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¨s t e r r e i c h i s c h e z e i t s c h r i f t f u
¨r
o
ge s c h i c h t s w i s s e n s c h a f t e n
11. jg., heft 1, 2000
innovationen
wie neues entsteht
herausgegeben von
¨ller und karl h. mu
¨ller
albert mu
turia + kant
wien
.
Gef¨
ordert durch das Bundesministerium f¨
ur
Wissenschaft und Verkehr sowie die Stadt
Wien, Magistratsabteilung 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung, Referat Wissenschafts- und Forschungsf¨
orderung.
¨
Osterreichische
Zeitschrift f¨
ur Geschichts¨
wissenschaften. Zitierweise: OZG.
¨
Redaktionsadresse: OZG,
c/o Institut f¨
ur
Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universit¨
at Wien, Dr. Karl Lueger-Ring 1, A-1010
Wien. FAX: 43-1-4277-9413.
http://www.univie.ac.at/
Wirtschaftsgeschichte/OeZG/
Preise: Einzelheft ATS 198, Jahresabonnement: Einzelpersonen ATS 600, Institutionen ATS 700, im Ausland zuz¨
uglich Versand¨
kosten: Europa ATS 100, Ubersee
ATS 170.
Bestellungen u
¨ber den Buchhandel oder
u
¨ ber den Verlag Turia + Kant, FAX: 43-153 20 768, email: turia.kant turia.at
http://www.turia.at
ISSN 1016-765 X
Coverdesign: Ingo Vavra
Medieninhaber (Verleger): Turia + Kant,
Schottengasse 3A / 5 / DG 1, A-1010 Wien.
Druck: VB
S, Ljubljana
Offenlegung nach 25 Mediengesetz: Medien¨
inhaber: Turia + Kant. Herausgeber: Osterreichische Gesellschaft f¨
ur Geschichtswissenschaften, Wien. Blattlinie: Ver¨
offentlichungen wissenschaftlicher Arbeiten aus allen Bereichen der Geschichtswissenschaften.
2
Editorial
Innovationen
Wie Neues entsteht
5
Albert M¨
uller
9
J. Rogers Hollingworth/
Ellen Jane Hollingworth
Jerald Hage
31
Karl H. M¨
uller
Christian Fleck
87
129
179
Eine kurze Geschichte des BCL.
Heinz von Foerster und das
Biological Computer Laboratory
Radikale Innovationen und Forschungsorganisation. Eine Ann¨
aherung
Die Innovation von Organisationen und
die Organisation von Innovationen
Wie Neues entsteht
Wie Neues nicht entsteht. Die
Gr¨
undung des Instituts f¨
ur H¨
ohere Studien
¨
in Wien durch Ex-Osterreicher
und die
Ford Foundation
Abstracts
Forum
Ruth Beckermann
G¨otz Aly
181
186
Toleranz und Zeitgeschichte
Adolf Eichmanns sp¨
ate Rache
Rezensionen
Klaus Naumann
192
Johanna Gehmacher
297
Der Krieg als Text. Das Jahr 1945 im
kulturellen Ged¨
achtnis der Presse
(Ruth Wodak)
V¨olkische Frauenbewegung“. Deutsch”
nationale und nationalsozialistische
¨
Geschlechterpolitik in Osterreich
67
200
¨
OZG
11.2000.1
(Kirsten Heinsohn)
Anschriften der Autorinnen und Autoren
3
Herausgeber/innen
Gerhard Baumgartner, Wien . Markus
Cerman, Wien . Ulrike D¨
ocker, Wien
Franz X. Eder, Wien . Peter Eigner, Wien
Gabriella Hauch, Linz . Erich Landsteiner,
Wien . Alexander Mejstrik, Wien
Albert M¨
uller, Wien . Reinhard Sieder,
Wien . Gerald Sprengnagel, Salzburg
Anton Staudinger, Wien . Karl Stocker,
Graz.
An diesem Heft haben mitgearbeitet
Peter Eigner . Albert M¨
uller
Karl H. M¨
uller . Reinhard Sieder
Gerald Sprengnagel . Anton Staudinger
Herausgeber dieses Heftes
Albert M¨
uller und Karl H. M¨
uller
Wissenschaftlicher Beirat
Rudolf Ardelt, Linz . Neven Budak,
Zagreb . Josef Ehmer, Salzburg
Christian Fleck, Graz . Ernst Hanisch,
Salzburg . Gernot Heiß, Wien . Hans
Heiss, Brixen . Eric Hobsbawm, London
Georg G. Iggers, Buffalo . Robert J¨
utte,
Stuttgart . Robert Luft, M¨
unchen . Hans
Medick, G¨
ottingen . Wolfgang Meixner,
Innsbruck . Herta Nagl-Docekal, Wien
Jan Peters, Berlin . Michael Pollak ,
Paris . Georg Schmid, Salzburg . Peter
Sch¨
ottler, Berlin . Alice Teichova,
Cambridge . Ernst Wangermann,
Salzburg . Fritz Weber, Wien.
4
¨
OZG
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Innovationen – wie Neues entsteht
Zu den selbstverst¨andlichen Merkw¨
urdigkeiten f¨
ur Historiker geh¨
ort es, meist
¨
nur indirekt mit Neuem‘ konfrontiert zu werden. Denn die wichtigen Uberg¨
an’
ge, Passagen und Prozesse sind bereits vollzogen und Neues geschieht unter
historischer Sonne typischerweise – nicht. Diese zweifellos Beobachter-determinierte Falle‘, die sich hier – nicht nur – disziplinspezifisch auftut, wurde von gar
’
nicht so unbedeutenden Historikern gewissermaßen ideologisiert: zur histoire
immobile etwa, zur Strukturgeschichte oder zur historischen Anthropologie.
Neues wird aber auch unter dem Schlagwort der Innovationen‘ immer nur
’
ex post zum Gegenstand der sozial-, technologie- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschung. Und wie Neues entsteht“, ist auch in den Wissenschaften der
”
Wissenschaften unter der Leitperspektive von Strukturen vergangener wissen’
schaftlicher Revolutionen‘ abgehandelt worden. So enth¨
alt Thomas S. Kuhns
Sammlung von wissenschaftshistorischen Beispielen im wesentlichen die Siegesz¨
uge des einstig Neuen“, n¨amlich von Kopernikus, Newton, Lavoisier und
”
”
Einstein“.
Diese Beschr¨ankungen auf Bereiche diesseits des Neuen haben zu unterschiedlichen Ausweich- und Umgehungsstrategien gef¨
uhrt: Bei Historikern hat
das Fehlen des Neuen zwei verschiedene Hauptwege entstehen lassen. Auf der
einen Seite sehen wir die historistische Steigerung‘, das eigentlich‘ Gewesene
’
’
– entweder unter Ausl¨oschung“ des Selbst, der fr¨
uhe Wunsch des Leopold von
”
Ranke, oder unter Beteiligung“ des Selbst, die sp¨
atere Phase historistischer
”
Selbstreflexion – in den alleinigen Vordergrund zu stellen. Auf der anderen Seite entstand speziell in den letzten Jahrzehnten ein Interesse daran, was nicht
”
eigentlich gewesen“ – oder was der historistische Blick‘ aus den Augen verloren
’
beziehungsweise nie in das Blickfeld bekommen hat: Alltag, Frauen, außereurop¨
aische Kulturen.
Im Feld der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften herrschen haupts¨
achlich
kompensatorische Neigungen vor, die fehlende Faßbarkeit der Entstehung des
Neuen durch eine Rhetorik der neuen Einzigartigkeit‘ und einen Jargon der
’
’
permanenten Innovation‘ zu sublimieren. Und die wissenschaftswissenschaftliche Perspektive gen¨
ugt sich hinreichend selbst damit, die mannigfaltigen kognitiven wie nicht-kognitiven Netze‘, die den Wissenschaftsentwicklungen zu’
grunde liegen, auf immer andere und damit neue Weisen zu re-konfigurieren.
Man zeigt Design-Variationen – und rekonfiguriert Bekanntes.
¨
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5
Der Augenblick des Neuen, so sch¨on er auch sein mag, er findet normalwissenschaftlich derzeit kein Verweilrecht. Dabei l¨
aßt sich die Frage dieses Heftes,
wie Neues entsteht“, auf mehrfache Weisen beantworten. Eine der elementaren
”
Antworten lautet beispielsweise, daß die Buchstabenmenge eeeeehinnsstttuw
ausreicht, Wie Neues entsteht“ entstehen zu lassen. Aus 5×e, aus 3×t, aus
”
2×n, aus 2×s, aus 1×i, aus 1×h, aus 1×u sowie aus 1×w kann nach geeigneten
Kompositionen beziehungsweise Rekombinationen Wie Neues entsteht“ her”
vortreten. Eine ¨ahnliche Antwort k¨onnte darauf verweisen, daß Wie Neues
”
entsteht“ aus unterschiedlichen Punkten und nach so und so vielen Transformationen aus Weisse hueten nett“, aus Seestuten weihen“, aus Enten husten
”
”
”
weise“ oder aus weise Hustenenten“ hervorgegangen ist.
”
Erst gegen das Ende dieses Heftes zu werden sich einige Gr¨
unde versammelt finden, welche gerade solche scheinbar trivialen Scrabble-Transformatio’
nen‘, die mit den Fragen nach der Entstehung des Neuen u
¨berhaupt nicht zusammenh¨
angen, in den Mittelpunkt des Interesses r¨
ucken werden.
Der Weg bis zu diesem Schlußpunkt ist allerdings umfangreich geworden,
aber kognitiv u
¨beraus spannend zu verfolgen. Mit dem vorliegenden Heft ist es,
so hoffen wir, gelungen, die Frage nach der Entstehung des Neuen – und man
sollte hinzuf¨
ugen: vornehmlich das Neue innerhalb der Wissenschaft, nur am
Rande jenes der Technologie – auf so etwas wie eine Arbeitsbasis‘ zu stellen.
’
Die Artikel in diesem Heft vermitteln trotz der unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen eine Koh¨arenz, die angesichts der Schwierigkeiten und der
Gew¨
ohnungsbed¨
urftigkeit des Themas ungew¨
ohnlich ist – und erstaunt.
Albert M¨
uller beginnt mit einem Fallbeispiel, dem Biological Computer
Laboratory an der University of Illinois (1958–1976). Dort wurden unter der
¨
Agide
von Heinz von Foerster, dessen Anliegen es war, die Kybernetik im Laufe der Jahre von einer ersten‘ auf eine zweite‘ Stufe zu heben, zukunftsweisende
’
’
Ideen geboren, Programme formuliert und p¨
adagogisch neue Wege beschritten.
Obgleich diese Institution in den funding wars letztlich aufgerieben wurde, setzte nach seiner Schließung eine bemerkenswerte Welle der Diffundierung ein.
Grundgelegt wurde dies allerdings sowohl im kybernetischen Forschungsprogramm, das auf Interdisziplinarit¨at, auf eine coincidentia oppositorum‘ ziel’
te, als auch in der ungew¨ohnlichen Zusammensetzung des BCL, mit der diese
transdisziplin¨are“ Haltung umgesetzt werden konnte.
”
Ellen Jane und Rogers Hollingsworths bieten auf einer breiten empirischen
Grundlage eine Kontrast-Untersuchung von 28 Instituten, denen ein großer
”
Durchbruch“ in den bio-medizinischen Wissenschaften gelang, und hundert Instituten, deren Aktivit¨at und Ergebnisse man als normalwissenschaftlich‘ be’
zeichnen kann. Anhand der Merkmale Vielfalt, Tiefe, Differenzierung, hierarchische und b¨
urokratische Koordination, interdisziplin¨
are und integrierte Aktivit¨
aten, Leadership und Qualit¨at werden die organisatorischen Settings der
6
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Forschungslaboratorien untersucht. Die in solchen organisatorischen Settings
jeweils gef¨
orderte oder nicht gef¨orderte Hybridit¨
at“ oder Weite“ von kogni”
”
tiven Dom¨anen erweist sich zusammen mit organischen“ Institutsstrukturen,
”
mit einem hohen Grad an horizontaler Kommunikation“ oder mit klar vor”
gegebenen Institutszielen“ als Schl¨
usselfaktor f¨
ur die Wahrscheinlichkeit eines
”
großen Durchbruchs“ im Bereich der Biomedizin.
”
Jerry Hage untersucht die Voraussetzung zur Innovation in Unternehmen
und anderen Organisationen aus einer vergleichenden, transkulturellen Perspektive. Seine Formel der komplexen Arbeitsteilung“ erweist sich zun¨
achst
”
als das Ergebnis einer schwierigen Balance zwischen Differenzierung und Entdifferenzierung der T¨atigkeiten unterschiedlicher, in die Organisation involvierter
Akteure. Riskante Strategien“ und organische Organisationskulturen“ sind
”
”
zwei weitere Faktorengruppen, die Hage benennt. Am Beispiel von Forschungseinrichtungen wird nun gezeigt, daß diese in der Management-Forschung gewonnenen Kategorien sich generalisieren lassen.
Diese Analysen werden in der Arbeit von Karl H. M¨
uller versuchsweise synthetisiert, zusammengefaßt und erweitert. Unter dem Generaltitel Wie Neues
”
entsteht“ werden nach einer Reihe von begrifflichen Kl¨
arungen zum Status des
Neuen vier systematische Analysewege beschrieben, auf denen das Ph¨
anomen
des Neuen untersucht werden kann. Bemerkenswert an diesen vier Heuristiken d¨
urfte vor allem die Tatsache sein, daß in allen vier F¨
allen so etwas wie
ein einheitliches Erkl¨arungsmuster gefunden werden konnte, das zudem auf
sehr verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann. Sollten sich, was in diesem Artikel allerdings nicht mehr geschieht, mit diesen Heuristiken interessante
wissenschaftshistorische Fallstudien aufbereiten und durchf¨
uhren lassen, dann
h¨
atte die Frage, wie Neues entsteht, wiederum ihr wissenschaftliches Heim’
recht‘ gefunden.
Aber die Frage, wie Neues entsteht, besitzt eine logische Kehrseite, die da
lautet: Wie Neues nicht entsteht. Und wenn sich Faktorengruppen‘ f¨
ur die Ent’
stehung des Neuen finden lassen, dann sollte die Absenz solcher Faktoren auch
die erweiterte Reproduktion des Alten, des Bekannten wie auch die Verhinderung des Neuen miterkl¨aren helfen. Und in der Tat verdeutlicht die Arbeit von
Christian Fleck, daß mehrere gewichtige nicht gegebene Schl¨
usselfaktoren“ rei”
chen, um Neues nicht entstehen oder wenigstens zeitweilig nicht aufkommen zu
lassen. Ohne dem spannend erz¨ahlten Sitten- und Bildungsroman aus den f¨
unf¨
ziger und fr¨
uhen sechziger Jahren von Osterreich
II vorgreifen zu wollen, kann
einleitend eine systematische Zusammenfassung versucht werden. Eine f¨
ur die
osterreichische Landschaft der damaligen Jahre geplante Innovation‘, n¨
amlich
¨
’
die Gr¨
undung eines Instituts f¨
ur Advanced Studies“ im Bereich der Sozial”
und Wirtschaftswissenschaften, mißr¨at in den ersten Jahren, indem es an die
bestehende politische Kultur akribisch assimiliert und vorauseilend angepaßt
¨
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wird. Einige der notwendigen organisatorischen Schl¨
usselfaktoren f¨
ur innovatives wissenschaftliches Arbeiten, sie blieben in der schwierigen Gr¨
underzeit‘
’
des nachmaligen Instituts f¨
ur H¨
ohere Studien auf der politik-wissenschaftlichen
Strecke. Dazu z¨ahlt beispielsweise eine klare strategische Positionierung eines
solchen Instituts, dazu geh¨oren sehr hohe wissenschaftliche Standards in der
Personalrekrutierung, dazu reiht sich auch ein hinreichender Grad an Autono’
mie‘ vom politisch-wirtschaftlichen Umfeld. Alle diese Schl¨
usselfaktoren“ fehl”
ten – und die vorhandenen Schl¨
usselelemente f¨
ur Innovation wie beispielsweise
eine interdisziplin¨are Zusammensetzung oder ein starker sozialer wie kommunikativer Zusammenhalt erwiesen sich in dieser Phase als zu schwach, um diese
Kehrseiten kompensieren und aufwiegen zu k¨
onnen. Zwar konnte sich nach 1968
das Institut f¨
ur H¨
ohere Studien einen gewichtigen Platz innerhalb der ¨
osterrei¨
chischen Okonomie,
Politikwissenschaft oder Soziologie aufbauen, doch lastete
die Erbschaft dieser Fr¨
uhzeit“ an allen weiteren Umstrukturierungen.
”
Im Forum findet sich ein Beitrag von Ruth Beckermann, der sich mit den
¨
in Osterreich
diskutierten Pl¨anen eines Hauses der Geschichte beziehungsweise
eines Hauses der Toleranz befaßt und der gegen die gegenw¨
artige Tendenz zu
einer musealisierenden Zementierung bestehender reaktion¨
arer Geschichtsbilder
und Identit¨ats‘-Konzeptionen antritt. Am Beispiel dieser vor allem politischen
’
Diskussion l¨aßt sich abermals nachvollziehen, wie Neues nicht entsteht“ und
”
nicht entstehen kann. G¨otz Aly verdanken wir schließlich einen Survey in die
nun vom israelischen Staatsarchiv freigegebenen Aufzeichungen Adolf Eichmanns.
Albert M¨
uller und Karl H. M¨
uller, Wien
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Albert M¨
uller
Eine kurze Geschichte des BCL
Heinz von Foerster und das Biological Computer Laboratory
Heinz, womit m¨
ußte ein Historiker beginnen,
”
wenn er die Geschichte des BCL schreiben m¨
ochte “
Er m¨
ußte mit den Macy-Konferenzen beginnen“ 1
”
Bevor ich diesem durchaus begr¨
undeten Rat folge, m¨
ochte ich kurz darlegen,
was ich mir hier vorgenommen habe. Ich versuche den Ansatz einer Interpretation zu einem kleinen und – wie ich glaube – ungew¨
ohnlichen Kapitel der
Wissenschaftsgeschichte der sp¨aten 1950er bis Mitte der 1970er Jahre, dem
bisher nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Und ebenso motiviert mich der Umstand, daß das BCL in der Literatur zur
Geschichte der Kybernetik, der Systemtheorie, der nun wieder neu debattierten Bionik, des parallelen Rechnens, der Neurophysiologie, der Bio-Logik, der
k¨
unstlichen Intelligenz, des symbolischen Rechnens oder des Konstruktivismus
als Denktradition – man k¨onnte noch weitere Wissensgebiete von gegenw¨
artig
großem Renommee aufz¨ahlen – nur sehr selten erw¨
ahnt wird,2 obwohl Mitarbeiter dieser Einrichtung, des BCL, als maßgeblich f¨
ur die jeweilige Dom¨
ane
in der Literatur zu diesen Wissensgebieten erscheinen. Ist das eine spezielle
Vergeßlichkeit der history of science (die Vergeßlichkeit der science selbst ist
1 Aus einem Interview mit Heinz von Foerster. Ohne die jahrelange tatkr¨
aftige Unterst¨
utzung
durch Heinz von Foerster, der meine Fragen immer wieder geduldig beantwortete (hinfort zitiert als Interview HvF) und der mir sein Archiv (hinfort zitiert als HvF-Archiv) zug¨
anglich
machte, w¨
are diese Arbeit nicht m¨
oglich gewesen. Ich m¨
ochte mich hier herzlich daf¨
ur bedanken. Diese Arbeit w¨
are außerdem nicht m¨
oglich gewesen ohne die dauernde Zusammenarbeit
mit Karl H. M¨
uller, mit dem ich das Interesse am BCL und seinem Gr¨
under teile.
2 Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet hier Pierre Levy, Analyse de contenu des travaux
du Biological Computer Laboratory (B.C.L.), in: Ecole Polytechnique – CREA – Centre de
Recherche epistemologie et autonomie, Hg., Genealogies de l’auto-organisation, Paris 1985,
155–192; ders., Le theatre des operations. Au sujet des travaux du B.C.L., in: ebd., 193–224.
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ja weithin bekannt) 3 Ich bin nicht sicher. Und ich versuche einmal ein Beispiel aus einem speziellen Bereich zu geben. Jeder der sich nur ein bißchen
mit der Geschichte der Kybernetik besch¨
aftigt, st¨
oßt zuerst auf den Namen
4
ihres Begr¨
unders Norbert Wiener. Und zugleich mit dem Namen erf¨
ahrt er,
daß Wiener am MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Boston t¨
atig
war. Bald danach wird der oder die Interessierte auf den Namen W. Ross
Ashby stoßen, der ja immerhin der Verfasser eines der bedeutendsten Lehrund Grundlagenb¨
ucher der Kybernetik ist, bestens geschrieben, gerade heute
lesenswert.5 Der Interessierte wird bei dieser Gelegenheit lernen, daß es sich bei
Ashby um einen englischen Psychiater handelt. Er wird aber gew¨
ohnlich nicht
erfahren, daß Ashby eine lange Zeit bis 1972 eine Professur am BCL innehatte.
Solche Kleinigkeiten sind es unter anderem, die mich dazu bewegen, an einer
vorl¨
aufigen kleinen Geschichte des BCL zu arbeiten.6
BCL (Biological Computer Laboratory) ist der Name einer eigenst¨
andigen
Abteilung innerhalb des Departments of Electrical Engineering an der University of Illinois, die 1957/58 vom damaligen Professor for Electrical Engineering
Heinz von Foerster gegr¨
undet und im Zuge seiner Emeritierung geschlossen
wurde. Die Vermutung einer sehr engen Bindung des Schicksals“ dieser Insti”
tution an das Schicksal“ ihres Gr¨
unders und Leiters mag damit schon auf den
”
ersten Blick naheliegend erscheinen.7
Vorgeschichten
Zu jeder kurzen Geschichte kann man eine kurze Vorgeschichte erz¨
ahlen. Im
speziellen Fall des BCL wird sich diese Vorgeschichte auf biographische Um3 Um beim Beispiel zu bleiben: Schon rund zehn Jahre nach seiner Schließung erinnerte sich
– so berichtet Stefano Franchi – an der University of Illinois niemand mehr an das BCL.
Vgl. Stefano Franchi, G¨
uven G¨
uzeldere u. Eric Minch, Interview with Heinz von Foerster, in:
Stanford Humanities Review 4 (1995), H. 2, 288–307.
4 Vgl. nur Norbert Wiener, Kybernetik. Regelung und Nachrichten¨
ubertragung im Lebewesen und in der Maschine, D¨
usseldorf u. a. 1992. (urspr. 1948).
5 W. Ross Ashby, An Introduction to Cybernetics, New York 1956.
6 Ein kleiner Versuch, die Verh¨
altnisse ein wenig zurecht zu r¨
ucken, stammt von Francisco Varela. Vgl. Francisco Varela, Heinz von Foerster, the scientist, the man, in: Stanford
Humanities Review 4 (1995), H. 2., 285–288.
7 Eine Einf¨
uhrung in die Biographie Heinz von Foersters sowie eine Bibliographie seiner
Schriften bis 1997 findet sich in: Albert M¨
uller, Karl H. M¨
uller u. Friedrich Stadler, Hg.,
Konstruktivismus und Kognitionswissenschaft. Kulturelle Wurzeln und Ergebnisse. Heinz
¨
von Foerster gewidmet, Wien u. New York 1997. Einen Uberblick
u
¨ber die Arbeit von Foersters bieten: Heinz von Foerster, Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, Braunschweig, 1985; ders., Wissen und Gewissen. Versuch einer Br¨
ucke, Frankfurt
am Main 1992; ders., KybernEthik, Berlin 1993; außerdem ders., Observing Systems, Salinas
1981.
10
¨
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st¨
ande seines Gr¨
unders konzentrieren m¨
ussen. Heinz von Foerster hatte bald
nach seiner Ankunft in den USA 1949 eine Stelle an der University of Illinois
erhalten. Das war zun¨achst die Folge einer Kette von Zuf¨
allen, sodann die der
nachdr¨
ucklichen Unterst¨
utzung durch Warren McCulloch. Wenn man es genau
nimmt, war Foerster im Jahr 1949 kein Wissenschaftler im strengen‘ Sinn, we’
der nach den Regeln des mitteleurop¨aischen Wissenschaftssystems, noch nach
denen des Wissenschaftssystems der Vereinigten Staaten. Von Foerster war
Techniker und Erfinder. Vor 1945 hatte er im Bereich avancierter physikalischer
Grundlagenforschung in der NS-R¨
ustungsforschung gearbeitet.8 Er verf¨
ugte aus
verschiedenen Gr¨
unden u
aren akademischen Abschluß.9 Und er
¨ber keinen regul¨
hatte bis dahin nur eine geringe Anzahl von Publikationen. Einen Artikel aus
dem Bereich der Physik10 und ein schmales Buch, das nach landl¨
aufigen Begriffen dem Gebiet der Psychologie zugeordnet wurde.
Nach 1945 verdiente er die H¨alfte seines Gehalts als Techniker bei einem
Wiener Betrieb der Kommunikationstechnologie. Die andere H¨
alfte verdiente er
mit journalistischer Arbeit, die sowohl gesellschaftspolitische als auch wissenschaftsjounalistische Beitr¨age umfaßte, im Sender Rot-Weiß-Rot. Wissenschaft
war damals f¨
ur Foerster eher so etwas wie ein Hobby, denn selbst seine erste Buchpublikation Das Ged¨
achtnis entstand nebenher.11 Im Wien der Nachkriegsjahre fand diese Publikation – vor allem auch unter Psychologen12 – nur
geringen Anklang,13 obwohl die Ver¨offentlichung etwa bei Erwin Schr¨
odinger
auf Interesse stieß.14
Diese Untersuchung gelangte eher zuf¨
allig und u
¨ber private Netzwerke in
die H¨
ande Warren McCullochs, der sich vom quantenmechanischen Ansatz die8 Soweit heute abzusehen ist, produzierte Foerster weder direkt noch indirekt f¨
ur den Krieg
brauchbare‘ Forschungsergebnisse.
’
9 Heinz von Foerster studierte an der Technischen Hochschule Wien Technische Physik. Vor
dem Studienabschluß trat er eine Stelle in einer Firma f¨
ur physikalisch-technische Instrumente
an. 1944 reichte er an der Universit¨
at Breslau eine Dissertation ein und machte entsprechende
Pr¨
ufungen. Den f¨
ur die formelle Promotion notwendigen Ariernachweis‘ konnte er aber nicht
’
erbringen, sodaß seine Promovierung unterblieb.
¨
10 Heinz von Foerster, Uber das Leistungsproblem beim Klystron, in: Berichte der Lilienthal
Gesellschaft f¨
ur Luftfahrtforschung 155 (1943), 1–5. Daneben verfaßte er interne Forschungsberichte u
¨ber laufende Arbeiten, die unpubliziert blieben.
11 Heinz von Foerster, Das Ged¨
achtnis: Eine quantenmechanische Untersuchung, Wien 1948.
Erste Aufzeichnungen u
¨ ber Vorarbeiten finden sich in einem Manuskriptband aus dem Jahr
1945 (im HvF-Archiv).
12 Die Ged¨
achtnisforschung an der Universit¨
at Wien verfolgte g¨
anzlich andere Konzepte.
Vgl. z. B. Hubert Rohracher, Zur Physiologie des Ged¨
achtnisses, in: Anzeiger der phil.-hist.
¨
Klasse der Osterreichischen
Akademie der Wissenschaften, 1948, Nr. 3, 41–55; vgl. auch ders.,
Die Vorg¨
ange im Gehirn und das geistige Leben, 2. Aufl. Leipzig 1948.
13 Die Korrespondenz des Deuticke-Verlags mit dem Autor in den Jahren nach dem Erscheinen des Buches weist nur geringe Verkaufszahlen aus. (HvF-Archiv.)
14 Erwin Schr¨
odinger an Hans Deuticke, 16. Dezember 1948, Abschrift im HvF-Archiv.
¨
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11
ser Untersuchung eine L¨osung eigener Forschungsprobleme versprach, von denen Foerster zur Zeit der Abfassung von Das Ged¨
achtnis keine Kenntnis hatte.
McCulloch15 lud Foerster jedenfalls ein, seine Thesen zur Funktionalit¨
at des
Ged¨
achtnisses im Hinblick auf Erinnern und Vergessen auf einer Kybernetiktagung, der Macy-Conference, vorzutragen.16
Im Gegensatz zum BCL haben die Macy-Konferenzen durchaus einiges
wissenschaftshistorisches Interesse gefunden. Einen besonderen Hinweis verdient hier Steve Heims’ Buch u
¨ber die Cybernetics Group 1946–1953.17 Diese
Arbeit basiert zwar auf einer breiten Quellenkenntnis, sie leidet aber m¨
oglicherweise ein wenig unter einer ideologiekritischen“ Fixierung auf die USA im
”
Kalten Krieg. Die politische Entwicklung der Vereinigten Staaten wird manchmal allzusehr an die Aktivit¨aten der Forschergruppe gebunden.
Nach seinem ersten Vortrag vor der Macy-Konferenz 1949 wurde Heinz von
Foerster zum Herausgeber der Publikation der Konferenzakten bestimmt.18 In
sehr kurzer Zeit war er von der ¨außersten Peripherie (dem Nachkriegs-Wien)
ins Zentrum einer der bedeutendsten Wissenschafts-Bewegungen des 20. Jahrhunderts geraten.
Die Teilnehmer der Macy-Tagungen vertraten 1949 die Fachrichtungen
Psychiatrie, Elektrotechnik, Physiologie, Computerwissenschaft, Medizin, Zoologie, Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Anatomie, Neurologie, Verhaltensforschung, Mathematik, Radiobiologie, Biophysik, Philosophie. Bis 1953 erweitert
¨
sich diese Liste noch um Okonomie
und andere Disziplinen.19
15 Zu Warren McCulloch vgl. am besten die Collected Works of Warren S. McCulloch, hg.
v. Rook McCulloch, Salinas CA 1989, 4 Bde. mit zahlreichen kommentierenden Artikeln.
Leichter zug¨
anglich: ders., Embodiments of Mind, Cambridge MA 1965. F¨
ur den Kontext
vgl. Olaf Breidbach, Die Materialisierung des Ichs. Zur Geschichte der Hirnforschung im 19.
und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1997, 367 ff.
16 Heinz von Foerster, Quantum Mechanical Theory of Memory, in: Ders., Hg., Cybernetics.
Circular Causal, and Feedback Mechanisms in biological and social Systems. Transactions of
the Sixth Conference, New York 1949, 112–145.
17 Steve Joshua Heims, Constructing a social science for postwar America. The cybernetics
Group 1946–1953, Cambridge MA u. London 1991. Vgl. aber auch Jean-Pierre Dupuy, Aux
origines des science cognitives, Paris 1994, sowie einige Hinweise bei Francisco J. Varela,
Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik. Eine Skizze aktueller Perspektiven, Frankfurt
am Main 1990, 30 ff. Eine neue Interpretation findet sich bei N. Katherine Hayles, Boundary
Disputes. Homeostasis, Reflexivity, and the Foundations of Cybernetics, in: Configurations 2
(1994), 441–467.
18 Heinz von Foerster, Hg., Transactions of the sixth Conference, wie Anm. 16; ders., Margaret Mead u. Hans Lukas Teuber, Hg., Cybernetics: Transactions of the Seventh Conference,
New York 1950; dies., Hg., Cybernetics: Transactions of the Eighth Conference, New York
1951; dies., Hg., Cybernetics: Transactions of the Ninth Conference Foundation, New York
1953; Dies., Hg., Cybernetics: Transactions of the Tenth Conference, New York 1955. Die
¨
Ubertragung
der Herausgeberschaft an das zuletzt hinzugekommene Mitglied war nicht zuletzt die didaktische Absicht verbunden, dessen Englischkenntnisse zu verbessern.
19 Nach den Teilnehmerverzeichnissen der Transactions, wie Anm. 18.
12
¨
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Unter den Teilnehmern waren neben dem Vorsitzenden Warren McCulloch
unter anderem Norbert Wiener, John von Neumann, Gregory Bateson, Margareth Mead, Julian H. Bigelow, Paul Lazarsfeld, Walter Pitts und der Leiter
des Tagungsprogramms der Macy Foundation, Frank Fremont Smith.
Die Diskussionen dieser Gruppe kennzeichnete Heinz von Foerster als ko”
operativ, und nicht kompetitiv“ 20 . Die von ihm betreuten Publikationen versuchten diese Diskussionsstruktur auch in der gedruckten Form nachzuzeichnen. Die Vortr¨age werden durch Fragen, der Bitte nach Erl¨
auterungen, Einw¨
anden etc. unterbrochen, die Multiperspektivit¨
at auf ein Thema stand dabei
im Vordergrund. Dennoch ließ auch dieser kooperative Diskussionsmodus heftige Einw¨
ande zu. Als ein Beispiel kann die Auseinandersetzung zwischen Ross
Ashby, der seinen Hom¨oostaten pr¨asentierte, und Julian Bigelow, der die N¨
utzlichkeit dieser Konstruktion vehement bestritt, dienen.21
F¨
ur den nunmehrigen Professor f¨
ur Electrical Engineering in Urbana, Illinois, bedeutete die Mitwirkung an den regelm¨
aßigen j¨
ahrlichen Tagungen so
etwas wie ein intellektuelles Zentrum. Und nach dem Ende der Macy-Group
(1953) versuchte er gewissermaßen ihr Erbe“ weiterzuf¨
uhren. Als Physiker in
”
Urbana konnte Heinz von Foerster jedoch zun¨
achst an seine fr¨
uheren Arbeiten
anschließen: er leitete das Electron Tube Lab.
Die Gr¨
undung des BCL
Eine der vielversprechenden Optionen der Kybernetik schien f¨
ur Foerster offenkundig in der Auslotung ihrer Anwendungsgebiete und -m¨
oglichkeiten zu
liegen. Diese Anwendungsm¨oglichkeiten ergaben sich allerdings zun¨
achst nicht
aus den bisherigen Forschungen Foersters als Physiker und Elektrotechniker.
Er nutzte die M¨oglichkeit eines Sabbaticals und die Unterst¨
utzung der Guggenheim Foundation, um sich in zus¨atzlichen Bereichen weiterzubilden. Zum
einen Teil besch¨aftigte er sich am MIT bei Warren McCulloch mit Problemen
der Neurophysiologie, zum andern Teil ging er nach Mexiko, um bei Arturo
Rosenblueth, einem bedeutenden Mitglied der Macy-Group, zu Problemen der
Physiologie und Biologie zu arbeiten. W¨
ahrend dieses Aufenthalts verfaßte er
unter anderem ein – dann unver¨offentlicht gebliebenes – Manuskript, dessen
Inhalt die Kybernetik der Muskelaktivit¨at betraf.22
Mit dieser Schulung“ bei Rosenblueth und McCulloch erschien Foerster
”
20 Interview HvF.
21 Vgl. W. Ross Ashby, Homeostasis, in: Foerster u. a., Transactions of the ninth conference,
wie Anm. 18, 73–108, bes. 95: Bigelow: It (Ashby’s Hom¨
oostat) may be a beautiful replica
”
of something, but heaven only knows what.“
22 Manuskript im HvF-Archiv mit dem Titel Phenomenology of External and Internal Work
”
in the Active Whole Muscle“, datiert Mai 1957.
¨
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13
ausreichend legitimiert, um von seiner Universit¨
at die M¨
oglichkeit zu erhalten,
das BCL, soweit ich sehe: ganz nach seinen eigenen Vorstellungen, zu er¨
offnen
und zu betreiben. Das Labor wurde mit 1. J¨
anner 1958 er¨
offnet. Ein v¨
ollig
neuer Forschungszweig wurde damit innerhalb der Universit¨
at und innerhalb
des Departments of Electrical Engineering konstituiert. Die Leitung des Electron Tube Lab, das vor allem auch aufgrund der zunehmenden Bedeutung des
Transistors an Relevanz verlor, hatte Foerster aufgegeben.
Abbildung 1: Heinz von Foerster im BCL, ca. 1960
(Quelle: HvF-Archiv)
Das BCL war in seinem ersten Jahrzehnt vor allem ein Forschungslabor.
Mit der Arbeit dort war (fast) keine Lehrt¨
atigkeit verbunden. Studenten, die
am BCL arbeiteten, wurden aus Forschungsprojekten bezahlt und nicht formell
– im Sinne eines Studienganges oder Curriculums – dort ausgebildet.
Die Finanzierung des BCL erfolgte vor allem u
¨ber Drittmittel. Von medizinischen und anderen Programmen abgesehen waren US-Airforce und US-Navy
die Hauptfinanciers des Labors. (Vgl. Tabelle 2 im Anhang.) Beide milit¨
arischen Organisationen verf¨
ugten in den 50er und 60er Jahren u
¨ber erstaunliche
Etats f¨
ur (nicht-milit¨arische) Grundlagenforschung. Erst seit Beginn der 1970er
Jahre sollte sich dies ¨andern.
14
¨
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Anfangsjahre
Versucht man die Anfangsjahre des BCL zu rekonstruieren, so gelangt man zu
folgenden bemerkenswerten Ergebnissen: Offensichtlich gelang es Foerster sehr
rasch, interessante Forscher an das BCL zu bringen. Einige dieser Personen entstammten dem kybernetischen Establishment“ – Ross Ashby wurde ja schon
”
erw¨
ahnt –, sodann wurden aber auch Vertreter ferner“ Disziplinen, der Phi”
losoph Gotthart G¨
unther ist daf¨
ur ein Beispiel, gewonnen. Dazu kamen immer
wieder junge Wissenschaftler aus allen m¨oglichen Bereichen. Und schließlich lud
das BCL G¨
aste ein: solche Einladungen waren wohl nur zum Teil strategisch“,
”
zum Teil eher zuf¨allig oder u
¨ber die bereits bestehenden Netzwerke – nicht zuletzt der Macy-Group – vermittelt. So gelangte etwa Gotthart G¨
unther durch
die Vermittlung Warren McCullochs an das BCL.23 In den ersten Jahren des
Labors, bis 1965, waren insgesamt folgende Personen als Visiting Research Professors eingeladen: Gordon Pask (England), Lars L¨
ofgren (Schweden), W. Ross
Ashby (England), Gotthard G¨
unther (USA, Deutschland), William Ainsworth
(England), Alex Andrew (England), Dan Cohen (Israel). Ashby (seit 1961) und
G¨
unther (seit 1967) erhielten dauernde Professuren, Pask24 , mit dem Foerster
auch gemeinsam publizierte25 , und L¨ofgren blieben in permanentem Kontakt
mit dem BCL.
Selbstorganisierende Systeme und Bionik
Auf der Grundlage dieser Struktur gelang es, am BCL nach nur sehr kurzer
Anlaufzeit eines der damals konjunkturtr¨
achtigsten Themen zu bearbeiten und
auch organisatorisch gewissermaßen zu besetzen. Mehrere wichtige Konferenzen kamen im unmittelbaren Umfeld des BCL zustande. Thematisch kreisten
sie um Probleme der Systemtheorie und speziell um den Bereich selbstorganisierender Systeme.26 Noch heute sind die Konferenzb¨
ande wie Self-Organizing
23 Vgl. Heinz von Foerster, Metaphysics of an experimental Epistemologist, in: Roberto
Moreno-D az u. Jose Mira-Mira, Hg., Brain Process, Theories, and Models. An International
Conference in Honor of W. S. McCulloch 25 Years after his Death, Cambridge u. London
1995, 3–10.
24 Zur Zusammenarbeit von Pask und Foerster vgl. auch Heinz von Foerster, On Gordon
Pask, in: Systems Research 10 (1993), Nr. 3, 35–42.
25 Gordon Pask u. Heinz von Foerster, A Predictive Model for Self-Organizing Systems, in:
Cybernetica 3 (1960), 258–300; dies., A Predictive Model for Self-Organizing Systems, in:
Cybernetica 4 (1961), 20–55.
26 Vgl. allgemein Rainer Paslack, Urgeschichte der Selbstorganisation. Zur Arch¨
aologie eines
wissenschaftlichen Paradigmas, Braunschweig 1991.
¨
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15
Systems27 oder Principles of Self-Organization28 grundlegend f¨
ur diesen Forschungsbereich. Diese und anschließende Konferenzen, an denen Mitglieder
des BCL beteiligt waren, erregten rasch internationales Aufsehen und zogen
klar nachvollziehbare Diffundierungseffekte in europ¨
aischen L¨
andern bis hin
zur UdSSR nach sich. Die Theorie selbstorganisierender Systeme kontrastierte und erweiterte die Tradition der Systemtheorie,29 die in die 1920er Jahre
zur¨
uckreicht, und dehnte vor allem ihre Anwendungsbereiche ganz massiv aus.
Heinz von Foersters Beitr¨age dazu bestehen vor allem im Konzept des order
from noise sowie in der Analyse der selbstorgansierenden Systeme im Rahmen
der Thermodynamik.30
Neben Systemtheorie und Selbstorganisation war es vor allem das Schlagwort der Bionik,31 das der Forschergruppe am BCL Aufsehen verschaffte. Bionik diente als weitgespanntes catchword, unter dem die Versuche zusammengefaßt wurden, biologische Prozesse zu analysieren, zu formalisieren und auf
Rechnern zu implementieren.32 Damit schloß das BCL sowohl an die Ideen von
McCulloch und Pitts33 als auch an die Tradition der Macy-Tagungen an. Auch
zum Bereich der Bionik wurden Kongresse und Tagungen durchgef¨
uhrt, die international weithin diffundierten. Mit der Bionik wurde u
¨brigens auch eine Alternative zur 1956 formulierten Artificial Intelligence‘ 34 geschaffen, auch wenn
’
heute klar erscheint, daß sich die Artificial Intelligence in the long run auf dem
Markt der wissenschaftlichen Forschungsprogramme als erfolgreicher erwies.
Die raschen Erfolge des BCL trugen dazu bei, daß dem Labor milit¨
arische
F¨
orderungsmittel erschlossen wurden, obwohl das BCL zu keinem Zeitpunkt
milit¨
arisch verwendbare“ bzw. verwertbare“ Produkte lieferte. Neben Grund”
”
lagenforschung wurde am BCL aber auch anwendungsorientierte Forschung
27 Marshall C. Yovits u. Scott Cameron, Hg., Self-Organizing Systems, New York 1960.
28 Heinz von Foerster u. George W. Zopf Jr., Hg., Principles of Self-Organization: The Illinois
Symposium on Theory and Technology of Self- Organizing Systems, New York 1962.
29 Vgl. z. B. Ludwig von Bertalanffy, General System Theory. Foundations, Development,
Applications, revised edition, New York 1969.
30 Vgl. Heinz von Foerster, On Self-Organizing Systems and Their Environments, in: Yovits
u. Cameron, Hg., Self-Organizing Systems, wie Anm. 27, 31–50.
31 Vgl. das Vorwort zu einer der initialen Konferenzen auf diesem Gebiet: Heinz von Foerster,
Bionics, in: Bionics Symposium. Living Prototypes – the Key to new Technology, Technical
Report 60-600, Wright Air Development Division Ohio 1960, 1–4; sowie ders., Bio-Logic, in:
Eugene E. Bernard u. Morley A. Kare, Hg., Biological Prototypes and Synthetic Systems, Bd.
¨
1, New York 1962, 1–12. F¨
ur eine Art lexikalische Ubersicht
vgl. ders., Bionics, in: McGrawHill Yearbook Science and Technology (1963), 148-151.
32 Heinz von Foerster, Some Aspects in the Design of Biological Computers, in: Second
International Congress on Cybernetics, Namur 1960, 241–255.
33 Vgl. den bahnbrechenden Artikel: Warren S. McCulloch u. Walter H. Pitts, A Logical
Calculus of the Ideas Immanent in Nervous Activity, in: Bulletin of Mathematical Biophysics
5 (1943), 115–133.
34 Als Erfinder diese Begriffs gilt bekanntlich John McCarthy.
16
¨
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Abbildung 2: Heinz von Foerster erl¨
autert ein McCulloch-Pitts-Netzwerk, vor 1960
(Quelle: HvF-Archiv)
betrieben. Dazu z¨ahlt etwa ein interdisziplin¨
ares Projekt zur Leukozytenforschung35 oder eine Serie von demographischen Arbeiten, die sich mit der Prognose des Umfangs der Weltbev¨olkerung besch¨
aftigten. Das sogenannte Doomsday-Projekt36 erzeugte nicht zuletzt deshalb große Publizit¨
at u
¨ber die Fachgrenzen hinaus, weil es bis in die 1980er Jahre bessere“ Vorhersagen als die
”
traditionelle Demographie lieferte.37
¨
Uber
beide Projekte – und weitere – k¨
onnte man sagen (und es wurde
gesagt), ihnen l¨agen die unorthodoxen, schr¨
agen“ Ideen Heinz von Foersters
”
zugrunde. Diese etwas saloppe Formulierung, die lediglich die strategische An35 George Brecher, Heinz von Foerster u. Eugene P. Cronkite, Produktion, Ausreifung und
Lebensdauer der Leukozyten, in: Herbert Braunsteiner, Hg., Physiologie und Physiopathologie der weißen Blutzellen, Stuttgart 1959, 188–214; dies., Production, Differentiation and
Lifespan of Leucocytes, in: Herbert Braunsteiner, Hg., The Physiology and Pathology of
Leucocytes, New York 1962, 170–195.
36 Vgl. Heinz von Foerster, Patricia M. Mora u. Lawrence W. Amiot, Doomsday, in: Science
133 (1961), 936–946; dies., Population Density and Growth, in: ebd., 1931–1937. Vgl. auch
allgemein: Heinz von Foerster, Some Remarks on Changing Populations, in: Frederick Stohlman Jr., Hg., The Kinetics of Cellular Proliferation, New York 1959, 382–407.
37 Vgl. dazu auch Stuart A. Umpleby, The Scientific Revolution in Demography, in: Population and Environment. A Journal of Interdisciplinary Studies 11 (1990), 159–174.
¨
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wendung von Forschungsstrategien auf unerwartete‘, u
¨berraschende‘ Berei’
’
che etikettieren soll, in die Terminologie der Innovationsforschung38 gebracht,
l¨
aßt vielf¨
altige Operationen der Re-Kombination als zentrales Element wissenschaftlicher Kreativit¨at am BCL erscheinen. Nicht zuf¨
allig tauchte die Idee der
Foerster-Operatoren‘ in diesem Zusammenhang auf.39
’
Abweichung als Innovation
Abweichende“ Hypothesen und Forschungsprogramme wurden f¨
ur den BCL”
Stil, beziehungsweise f¨
ur den Forschungsstil seiner Protagonisten zunehmend
kennzeichnend. Der Abschied vom Mainstream der Forschung war zwar offensichtlich nicht das intendierte Ziel, aber doch wenigstens das offensichtliche
Ergebnis der nun anschließenden Phase der Geschichte des Labors, deren Beginn wir in die Mitte der 1960er Jahre datieren k¨
onnen. Damals besuchte Heinz
von Foerster den chilenischen Wissenschaftler Humberto Maturana, den er auf
einer Konferenz in Europa kennengelernt hatte, in seinem Labor in Santiago und lud ihn in der Folge an das BCL ein. Maturana hatte bereits USAErfahrung, einige Zeit hatte er am MIT gearbeitet und dort aufgrund seiner
eigensinnigen“ Ansichten zun¨achst keine große Akzeptanz gefunden. Zum La”
bor von Marvin Minsky, dem sp¨ateren Mastermind“ der Artificial Intelligence”
Forschung40 hatte er damals – 1959 – schon ein schwieriges Verh¨
altnis gehabt.
Humberto Maturana kam also an das BCL und erarbeitete dort unter anderem
einen wichtigen Artikel auf dem Weg zu seiner – heute weltweit bekannten –
Theorie der Autopoiesis.41 Aber auch die erste Ausformulierung der nun auf
den Begriff gebrachten Theorie der Autopoiesis erschien zuerst als interne Publikation des BCL.42 Sch¨
uler und Mitarbeiter Maturanas entwickelten ebenfalls
38 Vgl. dazu nur Karl H. M¨
uller, Sozialwissenschaftliche Kreativit¨
at in der Ersten und in
¨
der Zweiten Republik, in: OZG
7 (1996), 9–43, bzw. ders. in diesem Heft.
39 Vgl. Heinz von Foerster, Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen. Eine
Selbsterschaffung in 7 Tagen, hg. v. Albert M¨
uller u. Karl H. M¨
uller, Wien 1997, 213 ff.
40 Vgl. Marvin Minsky, Mentopolis, Stuttgart 1990. Maturana hat auf sehr interessante
Weise auf die Unterschiede zwischen der A.I.-Forschung und seinem eigenen Ansatz bzw. auch
dem des BCL aufmerksam gemacht: Die Artificial-Intelligence-Forscher ahmten biologische
”
Ph¨
anomene nach. Wenn man biologische Ph¨
anomene nachahmt und dabei nicht zwischen dem
Ph¨
anomen und seiner Beschreibung unterscheidet, dann ahmt man am Ende die Beschreibung
des Ph¨
anomens nach.“ Volker Riegas u. Christian Vetter, Gespr¨
ach mit Humberto Maturana,
in: Dies., Hg., Zur Biologie der Kognition, Frankfurt am Main 1990, 45.
41 Humberto Maturana, Biology of Cognition, Biological Computer Laboratory, Urbana Illinois 1970, (BCL Report 9.0). Ders., u. Francisco Varela, Autopoietic Systems: A Characterization of the Living Organization. With an Introduction of Stafford Beer, Urbana Illinois
1975, (BCL Report 9.4).
42 Zur Genese des Begriffs Autopoiesis vgl. auch Humberto Maturana, The Origin of the
18
¨
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Beziehungen zum BCL, und zentrale erste Publikationen – zum Beipiel jene von
Francisco Varela wurden als BCL-Reports herausgegeben. Jene Kontakte, die
zu englischsprachigen Publikationen f¨
uhrten, wurden im BCL hergestellt.
Wahrscheinlich war es die Herausforderung durch den Impuls der chilenischen Gruppe, die es Heinz von Foerster erm¨
oglichte, die Entwicklung seiner
radikalen Version einer Kybernetik zweiter Ordnung (second order cybernetics)
voranzutreiben.43 Dies soll nicht heißen, daß sich Foersters Konzepte aus denen
Maturanas ableiten ließen, oder umgekehrt. Die Parallelen und die wechselseitige Stimulierung wurde auf einer Konferenz zu Cognitive Studies and Artificial
Intelligence Research 1969 sichtbar. Foersters Beitrag kann als direkte Antwort
auf jenen von Maturana gelesen werden – und vice versa.44 Die haupts¨
achliche
Parallele zwischen Forster und Maturana scheint in der selbst-thematisierenden
Wende zu bestehen, die in den 60er und fr¨
uhen 1970er Jahren gegen den wissenschaftlichen Mainstream gerichtet war. Dazu z¨
ahlen vor allem zwei Leitmotive‘,
’
das der Schließung“ und das des Beobachters“.
”
”
Gegen Ende der 60er Jahre l¨aßt sich auch eine dezidierte Hinwendung
zum Problem Sprache, wenngleich nicht zu einem linguistic turn im gewohnten
Wortsinn, feststellen. Sowohl Linguistics‘ als auch Speech‘ wurden zu wich’
’
tigen Forschungsbereichen unter insgesamt f¨
unf thematischen Schwerpunkten.
Eine Tabelle aus dem Jahr 1969 stellt die Struktur der BCL-Forschung dar
(vgl. Tabelle 1). Die generellen Themen gliedern sich in die Bereiche Logik,
Linguistik, Struktur und Funktion von Systemen, Sprechen (bzw. gesprochene
Sprache) und Physiologie.
Abweichung und Innovation, die Wende zum Sozialen
In der Sp¨
atphase des BCL wurde versucht, f¨
ur bereits erzielte Einsichten sowie
f¨
ur geplante Weiterentwicklungen Anwendungsbereiche im Sozialen zu finden.
Besonders bemerkenswert erscheint mir eine Kette von Projekten, in denen der
gesellschaftliche Nutzen in den Vordergrund gestellt wurde. Vorhandene Elemente wie erkenntnis- und informationstheoretische Arbeiten, die Modellierung
des Sensoriums, Arbeiten zur Datenstruktur und allgemeine Fragen der Proble-
Theory of Autopoietic Systems, in: Hans Rudi Fischer, Hg., Autopoiesis. Eine Theorie im
Brennpunkt der Kritik, Heidelberg 1991, 121–124.
¨
43 Vgl. zur Einf¨
uhrung und Ubersicht:
Heinz von Foerster, Hg., Cybernetics of Cybernetics
or the Control of Control and the Communication of Communication, 2. Aufl., Minneapolis
1995.
44 Vgl. Humberto Maturana, Neurophysiology of Cognition, in: Paul L. Garvin, Hg., Cognition: A multiple view, New York u. Washington 1970, 3–23, sowie Heinz von Foerster,
Thoughts and Notes on Cognition, in: Ebd., 25–48.
¨
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19
Tabelle 1: Forschungsstruktur am BCL, 1969
Foundations
Logic
Theory
Computation Equipment
Experiments
Automata
Theory
Complex
Systems
Analysis
Automata
Theory
Computational
Networks
Teaching
Machines
Teaching
Machines
Neurons
and Nets
Teaching
Machines
Information
Transducers
Speech Event
Sequences
Speech
Analysis
Speech Event
Sequences
Speech
Analysis
Speech Event
Sequences
Speech
Analysis
Response
Distortion
of a Network
Response
Response
Distortion
Distortion
of a Network of a Network
Adaptive
Sampling
of Speech
Adaptive
Sampling
of Speech
Adaptive
Sampling
of Speech
Speech
Synthesis
Speech
Synthesis
Speech
Synthesis
Natural Number
in Trans-Classic
Systems
Linguistics Computers and
Language,
Linguistics,
Grammar
Structure
and
Function
of
Systems
Complex Dynamic Systems
SelfReproduction
Computational Neurons
Networks
and Nets
Cognition and
Perception
Speech
Physiology
Tectal Organization of
Ambystoma
Tigrinum
Tectal Organization of
Ambystoma
Tigrinum
Display of
Neurophysiological Data
Display of
Display of
Display of
Neurophysio- Neurophysio- Neurophysiological Data logical Data logical Data
Endocrine
Modelling
20
Endocrine
Modelling
¨
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me der damaligen Gesellschaft sollten gewissermaßen in eins‘ gesetzt werden,
’
um allgemeinen – und vor allem: zivilen – Nutzen zu erzeugen.
Die Anwendung im sozialen Bereich war mir schon sehr fr¨
uh als ein
”
schmackhaftes Problem erschienen. Das Sozial-Problem haben ich, oder meine
Freunde immer gesehen als die M¨oglichkeit einer sprachlichen Verbindung. Wir
haben die Sprache aufgefaßt als den Klebstoff, der eine Gesellschaft formt. (...)
Sprache erlaubt eine Kommunikation zweiter Ordnung (...) Einer der besten in
unserer Gruppe, der u
¨ber Sprache reflektieren konnte, war Paul Weston.“ 45
Unter dem Titel Direct Access Intelligence Systems“ 46 sollte eine Art in”
”
telligenter“ Datenbank entstehen, deren Hauptkennzeichen nicht-numerischer
Inhalt, natural language interface, vernetzte, dezentrale Wissensbasen h¨
atten
sein sollen. Wir dachten, man muß das Interface so bauen, daß ich bleiben
”
kann, wie ich eben bin, und das System so bleiben kann, wie es eben l¨
auft“ 47
Im Kontext der Entwicklung dieser Projekte wurde die interdisziplin¨
are
Basis noch einmal verbreitert und unter Einbeziehung zum Beispiel von P¨
adagogen eine Arbeitsgruppe f¨
ur Cognitive Studies gegr¨
undet.
Neben den beiden Projektantr¨agen Foersters von 1970 und 1971 formulierte auch der BCL-Mitarbeiter Paul Weston einen Antrag, der sich vor allem mit Datenstrukturen – Information Designs w¨
urde man heute sagen –
48
besch¨
aftigte. Liest man diese zukunftsweisenden Antr¨
age heute rund 30 Jahre sp¨
ater, f¨
uhlt man sich an avancierte – nicht-kommerzielle – Perspektiven des
Internet“ erinnert.
”
Die Annahme dieser Projekte bestand darin, es g¨
abe ein Defizit einzelner
Gesellschaftsmitglieder an den Wissensbest¨
anden des Kollektivs. Die Projekte
sahen Terminals in den Lebensbereichen der Benutzer vor. Das System SOLON
sollte mit nat¨
urlicher Sprache kontaktiert werden. Der Benutzer erhielte entweder die n¨otige Antwort oder eine R¨
uckfrage, die zum Auffinden einer L¨
osung
beitragen sollte. Die Frage w¨
urde selbst zum Teil der Datenbasis.
Im Anschluß an ein solches Projekt stellt sich nicht nur f¨
ur die damals ablehnend reagierenden Gutachter, sondern auch heute noch die Frage nach den
M¨
oglichkeiten einer Realisierung eines solchen Systems: Dieses Problem ist ja
”
immer noch nicht gel¨ost. Wie siehst Du Deine Chancen, retrospektiv, dieses
45 Interview HvF, 26.11.1999.
46 Heinz von Foerster, Proposal for a basic research program entitled: Toward direct access
intelligence systems, Urbana, 1 August 1970; ders., Proposal for a basic research program
entitled: Toward direct access intelligence systems, Urbana, 1 June 1971.
47 Interview, 26.11.1999.
48 Paul Weston, Proposal. Beyond numerical Computers: Technology for Information Processing in higher order Representations, Urbana 1 June 1972. (Als nicht genannter Koautor
fungierte Heinz von Foerster.)
¨
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21
Problem gel¨ost zu haben “ Absolut gut. Wenn wir weiter daran h¨
atten arbei”
ten k¨
onnen, h¨atten wir faszinierende Sachen auf den Tisch legen k¨
onnen.“ 49
Die ablehnenden anonymen Gutachten, die die Forschergruppe erhielt,
werfen zugleich ein interessantes Licht auf das Prek¨
are multidisziplin¨
arer Forschung, das im Kern in der Ablehnung – oder wenigstens der Reserviertheit –
von seiten der Einzeldisziplinen besteht.
So meinte etwa ein Gutachter, der sich als deeply involved in the phy”
siological basis of perception and the mechanisms of attention and decision
making,“ zu erkennen gab: I cannot escape the conclusion that cognition la”
boratories equipped with the machines proposed Dr. von Foerster cannot cope
effectively with even the known range of states and transitions in human perception and corgnition.“ Ein (offenkundiger) Computerexperte machte dagegen
den Vorschlag der Verwendung einer anderen Programmiersprache. Ein (vermutlicher) Sozialwissenschaftler bezweifelte den gesellschaftlichen Nutzen eines
Projektes, das sich vor allem auch mit Kognition besch¨
aftigen wollte. Und ein
Gutachter, der in mehreren Details Vertrautheit mit den Projekten Terry Winograds und Seymour Paperts und damit – im Jahr 1972 – eine gewisse N¨
ahe
zum MIT erkennen l¨aßt, weist das Projekt ganz fundamental zur¨
uck: I find
”
the proposal incredible, so incredible that I hardly know how to describe my
reaction.“ 50
Publikationen
Die Liste wissenschaftlicher Einzelleistungen muß hier aber jedenfalls unvollst¨
andig und kursorisch bleiben. F¨
ur das Labor als ganzes k¨
onnen einige Publikations-Indikatoren herangezogen werden. Die Publikationen des BCL sind
ja gut dokumentiert und u
¨ber eine Mikrofiche-Edition auch in Europa nach51
lesbar.
