
vorhandene Evidenz über die Wirksamkeit von
Orlistat darzulegen und aufzuzeigen, welche
zurzeit noch offenen Fragen durch in Zukunft
durchzuführende Studien beantwortet werden
sollten.
Einleitung
Methodik
Mittels systematischer Medline-Suche der Jahrgänge 1996 bis Juli
1999 wurde mit den Suchbegriffen «obesity», «overweight» und
«orlistat» nach Studien zur Beurteilung der Wirksamkeit von Orlistat in der Langzeitbehandlung der Adipositas gesucht. Das Resultat waren 24 Publikationen, welche sich nach Beschränkung auf
englischsprachig publizierte, randomisierte, kontrollierte klinische
Studien auf sieben Artikel reduzierten. Eine Studie, welche den Effekt von Orlistat bei Diabetikern untersuchte [7], und drei weitere
Studien mit kurzem Follow-up oder weniger als 60 eingeschlosse-
630
nen Patienten wurden nicht weiter berücksichtigt. Die drei verbliebenen Artikel, welche kürzlich im Journal of Hypertension [8], im
Lancet [9] und im JAMA [10] publiziert worden sind, wurden nach
leicht modifizierten, anderswo beschriebenen systematischen Kriterien [11, 12] auf ihre interne und externe Validität hin untersucht.
Diese drei Studien sind die einzigen, bisher veröffentlichten, grösseren randomisierten, Plazebo-kontrollierten klinischen Studien
zur Beurteilung des Effekts von Orlistat in der Behandlung der Adipositas.
Schweiz Med Wochenschr 2000;130: Nr 17
Fortbildung
Resultate
Alle Patienten wurden erst nach einer 4wöchigen, einfach-blinden «lead-in»-Periode randomisiert, während der sie Plazebo erhielten
und eine gering hypokalorische Diät einhalten
mussten. Diese Diät behielten die Patienten
während des gesamten ersten Studienjahres
bei. Nach einer prognostischen Stratifizierung
basierend auf einem Gewichtsverlust von mehr
oder weniger als 2 kg während der «lead-in»Periode erhielten die Patienten entweder 120
mg Orlistat oder Plazebo 3mal täglich. In einer
Studie wurde ein zusätzlicher Behandlungsarm
mit 60 mg Orlistat 3mal täglich eingebaut.
In allen drei Studien vermochten die Patienten
beider Gruppen ihr Gewicht zu reduzieren.
Dabei nahmen Patienten, die mit Orlistat behandelt wurden, durchschnittlich um 3,4 kg
mehr ab als Patienten der Plazebo-Gruppe
(Tab. 1). 39–42% der mit Orlistat behandelten
Patienten erzielten einen Gewichtsverlust von
>10% des initialen Körpergewichts verglichen
mit 18–25% der Plazebo-Gruppe. Patienten,
die 3mal täglich 120 mg Orlistat einnahmen,
nahmen mehr an Gewicht ab als Patienten
unter 3mal 60 mg täglich. Der maximale Gewichtsverlust wurde nach etwa 34 Wochen
beobachtet, danach trat keine zusätzliche Gewichtsabnahme mehr auf.
Zusätzlich zum Gewichtsverlust kam es in
der Orlistatgruppe zu einer statistisch signifikanten Verbesserung des Lipidprofils, der
Nüchternblutzuckerwerte und des arteriellen
Blutdrucks. Diese Veränderungen waren aber
gering: Die durchschnittlichen Total- und LDLCholesterin-Werte hatten in der Orlistat- im
Vergleich zur Plazebo-Gruppe nach einem Jahr
um etwa 0,2–0,3 mmol/l mehr abgenommen.
Bezüglich HDL-Cholesterol zeigten sich keine
Unterschiede. Die mittleren Werte für den
Nüchternblutzucker lagen in der Orlistatgruppe um 0,15–0,2 mmol/l tiefer als in der
Plazebo-Gruppe. Beim arteriellen Blutdruck lag
die Differenz der durchschnittlichen systolischen und diastolischen Werte im Bereich von
1–2 mm Hg. Ähnliche Effekte bezüglich Lipidprofil wurden in einer anderen Studie bei mit
Orlistat behandelten adipösen Typ-2-Diabetikern beschrieben, bei denen zusätzlich eine
signifikante Abnahme des HbA1c beobachtet
wurde [7]. Keine der Studien berichtete
über ernsthafte Nebenwirkungen, aber 27–41%
der mit Orlistat behandelten Patienten litten
unter gastrointestinalen Nebenwirkungen wie
Flatus mit Stuhlabgang, öligem Stuhlschmieren
und Stuhldrang. Zudem nahmen die Konzentrationen der fettlöslichen Vitamine (v.a. Vitamin E und D) in der Orlistat- signifikant
häufiger ab als in der Plazebo-Gruppe.
