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Ähnlich gut wirksam wie Antidepressiva - Die PTA in der Apotheke

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JOHANNISKR AUT
Ähnlich gut wirksam
wie Antidepressiva
Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen. Ihre Behandlung ist oft schwierig
und langwierig. Seit langem wird dabei auch Johanniskraut eingesetzt, jahrhundertelang
© KLosterfrau Gesundheitsservice
als traditionelle Heilpflanze, jetzt als geprüftes Phytopharmakon.
I
n Deutschland sind 4 Prozent der Bevölkerung depressiv. Unter den Menschen, die eine Arztpraxis aufsuchen,
sind es sogar bis zu 15 Prozent. Doch viele dieser Störungen würden nicht erkannt, weil sie entweder atypisch verlaufen oder sich hinter verschiedenen körperlichen
Beschwerden verbergen, hob Prof. Dr. med. Hans-Peter Volz
vom Klinikum Werneck kürzlich bei einer Pressekonferenz in
München hervor.
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Die Diagnose Keine Freude, kein Antrieb, der negative
Blick auf die eigene Person, gepaart mit einem düsteren
Blick in die Zukunft: Dies sind die Kernsymptome einer depressiven Störung. Die Diagnose „Depression“ wird gestellt,
wenn von diesen vier Kennzeichen zwei oder mehr über mindestens zwei Wochen vorhanden sind. Charakteristisch sind
weniger Tränen als ein affektiver Panzer. Die Seele schwingt
nicht mehr. Sie scheint unter Eis zu liegen.
Die P·T·A in der Apotheke 35 (2006), Heft 6
JOHANNISKR AUT
Atypische Depressionen Doch eine Depression hat viele
Gesichter. So gibt es auch atypische Formen, bei denen die
Gefühle der Patienten ansprechbar bleiben, erklärte Volz bei
der von Lichtwer Healthcare GmbH unterstützten Veranstaltung. Der Panzer könne durchbrochen werden. Die Patienten reagieren auf ein schönes Erlebnis oder eine gute Erfahrung durchaus mit Freude, was einem Menschen, der an
einer Depression des melancholischen Subtyps erkrankt ist,
gar nicht möglich ist. Patienten mit einer atypischen Depression nehmen auch zu und nicht ab. Sie haben ausgeprägten Hunger, vor allem auf Kohlenhydrate. Sie schlafen eher
viel, als dass sie unter dem für depressive Störungen charakteristischen Früherwachen leiden.
Typischerweise lassen sich die Patienten leichter kränken,
führte der Neurologe aus. Fühlen sie sich von einem anderen Menschen zurückgewiesen, sind sie tief verletzt. Schon
eine unbedachte Bemerkung treffe sie persönlich. Doch in
der deutschen Klassifikation für psychiatrische Störungen,
dem ICD-10, sind atypische Depressionen nicht aufgeführt.
Das Krankheitsbild werde deshalb massiv unterdiagnostiziert, erklärte Volz. Dagegen existiert in der amerikanischen
Klassifikation, dem DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) die atypische Depression als eigenständige Diagnose.
Die Behandlung Die Therapiemöglichkeiten für eine Depression sind, gemessen an den nur vagen Vorstellungen
über ihr Entstehen, recht gut. Die pragmatischste Therapie
ist die Behandlung mit Antidepressiva. Doch ältere Antidepressiva wie die Trizyklika (z. B. Amitryptilin) weisen ausgeprägte anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Schwindel und Müdigkeit auf, die häufig zum Abbruch
der Therapie führen. Auch die modernen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Specific Serotonine Reuptake Inhibitors
– SSRI) wie Citalopram oder Paroxetin, bringen Probleme
mit sich. Hier litten die Patienten vor allem unter sexuellen
Funktionsstörungen, berichtete Dr. med. Marcus Mannel
von der Berliner Charité. Der Facharzt für psychosomatische
Medizin und Psychotherapie wies zudem darauf hin, dass
unter Serotonin-Wiederaufnahmehemmern ähnlich häufig
gastrointestinale Blutungen auftreten wie unter nicht-steroidalen Antiphlogistika. Werden Vertreter aus beiden Arzneistoffgruppen eingesetzt, so steigt die Rate unerwünschter
Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt auf über 15 Prozent an.
Zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Johanniskrautextrakt stellte Mannel eine Meta-Analyse aus 26 Studien
vor, in denen hypericumhaltige Fertigarzneimittel gegen synthetische Antidepressiva geprüft wurden. In der Hälfte der
Studien wurden Trizyklika, in der anderen Hälfte SSRI eingesetzt. Johanniskrautpräparate waren gleich gut wirksam
wie chemisch definierte Antidepressiva, doch brachen signifikant weniger Patienten die Therapie wegen Nebenwirkungen ab.
Die P·T·A in der Apotheke 35 (2006), Heft 6
Johanniskraut bei atypischen Depressionen Ob ein
Johanniskrautextrakt auch für Menschen mit einer atypischen Depression eine effektive Behandlungsoption darstellt, erläuterte Volz an Hand einer noch nicht publizierten
Studie: Eine Gruppe Patienten mit einer atypischen Depression erhielt den Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
Fluoxetin in der Standarddosierung, während eine ebenso
DIAGNOSTIK VON
DEPRESSIONEN NACH ICD-10
Hauptsymptome
depressive Stimmung (ungleich Trauer)
Interessenverlust
Freudlosigkeit
Antriebsmangel
erhöhte Ermüdbarkeit
Zusatzsymptome
verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
Gefühl von Schuld/Wertlosigkeit
negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
Suizidgedanken oder -handlungen
Schlafstörungen
verminderter Appetit
Somatisches Syndrom
Interessenverlust
Verlust der Freude an sonst angenehmen Tätigkeiten
mangelnde emotionale Reagibilität auf sonst
freudige Ereignisse
frühmorgendliches Erwachen
morgendliches Stimmungstief
psychische und körperliche Hemmung oder Agitiertheit
deutlicher Appetitverlust
Gewichtsverlust
deutlicher Libidoverlust
große Patientenzahl mit dem Hypericumextrakt Li 160 in einer Tagesdosis von 600 mg behandelt wurde. Besonders
profitiert von dem Hypericumextrakt hätten Patienten mit einer mittelschweren Erkrankung, führte der an der Universität
Würzburg lehrende Neurologe aus.