Machen wir also zwischendurch ein wenig Statistik. Die offizielle Liste der
Publikationen aus dem BCL bezieht sich auf knapp u
¨ber hundert Autorinnen
und Autoren. In die Liste aufgenommen wurden offenbar alle dem BCL zuzurechnenden Arbeiten: B¨
ucher, Artikel und ungedruckte Forschungsberichte
der Professoren, Mitarbeiter/innen, Student/inn/en und G¨
aste. Die Zahl der
Arbeiten pro Autor/in variierte stark. Der geringste Wert liegt bei eins. Dabei handelt es sich meist um die Abschlußarbeit eines Studenten oder einer
Studentin. An der Spitze liegt – nicht ganz u
¨berraschend – Heinz von Foerster
49 Interview HvF.
50 Diese Ausz¨
uge aus anonymisierten Gutachten befinden sich im HvF-Archiv.
51 Kenneth L. Wilson, The Collected Works of the Biological Computer Laboratory. Department of Electrical Engineering, University of Illinois, Peoria 1976.
22
¨
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selbst mit knapp u
¨ber hundert Publikationen aus dem Zeitraum 1957–1976. Der
Durchschnittswert der Zahl der Publikationen pro Autor/in liegt bei sechs. (F¨
ur
diese Berechnung wurden u
brigens
Publikationen
mit
mehreren
Autoren
jedem
¨
Autor zugerechnet).
Die thematische Bandbreite dieser Publikationen ist erstaunlich, sie umfaßt
naturwissenschaftliche Disziplinen wie Mathematik, Physik, Medizin, Biologie, Bio-Chemie, technische Disziplinen wie die Computerwissenschaften, aber
auch Philosophie, Logik, Sprachwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Politikwissenschaften, P¨adagogik und Sozialwissenschaften. Dazu kamen
beispielsweise noch Anthropologie – Heinz von Foerster war zeitweilig auch
Pr¨
asident der Wenner-Gren Foundation – oder Musikwissenschaften, Kompositionslehre52 und Tanz. Aber ich z¨ahle gewiß nicht alles auf.
Die Publikationen spiegeln also eine faszinierende Praxis transdisziplin¨
arer
Arbeit, die tats¨achlich sehr stark an die der Macy-Konferenzen erinnert. Betrachtet man die Laborentwicklung im Zeitverlauf, so l¨
aßt sich feststellen, daß
die Transdisziplinarit¨at ansteigt, oder anders formuliert: daß der – so kann man
es nennen – disziplin¨are Disparit¨atskoeffizient ansteigt. Hinter dieser Entwicklung stand offensichtlich mehrerlei:
– ein tiefes Mißtrauen gegen¨
uber den M¨
oglichkeiten und Probleml¨
osungskompetenzen von Einzeldisziplinen,
– das Bed¨
urfnis, Einsichten der Kybernetik (speziell dann auch der Kybernetik
zweiter Ordnung) in die Einzeldisziplinen hineinzutragen,
– die M¨
oglichkeiten der Einzeldisziplinen zu nutzen, um die Kybernetik selbst
weiterzuentwickeln.
Derart radikal auf Transdisziplinarit¨
at – wie dies am BCL geschah – zu
setzen, er¨
offnet nicht nur Innovationschancen, sondern birgt auch Risiken, wenigstens unter den Bedingungen des modernen Wissenschaftssystems. Erst seit
den 1990er Jahren setzte eine wirklich massive Diskussion u
¨ber Disziplingren53
zen wieder ein. Zu diesen Risiken geh¨ort unter anderem, die eigene Identit¨
at
preiszugeben und damit die Zuschreibung von Kernkompetenzen zu verringern.
Der gesch¨atzte Anteil von Publikationen, die sich auf brauchbare“ oder
”
unmittelbar verwertbare“ Forschungsergebnisse bezogen, lag in den ersten
”
Jahren des Labors h¨oher als in den letzten. So wurden Arbeiten u
¨ber Zellvermehrung in der Medizin gebraucht“, der praktische Nutzen st¨
arker allgemein
”
an Erkenntnistheorie interessierter Artikel war dagegen weniger einsichtig. Und
genau dieses Interesse an allgemeiner Erkenntnistheorie trat im Werk Heinz von
Foersters – wohl nicht zuletzt aufgrund der atypischen“ Situation am BCL –
”
52 Vgl. z. B. Heinz von Foerster u. James W. Beauchamp, Hg., Music by Computers, New
York u.a. 1969.
53 Vgl. z. B. Peter Galison u. David J. Stump, Hg., The Disunity of Science. Boundaries,
Contexts, and Power, Stanford 1996.
¨
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23
zugleich mit dem Interesse an der L¨osung sozialer Probleme st¨
arker in den Vordergrund. Wenn man wollte, k¨onnte man diese Entwicklung auch gleichsam aus
der Logik des Werks zu begr¨
unden versuchen. Einer Umwelt allerdings, die Ingenieursgeist, praktische und vor allem kommerzialisierbare wissenschaftliche
Arbeit h¨
oher bewertete als vieles andere, fehlte f¨
ur diese Entwicklung offenkundig daf¨
ur das n¨otige Verst¨andnis. Zwar wurden am BCL hochinteressante
Arbeiten u
¨ber Rechnen im semantischen Bereich erarbeitet,54 eine technischindustrielle Realisierung in Hard- und Software blieb – von Prototypen abgesehen – aber aus.
Prototypen
Solche Prototypen, die im Laufe der Zeit am BCL entstanden, waren zum
Beispiel Artificial Neurons, Numarete, das social interaction experiment, der
Dynamic Signal Analyzer, die 1965 beschrieben wurden.55 1966 wurde der Visual Image Processor, dargestellt,56 1967 werden dann ein Speech Decoder und
ein Real Time Speech Processor erw¨ahnt.57 Was am BCL der 1960er Jahre also gebaut wurde, k¨onnte man mit dem Begriff Perzeptions-Maschinen‘ oder
’
Wahrnehmungs-Maschinen‘ grob umreißen.
’
Am interessantesten erscheint dabei die Numarete. Eine erste Publikation
dazu erschien im Jahr 1962, nachdem 1960 auf einer Konferenz dar¨
uber berichtet worden war.58 Die Numarete, die in verschiedenen Versionen dokumentierbar ist, konnte die Zahl von Gegenst¨anden, die ihr gezeigt“ wurden, erkennen
”
und basierte auf einer Simulation eines Netzwerks von Pitts-McCulloch-Zellen,
die durch eine spezielle Anordnung und Verschaltung von Photozellen mit flipflops, elektronischen Elementen, die zwei Zust¨
ande (ein oder aus oder 0 und
1) annehmen konnten. Mit der Numarete wurde ein Rechner gebaut, der nicht
der (reduktionistischen) Von-Neumann-Architektur entsprach, sondern gewissermaßen quer‘ zu dieser lag: er beruhte auf den parallelen Operationen seiner
’
Bausteine.
54 Heinz von Foerster, Computing in the Semantic Domain, in: Annals of the New York
Academy of Science 184 (1971) 239–241.
55 Heinz von Foerster, Proposal for a study entitled Theory and Application of Computational Principles in Biological Systems, Urbana 1965.
56 Heinz von Foerster, Proposal for a study entitled Theory and Application of Computational Principles in Complex, Intelligent Systems, Urbana 1966.
57 Heinz von Foerster, Proposal for a study entitled Toward the mechanization of cognitive
Processes, Urbana 1967.
58 Heinz von Foerster, Circuitry of Clues of Platonic Ideation, in: C. A. Muses, Hg., Aspects
of the Theory of Artificial Intelligence. The Proceedings of the First International Symposium
on Biosimulation Locarno 1960, New York 1962, 43–82.
24
¨
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Konflikte
Seit dem Ende der 1960er Jahre kam es zu Konflikten zwischen dem BCL und
der Universit¨atsverwaltung. Mitarbeiter des BCL waren wie Heinz von Foerster selbst in den allgemeinen Lehrbetrieb eingebunden worden und arbeiteten
an f¨
ur die gegebenen Verh¨altnisse reichlich unorthodoxen partizipatorischen
Lehr-Projekten, die allerdings ganz dem Klima der Studentenrevolte entsprachen. Auf Wunsch der Studierenden wurde ein Kurs in Heuristics angeboten.59
Eines der Ziele dieses Kurses war, die Studierenden nicht nur Anteil nehmen zu
lassen, sondern sie auch ihrer Eigenverantwortung bewußt zu machen und den
Kurs mit einem Produkt“, an dem sich alle beteiligen konnten, abzuschließen.
”
Dieses Produkt war eine gemeinsame Publikation, die den Titel Whole University Catalogue trug.60 Gegen diese Publikation wurde der Vorwurf erhoben,
sie enthielte auch Obsz¨onit¨aten und behandele Drogenkonsum.61 Proteste von
Elternvertretern f¨
uhrten letztlich dazu, daß Foerster sich bei einer Anh¨
orung
rechtfertigen mußte. Trotz dieser Widerst¨
ande wurde die im Heuristics-Kurs
entwickelten Prinzipien in der Lehre beibehalten.
Nach einem ¨ahnlichen partizipatorischen Modell verlief auch der Kurs Cybernetics of Cybernetics (1973/74), dessen Publikation als ein immer noch g¨
ultiges Kompendium des Feldes angesehen werden kann, vor allem auch weil es
neben dem Reprint maßgeblicher Artikel dauerhafte Definitionsarbeit enthielt.
Das verst¨
arkte Engagement in der Lehre f¨
uhrte somit im Verbund mit innovativen p¨
adagogischen Ans¨atzen aber auch dazu, die Arbeit des BCL zu res¨
umieren
und gewissermaßen auf den Begriff zu bringen.62
Eine exzellente Gruppenkultur – und eine prek¨are Kommunikationsstruktur
Mehrfach wurde die Gruppenkultur am BCL als – nicht nur – f¨
ur die Zeit
ungew¨
ohnlich liberal, ungew¨ohnlich offen, ungew¨
ohnlich heterarchisch‘ darge’
stellt – in Verbindung mit der schon angesprochenen inter-/transdisziplin¨
aren
Weite‘. Mehrfach wurde gerade auch der Leiter des Labs als Initiator dieser
’
Struktur dargestellt. Zugleich scheint es so gewesen zu sein, daß nicht alle Mit59 Vgl. Heinz von Foerster u. Herbert Brun, Heuristics. A Report on a Course in Knowledge
Acquisition, Urbana 3 October 1970.
60 Das Vorbild war der Whole Earth Catalogue, f¨
ur den Foerster Texte verfaßte.
61 Die Publikation von 1969 enthielt das Ergebnis einer Umfrage unter den Teilnehmer/inne/n, die sich auf ihre Kompetenzen, ihre wissenschaftlichen und auch privaten Interessen
bezog. Unter den 114 Befragten fanden sich auch vereinzelt Angaben wie dope, LSD, sex
aber auch politics, beat the system und Vietnam oder finding Nirvana. Dies alles kann gewiß
als typischer Ausdruck der damaligen Jugendkultur angesehen werden.
62 Vgl. Foerster, Cybernetics of Cybernetics, wie Anm. 43.
¨
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glieder des BCL die durch diese Struktur gegebenen M¨
oglichkeiten genutzt
haben. Heinz was the crossing point of all these studies going on in the BCL“,
”
meint Humberto Maturana, der sich als Gast und Lehrender am BCL aufhielt, I don’t remember, that there has been something that one would call a
”
BCL-meeting‘ (...) Heinz met these groups working under his inspiration and
’
protection, he would speak to all of them (...) He had the ability to understand
(them all). But it was not the case that everybody there was able to understand
everybody there. So he was the center of the BCL.“ 63 Diese gewissermaßen un’
ausgewogene‘ Kommunikationsstruktur wird auch durch andere Quellen belegt
und l¨
aßt sich durch eine Analyse der Zitationen best¨
atigen.
Das Ende der finanziellen Basis
Das BCL konnte sich aber seine Abweichungen und Extravaganzen leisten, da es
seine Mittel fast zur G¨anze von außen bezog, vor allem auch – wie schon erw¨
ahnt
– von milit¨arischen Organisationen. Genau diese relative Unabh¨
angigkeit von
lokalen universit¨aren Strukturen und die Abh¨
angigkeit von einer u
¨berregionalen
Forschungsf¨orderungsstruktur, die u
¨ber ein Jahrzehnt, Grundlagenforschung
am BCL großz¨
ugig gef¨ordert hatte, sollten aber zum Untergang, zur Schließung
des BCL f¨
uhren. Denn seit 1969/1970 wurden die Forschungsf¨
orderungsmodalit¨
aten durch das sogenannte Mansfield-Amendment nachhaltig ver¨
andert.64
Eine neue Bestimmung verlangte nun, daß milit¨
arische Forschungsgelder auf
Projekte beschr¨ankt werden sollten, die tats¨
achlich kriegstaugliche‘ Ergebnis’
se produzierten. Derartige Projekte wurden am BCL nicht betrieben.
Verschiedene Versuche Foersters, die nun ausbleibenden Mittel zu substituieren und weiterhin Geld f¨
ur die Grundlagenforschung des BCL zu erhalten,
scheiterten mehr oder minder dramatisch. Auch Projekte, die anwendungszentrierte Forschung vorschlugen, wurden abgelehnt. Das letzte Projekt des BCL,
Cybernetics of Cybernetics, unterst¨
utzt von der POINT-Foundation, bildete
zugleich einen gelungenen Versuch der Kodifizierung‘ der am Lab erarbeiteten
’
Epistemologie und schrieb eine konzeptuelle Wende fest: die first order cybernetics, die sich mit beobachteten Systemen“ besch¨
aftigten, sollten um die se”
cond order cybernetics, die sich mit beobachtenden Systemen“ besch¨
aftigten,
”
63 Interview Humberto Maturana, 8.5.1998.
64 Den Hinweis auf das Mansfield-Amendment verdanke ich Stuart A. Umplebie, der am
BCL studierte (Interview, 9.7.1998). Zu den Auswirkungen des Mansfield-Amendment auf
die Forschungslandschaft der USA vgl. allgemein Bruce Spear, Die Forschungsuniversit¨
at, der
freie Markt und die Entdemokratisierung der h¨
oheren Bildung in den USA, in: PROKLA.
Zeitschrift f¨
ur kritische Sozialwissenschaft 104 (1996). Eine eher Sieger-orientierte“ Darstel”
lung – naturgem¨
aß‘ unter Ausklammerung der BCL-Gruppe – findet sich bei: Commission
’
on Physical Sciences, Mathematics, and Applications, Funding a Revolution. Government
Support for Computing Research, Washington 1999.
26
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erg¨
anzt und erweitert werden. Damit wurde der Basis-Idee der Macy-Tagungen,
der zirkul¨
aren Kausalit¨at, eine neue Dimension hinzugewonnen.
Mitte Juni 1974 ersuchte Heinz von Foerster in Anbetracht der hoffnungslos erscheinenden finanziellen Situation des BCL um seine Emeritierung an.
Bevor das BCL geschlossen wurde, wurden seine Materialien archiviert, die
vorhandenen Instrumente anderen Laboratorien zur Verf¨
ugung gestellt. Nach
zwei weiteren Jahren war das Laboratorium, auch was die noch zu promovierenden Dissertanten anlangte, sozusagen abgewickelt‘. Das Ehepaar Foerster
”
u
aude ab¨bersiedelte von Illinois nach Kalifornien. Heute ist das Institutsgeb¨
gerissen.
In den letzten Jahren vor der Schließung des BCL gelang es Heinz von Foerster abermals in mehreren bedeutsamen Schritten, f¨
ur seine und die Arbeit des
BCL neue Kontexte sowie neue Teil-Res¨
umees zu entwickeln. Besonders hervorzuheben ist dabei zum Beispiel der Anschluß“ an die Arbeit Jean Piagets65 ,
”
ein großes Res¨
umee kybernetischer Erkenntnistheorie66 oder eine zeitgem¨
aße
67
Reformulierung des bionischen Forschungsprogramms.
Auf meine Frage nach den ungel¨osten Problemen gab mir Heinz von Foerster eine f¨
ur ihn sehr bezeichnende Antwort: die ungel¨
osten Probleme best¨
unden
vor allem darin, keine Theorie der Unl¨osbarkeit von Problemen abschließend
formuliert zu haben.
Ein neuer Anfang und die Transponierung der BCL-Forschung
Mit seiner Emeritierung begann Heinz von Foerster eine neue Karriere, die es
erm¨
oglichte, die Rezeption seiner Ideen – und damit der des BCL – in g¨
anzlich neue Wege zu leiten. Durch die Vermittlung von Gregory Bateson, der
mit seiner Ver¨offentlichung von 1972 Steps to an Ecology of Mind ein breites
Publikum gewonnen hatte,68 geriet er in den Umkreis des Mental Research
Institute in Palo Alto,69 an dem er nun regelm¨
aßig Vortr¨
age zu halten be65 Vgl. Heinz von Foerster, Objects: Tokens for (Eigen-)Behaviors, in: ASC Cybernetics
Forum 8 (1976), 91–96, bzw. ders., Formalisation de Certains Aspects de l’Equilibration de
Structures Cognitives, in: B. Inhelder, R. Garcias u. J. Voneche, Hg., Epistemologie Genetique
et Equilibration, Neuchatel 1977, 76–89.
66 Heinz von Foerster, Kybernetik einer Erkenntnistheorie, in: W. D. Keidel, W. Handler u.
M. Spring, Hg., Kybernetik und Bionik, M¨
unchen 1974, 27–46.
67 Heinz von Foerster, Notes on an Epistemology for Living Things, BCL Report. No. 9.3,
Urbana 1972; ders., Notes pour une epistemologie des objets vivants, in: Edgar Morin u.
Massimo Piateli-Palmerini, Hg., L’unite de l’homme, Paris 1974, 401–417.
68 Vgl. Gregory Bateson, Steps to an Ecology of Mind. Collected Essays in Anthropology,
Psychiatry, Evolution, and Epistemology, San Francisco 1972.
69 Vgl. dazu Edmond Marc u. Dominique Picard, Bateson, Watzlawick und die Schule von
Palo Alto, Frankfurt am Main 1991.
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gann. Ideen, die im Kontext des BCL entwickelt worden waren und die von
den unmittelbaren Peers nicht akzeptiert worden waren, zirkulierten nun unter
Familientherapeuten, sp¨ater unter Management- und Organsiationsberatern.70
Handelte es sich dabei gewissermaßen um Anwendungsf¨
alle‘ der Epistemologie
’
des BCL, so gewann seit Mitte der 1980er Jahre die sich weiter entwickelnde
Foerstersche Epistemologie als solche zunehmend Bedeutung. Der Bielefelder
Soziologe Niklas Luhmann r¨
uckte eine Reihe von Foersterschen Konzepten ins
Zentrum seiner Theorie sozialer Systeme, darunter Foersters Theorien des Beobachters, der Selbstreferentialit¨at und der Selbstorganisation.71 Damit wurde
im deutschsprachigen Raum eine breite neue Rezeption eingeleitet, die allerdings weit u
¨ber die fachlichen Grenzen sozialwissenschaftlicher Systemtheorie
hinaus f¨
uhrte. Dazu wurde ein ¨alterer Text Heinz von Foersters von sich entwickelnden Gruppen des Konstruktivismus als Basistext“ angesehen.72
”
Das Ende des Biological Computer Laboratory war zweifellos prek¨
ar und
f¨
ur seinen Gr¨
under sowie seine Mitarbeiter eine Entt¨
auschung. Neben den f¨
ur
sein Ende angef¨
uhrten Gr¨
unden wird auch zu u
¨berlegen sein, ob nicht Gerschenkrons Theorie der komparativen Vorteile relativer R¨
uckst¨
andigkeit eine
komplement¨are Theorie der komparativen Nachteile relativer Fortschrittlichkeit gegen¨
ubergestellt werden sollte, f¨
ur die die Geschichte des BCL einen herausragenden Anwendungsfall bilden k¨onnte.
Tabelle 2: Sponsoren des BCL (1958–1974)73
1. Toward the Realization of Biological Computers. Contract NONR 1834(21), ONR Project
No. NR 049-123; Sponsored by Information Systems Branch, Mathematical Science Division,
Office of Naval Research. Period: 1 January 1958 to 31 July 1961. Principal Investigator: H.
Von Foerster.
2. Mechanisms of White Cell Production and Turnover. United States Public Health Grant
CA-04044; Sponsored by Department of Health, Education and Welfare, Public Health Service, National Institutes of Health. Period: 1 July 1958 to 21 October 1963. Principal Investigator: H. Von Foerster.
3. Analysis Principles in the Mammalian Auditory System. Contract No. AF 33 (616)6428, Project No. 60(8-7232), Task No. 71782; Sponsored by Aeronautical Systems Division,
Wright-Patterson Air Force Base, Ohio. Period: 1 May 1959 to 30 September 1961. Principal
Investigator: H. Von Foerster.
70 Vgl. Heinz von Foerster, Principles of Self-Organization in a Socio-Managerial Context,
in: Hans Ulrich u. Gilbert Probst, Hg., Self-Organization and Management of Social Systems,
Berlin 1984, 2–24.
71 Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am
Main 1984.
72 Vgl. Heinz von Foerster, On Constructing a Reality, in: Wolfgang F. E. Preiser, Hg.,
Environmental Design Research, Vol. 2, Stroudberg 1973, 35–46.
73 Quelle: Publications by of the members of the Biological Computer Laboratory. B.C.L.
Report No. 74.1, Champaign-Urbana 1975, 3–6.
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4. Theory and Circuitry of Property Detector Nets and Fields. NSF Grant 17414; Sponsored
by the National Science Foundation, Washington, D.C. Period: 27 March 1961 to 30 June
1962. Principal Investigator: H. Von Foerster.
5. Theory and Circuitry of Property Detector Nets and Fields. NSF Grant 25148; Sponsored
by the National Science Foundation, Washington, D.C. Period: 1 July 1962 to 31 December
1963. Principal Investigator: H. Von Foerster.
6. Theory and Circuitry of Systems with Mind-Like Behavior. AF-OSR Grant 7-63; Sponsored
by Air Force Office of Scientific Research, United States Air Force, Washington, D.C. Period:
1 October 1962 to 31 October 1964. Principal Investigator: H. Von Foerster.
7. Semantic and Syntactic Properties of Many Valued Systems of Logic. AF-OSR Grant 8-63;
Sponsored by Air Force Office of Scientific Research, United States Air Force, Washington,
D.C. Period: 2 October 1962 to 31 March 1964. Principal Investigator: Gotthard G¨
unther.
8. Principles of Information Transfer in Living Systems. United States Public Health Grant
GM-10718; Sponsored by Department of Health, Education and Welfare, Public Health Service, National Institutes of Health. Period: 1 May 1963 to 30 April 1966, Principal Investigator: H. Von Foerster; Co-investigator: W. R. Ashby.
9. Information Processing Capabilities of the University of Illinois Dynamic Signal Analyzer.
Contract No. AF 33(657)-10659; sponsored by Aerospace Medical Research Laboratory, Air
Force Systems Command, United States Air Force, Wright-Patterson Air Force Base, Ohio.
Period: 1 February 1963 to 31 January 1964. Principal Investigator: M. L. Babcock.
10. Theory and Circuitry of Systems with Mind-Like Behavior. AF-OSR Grant 7-64; Sponsored by- Air Force Office of Scientific Research, United States Air Force, Washington, D.C.
Period: 1 November 1964 to 31 October 1965. Principal Investigator: H. Von Foerster.
11. Semantic and Syntactic Properties of Many-Valued and Morphogrammatic Systems of
Logic. AF-OSR Grant 480-64; Sponsored by Air Force Office of Scientific Research, United
States Air Force, Washington, D.C, Period: 1. October 1963 to 30 September 1967, Principal
Investigator: G. G¨
unther.
12. Information Processing Capabilities of the University of Illinois Dynamic Signal Analyzer.
Contract No. AF 33 (615)-2573; Sponsored by Aerospace Medical Research Laboratory, Air
Force Systems Command, United States Ait Force, Wright-Patterson Air Force Base, Ohio.
Period: 1 February 1965 to 31 January 1966. Principal Investigator: M. L. Babcock.
13. Cybernetics in Anthropology. Grant No. 1720; Sponsored by the Wenner-Gren Foundation
for Anthropological Research, New York, New York. Period: 1 February 1965 to 30 September
1966. Principal Investigator: H. Von Foerster.
14. Integration of Theory and Experiment Into a Unified Concept of Visual Perception, AF
49(638)-1680: Sponsored by The Air Force Office of Scientific Research, United States Air
Force, Washington, D.C. Period: 1 March 1966 to 30 April 1969. Principal Investigator: H.
Von Foerster.
15. Theory and Application of Computational Principles in Intelligent, Complex Systems.
AF-OSR Grants 7-66 and 7-67; Sponsored by the Air Force Oftice of Scientific Research,
United States Air Force, Washington, D.C. Period: 1 November 1965 to 31 October 1967.
Principal Investigator: H. Von Foerster.
16. Cybernetics Research. Contract AF 33(615)-j890; Sponsored by Air Force Systems Engineering Group, Air Force Systems Command, United States Air Force, Wright-Patterson
Air Force Base, Ohio, Period: 1 April 1966 to 31 March 1969. Principal Investigator: H. Von
Foerster.
17. Information, Communication, Multi-Valued Logic and Meaning, AF-OSR 68-1391; Sponsored by Air Force Office of Scientific Research, United States Air Force, Washington, D.C.
Period: 1 October 1967 to 30 September 1969. Principal Investigator: H. Von Foerster.
18. Study Toward the Mechanization of Cognitive Processes, NASA NGR 14-005-111; Sponsored by the National Aeronautics and Space Administration, Electronics Research Center,
¨
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Boston, Massachusetts. Period: 1 October 1967 to 30 September 1968. Principal Investigator:
M. L. Babcock and H. Von Foerster.
19. Theory and Application of Computational Principles in Complex, Intelligent Systems. AFOSR Grant 7-67; Sponsored by the Air Force Office for Scientific Research, United States Air
Force, Washington, D.C. Period: 1 September 1967 to 31 August 1969. Principal Investigator:
H. Von Foerster.
20. Application of Cognitive Systems Theory to Man-Machine Systems. AF-OSR 70-1865.
Sponsored by the Air Force Office of Scientific Research, United States Air Force, Washington,
D.C. Period: 1 October 1969 to 31 September 1970. Principal Investigator: H. Von Foerster,
21. Notation of Movement. Grant DA-ARO-D-31-124-G998; Sponsored by the United States
Army Research Office, Durham, North Carolina, Period: 1 March 1968 to 31 August 1969.
Principal Investigator: H. Von Foerster.
22. Cognitive Memory, A Computer Oriented Epistemological Aproach to Information Storage and Retrieval. Grant OEC-1-7-071213-4557; Sponsored by the office of Education, Bureau
of Research, Washington, D.C. Period: 1 September 1967 to 31 August 1970. Principal Investigators: R. T. Chien and H. Von Foerster.
23. A Mathematical System for Decision Making Machines. AF-OSR 68-1391; Sponsored by
the Air Force Office of Scientific Research, United States Air Force, Washington, D.C. Period:
1 October 1969 to 30 September 1970. Principal Investigator: G. G¨
unther.
24. Toward Direct Access Intelligence Systems. AF-OSR Grant 70-1865; Sponsored by The
Air Force Office of Scientific Research, United States Air Force, Washington, D.C. Period: 1
October 1970 to 30 September 1972. Principal Investigator: H. Von Foerster.
25. Cybernetics of cybernetics. Grant Cybernetics of Cybernetics“; Sponsored by POINT,
”
San Francisco, California. Period: 1 September 1973 to 31 August 1974. Principal Investigator: H. Von Foerster.
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J. Rogers Hollingsworth/Ellen Jane Hollingsworth
Radikale Innovationen und Forschungsorganisation:
Eine Ann¨aherung
Wenn Watson und Crick die Struktur der DNA
nicht entschl¨
usselt h¨
atten, dann h¨
atte es innerhalb der n¨
achsten zwei, drei Jahre jemand anders
getan ... Aber wenn Kafka nicht den Prozeß‘ ge’
schrieben h¨
atte, dann w¨
are dieser Roman bis in
alle Ewigkeit ungeschrieben geblieben.
Harry Mulisch, Die Prozedur
Dieser Text1 widmet sich zentral der Frage nach den strukturellen und kulturellen Eigenschaften von Forschungsorganisationen, welche die großen Durch’
br¨
uche‘ und radikalen Entdeckungen‘ im Feld der biomedizinischen Wissen’
schaften beeinflußten.2 Im speziellen widmet sich diese Arbeit den charakteristischen Merkmalen jener Forschungsorganisationen, welche im Lauf der Jahre
∗
Eine erweiterte Fassung dieses Artikels mit einer ausf¨
uhrlichen weiteren Fallstudie, n¨
amlich
zum California Institute of Technology‘, ist: J. Rogers Hollingsworth u. Ellen Jane Hollings’
worth, The Structure of Research Organizations and Radical Innovation in Science, unver¨
off.
Typoskipt, Madison 1999. Eine leicht ver¨
anderte englische Version erscheint unter dem Titel J. Rogers Hollingsworth u. Ellen Jane Hollingsworth, Major Discoveries and Biomedical
Research Organizations. Perspectives on Interdisciplinarity, Nurturing Leadership, and Integrated Structures and Cultures, in: Peter Weingart u. Nico Stehr, Hg., Practising Interdisciplinarity, Toronto 2000. Der vorliegende Artikel wurde von Karl H. M¨
uller u
¨bersetzt.
1 Unser Dank gilt Ragnar Bjork, Jerald Hage, Nico Stehr, Peter Weingart, Gerald Edelman und Julie Klein f¨
ur ihr Engagement und ihre Diskussionsbereitschaft. Den ArchivMitarbeitern im Karolinska-Institut sowie im California Institute of Technology‘ geb¨
uhrt un’
ser Dank f¨
ur ihre wertvolle und sachliche Hilfe. Und schließlich m¨
ochten wir noch der Rocke’
feller Foundation‘, der Sloan-Foundation‘, der Andrew W. Mellon Foundation‘ und dem
’
’
Schwedischen Forschungsf¨
orderungsfonds f¨
ur ihre großz¨
ugige Unterst¨
utzung unseren Dank
abstatten. Als Monographien zur Entwicklung in der Biomedizin speziell in den USA vgl.
u. a. Lily E. Kay, The Molecular Vision of Life. Caltech, the Rockefeller Foundation and the
Rise of the New Biology, New York 1993; Robert E. Kohler, The Lords of the Fly. Drosophila
Genetics and the experimental Life, Chicago 1994 oder John W. Servos, Physical Chemistry
from Oswald to Pauling. The Making of Science in America, Princeton 1990.
¨
2 Anm. des Ubersetzers:
Aus Gr¨
unden der terminologischen Variation werden die Ausdr¨
ucke
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und Jahrzehnte immer wieder mit wissenschaftlichen Revolutionen‘ hervor’
getreten sind. Obschon der Schwerpunkt der empirischen Resultate auf den
Vereinigten Staaten liegt, gibt es immer wieder Bez¨
uge zu verschiedenen anderen nationalen Forschungssettings. Der vorliegende Artikel bildet einen Teil
einer gr¨
oßeren Studie, die sich den strukturellen und kulturellen Charakteristika
von biomedizinischen Forschungsorganisationen in vier L¨
andern (Deutschland,
Frankreich, Großbritannien, Vereinigte Staaten) widmet. Besonderes Augenmerk gilt dabei einer zentralen Frage: Warum unterscheiden sich Forschungsorganisationen in ihren F¨ahigkeiten oder Potentialen, neue kognitive Durchbr¨
uche
innerhalb der Biomedizin zu erzielen Immer wieder wird man n¨
amlich mit
dem Ph¨
anomen konfrontiert, daß eine Forschungsorganisation zu einer weltweit
f¨
uhrenden Position aufsteigt und dann, wegen ihrer organisatorischen Tr¨
agheit
und wegen fehlender Anpassungen an neue Herausforderungen, diese F¨
uhrungsposition wieder verliert.
Es sind, und damit kommen wir zur Kernaussage dieses Artikels, spezielle
strukturelle und organisatorische Arrangements, welche sich als notwendig erweisen, wenn Wissenschaftler tats¨achlich einen Paradigmenwechsel‘ innerhalb
’
ihrer jeweiligen Disziplinen erreichen wollen. Es wird zum vorrangigen Ziel unserer Arbeiten, jene Schl¨
usselfaktoren f¨
ur Wissenschaftsinnovationen aus dem
Bereich der Forschungsorganisation zu identifizieren. Die Grundfragen f¨
ur diese
Art der Forschung besitzen ihren Ursprung in der wissenschaftssoziologischen
Diskussion um den Einfluß von strukturellen und kulturellen Faktoren f¨
ur radikale Innovationen. So gibt es mittlerweile eine un¨
uberschaubare und ¨
außerst
anregende Literatur innerhalb der Wissenschaftsgeschichte und der Wissenschaftssoziologie des zwanzigsten Jahrhunderts zu zwei großen Themenkomplexen: Einmal zum Themenfeld der Performanz‘ innerhalb des Wissenschafts’
betriebs mit Problemstellungen wie wissenschaftliche Entdeckungen‘, kreative
’
Prozesse innerhalb der Wissenschaften und ganz allgemein zur wissenschaftli’
chen Produktivit¨at‘.3 Der zweite Themenkomplex geh¨
ort den organisatorischen
Kontexten, den Strukturen, Strategien und den Kulturen‘, innerhalb derer die
’
große‘, nachhaltige‘, radikale‘ Durchbr¨
uche ( Entdeckungen‘, Erfindungen‘, Paradigmen’
’
’
’
’
’
wechsel‘) als jeweils ¨
aquivalent genommen.
3 Vgl. dazu u
¨berblicksartig: Joseph Ben-David, The Scientist’s Role in Society. A Comparative Study, Englewood Cliffs, NJ 1971; ders., Centers of Learning. Britain, France, Germany,
United States, New York 1977; ders. u. Randall Collins, Social Factors in the Origin of a
New Science, in: American Sociological Review 31 (1966), 451–465, P. D. Allison u. J. Scott
Long, Departmental Effects on Scientific Productivity, in: American Sociological Review 55
(1990), 469–478; Karin Knorr, The Manufacture of Knowledge. An Essay in the Constructivist and Contextual Nature of Science, Oxford 1981; Garland E. Allen, Opposition to the
Mendelian-Chromosome Theory. The Physiological and Developmental Genetics of Richard
Goldschmidt, in: Journal of the History of Biology 7 (1978), 55–87; ders., Thomas Hunt
Morgan, The Man and His Science, Princeton 1978; Donald C. Pelz, Frank M. Andrews,
Scientists in Organizations. Productive Climates for Research and Development, New York
32
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Wissenschaften operieren. F¨
ur uns stellt sich der Prozeß der wissenschaftlichen
Forschung als eine Verbindung von lokalen, kollektiven und globalen Elementen dar.4 In den letzten Jahren hat sich in den Arbeiten der Wissenschaftsforschung eine zunehmende Schwerpunktverlagerung auf die Bedeutsamkeit
des Forschungslabors als konkretem Ort großer Entdeckungen und Umst¨
urze
vollzogen.5 Diese und mehrere andere Arbeiten haben die Aufmerksamkeit auf
die Wichtigkeit des impliziten Wissens‘ gelenkt und dar¨
uber hinaus gezeigt,
’
daß sich wissenschaftliches Wissen als hochgradig differenziert, als ungleich
verteilt und als stark in lokalen Kontexten eingebettet erweist.6 Der vorliegende Artikel geht u
uht dazu Ele¨ber die bestehende Diskussion hinaus und bem¨
mente aus der Theorie komplexer Organisationen‘, aus den Analysen lokaler‘
’
’
Forschungspraktiken und aus der Konzeption impliziten Wissens‘. Zu diesem
’
Zweck wird zun¨achst eine Reihe von Variablen zur Forschungseinheit insgesamt und f¨
ur den Bereich von Labors bzw. Abteilungen spezifiziert. In einem
zweiten Schritt werden Fallstudien vorgenommen, um die Beziehungsmuster
zwischen diesen Variablen f¨
ur das Schwerpunktthema radikale Innovationen
”
im biomedizinischen Komplex“ zu untersuchen.
Grundbegriffe, Daten, Methoden
Begrifflich werden große Durchbr¨
uche als jene Entdeckungen oder Prozesse definiert, die – in der Regel durch eine Kaskade an zahlreichen kleinen Fortschrit’
ten‘ vor- und aufbereitet – ein besonders gewichtiges Problem gel¨
ost haben
und die ihrerseits to a number of smaller advances, based on the newly disco”
vered principle“ f¨
uhren.7 Im Lauf der Wissenschaftsgeschichte manifestierten
sich solche großen Durchbr¨
uche‘ als radikale neue Leitidee, beispielsweise die
’
1966; Harriet Zuckerman, Scientific Elite. Nobel Laureates in the United States, New York
u. London 1977.
4 Vgl. dazu nur Steven Shapin, Here and Everywhere. Sociology of Scientific Knowledge,
in: Annual Review of Sociology 21 (1995), 289–321; Michael Lynch, Art and Artifact in
Laboratory Science. A Study of Shop Work and Shop Talk in a Research Laboratory, London
1985; ders., Scientific Practice and Ordinary Action: Ethnomethodology and Social Studies
of Science, Cambridge 1993.
5 Vgl. als wichtige Referenzpunkte nur Joan H. Fujimura, The Molecular Biology Bandwagon
in Cancer Research: Where Social Worlds Meet, in: Social Problems 35 (1987), 261–283;
Bruno Latour u. Steven Woolgar, Laboratory Life. The Construction of Scientific Facts,
Princeton 1979 sowie Shapin, Here, wie Anm. 4.
6 So unter anderem P. Dasgupta u. Paul A. David, Toward a New Economics of Science (MERIT Research Paper), Maastricht 1993, 94–103, Maastricht 1993; Lynch, Art, wie Anm. 4,
sowie ders., Practice, wie Anm. 4.
7 So Joseph Ben-David, Scientific Productivity and Academic Organization in Nineteenth
Century Medicine, in: American Sociological Review 25 (1960), 828–843, hier 828. Zu diesem
Punkt vgl. weiterhin Robert Merton, Singletons and Multiples in Scientific Discovery, in:
¨
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33
Konzeption von Tr¨agern der Erbanlagen, als die Entwicklung einer neuen Methodologie wie das genetische Mapping‘, als ein neuartiges Instrument oder
’
eine Erfindung von der Art des Elektronenmikroskops oder als ein ganzes Cluster solcher Leitideen, idealtypisch exemplifiziert an der Evolution der Evolutionstheorie. Solche großen Durchbr¨
uche brauchen nicht schlagartig in die Welt
gesetzt werden. Es kann durchaus der Fall sein, daß solche Revolutionierungen‘
’
zahllose kleine Experimente erforderten oder sich in einem Prozeß vollzogen,
der sich u
¨ber l¨angere Zeitspannen erstreckte und einen Gutteil an implizitem
’
Wissen‘ voraussetzte oder akkumulierte.8
Um den Begriff des großen Durchbruchs‘ oder der nachhaltigen Ent’
’
deckung‘ einzuf¨
uhren, m¨ochten wir uns prim¨
ar, aber nicht ausschließlich auf die
wissenschaftliche Gemeinschaft selbst verlassen. Als großer Durchbruch‘ sollen
’
jene Kriterien Anwendung finden, welche innerhalb des Wissenschaftssystems
selbst angelegt sind, um große Durchbr¨
uche‘ anzuerkennen. Wir bem¨
uhen aller’
dings zur Operationalisierung des Begriffs eine Vielfalt an Strategien. So schließen wir auch Durchbr¨
uche oder Entdeckungen ein, die zum Gewinn oder zum
Beinahe-Gewinn einer der großen wissenschaftlichen Auszeichnungen gef¨
uhrt
haben. Und obschon wir die großen Durchbr¨
uche und Entdeckungen an die
großen Pr¨
amierungen im Wissenschaftsbereich binden, soll doch kein einzelner
Preis, sondern eine Mehrzahl solcher akklamierter Auszeichnungen herangezogen werden. Als große Durchbr¨
uche‘ oder nachhaltige Entdeckungen‘ gelten
’
’
innerhalb der biomedizinischen Wissenschaften jene, die (1) durch die CopleyMedaille der Royal Society in London seit dem Jahre 1901 pr¨
amiert werden,
(2) mit einem Nobel-Preis f¨
ur Physiologie beziehungsweise Medizin seit der
ersten Preisverleihung im Jahre 1901 ausgezeichnet werden, (3) seit 1901 mit
einem Nobel-Preis f¨
ur Chemie geehrt wurden (sofern sich diese Forschung als
relevant f¨
ur den biomedizinischen Komplex herausstellt, was in der Regel f¨
ur
die Entdeckungen innerhalb der Biochemie und einigen anderen chemischen
Teilbereichen gilt), (4) vor 1941 jeweils mindestens zehn Nominierungen u
¨ber
mindestens drei Jahre f¨
ur einen Nobel-Preis in Physiologie bzw. Medizin oder
Chemie (sofern der Bezug zur Biomedizin gegeben ist) erhielten. Der Grund
f¨
ur dieses Kriterium liegt haupts¨achlich darin, daß eine hohe Zahl an Nominie¨
rungen eine breite Uberzeugung
innerhalb der wissenschaftlichen Community
zum Ausdruck bringt, daß dieses Forschungsergebnis einen gr¨
oßeren Durchbruch darstellt, selbst wenn es nicht unmittelbar zu einem Nobel-Preis f¨
uhrt.
(5) Jedes Jahr setzt die K¨oniglich Schwedische Akademie der Wissenschaften
Proceedings of the American Philosophical Society 55 (1961), 470–486, ders., The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations, Chicago 1973; Nathan Rosenberg,
Exploring the Black Box. Technology, Economies, and History, Cambridge 1994, bes. 15.
8 Vgl. dazu auch Michael Polanyi, The Tacit Dimension, London 1966; Bruno Latour, Science
in Action. How to Follow Scientists and Engineers Through Society, Cambridge 1987.
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¨
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und das Karolinska Institut jeweils ein Komitee ein, das die großen Entdeckungen untersuchen und m¨ogliche Preistr¨ager innerhalb der Chemie oder der Medizin vorschlagen soll. Diese beiden Komitees gelangen jeweils zu einer engen Auswahl an preisverd¨achtigen‘ Entdeckungen, von denen dann einige auch
’
tats¨
achlich mit dem Nobel-Preis ausgezeichnet wurden. Wir schließen f¨
ur die
Zeit vor 1945 in unsere Gruppe der großen Durchbr¨
uche auch Kandidaten in
die engere Auswahl ein, selbst wenn sie dann keinen Nobel-Preis bekommen
oder auch das Kriterium der zehn Nennungen in zumindest drei Jahren verfehlen sollten. Wir haben f¨
ur den Zeitraum vor 1946 Zugang zu den NobelArchiven f¨
ur den Physiologie- bzw. den Medizin-Preis am Karolinska-Institut
sowie zu den Archiven der K¨oniglich Schwedischen Akademie in Stockholm. Aus
Gr¨
unden der Vertraulichkeit sind allerdings die Archive f¨
ur die letzten f¨
unfzig
Jahre noch verschlossen. Um die Vielfalt an großen wissenschaftlichen Entdeckungen f¨
ur diese Zeitspanne abzudecken, wurden weitere Kriterien herangezogen. So schlossen wir auch (6) jene großen Entdeckungen ein, die durch den
Arthur und Mary Lasker-Preis f¨
ur biomedizinische Wissenschaften, (7) durch
den Louisa Gross Horwitz-Preis f¨
ur die biomedizinische Grundlagenforschung,
und schließlich (8) durch den Crafoord Preis pr¨
amiert worden sind, der durch
die K¨
oniglich Schwedische Akademie der Wissenschaften verliehen wird. Diese Formen der Auszeichnung und Pr¨amierung wurden f¨
ur die gesamte Periode
von 1901 bis 1995 als Basis f¨
ur große Durchbr¨
uche‘ herangezogen. Und gerade
’
weil nicht alle spektakul¨aren Entdeckungen und Paradigmenverschiebungen‘
’
mit einem Nobel-Preis ausgezeichnet werden k¨
onnen, haben wir uns außerordentlich bem¨
uht, diese Studie nicht als eine Geschichte der Nobel-Preistr¨
ager
anzulegen.
Mit den bisherigen Kriterien ist die empirische Basis daf¨
ur aufbereitet, was
als großer Durchbruch‘ oder als bedeutende Entdeckung‘ innerhalb der bio’
’
medizinischen Wissenschaften qualifiziert werden kann – und soll. Als n¨
achsten
Schritt galt es herauszufinden, in welchem Labor und in welcher Forschungseinrichtung diese neuen Ergebnisse erzielt worden sind. Anders ausgedr¨
uckt ging es
in diesem n¨achsten Punkt darum, trotz des Schwerpunktes auf organisatorische
Faktoren die Karrieren einzelner Forscher zu untersuchen, um die genauen Orte
f¨
ur die spektakul¨aren Durchbr¨
uche identifizieren zu k¨
onnen. Als Ergebnis dieser Analyse konnten wir konkrete Forschungseinrichtungen, in deren Kontext
sich die großen Durchbr¨
uche abspielten, benennen und ihnen eine oder mehrere
solcher biomedizinischen Revolutionen‘ zuschreiben. In einigen F¨
allen haben
’
Wissenschaftler ihre großen Durchbr¨
uche u
¨ber mehrere Forschungseinrichtungen hindurch erreicht und wir haben der gesamten Kette an Instituten einen
solchen Innovations-Bonus‘ vergeben. Zudem nimmt unsere Untersuchung dar’
auf R¨
ucksicht, daß nicht alle Wissenschaftler, die an solch großen Durchbr¨
uchen
beteiligt waren, eine Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen durch
¨
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35
die Verleihung akademischer Auszeichnungen gefunden haben. Einige Forscher
konnten aus unterschiedlichen Gr¨
unden f¨
ur einzelne Preise nicht ber¨
ucksichtigt
werden – so werden beispielsweise Nobel-Preise nur an noch lebende Personen
verliehen. Trotz der Tatsache vergessener‘ oder u
¨bergangener‘ Auszeichnungen
’
’
gilt unsere Untersuchung aber nicht den einzelnen individuellen Forscherkarrieren, sondern den organisatorischen Merkmalen von Forschungseinrichtungen.
Und f¨
ur diese Problemstellung besitzt das Ph¨
anomen mangelnder Anerkennung
keinen unmittelbar st¨orenden oder verf¨alschenden Bias. Denn unsere Methode
der Tiefenanalyse u
uchen erlaubt
¨ber die konkreten Orte von großen Durchbr¨
es, jene Wissenschaftler zu identifizieren, die zum Zustandekommen dieser Ergebnisse beitrugen, obwohl sie selbst nicht die Anerkennung durch ein entsprechendes Komitee gefunden haben.
Diese Art von Forschung bem¨
uht sich nicht um eine Geschichte großer
wissenschaftlicher Ideen oder um die Kreativit¨
at einzelner Wissenschaftler. Die
weitere Analyse setzt zwar voraus, daß große Entdeckungen von Individuen erzielt wurden und daß Kreativit¨at eine unaufhebbare individuelle Besonderheit
darstellt. Der Schwerpunkt der weiteren Arbeit gilt der Frage, wie die Kontexte von Forschungslaboratorien bzw. Abteilungen und der Forschungseinheit
insgesamt die Schaffung großer biomedizinischer Entdeckungen im zwanzigsten
Jahrhundert beeinflußt. Die großen Erfindungen innerhalb der Laboratorien,
der Forschungsabteilungen und der Institute geschehen nicht durch das Wirken eines blinden Zufalls. Dort, wo diese radikalen Entdeckungen stattfinden,
herrschen besondere und eigene Bedingungen. Und die sollen in der weiteren
Arbeit n¨
aher spezifiziert und vorgestellt werden.
Strukturelle und kulturelle Begriffe
Die Analyse von Forschungseinheiten und Laboratorien bzw. Abteilungen dreht
¨
sich um sieben zentrale Begriffe, die auch in der Ubersicht
unten zusammen mit
den daf¨
ur konstitutiven Indikatoren oder Beispielen angef¨
uhrt werden. Diese
Begrifflichkeiten betreffen (1) die Vielfalt von Wissensfeldern‘, (2) die Wis’
’
senstiefe‘ innerhalb jedes der diversen Wissensfelder, (3) die Differenzierung
der Organisation und Abteilungen in Untereinheiten, (4) die hierarchische und
b¨
urokratische Koordination (beispielsweise das Ausmaß an Standardisierung
von Regeln und Abl¨aufen), (5) das Ausmaß an interdisziplin¨
aren und integrierten Kulturen‘, (6) die F¨
uhrungskapazit¨at, welche die F¨
ahigkeit zur Integration
’
von diversen Wissensfeldern besitzt, und (7) die Qualit¨
at‘ wie die Qualifika’
tionen von Wissenschaftlern in den einzelnen Laboratorien, Abteilungen und
Instituten. Es sollte noch eigens betont werden, daß es zwischen den beiden
36
¨
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Niveaus (Forschungseinheit und Laboratorien bzw. Abteilungen) feine Unter’
schiede‘ bei den jeweiligen Indikatoren und Beispielen gibt.
Organisatorische Schl¨
usselfaktoren: Indikatoren und Beispiele
Die Ebene von Forschungseinrichtungen insgesamt
1. Vielfalt: (1) die unterschiedlichen biologischen wie medizinischen Disziplinen und
Subdisziplinen, (2) Anteile von Personen in den biologischen Wissenschaften mit
Forschungserfahrungen in anderen Disziplinen und/oder Paradigmen.
2. Tiefe: (1) die Gr¨
oße einer wissenschaftlichen Gruppe in jedem der unterschiedlichen Wissenschaftsfelder, (2) Weite‘ an Expertise in jedem der Wissenschaftsfel’
der (im Falle der Genetik beispielsweise Spezialisierungen auf Drosophila, Mais,
M¨
ause, etc.).
3. Differenzierung: (1) die Anzahl von biomedizinischen Abteilungen und anderen Einheiten, (2) Delegation der Entscheidung f¨
ur die Personalaufnahme auf
die Ebene von Abteilungen oder anderen Untereinheiten, (3) Verantwortung f¨
ur
extramurale Finanzmittel auf der Ebene von Abteilungen oder anderen Untereinheiten.
4. Hierarchische und b¨
urokratische Koordination: (1) Standardisierung von Regeln
und Abl¨
aufen, (2) zentrale budget¨
are Kontrollen, (3) zentralisierte Entscheidungen u
¨ber Forschungsprogramme, (4) zentralisierte Entscheidungen u
¨ber die Personalanzahl.
5. Interdisziplin¨
are und integrierte Aktivit¨
aten zwischen Laboratorien, Abteilungen
und Unterabteilungen: (1) die H¨
aufigkeit und die Intensit¨
at von Interaktionen,
(2) Publikationen von Artikeln, (3) Vorhandensein von Zeitschriften-R¨
aumen,
(4) gemeinsame Mahlzeiten und Freizeitaktivit¨
aten.
6. Leadership‘, die F¨
ahigkeit zur Integration wissenschaftlicher Vielfalt: (1) Stra’
tegische Vision zur Integration unterschiedlicher Gebiete wie auch f¨
ur Schwerpunktthemen, (2) F¨
ahigkeit zur Sicherung ausreichender finanzieller Mittel f¨
ur
diese Schwerpunkte, (3) F¨
ahigkeit zur Rekrutierung eines hochqualifizierten,
aber hinreichend diversen Personals, so daß die einzelnen Forschungsgruppen
st¨
andig u
osbaren
¨ber den momentanen Stand an signifikanten und potentiell l¨
Problemfeldern informiert sind, (4) die F¨
ahigkeit zu harter Kritik im Kontext
einer innovationsfreundlichen, unterst¨
utzenden Umgebung.
7. Qualit¨
at: (1) Anteil von Wissenschaftlern an der landesweit angesehensten Wissenschaftsakademie, (2) Forschungsmittel pro Wissenschaftler.
Die Ebene von Forschungslaboratorien und Forschungsabteilungen
1. Vielfalt: (1) die unterschiedlichen biologischen wie medizinischen Disziplinen und
Sub-Disziplinen, (2) Anteile von Personen in den biologischen Wissenschaften
mit Forschungserfahrungen in anderen Disziplinen und/oder Paradigmen.
2. Tiefe: (1) die Gr¨
oße einer wissenschaftlichen Gruppe in jedem der unterschiedli-
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chen Wissenschaftsfelder, (2) Weite‘ an Expertise in jedem der Wissenschafts’
felder.
Differenzierung: (1) die Anzahl von biomedizinischen Abteilungen und anderen Einheiten, (2) Delegation der Entscheidung f¨
ur die Personalaufnahme auf
die Ebene von Abteilungen oder anderen Untereinheiten, (3) Verantwortung f¨
ur
extramurale Finanzmittel auf der Ebene von Abteilungen oder anderen Untereinheiten.
Hierarchische und b¨
urokratische Koordination: (1) Standardisierung von Regeln
und Abl¨
aufen, (2) zentrale budget¨
are Kontrollen, (3) zentralisierte Entscheidungen u
¨ber Forschungsprogramme, (4) zentralisierte Entscheidungen u
¨ber die Personalanzahl.
Interdisziplin¨
are und integrierte Aktivit¨
aten zwischen Laboratorien, Abteilungen
und Unterabteilungen: (1) die H¨
aufigkeit und die Intensit¨
at von Interaktionen,
(2) Publikationen von Artikeln, (3) Vorhandensein von Zeitschriften-R¨
aumen,
(4) gemeinsame Mahlzeiten und Freizeitaktivit¨
aten.
Leadership‘, die F¨
ahigkeit zur Integration wissenschaftlicher Vielfalt: (1) Stra’
tegische Vision zur Integration unterschiedlicher Gebiete wie auch f¨
ur Schwerpunktthemen, (2) F¨
ahigkeit zur Sicherung ausreichender finanzieller Mittel f¨
ur
diese Schwerpunkte, (3) F¨
ahigkeit zur Rekrutierung eines hochqualifizierten,
aber hinreichend diversen Personals, so daß die einzelnen Forschungsgruppen
st¨
andig u
osbaren
¨ber den momentanen Stand an signifikanten und potentiell l¨
Problemfeldern informiert sind, (4) die F¨
ahigkeit zu harter Kritik im Kontext
einer innovationsfreundlichen, unterst¨
utzenden Umgebung.
Qualit¨
at: (1) Anteil von Wissenschaftlern an der landesweit angesehensten Wissenschaftsakademie, (2) Forschungsmittel pro Wissenschaftler.
Instituts-Sample und Daten
Die gr¨
oßere Studie, welche diesem Artikel zugrunde liegt, basiert auf der Untersuchung von 128 Forschungseinrichtungen in den USA: 28 Forschungsinstitute,
in denen zwei oder mehr große Durchbr¨
uche erzielt wurden und als Vergleichsgruppe 100 Einrichtungen, in denen eine oder gar keine große Entdeckung erzielt worden sind. Die Untersuchung widmete sich vier unterschiedlichen Typen
von Forschungseinrichtungen, n¨amlich (1) Universit¨
aten, (2) medizinischen Fakult¨
aten, Spit¨alern oder Kliniken, (3) selbst¨
andigen Forschungsinstituten und
(4) industriellen Forschungslaboratorien. F¨
ur nahezu zwei Dutzend dieser Forschungseinrichtungen wurden eigene Fallstudien erstellt, die auf Expertenge’
spr¨
achen‘ und Tiefeninterviews gr¨
undeten. Die genaueren Details u
¨ber den
Sampling-Prozeß, der zur Auswahl von Forschungseinheiten ohne große Durchbr¨
uche w¨
ahrend des gesamten Untersuchungszeitraumes f¨
uhrte, werden an anderer Stelle beschrieben.9
9 Vgl. Rogers J. Hollingsworth u. Jerry Hage, Organizational Characteristics which Facilitate
38
¨
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Naturgem¨aß stehen viele Kriterien offen, wenn es um die Bewertung der
Performanz‘ oder der Leistung‘ von Forschungseinrichtungen geht: ihre Pro’
’
duktivit¨
at, das Ranking‘ in Zitationsindizes, das Volumen an Forschungsmit’
teln pro Wissenschaftler oder im Falle der amerikanischen Universit¨
aten: die
Anzahl von akademischen Graden oder die Qualit¨
at des Ausbildungsprogramms
und des Lehrk¨orpers f¨
ur graduierte Studenten. Unsere Untersuchung geht nicht
davon aus, daß Forschungseinrichtungen ohne gr¨
oßere Durchbr¨
uche als wissenschaftlich mangelhaft“ oder schlecht“ klassifiziert werden sollten. Eine solche
”
”
Schlußfolgerung w¨are allzu voreilig. Jedoch verlangt es der noch sehr fragmentarische und unterentwickelte Wissensstand u
¨ber die organisatorischen Erfolgswie Mißerfolgsfaktoren f¨
ur große wissenschaftliche Durchbr¨
uche einfach, diese
Form der Untersuchung voranzutreiben.
Die Daten stammen von vielen unterschiedlichen Quellen: von Interviews,
Archivmaterialien, m¨
undlichen Lebensgeschichten, Sekund¨
arauswertungen veroffentlichter Materialien sowie wissenschaftlicher Literatur. Platzbeschr¨
ankun¨
gen haben allerdings dazu gef¨
uhrt, nur einen kleinen Teil der Datenquellen f¨
ur
dieses Forschungsprojekt eigens anzuf¨
uhren.
Methodologie
In der weiteren Untersuchung wurden Instrumente der vergleichenden Forschung wie auch der Gespr¨achsanalyse verwendet. Da das prim¨
are Forschungsziel darin liegt zu erkl¨aren, wie die organisatorischen Eigenschaften von Forschungseinrichtungen mit der Entstehung großer wissenschaftlicher Durchbr¨
uche zusammenh¨angen, hat die vorliegende Untersuchung Institute mit mehreren gr¨
oßeren Durchbr¨
uchen mit solchen Forschungseinrichtungen verglichen, in
denen sich keine oder nur eine einzelne große Entdeckung ereignet hat. Gleichzeitig werden auch historische Untersuchungen als zus¨
atzliche Quelle f¨
ur vergleichende Analysen herangezogen. Mit dieser Methode wollen wir vor allem
Forschungseinrichtungen in verschiedenen Etappen ihrer Geschichte vergleichen, indem wir sie vor und nach bedeutsamen strukturellen und kulturellen
Ver¨
anderungen vergleichen, um die Konsequenzen solcher Ver¨
anderungen f¨
ur
das Gelingen und die Anzahl solcher Durchbr¨
uche zu pr¨
ufen.