In den beiden Studien, welche den Effekt von
Orlistat im zweiten Jahr evaluierten [9, 10],
kam es unter eukalorischer Ernährung in beiden Gruppen zu einem Gewichtsanstieg. Dabei
betrug die Gewichtszunahme bei Patienten
der Orlistatgruppe durchschnittlich um 2,4 kg
weniger als bei Patienten der Plazebo-Gruppe
(p <0,001).
Tabelle 1
Behandlungseffekt von Orlistat verglichen mit Plazebo.
J Hypertens (n = 2680)*
Gewichtsverlust nach einem Jahr
hypokalorischer Diät (kg)
Lancet (n = 688)*
JAMA (n = 892)*
Plazebo
Orlistat
Differenz
Plazebo
Orlistat
Differenz
Plazebo
Orlistat
Differenz
–5,6
–8,9
–3,3
–6,1
–10,3
–4,2
–8,8
–5,6
–3,2
2,4
3,2
5,6
2,4
Gewichtszunahme im zweiten Jahr
unter eukalorischer Diät (kg)
* «intention-to-treat»-Population
Können die Resultate auf den medizinischen Alltag übertragen werden?
Bevor die Resultate klinischer Studien auf den
medizinischen Alltag übertragen werden können, müssen die Studien auf ihre interne und
externe Validität (Generalisierbarkeit) hin untersucht werden. In einem ersten Schritt wird
im folgenden die interne Validität der Studien
unter die Lupe genommen. Alle drei Publikationen beschreiben die Resultate von Plazebo-
kontrollierten, doppelblind durchgeführten
Multizenterstudien. In allen drei Studien bestanden keinerlei signifikante Unterschiede
zwischen den beiden Gruppen bezüglich Alter,
Geschlecht, Rasse, Gewicht, Body Mass Index
oder kardiovaskulären Risikofaktoren. Der
mittlere Body Mass Index betrug 35–36 kg/m2.
Patienten mit ausgeprägter Komorbidität,
631
Fortbildung
einer Anamnese von Medikamenten- oder
Drogenabusus wurden ausgeschlossen. Der
randomisierte, doppelblinde Charakter der
Studien, die Konsistenz des Behandlungserfolgs und die Absenz relevanter Baseline-Unterschiede zwischen den beiden Gruppen stärken die interne Validität der Studienresultate.
Je nach Studie wurden zwischen 743 und 3132
Patienten in die «lead-in»-Periode eingeschlos-
Schweiz Med Wochenschr 2000;130: Nr 17
sen. In zumindest zwei der Studien [9, 10]
wurden nur diejenigen Patienten randomisiert,
die während der 4wöchigen Plazebo-«leadin»-Periode mindestens 75% ihrer Medikamente eingenommen hatten. Der Anteil derjenigen Patienten, die schliesslich randomisiert
und in die «intention-to-treat»-Analyse eingeschlossen wurden, betrug zwischen 75 und
93%.
Die Problematik einer «lead-in»-Periode
Aufgrund einer unzureichenden Compliance
oder anderer Gründe wurden 16% aller für die
Studien vorgesehenen Patienten nicht randomisiert. Eine «lead-in»-Periode, welche dazu
dient, die Compliance mit der Medikamenteneinnahme zu überprüfen, ist dann sinnvoll,
wenn der Nachweis bezüglich der Effizienz
eines Medikaments erbracht werden soll.
Unter Effizienz ist die Wirksamkeit eines Medikaments unter optimalen Bedingungen zu
verstehen. Die Resultate einer Effizienz-Studie
müssen aber äusserst vorsichtig interpretiert
werden, wenn die Effektivität eines Medikaments untersucht werden soll. Hierunter ist
die Wirksamkeit eines Medikaments unter
realitätsgerechten Bedingungen zu verstehen.
Es ist zu erwarten, dass der Behandlungseffekt
unter Einschluss von Patienten mit ungenügender Compliance geringer ausfallen würde
[13]. Unter der Annahme, dass bei den 16%
nicht randomisierten Patienten nach einem
Behandlungsjahr kein Unterschied zwischen
Plazebo und Orlistat nachzuweisen gewesen
wäre, hätte sich bei Berücksichtigung dieser
Patienten in der Gesamtanalyse die durchschnittliche Gewichtsdifferenz von 3,4 auf
2,9 kg reduziert.
Bis zum Abschluss des ersten Studienjahres
stieg die «drop-out»-Rate auf 24 bis 41% in
der Plazebo- und auf 18 bis 29% in der Orlistatgruppe an. Zwei der drei Studien [9, 10]
wurden in einem etwas veränderten Design
während eines zweiten Jahres weitergeführt.