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JOHANNISKR AUT
Depressive Störungen werden häufig von körperlichen Symptomen wie Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden überlagert. Da sie dann sehr viel schwerer zu diagnostizieren sind, werden sie als lavierte oder maskierte Depressionen bezeichnet. Zwar erkranken deutlich mehr Frauen an
einer Depression als Männer, doch bei mit Rückenschmerzen assoziierten depressiven Symptomen dominiere das
männliche Geschlecht. Auch bei diesen somatoformen
Störungen liegen gute Erfahrungen mit Johanniskraut vor,
folgerte Volz aus zwei Placebo-kontrollierten Untersuchungen.
» Da Trizyklika bei Kindern und
Jugendlichen nicht wirken, kommt als
weitere Alternative eine Therapie
mit Johanniskrautextrakt in Frage.
«
Antidepressiva bei Kindern Sowohl Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als auch Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer sind für die Behandlung von Kindern und
Jugendlichen nicht mehr zugelassen, da vermehrt Suizide
aufgetreten sind. Da Trizyklika bei dieser Altersklasse nicht
wirken, kommt als weitere Alternative eine Therapie mit Johanniskrautextrakt in Frage. Dieser Weg werde in Deutsch-
E R R AT U M
„A” auf dem BtM-Rezept Im Artikel „Betäubungsmittel“ in „Die P·T·A in der Apotheke“ 05/2006 hat
auf Seite 21 der Fehlerteufel zugeschlagen. Es geht
um die Verordnung von Morphin durch einen Arzt
innerhalb von 30 Tagen für einen Patienten auf zwei
Rezepten. Auf dem ersten Rezept hat der Arzt
15 000 mg verordnet und auf dem zweiten 800 mg.
Dafür muss er kein „A” auf das zweite Rezept schreiben, da er mit insgesamt 15 800 mg Morphin unter der Höchstmenge bleibt. Stünden auf dem zweiten Rezept allerdings 8 000 mg, dann hätte der Arzt
mit insgesamt 23 000 mg die Höchstmenge überschritten und er müsste das Rezept dann mit einem
„A” kennzeichnen.
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land oft beschritten, berichtete Mannel. Eine Zulassung für
diese Indikation liegt derzeit allerdings nicht vor. Gleichwohl
hält der Berliner Klinikarzt eine Ausweitung der Zulassung
auf diese Altersklasse für wünschenswert.
Wechselwirkungen von Johanniskraut Das Thema „Interaktionen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten“
beschäftigte in den letzten Jahren nicht nur Fachkreise, sondern wurde auch in der Laienpresse heftig diskutiert. Johanniskraut erhöht die Aktivität eines Leberenzyms, dem
Cytochrom P 450 (CYP 3A4), sowie eines Transporterproteins, dem P-Glykoprotein. Beide Moleküle sind an der Verstoffwechselung zahlreicher Arzneistoffe beteiligt, beispielsweise der Immunsuppressiva Ciclosporin und Tacrolimus,
dem in der HIV-Therapie eingesetzten Proteaseinhibitor Indinavir sowie der Zytostatika Irinotecan und Imatinib. Bei der
gleichzeitigen Gabe von johanniskrauthaltigen Fertigarzneimitteln mit einer dieser Substanzen sind klinisch relevante
Nebenwirkungen zu erwarten.
Doch in der Praxis wird viel häufiger die Frage aufgeworfen,
ob Johanniskraut-Präparate auch zu einer verminderten
Wirksamkeit von oralen Kontrazeptiva führen können. Mannel folgerte aus mehreren offenen Studien, die dieser Frage
nachgingen, dass es zwar zu mehr Zwischenblutungen, jedoch nicht zu mehr Ovulationen oder einer relevanten Veränderung des Hormonspiegels kommt. Mannel sah deshalb
die Sicherheit der Pille auch bei einer gleichzeitigen Einnahme von Johanniskrautpräparaten nicht beeinträchtigt.
Bei Zwischenblutungen sollte die Pille nicht abgesetzt werden, sondern eventuell mit ergänzenden Barrieremaßnahmen zur Verhütung kombiniert werden.
Erhöhte Lichtempfindlichkeit bei hoher Dosis Interessant für die Praxis ist die auch in der Apotheke immer wieder aufgeworfene Frage, ob Johanniskrautextrakt phototoxisch wirkt. Mannel erklärte dazu, dass dies nur bei einer höheren Dosierung eine Rolle spielt. In Photosensibilitätstests
habe sich gezeigt, dass nach der Einnahme einer Tagesdosis
von 1800 mg Johanniskrautextrakt bei hellhäutigen, rötlichblonden Menschen des keltischen Hauttyps I eine Rötung
oder Bräunung der Haut 20 Prozent früher auftritt als bei
nicht behandelten Probanden des gleichen Hauttyps. ●
Quelle: Pressekonferenz „Neue Forschungsergebnisse zu Jarsin“, Lichtwer Healthcare GmbH, Februar 2006, München
Literatur bei der Autorin
Hannelore Gießen
Gotenstraße 9 · 85551 Kirchheim
E-Mail: Hannelore.Giessen@t-online.de
Die P·T·A in der Apotheke 35 (2006), Heft 6
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