Trotz unserer Betonung struktureller und kultureller Bedingungen in Forschungsorganisationen mit oftmaligen großen Durchbr¨
uchen ist es wichtig, die
Tatsache nicht aus dem Auge zu verlieren, daß es nicht den einen und ausschließlich einen Weg gibt, auf dem Forschungseinrichtungen ihre große Durchbr¨
uche erzielen. Vielmehr ist man mit einem Panorama von unterschiedlichen
Major Discoveries in the Biomedical Sciences, in: Proposal to National Science Foundation
1996.
¨
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39
Konfigurationen konfrontiert, in denen unterschiedliche Schl¨
usselfaktoren je
nach Zeitpunkt, je nach Analyseniveau und je nach konkretem Typus von Forschungsorganisation (z. B. Universit¨at, Forschungsinstitute) variieren.
Dieser Artikel stellt einen vorl¨aufigen Bericht u
usselmerkma¨ber jene Schl¨
le von Forschungseinrichtungen dar, welche ihr F¨
ahigkeit f¨
ur oftmalige große
Durchbr¨
uche wesentlich beeinflussen und bedingen. Wichtig an den strukturellen und organisatorischen Settings‘, in denen sich solche großen Entdeckun’
gen vollzogen, ist die Art, wie stark diese Forschungseinrichtungen auf diesen Schl¨
usselfaktoren laden‘ und auch die Weise, wie diese Schl¨
usselfaktoren
’
zusammenwirken. Was an den einzelnen Forschungsinstituten variiert, ist ihr
Profil bei den einzelnen Schl¨
usselfaktoren wie auch die Art, in der diese Faktoren sich wechselseitig beeinflussen. Jene Forschungseinrichtungen mit immer
wiederkehrenden großen Durchbr¨
uchen besitzen ein ganz anderes Profil als die
Konfiguration dieser Faktoren dort, wo spektakul¨
are Entdeckungen ein sehr
seltenes Ereignis oder gar einen Non-Event darstellen.
Es gibt nat¨
urlich einige Variationen hinsichtlich der Zusammensetzung jener Schl¨
usselfaktoren, die mit spektakul¨
aren wissenschaftlichen Durchbr¨
uchen
in Zusammenhang gebracht werden: Einige erweisen sich als st¨
arker erkl¨
arungsrelevant als andere. Aber das Ziel unserer Untersuchung besteht ja darin herauszufinden, welche dieser Schl¨
usselfaktoren am st¨
arksten und am h¨
aufigsten
bei der Entstehung des Neuen‘ beteiligt sind. In jenen Organisationen, wel’
che immer wieder als die konkreten Orte von großen wissenschaftlichen Durchbr¨
uchen in Erscheinung getreten sind, stehen zwei Schl¨
usselbegriffe im Zentrum
der Erkl¨
arung, n¨amlich einerseits Interdisziplinarit¨
at und integrierte Kultur‘
’
und andererseits eine innovationsfreundliche F¨
uhrung‘.
’
Fallstudien: Das hochgradig integrierte kleine Forschungsinstitut
In diesem Artikel sollen eine Fallstudie in gr¨
oßerer Ausf¨
uhrlichkeit referiert
und einige andere Fallstudien kurz gestreift werden. Die gr¨
oßere Fallstudie widmet sich dem Rockefeller Institute/University. Das Rockefeller-Institut gilt als
der Ort mit den meisten gr¨oßeren Durchbr¨
uchen innerhalb der Biomedizin des
zwanzigsten Jahrhunderts – es gibt keinen vergleichbaren anderen Platz auf der
Welt mit einer ¨ahnlichen Dichte an biomedizinischen Basisinnovationen‘.
’
Das zentrale Ergebnis in der Fallstudie besteht darin, daß die großen Entdeckungen dort deswegen sehr h¨aufig auftreten, weil sich in dieser Einrichtung
ein hohes Ausmaß an Interdisziplinarit¨at wie auch an integrierten Program’
men‘ zwischen sehr unterschiedlichen Disziplinfeldern etabliert hatte. Anders
ausgedr¨
uckt war das Rockefeller Institut (wie auch ein ¨
ahnlich innovatives Institut, n¨
amlich das California Institute of Technology) durch Forschungs-Settings
40
¨
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gekennzeichnet, in denen Wissenschaftler mit unterschiedlichen Perspektiven,
disziplin¨
aren Hintergr¨
unden und Forschungsprogrammen h¨
aufig und intensiv
miteinander in Kontakt standen. Dar¨
uber hinaus war die F¨
uhrung dieser Forschungseinrichtung in hohem Ausmaß als innovationsfreundlich‘ einzustufen,
’
in denen sich Momente von Abschirmung und l¨
angerfristigen Perspektiven mit
starken Standards und Kriterien f¨
ur wissenschaftliche Kritik und Auseinandersetzung kombinierten. Die konkreten Formen, in denen sich solche interdiszi’
plin¨
aren‘ und integrierten‘ Wissenschaftskulturen und innovationsfreundlichen
’
Umgebungen ausdr¨
ucken, schwanken aber je nach organisatorischen Kontexten
– und auch je nach Zeit.
Wir werden ausf¨
uhrliche Beispiele anf¨
uhren, um mehr Anschaulichkeit in
die bisher beschriebene analytische Struktur zu bringen und um die Bedeutung
von Ausdr¨
ucken wie interdisziplin¨are‘ bzw. integrierte Kultur‘, Tiefe‘, etc.
’
’
’
zu verdeutlichen und zu konkretisieren. Aus platztechnischen Gr¨
unden k¨
onnen
die Organisationsstrukturen jener Forschungseinrichtungen, Laboratorien oder
Abteilungen, in denen sich kaum oder keine spektakul¨
aren Durchbr¨
uche ereigneten, im weiteren nur kursorisch gestreift werden, obschon einige Hinweise auf
diese Vergleichsgruppe immer wieder wichtig daf¨
ur werden, den robusten Charakter des analytischen Designs wie auch seiner Ergebnisse zu verdeutlichen.
Die nun n¨aher beschriebene Forschungseinrichtung, in der sich immer wieder große Entdeckungen, Erfindungen oder Durchbr¨
uche ereigneten, weist folgende Werteverteilung bei den Schl¨
usselfaktoren auf: h¨
ohere bis hohe Werte
im Bereich der Vielfalt‘, geringe Werte bei der internen Differenzierung, eine
’
F¨
uhrung, welche sich auf die Integration wissenschaftlicher Viel- und Mannigfaltigkeit verstand, h¨ohere bis hohe Werte an wissenschaftlicher Tiefe‘, geringe
’
Werte im Bereich der hierarchischen Koordination sowie wiederum hohe Werte
bei der Qualit¨at wie eben vor allem der interdisziplin¨
aren‘ und integrierten‘
’
’
Kultur.
Das Rockefeller Institut
In seinen fr¨
uhen Jahren erwarb sich das Rockefeller-Institut einen herausragenden Ruf und zugleich eine Struktur, die immer wieder große Durchbr¨
uche
erm¨
oglichte. Im Laufe der Zeit kam es zwar zu Ver¨
anderungen in der Organisation des Instituts, doch gelang es u
¨ber die Zeit hinweg, den exzellenten Ruf
und die Grundstruktur so zu konservieren, daß es seine Spitzenposition in der
biomedizinischen Forschung erhalten konnte.
Ganz anders als das Koch-Institut in Berlin, das Pasteur-Institut in Paris
oder Ehrlich Institut in Frankfurt, die alle um einzelne große Wissenschaftler und ihre jeweilige Forschungsrichtungen gegr¨
undet worden waren, setz-
¨
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41
te das Rockefeller-Institut von Anfang auf die Verschiedenheit und auf eine
gr¨
oßere Anzahl an unterschiedlichen Disziplinen innerhalb der biomedizinischen Wissenschaften.10 Anstatt sich auf ein spezielles Gebiet wie Bakteriologie
oder Immunologie zu spezialisieren, bestand das Institutsziel seit der Gr¨
undung
darin, unterschiedliche Gebiete in der Biomedizin abzudecken. Fr¨
uhe Institutsgr¨
undungen in der Biomedizin gruppierten sich vorrangig um den Bereich der
Bakteriologie. Bakteriologie wurde am Rockefeller-Institut viel st¨
arker mit Pathologie verkn¨
upft und beide Felder wurden enger an Entdeckungen im Bereich
der organischen und der physikalischen Chemie wie auch der Physik gebunden.
Die Leitidee des Instituts bestand seit seiner Gr¨
undungsphase in einer breit
ausgelegten Konzeption von biomedizinischen Wissenschaften. Die Konsequenzen aus dieser Grundentscheidung, auf die Weite und die Mannigfaltigkeit von
biomedizinischen Disziplinen zu setzen, werden im weiteren detailliert erl¨
autert.
In den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts bestand nur eine
relativ geringe Vielfalt‘ oder Weite‘ am Rockefeller Institut, was sich sowohl
’
’
an der geringen Anzahl unterschiedlicher Forschungslaboratorien als auch in
ihrer nur mittleren Tiefe‘ niederschlug, weil in jedem dieser Labors nur wenige
’
Leute arbeiteten. Aber selbst in dieser Konstellation legte der erste Direktor,
Simon Flexner, großes Augenmerk auf den Prozeß der Personalrekrutierung, indem Wissenschaftler aus verschiedenen kulturellen und wissenschaftlichen Gebieten in das Institut integriert wurden. Und so traten denn auch Personen
¨
wie beispielsweise Carrell aus Frankreich, Landsteiner aus Osterreich,
Noguchi aus Japan, Levene aus Rußland sowie Meltzer und Loeb aus Deutschland
ihren Weg zum Rockefeller-Institut an. Dieses Rekrutierungsmuster stellte sicher, daß sich am Rockefeller-Institut unterschiedliche Problemzug¨
ange, unterschiedliche Denkstile und unterschiedliche Forschungsfelder zusammenfanden.
Beinahe jeder dieser Wissenschaftler verk¨
orperte in sich selbst eine Vielzahl
an kulturellen und wissenschaftlichen Stilen‘, welche nochmals die M¨
oglich’
keit f¨
ur interdisziplin¨are Vielfalt erh¨ohten. Generell hatte nahezu jeder der
bedeutenden Wissenschaftler in der Geschichte des Rockefeller-Instituts eine
hohe interne Vielfalt‘ in seinem individuellen Forscherleben aufgebaut, was
’
von vornherein eine gewisse kognitive N¨
ahe‘ oder Familien¨
ahnlichkeit‘ zwi’
’
schen jedem dieser disziplin¨aren Grenzg¨
anger‘ herstellte. Von seinen fr¨
uhe’
sten Anf¨
angen organisierte das Rockefeller-Institut – u
¨brigens in deutlichem
Kontrast zu den Universit¨aten – seine Wissensproduktion‘ nicht entlang je’
ner Grenzen, welche die Wissenschaftsdisziplinen nahelegten. Speziell in seinen organisatorischen Demarkationen erwies sich das Rockefeller-Institut als
einzigartig, da in anderen Forschungseinrichtungen in der Regel die Wissensproduktion disziplin¨ar‘ organisiert war und normalerweise auch Personen mit
’
10 Vgl. George W. Corner, A History of the Rockefeller Institute, New York 1964; Rene J.
Dubos, The Professor, the Institute, and DNA, New York 1976.
42
¨
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geringerer interner wissenschaftlicher oder kultureller Viel- und Mannigfaltigkeit rekrutiert wurden. Eine der herausragenden Qualit¨
aten der Forschungsorganisation am Rockefeller-Institut lag aber gerade in seiner Praxis, nur jene
Personen an sich zu binden, welche innerhalb einer großen Vielfalt an kulturellen, wissenschaftlichen und organisatorischen Umgebungen‘ sozialisiert worden
’
waren. Und gerade diese Einzelpers¨onlichkeiten mit einem hohen Grad an in’
ternalisierter Vielfalt‘ wiesen denn auch ein vergleichsweise h¨
oheres Potential
daf¨
ur auf, sich neue Denkstile und neue wissenschaftliche Kompetenzen anzueignen und damit noch mehr an interner Vielfalt‘ aufzubauen. Kurz gesagt,
’
das Rockefeller-Institut war von seinen fr¨
uhesten Anf¨
angen an ein Ort, wo Wissenschaftler in vielf¨altigen Disziplinen gleichzeitig lebten – und leben wollten.
Wie Michael Gibbons und andere hervorheben,11 werden innovative Leistungen im Wissenschaftssystem durch Kommunikationsprozesse beschleunigt‘, die
’
ihrerseits vom Grad der Mobilit¨at abh¨angen. Mobilit¨
at‘ bedeutet einen sehr
’
gewichtigen Faktor als Vorbedingung daf¨
ur, daß sich neuartige Hybrid-Ideen‘
’
formen. Das Rockefeller-Institut erwies sich im fr¨
uhen zwanzigsten Jahrhundert
als einzigartiger Platz daf¨
ur, Wissenschaftler aus den verschiedensten Teilen der
Welt zu rekrutieren, die bereits durch eine Vielfalt an unterschiedlichen St¨
atten
der Wissensproduktion und in mannigfaltigen disziplin¨
aren Umgebungen gewandert und so bewandert‘ waren. Diese Rekrutierungspraxis produzierte eine
’
Art von wissenschaftlicher Hybridbildung, die im Zeitablauf immer wieder zu
neuen Ideen, Einf¨allen, Techniken, Instrumenten, Modellen, Heuristiken oder
Prinzipien f¨
uhrte.
Eine Forschungseinrichtung vom Typus des Rockefeller-Instituts besaß eine
Reihe von komparativen Vorteilen gegen¨
uber den meisten akademischen LehrOrganisationen. Die meisten wissenschaftlichen Lehrst¨
atten wollen ihren Studenten ein Wissenschaftsgebiet in breiter Streuung vermitteln und finden es
in der Regel unangemessen, ein spezielles Teilgebiet zu vernachl¨
assigen. Aus
diesem Grunde werden oftmals Personen berufen, die nicht wegen ihrer herausragenden Arbeiten, sondern wegen ihrer Spezialkenntnisse an eine Universit¨
at
geholt werden. Ein Forschungsinstitut besitzt hingegen keine Verpflichtung, ein
gesamtes Wissensgebiet vollst¨andig abzudecken und es kann sich hochselektiv hinsichtlich seiner jeweiligen Schwerpunkte verhalten. Wenn es gew¨
unscht
wird, kann Rockefeller ganze Wissensfelder vernachl¨
assigen oder neu beleben.
In jedem Falle werden nur solche Wissenschaftler aufgenommen, welche als die
weltweit h¨ochstqualifizierten Personen betrachtet werden und deren Schwerpunktgebiete zudem in das Rockefeller-Profil passen. Auch besitzt ein Forschungsinstitut vom Schlage Rockefeller – und dies wiederum im Unterschied
zu einschl¨
agigen Lehreinrichtungen – die Flexibilit¨
at, schlagartig neue Wissensgebiete zu besetzen. Und weil Rockefeller nicht an die Lehre gebunden
11 Vgl. Michael Gibbons, u. a., The New Production of Knowledge, London 1994.
¨
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war, konnte sich das Institut den Luxus leisten, h¨
ochstqualifizierte Personen
auch dann zu rekrutieren, wenn sie sich nicht einmal in der englischen Sprache
hinreichend ausdr¨
ucken konnten.12
Nat¨
urlich besaß das Institut eine großz¨
ugige finanzielle Basis u
¨ber die Stiftung durch John D. Rockefeller. Doch eine Reihe anderer Institute, die ungef¨
ahr
zur selben Zeit ins Leben gerufen wurden, waren finanziell ebenfalls sehr gut
ausgestattet: das Phipps Institute in Philadelphia, etabliert durch den Stahlmagnaten Henry Phipps, das Memorial Institute f¨
ur ansteckende Krankheiten
in Chicago, gegr¨
undet von Harold McCormick, einen Schwiegersohn von John
D. Rockefeller, oder die Carnegie Institution in Washington unter der Schirmherrschaft von Andrew Carnegie. Man k¨onnte diese Liste noch verl¨
angern. Doch
scheint ausreichend Geld eine notwendige, nicht aber eine hin- und ausreichende
Bedingung f¨
ur außerordentliche wissenschaftliche Leistungen darzustellen.
Eine der wichtigsten Bedingungen f¨
ur eine Forschungseinrichtung, um langfristig das Gelingen großer wissenschaftlicher Durchbr¨
uche sicherzustellen, liegt
in der Qualit¨at der F¨
uhrung dieser Institute, im Leadership‘. Dieser Schl¨
ussel’
faktor besitzt in der u
¨berkommenen organisationssoziologischen Literatur nur
eine untergeordnete Bedeutung. Aber gerade bei seinen Direktoren und Pr¨
asidenten bem¨
uhte sich Rockefeller, immer wieder Pers¨
onlichkeiten zu finden,
die sehr gut mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten konnten und zudem die
f¨
uhrenden Forscher auf dem Gebiet der Biomedizin pers¨
onlich kannten. Von den
sieben Direktoren bzw. Pr¨asidenten seit der Gr¨
undung von Rockefeller waren
f¨
unf direkt an großen biomedizinischen Entdeckungen beteiligt und die beiden
ohne spektakul¨are Durchbr¨
uche (Detlev Bronk und Fred Seitz) waren herausragende Wissenschaftler, die beide auch zu Pr¨
asidenten der National Academy
of Sciences gew¨ahlt wurden. Vier der sieben Rockefeller-Direktoren waren auch
Nobel-Preistr¨ager in Medizin beziehungsweise Physiologie.
Der erste Direktor, Simon Flexner, hinterließ ein unverg¨
angliches Erbe.
Denn es war Flexner, der den Plan entwickelte, daß ganz bestimmte Standards f¨
ur die Leitung am Rockefeller-Institut gelten sollten. Rockefeller sollte
von Wissenschaftlern geleitet werden, die erstens eine strategische Vision‘ zur
’
Integration unterschiedlicher Gebiete entwickelten und entsprechende Schwerpunktprogramme ausarbeiten konnten. Zweitens sollten die Leiter gleichermaßen die F¨
ahigkeit zur Konstruktion“ – die Schaffung einer gesch¨
utzten wie
”
innovationsfreundlichen Umgebung – und Kritik“ – die Anwendung rigoroser
”
wissenschaftlicher Evaluation – beherrschen. Drittens sollten sie in der Lage
sein, ein hinreichend unterschiedliches und vielf¨
altiges wissenschaftliches Personal zu rekrutieren, so daß die einzelnen Forschungsgruppen nicht nur u
¨ber
die jeweils heißesten‘ Problemfelder und ihre prinzipiell m¨
oglichen L¨
osungs’
12 Vgl. Simon Flexner, Medical Education. A Comparative Study, New York 1925, sowie
ders., Universities. American, German, English, Oxford 1930.
44
¨
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wege informiert waren, sondern auch die passende Umgebung daf¨
ur hatten,
sich den neuen Herausforderungen direkt zu stellen und neue Forschungspfade
auch tats¨
achlich zu erproben. Viertens mußten die Leiter in der Lage sein, eine
hinreichende finanzielle Plattform f¨
ur diese Art von riskanter Forschung‘ auf’
zubauen und zu erhalten. Nat¨
urlich haben nicht alle weiteren Direktoren von
Rockefeller diese Art von F¨
uhrung praktiziert oder sind diesen Standards so
gefolgt, wie sie von Flexner verk¨orpert worden sind. Aber nach diesen Idealen sind immerhin die weiteren Leiter sowohl innerhalb wie außerhalb dieser
Forschungseinrichtung gemessen worden.
Flexner stand ein wissenschaftlicher Beirat zur Seite, der sich aus einigen
der f¨
uhrenden biomedizinischen Forscher der Vereinigten Staaten zusammensetzte. Der erste Pr¨asident des Beirates war William H. Welch von der medizinischen Fakult¨at von Johns Hopkins, der damals als die unbestrittene graue
Eminenz in der medizinischen Forschung und Ausbildung galt. Dieser Beirat
war verantwortlich f¨
ur die Anstellung von Wissenschaftlern und f¨
ur die strategische wie inhaltliche Positionierung der konkreten wissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte. Der Direktor (Flexner) wurde von den wissenschaftlichen Beir¨
aten ernannt und sollte zudem in einem engen Arbeitsverh¨
altnis mit
dem wissenschaftlichen Personal stehen. Weiterhin gab es einen Aufsichtsrat f¨
ur
die finanziellen Angelegenheiten und Obliegenheiten, doch der wissenschaftliche Beirat spielte eine essentielle Rolle, wann immer es galt, einen besonders
herausragenden Wissenschaftler in das Institut einzubinden. Die ¨
außerst angesehene Rolle des wissenschaftlichen Beirats erleichterte zusammen mit den besonderen Fertigkeiten des Direktors dieses exquisite und hochqualifizierte Auswahlverfahren. Diese Form der Selektion sollte bis zum Jahre 1953 dauern, bis
sich das Institut zu einer kleinen Universit¨
at verwandelte und der wissenschaftliche Beirat mit dem Aufsichtsrat f¨
ur Finanzen zu einem einzigen Aufsichtsrat
zusammenschmolz. Von da an besaß Rockefeller nicht mehr jenes kleine Gremium an weltweit anerkannten Wissenschaftlern, welche die Letztentscheidung
u
¨ber Neuzug¨ange trafen. Die Qualit¨at der Neubesetzungen seither, obschon
noch immer als erlesene Auswahl‘ vollzogen, erreicht doch nicht mehr jene ho’
hen Standards wie sie bei einem so hochkar¨
atig besetzten Gremium erreichbar
gewesen w¨
are.
Am Institut selbst wurden die dauerhaft angestellten Forscher als Mit”
glieder“ bezeichnet und besaßen eine zeitlich unbegrenzte Anstellung, welche
der Stellung eines Professors im Rahmen einer amerikanischen Universit¨
at entsprach. Die n¨achste Stufe innerhalb der Rockefeller-Hierarchie trug den Titel
eines Assoziierten Mitglieds“ und war mit einer dreij¨
ahrigen Anstellung ver”
kn¨
upft; die Vertr¨age assoziierter Mitglieder konnten allerdings erneuert werden. Doch nach einer einmaligen Verl¨angerung entschied es sich in der Regel,
ob assoziierte Mitglieder als normale und dauerhafte Mitglieder angestellt wur-
¨
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den oder das Institut wieder verlassen mußten. Assoziierte Mitarbeiter“ wur”
den auf zwei Jahre angestellt, Assistenten“ oder Fellows“ f¨
ur ein Jahr. Auch
”
”
diesen Institutsangeh¨origen standen im Prinzip Vertragsverl¨
angerungen offen;
aber auch hier etablierte sich die Praxis, daß nach drei bis f¨
unf Jahren diese Mitarbeiter entweder innerhalb des Instituts bef¨
ordert wurden oder wieder
ausscheiden mußten. Wie die Kaiser-Wilhelm- und Max-Planck-Institute, die
sp¨
ater ein a¨hnliches Personalmanagement betrieben, war Rockefeller auf diese
Weise auch damit besch¨aftigt, eine fortgeschrittene Ausbildung f¨
ur eine kleine
Elite an biomedizinischen Wissenschaftlern zu betreiben.
Der Rekrutierungsprozeß f¨
ur die h¨ochste Hierarchiestufe, n¨
amlich f¨
ur die
Mitglieder des Instituts, war ¨außerst aufwendig gestaltet. Der wissenschaftliche Beirat u
¨bernahm eine wichtige Rolle, weltweit nach hervorragenden Wissenschaftlern auf dem Feld der Biomedizin zu suchen. Nicht alle Mitglieder
wurden allerdings auf diese Weise gek¨
urt. Zum Beispiel wurden im Jahre 1934
46 Prozent der permanenten Mitglieder von außen rekrutiert und 54 Prozent
institutsintern bestellt. Und diese permanenten Mitglieder pflegten in der Regel am Institut zu bleiben. Aus diesem Kreis verließ nur Eugene Opie Mitte
der dreißiger Jahre das Institut, doch selbst er kehrte sp¨
ater wieder dorthin
zur¨
uck. Ein fr¨
uherer Pr¨asident von Rockefeller vertraute uns an, daß am Institut w¨
ahrend der meisten Zeit seines Bestehens die implizite Regel‘ galt, daß
’
niemand als dauerhaftes Mitglied angestellt werden sollte, sofern nicht die star¨
ke Uberzeugung
bestand, daß diese Person einen Nobel-Preis gewinnen k¨
onnte.
Es ist aber nicht damit getan, als Schl¨
usselfaktoren u
¨ber die oben ausgef¨
uhrte Leitungsphilosophie‘ zu verf¨
ugen, hervorragende Wissenschaftler zu
’
rekrutieren, einen mittleren bis hohen Grad an wissenschaftlicher Vielfalt zu
versammeln oder hinreichende finanzielle Ressourcen zu besitzen, um immer
wieder zu spektakul¨aren wissenschaftlichen Durchbr¨
uchen vorzustoßen. Es m¨
ussen weitere wichtige Schl¨
usselfaktoren hinzutreten, die ebenfalls operativ wirksam werden. Wenn die wissenschaftliche Vielfalt sich in starken horizontalen
Interaktionen untereinander ¨außern sollte, dann war es wichtig, daß das Institut nicht in viele akademische Abteilungen und Unterabteilungen separiert
wurde, welche die Wissensproduktion fragmentierten. Die erforderliche Organisation mußte sich als weitgehend integriert‘ erweisen, ein Kriterium, welches
’
das Rockefeller-Institut in hohem Maße erf¨
ullen sollte.
Erstens wurde niemals eine Differenzierung in einzelne wissenschaftliche
Institute angestrebt. Zwar war in seinen Fr¨
uhzeiten das Institut in einen Laborbereich und in die Klinik aufgeteilt. Diese Klinik war die erste in ihrer Art
und diente vor allem als Labor f¨
ur den Bereich der Humanbiologie und der
Pathologie. Diese Klinik wies immer nur eine geringe Gr¨
oße auf und besaß lediglich eine kleine Anzahl von Mitarbeitern mit nicht-klinischer Ausbildung.
Im Laufe der Zeit sollten aber dennoch eine gr¨
oßere Zahl seiner dauerhaft an-
46
¨
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gestellten Wissenschaftler zu Mitgliedern der National Academy of Sciences
avancieren. Bei Rockefeller war n¨amlich das Ideal einer Dialektik‘ oder einer
’
Wechselbeziehung‘ zwischen klinischer Forschung und Grundlagenwissenschaf’
ten tats¨
achlich umgesetzt worden. Als markantes Beispiel kann auf Oswald
Averys Entdeckung jener chemischen Substanz hingewiesen werden, welche f¨
ur
bakterielle Umwandlungen verantwortlich zeichnet. Dieser große Durchbruch,
der auch einen markanten Wendepunkt von der medizinischen hin zur molekularen Mikrobiologie darstellt, wurde durch Forscher erm¨
oglicht, die ihre Ausbildung im Bereich der Medizin erhielten und in der Rockefeller-Forschungsklinik
arbeiteten. Ihre Art von Forschung, sofern sie sich auf das Verst¨
andnis biologischer Prozesse bezog, beeinflußte die medizinische Praxis nur auf indirekte
Weise. Und doch f¨
uhrte sie zu einer der wichtigsten biologischen Entdeckungen
im zwanzigsten Jahrhundert. Die Mitarbeiter aus den Laboratorien und aus
dem Klinikbereich kamen n¨amlich t¨aglich oftmals zusammen. Und in der Tat
bestand ja das organisatorische Erfolgsgeheimnis von Rockefeller genau in der
wissenschaftlichen Integration‘ und in der Abwendung von einer Aufsplitterung
’
in mehr und mehr ausdifferenzierte Forschungszweige.
Vielfalt und Tiefe innerhalb einer hochintegrierten Forschungseinrichtung
besitzen ein inh¨arentes Potential daf¨
ur, die Problemsichten von Personen zu
ver¨
andern oder vor schwerwiegenden Fehlern wie auch vor einer Besch¨
aftigung
mit trivialen Problemen zu sch¨
utzen. Schließlich m¨
ussen sich Wissenschaftler,
sollen ihnen große Durchbr¨
uche gelingen, an großen Problemen‘ erproben, die
’
zumindest prinzipiell als l¨osbar erscheinen. Und je gr¨
oßer sich die Vielfalt und
Tiefe einer Forschungsgruppe innerhalb einer insgesamt integrierten Struktur
gestaltet, desto gr¨oßer sollte auch die Wahrscheinlichkeit sein, daß sich Wissenschaftler nicht mit unproduktiven oder prinzipiell unl¨
osbaren Fragestellungen
herumschlagen. H¨aufige und intensive Interaktionen unter Forschern mit ¨
ahnlichen disziplin¨aren Hintergr¨
unden und Heuristiken scheinen in der Regel nicht
zu gr¨
oßeren Durchbr¨
uchen zu f¨
uhren.
Oswald Averys Karriere am Rockefeller Institut stellt im u
¨brigen einen aufschlußreichen Einzelfall dar. Im Alter von 37 Jahren an das Rockefeller Institut
berufen, hatte sich Avery bis zu diesem Zeitpunkt als ein h¨
ochst kompetenter
Forscher auf mehreren Feldern hervorgetan, aber bislang wenig Kreativit¨
at und
Originalit¨
at in seinen Arbeiten bewiesen. Einmal fest im vielf¨
altigen‘, tiefen‘
’
’
und integrierten‘ Rockefeller-Kontext verankert, begann sich Averys intellek’
tuelles Potential immer deutlicher zu zeigen. Als er 1944 seinen mittlerweile
klassischen Artikel mit MacLeod und McCarty u
¨ber die DNA und ihre Transformationen ver¨offentlichte, hatte er pers¨
onlich die so heterogenen Felder von
Bakteriologie, Immunologie, Chemie, Bio-Chemie und Genetik auf vielf¨
altige Weise integriert. Unsere Arbeit an amerikanischen Forschungseinrichtungen legt es nahe, daß der Kontext, in den Wissenschaftler eingebettet sind,
¨
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ihre Leistung beeinflußt. Arbeiten Wissenschaftler in Umgebungen mit einer
betr¨
achtlichen Vielfalt und Tiefe sowie mit h¨
aufigen wie auch intensiven Kontakten mit Wissenschaftlern mit Komplement¨
arinteressen, dann steigert das in
der Regel die Qualit¨at ihrer wissenschaftlichen Produktion. Es ist die Vielfalt
an Disziplinen und Paradigmen, denen individuelle Forscher in h¨
aufigen und
intensiven Auseinandersetzungen und Gespr¨
achen ausgesetzt sind, welche die
Tendenz, die Propensit¨at‘, zu revolution¨aren Umstrukturierungen und großen
’
Durchbr¨
uchen steigern und verst¨arken.
Die intellektuelle und soziale Integration wurde am Rockefeller Institut
u
ahrleistet. Da w¨
are
¨ber eine Reihe von Maßnahmen und Vorkehrungen gew¨
zun¨
achst das qualitativ hochwertige Speiseangebot zu Mittag zu nennen, das
auf Tischen serviert wurde, auf denen nicht mehr als acht Leute Platz fanden. Der Grund daf¨
ur lag darin, daß auf einem solchen Tisch – im Gegensatz
zu gr¨
oßeren Arrangements – ein angeregtes Gespr¨
ach u
¨ber ein einziges Thema zwischen allen Teilnehmern stattfinden konnte. Das gemeinsame Essen bei
wissenschaftlichen Gespr¨achen u
¨ber wichtige wissenschaftliche Themen stellte
einen wichtigen Teil der Rockefeller-Kultur‘ dar und war ein bedeutsames Bin’
’
demittel‘, die vorhandene Vielfalt und Tiefe am Institut besser zu integrieren.
Und obschon die wissenschaftliche Vielfalt am Rockefeller-Institut ganz betr¨
achtliche Dimensionen annahm, war es eine andere Art von Vielfalt als jene,
die sich auf den Colleges‘ von Oxford oder Cambridge manifestiert. Auch dort
’
bildet das gemeinsame Essen ein wichtiges Element der universit¨
aren Kultur.
Auf den britischen Colleges erstreckt sich aber die Vielfalt in ihrer gr¨
oßtm¨
oglichen Ausdehnung und reicht von der Arch¨
aologie, von esoterischen Sprachen,
von der Geschichte bis hin zur Mathematik, Physik, Biologie und so weiter.
Bei so hoher Vielfalt wird es aber als Affront gewertet, wenn man zu Tisch
ein Gespr¨
ach u
¨ber die eigene Arbeit beginnen wollte, da viele der Anwesenden
einer Diskussion nicht folgen k¨onnten. Doch am Rockefeller Institut bedeutet
Vielfalt immer nur das weite Land der Biologie – und es geh¨
orte zur Etikette‘,
’
lebhafte Mittagsdiskussionen u
¨ber biomedizinische oder verwandte Wissensgebiete durchzuf¨
uhren. Auf diese Weise stellte der Mittagstisch ein großartiges
Lernexperiment dar, in dem Forscher intensive Diskussionen u
¨ber neue Wege
in der Biomedizin f¨
uhren konnten – und auch f¨
uhrten.
Die Integration wurde aber auch durch w¨
ochentliche Zusammenk¨
unfte erleichtert, an denen jeder teilnehmen sollte und an denen ein oder mehrere Wissenschaftler u
¨ber ihre laufenden Arbeiten berichteten. Es gab auch Nachmittagstees, an denen die meisten Institutsmitglieder teilnahmen. Einer der wichtigsten Integrationspunkte stellte der Zeitschriften-Club‘, speziell der Klinik’
’
Zeitschriften-Club‘ dar. W¨ahrend eines akademischen Jahres traf sich dieser
Klinik-Zeitschriften-Club‘ einmal im Monat und es wurde ein ausgezeichne’
tes Essen serviert. Von jedem wurde die Teilnahme erwartet – und zudem die
48
¨
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Bereitschaft, einen Artikel von allgemeinerem Interesse außerhalb der eigenen
Forschungsaktivit¨aten zu referieren. Niemand wußte im vorhinein, wer ausgew¨
ahlt wird, einen solchen Vortrag vor dem Zeitschriften-Club‘ zu halten.
’
Warum sollten sich erstrangige Wissenschaftler einem solchen Ritual unterziehen Nun, sie taten dies vor allem im Bewußtsein, an einem Welt-Institut‘ zu
’
arbeiten und im Glauben, daß einer der Gr¨
unde ihres Erfolgs im wechselseitigen Lernen bestand. Auch diese Form der regelm¨
aßigen Auseinandersetzung
mit Bereichen, die f¨
ur andere innerhalb des Instituts von Interesse sein k¨
onnten,
stellte einen der Wege zur Ausweitung der intellektuellen Horizonte dar.
Das Beispiel von Oswald Avery dient dazu, einen anderen Aspekt in der
Rockefeller-Kultur‘ hervorzuheben, n¨amlich die F¨
orderung von Ideen und von
’
jungen Wissenschaftlern durch das Medium von Diskussionen und informellen Kontakten. Robert Olby hat Oswald Avery nicht als einen dominanten
Teamleiter beschrieben,13 sondern als jemanden, der einen starken Einfluß auf
j¨
ungere Wissenschaftler durch h¨aufige informelle Diskussionen in seinem B¨
uro
aus¨
ubte. Studiert man die Archive des Rockefeller-Instituts, dann kann man
nicht umhin, die u
uhen Jahren
¨berragende Rolle von Simon Flexner aus den fr¨
des zwanzigsten Jahrhundert anzuerkennen, schon sehr fr¨
uh eine Kultur der
F¨
orderung und Stimulierung junger Wissenschaftler etabliert zu haben. Einmal ins Leben gerufen und verankert, wurde dieses Merkmal weiterhin auch
unter den anderen Direktoren bzw. Pr¨asidenten kultiviert, wie dies speziell in
den Aktivit¨aten von Oswald Avery, Detlev Bronk und Bloebel zum Ausdruck
kam.
Und schließlich stellt auch noch die Umgebung von New York einen gewichtigen Vorteil des Rockefeller-Instituts dar. Vor den Tagen des D¨
usenjets
war New York die nat¨
urliche Anlegestelle f¨
ur Wissenschaftler jenseits des Atlantiks. Und fast selbstverst¨andlich machten ausl¨
andische Forscher denn auch
am Rockefeller-Institut Station. Sicher z¨
ahlte keine andere biomedizinische
Forschungseinrichtung in den Vereinigten Staaten so viele ausl¨
andische Wissenschaftler in ihren Reihen. Dar¨
uber hinaus war das Institut in einem der
sch¨
onsten Stadtteile New Yorks angesiedelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg geh¨
orten das New York Hospital, das Cornell University Medical College sowie das
Sloan Kettering Institute for Cancer Research zu seinen unmittelbaren Nachbarn. Es stand im Kern eines der weltweit gr¨
oßten Zentren in der biomedizinischen Forschung. Seine Umgebung verschaffte ihm zus¨
atzlich die M¨
oglichkeit,
mit den allerneuesten Richtungen, Wegen und Ergebnissen biomedizinischer
Forschung konfrontiert zu sein. Und wenn es auch als verh¨
altnism¨
aßig kleines
Institut nicht die Mannigfaltigkeit an verschiedensten Approaches und Richtungen in der biomedizinischen Forschung durch seine Institutsangh¨
origen zu
13 Siehe Robert Olby, The Protein Version of the Central Dogma, in: Genetics 79 (1975),
3–27; ders., The Path to the Double Helix, Seattle 1979.
¨
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49
repr¨
asentieren vermochte, so bot es doch eine Plattform daf¨
ur, daß im Grunde
s¨
amtliche f¨
uhrenden Forscher innerhalb der Biomedizin Rockefeller besuchten,
um Darstellungen ihrer neuesten Arbeiten und Forschungen zu vermitteln. Verschieden lange Stipendien der Rockefeller Foundation an junge britische oder
europ¨
aische Forscher brachten zudem die Creme de la Creme an jungen wissenschaftlichen Talenten nach New York.
Wegen seiner im wesentlichen gleichbleibenden Struktur und seiner tradierten Wissenschaftskultur stellt das Rockefeller-Institut/Universit¨
at noch immer
eines der weltweit f¨
uhrenden Zentren im Bereich der biomedizinischen Forschung dar. Doch seit den 1950er Jahren steht es nicht mehr als dermaßen
dominante und u
¨berragende Erscheinung in der biomedizinischen Landschaft
wie es dies in der ersten H¨alfte des zwanzigsten Jahrhunderts tat. Der erste
Grund daf¨
ur liegt darin, daß das D¨
usenflugzeug einen außerordentlich starken
Effekt darauf aus¨
ubte, die f¨
uhrenden St¨
atten der biomedizinischen Forschung
zu verschieben. Es war nicht mehr l¨anger notwendig, an der Ostk¨
uste angesiedelt zu sein. Herausragende Wissenschaftler waren zunehmend bereit, sich
auch im s¨
udlichen Kalifornien, in Palo Alto, in San Francisco, in Seattle oder
in zahlreichen anderen Forschungsst¨atten quer u
¨ber die Vereinigten Staaten
niederzulassen. Dar¨
uber hinaus verlor Rockefeller zu jenem Zeitpunkt, als das
National Institute of Health die biomedizinische Forschung in großem Maßstab
zu finanzieren begann, seine besonderen finanziellen Vorteile. Keine gr¨
oßere private Forschungseinrichtung konnte ohne ¨
offentliche Finanzierung auskommen,
wollte sie wissenschaftlich in die allerersten Reihen vorstoßen oder diese Position beibehalten. Als Resultat von neuen Transport- und Verkehrsm¨
oglichkeiten
sowie von neuen Finanzierungsquellen war es Rockefeller nicht mehr m¨
oglich,
seine dominante Position innerhalb der biomedizinischen Welt wie in fr¨
uheren
Zeiten ungebrochen aufrechtzuerhalten.
Auch die interne Struktur begann sich zu wandeln, eine Ver¨
anderung, die
einige negative Effekte f¨
ur seine langfristige Zukunft mit sich brachte, aber
letztlich keine allzu starken Auswirkungen f¨
ur seine Vorreiterrolle als Center of
Excellence in der biomedizinischen Forschung bewirken sollte. Im Jahr 1953 berief das Institut Detlev Bronk, den Pr¨asidenten der Johns-Hopkins-Universit¨
at,
zu seinem neuen Direktor. Wie schon oben erw¨
ahnt, bestand der wichtigste
Wechsel unter Bronks F¨
uhrung darin, daß der wissenschaftliche Beirat aufgel¨
ost wurde und der bisherige Aufsichtsrat zur alleinigen Kontrollinstanz des
Instituts aufgewertet wurde. Ebenfalls unter Bronk’s F¨
uhrung verwandelte sich
das Rockefeller-Institut zur einzigen reinen Graduierten-Universit¨
at innerhalb
der Vereinigten Staaten. Auf diesem Gebiet wurde Rockefeller eine Ausnahmeerscheinung, da es keine formellen Kursprogramme gab, nur acht Lehrveranstal¨
tungen angeboten wurden und keine davon verpflichtend war. Uber
lange Jahre
wies Rockefeller mehr Lehrpersonal als Studenten auf, die sich als u
¨beraus be-
50
¨
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gabt erwiesen und in dieser Umgebung ein hohes Maß an Selbstdisziplin an den
Tag legten. Wegen ihrer kleinen Anzahl konnte den Studenten eine sehr umfassende und gr¨
undliche Ausbildung innerhalb einer innovationsfreundlichen wie
auch sehr f¨ordernden und anspornenden Umgebung angeboten werden.
Aber als Ergebnis der neuen Rolle der Organisation ver¨
anderte sich auch
der Stellenwert der Institutsmitglieder. Wurden unter Bronk und seinem Nachfolger Seitz noch eine Reihe an hochkar¨atigen Forschern eingestellt, ging Rockefeller ohne seinen wissenschaftlichen Beirat dazu u
¨ber, auch weniger herausragende Wissenschaftler in Dauerpositionen zu u
unde
¨bernehmen. Einer der Gr¨
f¨
ur diesen Wechsel hatte mit der zunehmenden Vielfalt innerhalb von Rockefeller zu tun. Mit der Zunahme an Gr¨oße wurde es f¨
ur den Pr¨
asidenten zunehmend
schwieriger, die individuellen Qualit¨aten jedes Wissenschaftlers einzusch¨
atzen.
Dar¨
uber hinaus stand Bronk selbst, der im u
ats¨brigen als brillanter Universit¨
verwalter mit einem ungew¨ohnlichen Charisma agierte, nicht mehr innerhalb
der biomedizinischen Forschung, als er zum Direktor von Rockefeller ernannt
wurde. Obwohl er als sehr gesch¨atzter Bio-Physiker galt, hatte er sich schon
seit langen Jahren auf die Universit¨ats-Administration verlegt. Zudem war sein
Nachfolger, der prominente Physiker Fred Seitz, zwar als Pr¨
asident der National Academy of Sciences hervorgetreten, aber niemals als Biologe. Er kannte
einfach die biomedizinische community nicht in jenem Ausmaß und jener Genauigkeit wie die ersten beiden Direktoren. Die Unterschiede im wissenschaftlichen Hintergrund von Bronk und Seitz schlugen sich auch in der Tatsache
nieder, daß einige der dauerhaften Anstellungen zumindest eine Stufe unterhalb der Qualit¨at jener Rekrutierungen ausfielen, die w¨
ahrend der Jahre der
ersten beiden Direktionen zum Standard z¨
ahlten.
Noch wichtiger f¨
ur die dauerhafte F¨
ahigkeit der Rockefeller Universit¨
at,
große Durchbr¨
uche zu erzielen, erwiesen sich die leichten Anpassungen ihrer
internen Struktur an die jeweils ver¨anderten Rahmenbedingungen f¨
ur Forschungsfinanzierungen. Als Mittel vom National Institute of Health verf¨
ugbar
wurden, wuchsen mehrere der Laboratorien an Gr¨
oße, wurden st¨
arker nach
innen gerichtet und damit auch in h¨oherem Maße autonom. Das gemeinsame
Mittagessen aller mit allen wurde nicht mehr gepflegt. Zu Beginn der 1970er
Jahre gab es zu viele Forscher, zu viele postdoktorale Mitarbeiter und zu viele
Studenten, um die Kommunikations- und Integrationsformen aus der Fr¨
uhzeit
aufrechtzuerhalten. Und so begannen die meisten Laboratorien, ihrerseits eigene Zeitschriften-Clubs zu er¨offnen. Gleichzeitig sank die Teilnehmerzahl an den
w¨
ochentlichen wissenschaftlichen Vortr¨agen dramatisch. Diese beiden Anzeichen deuten klar darauf hin, daß dieselbe Form an horizontalen Kommunikationen und Kontakten nicht l¨anger stattfand, wie sie f¨
ur die erste H¨
alfte des
zwanzigsten Jahrhunderts noch typisch gewesen war. Und doch, trotz des geringeren Grades an Integration, erweist sich Rockefeller noch immer als weitaus
¨
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51
weniger differenziert als jede andere amerikanische Universit¨
at. Allein die Tatsache, daß es keine eigenen Abteilungen oder Institute gibt und daß jedes Labor
mit dem Abgang seines Leiters geschlossen wird, verschafft dieser Forschungseinrichtung ein außergew¨ohnliches Maß an Flexibilit¨
at und an M¨
oglichkeiten,
sich den Ver¨anderungen im wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß anzupassen.
Und es ist diese Flexibilit¨at und Adaptivit¨
at, welche im Kern erkl¨
aren, warum
das Rockefeller Institut trotz seiner nur geringen Gr¨
oße noch immer alle anderen biomedizinischen Forschungsst¨atten in den USA u
¨berragt. Auch heute
besitzt dieses Institut einen h¨oheren Anteil seiner Forscher an den Mitgliedern
der National Academy of Sciences oder an Howard Hughes-Forschern als jede
andere Forschungseinrichtung in den USA. Dar¨
uber hinaus wird auch die ProKopf-Quote an Drittmitteln f¨
ur biomedizinische Forschung durch das National
Institute of Health von keiner anderen Forschungsorganisation in den Vereinigten Staaten erreicht oder u
¨bertroffen. Und Rockefeller stellt auch heute ein
Forschungsinstitut dar, in dem immer wieder große wissenschaftliche Durchbr¨
uche und spektakul¨are biomedizinische Entdeckungen passieren.
Große Forschungseinrichtungen und ihre großen Probleme mit großen Durchbr¨
uchen
Mit dem Zuwachs von Vielfalt und von Tiefe innerhalb von wissenschaftlichen Einrichtungen stellt sich fast wie von selbst eine Tendenz in Richtung von
st¨
arkerer Differenzierung und von weniger Integration ein. Diese Ver¨
anderungen
werden oftmals von einer Zunahme an hierarchischer und b¨
urokratischer Koordination begleitet, was sich insgesamt negativ auf das Zustandekommen großer
Durchbr¨
uche zu Buche schl¨agt. Strukturbr¨
uche und Paradigmenwechsel innerhalb des biologischen oder des medizinischen Wissens ziehen markante Folgen
f¨
ur die Vielfalt und die Tiefe von Forschungseinrichtungen nach sich und machen sich vor allem in der Neugr¨
undung von Instituten oder Unterabteilungen
bemerkbar, welche diese neuen und heißen‘ biomedizinischen Felder abdecken,
’
wollen diese Einrichtungen ein Image des Anachronismus oder des Traditionalismus vermeiden. Und so begannen beispielsweise Universit¨
aten, Forschungsinstitute oder medizinische Fakult¨aten die Bio-Chemie zu inkorporieren, sobald
sich dieses Feld auszuweiten begann. Genetik, Bio-Physik und verschiedene andere medizinische oder chirurgische Spezialisierungen klinkten sich mit der Zeit
in medizinische Fakult¨aten und andere Forschungsorganisationen ein. Solche
Ausweitungen gingen in der Regel mit der Rekrutierung mehrerer oder mitunter vieler neuer Wissenschaftler einher, um die erforderliche wissenschaftliche
Tiefe auch sicherzustellen. Neue Generationen von Instrumenten und anderen
Technologien brachten ebenfalls den Zuzug neuen wissenschaftlichen Personals
mit sich. Aber der Zuwachs von Personal in neuen Spezialfeldern, die Zunahme
52
¨
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an Vielfalt mit der erforderlichen Streuung von Begabungen sowie die Steigerung der wissenschaftlichen Tiefe in jedem dieser Gebiete impliziert auch ein
Gr¨
oßerwerden der einzelnen Forschungseinrichtungen. Das universelle Problem,
das sich dabei stellt, liegt darin, wie Institute mit den beiden Ph¨
anomenen
von Wissensexpansion‘ und Gr¨oßenwachstum‘ umgehen. Lautet die Antwort
’
’
der Forschungseinrichtungen, dem biomedizinischen Wissensfortschritt mittels
Schaffung immer neuer Institute und Laboratorien und u
¨ber mehr und mehr
hierarchische wie b¨
urokratische Kontrollen zu begegnen, dann f¨
uhren solche
Prozesse unweigerlich zu einem R¨
uckgang an Integration und schm¨
alern die
M¨
oglichkeit f¨
ur neue große Entdeckungen oder fundamentale Perspektivenwechsel. Andererseits kann derselbe Prozeß durchaus dazu f¨
uhren, daß diese
großen Institute sehr produktiv werden, wenn man nur die Anzahl ver¨
offentlichter wissenschaftlicher Artikel als Bezugspunkt heranzieht.
Beispiele von Forschungseinrichtungen, welche die Erkenntnisfortschritte
in den biologischen und den medizinischen Wissenschaften u
¨ber neue Institutsgr¨
undungen und u
onnen
¨ber das Gr¨oßenwachstum eingefangen‘ haben, k¨
’
an zahlreichen großen amerikanischen Forschungsuniversit¨
aten wie zum Beispiel an den Universit¨aten von Illinois, California (Berkeley), Minnesota oder
Michigan und an vielen medizinischen Fakult¨
aten wie etwa an der University of California in Los Angeles, Yale oder an der University of Pennsylvania
gefunden werden. Viele dieser Forschungsst¨
atten schienen zu gewissen Zeiten
nahezu pr¨
adestiniert daf¨
ur, als Ort großer biomedizinischer Durchbr¨
uche in
Erscheinung zu treten. Aber solche großen Entdeckungen stellten sich nicht
ein, weder damals noch sp¨ater. Es muß unbedingt betont werden, daß nach
dem Zweiten Weltkrieg diese Universit¨aten und medizinischen Fakult¨
aten u
¨ber
große Forschungsmittel verf¨
ugten, als sehr produktiv galten und eine große Anzahl an Wissenschaftlern in der National Academy of Sciences stellten. Aber
trotz alledem besaßen sie nicht den geeigneten strukturellen und kulturellen
Forschungskontext, der f¨
ur große und spektakul¨
are Durchbr¨
uche innerhalb der
Biomedizin ben¨otigt wird.
Man k¨
onnte nun zahlreiche Beispiele von Forschungseinrichtungen anf¨
uhren, die auf der einen Seite ein hohes Ausmaß an Vielfalt und Tiefe besaßen
und die andererseits weder hochgradig interdisziplin¨
ar oder wissenschaftlich
integriert organisiert waren, sondern u
¨ber ein hohes Ausmaß an innerer Differenzierung verf¨
ugten. Dieses Ph¨anomen kam besonders klar in Form scharfer
Grenzziehungen zwischen einzelnen Instituten zum Ausdruck. In diesem Zusammenhang stellt die University of California in Berkeley ein besonders markanntes Beispiel dar. Berkeley bildet eine der weltweit f¨
uhrenden Universit¨
aten
und besitzt doch einen spektakul¨ar unspektakul¨
aren Ruf, wenn man ihn an
der Anzahl von großen Durchbr¨
uchen im zwanzigsten Jahrhundert bemessen
w¨
urde. Es stimmt zwar, daß sich in Berkeley eine Reihe von großen wissen-
¨
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53
schaftlichen Durchbr¨
uchen innerhalb der Physik oder der Chemie ereigneten,
aber die Entwicklung innerhalb der Biologie zeigt ein ganz anderes Bild. Zu
Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war Berkeley noch eine unter mehreren
St¨
atten, an denen Jacques Loeb einige seiner bahnbrechenden Arbeiten unternahm. Und w¨ahrend der 1920er Jahre gelang Herbert M. Evans eine große
Entdeckung in der Biologie. Aber u
¨ber mehr als sechzig lange Jahre hat die
wissenschaftliche community keine einzige biologische Arbeit aus Berkeley als
große Entdeckung oder als spektakul¨aren Durchbruch gefeiert oder klassifiziert.
Ein gutes St¨
uck der Erkl¨arung liefert die Tatsache, daß sich die wissenschaftliche Vielfalt in Berkeley in zahlreichen fragmentierten Instituten niederschlug,
die zudem weit u
¨ber den Campus verstreut lagen.
Die Berkeley-Jahre des prominenten Genetikers Curt Stern machen viele
dieser Probleme sp¨
urbar und deutlich. Stern verf¨
ugte u
¨ber eine hervorragende Ausbildung an deutschen Universit¨aten, bevor er in den dreißiger Jahren
in die Vereinigten Staaten emigrierte. Obwohl er ein Genetiker war, wurde
er im Department of Zoology im College of Arts and Sciences angestellt, wogegen das Genetik-Institut in Berkeley im College of Agriculture residierte.
Und immer, wenn Stern eine Lehrveranstaltung u
¨ber Genetik halten wollte,
entstanden dar¨
uber betr¨achtliche Spannungen und Streitigkeiten um das Mo’
nopol der Lehre‘. Weil das Genetik-Institut im College of Agriculture beheimatet war, waren die dortigen Genetiker der Ansicht, daß es v¨
ollig unzul¨
assig
sei, wenn Mitglieder eines Instituts f¨
ur Zoologie eine Genetik-Veranstaltung
durchf¨
uhren wollen, selbst wenn es sich dabei um Personen vom Profil Carl
Sterns handelte. Stern war zu dieser Zeit bereits der herausragendste Genetiker am gesamten Berkeley Campus und ein Wissenschaftler von internationalem
Format. Und obschon Stern als eine sehr kooperative, kollegiale und eine sehr
offene Person galt, zeigen seine Jahre in Berkeley doch beispielhaft und deutlich, wie die herrschenden Strukturen der Biologie in Berkeley es f¨
ur die dort
t¨
atigen Wissenschaftler erschwerten, miteinander h¨
aufig und intensiv u
¨ber die
verschiedenen Bereiche der Biologie in Kontakt zu treten oder zu interagieren – immerhin die Vorbedingungen daf¨
ur, wenn sich große Durchbr¨
uche und
spektakul¨
are Paradigmenverschiebungen ereignen sollen. In seinen kognitiven
Innenstrukturen wies Stern ein hohes Maß an wissenschaftlicher Vielfalt auf
– und genau diese kognitive Architektur Carl Sterns geriet in betr¨
achtlichen
Widerspruch zu den manifest fragmentierten und ausdifferenzierten Organisationsformen in Berkeley. Wegen dieser dauerhaften Diskrepanzen sollte Stern in
Berkeley nie sein wissenschaftliches Potential verwirklichen k¨
onnen. Es muß an
dieser Stelle erw¨ahnt werden, daß in den sp¨
aten 1980er und den fr¨
uhen 1990er
Jahren die University of California ihre allzu verteilte und zu stark differenzierte Grundstruktur innerhalb der Biologie als Qualit¨
atsproblem erkannte. Und so
wurde der gesamte Bereich der biologischen Wissenschaften restrukturiert und
54
¨
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in diesem Prozeß mehr als ein Dutzend Institute aufgel¨
ost. Nach Jahren der
Rekonfigurationen innerhalb der Biologie weist Berkeley heute ein weitaus in’
tegrierteres‘ Biologie-Programm und eine Grundstruktur auf, welche ein hohes
Potential f¨
ur große Durchbr¨
uche und Entdeckungen in der Zukunft birgt.
Differenzierung, Gr¨oße und B¨
urokratisierung stellen jene haupts¨
achlichen
Schl¨
usselfaktoren dar, welche speziell die organisatorische Flexibilit¨
at einengen und behindern. Die Wissenschaften und ihre Erkenntnisfortschritte sind
durch u
¨beraus dynamische Prozesse charakterisiert. Und dies wiederum bedeutet, daß Forschungseinrichtungen, wollen sie sich diesen schnellen Ver¨
anderungen erfolgreich anpassen, u
ugen m¨
ussen. Genau
¨ber hochflexible Strukturen verf¨
diese Flexibilit¨at in den Anpassungen an die kognitiven Umbr¨
uche und Neustrukturierungen bildet das Potential, aus dem sp¨
ater die großen Entdeckungen
werden. Ein Mangel an Flexibilit¨at stellt das Grundproblem an den meisten medizinischen Fakult¨aten innerhalb der Vereinigten Staaten dar. Als eine große
Anzahl dieser medizinischen Fakult¨aten gegr¨
undet wurde, wurden sie von den
klinischen Wissenschaften dominiert, speziell von den Instituten f¨
ur Medizin
und f¨
ur Chirurgie. Die meisten medizinischen Fakult¨
aten wurden scharf zwischen klinische Wissenschaften und Grundlagenforschung getrennt. Aus diesem
Grunde erwies es sich f¨
ur die meisten dieser grundlagenorientierten Institute
innerhalb der medizinischen Fakult¨aten als ¨
außerst schwierig, jene Autonomie
und organisatorische Umgebung zu erhalten, die f¨
ur große Durchbr¨
uche und
herausragende Arbeiten notwendig ist. Obschon sich u
¨ber die Jahre die medizinischen Fakult¨aten an den Universit¨aten von Michigan, Minnesota, Pennsylvania oder Wisconsin als sehr stark oder als qualitativ hochwertig innerhalb der
klinischen Wissenschaften auswiesen, so haben sie doch im zwanzigsten Jahrhundert keine oder ganz wenige Spuren im Bereich der großen biomedizinischen
Durchbr¨
uche hinterlassen.
Die University of Chicago stellt den Fall einer sehr prestigetr¨
achtigen Ein¨
richtung dar, welche im Bereich der Chemie, der Physik, aber auch der Okonomie große Beitr¨age zum Wissensfortschritt geliefert hat. Und doch zeigt sich der
Beitrag dieser Universit¨at innerhalb der Biomedizin von einer vernachl¨
assigbaren Gr¨
oße. Interessant wird der Fall der University of Chicago noch dadurch,
daß sie von ihrer Grundstruktur her eigentlich große biomedizinische Durchbr¨
uche h¨
atte erm¨oglichen sollen. Und so zeigt das Beispiel von Chicago, daß
neben einer passenden Organisation auch die dazugeh¨
origen kognitiven oder
biomedizinischen Landkarten‘ stimmen m¨
ussen: ohne stimmige kognitive Kar’
’
ten‘ keine spektakul¨aren Entdeckungen. Die University of Chicago besitzt zwar
im Unterschied etwa zum Rockefeller-Institut oder zu Cal Tech akademische
Institute, doch im Gegensatz zu den meisten Forschungsuniversit¨
aten sind die
gesamten biomedizinischen Wissenschaften innerhalb einer Großabteilung f¨
ur
Biologie unter der F¨
uhrung einer einzelnen Person zusammengefaßt. Anders
¨
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55
ausgedr¨
uckt, erweisen sich die biologischen Wissenschaften bei weitem nicht so
fragmentiert und ausdifferenziert wie an den meisten großen Forschungsuniversit¨
aten. Warum verzeichnete dann aber die University of Chicago l¨
angerfristig nicht mehr spektakul¨are Durchbr¨
uche in der Biomedizin Die Antwort ist
dreigeteilt, denn sie liegt (1) in unpassenden kognitiven Landkarten‘, (2) in
’
organisatorischen Tr¨agheiten‘ sowie (3) in der Dominanz von Einzelinteressen.