In der einen Studie [9] wurden Patienten mit
ausreichender Compliance rerandomisiert,
wobei je die Hälfte der Patienten in der ursprünglichen Gruppe verblieb und die andere
Hälfte in den alternativen Behandlungsarm
wechselte. Alle Patienten wurden angewiesen,
sich im zweiten Studienjahr eukalorisch zu
ernähren. In dieser Studie wurden 75% aller
primär randomisierten Patienten in die «intention-to-treat»-Analyse miteinbezogen, aber
nur 63% aller Patienten vollendeten das
zweite Studienjahr. In der anderen Studie [10],
in welcher die Patienten angewiesen wurden,
während des zweiten Studienjahres ebenfalls
von einer hypo- auf eine eukalorische Ernährung umzustellen, vollendeten gar nur 45%
der randomisierten und 34% der ursprünglich
für die Studie rekrutierten Patienten das zweite
Studienjahr. Interessanterweise war die «dropout»-Rate in der Plazebo- konsistent leicht
höher als in der Orlistatgruppe. Die relativ
hohen «drop-out»-Raten sind ein weiterer
Hinweis dafür, dass Effektivität und Effizienz
von Orlistat nicht gleichzusetzen sind.
Wurden die Daten adäquat analysiert?
Obwohl sämtliche Resultate auf einer «intention-to-treat»-Basis analysiert wurden, ist die
Art, auf welche die Studienresultate analysiert
wurden, nicht über jegliche Kritik erhaben.
Gemäss der durchgeführten statistischen Auswertung wurde das zuletzt gemessene Gewicht
unmittelbar vor dem Drop-out eines Patienten
automatisch als Schlussgewicht angenommen.
Da anzunehmen ist, dass Patienten nach Ausstieg aus einer Studie zur Gewichtsreduktion
eher dazu tendieren, an Gewicht zuzulegen als
ihr Gewicht zu stabilisieren, wird der resultie632
rende Behandlungserfolg von Orlistat durch
diese Methode der Datenanalyse wohl eher
überschätzt [14]. Als Alternative hätte sich angeboten, den tatsächlichen Gewichtsverlauf
auch der Patienten, die aus der Studie ausgestiegen sind, bis zum Zeitpunkt des Studienabschlusses weiterzuverfolgen.
Alle bisher erwähnten Kritikpunkte legen den
Schluss nahe, dass der Effekt von Orlistat eher
geringer ist, als die Studienresultate nahelegen.
Allerdings gibt es zumindest eine Möglichkeit
dahingehend zu argumentieren, dass der wirk-
Schweiz Med Wochenschr 2000;130: Nr 17
Fortbildung
liche Effekt von Orlistat in den Studien unterund nicht überschätzt wird. Bis auf häufige,
oft aber transiente und gut tolerierte gastrointestinale Nebenwirkungen, war die Behandlung mit Orlistat gut verträglich. Es ist durchaus denkbar, dass einige Patienten, die über die
möglichen gastrointestinalen Nebenwirkungen aufgeklärt wurden, ausgehend von der simplen Prä- oder Absenz gastrointestinaler Nebenwirkungen richtig vermutet haben, ob sie
der Plazebo- oder der Orlistatgruppe zugeteilt
waren. Es ist möglich, dass Patienten, deren
Gewicht im Verlauf der Studie nicht abgenommen hat und die keine gastrointestinalen Nebenwirkungen aufgewiesen haben,
die weitere Teilnahme an der Studie verweigerten, da sie zu Recht vermuten konnten, mit
dem unwirksamen Plazebo behandelt worden
zu sein (unmasking by side-effect) [15]. Diese
Hypothese wird durch die höhere «drop-out»Rate in der Plazebo-Gruppe gestützt. Sie würde,
falls wirklich wahr, den Behandlungseffekt
von Orlistat unterschätzen, da anzunehmen ist,
dass diese Patienten der Plazebogruppe bei weiterem Verbleib in der Studie wohl eher zu- als
abnehmen würden. Zusammenfassend lässt
sich sagen, dass die interne Validität der Studien durch die «lead-in»-Periode, die Art des
Datenmanagements und die häufigen gastrointestinalen Nebenwirkungen zumindest teilweise in Frage gestellt werden muss. Gesamthaft resultiert eher eine Über- als Unterbewertung des reellen Effekts von Orlistat.
Sind die Studienresultate generalisierbar?
Alle Studien wurden an Universitäts- oder
Forschungszentren in den USA oder Europa
durchgeführt und von einer Diätberatung mit
dem Ziel einer hypokalorischen Ernährung
während des ersten Studienjahrs begleitet. Die
Studienteilnehmer waren meist ausgesprochen
adipös und wiesen einen mittleren BMI um
35 kg/m2 auf. Die überwiegende Mehrheit von
ihnen waren Frauen. Ob die Resultate dieser
Studien ohne weiteres auf die medizinische
Grundversorgung und auf weniger adipöse Patienten übertragbar sind, bleibt offen. Bis heute
gibt es keine randomisierten Studien, welche
die Effektivität von Orlistat in der medizinischen Grundversorgung nachgewiesen haben.