’
Die University of Chicago schuf schon in sehr fr¨
uhen Zeiten ein starkes
Programm f¨
ur den Bereich der Biologie, doch im Unterschied zur Ausrichtung
am Cal Tech besaß dieses Programm keine starke Grundlage in der Genetik.
Es gab sogar starke Vorbehalte gegen jene Art der Genetik, wie sie von Morgan und seinem Team an der Columbia University und sp¨
ater am Cal Tech
betrieben und weiterentwickelt wurde. Als Sewall Wright, der herausragende
Populationsgenetiker, auf die Universit¨at von Chicago berufen wurde, rief er
eine Stiftung f¨
ur Genetik ins Leben, die aber nicht so unmittelbar zur Entwicklung der Molekulargenetik beitrug wie das Cal Tech-Programm. Dar¨
uber
hinaus fand Sewall Wright oder der Bereich der Genetik allgemein von den
meisten seiner Biologie-Kollegen nicht die n¨
otige Unterst¨
utzung.14 Doch als
der Erkenntnisfortschritt in der Biomedizin sich immer st¨
arker in Richtung
Genetik hinbewegte, wies die Universit¨at Chicago zwar eine große Anzahl beeindruckender Biologen auf, die aber allesamt einem Programm aus fr¨
uheren
Zeiten nachhingen. Aus diesem Grunde hatte Chicago bedeutende Schwierigkeiten, sich den neuen Gegebenheiten in der Genetik anzupassen und sich wieder in
eine F¨
uhrungsposition innerhalb der Biologie zu katapultieren. Es sollte aber
noch schlimmer kommen. Als Frank Lillie, eine der unbestrittenen Leuchten
innerhalb der seinerzeitigen Biologie, in den fr¨
uhen dreißiger Jahren als Leiter
der Biologischen Abteilung zur¨
ucktrat, kamen die biologischen Wissenschaften
zunehmend unter die Dominanz von klinischen Forschern in der medizinischen
Fakult¨
at. Es fehlte pl¨otzlich jede Leitung mit entsprechendem Sensorium f¨
ur die
weitere Dynamik in der Biomedizin. Und mit der zunehmenden Unterordnung
der Biologie unter die klinischen Wissenschaften waren auch keine Anreize mehr
gegeben, mehr Integration oder mehr an Interdisziplinarit¨
at in die biologische
Grundlagenforschung zu bringen.
Strategien f¨
ur große Forschungseinrichtungen f¨
ur ein gekoppeltes Wachstum‘ von
’
Vielfalt und Tiefe einerseits und wissenschaftlicher Integration andererseits
Eine weitere Gruppe von Ergebnissen unserer Studie befaßt sich mit verschiedenen Strategien f¨
ur Großforschungseinrichtungen, mehr an Vielfalt und Tiefe
zu erreichen, ohne sich notwendigerweise in mehr Abteilungen aufzuspalten.
14 Vgl. William B. Provine, Sewall Wright and Evolutionary Biology, Chicago 1986.
56
¨
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Da immer wieder der Zusammenhang und Kreislauf von Gr¨
oßenwachstum,
Differenzierung in mehr Abteilungen, erh¨
ohte hierarchische und b¨
urokratische
Koordination sowie weniger soziale Integration und damit weniger an großen
Durchbr¨
uchen betont wurde, liegt das haupts¨
achliche Problem darin, wie große
Forschungseinrichtungen auf neue Wissensfelder mit einer Zunahme an wissenschaftlicher Vielfalt und Tiefe, aber nicht an Gr¨
oße reagieren k¨
onnen. Wir
haben eine Reihe von interessanten Strategien gefunden, welche einzelne Forschungseinrichtungen einschlagen, von denen einige n¨
aher vorgestellt werden
sollen: (1) eine F¨
uhrung mit dem klaren Ziel, die Gr¨
oße konstant zu halten
und mehr Wissenschaftler mit wissenschaftlicher beziehungsweise disziplin¨
arer
Vielfalt zu rekrutieren, (2) der Aufbau eines speziellen Forschungsprogramms
oder einer speziellen Abteilung innerhalb der biomedizinischen Wissenschaften,
welche starke Anforderungen an die interdisziplin¨
are Zusammensetzung und
an die erfolgreiche Integration stellen und damit zu einer interdisziplin¨
aren
und integrierten Wissenschaftskultur f¨
uhren, (3) die Schaffung eines kleinen
interdisziplin¨aren Forschungsinstituts innerhalb einer hoch differenzierten Forschungseinrichtung.
Die erste Strategie in Richtung von mehr Vielfalt bei konstanter Gr¨
oße
wurde durch eine Reihe von privaten Forschungsuniversit¨
aten eingeschlagen.
Einige Universit¨aten, welche als St¨atten großer Durchbr¨
uche seit dem Zweiten
Weltkrieg in Erscheinung traten, kontrollierten effektiv ihr Gr¨
oßenwachstum.
Ein wichtiges Beispiel w¨are Cal Tech. Aber in Universit¨
aten mit einer klaren
Institutsstruktur erweist sich diese Aufgabe als weitaus schwieriger, weil wissenschaftliche Institute die Tendenz haben, sich vor allem erweitert selbst zu
reproduzieren. Universit¨ats-Institute, welche Tiefe und Vielfalt innerhalb ihrer wissenschaftlichen Disziplin erh¨ohen wollen, versuchen in der Regel, neues
Personal zu rekrutieren und damit gr¨oßenm¨
aßig zuzunehmen.
Ein interessantes Gegenbeispiel wird durch Harvard markiert, wo eine der
Hauptaufgaben des Universit¨atspr¨asidenten seit den Tagen von James Conant darin besteht, ein ad hoc-Komitee an herausragenden Wissenschaftlern
zusammenzustellen, um jede dauerhafte Anstellung in der Fakult¨
at f¨
ur Arts
and Sciences zu evaluieren und zu genehmigen. Diese ad hoc-Komitees haben
sich vielfach gegen die Beurteilung durch die jeweiligen Universit¨
atsinstitute
gestellt, indem sie immer wieder ein massives Veto gegen ein dauerhafte Anstellung einlegten, die von den jeweiligen Instituten bef¨
urwortet worden waren.
Dieser Prozeß, gegen die geschlossene Reproduktion von Instituten vorzugehen,
hat im Gegenzug die Vielfalt erh¨oht und hat auf diese Weise die Flexibilit¨
at
von Harvard gesteigert, sich auf die neuen wissenschaftlichen Herausforderungen einzustellen. Auf diese Weise hat Harvard einen gewichtigen komparativen
Vorteil gegen¨
uber anderen Universit¨aten erlangt.
Mit seiner Strategie schaffte es Harvard, langfristig hochqualifizierte Wis-
¨
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57
senschaftler auf dauerhafte Positionen zu setzen, welche auch dauerhaft an
vorderster Front stehen. Wegen ihres hohen Status innerhalb von Harvard und
der wissenschaftlichen Welt im allgemeinen gelang es den Harvard-Biologen
in periodischen Abst¨anden, sich in neue Abteilungen oder Institute zu re¨
konfigurieren. Uber
diese Flexibilit¨at zur Schaffung neuer Institute vermochte es Harvard, sich den Strukturver¨anderungen und der Dynamik des wissenschaftlichen Fortschritts anzupassen. Ohne seine sehr strengen ad hoc-Komitees
h¨
atten die einzelnen Institute wesentlich h¨
ohere Chancen besessen, sich ge’
schlossen‘ zu reproduzieren, die biologischen Institute und Abteilungen w¨
aren
wissenschaftlich entlang konservativerer Pfade gewandelt und h¨
atten sich damit vielf¨
altige Chancen und Potentiale versperrt, sich dem schnellen Tempo
wissenschaftlicher Revolutionen strukturell anzupassen.
Eine zweite Strategie besteht darin, entweder ein integriertes Programm
aufzubauen, welches Aspekte der Vielfalt, Tiefe und der Integration in den
Vordergrund r¨
uckt oder den Prozeß zunehmender Differenzierung dadurch aufzuhalten, daß innerhalb der einzelnen Institute dieselben Ziele verfolgt werden.
Zwei Illustrationen dieser Strategien sind das Biologie-Institut am MIT und die
Grundlagenwissenschaften an der University of California in San Francisco,
beide die gegenw¨artig f¨
uhrenden Forschungseinrichtungen in den Vereinigten
Staaten, wenn nicht u
¨berhaupt der ganzen Welt.
Ein dramatisches Beispiel, wie sich eine medizinische Fakult¨
at zu transformieren vermag, liefert die Restrukturierung des Bio-Chemie-Instituts an der
University of California in San Francisco, das in den 1960er Jahren prim¨
ar
durch seine Unauff¨alligkeit auffiel. Gegen Ende der 1960er Jahre rekrutierte
die Universit¨at einen neuen Institutsleiter, n¨
amlich Bill Rutter von der University of Washington, und einen Stellvertreter, Gordon Tompkins, um das
Bio-Chemie-Institut zu leiten. Sie ¨anderten sofort den Institutsnamen in ein
Institut f¨
ur Bio-Chemie und Bio-Physik“ und f¨
uhrten eine eigene Abteilung
”
f¨
ur Genetik ein. Rein von den Bereichen her vollzog sich ein hoher Anstieg
an wissenschaftlicher Vielfalt. Rutter und Tompkins l¨
osten das Problem von
wissenschaftlicher Vielfalt und Integration, indem sie polyvalente‘ Personen
’
rekrutierten, die sich durch Spezialisierungen in mehreren Feldern auszeichneten und die zudem die Gabe besaßen, mit anderen Personen oder Teams gut
zusammenarbeiten zu k¨onnen. Diese Rekrutierungspraxis f¨
uhrte geradewegs
dazu, die Vielfalt von Perspektiven zu erh¨
ohen und auch Kommunikationsprozesse quer u
¨ber unterschiedliche Disziplinen zu erleichtern. Und da dieses neue
Institut mit den anderen Grundlagen-Instituten kooperierte, wurde der Begriff
des eigenst¨andigen Instituts selbst fragw¨
urdig. Langsam verschwanden denn
auch die Instituts- oder Abteilungsgrenzen innerhalb der dortigen Grundlagenforschung. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß sich an der
UCSF innerhalb einer Periode von nur zwanzig Jahren gleich mehrere spek-
58
¨
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takul¨
are Durchbr¨
uche ereigneten. Die große Vision“ von Bill Rutter, Harold
”
Varmus, Michael Bishop, Bruce Alberts, Stanley Prusiner und anderen war ein
direkter Angriff auf die Departmentalisierung‘, die sich in den meisten ameri’
kanischen medizinischen Fakult¨aten, aber auch an den meisten amerikanischen
Universit¨
aten breitmachte. Die Strategie der medizinischen Fakult¨
at an der
UCSF zur Organisierung ihrer Grundlagenforschung sollte zu einem beneideten best practice-Fall avancieren, den andere medizinischen Fakult¨
aten noch
immer zu imitieren versuchen.
Ein weiteres Beispiel f¨
ur eine fundamentale Umwandlung stellt das BiologieInstitut am MIT dar, das vor den 1960er Jahren so durch Mittelm¨
aßigkeit
gl¨
anzte, daß es Gefahr lief, von der Universit¨
atsverwaltung u
¨berhaupt geschlossen zu werden. Doch die Ernennung von Salvadore Luria zum MIT-Professor
brachte einen grundlegenden Wandel in den bisherigen Strategien mit sich.
Denn Luria schloß sich schnell mit Boris Magasanik, der aus der medizinischen
Fakult¨
at von Harvard bestellt wurde, zu einem Team zusammen, und dieses
neue Team begann sofort, ein neues integriertes Programm f¨
ur die Ausbildung
von College-Studenten zu entwickeln. Dieses Programm erwies sich als so erfolgreich, daß mehr und mehr Studenten sich daf¨
ur entschieden – und dieser
meßbare Erfolg f¨
uhrte seinerseits dazu, mehr Lehrpersonal aufzunehmen. In
diesem Prozeß wurden dann zwei riskante strategische Entscheidungen getroffen. Erstens sollte der gesamte Bereich der Biologie u
¨ber ein einziges Institut repr¨
asentiert werden; und zweitens sollte dieses Institut nur solche hochrangigen
Wissenschaftler aufnehmen, die erwiesenermaßen u
¨ber hohe Kommunikationsund Interaktionskompetenzen verf¨
ugen. Und obschon zwei Forschungsinstitute, das Whitehead Institute und ein Krebsforschungsinstitut, in den n¨
achsten
Jahren an das Biologie-Department angebunden wurden, ist die grunds¨
atzliche
Strategie beibehalten worden. Weniger als sechzig Mitglieder sollten nach den
bisherigen Rekrutierungskriterien die MIT-Biologie vorantreiben. Anders ausgedr¨
uckt, die MIT-Biologie wurde nicht in zahlreiche Institute unterteilt und
aufgespalten. Und als bemerkenswert f¨allt auch auf, daß die Integration im Falle von MIT u
ur College-Studenten
¨ber ein integriertes Ausbildungsprogramm f¨
vollzogen wurde, an dem aber viele Institutsmitglieder teilnahmen. Die Erfolgsgeschichte am MIT verdient auch deswegen Beachtung, weil normalerweise die
Lehre als Barriere oder Hindernis f¨
ur ein erstklassiges Forschungsprogramm
wahrgenommen wird. Innerhalb nur kurzer Zeit avancierte aber das MIT leh’
rinduziert‘ zu einem Zentrum, an dem sich gleich eine Reihe von großen biomedizinischen Durchbr¨
uchen ereignete. Heute weist allein dieses Institut vier
Nobel-Preistr¨ager aus – und der mittlerweile verstorbene Salvadore Luria war
der f¨
unfte Preistr¨ager dieser Einrichtung.
Eine dritte Strategie resultiert schließlich aus der M¨
oglichkeit, ein kleines interdisziplin¨ares Forschungsinstitut oder ein Zentrum‘ im Umkreis einer
’
¨
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Universit¨
at oder einer medizinischen Fakult¨
at zu etablieren. Dieses Institut
sollte großteils unabh¨angig agieren k¨onnen und sollte vor allem auf den Dimensionen von Vielfalt‘, Tiefe‘, Integration‘ hoch rangieren. Eine sehr große
’
’
’
Forschungsuniversit¨at, die University of Wisconsin, folgte mit der Etablierung
eines Enzyme Institute und des McArdle Cancer-Instituts dieser Strategie sehr
erfolgreich u
¨ber mehrere Jahrzehnte hinweg. Beide waren kleine Institute, die es
gestatteten, Forschung in einer grenz¨
uberschreitenden, problemzentrierten Weise zu betreiben und auch die ben¨otigten Infrastrukturen zu offerieren, damit
Mitglieder aus sehr unterschiedlichen Disziplinen, die im u
¨brigen voll auf diesen
Instituten angestellt waren, intensiv und h¨
aufig zusammentreffen konnten. Wiederum wird der Hinweis wichtig, daß seit dem Jahre 1960 gleich mehrere große
Entdeckungen an diesen beiden Instituten, nicht aber an den angestammten
Instituten an der University of Wisconsin erreicht worden sind.
Die schiere Existenz eines interdisziplin¨
aren Instituts kann naturgem¨
aß
die großen Entdeckungen und Durchbr¨
uche nicht garantieren. In diesem Zusammenhang wird das McArdle Cancer Institute von besonderem Interesse,
und zwar hinsichtlich seiner Leitung durch seinen langj¨
ahrigen Direktor Harold Rausch. Obschon er selbst nicht als herausragender Wissenschaftler in
Erscheinung trat, besaß Rausch ein außerordentliches Gesp¨
ur f¨
ur kommende
’
Richtungen‘ innerhalb der Wissenschaften, f¨
ur singul¨
are wissenschaftliche Begabungen, f¨
ur die Akquisition ausreichender Drittmittel f¨
ur die Forschung und
schließlich f¨
ur die Schaffung einer zwar sehr kritischen und qualit¨
atsbetonten,
aber trotz alledem innovationsfreundlichen Arbeitsatmosph¨
are. Der Karriereweg von Howard Temin am McArdle Cancer Institute mag daf¨
ur als beispielhaft
gelten. F¨
ur beinahe zehn Jahre nach seiner Ankunft in Madison im Jahre 1959
wurde Temin von prominenten Wissenschaftlern quer durch die USA sehr heftig daf¨
ur kritisiert, einen v¨ollig falschen Weg einzuschlagen. Aber Rausch hielt
seine sch¨
utzende Hand u
utzte seine Arbeit weiterhin.
¨ber Temin und unterst¨
H¨
atte sich der vielgeschm¨ahte Temin in einem Institut auf einer der großen
staatlichen Universit¨aten aufgehalten, w¨are ihm wahrscheinlich eine Dauerstellung verwehrt worden. In den Jahren 1969 und 1970 ver¨
offentlichte Temin einige
klassisch gewordene Arbeiten auf dem Gebiet der Erforschung von Retroviren,
die bald darauf in der Verleihung eines Nobel-Preises f¨
ur Medizin beziehungsweise Physiologie m¨
undeten. Die F¨
uhrungsrolle von Harold Rausch erwies sich
als wichtig nicht nur im Fall von Howard Temin, sondern auch f¨
ur andere
Wissenschaftler innerhalb der McArdle-Laboratorien, die große Durchbr¨
uche
w¨
ahrend seiner Direktionszeit verzeichneten.
Die medizinische Fakult¨at der University of Washington in Seattle stellt
ein interessantes Beispiel dar, wie es unter geeigneten Umst¨
anden m¨
oglich wird,
eine neue Fakult¨at aufzubauen, die sich entlang der vordersten Linien der Forschung bewegt. Als die University of Washington ihre neue Fakult¨
at kurz nach
60
¨
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dem Ende des Zweiten Weltkriegs begr¨
undete, stellte sich f¨
ur sie das Problem
der organisatorischen Tr¨agheit‘ noch nicht, das in der Regel die etablierte For’
schungseinrichtungen in Mitleidenschaft zieht. Zur Gr¨
undungsphase der medizinischen Fakult¨at an der University of Washington waren die meisten medi¨
zinischen Fakult¨aten von Arzten
dominiert, die nur ein geringes Interesse f¨
ur
die Forschung entwickelten, was im u
unde daf¨
ur
¨brigen auch einer der Hauptgr¨
war, warum medizinische Fakult¨aten in so geringem Ausmaß durch eigene Forschungsleistungen auffielen. Doch die medizinische Fakult¨
at an der University
of Washington besaß w¨ahrend ihrer ersten Startjahre kein eigenes Spital, und
so mußten sich schon sach- wie gelegenheitsgedrungen die ersten Fakult¨
atsmitglieder auf die Forschung verlegen. Dar¨
uber hinaus verf¨
ugte die medizinische
Fakult¨
at u
¨ber eine herausragende Leitung in der Person von Edward Turner,
der sowohl im Bereich der Lehre als auch der Forschung eine Kultur der Ex’
zellenz‘ verankern wollte. Die meisten der Institutslehrst¨
uhle sowohl in den
Grundlagen- als auch in den klinischen Wissenschaften waren mit ausgezeichneten Personen besetzt, die u
¨ber ihre jeweiligen Fachgrenzen hinweg sehr kooperativ interagierten. Diese Wissenschaftskultur von konkurrierenden, aber
auch kooperativen Instituten mit einer starken wechselseitigen Verpflichtung
auf herausragende Forschung quer u
¨ber die einzelnen Disziplinen hat bis zum
heutigen Tag u
at
¨berdauert. Und da die Entwicklung der medizinischen Fakult¨
an der University of Washington hin zu einer allseits respektierten Einrichtung
sich zur selben Zeit vollzog wie die Ausweitung der Forschungsmittel durch
das National Institute for Health (NIH), stellte sich auch eine enge Verbindung
zwischen der Fakult¨at und dem NIH her. Weil Washington eine relativ junge
und forschungsorientierte Fakult¨at war und wenige Verantwortungen im klinischen Sektor aufwies, konnte sich ein enger Konnex zwischen den einzelnen
NIH-Komitees und der medizinischen Fakult¨
at herausbilden, der die Grundlage f¨
ur die zahlreichen Auftr¨age f¨
ur die forschungsorientierte Fakult¨
at bildete.
Bemerkenswert ist auch, daß sich eine gr¨
oßere Anzahl an spektakul¨
aren Durchbr¨
uchen innerhalb der Biomedizin gerade in diesem setting vollzog. Dar¨
uber
hinaus lassen sich auch zahlreiche Indikatoren daf¨
ur finden, daß die biomedizinischen Wissenschaften an der University of Washington zu einem typischen
Center of Excellence avanciert sind. Seit mindestens f¨
unfzehn Jahren findet
sich die medizinische Fakult¨at unter den ersten drei Forschungseinrichtungen
innerhalb der Vereinigten Staaten mit den h¨
ochsten Forschungsauftr¨
agen vom
National Institute of Health. Und heute beherbergt diese Forschungseinrichtung gleich vier Nobel-Preistr¨ager, wogegen sie im Jahr 1950 nur ein einziges
Mitglied der in die National Academy of Sciences gebracht hatte. Gegenw¨
artig
weist sie gleich mehrere Dutzende Mitglieder der Akademie auf.
¨
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61
Warum Forschungseinrichtungen und nicht Netzwerke
Da Wissenschaftler ihre Kooperationen zunehmend in Netzwerken ausf¨
uhren,
die sich u
¨ber mehrere Forschungseinrichtungen erstrecken, liegt die Frage nahe, warum die Aufmerksamkeit ausgerechnet auf das Innenleben solcher Institute gerichtet werden soll. Zwar stimmt es trivialerweise, daß praktisch alle
Wissenschaftler in Netzwerke eingebunden sind, welche u
¨ber das angestammte
Institut hinausgehen. Doch in unserer Untersuchung von großen biomedizinischen Durchbr¨
uchen im zwanzigsten Jahrhundert erfolgten nur einer oder zwei
als direktes Resultat einer Netzwerk-Kooperation. Unsere Analysen von großen
Durchbr¨
uchen in Europa und den Vereinigten Staaten zeigen im allgemeinen,
daß f¨
ur das Gelingen großer Entdeckungen im Kooperationsverbund folgende
Voraussetzungen gegeben sein mußten: eine intensive und h¨
aufige Interaktion
zwischen den beteiligten Wissenschaftlern, disziplin¨
are Vielfalt der daran beteiligten Personen, kleine Gruppen. Denn aus der Vielfalt resultieren Spannungen,
die sich in kreativen Synthesen‘ ¨außern k¨
onnen. Und zudem muß diese Inter’
aktion intensiv und h¨aufig sein, etwas, das sich normalerweise nur im Falle von
gemeinsamen Orten der Begegnung aufrechterhalten l¨
aßt.
Man k¨
onnte auch auf Ausnahmen zu den soeben aufgestellten Verallgemeinerungen hinweisen, doch reproduzieren selbst diese Ausnahmen das bisher
erl¨
auterte Grundmuster. Eine m¨ogliche Ausnahme, die sich aufdr¨
angt, k¨
onnten die Arbeiten von Delbr¨
uck, Luria und Hershey sein, von Wissenschaftlern
also, die mit Anstellungen in verschiedenen Forschungseinrichtungen gemeinsam mit dem Nobel-Preis f¨
ur Physiologie beziehungsweise Medizin im Jahre
1968 pr¨
amiert wurden. Gerade diese Wissenschaftlergruppe zeichnete sich aber
durch sehr h¨aufige und intensive Kontakte am Cold Spring Harbor Laboratory
aus, wo sie sich jahraus und jahrein zu gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit
trafen.15 Die meisten ihrer spektakul¨aren Arbeiten entstanden, gerade weil sie
sich an einem einzelnen konkreten Platz treffen konnten.
Unsere Studie zeigt, daß ¨außerst prominente biomedizinische Wissenschaftler, beispielsweise Mitglieder der National Academy of Sciences, die aber nie
pers¨
onlich an spektakul¨aren wissenschaftlichen Durchbr¨
uchen beteiligt waren,
in Netzwerken engagiert waren, die gerade nicht diese h¨
aufigen und intensiven interdisziplin¨aren Gespr¨achsrunden und Diskussionen vor Ort erm¨
oglichten. Netzwerke k¨onnen sich ja in zweierlei Richtungen ausbreiten; einmal in
Richtung des Einschlusses von mehr und mehr Wissenschaftsdisziplinen und
einmal in Richtung der Integration von weiteren Forschungseinrichtungen in15 Vgl. N. Mullins, The Development of a Scientific Specialty. The Phage Group and the
Origins of Molecular Biology, in: Minerva 10 (1972); E. P. Fischer u. C. Lipson, Thinking
About Science. Max Delbruck and the Origins of Molecular Biology, New York 1988; S. E.
Luria, A Slot Machine. A Broken Test Tube, New York 1984.
62
¨
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nerhalb desselben disziplin¨aren Bereiches. Es scheint, daß hoch-produktive und
sehr angesehene biomedizinische Wissenschaftler ohne große und nachhaltige
Durchbr¨
uche st¨arker in disziplin¨aren Netzwerken engagiert waren und mit mehreren Kollegen außerhalb des eigenen Instituts, aber innerhalb ihres eigenen
disziplin¨
aren Wirkungskreises zusammenarbeiteten.
Es stimmt zwar, daß viele besonders produktive und herausragende Biologen zunehmend mehr an interdisziplin¨
arer Arbeit mit Wissenschaftlern in
anderen Forschungseinrichtungen verbringen. Gleichzeitig muß diese interdisziplin¨
are Arbeit, will sie als großer Durchbruch gelingen, von jener Art sein,
wo die einzelnen Wissenschaftler Gelegenheit zu h¨
aufigen und intensiven Kontakten und zum Meinungsaustausch innerhalb ein und desselben Ortes haben.
Diese Art der Zusammenarbeit findet zudem selten in großen Forschungseinrichtungen statt, die sich in der Regel durch stark akzentuierte disziplin¨
are
und institutsspezifische Grenzziehungen auszeichnen. Eine Analyse von entsprechenden Daten aus der Science Policy Research Unit an der University of
Sussex und dem Institute of Scientific Information in Philadelphia unterst¨
utzen
unsere Ergebnisse hinsichtlich dieser Trends.16
Zusammenfassungen
Forschungseinrichtungen mit immer wiederkehrenden großen wissenschaftlichen
Durchbr¨
uchen haben sich im Lauf der Analyse als jene herausgestellt, in denen
sich ein hohes Ausmaß an Interaktionen von Wissenschaftlern aus sehr unterschiedlichen Gebieten vollzieht. Und gerade weil die biomedizinischen Felder
im Lauf der Jahre zunehmend komplexer wurden, m¨
ussen sich innovative Forschungsorganisationen in diesem Bereich darauf einstellen, immer wieder neue
Wissensfelder mit der notwendigen Tiefe‘ zu inkorporieren sowie darauf zu ach’
ten, daß Wissenschaftler intensiv und h¨aufig in wechselseitigen Kontakt und
Austausch treten. Zudem bedarf es besonderer Vorsicht, daß die Einf¨
uhrung
von mehr Wissensvielfalt und -tiefe mit einem hinreichendem Ausmaß von Integration dieser neuen Elemente einhergeht und nicht zu geschlossenen Ausdifferenzierungen f¨
uhrt. Denn sonst stellen sich nicht die erforderlichen h¨
aufigen
wie intensiven horizontalen Interaktions- und Kommunikationsbeziehungen ein,
die ja als Grundbedingungen f¨
ur gr¨oßere Durchbr¨
uche oder nachhaltige Entdeckungen firmieren.
Forschungsorganisationen mit einer gr¨
oßeren Anzahl von radikalen Durchbr¨
uchen wiesen eine besondere Art der F¨
uhrung auf. Genauer handelte es sich
16 So D. Hicks u. J. S. Katz, Science Policy for a Highly Collaborative Science System, in:
Science and Public Policy 23 (1996), 39–44; sowie J. S. Katz u. a., The Changing Shape of
British Science, Brighton 1995.
¨
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um Leiter, welche (1) eine strategische große Vision“ zur Integration unter”
schiedlicher Gebiete besaßen sowie eine Konzentration auf spezielle Forschungsprobleme vornehmen konnten; (2) eine F¨
ahigkeit zur Akquisition von Forschungsgeldern hatten; (3) das Talent f¨
ur eine Personalrekrutierung quer u
¨ber
heterogene Problemfelder aufwiesen, so daß die einzelnen Forschungsgruppen
u
¨ber den momentanen Stand an wichtigen oder heißen‘ Problemfeldern sowie
’
u
¨ber die M¨oglichkeiten der Probleml¨osungen und Machbarkeiten informiert waren; (4) die Balance zwischen rigoroser wissenschaftlicher Kritik innerhalb einer
innovationsfreundlichen‘ Umgebung herstellen konnten. Innovationsfreundlich‘
’
’
atigkeiten verstanden: Auf der
wird hier als Mix‘ zweier unterschiedlicher T¨
’
einen Seite stehen klare Evaluationen und Review-Prozesse der wissenschaftlichen Arbeiten innerhalb der einzelnen Forschungsgruppen, auf der anderen
Seite finden sich Merkmale wie Stimulierung neuer Ideen und Arbeitsbedingungen, ein sozial vertr¨agliches‘ Klima, u. a.
’
Das Ausmaß an disziplin¨arer Verschiedenheit wie auch der Grad an Wis’
senstiefe‘ innerhalb einer gut integrierten Forschungsgruppe sorgen in der Regel
f¨
ur ver¨
anderte Problemperspektiven und verhindern auf diese Weise, daß gravierende Fehleinsch¨atzungen passieren oder daß an trivialen Problemen gearbeitet wird. Letztlich bedarf es als Grundvoraussetzung f¨
ur große Durchbr¨
uche,
daß Wissenschaftler an signifikanten Problemen werken, die sich im Prinzip als
l¨
osbar‘ herausstellen. Und je h¨oher sich das Ausmaß an kognitiver Vielfalt und
’
wissenschaftlicher Tiefe darstellt, desto h¨
oher sollte auch die Wahrscheinlichkeit daf¨
ur sein, daß Wissenschaftler nicht in insignifikanten oder unl¨
osbaren
Arealen verweilen. Wenn Wissenschaftler in settings mit großer Vielfalt, Tiefe
und mit vielf¨altigen horizontalen Interaktionsm¨
oglichkeiten mit anderen, kom’
plement¨
aren‘ Forschergruppen arbeiten k¨
onnen, dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, daß sich die Qualit¨at der Arbeiten verbessert und wechselseitig
steigert. Und genau in diesem permanenten Ausgesetztsein‘ gegen¨
uber ande’
ren Disziplinen und Paradigmen sollten sich die kreativen L¨
osungen entfalten
und die Chancen f¨
ur große Durchbr¨
uche zunehmen. Forschung in einer interdisziplin¨
aren Umgebung an sich, ohne intensive und oftmalige Interaktionen
zwischen den einzelnen Forschern und Forschergruppen, f¨
uhrt in der Regel zu
keinen neuartigen Perspektiven und damit auch zu keinen großen Durchbr¨
uchen
oder nachhaltigen Entdeckungen.
Ver¨
anderungen des biologischen oder des medizinischen Wissens bringen
vielf¨
altige Konsequenzen und Herausforderungen f¨
ur die Vielfalt und die Tiefe
von Forschungsorganisationen mit sich. Diese m¨
ussen sich ihrerseits an diese
Ver¨
anderungen in Form neuer Schwerpunkte anpassen, wollen sie am kognitiven Puls der Zeit bleiben. Mit der Wissensexpansion treten immer neue Disziplinen, Sub-Disziplinen und weiterf¨
uhrende Spezialisierungen in Erscheinung –
und damit entsteht auch Druck auf die einzelnen Forschungseinrichtungen, sich
64
¨
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diesen neuen Gebieten mit den passenden Schwerpunkten, Personen und kognitiven Tiefen anzunehmen. Auch f¨
uhren neue Formen der Instrumentierung
wie die Einf¨
uhrung von technologischen Systemen in der Regel zu zus¨
atzlichem
Personalaufwand. Aber die Aufnahme von neuen Personen, Talenten und der
erforderlichen kognitiven Tiefe haben fast unausweichlich Vergr¨
oßerungen im
Mitarbeiterstab solcher Forschungseinrichtungen zur Folge.
Zuw¨
achse an kognitiver Weite und Tiefe, wenn sie nicht entsprechend organisiert und integriert werden, k¨onnen letztlich die Potentiale von Forschungseinrichtungen f¨
ur große Durchbr¨
uche begrenzen. Es scheint eine nat¨
urliche Tendenz daf¨
ur zu geben, daß Wachstum an Disziplinen und kognitiver Tiefe zu
mehr Differenzierung und zur Desintegration f¨
uhrt. Zudem erweisen sich diese Ver¨
anderungen oftmals von hierarchischen Koordinationen und B¨
urokratisierungsprozessen begleitet, welche ihrerseits einen negativen Impact f¨
ur die
M¨
oglichkeit großer Durchbr¨
uche und nachhaltiger Entdeckungen aus¨
uben.
Mit der zunehmenden Differenzierung von Forschungseinrichtungen in immer mehr Abteilungen und Unterabteilungen werden auch im Laufe der Zeit
die Rekrutierung neuen Personals wie auch die Anwerbung zus¨
atzlicher Forschungsmittel an die unteren Ebenen delegiert. Und weil akademischen Einrichtungen eine konservative Grundtendenz innewohnt, werden auch st¨
arker
Personen aufgenommen, welche eingefahrene Denkgewohnheiten reproduzieren
und fortsetzen. Aus diesem Grund u
¨bt die Differenzierung einen tendenziell
¨
bremsenden Einfluß auf das Uberschreiten
disziplin¨
arer Grenzziehungen und
auf den Prozeß der wissenschaftlichen Integration aus, die sich ja gerade als
so wichtig f¨
ur die Entstehung großer wissenschaftlicher Durchbr¨
uche herausgestellt haben.
Konkret bedeuten die Zuw¨achse an Institutsgr¨
oße sowie die Dezentralisierung von Entscheidungen u
¨ber Forschungsschwerpunkte und Personal auf
die Ebenen von einzelnen Abteilungen auch die Herausbildung von mehr b¨
urokratischen Abl¨aufen und Budgetkontrollen. Mit der Formalisierung der internen Prozesse von Forschungseinrichtungen wie auch mit dem Anwachsen an
struktureller Differenzierung nehmen auch die H¨
aufigkeit und die Intensit¨
at der
Beziehungen zwischen einzelnen Abteilungen und damit auch die soziale Integration ab. Damit kann zur bestehenden theoretischen Literatur zum Thema
Organisationsdifferenzierung eine neue Einsicht hinzugef¨
ugt werden, wonach
Gr¨
oßenwachstum zu Differenzierungen und damit zu einer geringeren Anzahl
an gr¨
oßeren Durchbr¨
uchen im Feld der biomedizinischen Wissenschaften f¨
uhrt.
Zum Schluß m¨ochten wir noch eine Frage aufwerfen, die erst in einer weiteren Stufe dieses Forschungsprojekts aufgenommen und untersucht werden
wird, n¨
amlich die Beziehungen zwischen der Forschungsorganisation und den
konkreten settings von Forschungslaboratorien/Abteilungen einerseits mit den
psychologischen wie kognitiven Aspekten von Kreativit¨
at auf der anderen Sei-
¨
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te. Das Problem, wie sich individuelle Faktoren mit den Merkmalen von Forschungsorganisationen binden und zusammenf¨
ugen, kann an dieser Stelle nicht
mehr thematisiert werden. Einige der bisherigen Befunde legen es aber nahe,
daß die besonderen Qualifikationen und Merkmale der einzelnen Forscher im
Zusammenspiel und im Konzert‘ mit der Forschungsorganisation untersucht
’
werden m¨
ussen, wenn ein verbessertes Verst¨
andnis der Entstehungsgeschichte
großer Durchbr¨
uche erreicht werden soll. Organisatorische Eigenheiten stellen
ein setting her, innerhalb dessen individuelle Charakteristika zur bestm¨
oglichen Entfaltung gebracht werden k¨onnen. Forschungsorganisationen mit ganz
besonderen Eigenschaften ziehen h¨aufig Forscher mit besonderen und komplement¨
aren Merkmalen an. Diese Wechselbeziehung f¨
uhrt unter anderem dazu,
daß diese individuellen Merkmale, um eine Analogie in die Welt der Flora herzustellen, zu wachsen‘, zu bl¨
uhen‘ und zu gedeihen‘ beginnen. Die genauen
’
’
’
Details zu diesen Komplement¨arbeziehungen‘ von Forscher/innen und Orga’
nisationen warten aber noch, als zuk¨
unftiger großer Durchbruch u
¨ber große
’
Durchbr¨
uche‘, in den weiteren Etappen dieses Forschungsprojekts auf ihre Ent’
deckung‘ – oder ihre Erfindung‘.
’
66
¨
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Jerald Hage
Die Innovation von Organisationen und die
Organisation von Innovationen
Weil“, sagt L¨
ow, wenn man alles hat, dann hat
”
”
man eigentlich nichts. Dann hat man nur noch seine W¨
unsche. Ein normaler Mensch freut sich schon
u
opfkelle.“
¨ber eine neue Sch¨
Harry Mulisch, Die Prozedur
Die Entstehung des Neuen‘ spielt in der langen Geschichte der Organisationen
’
stets eine doppelte Rolle; einmal als Innovationen innerhalb von bestehenden
Organisationen, indem neuartige Eigenschaften oder Strukturen auftauchen
und einmal als Schaffung von neuen Organisationstypen oder Formen‘, wie
’
sie im Verlauf der bisherigen Geschichte unbekannt waren. Die zweite Lesart
wird im weiteren Artikel in den Hintergrund gedr¨
angt und erst gegen Ende
dieser Arbeit als eigenst¨andiges Thema auftauchen, das erste Bedeutungsfeld
wird hingegen im Zentrum stehen. Die Hauptfrage richtet sich nach jenen (im
wesentlichen drei Kerngruppen von) Schl¨
usselfaktoren und Grundmustern, die
f¨
ur Innovationen in einem weiten Bereich von Organisationen – Unternehmen,
wissenschaftliche Institute, B¨
urokratien oder verwandte Organisations-Formen
– relevant werden. In einem zweiten Schritt unternimmt diese Arbeit einen Versuch, diese drei Faktorengruppen mit den bisherigen empirischen Erhebungen
zum Konnex zwischen Innovation und Forschungsorganisation zu verbinden,
um daraus einige generelle Erkl¨arungsmuster f¨
ur die Innovation von Organisationen und die Organisation von Innovationen zu gewinnen.
Obwohl vielfach u
¨ber das Fehlen von u
¨bersichtlichen Darstellungen einer
Zusammenschau der Forschungsergebnisse aus Soziologie oder den historischen
∗
Dieser Text entstand als Collage‘ aus einer ver¨
offentlichten und einer großen unver¨
offent’
lichten Arbeit des Autors zum Thema Organisation und Innovation‘. Der im Druck befindli’
che Artikel tr¨
agt den Titel Organizational Innovation and Organizational Change‘ und wird
’
im Annual Review of Sociology publiziert, die große unver¨
offentlichte Arbeit benennt sich
Organization Innovation. Past, Present, and Future‘. F¨
ur die Collage‘ m¨
ochte ich mich bei
’
’
Karl H. M¨
uller, der diese Kompilation bewerkstelligte und aus dem Englischen u
¨ bersetzte,
recht herzlich bedanken.
¨
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Sozialwissenschaften geklagt wird, liefert gerade die Analyse organisatorischer
Innovationen eines jener Gegenbeispiele, wo sich u
¨ber einen Zeitraum von rund
dreißig Jahren konsistente Ergebnisse angesammelt und angeh¨
auft haben, die
1
in kompakter Form z. B. in zwei umfangreicheren Aufs¨
atzen rezipiert wer¨
den k¨
onnen. Diese Ubersichten
haben zwei Gruppen an innovationsrelevanten
Schl¨
usselfaktoren in den Vordergrund ger¨
uckt, die unter die Bezeichnungen or”
ganische Struktur“ sowie Organisationsstrategie“ subsumiert werden k¨
onnen.
”
Der vorliegende Beitrag m¨ochte dar¨
uber hinausgehen und die Wichtigkeit einer
dritten Gruppe von Faktoren betonen, die Komplexit¨
at der Arbeitsteilung‘.
’
Diese spezielle dritte Klasse von Schl¨
usselfaktoren f¨
ur Organisationsinnovationen wird systematisch den bislang angeh¨
auften Fundus an relevanten Genera’
toren‘ f¨
ur die Entstehung des Neuen‘ erweitern und abrunden.
’
¨
Innovation und Unternehmens-Organisation: Eine Ubersicht
Gerade die Innovationsforschung erm¨oglicht es, obschon sie in den letzten Jahrzehnten nicht zum unmittelbaren Kernbereich der Soziologie oder der historischen Sozialwissenschaften z¨ahlte, eine Vielzahl von u
¨beraus praktischen und
theoretischen Problemen zu b¨
undeln und zu fokussieren. Hier seien nur einige
wichtige Beispiele genannt. So geh¨ort es zu den immens praktischen Problemen
und Herausforderungen f¨
ur einzelne L¨ander, Regionen oder St¨
adte, entsprechende Innovationspolitiken‘ zu entwickeln, da die Entwicklung neuer Produk’
te, neuer Verfahren, neuer Designs, aber auch neuer Organisationsformen von
immer gr¨
oßerer Standortrelevanz‘ wird. In ¨
ahnlich praktischer Manier lassen
’
sich Innovations-Fragen nach der organisatorischen Struktur wissenschaftli’
cher Revolutionen‘, nach der Weiterentwicklung milit¨
arischer wie ziviler Technologien, nach der Schaffung neuer interdisziplin¨
arer Programme im Univer2
sit¨
atsbereich oder nach grundlegenden Reformen des Wohlfahrtsstaates stel¨
len. Es ist keine Ubertreibung
zu behaupten, daß sich in der Analyse von organisatorischen Innovationen die zentralen praxisrelevanten Probleme und Herausforderungen gegenw¨artiger Gesellschaften spiegeln. Aber auch aus theoretischer Sicht er¨offnet der Bereich der organisatorischen Innovationen eine große
Zahl an interessanten Problemfeldern wie beispielsweise theoretische Fragen
nach den generellen Bedingungen und Konturen gesellschaftlicher Entwicklung
1 Fariburz Damanpour, Organizational Innovation. A Meta-analysis of Effects of Determinants and Moderators, in: Academy of Management Journal 34 (1991), 555–590, sowie Raymond Zammuto u. Edward O’Connor, Gaining Advanced Manufacturing Technologies Benefits. The Role of Organizational Design and Culture, in: Academy of Management Review 17
(1992), 701–728.
2 Vgl. dazu Peter Blau, The Organization of Academic Work, New York 1973.
68
¨
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und institutionellen Wandels, nach der Dynamik von Wissensgesellschaften3
oder nach der Integration von Mikro- und Makroniveaus. Aber das Thema
der organisatorischen Innovationen f¨
uhrt auch von seinen angestammten Disziplinen her weit aus der Soziologie heraus, da sich mit diesem Problem auch
neue Arenen‘ der ¨okonomischen Forschung unter den Schlagworten von Na’
”
tionalen Innovationssystemen“ 4 oder von endogenen Wachstumstheorien“ 5 er”
geben. Und auch f¨
ur Wirtschafts-, Wissenschafts- oder Sozialhistoriker bietet
diese Literatur mannigfaltige Anregungen, historische Entwicklungsprozesse in
die passenden innovationstheoretischen Grundbegrifflichkeiten zu kleiden und
einzubetten‘.
’
Trotz der scheinbar selbstverst¨andlichen Wichtigkeit des Themas und trotz
der Beliebtheit der Redeweise von den kreativen, flexiblen, lernenden Or”
ganisationen“ hat sich das Thema der organisatorischen Innovationen nie in
den Vordergrund der einschl¨agigen Handb¨
ucher und Kompendien geschoben.6
Und doch zeigt sich gerade an den Innovationen in klarer Weise, wie Organisationen auf technologische oder marktm¨
aßige Herausforderungen reagieren
k¨
onnen – und reagieren.7 Speziell der technologische Fortschritt bildet in immer st¨
arkerem Ausmaß die Basis f¨
ur die Konkurrenzf¨
ahigkeit einzelner Staaten
oder Regionen. Um nur ein konkretes Beispiel zu bem¨
uhen, kann auf Raymond
Zammuto und Edward O’Connor verwiesen werden, die den empirischen Nachweis geliefert haben, daß die allermeisten Systeme flexibler Produktion‘, die
’
in den Vereinigten Staaten als organisatorische Innovation eingef¨
uhrt worden
sind, einen sehr geringen Effekt auf die betriebliche Flexibilisierung aus¨
ubten
und daß nur die H¨alfte dieser organisatorischen Innovationen imstande war,
entsprechende Produktivit¨atsfortschritte zu erzielen. Eine solche im Kern ge-
3 Vgl. hier nur Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973, sowie
Jerald Hage u. Charles Powers, Post-Industrial Lives, Newbury Park u.a. 1992.
4 Vgl. Bengt-Ake Lundvall, Hg., National Systems of Innovation. Towards a Theory of Innovation and Interactive Learning, London 1992, oder Richard R. Nelson, Hg., National
Innovation Systems. A Comparative Analysis, New York 1993.
5 So beispielsweise bei Philip Romer, Increasing Returns and Long-Run Growth, in: Journal
of Political Economy 94 (1986), 1002–1037; ders., Endogenous Technological Change, in:
Journal of Political Economy 98 (1990), 71–102, sowie Robert Solow, Siena Lectures on
Endogenous Growth Theory, Siena 1992.
6 Im Bereich der Textb¨
ucher siehe u. a. Robert Daft, Organizational Theory and Design, St.
Paul 1989; Richard Hall, Organizations. Structure and Process, 5. Aufl., Englewood Cliffs
1991; Richard H. Scott, Organizations. Rational, Natural and Open Systems, 3. Aufl., Englewood Cliffs 1992.
7 Vgl. dazu bes. Reuven Brenner, Rivalry. In Business, Science, Among Nations, Cambridge
1987; Benjamin Gomes-Casseres, Group vs. Group. How Alliance Networks Compete, in:
Harvard Business Review 92 (1994), 62–66, Ken Smith, Curtis Grimm u. Martin Gannon,
Dynamics of Competitive Strategy, Newbury Park u.a. 1992; Jerald Hage, Hg., The Futures
of Organizations, Lexington 1988.
¨
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scheiterte Innovationsstrategie stellt gravierende Fragen nach dem Warum und
nach den langfristigen Entwicklungsperspektiven in den Vereinigten Staaten.
Unternehmen haben zunehmend die Bedeutung des Faktors Innovation‘
’
und Innovationsf¨ahigkeit‘ als zentrales Moment im globalen Wettbewerb er’
kannt. Ein relativ neuer Bericht des britischen Handelsministeriums stellte
beeindruckende Zahlen f¨
ur die Forschungs- und Entwicklungsausgaben gr¨
oßerer Unternehmen zusammen, die unabh¨
angig von den einzelnen L¨
andern –
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Schweden, die Vereinigten Staaten – sich in ¨ahnlichen Gr¨oßenordnungen bewegten: Vier bis f¨
unf
Prozent des Umsatzes werden f¨
ur Forschung und Entwicklung (F E) in den
Sektoren Automobile und Flugzeugindustrie reserviert, f¨
unf bis acht Prozent
in den drei Segmenten von Halbleitern/Computern, Elektroindustrie und Chemie sowie zehn bis f¨
unfzehn Prozent bei den Clustern‘ medizinische Ger¨
ate,
’
Pharma und Software. Allein im Jahr 1998 stiegen die F E-Ausgaben der dreihundert weltweit gr¨oßten Unternehmen um 12,8 Prozent, wobei die st¨
arksten
Zuw¨
achse bei den rund hundert gr¨oßten amerikanischen Konzernen verzeichnet
wurden. Selbst wenn dieser Wert einen statistischen Ausreißer‘ darstellen soll’
te, kann im Falle amerikanischer Unternehmen auf den langfristigen Trend seit
1975 mit einem inflationsbereinigten Wachstum von rund vier bis f¨
unf Prozent
8
verwiesen werden.
¨
Im Rahmen der bisherigen Ubersichten
wurden zwei zentrale Gruppen von
Determinanten‘ f¨
ur organisatorische Innovationen in den Vordergrund ger¨
uckt.
’
Auf der einen Seite steht die Wichtigkeit einer organischen Struktur‘ 9 und
’
auf der anderen Seite die Bedeutung von Wertorientierungen‘ in Richtung auf
’
Ver¨
anderungen und Restrukturierungen oder auf hochriskante Strategien‘. In
’
den letzten Jahren wurden vor allem zwei gr¨
oßere Meta-Analysen‘ zu den all’
gemeinen Mustern in der Innovationsforschung von Organisationen – hier allerdings eingeschr¨ankt auf den Unternehmensbereich – vorgenommen, die im
weiteren detailliert ausgebreitet werden sollen.
¨
Die Ubersicht
von Fariburz Damanpour beinhaltet eine Meta-Analyse‘
’
von 23 Studien, in denen vier Typen an unterschiedlichen Rahmenbedingungen – Organisationstyp, Innovationstyp, Adaptionsstufe und Reichweite von
Innovationen – konstant gehalten werden, um den Effekt unterschiedlicher
Strukturen und Strategien auf die Innovationsraten abzusch¨
atzen.10 Auf der
Seite der strukturellen Gr¨oßen untersuchte Damanpour den Effekt der Spe’
zialisierung‘ (Anzahl von Berufen), der funktionellen Differenzierung‘ (An’
zahl von Abteilungen, Untereinheiten, etc.), der Professionalisierung‘ (Aus’
8 N¨
ahere Angaben dazu in Hage u. Power, Lives, wie Anm. 2, 32.
9 So bei Tom Burns u. George M. Stalker, The Management of Innovation, London 1961.
10 Es sei angemerkt, daß dieses Kontrollieren‘ die allgemeinen Zusammenh¨
ange nicht außer
’
Kraft setzte, sondern lediglich in einigen F¨
allen die entsprechenden Parameterwerte reduzierte.
70
¨
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bildungsgrade) und einer neuen Gr¨oße, die als technische und jobrelevante
Wissensressource‘ bezeichnet wurde. Die ersten drei Faktoren besaßen eine
’
signifikante Beziehung mit den Innovationsraten, wobei sich die Spezialisierung
als vergleichsweise st¨arkste Gr¨oße herausstellte. Der vierte Faktor, die technischen Wissensressourcen, repr¨asentiert spezielle Arten von Humankapital oder
Expertise.11 Auch hier konnte eine positive Beziehung festgestellt werden, obwohl wegen der geringen Anzahl an Fallstudien nur einige der Kontrollvariablen
ber¨
ucksichtigt werden konnten. Aber gerade dieser Zusammenhang erweist sich
¨
in Ubereinstimmung
mit einer ganzen Reihe von Studien u
¨ber organisatorische
Innovationen. In einer Serie von britischen und deutschen Firmenvergleichen12
ergab sich, daß Firmen relativ langsam in ihren innovativen Anpassungsleistungen agierten, wenn die erforderliche technische Expertise nicht oder nur
in unzureichendem Ausmaß gegeben war. Zwei weitere strukturelle Gr¨
oßen,
die Damanpour untersuchte, betrafen die Bereiche von Zentralisierung‘ und
’
Formalisierung‘. Zentralisierung besaß eine sehr robuste negative Beziehung
’
mit Innovationsraten, wogegen der Bereich der Formalisierung beziehungsweise B¨
urokratisierung ein inhomogenes Bild ergab, das je nach Kontrollgr¨
oßen
ur
wechselte. Die zentrale Strategiegr¨oße bildeten Managementeinstellungen f¨
’
den organisatorischen Wandel‘, die im großen und ganzen eine positive Beziehung mit den Innovationen aufwiesen, obschon in einem geringeren Ausmaß als
die Zentralisierung oder die Spezialisierung.
¨
In der Ubersichtsstudie
von Raymond Zammuto und Edward O’Connor
wird das Schwergewicht auf die Einf¨
uhrung flexibler Fertigungsprozesse gelegt.
Mit Bezugnahme auf Untersuchungen in Großbritannien,13 Japan,14 Australien15 und in den Vereinigten Staaten16 werden die weiteren Zusammenh¨
ange
zwischen der Einf¨
uhrung flexibler Fertigung, Arbeitslosigkeit und Lebensstan11 So in klassischer Weise Gary Becker, Human Capital, New York 1964, sowie Theodore
Schultz, Investment in Human Capital, in: American Economic Review 51 (1961), 1–16.
12 Zu finden beispielsweise in Hilary Steedman u. Karin Wagner, A Second Look at Productivity, Machinery and Skills in Britain and Germany, in: National Institute Economic
Review (1987), 84–95, sowie dies., Productivity, Machinery and Skills. Clothing Manufacture
in Britain and Germany, in: National Institute Economic Review (1989) , 40–57.
13 Vgl. John Bessant, The Integration Barrier. Problems in the Implementation of Adavanced Manufacturing Technology, in: Robotica 3 (1985), 97–103; Ingersoll Engineers, The
FMS Reports, Kempston 1984; Peter Primrose, The Effect of AMT Investment on Costing
Systems, in: Journal of Cost Management for the Manufacturing Industries 2 (1988), 27–30.
14 Vgl. Ramchandran Jaikuman, Postindustrial Manufacturing, in: Harvard Business Review 6 (1986), 69–76.
15 Vgl. James Fleck, The Employment Effects of Robots, in: Tom Lupton, Hg., Proceedings
of the First International Conference on Human Factors in Manufacturing, Kempston 1984,
269–277.
16 Vgl. neben Ramchandran Jaikumar, Manufacturing, wie Anm. 14, auch Chris A. Voss,
Implementation. A Key Issue in Manaufacturing Technology. The Need for a Field Study, in:
Research Policy 17 (1988), 55–63.
¨
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71
¨
dards untersucht.17 Das Hauptargument dieser Ubersicht
liegt darin, daß eine
organische Organisation‘ sowie eine risikoorientierte Unternehmensstrategie‘
’
’
die besten Voraussetzungen f¨
ur eine erfolgreiche Implementierung flexibler Fertigungstechniken darstellen, so daß die beiden vorrangigen Ziele einer Erh¨
ohung
in der Produktivit¨at wie auch im Flexibilisierungsgrad erreicht werden k¨
onnen.
Im Unterschied zur Studie von Damanpour ist die Untersuchung bei Zammuto und O’Connor qualitativ gehalten, aber sie besitzt den Vorteil, eine Reihe
weiterer technologieorientierter Analysen ber¨
ucksichtigen zu k¨
onnen, die nicht
in die Damanpour-Studie aufgenommen werden konnten.
¨
Innerhalb ihrer Ubersichtsanalyse
erw¨
ahnen die beiden Autoren auch die
Wichtigkeit des Faktors berufliche Komplexit¨
at‘, ein typisches Charakteristi’
kum einer neuen Form der Arbeitsteilung. Ihr Argument, wonach komplexere
Berufe im Produktionsbereich innerorganisatorische Lernprozesse erleichtern,
ahnelt der schon thematisierten Behauptung von der Wichtigkeit der Experti¨
se und spezieller, weil professioneller Kompetenzen des Humankapitals‘. Diese
’
Wichtigkeit von komplexen Berufs-Profilen als erforderlicher Unterbau‘ f¨
ur or’
ganisatorische Innovationen und f¨
ur die Adaptierung neuer Technologien wird
auch in einer Reihe von vergleichenden Unternehmensstudien unter Beweis gestellt, die aber nicht in die Untersuchung von Zammuto und O’Connor aufgenommen wurden.18 So u
atigkeiten
¨bt beispielsweise der deutsche Vorarbeiter T¨
aus, die in britischen Fabriken von mehreren Personen wahrgenommen werden.
Dazu geh¨
oren die Verantwortung f¨
ur die Qualit¨
atskontrolle‘ ebenso wie Ablauf’
und Zeitentscheidungen u
¨ber die Produktion, allesamt im u
¨brigen Bereiche, die
in amerikanischen Firmen dem Management oder den Technikern vorbehalten
bleiben. Komplexere Berufe auf der untersten Ebene der Produktions- und
Herstellungsprozesse selbst gingen im deutschen Fall mit einer viel gr¨
oßeren
Flexibilit¨
at innerhalb der Besch¨aftigten wie auch mit der F¨
ahigkeit f¨
ur kun’
dennahe‘ Produkte einher. Deutsche Arbeiter waren in der Lage, ihre Maschinen selbst¨
andig zu reparieren, waren auch f¨
ur ihre Instandhaltung verantwortlich und vermochten auf diese Weise, das Potential solcher Technologien voll
17 Ein Hauptproblem der Untersuchung lag allerdings in der nur teilweisen Implementierung
flexibler Fertigungstechniken. Denn wenige amerikanische Firmen erh¨
ohten u
¨ber diese organisatorische Innovation das Ziel h¨
oherer Flexibilit¨
at, und nur etwa die H¨
alfte verzeichneten
einen Anstieg in ihrer Produktivit¨
at. Vor dem Hintergrund der Arbeiten von Piore und Sabel
(Michael J. Piore u. Charles F. Sabel, The Second Industrial Divide. Possibilities for Prosperity, New York 1986) u
allt dieses Resultat doch
¨ber die zweite industrielle Revolution‘ f¨
’
einigermaßen st¨
orend und beunruhigend aus.
18 Dazu z¨
ahlen beispielsweise S. J. Prais, Hilary Steedman, Vocational Training in France
and Britain in the Building Trades, in: National Institute Economic Review (August 1986);
dies., Productivity and Vocational Skills in Britain and Germany. Hotels, in: National Institute Economic Review (November 1989), sowie Hilary Steedman, Geoff Mason u. Karin
Wagner, Intermediate Skills in the Workplace. Deployment, Standards and Supply in Britain,
France and Germany, in: National Institute Economic Review (Mai 1991).
72
¨
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auszusch¨
opfen. Dies vermag zum Großteil zu erkl¨
aren, wie man im Kontext
fortgeschrittener und hochentwickelter Produktionstechnologien Zuw¨
achse an
Produktivit¨at wie auch an Flexibilit¨at erzielen kann. Bei diesem Befund muß
allerdings zugegeben werden, daß es sehr schwierig ist, die u
¨berlegene Form
der technischen Ausbildung in Deutschland von den komplexen Berufs- und
T¨
atigkeitsprofilen zu trennen, weil gerade im deutschen Fall beide Prozesse
sich wechselseitig bedingen.
Eine Studie aus dem Ende der achtziger Jahre19 u
¨ber die verschiedenen
Formen flexibler Produktionssysteme in einer Reihe von wirtschaftlichen Sektoren in den Vereinigten Staaten erh¨artet nochmals den Befund, daß solche
flexiblen Produktionsformen dann erfolgreich adaptiert werden konnten, wenn
sich die Berufsprofile innerhalb der Unternehmen als hinreichend komplex ausgewiesen haben. In dieser Untersuchung wurde das Ausmaß an Verschiedenheit
von beruflichen Spezialisierungen als Komplexit¨
atsmaß eingef¨
uhrt und zudem
der bisherige Stand an Automatisierung kontrolliert‘, was im u
¨brigen kaum
’
eine der bisherigen Studien konsequent durchgef¨
uhrt hat. Eines der beiden
Hauptresultate aus der Untersuchung war zu erwarten: Je h¨
oher der ohnehin
schon bestehende Automatisierungsgrad lag, desto geringer fiel die Bewegung
in Richtung noch gr¨oßerer Automatisierung aus. Aber das unerwartete zweite
Hauptergebnis lag darin, daß auf den hohen Automatisierungsniveaus die berufliche Komplexit¨at einen Multiplikator-Effekt‘ f¨
ur die weitere Anpassung in
’
Richtung flexibler Produktionsprozesse aus¨
ubte.
Zammuto und O‘Connor20 erweiterten auch das Moment der Dezentrali’
sierung‘, indem sie die Wichtigkeit der Partizipation von Arbeitern in der Phase
von Implementierungsprozessen betonen, sie erkl¨
aren jedoch nicht, warum eine
solche Beteiligung vorteilhafte Ergebnisse zeitigt. Gerade dieser Punkt verdeutlicht, daß organische‘ betriebliche Strukturen – Dezentralisierung, horizonta’
le Kommunikation und wechselnde F¨
uhrungsrollen – Prozesse der Einf¨
uhrung
neuer Technologien sehr erleichtern. Denn organische Unternehmensstrukturen‘
’
gestatten es, das inh¨arente Potential an F¨
ahigkeiten, Begabungen und Expertisen zur Entfaltung zu bringen. Dies verdeutlicht auch ein Vergleich von amerikanischen und japanischen Industrien in einer Reihe verschiedener Branchen21
wie auch die Studie von Richard Walton22 u
uhrung von Innovatio¨ber die Einf¨
nen im Bereich der Schiffahrtsindustrien von Großbritannien, Deutschland, Japan, Norwegen und den Vereinigten Staaten. Die best¨
andigen Produktivit¨
ats-
19 Paul Collins, Jerald Hage u. Frank Hull, Organizational and Technological Predictors of
Change in Automaticity, in: Academy of Management Journal 3 (1987), 512–543.
20 Vgl. Zammuto u. O’Connor, Gaining, wie Anm. 1, 717.
21 Vgl. Jaikumar, Manufacturing, wie Anm. 14.
22 Richard Walton, Innovating to Compete. Lessons for Diffusing and Managing Change in
the Workplace, San Franciso 1987.
¨
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zuw¨
achse bei inkrementalen Prozeßinnovationen durch die Organisation von
Qualit¨
atszirkeln‘ st¨
utzen diesen generellen Befund zus¨
atzlich ab.
’
Eine der großen Schw¨achen in den unterschiedlichsten Untersuchungen
u
¨ber die Zusammenh¨ange von Innovationen und Unternehmenszielen stellen
die wechselhaften Definitionen des Strategiekonzepts‘ dar. Was in den meisten
’
Studien nicht explizit angesprochen wurde, das liegt im Grad der Radikalit¨
at‘,
’
den solche Strategien besitzen. Dieser Punkt ist umso bedauerlicher, weil in
den Arbeiten von Michael Tushman und Paul Andersen23 gerade diese Radikalit¨
at eine zentrale Rolle zu spielen scheint: So suchen sich dominante Firmen
– Marktf¨
uhrer in ihren Bereichen – vornehmlich nicht-riskante Strategien aus,
wogegen neue oder auch schwach positionierte Unternehmen weitaus h¨
aufiger
riskante Strategien w¨ahlen.
Obschon Damanpour sowohl, als auch Zammuto und O’Connor, verschiedene Aspekte von Arbeitsteilung als gewichtiges Element des Innovationsgrades
von Organisationen betont haben, sind sie doch nicht zur Komplexit¨
at der Arbeitsteilung als der wichtigsten und kritischsten Innovationsgr¨
oße vorgestoßen.
Vier der potentiellen sechs Faktoren bei Damanpour hatten direkt oder indirekt
mit Arbeitsteilung zu tun: Spezialisierung, Departmentalisierung‘, Professio’
’
nalisierung‘ wie technische Wissens-Ressourcen‘. Ein Schl¨
usselfaktor aus dem
’
¨
Bereich der Arbeitsteilung – berufliche Komplexit¨
at‘ – fand sich in der Uber’
sicht bei Zammuto und O’Connor. Aber keiner der Autoren hielt es f¨
ur wert,
beispielsweise das Vorhandensein einer eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung als gewichtiges Merkmal komplexer Arbeitsteilungen ins Kalk¨
ul zu
ziehen. Doch gerade das Ausmaß an innerbetrieblicher Forschung und Entwicklung sollte den offensichtlichsten Indikator f¨
ur arbeitsteilige Komplexit¨
at und
die Innovationsf¨ahigkeit eines Unternehmens darstellen. Dieser Punkt findet
sich im u
¨brigen auch im Rahmen der Arbeiten von Wesley Cohen und Daniel Levinthal24 u
aten‘ von Unternehmen und im
¨ber die Absorptionskapazit¨
’
Kontext der mittlerweile vielf¨altigen Diskussionsstr¨
ange zu lernenden Organi’
sationen‘. Die Bedeutsamkeit des Faktors komplexe Arbeitsteilung‘ kann nur
’
angemessen eingesch¨atzt werden, wenn man solche Dimensionen wie eben das
Ausmaß an innerbetrieblicher F E inkludiert.
Ein sehr fr¨
uhes Argument f¨
ur die Wichtigkeit, arbeitsteilig komplex‘ or’
ganisiert zu sein wurde vom Autor bereits 196525 formuliert und verweist darauf, daß eine komplexe Form der Arbeitsteilung ein deutlich h¨
oheres Maß an
Adaptivit¨
at oder Flexibilit¨at gegen¨
uber Ver¨
anderungen in der Umgebung sol23 Vgl. Michael Tushman u. Paul Andersen, Technological Discontinuities and Organizational Environments, in: Administrative Science Quarterly 31 (1986), 439–465.
24 Vgl. Wesley Cohen u. Daniel Levinthal, Absorptive Capacity. A New Perspective on
Learning and Innovation, in: Administrative Science Quarterly 35 (1990), 128–152.
25 So schon sehr fr¨
uh Jerald Hage, An Axiomatic Theory of Organizations, in: Administrative
Science Quarterly 4 (1965), 289–320.
74
¨
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cher Organisationen bedingt.26 Dieser Zusammenhang st¨
utzt sich auf mehrere
unterschiedliche Argumentationsstr¨ange: erstens auf den inversen Zusammenhang von arbeitsteiliger Komplexit¨at und dem Zentralisierungs- und Formalisierungsgrad, d.h. dem Ausmaß an B¨
urokratisierung‘; zweitens auf die Ver’
schiebung in den strategischen Unternehmenszielen weg von reinen EffizienzKriterien in Richtung h¨oherdimensionaler Bereiche. Beide Argumentationslinien werden noch durch weitere empirische Resultate verst¨
arkt, beispielsweise
27
durch eine (fr¨
uhe) Studie des Autors und Michael Aikens, wo die komparativen innerbetrieblichen Vorteile von Berufsprofilen f¨
ur College-Absolventen aus
unterschiedlichen kognitiven Feldern beschrieben werden. Eine solche heterogene Verteilung von Kompetenzen ist n¨
amlich in der Lage, ein umfassenderes
Monitoring‘ der betrieblichen Umwelt‘ durchzuf¨
uhren – und dies sowohl in
’
’
Richtung neuer Probleml¨osungen als auch in Richtung von wahrscheinlichen
Problemfeldern. Solche komplexen innerbetrieblichen Arbeitsteilungen gestatten auch ein weitaus komplexeres – und das heißt umf¨
anglicheres – Monitoring‘
’
von innovativen L¨osungen, von Lernpotentialen, von Fehlervermeidungen und
anderen zentralen betrieblichen Aufgaben.
Und warum sollte sich die komplexe Arbeitsteilung als vergleichsweise
wichtiger herausstellen als die beiden anderen Faktorenb¨
undel bei Fariburz Damanpour, n¨amlich die organische Struktur‘ oder hochriskante Unternehmens’
’
strategien‘ Nun, keine der beiden Faktorengruppen bezieht sich direkt oder
indirekt auf die kognitiven Probleml¨osungsf¨
ahigkeiten oder die Lernkapazit¨
aten
innerhalb von Organisationen,28 ganz zu schweigen von den inh¨
arenten organisatorischen Kreativit¨atspotentialen. Die Integration verschiedenartiger heterogener Wissens- und Kompetenzkontexte geh¨
ort zu den Grundvoraussetzungen
von jenen kreativen, komplexen und schnellen Probleml¨
osungen,29 wie sie im
heutigen globalisierten Marktgeschehen immer st¨
arker ben¨
otigt werden.30 Or’
ganische Strukturen‘ tragen dazu bei, diese Wissensformen zu mobilisieren und
zu aktivieren. Strategien stellen Ziele und Motivationsanreize zur Fokussierung
von Aktivit¨aten auf – und doch bildet das Verf¨
ugen u
¨ber eine geeignete komplexe Wissensbasis erst die notwendige Voraussetzung, um solche innovativen
Prozesse in Gang bringen zu k¨onnen.
An den beiden referierten Meta-Analysen f¨
allt aber trotz des Fehlens der
zentralen dritten Dimension die Koh¨arenz in der Art wie in der Richtung der
26 F¨
ur eine neuere empirische Unterst¨
utzung dieser k¨
uhnen Vermutung“ vgl. u.a. Smith,
”
Grimm u. Gannon, Dynamics, wie Anm. 7.
27 So bei Jerald Hage u. Michael Aiken, Social Change in Complex Organizations, New York
1970.
28 Vgl. Cohen u. Levinthal, Absorptive Capacity, wie Anm. 24.
29 So auch Smith, Grimm u. Gannon, Dynamics, wie Anm. 7.
30 Vgl. ausf¨
uhrlicher Hage u. Powers, Lives, wie Anm. 3.
¨
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75
identifizierten Klassen von Schl¨
usselfaktoren ins Auge, welche f¨
ur die Innovationsgrade von Firmen konstitutiv und bestimmend werden.
Innovation und Forschungsorganisationen
Die bisherigen Betrachtungen waren ausschließlich im Unternehmensbereich
angesiedelt. Der bisherige Dreitakt‘ von komplexer Arbeitsteilung, riskanten
’
und komplexen Strategien und organischen Organisationskulturen als Garant
f¨
ur hohe Innovationspotentiale und hohe Innovationsgrade konnte sich empirisch auf sehr viele empirische Betriebs- und Managementanalysen gr¨
unden. In
einem zweiten Schritt soll der bisherige Kernbereich verlassen werden und in
ein anderes organisatorisches Setting‘ gewechselt werden, n¨
amlich weg von den
’
¨
M¨
arkten und der Okonomie
und hin zur Wissenschaft.
Im Kontext von postindustriellen‘ oder von wissensbasierten‘ Gesellschaf’
’
ten mit ihren hohen Raten an technischen Ver¨
anderungen und Produktinnovationen k¨onnen Forschungseinheiten‘ als die Basiskomponenten‘ einer post’
’
industriellen Wissens-Organisation bezeichnet werden.31 Auf dem Mikro-Niveau solcher Forschungseinheiten existieren nun aber vielf¨
altige Befunde der
Wissenschaftsforschung, welche interessanterweise die bisherigen InnovationsErgebnisse im Bereich der Unternehmen erg¨
anzen, unterst¨
utzen und im wesentlichen zur selben Konfiguration an innovativen Schl¨
usselfaktoren f¨
uhren.
Eine herausragende Arbeit stellt dabei die Studie von Donald Pelz und
Frank Andrews32 dar, die zudem in einem eigenen Appendix den pers¨
onlichen
’
Faktor‘, n¨
amlich die innovativen F¨ahigkeiten von Forschern und damit die individuelle Inputseite der Forschung zu kontrollieren suchte. Die beiden Autoren
konstatieren, daß Wissenschaftler umso produktiver‘ (Anzahl von publizierten
’
Artikeln, von Forschungsberichten und anderem forschungsrelevantem Output)
und kreativer‘ (Qualit¨at des wissenschaftlichen Outputs) operierten, wenn sie
’
mit Forschern unterschiedlicher Richtungen und Perspektiven konfrontiert waren, an verschiedenartigen Forschungsprojekten arbeiteten und ihre Forschungen mit anderen T¨atigkeiten wie Lehre aber auch Administration kombinierten.
Der gemeinsame Nenner, der diese scheinbar heterogenen Ergebnisse in einer
einheitlicheren Perspektive zusammenfaßt, k¨
onnte dann folgendermaßen formuliert werden: Wissenschaftliche Kreativit¨
at scheint mit dem Vorhandensein
von komplexen kognitiven Strukturen zu wachsen. Anders ausgedr¨
uckt bedeutet eine komplexe Arbeitsteilung sowohl auf organisatorischer wie auf indivi-
31 Ebd.
32 Donald Pelz u. Frank Andrews, Scientists in Organizations. Productive Climates for Research and Development, 1. Aufl. New York 1966 (2. ver¨
anderte u. erw. Aufl. 1977).
76
¨
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dueller Ebene ein Mehr an wissenschaftlicher Produktivit¨
at und Kreativit¨
at‘,
’
obschon auf individuellem Gebiet diese Beziehung keine lineare zu sein scheint.
Verschiedene Punkte lassen sich anf¨
uhren, um dieses spezielle Ergebnis
n¨
aher zu erl¨autern und abzust¨
utzen. Wahrscheinlich eines der erstaunlichsten
Ergebnisse in der Arbeit von Pelz und Andrews liegt darin, daß Wissenschaftler weniger produzieren, wenn sie hundert Prozent ihrer Zeit der Forschung
widmen k¨
onnen, als wenn sie nur zu achtzig Prozent mit Forschungsaktivit¨
aten
besch¨
aftigt sind. Dieses Resultat erweist sich als hinreichend robust – es ist
unabh¨
angig vom Ort der Forschung, ob in der Industrie, an Universit¨
aten oder
in staatlichen Stellen und auch unabh¨angig vom Typus der verbleibenden Aktivit¨
aten. Ein anderes und speziell f¨
ur das akademische Selbstverst¨
andnis mit
seiner Betonung von der Freiheit der Wissenschaften‘ gegenintuitive wie unbe’
queme Resultat liegt darin, daß volle akademische Freiheit sowohl die wissenschaftliche Produktivit¨at – die Anzahl wissenschaftlicher Produktionen – als
auch deren Kreativit¨at – die Qualit¨at des szientifischen Outputs – reduziert.33
Und so bindet sich denn auch im Bereich der Forschungsorganisation eine komplexe Arbeitsteilung innerhalb von Forschungseinrichtungen mit einem hohen
Innovationsgrad im wissenschaftlichen Output.
Zudem taucht in den Arbeiten von Pelz und Andrews ein Ergebnis auf, f¨
ur
das schon die Folklore die geeigneten Redensarten in Gestalt von Weniger ist
’
besser‘ oder Allzu viel ist ungesund‘ auf- und vorbereitet hat. Wissenschaftler,
’
die sich in zu vielen Projekten engagieren oder sich allzu vielen und heterogenen Perspektiven aussetzen, weisen eine substantielle Reduktion sowohl in der
Menge als auch in der Qualit¨at ihrer wissenschaftlichen Arbeiten auf. Totaler Eklektizismus – das Bem¨
uhen, Elemente auch aus den kognitiv allerweitest
entfernt liegenden Forschungsrichtung zu integrieren‘, – scheint ebenso jenseits
’
der kreativen Schwellenwerte zu liegen wie die v¨
ollig geschlossene Reproduktion, die sich in der Abwehr selbst des so naheliegenden Guten manifestiert.
Es bedarf jedenfalls als Bedingung wissenschaftlicher Kreativit¨
at eines eigenen
Standpunktes, einer Eigen-Perspektive‘, einer Bereitschaft zu konstruktivem
’
’
Dialog‘ wie auch einer konstanten Bereitschaft zur Adaption, um kreative Leistungen auch zur Entfaltung zu bringen.
Diese bisherigen Resultate gewinnen noch an Bedeutung, werden sie um die
mikro- oder sozialpsychologischen Forschungen zur Resistenz gegen Ver¨
ande’
rungen‘ erweitert.34 Im allgemeinen wird in der entsprechenden Bildungs’
Literatur‘ schon seit Jahrzehnten der enge Zusammenhang von h¨
oherer Ausbil33 Dieses Ergebnis scheint im u
¨brigen noch immer von vielen professionellen akademischen
Gesellschaften oder Assoziationen nicht hinreichend ernst genommen zu werden.
34 Zu diesem Bereich vgl. Gerald Zaltman, Robert Duncan u. Jonny Holbek, Innovations
and Organizations, New York 1973, 85–104 f¨
ur die psychologische Theorie sowie Jerald Hage,
Theories of Organizations. Form, Process, and Transformation, New York 1980, 224–239 f¨
ur
die sozialpsychologische Seite.
¨
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77
dung und dem Willen zum Wandel‘ hergestellt.35 Aber es dr¨
angt sich noch ein
’
anderer, gegenl¨aufiger Konnex zwischen h¨
oherer Ausbildung und einer Abnei’
gung zu Wechseln‘ auf, der auch als fortgeschrittene Sehschw¨
ache‘ etikettiert
’
werden k¨
onnte. Es wird in der Regel viel zu wenig ber¨
ucksichtigt, daß der
langj¨
ahrige Ausbildungsprozeß im terti¨aren Bereich nicht nur ein entsprechendes Humankapital aufbaut, sondern jede Menge an kognitiven Routinisierungen
und Standardisierungen mit sich bringt, welche an sich interessante Informationen von vorneherein ausfiltern‘, andere Problemsichten versperren oder die
’
Suche nach Alternativen gar nicht erst aktivieren. Und gerade diese Ph¨
anomene tragen ihren gewichtigen Teil dazu bei, daß Organisationen so tr¨
age auf
den Wandel reagieren. In diesem Zusammenhang kann auch auf die Analysen
von Chris Argyra und Donald Schoen36 u
¨ber einfaches und vernetztes Denken
– single loop‘ und double loop-thinking‘ -verwiesen werden. Viele sind nur
’
’
in der Lage, Probleme aus der Sicht jener Disziplin zu analysieren, in der sie
ausgebildet wurden und erweisen sich als nicht imstande, ihre analytischen Modelle und Rahmen‘ an neue Gegebenheiten anzupassen. Und so werden in einer
’
Art langerlernter Hilflosigkeit‘ Routinen und Heuristiken in Gang gesetzt, ob’
wohl sie sich bekanntermaßen als ineffektiv erweisen und ins Leere gehen. Auch
aus dieser Richtung erh¨alt der Begriff der kognitiven Komplexit¨
at‘ seine Be’
rechtigung, um zwischen Personen zu differenzieren, die im Falle grundlegend
neuer Herausforderungen auch mit grundlegend neuen Antworten – oder mit
der versuchten Wiederkehr von Gleichem‘ – reagieren.
’
Da viele Wissenschaftler auch schon zur Zeit der ersten Studie von Donald
Pelz und Frank Andrews aus dem Jahre 1966 in Teams arbeiteten, wurden auch
die Konsequenzen der Teamarbeit wie auch der Produktivit¨
atszyklus‘ solcher
’
Teams retrospektiv untersucht. Und hier f¨
allt als wichtiges Ergebnis an, daß
auch die Produktivit¨at und die Kreativit¨
at innerhalb solcher Ensembles nach
einer rund f¨
unfj¨ahrigen Phase zu sinken beginnen. Einer der Gr¨
unde f¨
ur diesen
graduellen Niedergang liegt darin, daß die horizontale Kommunikation zwischen Teammitgliedern wie auch die vertikale Kommunikation mit dem Teamleiter nachl¨aßt. Weiters wirkt sich die Tendenz in Richtung von vermehrter oder
vertiefter Spezialisierung negativ aus, weil dadurch das Interesse an breiteren
wie auch an teamspezifischen Fragestellungen abnimmt. Anders ausgedr¨
uckt
ist die zeitliche Dauer solcher Teams mit Ver¨
anderungen in den individuellen
Forschungsheuristiken ( mehr Spezialisierung‘) und der internen Gruppenstruk’
turen ( weniger Kommunikation‘) verbunden. Dies wiederum f¨
uhrt vor Augen,
’
daß ein moderater Wechsel in der personellen Zusammensetzung solcher Teams
im Zeitablauf positive Konsequenzen mit sich bringen sollte. Und bei den bisherigen Resultaten spielt es keine Rolle, ob es sich um disziplin¨
ar zusammenge¨
35 F¨
ur eine Ubersicht
klassischer Arbeiten vgl. Hage u. Aiken, Social Change, wie Anm. 27.
36 Chris Argyra u. Donald Schoen, Organizational Learning, Reading u.a. 1978.
78
¨
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setzte Gruppen oder um interdisziplin¨are Teams handelt. Auch bei interdisziplin¨
ar arrangierten Ensembles lassen sich dieselben kognitiven wie kommunikativen Desintegrationsprozesse feststellen. Ohne zus¨
atzlichen und neuen Input‘
’
von außen verwandeln sich diese Teams in ein Geh¨
ause disziplin¨
arer – oder
’
interdisziplin¨arer – H¨origkeiten‘.
Das Thema von kognitiven Strukturen‘ einer Wissensdisziplin, in die man
’
u
ber
ein Studium hineinsozialisiert‘ wird, kann um einen Schritt erweitert wer¨
’
den, indem einschl¨agige wissenschaftshistorische Arbeiten – und hier speziell die
Analysen von Terry Shinn37 – herangezogen werden. Bei Terry Shinn werden
k¨
uhne Beziehungen‘ zwischen kognitiven und organisatorischen Strukturen in
’
den Raum gestellt: In vornehmlich deduktiv organisierten Wissenschaftsfeldern
wie beispielsweise der Physik tendiert auch die organisatorische Grundstruktur der entsprechenden Forschungseinheit dazu hierarchisch zu sein, in der beschr¨
ankte Kommunikation vornehmlich u
ale stattfindet. In
¨ber vertikale Kan¨
dominant induktiven‘ Wissenschaftsfeldern wie beispielsweise den Computer’
wissenschaften scheint hingegen die Forschungsorganisation m¨
oglichst flach arrangiert zu sein und Kommunikationsprozesse sehr vielf¨
altig und horizontal vor
sich zu gehen. Eine wichtige Implikation dieser unterschiedlichen kognitiv- organisatorischen Strukturierungen liegt auch darin, daß verschiedene Disziplinfelder unterschiedliche Grade an Offenheit‘ gegen¨
uber Ver¨
anderungen entwickeln.
’
¨
¨
Altere‘
und stark organisierte Bereiche wie die Physik oder die Okonomie
zei’
gen eine starke Fokussierung auf ein spezielles Paradigma und damit erh¨
ohte
Resistenzen gegen neue Fakten.38 Es versteht sich aber von selbst, daß u
¨ber die
Zusammenh¨ange und die m¨oglichen ko-evolutiven Grundmuster von kognitiven
und sozialen Organisationen ungleich mehr geforscht werden m¨
ußte als derzeit
dar¨
uber vermutlich gewußt wird.
Es gibt aber auch bedeutsame Verschiedenheiten in den individuellen Wis’
sensstilen‘ und in den pers¨onlichen Offenheiten‘ im Informationsverhalten.
’
Einige Personen u
achtern‘ oder weniger de¨bernehmen die Rolle von Torw¨
’
fensiv: von disziplin¨aren Fensterguckern‘, welche aktiv nach neuen Informa’
tionen suchen und sie an andere Mitglieder der Profession‘ oder auch eines
’
Forschungslabors oder einer Forschungseinheit weitergeben. Daraus resultiert
trivialerweise, daß die spezielle Art und Weise der kommunikativen Interaktion und der Informationsverbreitung einen gewichtigen Einfluß auf die kognitiven Routinen und Heuristiken der anderen Mitglieder einer Forschungseinheit aus¨
ubt. Und bislang noch sehr wenig untersucht und verstanden ist gene37 Vgl. etwa Terry Shinn, Scientific Disciplines and Organizational Specialty. The Social
and Cognitive Configuration of Laboratory Activities, in: Sociology of the Sciences 4 (1982),
239–264.
38 Zu diesem Punkt vgl. Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen,
Frankfurt am Main 1973, sowie ders., Die Entstehung des Neuen. Studien zur Struktur der
Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt am Main 1978.
¨
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79
rell die Identifikation jener vielschichtigen Wissensstile und Rollenverteilungen,
die speziell im Falle kreativer, innovativer wissenschaftlicher Probleml¨
osungen
ben¨
otigt werden. Louis Tornatsky und Mitchell Fleischer39 legen in ihrer Zusammenschau u
usselrollen‘ ihr Hauptgewicht dar¨ber den Stellenwert von Schl¨
’
auf, daß es ein differenziertes Rollenspiel zwischen Fensterguckern‘ (f¨
ur neue
’
wissenschaftliche Ergebnisse, neue Produkte, neue Prozesse), Ideengenerato’
ren‘, Probleml¨osern‘, Produkt-Prozeß-Implementierern‘ und weiteren Rollen
’
’
bedarf. Eine der interessantesten Rollenzuschreibungen liegt beispielsweise in
der des F E-Strategen. Aber zum gegenw¨
artigen Zeitpunkt verf¨
ugen wir u
¨ber
keine systematische Forschung u
¨ber solche wissenschaftlichen Entrepreneurs‘,
’
die eine große Vision‘ (Joseph A. Schumpeter) eines Forschungsprogramms so’
wie eine dynamische Landkarte‘ mit neuartigen Territorien‘ und Forschungs’
’
’
wegen‘ entwickeln.
Diese vielf¨altigen Untersuchungen im Feld der Wissenschaftsorganisation f¨
uhren jedenfalls zu einer Reihe neuer Einsichten und Hypothesen, die in
zuk¨
unftigen Analysen von Forschungsteams und Forschungseinheiten untersucht werden k¨onnten – und sollten. Diese Ergebnisse legen es insgesamt nahe,
daß Forschungsgruppen so zusammengesetzt sein sollten, daß die individuellen Forscher und Forscherinnen komplexe kognitive Strukturen aufweisen.40
Zumindest ein Gruppenmitglied sollte dabei spezielle Kenntnisse in der Informationsbeschaffung und im Monitoring‘ neuer Informationen oder Wissens’
komponenten besitzen, welche f¨
ur die jeweilige Einheit als potentiell innovationstr¨
achtig oder als kognitiv relevant gelten. Mit anderen Worten sollten Forschungseinheiten zumindest u
¨ber einen kognitiven/innovativen Fenstergucker‘
’
verf¨
ugen. Im Zeitablauf sollten solche Forschungseinheiten einen graduellen
Wechsel des Personals aufweisen, der grob den sich ¨
andernden Forschungspriorit¨
aten und Forschungszielen entsprechen sollte. Dar¨
uber hinaus m¨
ußten solche
Forschungsteams mehrere distinkte kognitive Perspektiven und Approaches‘
’
aufweisen – und dies auch f¨
ur den Fall, daß das Forschungsteam in einer einzelnen Disziplin beheimatet ist. Die wechselseitige Befruchtung‘, das Crossing
’
’
over‘ von Ideen und Probleml¨osungen sollte sich in solchen Forschungseinheiten auf dreierlei Arten vollziehen: erstens u
¨ber Kommunikations- und Austauschprozesse mit anderen Forschungseinheiten mit ¨
ahnlichen Zielsetzungen;41
zweitens u
¨ber verteilte‘ Entscheidungsprozesse innerhalb eines hochdimensio’
nalen, komplexen Zielgef¨
uges; und drittens u
¨ber die Rekombination von For39 Louis Tornatsky u. Mitchell Fleischer, The Processes of Technological Innovation, Lexington 1990, 105–106.
40 Zur Messung solcher komplexen kognitiven Strukturen“ vgl. auch den Artikel von Rogers
”
J. Hollingsworth u. Ellen Jane Hollingsworth im vorliegenden Heft sowie die Studien des
Autors im Kontext des gemeinsamen Projekts u
ager in der Bio-Medizin.
¨ber Nobelpreistr¨
41 Darin sollte im u
ur verborgen sein, warum Unternehmen
¨ brigen ein wichtiger Grund daf¨
¨
mit hohen F E-Ausgaben u
ohere Uberlebenschancen‘
verf¨
ugen.
¨ ber vergleichsweise h¨
’
80
¨
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schungsaktivit¨aten mit anderen Arbeitsprozessen und damit auch mit anderen Denkstilen. Und schließlich l¨aßt sich noch der funktionelle Bedarf nach
Ideen-Generatoren‘ wie auch nach Probleml¨
osern‘ anf¨
uhren, der in solchen
’
’
innovativen Forschungsteams abgedeckt sein sollte, wollen sie ihre hohen Innovationspotentiale in vollen Z¨
ugen aussch¨
opfen.
Innovation und Organisation: Eine Verallgemeinerung
Die bisherigen Ausf¨
uhrungen erlauben es, ein generelleres Muster vorzuschlagen, das die Entstehung des Neuen‘ innerhalb von Organisationen reguliert und
’
steuert. So k¨onnen n¨amlich jene drei großen Faktorenkomplexe aus dem Unternehmensbereich – komplexe Arbeitsteilung, riskante Strategien, organische
’
Strukturen‘ – generalisiert und zun¨achst auf vier unterschiedliche Organisationsformen – Unternehmen, wissenschaftliche Institute, Non-Profit-Organisationen und B¨
urokratien – ausgeweitet werden. In allen vier Bereichen sorgt, so die
ihrerseits riskante Vermutung, ein spezifisches Zusammenspiel von komplexen
Arbeitsteilungen, von riskanten Strategien wie auch von organischen‘ Organisa’
tionskulturen f¨
ur schnelle und vielf¨altige Innovationen, w¨
ahrend eine gegenl¨
aufige Zusammensetzung von einfachen T¨atigkeitsprofilen, sicheren‘ und unterdi’
’
mensionierten‘ Strategien42 wie auch von mechanischen‘ Merkmalen der Orga’
nisationsstrukturen wie beispielsweise einer hohen Standardisierung wenig Neues unter der organisatorischen Sonne hervorbringt. F¨
ur die nicht-innovatorische
Beharrlichkeit‘ und Tr¨agheit‘ von staatlichen B¨
urokratien scheint dieser inver’
’
se Zusammenhang hinreichend gesichert. F¨
ur den Unternehmensbereich wurde
dieser Konnex u
¨ber eine reichhaltige Palette an empirischen Studien und Ergebnissen aufgebaut. F¨
ur die Wissenschaften wurden ein solcher Zusammenhang
u
ber
mehrere
empirische
Arbeiten und nicht zuletzt u
¨
¨ber die gemeinsamen Forschungen des Autors mit Rogers J. Hollingsworth und Ellen Jane Hollingsworth
u
uche im zwanzigsten Jahr¨ber die spektakul¨aren bio-medizinischen Durchbr¨
hundert festgestellt. Und die Inklusion von Non-Profit-Organisationen st¨
utzt
sich unter anderem auf Studien u
¨ber ihr Innovationsverhalten. Beispielsweise f¨
orderte eine Organisationsanalyse einer sehr großen ¨
osterreichischen NonProfit-Organisation im Innovationsverhalten genau jenes dreifache Faktorenger¨
ust als Determinanten hoher Innovationsraten zu Tage.43
42 Als unterdimensioniert“ k¨
onnen Strategien dann qualifiziert werden, wenn sie (a) aus
”
einem einzelnen Leitkriterium wie Effizienz‘ oder Gewinnmaximierung‘ bestehen oder (b) aus
’
’
mehreren, aber konservativen‘, no change‘-Kriterien zusammengesetzt sind (z.B. Erhaltung
’
’
von Marktanteilen, inkrementale Innovationen, etc.)
43 Vgl. Giuseppe Colangelo, Bernhard Felderer, Maria Hofmarcher u. Karl H. M¨
uller, Eva¨
luationsstudie Osterreichisches
Rotes Kreuz, Wien 1998.
¨
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81
¨
So wird schließlich ein genereller Uberblick
zum selbst¨
ahnlichen Format‘
’
dieser Faktorengruppe vermittelt, welche sich in scheinbar so unterschiedlichen
Organisationsformen wie wirtschaftlichen Unternehmen, wissenschaftlichen Instituten oder Non Profit-Einheiten diesseits oder jenseits von Markt und Staat
gleichermaßen manifestiert. Der Ausdruck der Selbst¨
ahnlichkeit‘, der ja aus
’
dem Bereich der Theorie dynamischer und komplexer Systeme stammt,44 wurde hier nicht zuf¨allig verwendet, denn es kann auf eine Reihe weiterer Merkmale hingewiesen werden, welche den dynamischen und hochkomplexen Kontext des Generalthemas von Innovationsprozessen innerhalb der organisierten
’
Welt‘ von Gesellschaften verdeutlichen. Denn neben der Selbst¨
ahnlichkeit‘, der
’
Wiederholung eines bestimmten Musters‘ oder Patterns‘ auf unterschiedlichen
’
’
Ebenen, zeigen organisatorische Innovationen im Zeitablauf auch eine Reihe
weiterer typischer komplexer und dynamischer Merkmale. Dazu geh¨
oren unter
anderem
Pfadabh¨angigkeiten‘ und Lock ins‘ – die praktische Unm¨
oglichkeit von
’
’
Organisationen, einmal eingeschlagene Pfade‘ wieder zu verlassen und reversi’
bel zu gestalten;
Sensitivit¨aten von Anfangsbedingungen‘ – die unter Umst¨
anden stark di’
vergierenden Entwicklungspfade einzelner Organisationen bei scheinbar nahezu
gleichen Startwerten‘;
’
Nicht-Linearit¨aten‘ – die mitunter abrupten‘ und sprunghaften‘ Ver¨
ande’
’
’
rungen innerhalb von Organisationen;
Bewegungen fernab vom Gleichgewicht‘, der Pfeil‘ des organisatorischen
’
’
Innovationsverhaltens in Richtung des Aufbaus von mehr organisationsinterner
Komplexit¨at.
Diese dynamische Eigenschaftspalette ließe sich noch um eine Reihe weiterer Merkmale vergr¨oßern.45 Aber mit und in solchen Charakteristika vollzogen
sich in der Vergangenheit und gehen gegenw¨
artig wie auch in weiterer Zukunft
jene Prozesse vor sich, die unter dem Generaltitel der Innovation von Organi’
sationen wie der Organisation von Innovationen‘ zusammengefaßt wurden.
44 Vgl. zum Thema Selbst¨
ahnlichkeit‘ Heinz-Otto Peitgen, Hartmut J¨
urgens u. Dietmar
’
Saupe, Bausteine des Chaos. Fraktale, Berlin u.a. 1992, sowie Predrag Cvitanovic, Universality in Chaos, 2. Aufl., Bristol 1989.
¨
45 Vgl. dazu als Ubersicht
auch John H. Holland, The Global Economy as an Adaptive
Process, in: Philip W. Anderson, Kenneth J. Arrow u. D. Pines, The Economy as an Evolving Complex System, Redwood City u.a. 1988, 117–124; ders., Keith J. Holyoak, Richard
E. Nisbett u. Paul R. Thagard, Induction. Processes of Inference, Learning, and Discovery, Cambridge 1989, ders., Adaptation in Natural and Artificial Systems. An Introductory
Analysis with Applications to Biology, Control, and Artificial Intelligence, Cambridge 1992,
sowie ders., Hidden Order. How Adaptation Builds Complexity, Reading u.a. 1995.
82
¨
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Organisatorische Formen
Schon in der Einleitung war von zwei großen Bedeutungsfeldern eines Artikels
u
¨ber organisatorische Innovationen‘ die Rede, die einmal als interne Perspekti’
ve nach den innovativen Schl¨
usselfaktoren innerhalb bestehender Organisationen, einmal als Frage nach dem Wandel von Organisationsformen selbst auftritt. Und genau in dieser zweiten Sichtweise kann eine gewichtige weiterf¨
uhrende Problemstellung aufgerollt werden.
Da w¨
are n¨amlich die Frage danach zu stellen, wie viele unterschiedliche
Formen‘ 46 sich innerhalb der einzelnen organisations¨
okologischen Nischen‘ ver’
’
sammeln. Und obschon eine rege Diskussion um die komparativen Vor- wie
¨
Nachteile von Form-Ver¨anderungen‘ und ihre Effekte auf die nachhaltige Uber’
47
lebensf¨
ahigkeit von einzelnen Organisationen besteht, lassen sich sehr wenige
empirische Studien zu diesem Themenkomplex benennen.48 Aber selbst die vorhandenen Arbeiten zum Formwandel‘ stellten sich dem Thema nicht in jener
’
Ausf¨
uhrlichkeit und Breite, die einem fundamentalen Wechsel von Technologien, Strukturen oder Kontrollen angemessen w¨
are.
Tabelle 1: Die Organisation der Innovation in innovativen Organisationen: Drei
Faktorgruppen, Dimensionen und m¨ogliche Indikatoren
A. Unternehmen
I. Komplexit¨
at der T¨
atigkeiten: Vielfalt: (1) die Vielzahl von Unternehmens-Bereichen
mit einer heterogenen Aufgaben- oder Kontrollpalette, (2) Anteile von Personen mit
reichhaltigen Berufserfahrungen aus anderen Feldern; Wissensbasis: (1) Tiefe‘ und
’
(2) Weite‘ an Expertise in jedem der relevanten Produktions- oder Service-Felder.
’
Integrierte Aktivit¨
aten und Operationen zwischen unternehmensspezifischen Bereichen: (1) die H¨
aufigkeit und die Intensit¨
at von Interaktionen, (2) Gemeinsame Produktions- oder Service-Aktivit¨
aten, (3) Vorhandensein einer interaktiven, kommunikationsfreundlichen Unternehmenskultur‘.
’
46 Innerhalb eines der wichtigsten organisationssoziologischen Paradigmata, n¨
amlich der Populations¨
okologie, werden Formen als Kombinationen‘ von Technologie, Struktur, Kontroll’
mechanismen und Marktnischen definiert, vgl. dazu insbesondere Michel Hannan u. John
Freeman, Organizational Ecology, Cambridge 1989, sowie Michael Hannan u. Glenn Carroll,
Dynamics of Organizational Populations. Density, Legitimation, and Competition, New York
1992.
47 Vgl. dazu vor allem Michael Hannan u. John Freeman, Structural Inertia and Organizational Change, in: American Sociological Review 49 (1984), 149–164.
48 Vgl. dazu u.a. Joel A. C. Baum, Inertia and Adaptive Patterns in the Dynamics of Organizational Change, in: Academy of Management Best Papers Proceedings (1990), 165–169;
Dawn Kelly u. Terry Amburgey, Academy of Management Journal (September 1991), 591–612
oder Jitendra V. Singh, R. House u. D. Tucker, Organizational Change and Organizational
Mortality, in: Administrative Science Quarterly 31 (1986), 587–611.
¨
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83
II. Riskante, komplexe Strategien zur Integration‘ unternehmerischer Vielfalt:
’
(1) Strategische Vision zur Integration unterschiedlicher Unternehmens-Felder wie
auch zur Formierung und Besetzung‘ von Produkt- oder Service-Nischen, (2) F¨
ahig’
keit zur Sicherung ausreichender finanzieller Mittel f¨
ur die Besetzung solcher Nischen, (3) F¨
ahigkeit zur Rekrutierung eines hochqualifizierten, aber hinreichend diversifizierten Personals mit Kenntnis oder Zugang zum state of the art im relevanten Produktions- oder Servicebereich, (4) die F¨
ahigkeit zu Adaptionen und FehlerKorrekturen im Kontext einer innovationsfreundlichen, unterst¨
utzenden Unterneh’
menskultur‘.
III. Organische Struktur‘ der Unternehmungen:
’
Geringe Differenzierung: (1) Kleine Anzahl von Unternehmens-Abteilungen, (2) Beschr¨
ankte Autonomie auf der Ebene von Unternehmens-Abteilungen.
Wenig hierarchische und b¨
urokratische Koordination: (1) Geringe Standardisierung
von Regeln und Abl¨
aufen, (2) zentrale Kontrollen von Budget- und Personalmanagement.
Qualit¨
at: (1) Effiziente Qualit¨
atskontrollen innerhalb von Unternehmen, (2) Externe
Qualit¨
atskontrollen und Schnittstellen zur weiteren Umgebung.
B. Wissenschaftliche Institute49
I. Komplexit¨
at der T¨
atigkeiten: Vielfalt: (1) unterschiedliche Disziplinen und SubDisziplinen, (2) Anteile von Personen in einer Disziplin mit Forschungserfahrungen
in anderen Disziplinen und/oder Paradigmen; Wissensbasis: Tiefe (1) und (2) Weite‘
’
an Expertise in jedem der Wissenschaftsfelder.
Interdisziplin¨
are und integrierte Aktivit¨
aten zwischen einzelnen Komponenten von
Instituten: (1) die H¨
aufigkeit und die Intensit¨
at von Interaktionen, (2) gemeinsame
Forschungst¨
atigkeiten (z.B. gemeinsame Publikationen von Artikeln), (3) Vorhandensein von sozialen R¨
aumen‘, (4) gemeinsame Mahlzeiten und Freizeitaktivit¨
aten.
’
II. Riskante, komplexe Strategien: Leadership‘, die F¨
ahigkeit zur Integration wissen’
schaftlicher Vielfalt: (1) Strategische Vision zur Integration unterschiedlicher Gebiete
wie auch zur Formierung von Schwerpunktthemen, (2) F¨
ahigkeit zur Sicherung ausreichender finanzieller Mittel f¨
ur diese Schwerpunkte, (3) F¨
ahigkeit zur Rekrutierung
eines hochqualifizierten, aber hinreichend diversen Personals, so daß die einzelnen
Forschungsgruppen st¨
andig u
¨ber den momentanen Stand an signifikanten und potentiell l¨
osbaren Problemfeldern informiert sind, (4) die F¨
ahigkeit zu harter Kritik im
Kontext einer innovationsfreundlichen, unterst¨
utzenden Umgebung.
III. Organische Struktur‘ der Instituts-Organisation: Geringe Differenzierung: (1) Ge’
ringe Anzahl von Abteilungen und anderen Einheiten, (2) Beschr¨
ankte Autonomie auf
der Ebene von Abteilungen oder anderen Untereinheiten.
Wenig hierarchische und b¨
urokratische Koordination: (1) Geringe Standardisierung
von Regeln und Abl¨
aufen, (2) zentrale Kontrollen u
¨ber Budget und Personal.
Hohe Qualit¨
at: (1) Hoher Anteil von Wissenschaftlern an den landesweit angesehensten Wissenschaftsakademien, (2) hohe Forschungsmittel pro Wissenschaftler.
49 Vgl. dazu ausf¨
uhrlicher den Artikel von Rogers J. Hollingsworth u. Ellen Jane Hollingsworth im vorliegenden Heft.
84
¨
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C. Non Profit-Organisationen
I. Komplexit¨
at der T¨
atigkeiten: Vielfalt: (1) die Vielzahl von NP-Abteilungen mit
einer heterogenen Aufgaben- oder Kontrollpalette, (2) Anteile von Personen mit
reichhaltigen Berufserfahrungen aus anderen Feldern; Wissensbasis: (1) Tiefe‘ und
’
(2) Weite‘ an Expertise in jedem der relevanten NP-Service-Felder.
’
Integrierte Aktivit¨
aten und Operationen zwischen NP-Abteilungen: (1) die H¨
aufigkeit
und die Intensit¨
at von Interaktionen, (2) Gemeinsame Service- und genereller: NPAktivit¨
aten, (3) Vorhandensein einer interaktiven, kommunikationsfreundlichen NPOrganisationskultur.
II. Riskante, komplexe Strategien zur Integration der bestehenden Vielfalt: (1) Strategische Vision zur Integration unterschiedlicher Gebiete wie auch zur Formierung
und Besetzung‘ von NP-Service-Nischen, (2) F¨
ahigkeit zur Sicherung ausreichender
’
finanzieller Mittel f¨
ur die Besetzung solcher Nischen, (3) F¨
ahigkeit zur Rekrutierung
eines hochqualifizierten, aber hinreichend diversifizierten Personals, (4) die F¨
ahigkeit
zu Adaptionen und Fehler-Korrekturen im Kontext einer innovationsfreundlichen NPOrganisationskultur.
III. Organische Struktur‘ der Non Profit-Organisation:
’
Differenzierung: (1) Anzahl von NP-Abteilungen, (2) Beschr¨
ankte Autonomie auf der
Ebene von NP-Abteilungen.
Wenig hierarchische und b¨
urokratische Koordination: (1) Geringe Standardisierung
von Regeln und Abl¨
aufen, (2) zentrale Kontrollen u
¨ber Budget- und Personalmanagement.
Qualit¨
at: (1) Effiziente Qualit¨
atskontrollen innerhalb der NP-Organisation, (2) externe Qualit¨
atskontrollen und Schnittstellen zur weiteren Umgebung.
Der haupts¨achliche Fokus der Studien zentrierte sich um die Frage nach dem
Wechsel in den Strategien, die aber einen vergleichsweise untergeordneten Stellenwert einnimmt. Und das wahrscheinlich f¨
ur die Gegenwart interessanteste,
aber noch v¨ollig ungel¨oste wie unentschiedene Problem dabei lautet, ob sich
Organisationen form-gem¨aß von einem mechanischen‘ hin zu einem organi’
’
schen‘ Arrangement ver¨andern m¨
ussen, wenn sie das neuartige Spektrum an
fortgeschrittenen Produktions- und Servicetechnologien in vollem Umfang nutzen wollen. Solch generelle Form-Wechsel betreffen die Kontrolle und Koordination von Teams, die Einf¨
uhrung von interorganisatorischen Feedbacks‘, die
’
Schaffung flacher Hierarchien‘, die Erm¨oglichung von horizontalen Kommuni’
kationen und vieles andere mehr.
Wie immer die Frage nach der Vielheit von organisatorischen Formen analytisch aufbereitet und empirisch gel¨ost wird, es bleibt noch eine zweite fundamentale und offene Herausforderung f¨
ur die Innovation von Organisationen wie
’
die Organisation von Innovationen‘ bestehen. Und dieser zweite Bereich resultiert daraus, daß immer mehr Organisationen sich auch untereinander vernetzen
und vernetzen m¨
ussen, um in einer Welt globalen und rapiden Wandels pr¨
asent
zu bleiben. Solche Vernetzungen k¨onnen die Form von Informations-Netzen‘,
’
Joint Ventures‘, Forschungskonsortien‘ oder systematischen Netzwerken‘ an’
’
’
¨
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85
nehmen. Catherine Alter und der Autor50 unterschieden insgesamt zw¨
olf systematische Formen organisatorischer Vernetzungen – und wahrscheinlich ließen
sich noch viel mehr solcher Formen definieren, wenn man noch die Arten von
bestehenden Organisationsformen und die Art und Weise ihrer Organisation –
mechanisch‘ oder organisch‘ – in dieser Typologie ber¨
ucksichtigte. Diese Er’
’
weiterungen in Richtung l¨angerfristiger Organisationsvernetzungen‘ werden im
’
Rahmen des populations-¨okologischen Paradigmas nicht vorgenommen – hier
scheint selbst die Idee von symbiotischen Beziehungen‘ zwischen Organisatio’
nen aus dem Blickfeld gewichen zu sein. Aber diese Netzwerk- Abh¨
angigkeiten
bedeuten immerhin, daß in den post-industriellen Gesellschaften der Gegenwart
nicht einmal organische Formen und Kulturen innerhalb von Organisationen
hinreichen, um einen kontinuierlichen Strom an Innovationen zu generieren. Es
bedarf auch der passenden Netzwerke mit der Umwelt, um den notwendigen
Innovationsstrom innerhalb von Organisationen nachhaltig zu gew¨
ahrleisten.
Abschluß
Mit dieser Ausschau in zuk¨
unftige organisationssoziologische Formen-Lehren‘ 51
’
und mit der gegenwartsbetonten Generalisierung einer selbst¨
ahnlichen‘ Dreier’
Faktorengruppe von arbeitsteiliger Komplexit¨
at‘, riskanten Strategien‘ und
’
’
organischen Organisationskulturen‘ sollten, gest¨
utzt auf eine große Zahl an
’
Studien aus der Organisations- und der Managementliteratur aber auch aus der
Wissenschaftssoziologie, jene Wegweiser in Richtung verallgemeinerter Schl¨
usselkomponenten identifiziert worden sein, welche das Ph¨
anomen des Neuen‘
’
innerhalb der organisierten Welt aus der Ecke der v¨
olligen Unergr¨
undlichkeit
bewegt und in einen wohldefinierten Bereich an normalwissenschaftlichen Erkl¨
arbarkeiten plaziert. Zwar wird ein unerfindlicher kreativer Rest‘ in alle Zu’
kunft bestehen bleiben – und speziell der Geist des Widerspruchs‘ wird u
¨ber
’
den Wassern und anderswo noch immer wehen, wo und wie er will. Aber mag
auch dieser unhintergehbare Rest‘ bestehen, u
¨ber so viele andere Bereiche jen’
seits dieses Rests muß nicht geschwiegen werden. Und weil man so viel vom
organisatorisch Neuen reden kann, w¨are Schweigen nachgerade die gegenproduktivste Strategie.
50 Catherine Alter u. Jerald Hage, Organizations Working Together, Newbury Park u.a.
1993.
51 In diesem Sinne steht u
amlich die (organisatorischen) Gesetze
¨ brigens eine Axiomatik‘ – n¨
’
’
der Form‘ (George Spencer-Brown) – noch weitestgehend aus.
86
¨
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Karl H. M¨
uller
Wie Neues entsteht
Wem es gelang, den Knoten zu l¨
osen, mit dem die Deichsel von K¨
onig Gordias Streitwagen am Joch befestigt war, der w¨
urde, so das Orakel, Herrscher der Welt werden.
Es wurden zwei Versionen erw¨
ahnt, wie Alexander der Große das getan haben soll.
Nat¨
urlich die u
¨ bliche: daß er ihn mit dem Schwert durchschlagen hat ... Der anderen zufolge hat er die Stange, die durch Joch und Deichsel f¨
uhrte, aus dem Knoten
herausgezogen ... Er hat die Deichsel und das Joch voneinander getrennt, ohne den
Knoten anzur¨
uhren: der fiel anschließend von allein auseinander.
Harry Mulisch, Die Prozedur
In den meisten der bisherigen Darstellungsweisen r¨
uckt das Ph¨
anomen der Neuheit in die N¨ahe jenes blinden Flecks‘,1 von dem nicht gesehen wird, daß man
’
ihn nicht sieht: Die Objekte der Analysen scheinen immer schon so zureichend
vorhanden, daß ihr einstiges, gegenw¨artiges oder zuk¨
unftiges Werden‘ nicht
’
weiter beunruhigt. Was in diesem Artikel entwickelt werden soll, das liegt in
einem allgemeineren Rahmen‘ und neuartigen Heuristiken, Prozesse der Ent’
’
stehung des Neuen‘ in unterschiedlichen R¨
aumen und Zeiten, solchen aus der
∗
Vgl. als gleichnamige Referenz die Artikelsammlung von Thomas S. Kuhn, Die Entstehung
des Neuen. Studien zur Struktur der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt am Main 1978.
1 Ein blinder Fleck‘ wird allerdings u
¨berhaupt nur dann konstatierbar, wenn es auch ein
’
zumindest kleines sehendes Umfeld‘ g¨
abe. Dazu z¨
ahlen heute noch lesenswerte Pionierarbei’
ten wie beispielsweise Norwood Russel Hanson, Patterns of Discovery. An Inquiry into the
Conceptual Foundations of Science, London 1965. Zu den sehenswerten‘ Ausnahmen geh¨
oren
’
aber auch jene Labor-Studien‘, welche einzelne Wissenschaftsgruppierungen bei der Entste’
’
hung des Neuen‘ begleiten; vgl. dazu besonders Karin Knorr-Cetina, Die Fabrikation von
Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft, Frankfurt am Main 1984 (inklusive
des illustrativen Leit-Cartoons, n¨
amlich eines einzelnen Wissenschaftlers und einer Kette von
Beobachtern‘, 5) oder dies., Epistemic Cultures. How the Sciences Make Knowledge, Cam’
bridge, MA. 1999. Ebenfalls diesseits des Neuen‘ bewegen sich jene Analysen, die sich um
’
sehr langfristige zuk¨
unftige Schwerpunktverlagerungen von Wissenslandschaften bem¨
uhen,
vgl. dazu u. a. Tierry Gaudin, 2100. Specie’s Odyssey, Montier 1995. Und auch direkt wie
indirekt dem Neuem‘ erweisen sich jene Richtungen verbunden, die sich mit den Bereichen
’
von Heuristiken‘ und Wissens-Management‘ besch¨
aftigen wie beispielsweise Robert Scott
’
’
Root-Bernstein, Discovering, Cambridge MA. 1989; Herbert A. Simon, Models of Discovery and Other Topics in the Methods of Science, Dordrecht u. a. 1977 sowie Helmut Willke,
Systemisches Wissensmanagement, Stuttgart 1998.
¨
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Vergangenheit wie auch in der Gegenwart, kognitiv aufregend, anregend und
jedenfalls: hinreichend beunruhigend‘ zu arrangieren‘ beziehungsweise zu re’
’
’
kombinieren‘. Pointiert zugespitzt soll sich in den n¨
achsten Seiten so etwas wie
¨
eine Ubersichtlichkeit
des Neuen‘ ausbreiten, die auch ihre zukunftsgewandten
’
Aspekte kennt. Am Ende m¨
ußte sich ein Spektrum an tendenziell verbesserten
Analysewegen versammelt finden, die Entstehung des seinerzeitig Neuen‘ zu
’
rekonstruieren, wie die Konstruktion des derzeitig noch Ungekannten‘ syste’
matisch zu verbessern. Zwar werden sich trotz alledem einige prinzipielle Limitationen finden, welche diese Forschungswege notwendigerweise begrenzen;
ein unhintergehbarer Rest an Offenheit‘, er bleibt. Aber die Forschungswege
’
bis hin zu jenen prinzipiellen Grenzen, Schranken und Barrieren, sie sollten im
weiteren deutlich verbreitet und ausgeweitet werden.2
Facetten des Neuen
Seinen Anfang findet diese erstrebte Verbreiterung an Neuheitsanalysen‘ mit
’
den Kernbegriffen des Neuen‘ oder der Neuheit‘, die sich zudem in mancherlei
’
’
begrifflichen Variationen ergehen und von der Emergenz‘ 3 und vom pl¨
otzlichen
’
4
Aufblitzen‘ und Fulgurieren‘ bis hin zu den spontanen Akten der Kreativit¨
at‘
’
’
’
wie auch des sch¨opferisch zerst¨orerischen Wirkens von Innovationen‘ reichen.5
’
Der Begriff des Neuen‘ kann unbeschadet seiner mitunter hypertrophen‘
’
’
und spiritualistischen‘ Konnotationen 6 grunds¨
atzlich wohl zweierlei bedeuten.
’
2 Daß der vorliegende Artikel sich durchaus in schwierigen Gew¨
assern‘ und nicht gerade
’
innerhalb eines Mainstream‘ bewegt, mag auch das nachstehende Zitat verdeutlichen: Denn
’
bei der Frage nach der Entstehung des Neuen‘ braucht man nur die Schwierigkeiten (be’
”
denken), die unserem ohnedies nicht sehr ausgepr¨
agten Verst¨
andnis f¨
ur Qualit¨
atswandel und
Phasen¨
uberg¨
ange verst¨
arkt erwachsen; die Probleme mit den missing links‘, dem Werden von
’
Leben, Bewußtsein und Denken, jene Denaturierung unserer kindlichen Frage: wieviel K¨
orner
machen einen Haufen Man denke an das Zirkularit¨
atsproblem, da Eigenschaften eine Klasse
bestimmen sollen, die Klasse aber ihre Eigenschaften. Man bedenke nur das Definierbarkeitsund Begriffssch¨
arfe-Ideal, das zum Wissenschaftsideal der formalisierten Systeme, der Logik
f¨
uhrte.“ Rupert Riedl, Begriff und Welt. Biologische Grundlagen des Erkennens und Begreifens, Berlin u. Hamburg 1987, 101.
3 Zu diesem Begriff vgl. hier nur John H. Holland, Emergence. From Chaos to Order, Reading, MA. 1998; und als Hinweis f¨
ur die beschr¨
ankte Relevanz des Emergenzkonzepts innerhalb der sozialen Welt‘ vgl. u. a. Renate Mayntz, Individuelles Handeln und gesellschaftliche
’
Ereignisse: Zur Mikro-Makro-Problematik in den Sozialwissenschaften, K¨
oln 1999.
4 Zu dieser Variation vgl. speziell Konrad Lorenz, Die R¨
uckseite des Spiegels. Versuch einer
Naturgeschichte menschlichen Erkennens, M¨
unchen u. Z¨
urich 1973, 48 ff.
5 F¨
ur die weiteren Darstellungen sollen die Ausdr¨
ucke Neuheit‘, Neuerung‘, Innovation‘,
’
’
’
Kreativit¨
at‘ oder kreative Leistung‘ als ¨
aquivalent verstanden werden. Einzig der Begriff
’
’
der Emergenz‘ soll in einer speziellen Bedeutungsnuance verstanden sein, n¨
amlich im Sinne
’
einer prinzipiellen Nicht-Vorhersehbarkeit.
6 Zu derartigen mittlerweile fast klassischen‘ Gunst-St¨
ucken‘ vgl. u. a. Peter A. Corning,
’
’
88
¨
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F¨
ur den ersten Fall wird es typisch, daß vor dem Hintergrund einer Wissensbasis
Ψ ein m¨
oglichst allgemein gefaßtes Ensemble‘ oder System‘ σ innerhalb eines
’
’
Zeitintervalls ∆t einen Wechsel in seinen Strukturen Ξ – seinen Eigenschaften,
Relationen oder Prozessen – durchl¨auft: Etwas Neues σ ist zum Zeitpunkt
t vorhanden, das innerhalb der bisherigen Eigenschaften, Relationen, Komponenten oder Umweltbeziehungen – ausgedr¨
uckt als Ωσ (t) – nicht gegeben
war. Daf¨
ur werden sinnvollerweise die folgenden zwei Bedingungen erf¨
ullt sein
7
m¨
ussen:
Ξσ,t = Ξσ,t (t > t) |Ψt
σ (t, t ) = ∪ Ωσ (τ ) − Ωσ (t) |Ψt
t<τ ≤t
Neuheit‘ in dieser rundum sehr ¨ahnlich beschriebenen Form besitzt aber neben
’
dem genetischen‘ Bedeutungsfeld, dem Strukturwandel in der Zeit, noch eine
’
weitere gleich gewichtige Gebrauchsweise, die sehr anschaulich von Stephen J.