Unklar ist auch, ob die erzielte Gewichtsreduktion unter fortgesetzter hypokalorischer
Ernährung beibehalten werden kann. Nach
Studiendesign-bedingter Umstellung von einer
hypo- auf eine eukalorische Ernährung nahmen auch Patienten unter fortgesetzter Orlistatbehandlung im zweiten Studienjahr an Gewicht zu [9]. Eine fortgesetzte hypokalorische
Ernährung scheint also Voraussetzung zu
sein, um die Gewichtsreduktion stabilisieren
zu können. Ob das Gewicht aber tatsächlich
auch unter kontinuierlicher hypokalorischer
Ernährung über Jahre hinweg stabilisiert werden kann, ist bis heute nicht bekannt und muss
durch zusätzliche Studien beantwortet werden.
Was ist die klinische Relevanz der beobachteten Veränderungen?
Bis zum heutigen Tag ist keine einzige Publikation erschienen, die gezeigt hätte, dass
willentliche Gewichtsabnahme Adipositas-bedingte Morbidität und Mortalität zu reduzieren vermag [16]. Genauso unbekannt ist das
hierfür nötige Ausmass der Gewichtsreduktion. Die verbesserte Kontrolle der kardiovaskulären Risikofaktoren nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion selbst um wenige Kilo
ist jedoch möglicherweise Evidenz genug, um
mit ausreichender Sicherheit eine Abnahme
von Morbidität und Mortalität prognostizieren zu können. Wie alle drei Studien gezeigt
haben, vermochte Orlistat unabhängig von der
Gewichtsreduktion wichtige kardiovaskuläre
Risikofaktoren wie Hypercholesterinämie, arterielle Blutdruck- und Nüchternblutzuckerwerte günstig zu modifizieren. Auch wenn das
Ausmass der beobachteten Veränderungen
gering war, so ist die uniforme Verbesserung
wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktoren
vielversprechend und vielleicht sogar entscheidender als die mässige Gewichtsabnahme per
se. In Anbetracht der gesundheitlichen Folgen
der Adipositas ist eine signifikante Verbesserung von Surrogatmarkern jedoch ungenügend, um eine neue pharmakologische Langzeittherapie zu begründen. Es muss daher für
die Zukunft mit Nachdruck auf dem Nachweis
einer Reduktion harter Endpunkte wie einer
Abnahme kardiovaskulärer Ereignisse und/oder
der Adipositas-bedingten Mortalität bestanden werden.
633
Fortbildung
Schlussfolgerungen
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Effizienz von Orlistat punkto Gewichtsreduktion
trotz der erwähnten Schwächen der bis zum
heutigen Tag verfügbaren Studien als bewiesen
gelten kann. Orlistat bewirkt im Vergleich
zu Plazebo bei gleichzeitiger hypokalorischer
Ernährung eine zusätzliche Gewichtsreduktion
von 3 bis 4 kg und eine leicht verbesserte Kontrolle wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktoren innerhalb eines Jahres. Es ist aber fraglich,
ob diese Resultate im Rahmen einer Effektivitäts-Studie im Grundversorgerbereich ohne
vorherige «lead-in»-Periode zur Überprüfung
der Compliance reproduziert werden können.
Ob der ohnehin mässige Effekt auf Gewichtsreduktion und Risikofaktorenkontrolle dann
noch statistisch und – noch wichtiger – klinisch
signifikant bleibt, ist unklar. Angesichts der
doch recht beachtlichen Kosten einer einjähri-
Schweiz Med Wochenschr 2000;130: Nr 17
gen Behandlung mit Orlistat (etwa 2400 Franken) muss dringend der Effektivitäts-Nachweis
erbracht werden, bevor Orlistat auch aus ökonomischen Überlegungen heraus guten Gewissens zur grossflächigen Behandlung der Adipositas im Grundversorgerbereich propagiert
werden kann. Eine kontrollierte randomisierte
klinische Studie im Grundversorgerbereich
ohne vorherige «lead-in»-Periode, in der auch
das Gewicht der Patienten weiterverfolgt wird,
die aus der Studie aussteigen, könnte die zurzeit noch offenen Fragen beantworten. Angesichts des Ausmasses der Adipositas-Problematik und ihrer gesundheitlichen Folgen sollte
sich eine derartige Studie in einem zweiten
Schritt nicht mit dem Nachweis eine blossen
Verbesserung von Surrogatmarkern begnügen.
Das Ziel muss darin bestehen, eine Abnahme
von Adipositas-bedingter Morbidität und
Mortalität aufzuzeigen.
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