Gould auf ihre Begriffe gebracht wurde. Es ist dies die Sichtweise einer Welt,
constructed not as a smooth and seamless continuum, permitting simple extrapolation
from the lowest level to the highest, but as a series of ascending levels, each bound
to the one below it in some ways and independent in others. Discontinuities and
seams characterize the transitions; emergent‘ features not implicit in the operations
’
of processes at lower levels, may control events at higher levels.8
In diesem Zitat wird auf einen intimen Zusammenhang von Neuheit‘ und Ir’
’
reduzibilit¨
at‘ oder Nicht-Reduzierbarkeit‘ verwiesen. Und systematischer be’
trachtet l¨
aßt sich neben dem Strukturwandel in der Zeit‘ auch ein zeitun’
abh¨
angiger Strukturwandel in den Niveaus‘ aufbauen, der mit dem Label
’
Neuheit2‘ versehen werden kann. Neuheit2 kommt, so scheint es, im Bereich
’
komplexer und stratifizierter Systeme wie von selbst zustande; dann n¨
amlich,
wenn solche Hierarchien und Stufen sich nicht mehr sinnvollerweise auf eine
einzige basale‘ Ebene reduzieren lassen. In der zweiten Lesart f¨
ur Neues wird
’
somit von einem bestimmten Darstellungsniveau l’ f¨
ur ein mehrstufiges Ensemble oder System σ ausgegangen, dessen Relationen, Eigenschaften, Prozesse und Umweltbeziehungen Ω nicht u
¨ber eine einzige Referenzebene‘ l* dar’
The Synergism Hypothesis. A Theory of Progressive Evolution, New York 1983 sowie Ken
Wilber, Hg., Das holografische Weltbild. Wissenschaft und Forschung auf dem Weg zu einem
ganzheitlichen Weltverst¨
andnis. Erkenntnis der Avantgarde der Naturwissenschaften, Bern
1986.
7 Zu dieser speziellen Definition wie auch zum allgemeinen systemischen‘ Hintergrund im
’
vorliegenden Artikel vgl. insbesondere Mario Bunge, Treatise on Basic Philosophy. Ontology I:
The Furniture of the World, Dordrecht u. a. 1977 sowie ders., Treatise on Basic Philosophy.
Ontology II: A World of Systems, Dordrecht u. a. 1979.
8 Stephen J. Gould, Is a New and General Theory of Evolution Emerging, in: J. Maynard
Smith, Hg., Evolution Now. A Century after Darwin, London-Basingstoke 1982, 132.
¨
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gestellt werden k¨onnen, sondern vielf¨altiger Beschreibungsniveaus mit jeweils
neuen Aspekten bedarf.
σ(l,l )
Ξσ,l∗ = Ξσ,l (l > l∗ ) |Ψt
= ∪ Ωσ (τ ) − Ωσ (l∗ ) |Ψt
l∗ < τ ≤ l
Im Prinzip k¨onnen neue‘ Eigenschaften oder Prozesse u
ande¨ber drei Hauptver¨
’
rungen hervorgerufen werden: u
anderun¨ber intra- oder interstrukturelle Ver¨
gen der Komponenten‘ oder der Bausteine‘ solcher Ensembles, u
¨ber deren
’
’
zahlenm¨
aßige Zu- oder Abnahmen sowie u
anderungen mit oder in der
¨ber Ver¨
Umwelt, welche zu anderen Verbindungen f¨
uhren. Kurz, jedes Anderswerden‘
’
oder Andersmachen‘ in der internen Komposition von Ensembles oder Syste’
men, in deren Zusammensetzung untereinander sowie in den Beziehungen mit
der Umwelt f¨
uhren dazu, daß von Neuem‘ geredet werden kann.9
’
Kontexte des Neuen
Mit den bisherigen Definitionsvorschl¨agen f¨
ur Neues sind implizit einige weitere
Charakteristika oder hintergr¨
undigeren Aspekte verbunden, die kurz erl¨
autert
werden sollen.
Die Wissensabh¨angigkeit‘ des Neuen: Die erste Besonderheit betrifft die
’
Abh¨
angigkeit des Neuen von den jeweils zuhandenen Wissensbasen. Viel an
Neuem kann nur deswegen auftreten, weil sich die Beschreibungen von Ensembles und Strukturen im Lauf der Zeiten verschoben und in der Regel erweitert
und vervielf¨altigt haben. Vielleicht klingt es zu trivial, um eigens betont zu werden: Doch verdanken sich viele Neuheiten‘ und spektakul¨
aren Durchbr¨
uche‘
’
’
in der Molekularbiologie der letzten f¨
unfzig Jahre der Verankerung einer neuartigen Ebene mit neuen Bausteinen‘ innerhalb der szientifischen Wisensbasen,
’
n¨
amlich der Entdeckung/Erfindung der vier Basen Adenin, Cytosin, Guanin
9 Es sei hier auf die Schumpetersche Umschreibung von Innovationen hingewiesen, der von
Innovationen als jedem Andersmachen‘ im Gesamtbereich des Wirtschaftslebens“ spricht,
”’
vgl. Joseph A. Schumpeter, Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische
Analyse des kapitalistischen Prozesses, Bd. 1, G¨
ottingen 1961, 91. Einzig eingeschr¨
ankt f¨
ur
den Unternehmensbereich kann dieses Andersmachen‘ entlang der folgenden Bereiche ange’
siedelt sein (vgl. dazu auch Helga Nowotny, The Dynamics of Innovation. The Multiplicity
of the New, Budapest 1995): (1) entlang der Input-Schnittstellen‘ (neue Rohstoffe, Vorpro’
dukte, Beratungen ...); (2) innerhalb von Unternehmen (neue Organisationen, neue ProzeßTechnologien, neue IuK-Infrastrukturen, etc.); (3) entlang der Output-Schnittstellen‘ (neue
’
Produkte, neue Marketing- und Kunden-Netzwerke, etc.); (4) innerhalb von UnternehmensNetzwerken (neue Gruppenbildungen, strategische Allianzen‘, Joint Ventures‘, etc.); (5) zwi’
’
schen Unternehmens-Netzwerken und Umgebung (neue Netzwerke Wissenschaft-Wirtschaft,
neue staatliche Regulationen oder Deregulationen, neue Konfigurationen in der Triple-Helix‘,
’
etc.
90
¨
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und Thymin und ihres Doppelhelix-Arrangements. Ohne derartige, erst nach
und nach verankerte und mittlerweile fest eingebettete Bausteine‘ 10 h¨
atten sich
’
viele der großen bio-medizinischen Durchbr¨
uche“, von denen im Artikel der
”
beiden Hollingsworths berichtet wird, nicht als Neuheiten‘ ausbreiten k¨
onnen.
’
Und genau diese Bausteine und deren Grundarrangements waren zu anderen
Zeiten genau genommen unbekannt und unspezifisch reine Spekulation.‘ Der
’
Redeweisen von kleinsten Erbtr¨agern‘ oder kleinsten atomaren wie subatoma’
ren Bausteinen‘, von Bausteinen‘ hinter diesen Bausteinen oder von String’
’
’
Texturen‘ im Innersten, h¨atte sich vor rund zweihundert Jahren, ja selbst in
Paris, London, Oxford oder Wien um 1900, nie und nimmer u
¨ber den Status
purer Science Fiction‘ hinausbewegt.11 Neues‘ entsteht immer nur vor dem
’
’
Hintergrund des bereits Gewußten‘, das den Horizont des Neuen begrenzt; wie
’
das Meer die Konturen des Festlands.12
Die Beobachterabh¨angigkeit‘ des Neuen: Neuheit‘ besitzt aber weiters,
’
’
worauf schon vor langer Zeit Carl Gustav Hempel hingewiesen hat13 , einen
¨
10 Uber
das komplizierte Werden‘ solcher sp¨
ateren Fix-Bausteine‘ vgl. den so interessan’
’
ten Cartoon bei Bruno Latour u
¨ ber die historische Kontextualisierung“ einer mittlerweile
”
unumst¨
oßlichen harten Tatsache‘. Denn die vollzieht sich zun¨
achst vom immerw¨
ahrend sub’
”
¨
jektungebundenen kognitiven Offentlichkeitsgut“
– The DNA molecule has the shape of a
”
double helix“ – bis hin zur Subjektivierung‘ dieses Sachverhalts und zum Zeitpunkt seiner
’
erstmaligen Entstehung und seines weiteren Kontextes: If it had the shape of a double he”
lix“, Maybe it is a triple helix“, It is not a helix at all“, Why don’t you guys do something
”
”
”
serious “ Und von hier aus wandert dieser Satz langsam, unter Vernachl¨
assigung seiner damaligen Alternativen ( Watson and Crick have shown that the DNA molecule has the shape
”
of a double helix“) herauf bis zu seiner festgef¨
ugten Verankerung im gegenw¨
artig zuhandenen
Wissenskorpus. Zu finden ist diese Re-Kontextualisierung‘ und ihr weitergehender Verlust
’
in Bruno Latour, Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society,
Cambridge 1987, 14.
11 Vgl. die interessante Zusammenfassung u
¨ber den unerwarteten wie unerwartbaren Charakter des wissenschaftlich Neuen am Beispiel des Wissenskorpus um 1900“ bei Sir John
”
Maddox, The Unexpected Science to Come, in: Scientific American 12, 1999.
12 Im u
artig drei grundverschiede¨brigen mag der Hinweis intreressant sein, daß sich gegenw¨
ne, kontr¨
are Grundintuitionen‘ zum Verh¨
altnis zwischen Meer‘ und Festland‘ beziehungs’
’
’
weise Altem‘ und Neuem‘ oder Gewußtem‘ und Nicht-Gewußtem‘ finden. Auf der einen Sei’
’
’
’
te steht die Annahme eines u
¨ ber die Jahrhunderte weitgehend festgelegten Landbereichs‘, in
’
dem keine spektakul¨
aren Zuw¨
achse mehr erwartet werden k¨
onnen: Das Meer hat seine Gr¨
oße
und Wildheit und Weite verloren – so die Vision‘ bei John Horgan, The End of Science.
’
Facing the Limits of Knowledge in the Twilight of the Scientific Age, New York 1996. In der
Mitte findet sich ein zyklisches Muster an Land-Meer-Relationen mit Phasen eines scheinbar
endlosen Meeres, wie offener Horizonte und Perioden großen Landes und geschlossener Perspektiven – so das Grundmuster bei Nicholas Rescher in: ders., Wissenschaftlicher Fortschritt.
¨
Eine Studie u
der Forschung, Berlin 1982. Und am anderen Ende kann die
¨ ber die Okonomie
gegenl¨
aufige systemische‘ Vermutung verortet werden, daß jede erfolgreiche Landnahme‘ das
’
’
Meer nur umso gr¨
oßer erscheinen l¨
aßt: Mit jedem Wissen‘ w¨
achst auch das Nicht-Wissen‘ –
’
’
aber dies immer etwas mehr und st¨
arker.
13 Vgl. nur Carl G. Hempel, Aspects of Scientific Explanation and Other Essays in the
Philosophy of Science, New York u. London 1965, 259–264.
¨
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unausl¨
oschlich beobachterabh¨angigen‘ Charakter, der unabh¨
angig zu jedem
’
vorr¨
atigen Wissenskorpus besteht. Denn Neues bleibt auch von der genauen
Spezifikation von Anfangsbedingungen und Kontexten abh¨
angig, die vom jeweiligen Beobachter getroffen werden k¨onnen. Neuheit sans phrase, das Neue
’
an sich‘, teilt da anscheinend mit manch an sich‘ anderem das Schicksal prin’
zipieller Unerkennbarkeit.
Diese Beobachterabh¨angigkeit‘ soll an einem konkreten Beispiel verdeut’
licht werden, n¨amlich am Strukturwandel der G¨
uter und Dienstleistungen in
der Moderne. Werden f¨
ur solche Sektoren u
¨ber die letzten Jahrhunderte evolu”
tion¨
ar stabile Klassifikationen“ 14 wie prim¨
arer“, sekund¨
arer“ oder terti¨
arer
”
”
”
Sektor“ verwendet, dann ¨andern sich im langen Zeitablauf nur die numerischen
Verteilungen – und nichts Neues in den G¨
uter- und Dienstleistungsgruppen
geschieht. Werden hingegen zeitlich kurzlebigere‘ Beschreibungen wie EDV,
’
Unternehmensberatungen, Automobil- und Kfz-Bereich oder Handwerke vom
Schlage der Barometerherstellung, der Lumpensammlung, des M¨
uhlenbaus,
15
der Pechproduktion oder der Per¨
uckenmacherei in den Vordergrund ger¨
uckt,
dann entsteht mit und in der Zeit ungemein viel an Neuheit‘: Neue Markt’
’
Nischen‘ und Gesch¨aftsfelder – Informations-Design, Multi-Media-Integration,
Internet-Consulting, e-commerce-Beratung – entstehen und diffundieren, bestehende Wirtschaftsbereiche verschwinden in die Marginalit¨
at oder g¨
anzlich.
Neuheit‘ bedarf daher immer einer beobachterabh¨
angigen Strukturbeschrei’
’
bung‘, um solche Neuheiten auch zum Vorschein zu bringen.16
In einer wahrscheinlich bekannten Variation zu Humberto R. Maturana
und Francisco J. Varela l¨aßt sich diese Beobachterabh¨
angigkeit‘ auch so zu’
sammenfassen: Alles Neue ist von jemandem gesagt“.17 Und vergessen soll
”
auch der Foerstersche Zusatz nicht werden – alles Neue wird zu jemanden
”
gesagt“.18
¨
14 Uber
das Konzept von evolution¨
ar stabilen Klassifikationen“ vgl. G¨
unter Haag u. Karl
”
H. M¨
uller., Employment and Education as Non-Linear Network Populations I, in: G¨
unter
Haag, Ulrich Mueller u. Klaus G. Troitzsch, Hg., Economic Evolution and Demographic
Change. Formal Models in Social Sciences, Berlin u. a. 1992, 356–361. Im wesentlichen stellen
evolution¨
ar stabile Klassifikationen“ ein festgef¨
ugtes Kategorien-Ger¨
ust f¨
ur einen langen
”
Zeitraum dar, das sich nur hinsichtlich seiner numerischen St¨
arken, nicht aber hinsichtlich
seiner Kategorien zu ¨
andern vermag.
15 So einige Beispiele aus Rudi Palla, Verschwundene Arbeit. Ein Thesaurus der untergegangenen Berufe, Frankfurt am Main 1994.
16 Solche Beobachterabh¨
angigkeiten in den Strukturbeschreibungen‘ gelten nat¨
urlich auch
’
f¨
ur die zweite Version des Neuen, n¨
amlich f¨
ur die Neuheit2 . Auch sie h¨
angt von den pr¨
azisen
Angaben des Systemniveaus ab und von den zweifachen M¨
oglichkeiten und Potentialen einer
vorhandenen Wissensbasis, verschiedenartige Niveaus auf der einen Seite zu identifizieren
und sie auf der anderen Seite miteinander in Beziehung treten zu lassen.
17 Humberto R. Maturana u. Francisco J. Varela, Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen
Wurzeln des menschlichen Erkennens, Bern u. a. 1987, 32.
18 Das Original lautet: Anything said is said to an observer“, zu finden beispielsweise in
”
92
¨
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Die Seinsgebundenheit‘ des Neuen: Schon die beiden ersten Hinweise auf
’
die Wissens- und die Beobachterabh¨angigkeit des Neuen, so selbstverst¨
andlich
sie auch sind, reichen hin, allzu ungebundene Sprechweisen u
ber
das
Neue‘
¨
’
hintanzuhalten. Eine dritte Besonderheit oder Facette des Neuen‘ besteht nun
’
darin, daß Neues in den meisten F¨allen genau besehen immer schon vorhanden war. Damit wird nicht nur auf den Sachverhalt angespielt, daß ein Gutteil
des Neuen oder von Innovationen darin besteht, aus anderen Kontexten re”
zipiert“, imitiert“ oder u
¨bernommen“ zu werden.19 Auch das Neue, das mit
”
”
der Einzigartigkeit‘ von kopernikanischen Wenden‘ und revolution¨
aren Um’
’
’
br¨
uchen‘ assoziiert wird, beispielsweise Charles Darwins The Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races
in the Struggle for Life aus dem Jahr 1859, war in vielfacher Hinsicht auch
schon 1857 oder 1848 implizit‘ oder in Fragmenten vorhanden. Betrachtet man
’
n¨
amlich die feinen Unterschiede“ in der langsamen Entstehungsgeschichte die”
ses Werks, dann wird man unter Umst¨anden vielgestaltige, vieldimensionale
Text-Erweiterungen‘ und Text-Transformationen‘ wahrnehmen, die von den
’
’
Notizen und Tageb¨
uchern auf der Beagle bis hin zu den ersten Entw¨
urfen sei’
ner Theorie‘ in den Notizb¨
uchern und schließlich zur schnell fertiggestellten
publizierten Endversion reichen.20 Betrachtet man lediglich das ver¨
offentlichte Endprodukt von 1859 und den Wissensstand‘ um 1800, so wird man in der
’
Tat radikal Neues‘ finden. Widmet man sich hingegen den unz¨
ahligen und jahr’
zehntelangen Transformations- und Bearbeitungsschritten, so wird man myriadenfache kleine Ver¨anderungen, Hinzuf¨
ugungen, Streichungen, Straffungen und
einen graduellen Wechsel von alt zu neu wahrnehmen. In diesen Transformationen vollzieht sich das Neue‘, wie bei Transformationen u
¨blich, als geordne’
¨
ter Ubergang.
Selbst das einzigartig Neue‘ ist aus einer solchen Transforma’
tionsperspektive immer schon im Alten‘ enthalten; wenngleich nicht in seiner
’
schlußendlichen finalen Form‘.
’
Dimensionen des Neuen
Neben den soeben geschilderten Facetten und Kontexten lassen sich auch mehrere Dimensionen des Neuen anf¨
uhren,21 von denen zwei besonders betont werHeinz von Foerster, Cybernetics of Cybernetics, in: Klaus Krippendorff, Hg., Communication
and Control in Society, New York 1974, 5.
19 So stellen an Hand der internationalen Innovationssurveys‘ weit mehr als neunzig Prozent
’
der in der Wirtschaft get¨
atigten Innovationen solche Neuerungen dar, die nur neu f¨
ur das
Unternehmen oder neu f¨
ur das jeweilige Land, nicht aber neu f¨
ur die Welt insgesamt sind.
¨
20 Zur Prim¨
arorientierung vgl. die sehr illustrative Ubersicht
bei Enrico Bellone, Hg., Darwin. Ein Leben f¨
ur die Evolutionstheorie, in: Spektrum der Wissenschaft, Biographie 2/1999.
21 Weitere Dimensionen des Neuen, die nicht n¨
aher thematisiert werden, betreffen die Be¨
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93
den sollen. Diese zwei Grunddimensionen verm¨
ogen es, Ph¨
anomene des Neuen
innerhalb von vier großen Feldern zu verorten‘ und zu lokalisieren. Diese beiden
’
Dimensionen betreffen auf der einen Seite die Erkl¨
ar- und Prognostizierbarkeit‘
’
des Neuen und auf der anderen Seite seine Entstehungsart‘.
’
Emergenz – Vorhersagbarkeit‘: Die Entstehung oder Ausbreitung des Neu’
en kann in einem Kontinuum der Erkl¨ar- wie Prognostizierbarkeit auftreten,
an deren Eckpunkten einerseits die vollst¨
andige Nicht-Vorhersagbarkeit oder
Emergenz‘ und andererseits die vollst¨andige Erwartbarkeit beziehungsweise
’
Prognostizierbarkeit steht. Gem¨aß diesem terminologischen Vorschlag muß die
Emergenz‘ daher, sehr lose formuliert, sich von der unvorhersehbaren Art dar’
stellen und etwas u
¨berraschend Neues unter der Sonne sein – und scheinen.
Um ein paradigmatisches Beispiel zu bem¨
uhen, l¨
aßt sich – teilweise im Anschluß an Peter Medawar oder Karl R. Popper – die Entwicklung des Gehirns
als emergenter‘ Prozeß apostrophieren, weil diese Form der neuronalen Orga’
nisation vor dem Hintergrund der seinerzeitig vorr¨
atigen Wissensbasen v¨
ollig
22
unbekannt und unvorhersehbar war.
Variation – Innovation: Eine zweite Dimension f¨
ur Neuheiten l¨
aßt sich dadurch gewinnen, daß sich der Mechanismus in der Entstehung des Neuen in
einem Kontinuum von reinen Zufalls¨anderungen – blinder Zufall steuert Neu”
heit“ – bis hin zur durchgeplanten Innovation – gezielte Neuheit kontrolliert
”
den Zufall“ – bewegt. Im einen Extrem-Fall generiert ein blinder Mechanis”
mus“ eines blinden Uhrmachers“ (Richard Dawkins) blinde Variationen“.23
”
”
Im anderen Extrem findet sich eine genau beschriebene Zielvorgabe, beispielsweise ein neuartiges und in anderen Kontexten bereits getestetes Organisationsmodell, welches sukzessive implementiert und innerhalb eines vorgegebenen
Zeit-Rahmens auch vollendet wird. Die Tabelle 1 faßt nochmals die wichtigsten
reiche des Neuen ( Input‘, Withinput‘, Output, Kombinationen dieser Bereiche), Grade der
’
’
Neuheit (neu f¨
ur eine Organisation, Region, Land, Kontinent, Welt), oder auch die Histori’
zit¨
at‘ des Neuen (weltgeschichtlich erstmalig, geschichtlich mehrmalig ... oftmalig verankert).
22 Trotz alledem sollten auch Emergenzph¨
anomene‘ wie beispielsweise die nachstehende
’
Darstellung bei Karl R. Popper mit den geforderten Spezifizierungsleistungen hinsichtlich
der temporalen oder niveaum¨
aßigen Kontexte unternommen werden. Zu den wichtigsten
”
emergenten Ereignissen nach heutiger kosmologischer Auffassung z¨
ahlen wohl die folgenden:
die Emergenz des Bewußtseins, die Emergenz der menschlichen Sprache und des menschlichen
Gehirns.“ Derlei emergent Ungebundenes‘ findet sich etwa in Karl R. Popper u. John Eccles,
’
Das Ich und sein Gehirn, M¨
unchen u. Z¨
urich 1982, 50.
23 Zwei interessante literarische Variationen zum Thema blinde Variation“ stellen auf der
”
einen Seite der Swiftsche Ideen-Generator“ – ein Mechanismus zur zuf¨
alligen Aneinander”
reihung von Silben – und auf der anderen Seite Louis Borges ungeheuer weitr¨
aumige“ Kon”
zeption der Bibliothek von Babel“ dar, die bekanntermaßen jede elementarste Variation
”
jedes m¨
oglichen Werkes enth¨
alt. Zum Swiftschen Modell aus der Akademie von Lagado‘
’
vgl. Jonathan Swift, Reisen in verschiedene ferne L¨
ander der Welt von Lemuel Gulliver –
erst Schiffsarzt, dann Kapit¨
an mehrerer Schiffe, Stuttgart o. J., 280–282; zur Bibliothek von
’
Babel‘ vgl. Jorge Luis Borges, Die Bibliothek von Babel, Stuttgart 1974.
94
¨
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Tabelle 1: Dimensionen des Neuen
Blinde
’
Variation‘
Dimension2
(Grade der Zielvorgaben‘)
’
Geplante
Innovation
Dimension1
(Grade der Erkl¨
ar- und Prognostizierbarkeit)
Emergenz
Vorhersagbarkeit
Neues
Ausbreitung
Verhaltensmuster
eines Verhaltensmusters
Neues
Produkt
Prozeß-/Produktinnovations-Zyklen
Eckpunkte der bisherigen Diskussion zu den Dimensionen des Neuen zusammen.
In dieser Zusammenstellung verliert die Neuheit viel von dem, was sie
auf den ersten Blick charakterisiert; n¨amlich ihre subjektiv freischwebende‘
’
Ungebundenheit und ihren objektiv nicht intelligiblen‘ Status.
’
Ein Begriffs-Rahmen f¨
ur Neues‘
’
Nach den verschiedenen Facetten, Kontexten wie Dimensionen des Neuen stehen im weiteren jene analytischen Bezugsgr¨
oßen am Programm, welche f¨
ur das
Leitthema, wie Neues entsteht“, von unmittelbarer Relevanz werden. Sie wer”
den in diesem Abschnitt unter den Labels von Bausteinen“, multiplen Ebe”
”
nen“, Design-R¨aumen“, Rekombinationen“, Rekombinations-Operatoren“,
”
”
”
rekursiven Organisationen“ oder Evaluationsmaßen“ eingef¨
uhrt und bilden,
”
”
wie sich bald herausstellen wird, eine miteinander stark verbundene konzeptionelle Grund-Architektur in der Analyse dessen, wie Neues entsteht.
Der wichtigste Baustein f¨
ur einen neuartigen konzeptionellen Rahmen des
Neuen ist der Baustein‘ selbst, der in der evolutionstheoretischen Literatur
’
an sich einen prominenten Stellenwert einnimmt.24 Die zentrale Anforderung
f¨
ur solche Bausteine‘ liegt darin, daß sie die folgenden vier Grundbedingungen
’
erf¨
ullen sollten.25
– Erstens m¨
ussen sich solche Bausteine als raum-zeitlich spezifizierbar und ein¨
24 Vgl. dazu beispielsweise Francois Jacob, Die Maus, die Fliege und der Mensch. Uber
die moderne Genforschung, Berlin 1998 sowie John H. Holland, Keith J. Holyoak, Richard
E. Nisbett u. Paul R. Thagard, Induction. Processes of Inference, Learning, and Discovery,
Cambridge, MA. 1989.
25 Zum weiteren Hintergrund dieser Anforderungen vgl. auch Nelson Goodman, Sprachen
der Kunst. Ein Ansatz zu einer Symboltheorie, Frankfurt am Main 1973.
¨
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95
grenzbar ausweisen. Mit anderen Worten muß operative Klarheit bestehen,
was als Baustein gilt und ob eine bestimmte Konfiguration unter einen bestimmten Baustein zu subsumieren ist – oder nicht.
– Bausteine sollen sich zweitens als kombinierbar‘ herausstellen. Als Baustei’
’
ne‘ sollen nur solche Komponenten in Erscheinung treten, die sich unter
Umst¨
anden zu umfangreichen und ausgedehnten Baustein-Ensembles‘ oder
’
Schemen‘ zusammenf¨
ugen lassen.
’
– Drittens m¨
ussen sich diese Baustein-Kombinationen hinsichtlich ihrer komparativen Vorteile oder Nachteile im Prinzip als evaluierbar‘ oder bewertbar‘
’
’
erweisen. F¨
ur solche Baustein-Schemen‘ sollten sich vergleichsweise vorteil’
hafte oder nachteilige Merkmale und Charakteristika finden, welche schwache Rangordnungen‘ und Abstufungen‘ solcher Baustein-Schemen‘ erm¨
ogli’
’
’
chen.
– Und viertens m¨
ussen solche Bausteine und Baustein-Kombinationen dynamisch in weitere Umgebungen‘ eingebettet sein und innerhalb dieser En’
’
vironments‘ ihrerseits Ver¨anderungen unterliegen. Bausteine und vor allem:
Bausteinkombinationen tragen keinen Anspruch auf Unver¨
anderbarkeit; gerade darin liegt der Grund, sie als Bausteine‘ zu klassifizieren.
’
Die Tabelle 2 offeriert eine Reihe von konkreten Anwendungsf¨
allen m¨
oglicher
Bausteine, die von verschiedenartigen Komponenten‘ eingebetteter Code-Sy’
steme – des genetischen Codes 26 , des neuronalen Codes 27 , von linguistischen
Codes 28 , des Maschinen-Codes oder von Regel-Codes – bis hin zu den Baustei’
nen‘ von Maschinen, Instrumenten 29 oder anderen Akteur-Netzwerken reichen.
Ein gewichtiges Merkmal solcher Bausteine und ihrer Arrangements liegt
weiters darin, daß sie auf mehreren, in der Regel auf viele Ebenen verteilt
sind. Sprach-Bausteine lassen sich als Buchstaben, Silben, W¨
orter, S¨
atze oder
h¨
oherstufige Komponenten u
¨ber verschiedene Niveaus distribuieren. Ein illustratives Bild f¨
ur diese Viel-Ebenen-Architektur im Bereich der Sprache liefert Daniel C. Dennett mit der Leitmetapher eines Pand¨
amoniums von Wort”
D¨
amonen“, wo jeder linguistische D¨amon“ auf der Ebene von Buchstaben-,
”
Silben-, Wort- oder Satzkombinationen rekursiv auf der Suche nach einem pas”
senden Satz“ beteiligt ist.30 Aus der Tabelle 2 wird leicht ersichtlich, daß alle
26 Vgl. dazu Steve Jones, The Language of Genes. Solving the Mysteries of Our Genetic
Past, Present and Future, New York 1993.
27 Zum Thema neuronaler Code‘ vgl. u. a. William C. Calvin, The Cerebral Code. Thinking
’
a Thought in the Mosaics of the Mind, Cambridge MA. 1998.
28 Siehe dazu auch Umberto Eco, Einf¨
uhrung in die Semiotik, M¨
unchen 1972 sowie ders.,
Zeichen. Einf¨
uhrung in einen Begriff und seine Geschichte, Frankfurt am Main 1981.
29 Zu solchen Baustein-Zug¨
angen‘ im Bereich von Technologien vgl. u. a. Stuart Kauffman,
’
At Home in the Universe. The Search for the Laws of Selt-Organization and Complexity, New
York 1995, 273–304; Edward Tenner, Why Things Bite Back. Technology and the Revenge
Effect, London 1997.
30 Vgl. Daniel C. Dennett, Consciousness Explained, Boston 1991, 237 f. Aus informations-
96
¨
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der angef¨
uhrten Beispiele im Rahmen von Viel Ebenen-Architekturen‘ darge’
stellt werden sollten – und in der Regel dargestellt werden m¨
ussen. Fokussierungen darauf, daß sich die Sprache des Gehirns‘ nur als Sprache der einzel’
nen Neuronen und Neuronenverbindungen analysiert werden d¨
urfte,31 erweisen
sich als ¨
ahnlich sinnvoll wie die Sprach-Wissenschaft einzig und allein aus der
Verbindung von Buchstaben und den feststellbaren Mustern an Buchstabenfrequenzen aufzubauen. Vom begrifflichen Instrumentarium scheint es jedenfalls
wichtig, zwischen mehreren oder vielen distinkten Ebenen‘ solcher Bausteine
’
zu unterscheiden. An oberster Stelle stehen, wie im weiteren Artikel noch kurz
ausgef¨
uhrt, jene Top-Arrangements‘, die f¨
ur Fragen der Zielbildung und der
’
Kontrolle von Relevanz werden. An unterster Stelle finden sich jene Bausteine
wieder, deren Ver¨anderungen beziehungsweise Rekombinationen erst die Entstehung des Neuen effektiv erm¨oglichen und bedingen. Es sollte allerdings eigens
betont werden, daß sich oben‘ und unten‘ erst nach Maßgabe von Bausteinen
’
’
und den jeweiligen Erkenntnisinteressen festlegen l¨
aßt: Zwei Untersuchungen
u
onnen sich durch deut¨ber die Entstehung einer wissenschaftlichen Theorie k¨
lich anders gesetzte basale‘ Bausteinwahlen auszeichnen, indem die eine auf
’
der Ebene der Buchstaben und der W¨orter, die andere hingegen viel weiter
oben‘, n¨
amlich an gr¨oßeren thematischen Bl¨
ocken ansetzt.
’
Zentrale Eigenschaften, Strukturen oder Prozesse solcher auf mehreren
Ebenen arrangierten Baustein-Kombinationen lassen sich nun ihrerseits so charakterisieren, daß sie sich innerhalb eines wohldefinierten Raumes‘ beziehungs’
weise, um einen Ausdruck von Daniel C. Dennett hereinzubringen, innerhalb
von Design-R¨aumen‘ 32 ereignen. Solche R¨
aume‘ oder Design-R¨
aume‘ k¨
onnen
’
’
’
aufgespannt werden, indem man zun¨achst Mengen und eine eigene Metrik‘
’
beziehungsweiße Distanzmaße‘ spezifiziert.33 Ausgehend von einer solchen ele’
mentaren Raum-Definition aus Mengen und Distanzen werden besonders jene Konstellationen von Interesse, in denen sich n-dimensionale R¨
aume gleich
auf zwei oder mehreren Ebenen finden. Solche Raum-Architekturen werden
vor allem deswegen so wichtig, weil sich dadurch eine funktionale Differenzietheoretischer Sicht offeriert auch John Campbell eine Vier-Ebenen-Architektur an Regeln
der Buchstaben-Kombinatorik, um zu normalsprachlichen Aussagen‘ zu gelangen, vgl. John
’
Campbell, Grammatical Man. Information, Entropy, Language, and Life, Harmondsworth
1984.
31 So noch in den 1970er Jahren die als zentrales Theorem‘ der Neuro-Wissenschaft gehan’
delte Barlow-Doktrin von der beschr¨
ankten Souver¨
anit¨
at der Forschung auf Neuronen-Muster
als einzige und ausschließliche Untersuchungsebene. Konkret zu finden in H. B. Barlow, Single
Units and Sensation. A Neuron Doctrine for Perceptual Psychology In: Perception 1 (1972),
371–394.
32 Vgl. Daniel C. Dennett, Darwin’s Dangerous Idea. Evolution and the Meanings of Life,
New York 1995.
33 Zum formalen Konzept von R¨
aumen, Distanzen und Metriken vgl. Michael Barnsley,
Fractals Everywhere, Boston u. a. 1988, 6–42.
¨
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¨
Tabelle 2: Bausteine‘ des Neuen – eine Ubersicht
’
BEREICH
Genetischer Code
Gehirn
Sprache
Maschinen-Code
Regel-Systeme
Maschinen
Instrumente
Kunst-Stile
Organisationen
OrganisationsFormen
98
¨
BESTIMMUNGSSTUCKE
BAUSTEIN-TYPEN
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Vier Basen: A, C, G, T(U)
Triplets, (Doppel-)Helix-Muster
Genetische Fitneß‘
’
Organismen
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Neuronen
Neuronale Gruppen‘
’
Neuronale St¨
arken‘
’
Organismen
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Buchstaben
Silben, Worte, S¨
atze‘ u. a.
’
Performanz-Kriterien
Menschliche Gesellschaften
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
0,1
01-Sequenzen
Performanz-Kriterien
Turing-Maschinen‘
’
Regeln
Regel-Sequenzen
Performanz-Kriterien
Menschliche Gesellschaften
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Maschinen-Bausteine
Maschinelle Kombination
Performanz-Kriterien
Sozio-technische Environments‘
’
Instrumenten-Bausteine
Instrumenten-Kombination
Performanz-Kriterien
Sozio-instrumentelle Umgebungen
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Gestaltungs-Operationen
Werk-Komposition
¨
Stil/Asthetik-Kriterien
Kunst-Systeme von Gesellschaften
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Routinen, T¨
atigkeiten
T¨
atigkeits-Abl¨
aufe
Performanz-Kriterien
¨
Organisations-Okologie
Spezifizierung
Kombination
Komparative Vorteile
Einbettung
Organisations-Komponenten
Organisations-Formen
Performanz-Kriterien
¨
Organisations-Okologien
¨
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rung der einzelnen Design-R¨aume‘ vollziehen und sich verschiedene Kontroll’
’
Beziehungen‘ zwischen unteren‘ und oberen‘ Niveaus herausbilden k¨
onnen.
’
’
Ein kurzer Blick auf die Tabelle 2 sollte gen¨
ugen, daß sich alle Bausteine
’
des Neuen‘ innerhalb einer solchen komplexen Mehr Ebenen-Konfiguration befinden. Vom genetischen Code, von der Sprache des Gehirns‘, von der Sprache
’
der Menschen oder von Regelsystemen bis hin zur Welt der Maschinen oder
der Organisationsformen hat man es mit Baustein-Arrangements zu tun, die
sowohl innerhalb einer einzelnen Ebene nach mehreren Dimensionen beschreibbar als auch auf zumindest zwei unterschiedlichen Ebenen angesiedelt werden
k¨
onnen.
Solche multi-dimensionalen und auf mehreren Ebenen verorteten Design’
R¨
aume‘ k¨
onnen ihrerseits auch dynamisch‘ betrachtet werden, indem nach cha’
rakteristischen Bewegungen‘ und Ver¨anderungen‘ im Zeitablauf innerhalb oder
’
’
zwischen einzelnen Ebenen gesucht wird. Beliebige Neuheiten‘ bewegen‘ sich
’
’
in der Zeit innerhalb solcher Design-R¨aume und entwickeln, um in ein Bild bei
Humberto R. Maturana einzuschwenken, so etwas wie eine jeweils eigenst¨
andige Drift“.34 Diese Bewegungen erfolgen in der Regel nach einem einfachen
”
schrittweisen oder rekursiven Grundschema: Bestimmte Ver¨
anderungen werden immer wieder und immer wieder wiederholt, bis sie zu einem ausgezeichneten Zustand vorstoßen, an dem diese Operationen nur noch diesen speziellen
Zustand reproduzieren.35
Und demgem¨aß ruht ein weiterer Baustein im konzeptionellen Rahmen‘
’
f¨
ur das Neue in der rekursiven Organisation‘, mit der sich solche Bewegun’
gen innerhalb von Design-R¨aumen vollziehen. Die zentrale Komponente dieser
rekursiven Organisation wird durch eine distinkte Menge an rekursiven Operatoren markiert, welche verschiedene Generatoren‘ f¨
ur die Transformationen
’
innerhalb solcher Design-R¨aume umfassen. Dazu z¨
ahlen in einer typischen Variation beziehungsweise Rekombination zu einer Liste bei Douglas R. Hofstadter 36 die folgenden Operatoren aus der Tabelle 3.
Eine der Merkw¨
urdigkeiten oder der seltsamen Attraktivit¨
aten‘ des soeben
’
tabellarisch vorgestellten Rekombinations-Rahmens liegt unter anderem darin,
daß drei an sich unterschiedliche Mechanismen‘ in der Entstehung des Neuen
’
im Rahmen der Genetik, der Mathematik und der Logik v¨
ollig zwanglos in die
neue Sprache der Rekombinations-Operatoren‘ u
onnen.
¨bersetzt werden k¨
’
So setzt sich der Code der RNA aus Triplets‘ der vier Basen-Bausteinen
’
¨
34 Uber
den Begriff der Drift“ vgl. Maturana u. Varela, Baum, wie Anm. 17.
”
35 Solche ausgezeichneten Zust¨
ande‘ oder Eigen-Zust¨
ande‘ dynamischer Systeme lassen sich
’
’
in einer Systematik von John L. Casti in die folgenden Hauptgruppen einteilen: in Fix-Punkte,
in Grenzzyklen, in seltsame Attraktoren‘ und in quasi-periodische Bahnen, vgl. John L. Casti,
’
Reality Rules, Bd. 2, New York 1992, 344.
36 Douglas R. Hofstadter, Fluid Concepts and Creative Analogies. Computer Models of the
Fundamental Mechanisms of Thought, New York 1995, 77.
¨
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99
Tabelle 3: Rekombinations-Operatoren
f¨
ur die Transformationen alt → neu‘
’
– Adding, d. h. das Hinzuf¨
ugen neuer Bausteine oder Schemen in ein bestehendes
Schema (A → AB)
– Deleting, d. h. das Entfernen bestehender Bausteine oder Schemen aus einem bestehenden Schema (AB → A)
– Replacing, d. h. die Ersetzung eines Bausteins oder eines Schemas durch eine Alternative (AB → AC)
– Duplication, d. h. das Verdoppeln bestehender Bausteine oder Schemen (AB →
ABAB)
– Shortening, d. h. das Verk¨
urzen eines bestehenden Schemas (ABB... → AB)
– Lengthening, d. h. das Verl¨
angern eines bestehenden Schemas (AB → ABB...)
– Inverting, d. h. die Umkehrung eines bestehenden Schemas (ABC → CBA)
– Swapping, d. h. das Vertauschen zweier Bausteine oder Schemen in Schemen (ABC)
(DEF) → (ABD) (CEF)
– Crossing-Over, d. h. das Kreuzen‘ zweier Schemen (ABCD) (EFGH) → (ABGH)
’
(EFCD)
– Merging, d. h. die Integration bislang getrennter Schemen in ein neues Schema (AB)
(CD) → (ABCD)
– Breaking, d. h. die Differenzierung eines Schemas in disjunktive Schemen (ABCD)
→ (AB) (CD)
– Moving, d. h. die horizontale Bewegung von einem Baustein oder Schema zum
n¨
achsten
– Shifting, d. h. das vertikale Transponieren von einem Niveau Li zu einem davon
verschiedenen Level Lj
Adenin, Cytosin, Guanin und Uracil zusammen, die sich zu Bausteinen oder
Schemen der Art UUU, GGG, AUU, CCU, uws. binden. Solche Triplets bilden
ihrerseits die Basis zur Bildung von insgesamt zwanzig verschiedenen Aminos¨
auren wie Glycin, Alanin, Leicin, Serin, Arginin, Prolin, usw.37 Dieser ge’
netische Code‘ besitzt keine Kommas, Leerzeichen oder Rufzeichen, wohl aber
Ende-Symbole‘, die ihrerseits als Triplets gehalten sind und – wie im Falle von
’
UAA, UAG oder UGA - zumeist mit Uracil beginnen. Und schließlich stellt
sich der genetische Code‘ nahezu als kontextfrei dar und codiert‘ bis auf ganz
’
’
wenige Ausnahmen38 mit denselben Triplets dieselben Aminos¨
auren.
Bez¨
uglich seines Rekombinations-Repertoires lassen sich die folgenden Rekombinations-Operatoren bem¨
uhen, wenn es um die Variationsbreite des genetischen Code geht.39
37 Es sollte noch hinzugef¨
ugt werden, daß sich der genetische Code im technischen Wortsinne
als degeneriert‘ darstellt, da Triplets wie GGU, GGC, GGA und GGG die Produktion von
’
Glycin codieren‘ oder GCU, GCC, GCA, GCG die Herstellung von Alanin bewirken k¨
onnen.
’
38 So fungieren beispielsweise in der mitochondrialen DNA von Menschen AGA and AGG,
welche ansonsten die Produktion von Arginin codieren,‘ als Stop-Symbol‘.
’
’
39 Vgl. dazu auch Wolfgang Hennig, Genetik, Berlin u. a. 1995, 485.
100
¨
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– Crossing over, das Spalten zweier Chromosomenstr¨
ange und ihre Zusammensetzung
in neue Str¨
ange
– Deletion, die Entfernung eines speziellen Bausteins von einem bestehenden Schema
– Duplication, die ein- oder mehrmalige Einf¨
ugung eines identischen Bausteins oder
Schemas
– Inverting, die Schaffung von Kopien mit einer gegenl¨
aufigen Folge von Bausteinen
– Merging oder Fusion, die Zusammenf¨
uhrung zweier getrennter Schemen in ein neues
– Moving oder Transposition, den Transport von Bausteinen hin zu neuen Pl¨
atzen
Auch Turing-Maschinen, immerhin der Grundmechanismus f¨
ur alle berechenbaren Funktionen, erweisen sich u
¨ber die Rekombinationsoperatoren aus der
Tabelle 3 als geschlossen rekursiv organisiert. Denn gegeben eine Standardkonfiguration von Turing-Maschinen mit
= ( , Σ, Γ, δ, 0 , , ) 40 bestehen
die wichtigsten Operationen eines Turing-Rechners in der Verwendung der folgenden vier Rekombinations-Operatoren, welche die effektive Berechenbarkeit‘
’
von Funktionen rekursiv sicherstellen.
–
–
–
–
Moving, d. h. die horizontale Bewegung von einem Baustein zum n¨
achsten
Deleting, d. h. das Entfernen eines bestehenden Bausteins
Adding, d. h. das Hinzuf¨
ugen eines Bausteins
Replacing, d. h. die Ersetzung eines Bausteins durch einen anderen
Schließlich stellt sich, worauf allerdings nicht mehr n¨
aher eingegangen wird,
auch die Logik in der operativen‘ Fassung von Spencer-Brown so dar, daß
’
ihre Grundoperationen mit einer Untermenge aus der Tabelle 3 zusammengefaßt werden k¨onnen.41 Das Interessante an dieser beispielhaften Aufz¨
ahlung lag
vor allem darin, daß drei bekannte Mechanismen‘ zur Erzeugung des Neuen
’
in sehr unterschiedlichen Bereichen mit dem neuen Begriffswerkzeug auf eine
einheitliche und homogene Weise dargestellt werden k¨
onnen.
Als letztes konzeptionelles Element m¨
ussen noch Evaluations- oder Be’
wertungsmaße‘ eingef¨
uhrt werden, die folgende Grundeigenschaft besitzen: Sie
verm¨
ogen die Zwischenprodukte‘ in der Transformation von alt‘ nach neu‘ zu
’
’
’
40 So zu finden beispielsweise in John E. Hopcroft u. Jeffrey D. Ullman, Einf¨
uhrung in die
Automatentheorie, formale Sprachen und Komplexit¨
atstheorie, Bonn u. a. 1990, 159. Die
Symbole stehen f¨
ur: Q bezeichnet eine endliche Menge von Zust¨
anden, Σ die Menge der
¨
Eingabesymbole, Γ eine endliche Menge von erlaubten Bandsymbolen ein, δ eine Ubergangsfunktion, B das Blank, ein Symbol aus Γ, q0 den Anfangszustand und F die Menge der
Endzust¨
ande (F
Q).
¨
41 Uber
die Grund-Operation des Breaking‘, die Schaffung einer Unterscheidung im leeren
’
Raum, u
ur das Breaking‘ ( Wieder¨ber die Operation des Shortening‘, u
¨ber ein Axiom f¨
’
’
”
Kreuzen ist nicht Kreuzen“, so George Spencer-Brown, Laws of Form. Gesetze der Form,
L¨
ubeck 1997 [Erstausgabe 1969], 2.) sowie u
¨ber die Festlegung von Bausteinen‘ (Token, Ar’
rangement oder Ausdruck) l¨
aßt sich nach und nach der Spencer-Brownsche Kalk¨
ul aufbauen
und rekombinativ‘ darstellen.
’
¨
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101
bewerten und vor allem zwischen komparativ vorteilhafteren von relativ benachteiligten Varianten zu differenzieren. Solche Evaluationsmaße sind speziell
in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dom¨
anen in einer bunten Vielzahl zugegen, und reichen allein im Falle der Bewertung einer wissenschaftlichen
Hypothese von induktiven Best¨atigungsgraden, statistischen St¨
utzungsmaßen,
Konfirmationsgraden, einem Korroborationsmaß‘ (Karl R. Popper) bis hin zu
’
eher diffus definierten Maßen wie Probleml¨
osungsf¨
ahigkeit‘, Einfachheit‘, Er’
’
’
kl¨
arungstiefe‘ und anderem mehr.
Mit den Evaluationsmaßen f¨
ur vielstufig distribuierte Baustein-Schemen,
die rekursiv u
aumen‘
¨ber Rekombinations-Operatoren innerhalb von Design-R¨
’
¨
immer wieder, round and round, ver¨andert werden, kann die Kurz-Ubersicht
zu
den neuen Begrifflichkeiten f¨
ur die Entstehung des Neuen abgeschlossen werden. Um einen Augenblick hier zu verweilen: Die Sicht der Dinge, oder besser:
Prozesse, welche durch die bisherigen Darlegungen zum Begriff der Neuheit
nahegelegt wird, l¨adt ein zu Bildern ineinander verwobener, gr¨
oßtenteils irreduzibler Landschaften‘ an evolution¨aren Ensembles auf den unterschiedlichsten
’
raum-zeitlichen Niveaus, mit Inseln vergleichsweise h¨
ochster Komplexit¨
at, beispielsweise dem menschlichen Gehirn, und viel an kontingenten Bindungen und
Zerfall im Drumherum: zu Bildergalerien großer Ketten des Werdens – und des
Vergehens.42 Und vor diesem Hintergrund sollen im n¨
achsten und f¨
ur diesen
Artikel wohl zentralen Abschnitt Schl¨
usselheuristiken f¨
ur die Erkl¨
arung des
Neuen bis hin zu einer generativen Tiefengrammatik‘ St¨
uck um St¨
uck aufge’
baut und vorgestellt werden. Damit werden f¨
ur vier unterschiedliche Kontexte
jeweils einheitliche Erkl¨arungs-Rahmen und zum Teil auch passende Modellierungsformen bereitgestellt, die sich f¨
ur eine Vielzahl sehr unterschiedlicher
gesellschaftlicher, technologischer oder wissenschaftlicher Bereiche gleichermaßen eignen.
Analyse-Felder f¨
ur Neues
Nach den Facetten, Kontexten wie den Dimensionen des Neuen und nach einem
Begriffs-Rahmen f¨
ur die Untersuchung des Neuen werden im f¨
unften Abschnitt
vier zentrale Analyse-Kontexte aufgespannt, innerhalb deren sich gegenw¨
artig
und wohl auch zuk¨
unftig das Erkenntnisinteresse‘ am Neuen entfalten kann.
’
Wiederum sollen daf¨
ur zwei unterschiedliche Dimensionen bem¨
uht werden, um
42 Zu ¨
ahnlichen Visionen von Ordnungs/Welt-Konstruktionen vgl. u. a. William H. Calvin,
The Cerebral Symphony. Seashore Reflections on the Structure of Consciousness, New York
u. a. 1990; Heinz von Foerster, Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen. Eine
Selbsterschaffung in sieben Tagen, hg. von Albert M¨
uller u. Karl H. M¨
uller, Wien 1997; Lynn
Margulis, Symbiotic Planet. A New Look at Evolution, New York 1998 sowie Milan Zeleny,
Hg., Autopoiesis, Dissipative Structures, and Spontaneous Social Orders, Boulder 1980.
102
¨
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Tabelle 4: Vier Analyse-Felder des Neuen
EXTERN
INTERN
EINBETTUNG/UMGEBUNG
NEUHEIT
Kontext-Ver¨
anderungen bei
der Diffusion des Neuen (Feld I)
Kontext-Transformationen
alt → neu‘ (Feld III)
’
Diffusion des Neuen
(Feld II)
Transformationen
alt → neu‘ (Feld IV)
’
zu einer elementaren Vierfelder-Wissenschaft‘ der Analysen von Neuheit vorzu’
stoßen. Die erste der beiden Dimensionen orientiert sich daran, ob der Transformationsprozeß der Entstehung des Neuen‘ von u
¨berkommenen‘ Anfangs’
’
zust¨
anden hin zu einem Endzustand‘ des Neuen im Zentrum des Interesses
’
stehen soll – oder nicht. Demgem¨aß werden als intern‘ solche Analysen gewer’
tet, welche die Feinstrukturen und Abl¨aufe solcher Ver¨
anderungs- und Transaß solche Unformationsprozesse zum Ziel erheben. Als extern‘ gelten demgem¨
’
tersuchungen, welche vor dem Hintergrund von etwas Neuem nach dessen weiterer Diffusion wie Rezeption fragen und prim¨
ar an der Art der Ausbreitung
von Neuem orientiert sind. Die zweite Dimension stellt den Gegenstand der
Analyse in den Vordergrund und differenziert in erster Linie danach, ob das
Neue selbst oder dessen Umgebung oder sein Kontext im Brennpunkt der Untersuchung stehen.43 Demgem¨aß gelten als typisches Beispiel von Umgebungs’
fragen‘ die Beziehungen von Forschungsorganisationen und wissenschaftlichen
Innovationen, wogegen die Analysen von neuen Theorien, neuen Modellen, neuen Heuristiken oder von neuen Organisationsformen unter die Rubrik Neuheit‘
’
zu subsumieren sind.
Im weiteren werden diese vier Analyse-Felder n¨
aher in normalwissen’
schaftlicher‘ Manier aufbereitet und erl¨autert – und das heißt in bearbeitungsf¨
ahigen Erkl¨arungs- oder Prognose-Kontexten dargestellt. Der Weg dieser Darstellung wird in allen vier Feldern u
uhren und von
¨ber dieselben Etappen‘ f¨
’
den Kern-Fragen und den zentralen Forschungsproblemen des jeweiligen Bereiches zu einigen empirisch abgesicherten Heuristiken‘ vorstoßen. Diese sollen
’
ihrerseits dann generalisiert und zu Leitheuristiken‘ f¨
ur die Kernfragen des
’
¨
jeweiligen Feldes aufgebaut werden. Das Uberraschendste
– und damit wohl
auch: das Neuartige - an diesen vier zu pr¨asentierenden Kontexten liegt in zweierlei. Auf der einen Seite k¨onnen jeweils klar ausformulierte verallgemeinerte
43 Diese Dimension ließe sich auch als Luhmann-Dimension‘ etikettieren, da dort bekannter’
maßen die Trennung von Sprache/Kommunikation‘ und Umwelt‘ als Leitdifferenz firmiert
’
’
und psychische Systeme‘ zur Umwelt‘ gerechnet werden, vgl. Niklas Luhmann, Soziale Sy’
’
steme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1984, 346.
¨
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Erkl¨
arungs-Sketches‘ und in zwei Feldern auch die dazu stimmigen komple’
xen Modellierungen pr¨asentiert werden, die im Zentrum des jeweiligen Feldes
stehen und ihrerseits sowohl erkl¨arenden wie prognostischen Charakter tragen
k¨
onnen. Und das zweite neuartige Charakteristikum ist darin zu suchen, daß
diese komplexen Modelle oder Proto-Modelle‘ in unterschiedlichsten Gegen’
¨
standsbereichen verwendet werden k¨onnen und sich im Bereich der Okonomie
nicht anders darstellen als auf wissenschaftlichen Feldern, in sozio-technischen
Dom¨
anen oder innerhalb von verschiedenartigen Computerwelten‘. Die Ent’
stehung des Neuen folgt damit, etwas anders ausgedr¨
uckt, in scheinbar sehr
heterogenen Dom¨anen einem sehr ¨ahnlichen Grundmuster. Und man w¨
are speziell bei den beiden Feldern III und IV fast geneigt, von einer ebenso univer’
sellen‘ wie generativen‘ Tiefen-Grammatik‘ f¨
ur die Entstehung des Neuen zu
’
’
sprechen, die speziell in den letzten Passagen dieses Artikels entgegentreten
wird.
Die konkrete Abfolge der einzelnen Analyse-Kontexte erfolgt im Ausmaß
der in diesem Heft versammelten Erkl¨arungs-Rahmen und wird sich darum ganz
in der Reihenfolge von Tabelle 4 bewegen: Die Kontext-Ver¨
anderungen f¨
ur das
extern betrachtet Neue‘ (Feld I) wurden innerhalb dieses Journals vergleichs’
¨
weise gut kognitiv gemeistert – und auch die so interessanten Ubersichten,
die
Albert M¨
uller zum Foersterschen Biological Computer Laboratory pr¨
asentiert,
folgen weitgehend diesem Kontext. Die zentralen Fragen des gesamten Heftes
nach der Entstehung des Neuen, speziell nach den Fein-Analysen der viel- und
mannigfaltigen Rekombinationen‘ auf dem Weg zum Neuen (Feld IV) wurden
’
hingegen bisher nur in Spuren und Ans¨
atzen gestreift. Dieser Prozeß geh¨
ort
nach wie vor zu den am wenigsten verstandenen und erkl¨
arbaren Ph¨
anomenen;
er blieb auch innerhalb dieser Ausgabe vorerst noch ein hartn¨
ackig weißer‘,
’
dunkler‘ oder blinder‘ Fleck auf den kognitiven Landkarten dieser Journal’
’
nummer.
Analyse-Feld I: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur ein hohes Potential an Neuem
Im ersten Feld geht es prim¨ar um den Zusammenhang von hohen Innovationsgraden, hohen kreativen Leistungen mit ihren organisatorischen Environ’
ments‘. Gesucht wird hier nach jenen Schl¨
usselfaktoren‘ und vor allem nach
’
jenen Organisations-Mustern, die mit der Entstehung vieler oder wichtiger neuer Ph¨
anomene verbunden sind: organisatorische Schl¨
usselfaktoren f¨
ur wissenschaftliche Durchbr¨
uche und Revolutionen, eine Fragestellung, die Rogers und
Ellen Jane Hollingsworth sehr ausf¨
uhrlich innerhalb dieses Heftes zur Sprache
brachten; Organisations-Formen, die f¨
ur das Zustandekommen hoher unternehmerischer Innovationsleistungen vorrangig werden – das Kernthema in Jerry
104
¨
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Hages Artikel in dieser Ausgabe. Wo immer das Problem des Zusammenhangs
von hohen Innovationspotentialen, markanten Kreativit¨
atsausbr¨
uchen‘ und sei’
nem weiteren organisatorischer Kontext auftaucht, da wird das Analysefeld I
unmittelbar und zentral angesprochen.
Und eine der bemerkenswertesten Konvergenzen im gesamten vorliegenden
Heft hat sich genau bei den Analysen jener Umgebungen‘ vollzogen, welche
’
f¨
ur einen hohen Grad an extern‘ betrachteter Neuheit verantwortlich zeichnen.
’
Denn ein starkes Ausmaß an Innovationen entlang der unterschiedlichsten Bereiche, in wissenschaftlichen Instituten,44 in Unternehmen 45 oder in verwandten
Organisations-Formen, stellt sich, so die bisherigen Analysen bei Rogers und Ellen Jane Hollingsworth oder Jerry Hage, dann her, wenn die folgenden drei Faktorengruppen simultan sich entfalten und verst¨
arken k¨
onnen: riskante Strategien, Komplexit¨at der T¨atigkeiten sowie organische‘ Organisationsmerkmale.46
’
Die bisherige Palette an Schl¨
usselfaktoren kann interessanterweise nach
oben‘ hin nochmals erweitert und ausgebaut werden. In einer fr¨
uheren Arbeit
’
in dieser Zeitschrift u
¨ber wichtige Eigenschaften und Charakteristika im sehr
kreativen sozialwissenschaftlichen Netzwerk der Wiener Zwischenkriegszeit47
usselfaktoren‘ die Rede, die seinerzeitig zwar nicht in
war ebenfalls von Schl¨
’
diese Dreier-Gruppe verpackt waren, die aber bruch- und nahtlos in das bisherige Faktoren-Terzett integriert werden k¨
onnen. Dort war von einem Netzwerk‘
’
stark interagierender interdisziplin¨arer Gruppen – allen voran Ensembles wie
der Wiener Kreis‘, der Austro-Liberalismus‘, der Austro-Marxismus‘ und an’
’
’
deren die Rede, welche weitgehend abseits der etablierten St¨
atten der Wissen’
schaften‘ – der Universit¨aten – eine hoch innovative wissenschaftliche Kultur‘
’
pflegten und bis weit in die Mitte der 1930er Jahre auch erhalten konnten. Die
wichtigsten Merkmale des seinerzeitigen urbanen Netzwerks‘ lassen sich wie
’
folgt dem bisherigen Trio von Schl¨
usselfaktoren zuordnen.
– Komplexit¨
at der Arbeitsteilung: Komplexe Pers¨
onlichkeiten mit einer gegenw¨
artig
erstaunlich anmutenden kognitiven Weite‘ und Tiefe‘ 48 ; komplexe T¨
atigkeits- und
’
’
Diskussionsfelder, da die einzelnen Gruppen sich durch eine hohe disziplin¨
are Vielfalt auszeichneten u. a. m.
44 Vgl. den Artikel der beiden Hollingsworths in dieser Ausgabe.
45 Siehe den Artikel von Jerry Hage in diesem Band.
46 Man k¨
onnte weiters einige der Ausf¨
uhrungen bei Albert M¨
uller u
¨ber das BCL als impli’
zite Unterst¨
utzung‘ anf¨
uhren; und Christian Flecks sehr breit angelegte Organisationsstudie‘
’
kann nachgerade als Muster daf¨
ur herhalten, warum bei Vernachl¨
assigung einiger zentraler
Schl¨
usselfaktoren wissenschaftlich Neues nicht sich zu bilden vermag.
47 Vgl. Karl H. M¨
uller, Sozialwissenschaftliche Kreativit¨
at in der Ersten und in der Zweiten
¨
Republik, in: Osterreichische
Zeitschrift f¨
ur Geschichtswissenschaften 1, 1996, 9–43.
48 Zu n¨
aheren Details sei auf den Artikel selbst verwiesen, aber auch auf Friedrich Stadler,
Studien zum Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus
im Kontext, Frankfurt am Main 1997.
¨
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– Strategische Visionen‘: Riskante‘ kognitive Gruppenziele, die unmittelbar mit der
’
’
Produktion von Neuheit gekoppelt waren;49 eigenst¨
andige lokale Traditionen‘ wie
’
etwa der Austro-Lioberalismus‘ oder der Austro-Marxismus‘ mit ebenfalls einer
’
’
riskanten Weite‘ an unterschiedlichen Themen u. a. m.
’
– Organische Organisation‘: Zivile Selbst-Organisation‘ der vielf¨
altigen Gruppen’
’
treffen jenseits von b¨
urokratischen und standardisierten Routinen – und vor allem
auch jenseits der traditionellen Universit¨
aten; enger Zusammenhang von ziviler
’
Selbst-Organisation‘ und horizontalen Begegnungsformen sowie dichtestgedr¨
angte
Kommunikations- und Austauschbeziehungen u. a. m.
Nur unter der simultanen und an sich‘ seltenen Gegebenheit aller drei Fak’
torengruppen konnte sich jenes hochinnovative Wiener Netzwerk‘ in der Zwi’
schenkriegszeit bis zu dem Zeitpunkt entfalten und etablieren, bis es durch
den inner¨
osterreichischen Austrofaschismus und durch den außer¨
osterreichischen Nationalsozialismus vollends und nachhaltig zerst¨
ort wurde; als w¨
ar’s
50
nie ein St¨
uck von Wien gewesen.
Damit liegen mittlerweile hinreichend viele empirisch abgest¨
utzte Erkl¨
arungs-Muster vor, die sich als verallgemeinerungsf¨
ahig ausweisen. Ein generalisierter Erkl¨arungs-Sketch f¨
ur den Analyse-Kontext I, f¨
ur die Schl¨
usselfaktoren
f¨
ur ein hohes Umgebungs-Potential von Neuheit, k¨
onnte demnach in folgender
Form pr¨
asentiert werden.
Generalisierte Erkl¨
arungs-Skizze f¨
ur das Feld I: Evolution¨
are Ensembles wie Organisationen (Unternehmen, wissenschaftliche Institute, B¨
urokratien, intermedi¨
are Organisationen, etc.) oder Regionen von einzelnen St¨
adten bis hin zu ganzen Staaten
besitzen ein hohes und nachhaltiges Innovations- oder Kreativit¨
atspotential, wenn sie
u
ugen und dieses zudem dauerhaft
¨ber das folgende Faktorengeflecht simultan verf¨
verbinden k¨
onnen: komplexe Formen der Arbeitsteilung (Faktorengruppe I), eine
dauerhaft riskante Strategie (Faktorengruppe II) und eine organische Organisation
(Faktorengruppe III). Wegen der vielf¨
altigen positiven Relationen zwischen Innovationserfolgen und Gr¨
oßenwachstum einerseits [Innovationserfolge ↔ Gr¨
oßenwachstum
( )], [Innovationserfolge ↔ Attraktivit¨
at f¨
ur außen ( )], etc. und wegen der inver49 Die Psycho-Analyse sollte beispielsweise entlang der Schnittstelle‘ von Medizin, Mach’
scher Mechanik, Psychologie und Psychiatrie wachsen, der Wiener Kreis sich im Interface‘
’
von neuer Logik‘, Wissenschaftsanalyse, Philosophie und Sprachkritik entwickeln; der Aus’
troliberalismus setzte sich die Ausarbeitung einer komplexen Handlungstheorie mit einem
¨
sehr differenzierten G¨
uterkosmos zum Zielpunkt einer m¨
oglichst umfassenden Sozio-Okonomie, etc.
50 Man m¨
ochte verallgemeinernd hinzuf¨
ugen: Nur unter einem a
¨hnlichen Zusammenwirken
dieser drei Gruppen an regionalen Schl¨
usselfaktoren verm¨
ogen sich auch gegenw¨
artig kreative
wissenschaftliche Netzwerke aufzubauen und zu reproduzieren; momentan beispielsweise jene
im Umkreis von Santa Fe oder um Boston. Und es w¨
urde zu den wissenschaftshistorisch
spannungsgeladenen Forschungsfragen geh¨
oren, ob sich Edinburgh um 1750‘, Paris um 1750‘
’
’
oder Berlin um 1920‘ aus einer ¨
ahnlichen Faktorenkonstellation begreifen und ansatzweise
’
erkl¨
aren lassen.
106
¨
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sen Beziehungen zwischen Gr¨
oßenzuw¨
achsen und organischen Strukturen andererseits
[Gr¨
oße ↔ Standardisierung ( )],[Gr¨
oße ↔ B¨
urokratisierung ( )] [Gr¨
oße ↔ horizontale Kommunikationen (-)], [Gr¨
oße ↔ Hierarchiebildungen ( )], etc. unterminiert
ein hohes Innovationspotential auf die Dauer die Grundlagen seiner Existenz.
Formale Modelle, welche diesen allgemeinen Erkl¨
arungs-Sketch reproduzieren
k¨
onnten, sind nicht unmittelbar gegeben – und w¨
urden an dieser Stelle auch
kaum von unmittelbarem Nutzen sein. Denn die wichtigen Datenquellen f¨
ur
diese allgemeine Erkl¨arungs-Skizze lassen sich haupts¨
achlich u
¨ber den Weg von
qualitativen Erhebungen, Expertengespr¨achen oder Organisationsanalysen aufbauen. Und diese vornehmlich weichen Daten‘ besitzen in der Regel eine starke
’
Resistenz gegen¨
uber weiterf¨
uhrenden Modellierungen. Summarisch er¨
offnet sich
aber in Gestalt von Tabelle 5 eine u
¨berraschend homogene und empirisch vielusselfaktoren
fach gest¨
utzte selbst¨ahnliche‘ 51 Heuristik von kontextuellen Schl¨
’
f¨
ur hohe Innovationspotentiale in so unterschiedlichen Bereichen wie Wissen¨
schaft, Okonomie
oder einem intermedi¨
aren Sektor‘ und f¨
ur so divergierende
’
Niveaus wie f¨
ur einzelne Organisationen oder Regionen.
Damit w¨are ein erster Erkl¨arungskontext mit einem allgemeinen Erkl¨
arungs-Sketch gewonnen, der zudem durch mehrere Beitr¨
age in diesem Heft
empirisch abgesichert werden konnte.
Analyse-Feld II: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur die Ausbreitung des Neuen
Ein zweites großes Analyse-Feld, auf dem sich zudem vielf¨
altige empirische
Erfahrung wie Erkl¨arung angesammelt hat, liegt in der Schnittstelle von extern vorgegebenen Neuheiten und ihrer Diffusion. Die zentralen Fragestellungen
zielen hier nach dem Ausbreitungs-Muster ebendieser Neuheit, die verschiedenartigste Formen beinhalten. Einerseits kann Neuheit‘ vielerlei bedeuten:
’
ein neues Produkt, einen neuen Prozeßablauf, eine neue Organisationsweise im
Wirtschaftsleben, eine neue Theorie, ein neues Modell im Wissenschaftsbereich,
neue Instrumente, neue Moden, neue Lifestyle-Trends‘, ein neues literarisches
’
Werk und vieles, vieles andere mehr; andererseits kann sich Neues schnell, zyklisch, linear, regional konzentriert, zeitverz¨
ogert, geplant, oder auch gar nicht
verbreiten. Wo immer sich das Erkenntnisinteresse an der Ausbreitung oder
auch der Nichtausbreitung neuartiger Ph¨
anomene festsetzt, da wird im Kern
das Analyse-Feld II ber¨
uhrt.
51 Der Ausdruck der Selbst¨
ahnlichkeit‘ soll allerdings nur dann verwendet werden, wenn sich
’
ein- und dasselbe Faktorengeflecht‘ auf unterschiedlichen Ebenen – auf solchen der Regionen,
’
der Staaten oder der Organisationen - applizieren l¨
aßt. Selbst¨
ahnlichkeit‘ ist auf diese Weise
’
untrennbar mit einem Niveauwechsel, nicht einem Bereichswechsel verkn¨
upft.
¨
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Tabelle 5: Selbst¨ahnliche‘ Schl¨
usselfaktoren f¨
ur hohe Kreativit¨ats’
und Innovationspotentiale von Organisationen, urbanen R¨aumen oder Regionen
BEREICHE
FAKTORENGRUPPEN INDIKATOREN
WISSENSCHAFTL.
INSTITUTE
Komplexit¨
at der
’
T¨
atigkeiten‘
Riskante‘
’
Strategien
Organische Strukturen‘
’
UNTERNEHMEN
Komplexit¨
at der
’
T¨
atigkeiten‘
Riskante Strategien‘
’
Organische Strukturen‘
’
¨
INTERMEDIARE
Komplexit¨
at der
’
ORGANISATIONEN T¨
atigkeiten‘
Riskante Strategien‘
’
Organische Strukturen‘
’
REGIONEN
(Stadt, Region
Staat)
Komplexit¨
at der
’
T¨
atigkeiten‘
Riskante Strategien‘
’
Organische Strukturen‘
’
Vielfalt (Heterogenit¨
at von Disziplinen; multi-disziplin¨
are Kompetenzen), Tiefe‘ (Gr¨
oße und Weite)
’
Leadership‘: Strategische Vision,
’
Rekrutierung; Ressourcen; inno’
vationsfreundliche Atmosph¨
are
Geringer Grad an Differenzierung,
Hierarchisierung und Standardisierung; horizontale Kommunikationsprozesse
Komplexe Arbeitsteilungen; komplexe Berufs- und T¨
atigkeitsprofile u. a.
Leadership‘: Unternehmens’
vision f¨
ur Markt-Nischen u. a.
Relativ geringer Grad an Differenzierung, B¨
urokratisierung, etc.
Komplexe Arbeitsteilungen; komplexe Berufs- und T¨
atigkeitsprofile u. a.
Leadership‘: Visionen f¨
ur die
’
Umstrukturierung einer Organisation in intermedi¨
are Nischen
Relativ geringer Grad an Differenzierung, B¨
urokratisierung, etc.
Kognitive Weite‘ und Tiefe‘
’
’
von Personen; Heterogenit¨
at von
Disziplinen in den Gruppen
Leadership‘ : Risikoreiche
’
Wissenschaftsprogramme
mit genuinem Neuheitswert;
Schaffung passender Organisations-Formen u. a.
Zivile‘ Selbst-Organisation;
’
geringer Grad an Standardisierung;
hohes Ausmaß an horizontaler
Kommunikation, etc.
Im Falle des kreativen Wiener Netzwerks braucht nur auf Leit-Figuren‘ wie beispielsweise
’
Sigmund Freud, Alfred Adler, Ludwig von Mises, Otto Neurath oder Moritz Schlick verwiesen
werden.
108
¨
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F¨
ur diese Diffusion des Neuen‘ sind im Wissenschaftsbereich v¨
ollig un’
abh¨
angig voneinander zu zwei verschiedenen Zeitpunkten und zudem f¨
ur verschiedene Bereiche zwei Erkl¨arungsskizzen entworfen worden. Die erste Version
¨
wird im Bereich der Okonomie
entwickelt und von Joseph A. Schumpeter seit
dem Jahre 1912, dem Erscheinungsdatum seiner Volkswirtschaftlehre‘ immer
’
mehr verfeinert.52 Bezogen auf langfristige Produkt-Innovationen liest sich der
Schumpetersche Sketch ungef¨ahr wie folgt.
Zu Beginn zeichnet sich ein Marktsystem – und dies markiert den Beginn seiner Pro’
sperit¨
atsphase‘ – durch eine rasche Diffusion einer Basis-Produktinnovation 53 und
der dadurch induzierten sekund¨
aren, terti¨
aren usw. Anpassungsprozesse aus. Weil die
Ertr¨
age und Chancen von Kapazit¨
atsausweitungen im neuen Verbund dieser BasisProduktinnovation aber im Lauf der Zeit abnehmen stoßen, wird das ¨
okonomische System insgesamt in die Gegend von S¨
attigungsgrenzen‘ getrieben. Mit dem Erreichen
’
solcher Grenzen wandelt sich – und dies markiert den Beginn der Depressionsphase‘ –
’
der Zustand des ¨
okonomischen Systems. Es kommt, so sich dazu die M¨
oglichkeiten offerieren, zur Verbreitung von Basis-Prozeßinnovationen, welche aber ihrerseits durch
abnehmende Grenzertr¨
age charakterisierbar sind. Durch die mit der Zeit auch schwindenden Attraktivit¨
aten von Basis-Prozeßinnovationen und dem parallel damit zunehmenden Aufbau einer neuen Basis-Produktinnovation wird das ¨
okonomische System
wiederum, und diesmal deshalb, weil w¨
ahrend der Depression die Wahrscheinlichkeit
f¨
ur die Suche nach g¨
anzlich anderen Alternativen zunimmt und eine erfolgreiche BasisProduktinnovation inmitten einer wenig gewinntr¨
achtigen Umgebung vergleichsweise
schnell imitiert wird, in eine Umgebung voll von offenen M¨
oglichkeiten‘ getrieben.
’
Nach einer kurzen Scramble‘-Periode, in der sich eine Basis-Produkt-Innovation als
’
die vergleichsweise st¨
arkste herausstellen muß, kann sich eine neuerliche Aufschwungperiode entfalten, innerhalb der – aber damit w¨
aren wir wiederum beim Anfang zu
diesem Sketch angelangt, der sich im u
¨brigen, weil eine große Zahl der beteiligten
Unternehmensgruppen unkoordiniert, aber gebunden rational entscheidet, auf diese
Weise ad infinitum fortsetzt.
Die Abbildung 1 f¨
uhrt nochmals das Schema einer solchen quasi-zyklischen
Schumpeter-Uhr‘ vor Augen, in der einzelne Unternehmen sich im Zeitablauf
’
einer von insgesamt sechs Netzwerk-Gruppen zuordnen k¨
onnen: CE (core/expansiv) steht dabei f¨
ur Produkt-Innovationen im Bereich von Schl¨
usseltechnologien oder Leitsektoren‘, CR (core/rationalisierend) f¨
ur Prozeß-Innovationen
’
wiederum bei Schl¨
usseltechnologien, PE (peripher/expansiv) f¨
ur Produktinnovationen in speziellen Marktnischen, PR (peripher/rationalisierend) f¨
ur Prozeß52 Vgl. Joseph A. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung u
¨ber Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus, 3. Aufl.,
M¨
unchen 1931 (1. Aufl. 1912).
53 In historischer Reihenfolge lautet die Sequenz dieser Leit- und Schl¨
usselsektoren: Textilindustrie, Eisenbahnen, Chemie-/Elektroindustrie, Automobile, IuK-Technologien, vgl. dazu
auch W. W. Rostow, The World Economy. History
Prospect, Austin 1978.
¨
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109
Abbildung 1: Eine Netzwerk-Darstellung der Schumpeter-Uhr‘
’
Innovationen innerhalb von Marktnischen, CI (core/indifferent) f¨
ur keinerlei
Innovationst¨atigkeit bei Schl¨
usseltechnologien oder Leitsektoren und PI (peripher/indifferent) f¨
ur keinerlei Innovationst¨
atigkeiten innerhalb einzelner Marktnischen. Eine Art Zyklus‘ wird bei diesem Netzwerk dann dadurch hergestellt,
’
daß sich in periodischen‘ Abst¨anden relativ starke Konzentrationen innerhalb
’
des CE-Bereichs – die Stunde der neuen Leitsektoren – mit st¨
arkeren Ballungen
im CR-Segment – die Tage der großen Rationalisierungen – abl¨
osen. Interessanterweise wurde nun dieser Erkl¨arungs-Sketch‘ zur Ausbreitung des Neu’
en innerhalb des Feldes II nochmals erfunden; aber diesmal ereignet sich diese Diffusions-Geschichte innerhalb eines ganz anderen Gebietes außerhalb der
¨
Okonomie.
Seltsamerweise wurden trotz oder vielleicht: wegen dieser Paralle’
laktion‘ beide Versionen unabh¨angig voneinander in ihren jeweiligen Ursprungsdom¨
anen ¨
außerst popul¨ar und avancierten dort nachgerade zu Klassikern‘. In
’
der Wissenschaftsforschung, da liest sich jedenfalls diese Diffusions-Geschichte‘
’
mit ver¨
anderten Akteuren und anderen Objekten struktur¨
ahnlich – so.
Zu Beginn der Geschichte zeichnet sich ein wissenschaftliches Feld – und dies markiert den Beginn seiner revolution¨
aren Phase – durch eine rasche Diffusion eines innovativen wissenschaftlichen Grundlagenprogramms – eines Paradigmas‘ – und der
’
dadurch induzierten sekund¨
aren, terti¨
aren usw. Anpassungsprozesse aus. Weil die
Chancen von Applikationsausweitungen im neuen Verbund dieses innovativen BasisProgramms aber im Lauf der Zeit abnehmen, wird das betreffende Feld insgesamt in
die Gegend von S¨
attigungsgrenzen‘ und einer Anh¨
aufung von Anomalien‘ getrieben.
’
’
110
¨
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Mit dem Erreichen solcher Grenzen‘ wandelt sich – und dies markiert den Beginn
’
einer Periode der Krise‘ – der Zustand des betreffenden Feldes. Es kommt, so sich dazu
’
die M¨
oglichkeiten offerieren, zur Verbreitung von ad hoc-Programmen‘, welche aber
’
ihrerseits durch abnehmende Grenzertr¨
age charakterisierbar sind. Durch die mit der
Zeit auch schwindenden Attraktivit¨
aten von solchen ad hoc-Programmen‘ und dem
’
parallel damit zunehmenden Aufbau neuer Basisprogramme oder Paradigmen wird
aber ein wissenschaftliches Feld wiederum, und diesmal deshalb, weil w¨
ahrend der Krisen die Wahrscheinlichkeit f¨
ur die Suche nach g¨
anzlich anderen Alternativen zunimmt
und erfolgreiche innovative Basisprogramme inmitten einer wenig probleml¨
osungsreichen Umgebung vergleichsweise schnell imitiert werden, in die Umgebung voll von
offenen M¨
oglichkeiten‘ bewegt. Nach einer kurzen Scramble-Periode‘, in der sich ein
’
’
spezielles Paradigma als das vergleichsweise st¨
arkste herausstellen muß, kann sich
eine neuerliche Revolutionierung‘ entfalten, innerhalb der – aber damit w¨
aren wir
’
wiederum beim Anfang zu diesem Sketch angelangt, der sich im u
¨brigen, weil eine
große Zahl der daran beteiligten Forschungseinheiten unkoordiniert, aber gebunden
rational entscheidet, auf diese Weise ad infinitum fortsetzt ...
Und weil ein Erkl¨arungs-Sketch von seinen Grundstrukturen her in zwei sehr
unterschiedlichen Metiers auf nahezu identische Weise entwickelt wurde, sollen
die bisherigen zwei Erkl¨arungs-Rahmen‘ ihrerseits generalisiert‘ und in einen
’
’
weiteren Diffusions-Kontext gestellt werden, der solche quasi-zyklischen‘ Mu’
ster als echte Teilmenge enth¨alt.
Generalisierte Erkl¨
arungs-Skizze f¨
ur das Feld II: Als Anfangsbedingung zeichnet sich
ein beliebiges Gesamt-System – ¨
okonomische, soziale oder andersgelagerte AkteurNetzwerke samt ihren eingebetteten Code-Systemen - durch das Auftauchen eines
neuen Elements – einer Eigenschaft, einer Struktur, eines neuen Bausteins‘, einer
’
Gruppe neuer Bausteine‘ – aus. Diese Neuheit ist an irgendeinem Punkt dieses
’
Gesamt-Systems entstanden und wird wegen ihrer komparativen Vorteile‘ – bewertet
’
an einem einfachen oder zusammengesetzten Evaluationsmaß – vergleichsweise schneller reproduziert‘, imitiert‘ und in alle m¨
ogliche Richtungen rekombinativ erweitert,
’
’
verbessert und erg¨
anzt. In dieser Phase werden u
¨berdies durch die schnellen Imitationen wie Replikationen sekund¨
are, terti¨
are, quart¨
are ... Anpassungsprozesse ausgel¨
ost,
welche das Gesamt-System insgesamt stark ver¨
andern. Weil aber die Expansionspotentiale dieses neuartigen Ensembles im Laufe der Zeit abnehmen und nur in den
allerseltensten F¨
allen einen eliminativen und umgebungsr¨
aumenden‘ Charakter be’
sitzen, werden weitere Diffusionen an S¨
attigungsgrenzen‘ stoßen. Es verbreiten sich
’
in der Folge solche Ver¨
anderungen, welche das neue Ensemble optimieren‘ und sei’
nem dominanten Design‘ n¨
ahern. Je nach Art der Umgebung und der Koordination
’
lassen sich diese Diffusionen einerseits in Form von Uhrwerken‘ als quasiperiodi’
’
sche Phasen‘ beschreiben, in denen ein endogenes Faktorengeflecht eine regelm¨
aßige
Sequenz von Expansionsphasen‘, Optimierungszeiten‘ und neuerlichen Expansions’
’
’
phasen‘ garantiert. Das andere Format f¨
ur Ausbreitungen ist nicht zyklisch gehalten, sondern in Form von spontanen Bubbles‘ arrangiert, die durch unregelm¨
aßige,
’
a-zyklische Abfolgen von Expansionsphasen‘, Optimierungszeiten‘ und neuerlichen
’
’
Expansionsphasen‘ beschrieben werden k¨
onnen.
’
¨
OZG
11.2000.1
111
F¨
ur diesen generellen Erkl¨arungs-Sketch steht gleich eine Reihe an komplexen
’
Modellierungsstrategien‘ offen, die von der Populations-Dynamik‘ bis hin zu
’
Diffusions-Gleichungen oder nicht-linearen R¨
auber-Beute-Modellen‘ reichen.54
’
Heuristisch sollte es sich aber vor allem als fruchtbar erweisen, die Diffusionsgeschichte des Neuen innerhalb von beliebigen Umgebungen – innerhalb
¨
von Akteur-Netzwerken mit ihren eingebetteten Code-Systemen in der Okonomie, der Wissenschaften, der Politik oder anderer Bereiche – nach dem Er’
kl¨
arungs-Muster‘ von Mastergleichungen‘ aufzubauen, die eine hinreichend fle’
xible Modellierungs-Sprache‘ f¨
ur unterschiedlichste Bereiche aufweisen.55 F¨
ur
die Schumpeter-Uhr‘ mit ihren Zust¨anden von Basis-Produkt-Innovationen,
’
Basis-Prozeß-Innovationen, f¨
ur die in den Raum gestellte Kuhn-Uhr‘ mit ihren
’
alten und neuen Paradigmata und f¨
ur ¨ahnlichgelagerte Innovations-Uhren‘ l¨
aßt
’
sich das folgende Modellierungsschema aufbauen, das in vier Grundgleichungen
separiert werden kann. Die erste Gleichung ist eine Art von Bilanzgleichung‘, in
’
¨
der die Ubertrittswahrscheinlichkeit
p f¨
ur den Wechsel zwischen verschiedenen
Zust¨
anden‘ oder Populationen‘ im Zentrum steht: f¨
ur die Wahrscheinlichkeit
’
’
des Wechsels eines Unternehmens von einem indifferenten Peripheriebereich
¨
(PI) in ein innovatives Kernsegment (CE), f¨
ur die Anderung
einer Wissenschaftlergruppe von einem alten Paradigma hin zu einem neuen, usw. Diese Wahrscheinlichkeit h¨angt, abgesehen von einem generellen Mobilit¨
atsterm‘
’
ν, im wesentlichen von zwei Faktorengruppen ab, n¨
amlich von den Attrakti’
vit¨
aten‘ a und den inh¨arenten Netzwerkbarrieren‘ f .56 Diese Barrieren k¨
onnen
’
nun ihrerseits nach mehreren Faktoren aufgesplittet‘ werden. Wichtig wird hier
’
vor allem, daß solche Barrieren oder Constraints je nach untersuchtem Bereich
54 Zu solchen Ans¨
atzen vgl. u
¨ berblicksweise Josef Hofbauer u. Karl Sigmund, Evolutionstheorie und dynamische Systeme. Mathematische Aspekte der Selektion, Berlin 1984 sowie
Manfred Peschel u. Werner Mende, The Predator-Prey Model. Do We Live in a Volterra
World, Wien u. New York 1986.
55 Zu diesen Master-Gleichungen vgl. u. a. Hermann Haken, Synergetik. Eine Einf¨
uhrung,
Berlin u. a. 1982, ders., Advanced Synergetics. Instability Hierarchies of Self-Organizing Systems and Devices, Berlin u. a. 1983; Wolfgang Weidlich u. G¨
unter Haag, Concepts and
Models of a Quantitative Sociology. The Dynamics of Interacting Populations, Berlin u. a.
1983; dies., Hg., Interregional Migration. Dynamic Theory and Comparative Analysis, Berlin u. a. 1988; G¨
unter Haag, Dynamic Decision Theory. Applications to Urban and Regional
Topics, Dordrecht u. a. 1989; Karl H. M¨
uller u. G¨
unter Haag, Hg., Komplexe Modelle in den
Sozialwissenschaften, Sonderausgabe von WISDOM (1994).
56 Bezogen auf die bisher skizzierten Erkl¨
arungs-Sketches l¨
aßt sich formulieren: Der Wechsel
f¨
ur ein Unternehmen hin zu einer neuen Produkt-Innovation (f¨
ur eine Wissenschaftlergruppe
hin zu einem neuen Paradigma‘) ist umso gr¨
oßer, je attraktiver diese Neuheit klassifiziert
’
werden kann und je weniger an Constraints‘ oder Barrieren‘ f¨
ur einen solchen Wechsel vor’
handen sind. Die Grundgleichung lautet dabei:
α
α
α −
α −
→
→
pα
ij = ν (t)fij exp [ai ( n ) − aj ( n )], i = j
112
(1.1)
¨
OZG
11.2000.1
verschieden ausfallen k¨onnen.57 In der Gleichung (1.2) wird beispielsweise davon ausgegangen, daß zwei wichtige Constraints‘, aufgebaut als Distanzen‘ δ
’
’
zwischen den einzelnen Netzwerkpopulationen, die Bewegungen innerhalb des
Netzwerks erschweren, verlangsamen oder behindern.58 Damit kann zur Seite
an Attraktivit¨atsfaktoren‘ u
¨bergeschwenkt und wiederum zwischen zwei un’
terschiedlichen Gruppen differenziert werden.59 Auf der einen Seite, den s, stehen systemische‘ Attraktivit¨atsfaktoren oder sogenannte Synergie-Parameter‘,
’
’
die in solchen Akteur-Netzwerken in unterschiedlichem Ausmaß wirken k¨
onnen
und die auf zwei wichtige nicht-lineare Prozesse abzielen: einmal auf die schnelle
Ausbreitung und Auff¨
ullung‘ eines besonders attraktiven Zustands, ein Ph¨
ano’
men, das auch als Tauben-, Bandwagon- oder Agglomerations-Effekt‘ bekannt
’
’
ist; und einmal auf jene S¨attigungsgrenzen‘ und Schwellen‘, welche solche
’
’
schnellen Agglomerationsprozesse begrenzen. Unter der Rubrik e k¨
onnen im
Kontext von Gleichung (1.3) dann jene Faktoren spezifiziert werden, welche f¨
ur
komparative Vorteile‘ abseits der beiden systemischen Gr¨
oßen verantwortlich
’
zeichnen. Schließlich wird die genaue Formalisierung der beiden Synergiepara’
meter‘ so vorgenommen, daß der erste Parameter κ den Tauben‘-, Bandwa’
’
gon‘- oder Agglomerations-Effekt‘ beschreibt und die zweite Gr¨
oße σ die S¨
atti’
’
gungsgrenzen‘ zum Ausdruck bringt.60 Aus den bisherigen Darstellungen – den
beiden Erkl¨arungs-Skizzen f¨
ur die Struktur ¨
okonomischer wie wissenschaftlicher
Revolutionen, aus der Abbildung 1, dem generalisierten Erkl¨
arungs-Sketch sowie aus der Skizzierung eines einzelnen komplexen und nicht-linearen Modells –
kann zur Tabelle 6 u
usselfak¨bergeleitet werden, in der sich die wichtigsten Schl¨
’
toren‘ f¨
ur die Ausbreitung des Neuen in unterschiedlichen Dom¨
anen versammelt
¨
57 Beispielsweise wird sich der Ubergang
von einem alten Paradigma‘ zu einem neuen‘ f¨
ur
’
’
einzelne Wissenschaftsgruppierungen dann als schwierig herausstellen, wenn sich die notwendige maschinelle oder instrumentelle Infrastruktur f¨
ur die Arbeit im Kontext des neuen
Paradigmas als sehr kostspielig herausstellt, wenn sie deutlich gr¨
oßere Teams erfordert, wenn
sie seltene Kompetenzen verlangt usw.
58 Formal lassen sich diese Barrieren in die folgende Gleichungsform bringen:
1,α
2,α
α
fij
= exp (−µα δij
− ρα δij
)
(1.2)
59 Formal bedeutet dies nichts anderes als:
α
α
aα
i = si + ei
(1.3)
60 Formalisiert lassen sich diese Synergie-Parameter‘ auf die folgende Art wiedergeben:
’
P
sα
i
=
β=1
¨
OZG
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P
k αβ nβi
β
σ αβγ nβi nγi + ...
+
(1.4)
β=1 γ=1
113
finden. Im wesentlichen k¨onnen zwei verschiedene Gruppen an Schl¨
usselfakto’
ren‘ bem¨
uht werden.
Die erste Faktorengruppe – die Faktoren f¨
ur komparative Vorteile‘ – fas’
sen jene Bestimmungsgr¨oßen zusammen, welche das Neue in seinem Umfeld als
vergleichsweise besser‘, attraktiver‘, n¨
utzlicher‘ o. a. m. erscheinen lassen.61
’
’
’
Im Prinzip k¨onnen solche komparativen Vorteile‘ in zwei unterschiedlichen Be’
reichen liegen, n¨amlich einerseits im Neuen‘ selbst und andererseits in seinen
’
Verbindungen und Beziehungen zu seiner Umwelt‘.62
’
Und das zweite Faktorenset konzentriert sich auf solche Gr¨
oßen, welche den
Transfer und die Bewegung innerhalb der großen Akteur-Netzwerke behindern,
restringieren und einschr¨anken. So mag es zwischen einer alten und einer neuen
Technologie ganz klare Unterschiede an komparativen Vorteilen‘ geben, allein
’
der Wechsel kann sich wegen vielf¨altiger Lock-in-Ph¨
anomene‘ – zu geringes
’
Know how‘, zu unterschiedliche Gr¨oßenverh¨
altnisse u. v. a. m. – verz¨
ogern oder
’
u
¨berhaupt ganz ausbleiben.
Aus der Tabelle 6 wird zudem auch ersichtlich, daß beide Gruppen an
Schl¨
usselfaktoren imstande sind, jeweils besondere Dynamiken in der Ausbreitung des Neuen erzeugen zu k¨onnen. Ausbreitungs-Uhren‘ stellen jedenfalls nur
’
eines von vielen Diffusions-Mustern‘ des Neuen dar. Insgesamt warten aber
’
im Feld II gleich mehrere ¨ahnlichgelagerte Modelle mit zwei Klassen an erkl¨
arungsrelevanten Schl¨
usselfaktoren‘ darauf, beliebige Fragestellungen in der
’
Ausbreitung von Neuheiten in einen zwar komplexen, aber durchaus normalwissenschaftlichen Erkl¨arungs- und Prognose-Rahmen zu u
uhren.63
¨berf¨
61 Hier wird es wichtig, auf die Kontextgebundenheit solcher komparativen Vorteile‘ eigens
’
hinzuweisen. Etwas Neues, das in einer speziellen Umgebung starke komparative Vorteile
besitzt, kann sie in anderen Kontexten vollends verlieren, vgl. John Maynard Smith, Evolution
and the Theory of Games, 3. Aufl., Cambridge 1985 sowie Karl Sigmund, Games of Life.
Explorations in Ecology, Evolution and Behaviour, Harmondsworth 1995.
62 Mit diesem Punkt wird auch das technologiehistorisch immer wieder ausgef¨
uhrte Ph¨
anomen angesprochen, daß ein neues Produkt oder eine neue Technologie auf der Ebene der Performanzen deutlich besser abschnitt und sich dennoch, wegen seiner fehlenden oder schlechteren Umfeld-Linkages‘, nicht durchsetzen konnte. Zu diesem Punkt besonders James M.
’
Utterback, Mastering the Dynamics of Innovation. How Companies Can Seize Opportunities
in the Face of Technological Change, Boston 1994; und als St¨
uck subversiver Wissenschaftsliteratur u
at solcher Umfeld-Linkages‘ vgl. Bruno Latour, The Pasteurization
¨ ber die Zentralit¨
’
of France, Cambridge, MA. 1988.
63 Es sollte eigens betont werden, daß f¨
ur alle der in der Tabelle 6 angef¨
uhrten Bereiche
bereits komplexe Modelle mit vollst¨
andigen empirische Anwendungen vorliegen, vgl. dazu
die Literatur aus Anm. 54 sowie Karl H. M¨
uller u. G¨
unter Haag, Complex Modeling with
NIS-Data. The Austrian Innovation System, Bd. 5, Wien 1996.
114
¨
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Tabelle 6: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur die Ausbreitung des Neuen
¨
in Wissenschaft, Okonomie
und Gesellschaft
BEREICHE
FAKTORENGRUPPEN INDIKATOREN
PRODUKTINNOVATIONEN
Attraktivit¨
aten
Barrieren
Dynamik
PROZESSINNOVATIONEN
Attraktivit¨
aten
Barrieren
Dynamik
NEUE
”
PARADIGMEN“
Attraktivit¨
aten
Barrieren
Dynamik
NEUE POLITISCHE
PARTEIEN
Attraktivit¨
aten
Barrieren
Dynamik
NEUE
Attraktivit¨
aten
¨
BESCHAFTIGUNGSSEKTOREN
Barrieren
Dynamik
¨
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Komparative Vorteile des neuen
Produkts; komparative Vorteile
seiner Netzwerkmerkmale
Netzwerkhemmnisse durch unterschiedliche Gr¨
oßenverh¨
altnisse,
technologische Ausstattung, Qualifikationen u. a.
Quasi-periodisch‘
’
Komparative Vorteile einer neuen
Prozeß-Technologie; komparative
Vorteile mit ihrer Umgebungen
Netzwerkhemmnisse u
¨ ber unterschiedliche Gr¨
oßenverh¨
altnisse,
technologische Ausstattung, Qualifikationen u. a.m.
Quasi-periodisch‘
’
Komparative Vorteile eines neuen
Paradigmas; komparative Vorteile
seiner Netzwerkmerkmale
Hemmnisse durch unterschiedliche
Gr¨
oßenverh¨
altnisse, Qualifikation,
Glaubensst¨
arken‘ u. a.
’
Quasi-periodisch‘ oder kontext’
abh¨
angig
Komparative Vorteile einer neuen
politischen Partei; komparative
Vorteile ihrer Vernetzungsmerkmale
Netzwerkhemmnisse u
¨ ber unterschiedliche sozio-¨
okonomische,
sozio-demografische oder kognitive Verteilungen
Kontextabh¨
angig
Komparative Vorteile eines neuen
Sektors; komparative Vorteile seiner Vernetzungsmerkmale
Netzwerkhemmnisse u
¨ ber unterschiedliche sozio-¨
okonomische,
sozio-demografische oder qualifikatorische Verteilungen
Komplexe R¨
auber-Beute-Muster‘
’
u. a. m.
115
Analyse-Feld III: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur die Transformatoren‘ des Neuen
’
Mit dem Feld III wechselt die bisherige Betrachtungsweise von einer exter’
nen‘ in eine interne‘ Perspektive: Es geht um die Abfolgen, Sequenzen, Stufen,
’
Transformationen, Ver¨anderungen, welche die Entstehung des Neuen aus dem
Blick ihrer jeweiligen unmittelbaren Umgebungen‘ heraus untersuchen.
’
Zur Verdeutlichung der speziellen Perspektive im Feld III sei das Beispiel
der wissenschaftlichen Revolutionen und Durchbr¨
uche herangezogen. Worin
unterscheiden sich Feld I-Zug¨ange, beispielsweise der Approach bei den beiden Hollingsworths, von einer Feld III-Analyse Nun, der Fokus im Feld III
richtet sich von seinen zentralen Forschungsfragen her auf die wissenschaftlichen Revolution¨are‘ und Durchbrecher‘ in der Phase ihrer Revolutionen und
’
’
Durchbr¨
uche: einerseits auf den Theoretiker, die Methodikerin, den Konstrukteur oder unter Umst¨anden auch auf die Kleingruppe, welche diese spektakul¨
ar
neuwertige Theorie, Methode oder jenes radikale Konstrukt geschaffen haben;
und andererseits auf die Orte und die Zeiten, in denen dieser Wechsel von
alt‘ zu neu‘ passierte. Es geht somit nicht um die gesamte Geschichte dieser
’
’
Personen, sondern vielmehr um jene distinkten Kompetenzen‘ und jene fei’
’
nen Ver¨
anderungen‘, die sich w¨ahrend und im Vollzug der Schaffung des Neuen ereignet haben. Eine zentrale Forschungsfrage k¨
onnte daher lauten, welche
Schl¨
usselfaktoren und Schl¨
usselkompetenzen einzelne Personen oder Umgebungen aufweisen m¨
ussen, um eine konkrete innovative oder kreative Leistung im
Wissenschaftsbereich erfolgreich durchzuf¨
uhren und zu Ende zu bringen.
An dieser Stelle sei aber gleich hinzugef¨
ugt, daß diese Umgebungen‘ oder
’
die Transformatoren‘ mittlerweile nicht mehr einzig und allein auf menschliche
’
Individuen oder Gruppen beschr¨ankt bleiben. Environments‘ f¨
ur das Neue wer’
den seit den f¨
unfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zunehmend auch
in den Bereichen der Artificial Intelligence,64 des Artificial Life,65 oder im Bereich intelligenter Maschinen‘ 66 geschaffen, in denen sich in verst¨
arktem Maße
’
Lern- und Adaptionsprozesse‘ ereignen und damit Neues entsteht. Denn wo
’
das Lernen in sein Recht tritt, da ist in der Regel das Neue mit im Spiel.
Innerhalb des konkreten Feldes III stehen daher jene detaillierten Folge’
oder Sequenz-Analysen‘ am Programm, wie von einzelnen Umgebungen‘ – Per’
’
sonen, Computer, artifizielle Lebewesen, Roboter u. a. – eine bestehende An’
fangskonstellation‘ in etwas Neues‘ transformiert wird. Auf den ersten Blick
’
64 Vgl. als Einblick Edward A. Feigenbaum u. Julian Feldman, Hg., Computers and Thought,
Menlo Park 1995.
65 Vgl. dazu lediglich Chris G. Langton, Hg., Artificial Life, Redwood City 1989; ders. u. a.,
Hg., Artificial Life II, Redwood City 1992 sowie ders., Hg., Artificial Life III, Redwood City
1994.
66 Vgl. Ray Kurzweil, Homo S piens. Leben im 21. Jahrhundert – Was bleibt vom Menschen , K¨
oln 1999.
116
¨
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11.2000.1
k¨
onnte an dieser Stelle nochmals das Terzett an Schl¨
usselfaktoren aus dem
Feld I auch dazu verwendet werden, Kreativit¨
ats- und Innovationspotentiale
von Personen67 , Gruppen oder von anderen Environments‘ in der Genese des
’
Neuen zu benennen. Beschreibungen wesentlicher Merkmale kreativer Perso’
nen‘ wie die nachstehende dr¨angen sich geradezu auf, dem bestehenden Set an
Schl¨
usselfaktoren aus dem Feld I zugeordnet zu werden.
Originality, articulate and verbally fluent, thinks metaphorically, uses wide categories
and images, flexible and skilled decision maker, makes independent judgements, builds
new structures, finds order in chaos, questions norms and assumptions, alert to novelty
and gaps in knowledge, uses existing knowledge as base for new ideas ...68
Aus dieser Aufz¨ahlung kann nun tats¨achlich – als anf¨
angliche Heuristik – eine
konkrete Liste mit Schl¨
usselfaktoren‘ und wesentlichen Indikatoren zusammen’
gestellt werden, die f¨
ur kreative Personen oder Kleinteams in unterschiedlichen
Bereichen – in der Wissenschaft, in der Technik u. a. – konstitutiv werden.
Komplexit¨at der T¨atigkeiten: Hohe Kompetenz und Vertrautheit mit dem
jeweiligen state of the art; große kognitive Neugierde; hohe verbale Kompetenz
im jeweiligen Bereich, metaphorisches Denken im jeweiligen Feld, Gebrauch
breiter ( lateraler‘) Analogien und Bilder, schneller Aufbau neuer kognitiver
’
Strukturen, leichte Entdeckung von kognitiven Ordnungen im Chaos‘, Auto’
nomie in kognitiven Entscheidungen u. a. Riskante Strategien: Unabh¨
angigkeit
in strategischen Entscheidungen; hohe verbale Kompetenz im Strategiebereich;
metaphorisches Denken in Strategie-Feldern; flexibel und kompetent in der
Strategiefindung und im Schaffen neuer Strukturen; leichte Entdeckung von
strategischen Ordnungen im Chaos‘; große strategische Neugierde‘ u. a. Or’
’
’
ganische‘ Organisation: Unabh¨angigkeit in der Implementation von Entscheidungen; flexibel und kompetent in der Strategie-Umsetzung; hohe Kompetenz
in der Verfolgung und Erhaltung neuer Strukturen u. a.
67 Vgl. dazu u. a. Margaret A. Boden, The Creative Mind. Myths and Mechanisms, London
1990; Ronald A. Finke, Thomas B. Ward u. Steven M. Smith, Creative Cognition. Theory,
Research, and Applications, Cambridge MA 1992; Howard Gardner, Creating Minds. An
Anatomy of Creativity Seen through the Lives of Freud, Einstein, Picasso, Stravinsky, Eliot,
Graham, and Ghandi, New York 1993, 359–405; Douglas R. Hofstadter, Metamagical Themas.
Questing for the Essence of Mind and Pattern, New York 1985; Pat Langley, Herbert A. Simon
and Gary L. Bradshaw, Jan M. Zytkow, Scientific Discovery. Computational Explorations of
the Creative Processes, Cambridge MA. 1987; Robert J. Sternberg u. Peter A. Frensch, Hg.,
Complex Problem Solving. Principles and Mechanisms, Hillsdale 1991; Robert J. Sternberg u.
Richard K. Wagner, Hg., Mind in Context. Interactionist Perspectives on Human Intelligence,
Cambridge MA. 1994 oder Thomas G. West, In the Minds Eye. Visual Thinkers, Gifted People
with Learning Difficulties, Computer Images, and the Ironies of Creativity, Buffalo 1991.
68 Twila Z. Tardif u. Robert J. Sternberg, What Do We Know about Creativity , in: Robert J. Sternberg, Hg., The Nature of Creativity. Contemporary Psychological Perspectives,
Cambridge MA. 1988, 434.
¨
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117
Aber damit w¨are, selbst wenn man diese Schl¨
usselfaktoren‘ generalisierte
’
und sie f¨
ur beliebige Environments‘ gestaltete, noch keine interne Perspekti’
’
ve‘ erreicht, sondern der externe Blick‘ auf seine gr¨
oßtm¨
ogliche Weite gebracht.
’
Diese Schl¨
usselfaktoren k¨onnen als konstitutiv f¨
ur ein hohes Innovations- oder
Kreativit¨
atspotential f¨
ur Personen oder kleine Teams genommen werden. Am
ehesten ließe sich behaupten, daß damit eine hohe Wahrscheinlichkeit daf¨
ur
verbunden ist, neue Elemente innerhalb eines bestimmten Bereiches erfolgreich
generieren‘ zu k¨onnen. Auf diese Weise kann zudem ein direkter und unmit’
telbarer Zusammenhang zwischen den externen Schl¨
usselfaktoren aus dem Bereich I und den weiterhin vorzustellenden internen Schl¨
usselfaktoren f¨
ur die
Umgebungen im Bereich III hergestellt werden. Aber f¨
ur die konkreten Forschungsfragen und Probleme, welche Umgebungs-Faktoren‘ w¨
ahrend und in
’
und durch die Erschaffung von Neuem‘ konstitutiv werden, verm¨
ogen diese
’
Potential-Gr¨oßen‘ allerdings kein substantielles Schlaglicht zu werfen. Als Leit’
Motiv f¨
ur eine solche interne‘ Umgebungs-Perspektive mag die nachstehende
’
¨
Außerung Hofstadters bem¨
uht werden, der die folgenden Bestimmungsst¨
ucke‘
’
f¨
ur eine interne‘ Umgebungs-Theorie der Entstehung des Neuen versammelt.
’
Full-scale creativity consists in having a keen sense for what is interesting, following
it recursively, applying it at the meta-level, and modifying it accordingly.69
In weiterer Folge werden nun die Bestimmungsst¨
ucke aus dem Hofstadter-Zitat
sequentiell herangezogen und zu Schl¨
usselfaktoren f¨
ur Umgebungen transformiert, in denen unmittelbar Neues erzeugt wird. Denn mit diesen Grundfestsetzungen wird auf ein Insgesamt an drei Bereichen verwiesen, welche ein kreativer
’
Akteur‘ – Personen, Computer, artifizielles Lebewesen, intelligente Maschinen‘
’
– zu erf¨
ullen hat. Am Beispielfall der wissenschaftlichen Kreativit¨
at‘ von Perso’
nen lassen sich diese Schl¨
usselfaktoren folgendermaßen konkretisieren. Um mit
dem ersten Punkt zu beginnen, n¨amlich einem keen sense for what is intere’
sting‘, so bedeutet dieser zun¨achst das Verf¨
ugen von kognitiven Orientierungs’
Mustern‘ oder von kognitiven Karten‘ 70 u
aume 71 . Solche
¨ber szientifische R¨
’
69 Hofstadter, Fluid Concepts, wie Anm. 36, 313.
70 Zu diesem Konzept vgl. urspr¨
unglich Edward C. Tolman, Cognitive Maps in Rats and
Man, in: Psychological Review 55 (1948), 189–208 sowie u
¨ berblicksartig Roger M. Downs
u. David Stea, Kognitive Karten. Die Welt in unseren K¨
opfen, New York u. a. 1982. Solche
kognitiven Karten‘ lassen sich aber leicht auf Bereiche wie kognitive R¨
aume‘ ausdehnen.
’
’
Demnach l¨
aßt sich als Ausgangspunkt jede Top-Level-Skizze‘, d. h. jedes sprachliche oder
’
grafische Konstrukt auf wenigen Seiten eines gr¨
oßeren Werkes – z. B. eines Buches – als
Proto-Version‘ einer kognitiven Karte‘ qualifizieren. Von einem solchen Grundverst¨
andnis
’
’
aus f¨
uhren sehr rasch die Wege in subtilere Formen des kognitiven Kartografierens‘ im ko’
gnitiven Bereich. Zu einer besonders interessanten Karte‘ vgl. u. a. Douglas R. Hofstadter,
’
G¨
odel, Escher, Bach. An Eternal Golden Braid, 4. Aufl., Harmondsworth 1982, 370.
71 Zum Begriff von intellektuellen‘ oder kognitiven R¨
aumen‘, vgl. Steven Shapin u. Simon
’
’
118
¨
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kognitiven Karten‘ bedeuten Orientierungen auf sehr hoher Abstraktionsstu’
fe und k¨
onnen deswegen als Top Level-Beschreibungen‘ bezeichnet werden.
’
Kognitive Karten‘ mit einer besonderen Betonung von Neuem werden sich in
’
der Regel durch jene drei Haupteigenschaften auszeichnen sollten, wie sie im
nachstehenden Zitat aufgez¨ahlt werden.
First, one may be faced with conflict between staying with tradition and breaking
new ground ... Second, tension may lie in the ideas themselves ... Finally, it may exist
in the constant battle between unorganized chaos and the drive to higher levels of
organization and efficiency.‘ 72
Der keen sense for what is interesting“ kann durch solche kognitiven Karten‘
”
’
geweckt, angeregt und ausgedr¨
uckt werden, die sich durch eine oder mehrere der
folgenden drei Charakteristika auszeichnen: durch das Vorhandensein großer,
aber erreichbarer weißer‘ ( dunkler‘) Flecken und unerforschter Gegenden ( ex’
’
”
plorations in cognitive space“), durch widerspr¨
uchliche Probleml¨
osungen, Theorien, Modelle, welche eine Kl¨arung erfordern ( dissonance in cognitive space“),
”
oder durch neue Un¨
ubersichtlichkeiten‘, welche eine u
¨bersichtlichere‘ Rekon’
’
figuration dieses kognitiven Raumes anregen ( ordering of cognitive space“).
”
F¨
ur kreative Leistungen bedarf es, nochmals zusammengefaßt, solcher kognitiver Top Level-Orientierungen‘, in denen das potentiell Neue einen klaren Stel’
lenwert besitzt. Die zweite Gruppe an Schl¨
ussel-Faktoren verlangt nach einem
ebenso kompetenten wie effizienten Umgang mit Rekombinations-Operatoren,
etwas, das als komplexe Kompetenzen f¨
ur Rekombinationen‘ vorgestellt wer’
den kann. Diese m¨
ussen sich auf die F¨ahigkeit zu simultanen Rekombinationen
auf verschiedenen Ebenen, auf die Verwendung vielf¨
altiger Operatoren, auf die
passenden Kombinationen solcher Operatoren, auf ihre oftmalige Anwendung
etc. erstrecken. Die Faktorengruppe drei setzt eine effiziente rekursive Organisation voraus, die sich durch mehrere Eigenschaften auszeichnet: durch eine
hinreichende Flexibilit¨at‘ in der Rekombination von Zwischenl¨
osungen – mo’
’
difying it accordingly‘; in den Ann¨aherungen an die Zieldom¨
anen rekursiver
Transformationen sowie durch eine Erfolgskontrolle‘, welche die bisher reali’
sierten rekombinativen Zwischenschritte in der zuhandenen kognitiven Karte‘
’
abzubilden und zu verfolgen vermag – applying it at the meta-level‘. Bislang
’
war die Diskussion der umgebungsrelevanten Schl¨
ussel-Faktoren einzig auf den
Wissenschaftsbereich beschr¨ankt. Doch diese drei Faktorengruppen erm¨
oglichen es, zu einem verallgemeinerten Erkl¨
arungs-Sketch‘ f¨
ur Innovationen und
’
Kreationen in unterschiedlichen Dom¨anen synthetisiert zu werden.
Schaffer, Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life, Princeton
1985, 332 ff.
72 Tardif u. Sternberg, Creativity, wie Anm. 68, 431.
¨
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Generalisierte Erkl¨
arungs-Skizze f¨
ur das Feld III: Umgebungen, in denen Neues unmittelbar erzeugt wird – Personen, Turing-Maschinen‘, Artificial Life-Kreaturen‘ oder
’
’
andere lernf¨
ahige dynamische Environments‘ mit einem hohen und nachhaltigen Po’
tential f¨
ur Neuheit – vollziehen ihre innovativen oder kreativen Leistungen durch
das simultane Zusammenwirken folgender Schl¨
usselfaktoren: Zun¨
achst zeichnen sich
solche Umgebungen durch ein hohes Ausmaß an Kompetenzen im kognitiven Karto’
grafieren‘ aus, speziell aber durch eine erfolgreiche Top Level-Verortung von riskan’
ten Neuheiten‘ wie durch die Bewertung ihrer m¨
oglichen Relevanzen (Faktorengruppe I). Durch dieses riskante Kartografieren‘ wird top-down‘ ein Zielfindungs-Prozeß
’
’
in Gang gesetzt, der durch vielf¨
altige und komplexe Rekombinations-Kompetenzen
vorangetrieben wird (Faktorengruppe II). Wegen eines hohen Ausmaßes an Adaptivit¨
at und Bereitschaft zu Modifikationen zwischen den kognitiven Ziel-Karten‘ und
’
der zu gestaltenden Neuheit (Faktorengruppe III) kann dieser seinerseits riskante‘
’
Herstellungsprozeß auch zu einem zielgerichteten Ende gebracht werden. Wegen der
vielf¨
altigen positiven Relationen zwischen Innovationserfolgen und den zum Zug kommenden Heuristiken einerseits [Innovationserfolge ↔ verwendete Heuristiken ( )] und
wegen der positiven Beziehungen zwischen Erfolgen und kognitiven Karten andererseits [Innovationserfolge ↔ kognitiven Karten ( )] andererseits kann eine dauerhaft hohe Innovationsleistung u
¨ber sehr unterschiedlichen Bereiche mit divergierenden
L¨
osungswegen als sehr unwahrscheinliches Ereignis gelten.
Aus diesem Set an Schl¨
usselfaktoren sowie aus der Aufz¨
ahlung in der Tabelle 7 ergibt sich klar, daß dynamische kreative Umgebungen speziell f¨
ur die
Neuheiten auf wissenschaftlichen, technologischen oder k¨
unstlerischen Feldern
noch lange Zeit auf den Personenbereich beschr¨
ankt sein m¨
ussen. F¨
ur andere lernf¨
ahige Environments‘ – Computer, intelligente Maschinen‘ oder artifi’
’
zielle Kreaturen – sind die daf¨
ur notwendigen Kompetenzen auf den beiden
Hauptebenen, dem Top-Level‘ wie der Bottom-Line‘, noch extrem restringiert
’
’
und bestenfalls marginal zuhanden. Auf der Bottom-Line‘ erweisen sich die re’
kombinativen Kompetenzen bisher auf wenige Operationen eingeschr¨
ankt; und
Top-Level riskantes‘ kognitives Kartografieren so komplexer Dom¨
anen wie eben
’
der wissenschaftlichen, technologischen oder k¨
unstlerischen Felder kommt gegenw¨
artig nicht einmal ansatzweise zum Zuge.
Auf einen Punkt sei noch verwiesen: Kognitive Karten‘, Rekombinations’
’
kompetenzen‘ und flexible rekursive Organisationen gelten auf wissenschaftlichtechnischen Gebiet nicht nur auf der Ebene der Produktion des explizit‘ neuen
’
Wissens, sondern auch f¨
ur neues implizites Wissen‘.73
’
73 Vgl. vor allem Michael Polanyi, Implizites Wissen, Frankfurt am Main 1985, und Michael
Gibbons u. a., The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in
Contemporary Societies, London 1994. Wichtig ist vor allem ein Hinweis: Explizites Wissen‘
’
und implizites Wissen‘ sind von ihren Baustein-Architekturen her ungleich st¨
arker getrennt
’
als es die Bezeichnung naheliegen w¨
urde. Die Bausteine im expliziten Wissen‘ stellen Buch’
staben, Silben, S¨
atze, mithin sprachliche Elemente dar; als Bausteine des impliziten Wissens‘
’
firmieren hingegen – Operationen, Routinen, T¨
atigkeiten und deren besondere Sequenzen.
120
¨
OZG
11.2000.1
Tabelle 7: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur innovative Transformationsprozesse
bei Menschen, Computern, Maschinen oder k¨
unstlichen Kreaturen
BEREICHE
FAKTORENGRUPPEN
PERSONEN
Kognitive Karten‘
’
COMPUTER
ROBOTICS
INDIKATOREN
Riskantes Kartografieren von
Problemen at the edge of chaos“
”
Rekombinations-Kompetenzen Hochdimensionale Rekombinationsf¨
ahigkeiten
Rekursive Organisation
Flexible Modifikation von TopLevel-Beschreibungen und BottomLevel-Rekombinationen
Geeignete Abbruchbedingungen
f¨
ur Erfolg‘ oder Mißerfolg‘
’
’
Kognitive Karten‘
Riskante Heuristiken‘ f¨
ur
’
’
neue Programmfelder nur in ganz
eng begrenzten Feldern
Rekombinations-Kompetenzen Nur in einfachen Versionen
erreichbar
Rekursive Organisation
Flexible Modifikation von TopLevel-Beschreibungen und BottomLevel-Rekombinationen kaum
realisierbar
Kognitive Karten‘
’
Riskante Suchstrategien‘
’
f¨
ur neue tasks‘ oder drafts‘
’
’
Rekombinations-Kompetenzen Nur innerhalb sehr einfacher Felder
m¨
oglich
Rekursive Organisation
Flexible Modifikation von TopLevel-Beschreibungen und BottomLevel-Rekombinationen kaum
umsetzbar
ARTIFICIAL
Kognitive Karten‘
’
LIFE
KREATUREN
Riskante Suchstrategien‘
’
f¨
ur neue Bereiche‘ nur
’
in artifiziell beschr¨
ankten Dom¨
anen
Rekombinations-Kompetenzen Nur in elementarer Form
exekutierbar
Rekursive Organisation
Flexible Modifikationen von TopLevel- und Bottom-LevelBeschreibungen kaum vorhanden
Analyse-Feld IV: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur die Transformation des Neuen
Das letzte Feld f¨
ur die Entstehung des Neuen‘, zudem das wichtigste f¨
ur dessen
’
Genese, liegt in den genauen Transformationsprozessen im Wechsel von alt‘ zu
’
neu‘. Im Zentrum von Feld IV stehen damit jene neuen Theorien, Methoden
’
¨
OZG
11.2000.1
121
oder andersgeartete Konstrukte (Technologien, Moden etc.), die sich nach so
und so vielen Zwischenschritten aus einem gegebenen Anfangszustand heraus
in ihre neuartigen Formen transformiert haben. Es ist an dieser Stelle wichtig,
den Schwerpunkt der Feld IV-Betrachtungen m¨
oglichst klar zu umreißen. Als
illustrativ und beispielhaft sollte es sich herausstellen, wenn mit einer geh¨
origen Portion Selbstreferenz‘ der vorliegende Artikel selbst unter eine solche
’
Feld IV-Transformations-Perspektive getaucht wird. Dann liest sich eine kurze
’
Entstehungs-Geschichte‘ der vorliegenden Arbeit – so.
Der Anfang wurde durch eine Top-Beschreibung‘ beziehungsweise durch eine erste
’
kognitive Karte‘ gesetzt, n¨
amlich durch rund dreiseitige handschriftliche Notizen, in
’
denen in einem mehrst¨
undigen Verfahren die konstitutiven Themen-Bausteine‘ f¨
ur
’
diese Arbeit zun¨
achst additiv aneinandergereiht und dann in ihrer Reihenfolge rekombiniert wurden. In einem weiteren Schritt wurden aus teilweise ver¨
offentlichten,
teilweise unver¨
offentlichten Arbeiten mehrere Baustein-Gruppen‘ zusammengef¨
ugt,
’
welche damit vollst¨
andig den rund f¨
unfzehnseitigen Anfangszustand‘ dieser Arbeit
’
beschreiben. Der Weg zu jenem Produkt, das Sie gerade lesen, erfolgte dann u
¨ber einen
mehrere Wochen dauernden Prozeß, in dem vor allem auch in der Top-Beschreibung‘
’
immer wieder gravierende Ver¨
anderungen vorgenommen worden sind.74 Erst in den
letzten Tagen vor der Abgabe wurde die kognitive Karte‘ so rekonfiguriert, daß darin
’
im wesentlichen nur noch einzelne Haupteigenschaften wie Begriffs-Ger¨
uste des Neuen
und vier gleichartig strukturierte Erkl¨
arungs-Kontexte f¨
ur unterschiedliche Bereiche
¨
von Neuerungen aufschienen.75 Die folgende symmetrische Skizze offeriert einen Uberblick in die Grundstruktur dieses Artikels, die sich im u
¨brigen sehr deutlich von der
Anfangskarte‘ abhebt.
’
Facetten
↑
↓
Kontexte
↑
↓
↓
Begriffliches
Dimensionen
Feld I
↑
Grundbegriffe
Feld II
↑
Heuristisches
Feld III
↓
Feld IV
Zu Beginn war n¨
amlich expressis verbis beziehungsweise kartografisch weitaus mehr
von den Grenzen des Neuen‘, von Fallbeispielen‘ oder auch von der Reduktions’
’
’
Thematik‘ die Rede. Auch die anf¨
anglich zuhandenen Baustein-Gruppen aus anderen
Kontexten wurden in diesem Rekombinations-Prozeß nahezu vollst¨
andig entfernt, so
74 ‘Urspr¨
unglich‘, im Anfangszustand waren beispielsweise mehrere Fallbeispiele aus der
Wissenschafts- und Technologiegeschichte geplant, die im Laufe der Transformationen immer
st¨
arker reduziert und schließlich nur mehr auf ein einzelnes l¨
angeres Beispiel ausged¨
unnt
wurden, das aber dann aus Platzgr¨
unden rund zwei Wochen vor Fertigstellung dieses Artikels
seinerseits mit der Rekombinations-Operation delete‘ vollst¨
andig entfernt wurde.
’
¨
75 Nochmals tief in das Werkbiografische‘ dieses Artikels getaucht sollte erst u
¨ber die Uber’
setzungen der Arbeit der Hollingsworths und jener von Hage der Punkt mit der Universalit¨
at‘
’
in der Entstehung des Neuen immer mehr an Bedeutung gewinnen.
122
¨
OZG
11.2000.1
daß aus der hier vorgestellten Rekombinations-Perspektive eine hohe Vielfalt, oder
anders formuliert, ein komplexes Rekombinations-Design erforderlich wurde. Die einzelnen Zwischenschritte und Zwischenprodukte drifteten‘ in dieser Zeit, bewertet an
’
den Qualit¨
ats- und Bewertungsstandards f¨
ur wissenschaftliche Artikel, entlang einer
ansteigenden Linie‘. Vielleicht sollte eigens auf die immense Zahl an solchen Zwischen’
produkten hingewiesen werden: Denn die kleinste diskrete Einheit der Rekombination
stellt der einzelne Buchstabe, das Leerzeichen oder das Sonderzeichen dar. In diesem
Sinne bedeutet bereits das Weglassen eines Leerzeichens oder die Ersetzung eines
einzelnen Buchstaben ein neues Zwischenergebnis. Und erst recht f¨
uhrt das Einf¨
ugen
eines Wortes, die Umstellung eines Satzes, die Verschiebung eines Absatzes zu jeweils
neuen Zwischenresultaten, die genau genommen erst mit der endg¨
ultigen Drucklegung
zur Endversion‘ und zur Ruhe kommen. Beendet wurden diese Rekombinationen in
’
dem Augenblick, wo die kognitive Schluß-Karte‘ mit allen Ingredienzien und Details,
’
mit den Tabellen, bibliografischen Hinweisen, Zwischentexten, hinreichend erf¨
ullt und
76
vollendet war.
Diese selbstreferentielle Erz¨ahlung f¨
uhrt deutlich vor Augen, wie ungewohnt
eine solche Transformations-Perspektive in der Genese eines wissenschaftlichen
¨
Textes ausf¨allt – und wie weit derzeit noch die Entfernungen zu einer Ara
wissenschaftlicher Artikel im Zeitalter ihrer maschinellen Produzierbarkeiten
gehalten sind. Die generative Erkl¨arung neuer wissenschaftlicher Theorien, Modelle, aber auch neuer technologischer Systeme aus dem Geist der rekombinativen Selbstorganisation steckt derzeit bestenfalls in ihren Anfangsstadien. Und
doch finden sich mittlerweile einige Modelle, in denen rekursiv die Entstehung
des Neuen erprobt, simuliert werden kann. Sie sollen zur weiteren Einf¨
uhrung
in die Feld IV-Kontexte dienen.
Der eine Modellierungsstrang, welcher diese Transformation von alt‘ zu
’
neu‘ u
¨ber Rekombinations-Operatoren‘ bewerkstelligt, liegt bei den sogenann’
’
ten genetischen Algorithmen‘ oder Klassifikationssystemen‘, so wie sie in den
’
’
letzten Jahrzehnten von John H. Holland und vielen anderen aufgebaut worden sind.77 Vor dem Hintergrund des hier eingef¨
uhrten begrifflichen Apparats
lassen sich diese Systeme folgendermaßen beschreiben.
Bausteine‘ solcher Systeme stellen Regel-Teile dar, die f¨
ur sich genommen
’
einerseits aus Umweltbedingungen‘, andererseits aus Aktionen‘ bestehen. Sol’
’
¨
76 Aus der Rekombinations-Perspektive sei noch ein Hinweis angebracht: Der OZG-Modus
der Qualit¨
atskontrolle – mehrere Personen lesen konsekutiv einen prospektiven Zeitschriften¨
Artikel – garantiert zudem, daß alle Endversionen von OZG-Arbeiten
ihrem lokalen Opti’
mum‘ sehr naheger¨
uckt sind, da weitere Lese-Kontrollen wahrscheinlich nur mehr zu wenigen
oder gar keinen Ver¨
anderungen f¨
uhren w¨
urden.
77 Zu solchen Classifier-Systems‘ beziehungsweise genetischen Algorithmen‘ vgl. neben Hol’
’
land u. a., Induction, wie Anm. 24, auch ders., Adaptation in Natural and Artificial Systems.
An Introductory Analysis with Applications to Biology, Control, and Artificial Intelligence,
Cambridge MA. 1992; ders., Hidden Order. How Adaptation Builds Complexity, Reading
MA. 1995.
¨
OZG
11.2000.1
123
che Regeln k¨onnen somit zwanglos zu Wenn-dann Regeln‘ kombiniert werden
’
und besitzen typischerweise die Form: Wenn ein Objekt mit den Eigenschaften
sehr groß‘, gestreift‘, knurrend‘ nahe‘ erscheint (Umweltteil), dann Flucht‘
’
’
’
’
’
(Aktionsteil). Die Architektur dieser Classifier-Systeme‘ ist mehrstufig aufge’
baut, weil sich neben den einzelnen rekombinationsf¨
ahigen Regeln auch fixe und
unver¨
anderliche operative Prinzipien‘ finden, welche den Prozeß der Regel’
Kombinationen hintergr¨
undig koordinieren.78 Bewertet werden diese Regeln
u
¨ber ein Evaluationsmaß‘, das sich aus insgesamt drei unterschiedlichen Be’
wertungen zusammensetzt. Diese drei Bewertungsdimensionen betreffen erstens
den Grad an Konkretheit‘ einer Regel – konkrete und situationsspezifische
’
Regeln werden allgemeineren und unspezifischen Regeln vorgezogen. Zweitens
werden Regeln nach ihrem Nutzen in der Vergangenheit bewertet. Und schließlich wird drittens das Ausmaß an Einbettung‘ oder Unterst¨
utzung‘ einer Regel
’
’
durch andere Regeln bewertet. Der genaue Modus in der Entstehung des Neuen
bedient sich des Crossing over‘ als Rekombinationsoperator, wodurch sich ein
’
Austausch der nachstehenden Art vollzieht: Der Wenn-Teil der ersten Regel
wird mit dem Dann-Part der zweiten Regel kombiniert und der Wenn-Teil der
zweiten mit dem Aktions-Teil der ersten.
(R1W R1D ), (R2W R2D ) → (R1W R2D ), (R2W R1D )
Das Interessante an diesen genetischen Algorithmen‘ in der Hollandschen Ver’
sion liegt vor allem darin, daß sich bei konkreten Anwendungen eine Transformation eines anf¨anglich unspezifischen Regelsets in eine immer spezifischere
und kontextabh¨angige Regelmenge vollzieht. Das Neue‘ entsteht mit der Zeit
’
rekombinativ aus dem Alten‘.
’
Eine zweite Gruppe von Transformationsschemen liegt in Gestalt evo’
lutionsstrategischer Modelle‘ (ES-Modelle) vor, die sich von den genetischen
Algorithmen in einigen wichtigen Punkten unterscheiden.79 Von der Grundarchitektur finden sich hier nicht spezifische Regeln als Bausteine, sondern beliebige Populationen, die unterschiedlichste Bereiche repr¨
asentieren k¨
onnen. Diese Bausteine verm¨ogen sich im Zeitablauf zu reproduzieren und werden u
¨ber
ein B¨
undel an Eigenschaften als Vektoren reeller Zahlen codiert‘. Ein zentra’
les Feature stellt wiederum die Rekombination solcher Bausteine dar, die sich
im einfachsten Fall u
¨ber die zuf¨allige Variation einer Eigenschaft oder mehrerer solcher Eigenschaften vollzieht. Und auch hier sorgen die Evaluationsmaße
daf¨
ur, daß einzelne der neuen Rekombinationen unterschiedlich bewertet wer78 Zu solchen h¨
oherstufigen Inferenzregeln‘ und operativen Prinzipien‘ vgl. Holland u. a.,
’
’
Induction, wie Anm. 24, 43–46.
¨
79 Vgl. zur Ubersicht
Eberhard Sch¨
oneburg, Frank Heinzmann u. Sven Feddersen, Genetische Algorithmen und Evolutionsstrategien. Eine Einf¨
uhrung in Theorie und Praxis der
simulierten Evolution, Bonn u. a. 1994.
124
¨
OZG
11.2000.1
den k¨
onnen und u
arker, schw¨
acher
¨ber den Weg ihrer Reproduktion sich st¨
¨
oder gar nicht auszubreiten verm¨ogen. Uber
die Architektur dieser ES-Modelle
l¨
aßt sich ebenfalls, wie im Falle der genetischen Algorithmen, u
¨ber sehr viele Zwischenschritte eine alte‘ Ausgangskonfiguration in einen neuen Endzu’
’
stand‘ transformieren, der zudem schwachen oder starken Optimalit¨
atskriterien
gen¨
ugt.
Mit den beiden an sich a¨hnlichen Modell-Beispielen soll nun ein riskanter
Schritt in Richtung einer Generalisierung unternommen werden. Denn auch
f¨
ur das Feld IV kann ein universeller Modus generativen Operierens‘ unter’
stellt werden, der entlang der verschiedenartigsten Bausteine aus der Tabelle 2
mit Hilfe desselben Rekombinations-Repertoires aus der Tabelle 3 von einer
alten‘ Ausgangslage nach so und so vielen rekombinativen Zwischenschrit’
ten ein neues‘ Endprodukt erzeugt. Durch die rekursive Anwendung dieser
’
Rekombinations-Vielfalt taucht bei beliebigen Bausteinen‘: bei Regelsystemen,
’
bei Programmen, bei Theorien, bei Modellen oder bei andersgelagerten Ensembles mit der Zeit das Neue hervor.80 Die passende verallgemeinerte Erkl¨
arungsSkizze k¨
onnte demgem¨aß so gestaltet sein.
Generalisierte Erkl¨
arungs-Skizze f¨
ur das Feld IV: Neue Ensembles wie neue Theorien,
neue Modelle, neue Methoden, neue Technologien, neue Moden, neue Kunst-Stile oder
andere neuerungsf¨
ahige Bereiche entstehen durch das simultane Zusammenwirken der
folgenden drei Gruppen von Schl¨
usselfaktoren: Gegeben eine Anfangskonfiguration
werden durch eine unter Umst¨
anden sehr hohe Vielfalt und eine sehr große Zahl an
Rekombinations-Operationen (Faktorengruppe I) Zwischen-Produkte generiert, die
sich, verglichen mit dem Anfangszustand durch deutliche komparative Vorteile auszeichnen, wenn sie an den daf¨
ur notwendigen Bewertungsmaßen evaluiert werden
(Faktorengruppe II). Durch die Konservierung besser bewerteter Zwischenl¨
osungen
wird im Zeitablauf eine charakteristische Drift‘ (Faktorengruppe III) erzeugt, die an
’
einem besonderen Punkt der Zieln¨
ahe‘ oder der Zielerreichung‘ terminiert werden
’
’
kann – und soll.
Mit diesem generalisierten Erkl¨arungs-Sketch kann wiederum in die Tabelle 8
u
usselfaktoren an mehreren
¨bergeschwenkt werden, welche dieses Set an Schl¨
Beispielen auflistet.
Auch an der Tabelle 8 wird nochmals deutlich, daß zum gegenw¨
artigen
Zeitpunkt das genaue Verst¨andnis der Rekombinations-Prozesse von alt‘ zu
’
neu‘ außerhalb sehr enger und extrem eingegrenzter k¨
unstlicher Welten‘ weit’
’
gehend fehlt. Andererseits konnten immerhin die Grundarchitekturen wie auch
die Richtungen, wo und wie danach zu suchen w¨
are, klar benannt werden.
80 Als weitere Modell-Unterst¨
utzung kann auch auf die sogenannten Lindenmayer-Systeme‘
’
verwiesen werden, in denen sich rekursiv die algorithmische Sch¨
onheit neuer Pflanzen‘ ent’
falten kann, vgl. Przemyslaw Prusinkiewicz u. Aristid Lindenmayer, The Algorithmic Beauty
of Plants, New York u. a. 1990.
¨
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125
Tabelle 8: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur innovative Transformationsprozesse von
Regelsystemen, Programmen, Theorien, Modellen oder technologischen Systemen
BEREICHE
FAKTORENGRUPPEN INDIKATOREN
CLASSIFIER
SYSTEME
Rekombinations-Vielfalt
Komparative Vorteile
Driften‘
’
EVOLUTIONS- Rekombiations-Vielfalt
STRATEGIEN Komparative Vorteile
Driften‘
’
COMPUTERRekombinations-Vielfalt
PROGRAMME
Komparative Vorteile
Driften‘
’
THEORIEN
Rekombinations-Vielfalt
Komparative Vorteile
Driften‘
’
MODELLE
Rekombinations-Vielfalt
Komparative Vorteile
Driften‘
’
TECHNOLOG.
SYSTEME
Rekombinations-Vielfalt
Komparative Vorteile
Driften‘
’
126
Crossing-over, Adding, Deleting,
Replacing
Zusammengesetztes Evaluationsmaß (vergangene N¨
utzlichkeit,
Spezifizi¨
at, int. Verbundenheit)
Zunehmende Spezifizit¨
at“
”
und interne Verbundenheit von
Regeln und Regelsequenzen
Adding, Deleting, Replacing
Zus.-ges. Evaluationsmaße (kontextabh¨
angig)
Weg zu einem lokalen oder globalen
Optimum‘
’
Komplexe Rekombination auf mehreren
Programm-Ebenen
Zus.-ges. Evaluationsmaß u
¨ber
Performanz-Indikatoren
H¨
ohere Feature-Integration, gr¨
oßere
Geschwindigkeit in den Abl¨
aufen, usw.
Komplexe Rekombinationen auf
mehreren Theorie-Ebenen
Zus.-ges. Evaluationsmaß (Erkl¨
arungsrelevanz, Einfacheit, empir.
Support u. a.)
H¨
ohere Bereichsintegration,
h¨
ohere Generalisierung, h¨
ohere
Formalisierung, etc.
Komplexe Rekombination auf mehreren
mehreren Modell-Ebenen
Zus.-ges. Evaluationsmaß (Modellrelevanz, Einfachheit, empir. Support
u. a.)
H¨
ohere Bereichsintegration,
h¨
ohere Generalisierung,
h¨
ohere Komplexit¨
at, etc.
Komplexe Rekombinationen auf mehreren
System-Ebenen
Zus.-ges. Evaluationsmaß u
¨ber Performanzindikatoren
Zunehmende Leistunsf¨
ahigkeit,
Nutzungsgrad, Nachhaltigkeit‘,
’
interne Linkages (z. B. mit dem IuKBereich, etc.) u. a.
¨
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Grenzen der Erkennbarkeit des Neuen
¨
Uber
die Tabelle neun lassen sich nochmals die Schl¨
usselfaktoren‘ in der Entste’
hung des Neuen, aufgeteilt nach den vier m¨
oglichen Analyse- und Erkl¨
arungsfeldern, rekapitulieren und zusammenfassen. Aus dieser Tabelle stechen die
relativ homogenen Konstellationen quer u
¨ber die einzelnen Bereiche hervor,
die sich ungeteilt vom Faktoren-Netzwerk des Feldes I bis hin zur generativen
Tiefengrammatik‘ des Neuen im Feld IV erstrecken.
’
Tabelle 9: Schl¨
usselfaktoren f¨
ur die Entstehung des Neuen
EINBETTUNG/UMGEBUNG
EXTERN Riskante Strategien
Komplexit¨
at der Arbeitsteilung
Organische‘ Organisation
’
INTERN Riskantes Kartografieren‘
’
Komplexes Rekombinationspotential
Rekursive Organisation
NEUHEIT
Komparative Vorteile
Wenig Constraints
Eigen-Dynamiken
Komparative Vorteile
Rekombinations-Vielfalt
Driften‘
’
Eine weitere Besonderheit an der Tabelle 9 – Neuheit w¨
are ebenfalls eine passende Zuschreibung – liegt daran, daß diese Faktoren-Geflechte auf eine Vielzahl an konkreten Bereichen und auf unterschiedliche Niveaus appliziert werden
k¨
onnen. Die mannigfaltigen empirischen Beispiele, die innerhalb dieses Heftes
ausgef¨
uhrt wurden oder auf die innerhalb dieses Artikels hingewiesen wurde,
lassen es jedenfalls als zwar riskante aber lohnende Strategie erscheinen, die
Schl¨
ussel-Heuristiken und Erkl¨arungs-Rahmen f¨
ur die vier Felder an beliebigen
gesellschaftlichen Bereichen zu erproben, in denen sich ein hinreichend starkes
Erkenntnisinteresse an der Entstehung des Neuen‘ geltend macht.
’
Eine Einschr¨ankung sei aber zum Ausklang angef¨
uhrt, welche eine logische
Grenze in der Erkennbarkeit‘ des Neuen zieht. Denn speziell die Erkl¨
arungs’
kontexte III und IV, die direkt und unmittelbar mit der Entstehung des Neuen‘
’
gekoppelt sind, besitzen eine unhintergehbare Barriere, die aus der folgenden
Zuspitzung oder Paradoxie resultiert: Neues, aber speziell neues Wissen‘ kann,
’
so vor allem Karl R. Popper, nicht vorhergesagt werden, weil es sonst schon bekannt w¨
are:81 Zuk¨
unftiges Wissen ist – in einer Variation zu Johann Nepomuk
Nestroy – gegenw¨artig gar keines. Der wahrscheinlich wichtigste Grund f¨
ur diese
Asymmetrie des Neuen‘ konnte u
ber
den
allgemeinen
Erkl¨
a
rungs-Rahmen
f¨
ur
¨
’
81 Die interessantesten Popperschen Argumentationen dazu finden sich in Karl R. Popper,
The Open Universe. An Argument for Indeterminism. From the Postscript to the Logic of
’
Scientific Discovery‘, Totowa 1982.
¨
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127
das Feld IV mitgeliefert werden. Das Neue bedarf, als seine Geburtsbescheini’
gung‘, eines vielf¨altigen Rekombinations-Prozesses, der seinen Ausgangspunkt
von bestehenden Ensembles nimmt. Werden diese Rekombinations-Schritte,
Zwischenl¨
osungen und Rekonfigurationen‘ nicht get¨
atigt, so kann auch nicht
’
von Neuem die Rede sein. Was dann m¨
oglich bleibt, sind bestenfalls prognostische Wegweiser, in welchen Richtungen sich Neues wahrscheinlich stark und
in welchen relativ schwach entwickeln wird. Aber das Aufstellen von Wegweisern ist die eine Sache; die konkreten Wege zum Ziel unter rekombinativen
Umst¨
anden und Driften‘ eine ganz andere.
’
Dasselbe Argument von der gegenw¨
artigen Unzul¨
anglichkeit des zuk¨
unftig
Neuen kann, mutatis mutandis, auf andere Bereiche ausgedehnt werden. Eine
zuk¨
unftige Technologie kann deswegen prinzipiell nicht pr¨
azise prognostiziert‘
’
oder beschrieben‘ werden, weil daf¨
ur alle notwendigen Rekombinationsprozes’
se bereits gesetzt sein m¨
ussen. Damit w¨
are aber sie, die Technologie, bereits
zuhanden und nicht l¨anger zuk¨
unftig neu‘. Und genau besehen gilt dieses Ar’
gument auch f¨
ur zuk¨
unftig neue Kunststile oder Moden‘, die alle erst ihre
’
konstitutiven Rekombinationsprozesse zu durchlaufen haben. Neue Horizonte
an Beschreib- und Darstellbarkeiten er¨offnen sich erst, wenn die Wege dorthin beschritten und auch die passenden Umgebungen daf¨
ur aufgebaut worden
sind. An diesem Punkt mag ein Zitat von Ludwig Wittgenstein weiterhelfen:
Wer tr¨
aumend sagt Ich tr¨aume‘, auch wenn er dabei h¨
orbar redete, hat so”
’
wenig recht, wie wenn er im Traum sagt Es regnet‘, w¨
ahrend es tats¨
achlich
’
regnet. Auch wenn sein Traum wirklich mit dem Ger¨
ausch des Regens zusammenh¨
angt.“ 82 Rekombinativ umgestellt und in den Kontext der Entstehung
’
des Neuen‘ transferiert, heißt dies: Wer vorausschauend sagt Ich kenne das
’
Wissen der Zukunft‘, auch wenn er dabei prognostiziert, hat sowenig recht,
wie wenn er prognostisch sagt So wird es sein‘ und sich alle daran orientieren.
’
Auch wenn seine Prognose mit dem weiteren Gang des Erkenntnisfortschritts‘
’
u
¨bereinstimmt.
Die Gestalten der kognitiven, wissenschaftlichen, technologischen, artistischen Landschaften der Zukunft werden erst dann klarer erkennbar, wenn man
rekombinativ mitten unter ihnen weilt. Von vorne herein wird immer nur in
grauen Ans¨atzen von solchen gr¨
unen Feldern der Zukunft zu berichten sein.
Das Neue, es entsteht rekombinativ mit der Zeit; und nicht schon davor.
¨
¨ 676.
82 Ludwig Wittgenstein, Uber
Gewißheit, Frankfurt am Main 1971, 174, UG
128
¨
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11.2000.1
Christian Fleck
Wie Neues nicht entsteht
¨
Die Gr¨
undung des Instituts f¨
ur H¨ohere Studien in Wien durch Ex-Osterreicher
und
die Ford Foundation
The first few years of the Institute’s life were a total disaster. The director (...) did
not have the vaguest notion of what the Institute was supposed to be doing, and the
general atmosphere of the Institute was a mixture of Balkan intrigue, considerable
graft and generally lacking in intellectual content.
Peter E. de Janosi, 10. September 1973
I.
Am 12. Februar 1956 schrieb F. A. Hayek, wie sich Friedrich August von Hayek
seit seiner Berufung im Jahr 1931 an die London School of Economics and Political Science nannte, einem noch Ber¨
uhmteren einen Brief. Artig stellte er sich
Henry Ford II 1 als Autor von Road to serfdom vor, an das sich Herr Ford viel∗
Ich bin den folgenden Institutionen, die mir Archivmaterial zug¨
anglich machten bzw. deren
Bibliotheken ich benutzen konnte, zu Dank verpflichtet: Rockefeller Archive Center, Pocantico Hill, NY; Harvard Archives, Harvard University, Cambridge, MA; The New York Public
Library, Rare Book and Manuscript Library der Columbia University, Ford Foundation‘, alle
’
in New York; London School of Economics and Political Science und Internationales Institut
f¨
ur Sozialgeschichte, Amsterdam. Vorarbeiten zu dieser Studie wurden finanziell unterst¨
utzt
vom Fonds zur F¨
orderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Wien, Projekt P 10061¨
Soz und vom Jubil¨
aumsfonds der Osterreichischen
Nationalbank, Wien, Projekt 6773. Die
Aufenthalte im Rockefeller Archive Center, Tarrytown, NY und an der London School of
Economics and Political Science wurden mir durch ein Special Grant for Research in the
History of the Social Sciences bzw. EUSSIRF Grant (European Union Social Science Information Research Facility) erm¨
oglicht. Dieser Aufsatz wurde w¨
ahrend meines Aufenthalts als
Fellow am Center for Scholars and Writers der New York Public Library fertiggstellt.
1 Henry Ford II (1917–1987) u
¨bernahm nach einem nicht vollendeten Soziologiestudium in
Yale als 25-J¨
ahriger die Leitung der von seinem Großvater gegr¨
undeten Firma und reorganisierte das Unternehmen nach Kriegsende unter Beiziehung von Management-Experten
erfolgreich. Im Unterschied zum autorit¨
aren und antisemitischen Firmengr¨
under bem¨
uhte
sich dessen Enkel um gute Beziehungen zu den Gewerkschaften, zur Stadt Detroit und war
als Philanthrop t¨
atig.
¨
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11.2000.1
129
leicht noch erinnern werde, habe dieses Buch doch einige Aufmerksamkeit auf
sich gezogen. Seit langem habe er gehofft, eine Gelegenheit zu finden ihn, Ford,
zu treffen, um ihm vorzuschlagen, doch der leader of a Detroit Movement‘“ zu
”
’
werden, which in the same manner as the Manchester Movement of last cen”
tury could bring the cause of free trade to victory and thus do much to ensure
prosperity and peace.“ 2 Heute wende er sich in einer anderen Sache an Ford
und ersuche ihn um the opportunity of a personal interview.“ Es gehe um die
”
Universit¨
at Wien und darum, den Niedergang der westlichen Zivilisation und
Gelehrsamkeit aufzuhalten. Er habe dar¨
uber ein Memorandum verfaßt, u
¨ber
das er auch schon mit Funktion¨aren der Ford Foundation und der Rockefeller Foundation gesprochen habe. In beiden F¨
allen h¨
atten die Gespr¨
achspartner
seiner Einsch¨atzung zugestimmt, allein die Gr¨
oße seines Plans u
¨bersteige nach
Meinung der Stiftungsmitarbeiter ihre M¨
oglichkeiten bei weitem. Es helfe nur
noch der direkte Weg zu Henry Ford II.
Mir ist nicht bekannt, ob es zu dem Treffen kam. Das Projekt, das Hayek
vor Augen hatte, war tats¨achlich groß. Den siebzehnseitigen Text, in dem er seinen Vorschlag erl¨auterte, u
¨berschrieb er mit Memorandum on Conditions and
Needs of the University of Vienna. Die Universit¨
at Wien, eines der gr¨
oßten Zentren der Wissenschaft, das in den letzten drei oder vier Generationen eine große
Zahl original thinkers“ hervorgebracht habe, sei in Gefahr. Sie sei auf einen
”
inferior rank“ abgesunken und die intellectual community“ sei zerm¨
urbt.
”
”
The significance of this for the world is not very different from what it would be if
the University of Oxford, or the University of Paris, or the University of G¨
ottingen,
had been devastated by an natural catastrophe and most of the best men of such
a University been dispersed all over the world. If this had happened in Vienna no
doubt help of the scale required could be found. Yet the difference is merely that in
the case of Vienna the same result has been brought about not by a sudden event but
by a slow process extending over twenty years and no less due to irresistible external
forces.
¨
Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Osterreich,
so Hayek weiter, erfolge
gerade rechtzeitig, um noch Hilfe leisten zu k¨
onnen, da ohne Unterst¨
utzung
von außen eine reconstruction“ nicht m¨
oglich sein werde, weil die in Wien
”
verbliebenen Kr¨afte zu ersch¨opft seien. Auch sei ein erheblicher Teil der Universit¨
atsangeh¨origen nicht aus altem Holz“, einige seien u
¨ber die Jahre hinweg
”
in ihrem Kampf gegen politische Vorurteile verbittert, andere, solid but not
”
very distinguished men“, h¨atten nach Jahren der tats¨
achlichen oder eingebildeten politischen Verfolgung endlich h¨ohere Positionen erreicht, die sie nun
2 Hayek an Henry Ford II, 12. Februar 1955, Kopie unter Grant number 63-193, Microfilm
reel 2574, Archiv der Ford Foundation. Die im Folgenden zitierten Dokumente befinden sich
unter der zitierten Grant Nummer auf dieser und zwei weiteren Mikrofilmrollen.
130
¨
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eifers¨
uchtig verteidigten; und schließlich habe die Unterrichtsverwaltung ihrerseits zum Verfall beigetragen, habe sie doch das alte System aufgelassen, jedes
wichtige Fach mit zumindest zwei Lehrst¨
uhlen auszustatten, um die Konkurrenz und damit den Leistungswillen zu erh¨
ohen. Der Wiener Lehrk¨
orper k¨
onnte
seine alte Bl¨
ute wieder erlangen, w¨
urde man seine ehemaligen u
¨ber die ganze
westliche Welt verstreuten Mitglieder wieder einsammeln. Man br¨
auchte nur
entsprechende finanzielle Mittel, um innerhalb von f¨
unfundzwanzig Jahren das
fr¨
uhere Ansehen wiederzuerlangen.
Bevor Hayek seinen Rettungsplan n¨
aher erl¨
autert, gibt er einen knappen
¨
Uberblick
u
¨ber Wiens vergangene Gr¨oße.3 Er zitiert Daten, die ihn selbst u
¨berrascht h¨
atten, nennt die Zahl der ¨osterreichischen Nobelpreistr¨
ager bis 1950
und schließt die Vermutung an, daß in Relation zur Bev¨
olkerungszahl Wien
weltweit an erster Stelle liegen m¨
ußte.4 F¨
ur jene Wissenschaften, mit denen
er hinreichend vertraut sei, stellt er drei Generationen nebeneinander: Wiener
Gr¨
underv¨
ater wie Boltzmann, Brentano, Freud, Lammasch, Mach und Menger; deren Sch¨
uler, die in der Zwischenkriegszeit noch zur Bl¨
ute Wiens beigetragen h¨atten,5 und jene Generation, die heute vor allem im Ausland t¨
atig
sei.6 Danach spricht Hayek u
¨ber Wiens Rolle an der Grenze der beiden widerstreitenden politischen Systeme, seine Ausstrahlung nach dem Osten und
andere Klischees, und behauptet, daß massive help extending over a long pe”
riod would be likely to bring exceptionally large returns.“ Mit der H¨
alfte des
Jahresbudgets einer großen amerikanischen Universit¨
at k¨
onne man jedenfalls
eines der gr¨oßten Zentren der Gelehrsamkeit wieder auf seine F¨
uße stellen.
Hayek schwebte ein concerted move“ der Ex-Wiener an den Dr. Karl Lueger”
Ring vor. Vierzig neue Professuren in allen vier Fakult¨
aten w¨
urden ausreichen,
3 Zu dieser Zeit war Hayek auch damit besch¨
aftigt, eine Liste amerikanischer Wissenschaftler ¨
osterreichischer Herkunft zusammenzustellen, vgl. Brief Hayek an Dear colleagues vom
Juni 1957, Ford Foundation. An dieser als Hayek/Stourzh Liste bekannt gewordenen Aufstellung ist bemerkenswert, daß in ihr Opfer der Nazis und Anh¨
anger dieser Partei neben¨
einander stehen. Kopie im Dokumentationsarchiv des ¨
osterreichischen Widerstandes (DOW,
Akt Nr. 6217).
¨
4 Hayek behauptet, daß bis 1950 zehn Osterreicher,
34 Deutsche, 28 Briten, 27 Amerikaner
und je sieben Schweden und Schweizer einen der drei Wissenschaftspreise erhalten h¨
atten.
¨
Eine Uberpr¨
ufung dieser Angaben ergab nur kleine Abweichungen von Hayeks Z¨
ahlung;
http://nobel.sdsc.edu/cgi-bin/laureate-search, 12. Februar 2000.
5 Hayek teilt hier wider besseres Wissen jenen Mythos, der seither in alpenl¨
andischen Selbstbeschreibungen einen Stammplatz gefunden hat, gleichg¨
ultig, ob sich diese auf Geldscheinen
oder in der Bezeichnung von Wissenschaftspreisen zeigt: Man schm¨
uckt sich mit den Namen
jener, die zu Lebzeiten keinen oder nur einen marginalen Platz im kulturellen und wissenschaftlichen Leben hatten (hier: Alfred Adler, Ludwig Wittgenstein, Joseph Schumpeter).
6 Die Liste ist lang und enth¨
alt alle bekannten Namen von Carnap, G¨
odel, Gombrich, Haberler, Lazarsfeld, Machlup, Menger, Popper, Weisskopf, aber auch Otto Brunner, Karl Frisch,
Ludwig Bertalanffy und Hans Sedlmayr, deren Abwesenheit von Wien bekanntlich andere
Gr¨
unde hatte, u
¨ ber die sich Hayek allerdings ausschweigt.
¨
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131
¨
um the decline towards a provincial atmosphere“ umzukehren. Uber
dreißig
”
Jahre hinweg w¨
urden daf¨
ur rund f¨
unfundzwanzig Millionen Dollar n¨
otig sein.
Das kam dann sogar Hayek etwas viel vor, weswegen er hinzusetzte, daß er
nicht glaube, diese Summe von nur einer Stiftung erhalten zu k¨
onnen. Hayeks
Vorschlag erreicht einen absurden H¨ohepunkt, als er behauptet, first class
”
men“ nur rekrutieren zu k¨onnen, wenn ihnen im Fall politischer Ver¨
anderun¨
gen eine Weiterbesch¨aftigung außerhalb Osterreichs
garantiert werde, sie also
eine Art schnelle akademische Eingreiftruppe bilden sollten, die sich von der
Front‘ wieder zur¨
uckzieht, falls sich herausstellte, daß die gegnerischen Kr¨
afte
’
st¨
arker sind.
Dieses Memorandum, dessen vertraulichen Charakter Hayek abschließend
betont, war nat¨
urlich nicht einmal Wunschdenken eines Mannes, der als Mittf¨
unfziger schon an die Zeit nach seiner Pensionierung dachte und diese offenbar
gern als Chairman der von ihm provisorisch“ so benannten Vienna Universi”
”
ty Foundation“ verbringen wollte. Kurioserweise bildet Hayeks Memorandum
aber zumindest chronologisch den Anfang der Gr¨
undungsgeschichte, die im folgenden zu erz¨ahlen ist. Denn Henry Ford II leitete das Schreiben offenbar an
seine Stiftung weiter, wo zu dieser Zeit massive Anstrengungen unternommen
wurden, die Sozialwissenschaften in Europa zu st¨
arken.7
Kurze Zeit nach Beginn des Tauwetters“ in den kommunistischen L¨
andern
”
entsandte der in der Ford Foundation die Abteilung f¨
ur internationale Beziehungen leitende Shepard Stone 8 eine Delegation nach Polen, um promising young
”
men“ 9 zu finden, denen man Stipendien f¨
ur einen Aufenthalt in den USA anbieten k¨
onne. Die Delegation stand unter Leitung von Frederick Burkhardt 10 und
ihr geh¨
orte auch der Professor f¨
ur Soziologie der Columbia University, Paul F.
Lazarsfeld an. Sp¨ater weitete die Ford Foundation dieses Programm auch auf
Jugoslawien aus. Lazarsfeld erinnert sich:
7 Vgl. Giuliana Gemelli, Hg., The Ford Foundation and Europe (1950s–1970s). Cross-fertilization of Learning in Social Science and Management, Br¨
ussel 1998.
8 Stone (1908–1990) war ein exzellenter Kenner Europas, wo er vor dem Zweiten Weltkrieg
¨
als Reporter der New York Times und nach dem Krieg als Leiter der Offentlichkeitsarbeit
des U.S. High Commissioner for Germany arbeitete. 1953–1968 leitete er die Abteilung f¨
ur
internationale Beziehungen der Ford Foundation und gr¨
undete danach das Aspen Institut
Berlin. Zu Stone vgl. Volker R. Berghahn, Shepard Stone and the Ford Foundation, in:
Gemelli, Ford Foundation, wie Anm. 7, 69–95.
9 Paul F. Lazarsfeld, The Pre-history of the Vienna Institute for Advanced Studies, 2; Paul F.
Lazarsfeld Papers, Columbia University, Rare Book and Manuscript Library, Box 19.
10 Frederick H. Burkhardt (geb. 1912), Ph.D. Columbia University 1940, danach Assistant
Professor f¨
ur Philosophie an der University of Michigan, ab 1943 zuerst Research Analyst‘
’
f¨
ur Mitteleuropa im Office of Strategic Services‘, danach im Außenministerium in der For’
schungsabteilung f¨
ur Europa, ab 1947 Pr¨
asident des Bennington College, 1950/51 Mitarbeiter
¨
Stones in der Offentlichkeitsarbeit
des U.S. High Commissioner for Germany, 1957–74 Pr¨
asident des American Council of Learned Societies‘, danach Mitherausgeber der Werke William
’
James’ und der Korrespondenz von Charles Darwin.
132
¨
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While I didn’t know the history of Yugoslavia as well as that of Poland I was surprised
how many good people could be found there (...). I asked Stone to send me on a
similar mission to Austria because I thought I might be able to help some of my
former students and associates. However, I did not find younger people who would
live up to the standards which the Ford Foundation had set up for the granting of
these fellowships. This impression was gained when, in January 1958, I spent ten days
in Vienna. Upon my return I sent a very long Report on Austria to Dr. Stone.11
Dieser Report on Austria bildet den sachlichen Ausgangspunkt f¨
ur die Bem¨
uhungen der Ford Foundation, in Wien ein Institut zu gr¨
unden. Auf den ersten
f¨
unf Seiten skizziert Lazarsfeld den General Background“.12 Um die Schwie”
rigkeiten der ¨osterreichischen Universit¨aten zu verstehen, sei es n¨
otig, drei Tatsachen zu ber¨
ucksichtigen: Die anti-intellektuellen Auswirkungen der j¨
ungsten
”
¨
Geschichte Osterreichs,
die Besonderheiten der gegenw¨
artigen ¨
osterreichischen
Politik und die Beziehung der Katholischen Kirche zu den Sozialwissenschaften.“ 1918 habe f¨
ur Wien bedeutet, nicht mehr die Metropole eines beinahe
sechzig Millionen Menschen umfassenden Reiches, sondern die Hauptstadt eines
kleinen Staates von sieben Millionen Einwohnern zu sein. W¨
ahrend seine intel”
ligentsia“ fr¨
uher aus Deutschen, Slawen, Ungarn und Juden bestand, habe nach
1918 langsam eine Abwanderung der Intellektuellen“ nach Deutschland und in
”
die Nachfolgestaaten des Habsburgerreiches eingesetzt. Dennoch habe es in den
zwanziger Jahren intellektuelles Leben gegeben, zum einen wegen der vigorous
”
activities“ der Gemeinde Wien, die Lazarsfeld mit dem zehn Jahre sp¨
ater beginnenden New Deal in den USA vergleicht, und zum anderen, weil die very
”
intense political battles gave opportunities to prominent men on both the Conservative and the Social Democratic sides.“ 1934 sei der zweite Schock“ erfolgt,
”
als ein faschistische(s) Regime nach italienischem Vorbild“ Universit¨
atsprofes”
soren und andere Intellektuelle entlassen oder in die Emigration getrieben habe.
In dieser Zeit sei der Antisemitismus noch nicht st¨
arker gewesen als in fr¨
uherer
Zeit; soziale Diskriminierung der Juden habe es immer schon gegeben. 1938
seien dann alle Juden vertrieben worden, und nach dem Ende des Krieges habe eine vierte decimation of talent“ stattgefunden. While the denazification
”
”
of Austria was politically desirable and carried out more thouroughly than in
Western Germany it cannot be denied that it led to the elimination of what
had remained of intellectual talent between 1918 and 1945.“
11 Lazarsfeld, Pre-history, wie Anm. 9. – Dieses 1973 verfaßte Manuskript h¨
atte den Anfang
einer wissenschaftshistorischen Studie bilden sollen, blieb aber ohne Folgen. Lazarsfeld hatte
vorgeschlagen, seine Dokumentation durch die anderer und durch Oral history zu erg¨
anzen.
Die Pre-history‘ ist im Ton diplomatisch und weniger detailliert als der Report on Austria‘,
’
’
aus dem ich hier ausf¨
uhrlich zitiere.
12 Paul F. Lazarsfeld, Report on Austria, Lazarsfeld Papers, Box 38. Daraus alle folgenden
Zitate.
¨
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So fragw¨
urdig der Vergleich mit Westdeutschland ist, so richtig d¨
urfte der
Hinweis auf die Auswirkungen der Entnazifizierung auf das geistige Leben sein.
Man d¨
urfe aus dem Umstand, daß in Wien bestimmte kulturelle Aktivit¨
aten –
Oper, Theater und Konzerte – gedeihen, nicht auf andere schließen. Darstellende Kunst sei etwas anderes als kreative F¨
ahigkeiten. Zwar seien ¨
osterreichische
Schauspieler im gesamten deutschen Sprachraum gefragt, aber u
¨ber Jahrzehnte
hinweg habe kein o¨sterreichischer Schriftsteller ein acceptable play“ zustan”
degebracht. University life, which of course requires creative skill, shows the
”
decline of intellectual level most acutely.“ Die Lage werde durch die aktuellen
politischen Verh¨altnisse – wir befinden uns im Jahr 1958 – noch verschlimmert.
¨
¨ funktioniere zwar und habe dem Land
Die Koalition zwischen OVP
und SPO
auch zu annehmbarem Wohlstand verholfen, aber das intellektuelle Leben leide
darunter. Wichtige Fragen w¨
urden, um die Koalition nicht zu gef¨
ahrden, gar
nicht diskutiert, und Politik bestehe nur in Verhandlungen der Parteien u
¨ber
Postenvergaben, was Auswirkungen auf junge Leute habe, die nur re¨
ussieren
k¨
onnten, wenn sie von einer der beiden Parteien unterst¨
utzt w¨
urden, der sie
dann ihren Dank abzustatten h¨atten. Die empirischen Sozialwissenschaften litten unter diesen Umst¨anden weit mehr als andere intellektuelle Aktivit¨
aten.
The Catholic Church is suspicious of them (i. e. empirical social sciences) for a variety of reasons: Substantive findings might come in conflict with certain dogmatic
positions; quantitative methods do not seem congenial to a spiritual outlook of life.
Beyond this there is the church’s inclination to favor traditional procedures: philology
is preferable to comparative studies of literature; experimental psychology to psychoanalysis. It is doubtful whether the ruling bureaucracy in the S.P. has a very genuine
understanding of what empirical social research could do for their cause; but even if
they had they would not put up a major fight for it because they do not want to rock
the boat.
Sozialwissenschaftlich beachtenswert seien nur das Institut f¨
ur Wirtschaftsforschung, das auf hohem Niveau arbeite, sei ihm versichert worden, und in Linz
gebe es einen B¨
urgermeister, der eine Universit¨
at f¨
ur social and political sciences
gr¨
unden wolle.13 Vor diesem Hintergrund seien die Treffen zu sehen, u
¨ber die
er im zweiten Teil seines Report on Austria berichte.
13 Heinrich Drimmel, der 1973 Lazarsfelds Pre-history‘ mit der Bitte um Erg¨
anzungen und
’
Kommentare aus seiner Sicht zugesandt bekommen hatte, erkl¨
arte, keine Aufzeichnungen
dar¨
uber zu haben und daher nur u
onliche Sicht schreiben zu k¨
onnen. Obiger
¨ber seine pers¨
Darstellung Lazarsfelds u
¨ber die o
¨sterreichischen sozialwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen widersprach Drimmel heftig: Demnach existierten damals außer dem Institut f¨
ur
”
Wirtschaftsforschung (aus dem Kamitz hervorgegangen ist) nur noch 2 (in Worten: zwei) wis¨
senschaftlich relevante Instanzen in Osterreich:
die Hochschule in Linz (bei deren Gr¨
undung
¨ immer mehr hervortraten) und die ein [!] Gruppe von Linkskathodie Exponenten der SPO
liken um Friedrich Heer.“ Drimmel an Gerhart Bruckmann, Direktor des IHS, 8. April 1973,
im Anhang zu Lazarsfeld, Pre-history, wie Anm. 9.
134
¨
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Mit dem Unterrichtsminister Heinrich Drimmel, dessen Karriere Lazarsfeld knapp schildert 14 und von dem er sagt, daß die weit nach rechts ger¨
uck”
ten“ Sozialisten am liebsten mit ihm kooperierten, habe er eineinhalb Stunden
lang gesprochen. Drimmel sei sich des Niedergangs der Universit¨
aten v¨
ollig bewußt, um es aber ¨andern zu k¨onnen m¨
ußte man, so Lazarsfeld, eine andere
Pers¨
onlichkeit als Drimmel sein. Lazarsfeld habe Drimmel u
¨ber die Arbeitsweise einer amerikanischen Stiftung aufkl¨
aren m¨
ussen, da dieser sich anl¨
aßlich
eines fr¨
uheren Gespr¨achs mit Stone davon ein v¨
ollig falsches Bild gemacht habe: Drimmel (...) expected that one day a check from the Ford Foundation
”
would arrive“ 15 – und er habe versucht, Drimmels European stereotype of the
”
materialistic Americans“ zu zerstreuen. He thinks that we do not appreciate
”
the spiritual values of the Austrian tradition (and) he felt that Americans are
much more likely to help Germans because they too are materialistic.“ Ausf¨
uhrlich sei dann dar¨
uber gesprochen worden, wie man die Verhandlungen mit der
Ford Foundation f¨
uhren solle. Drimmel habe vorgeschlagen, den Akademischen
Rat – the Council, however, had never been active for reasons I do not quite
”
understand“ – damit zu beauftragen. Nachdem sich herausgestellt habe, daß
uge, sei man u
dieser Rat u
¨ber keinerlei administrative machinery“ verf¨
¨berein”
gekommen, zwei assistent professors, Rosenmayr and Topitsch“ – they both
”
”
had been in America on fellowships“ 16 – als executive secretary“ zu engagie”
ren, to make an inventory of worthwhile projects and to enable the Council to
”
express preferences.“ Doch noch w¨ahrend seines Aufenthalts in Wien sei diese
Idee zugunsten eines eigens eingesetzten Komitees verworfen worden.
Drimmel habe Hayeks idea to create in Vienna an Institute of Advanced
”
Studies which would be free of University supervision“ gekannt und sehr begr¨
ußt, auch wenn er erkannt habe, daß dies finanziell almost impossible“ sei.
”
Der ¨
osterreichische Unterrichtsminister hoffe, daß Dr. Stone or I or somebody
”
else would find some solution for the intellectual impasse“. Allerdings dr¨
uckte
14 Drimmel widerspricht Lazarsfelds Charakterisierung seiner politischen Vergangenheit und
schreibt dazu: Was meine Person betrifft, so m¨
ochte ich feststellen, daß ich im Jahr 1957/58
”
eine Politik mit dem Einsatz von Privatarmeen‘ l¨
angst hinter mir hatte. Das aber a
¨ndert
’
nichts an meiner Wertsch¨
atzung f¨
ur Engelbert Dollfuß, der als einziger Regierungschef im
Kampf gegen Hitler gefallen ist.“
15 Das gleiche Mißverst¨
andnis dr¨
uckte der damalige Außenminister Leopold Figl in einem
Brief vom 4. Februar 1958 an Lazarsfeld aus, in welchem er darum bat, die Ford Foundation‘
’
m¨
oge die Einrichtung eines Wiener Komitees annehmen, aber nichts dar¨
uber sagte, wof¨
ur
man denn nun eigentlich Geld haben m¨
ochte. Der Brief ist im Anhang zum Report on
’
Austria‘ wiedergegeben.
16 Leopold Rosenmayr (geb. 1925) und Ernst Topitsch (geb. 1919) waren 1951 und 1953 ein
Jahr lang als Rockefeller Fellows in den USA gewesen; nach ihrer R¨
uckkehr arbeiteten sie
als Universit¨
atsassistenten an der Universit¨
at Wien. Topitsch taucht sp¨
ater noch einige Male
in den Akten der Rockefeller Foundation und der Ford Foundation‘ auf, u
¨ bernahm aber nie
’
eine organisatorische Funktion, vgl. Fellowship Card, RAC.
¨
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135
er diese Hoffnung erst aus, als ihm Lazarsfeld versicherte, daß die Aktivit¨
aten
der Stiftung would not endanger what he considers basic Austrian values. He
”
is also hoping that some intervention from outside would set things into motion.“ Welche ¨osterreichischen Werte“ nicht gef¨
ahrdet werden d¨
urften, wird an
”
dieser Stelle des Reports nicht ausgef¨
uhrt. Was in den folgende Jahren geschah,
ist allerdings durchaus geeignet, sie gleichsam an der Arbeit zu sehen.
Lazarsfeld bezeichnete Drimmel zu Recht als Schl¨
usselfigur. Warum er
auch zur Ansicht kam, daß fortunately he would undoubtedly also be a good
”
person to work with“, scheint mir jedoch kaum nachvollziehbar. Wahrscheinlich gelangte er zu dieser Auffassung nach dem Gespr¨
ach mit der von ihm auf
¨ identifizierten Schl¨
Seiten der SPO
usselfigur: dem damaligen Staatssekret¨
ar im
Außenministerium, Bruno Kreisky, by far the most promising combination of
”
personal ability and power.“ Kreisky erz¨ahlte Lazarsfeld, daß er sich w¨
ochentlich mit Drimmel treffe – Kreisky and Drimmel are in some way personal
”
friends and cry on each other’s shoulders about the shortcomings of the political machines with which they are allied.“
Im dritten Teil seines Report on Austria behandelt Lazarsfeld die Frage,
how to organize a request for funds.“ Tats¨
achlich kreisten alle seine Gespr¨
ache
”
in Wien darum, wie man die Eingabe“ anlegen sollte. I want to stress the
”
”
paradoxical element in these discussions. Austria has always had a strong bureaucracy and one of the standard jokes is the role of the petition‘ – Eingabe
’
– in the life of each citizen. It struck many of us as funny that the central
problem of my ten days in Vienna was how I could help the Austrians to draft
an eingabe to the Ford Foundation.“ In erm¨
udender Ausf¨
uhrlichkeit schildert
Lazarsfeld seine Odyssee durch die Vor- und Hinterzimmer der ¨
osterreichischen
Innenpolitik und die unz¨ahligen Intrigen und koalition¨
aren Junktims: Der f¨
ur
¨
Wissenschaften zust¨andige SPO-Abgeordnete
Karl Mark war nur unter der Bedingung bereit, den Akademischen Rat zu akzeptieren, wenn im Gegenzug sein
seit drei Jahren im Nationalrat liegender Antrag auf Gr¨
undung eines national
”
scientific council“ behandelt w¨
urde. Viel besser w¨
are es allerdings, gleich diese
neue Institution mit der Planung des neuen Zentrums zu beauftragen. Der eine
real power in University politics“ darstellende Professor Hubert Rohracher,
”
der Lazarsfeld den unzutreffenden Eindruck vermitteln konnte, free from po”
litical affiliations“ zu sein, lehnte diesen Vorschlag umgehend ab, weil er gegen
die Gr¨
undung eines Wissenschaftsf¨orderungsfonds sei, in dem die politischen
¨
Parteien gegen¨
uber den Vertretern der Universit¨
aten in der Uberzahl
w¨
aren.
Stattdessen schlug er die Befassung der Akademie der Wissenschaften vor, was
allerdings wiederum bei Lazarfeld auf wenig Gegenliebe stieß, sei das doch eine
Institution, die vornehmlich aus old emeriti professors“ bestehe, die weder
”
Einfluß auf noch Wissen u
atten und von einem
¨ber moderne Entwicklungen h¨
Pr¨
asidenten geleitet werde, an den er sich noch aus seiner Wiener Studienzeit
136
¨
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als very insignificant professor“ erinnern k¨
onne, der obendrein in der Lage
”
gewesen sei, unbeschadet die verschiedenen politischen Wechsel zu u
¨berleben,
obwohl er sehr katholisch sei. At this point, then, three proposals regarding the
”
agency to deal with the (Ford) Foundation had been made: the inactive Academic Council, the non-existing national scientific council and the insignificant
Academy of Science.“
Er habe, berichtet Lazarsfeld weiter, auch noch verschiedene andere mit
Bildung befaßte Einrichtungen kontaktiert, vor allem wolle er aber Stones Aufmerksamkeit auf eine Gruppe linker Katholiken lenken, die ihm im rather
”
dreary intellectual picture of Vienna“ in der Lage schienen, to exercise so”
me intellectual initiative.“ Ihr main spokesman“ sei ein unattached histori”
”
an, (Friedrich) Heer, who has published many books and who edits a weekly
newspaper, Die Furche, (...) by far the best written and most civilized newspaper in Austria.“ Diese Gruppe f¨ande ein wenig academic support through the
”
only so-called professor of sociology at the University of Vienna, (August M.)
Knoll.“ Dieser sei essentially an historian of Catholic social thought“, werde
”
aber von Leopold Rosenmayr, dem einzigen, der in Wien seriously concerned
”
with empirical social research“ sei, fairly“ unterst¨
utzt. Daneben gebe es noch
”
eine Gruppe junger M¨anner um den Assistenten an der Psychiatrischen Klinik,
Hans Strotzka, die eine Art unofficial seminar“ eingerichtet h¨
atten, um empi”
”
rical social research“ zu diskutieren. Sie d¨achten sogar daran, some studies“ im
”
Bereich der Industriesoziologie und der Erforschung der ¨
offentlichen Meinung
durchzuf¨
uhren. Stone m¨oge bei seinem n¨
achsten Besuch in Wien diese Gruppe kontaktieren, um zu sehen, ob ihre Pl¨
ane ein realistisches Stadium erreicht
h¨
atten. Beide Gruppen w¨
urden es wohl begr¨
ußen, wenn die Verhandlungen
mit der Ford Foundation nicht v¨ollig unter dem Einfluß der beiden regierenden
Parteien gerieten.
Nach ungef¨ahr vierzig Besprechungen, schreibt Lazarsfeld resignierend,
kenne er sich kaum noch aus und bef¨
urchte, daß jeder versuchen werde, to
”
quote me in the way most suitable for his prejudices.“ 17 Doch trotz aller negativen Erfahrungen rafft er sich auf, die sich selbst gestellte Frage zu beantworten: What can money do in a situation where there is no strong intellectual
”
initiative from within “ Man k¨onne, erstens, mehrj¨
ahrige Stipendien an Assistenten vergeben. Obwohl in Wien kaum ein bedeutender Lehrer vorhanden sei,
k¨
onne man, wenn einem Professor f¨
unf Assistenten zur Seite gestellt w¨
urden,
erwarten, daß einige aus dieser Gruppe would go beyond their teachers and
”
form a kind of internal pressure group for higher academic standards“. Außerdem sei es nicht unm¨oglich, daß einige dieser Assistenten would broaden their
”
interests and do better work.“ Ohne diesen Plan zu detaillieren, w¨
urde er zu
17 Lazarsfeld deponierte aus diesem Grund in Wien eine offizielle Version seiner Absichten
in schriftlicher Form, welche im Anhang zum Report on Austria‘ wiedergegeben ist.
’
¨
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137
seinen Gunsten argumentieren. Zweitens k¨
onnte man f¨
ur die zeitweilige R¨
uckkehr von Emigranten Gastprofessuren errichten. Friedrich Hacker habe k¨
urzlich
in Wien gelehrt, und Lazarsfeld habe sich von der positiven Wirkung, die das
gehabt habe, u
uhere Lehre¨berzeugen k¨onnen. Konkret denke er an seine fr¨
rin Charlotte B¨
uhler und an Adolf Sturmthal,18 die vermutlich beide gewillt
w¨
aren, in Wien vor¨
ubergehend zu lehren. Und er habe geh¨
ort, daß auch Hayek
an einer R¨
uckkehr interessiert sei und dar¨
uber mit dem (ressortunzust¨
andi19
gen) Finanzminister Kamitz in Verhandlungen stehe. Drittens k¨
onnte man
den Plan unterst¨
utzen, in Linz eine neue Universit¨
at zu errichten, wo eine
Gruppe von ausl¨andischen Beratern das Curriculum, das jetzt somewhat old”
fashioned“ sei, verbessern helfen k¨onnte. Viertens k¨
onnte man ein Institut f¨
ur
Osteuropastudien f¨ordern, an dessen Errichtung ein junger Wiener Professor,
Stephan Verosta, interessiert sei.20 F¨
unftens k¨
onnte man bei bestimmten klar
umrissenen Problemen helfen. So sei etwa das Niveau der Tageszeitungen espe”
cially bad“ und eine Journalistenschule k¨
onnte n¨
utzen. Sechstens k¨
onnte man
statt der Universit¨at Wien die anderen Wiener Hochschulen oder die Universit¨
aten in der Provinz f¨ordern. Siebentens k¨
onnte man den Bibliotheken unter
die Arme greifen, die sich in einem deplorable state“ bef¨
anden, was ein weite”
rer Grund sei, warum academic life is at such a low level“. Achtens k¨
onnte die
”
Ford Foundation einen Zuschuß zu den Fulbright-Stipendien leisten, da derzeit
wegen der geringen Stipendienh¨ohe das Niveau der Bewerber außerordentlich
niedrig sei. Lazarsfeld beendet seinen Report on Austria mit zwei Hinweisen: Er
¨
werde ihn anderen ehemaligen Osterreichern
in den USA zur Kenntnis bringen,
die alle mit dem Problem besch¨aftigt seien, und er beschw¨
ort die Ford Founda¨
tion geradezu, etwas f¨
ur Osterreich zu tun, da es sich nur um ein temporary
”
weakening of intellectual morale“ handle.
18 Adolf F. Sturmthal (1903–1986) war nach Abschluß seines Studiums mehr als zehn Jahre
lang Mitarbeiter Friedrich Adlers in der Sozialistischen Internationale, deren Nachrichtendienst er edierte. Lazarsfeld wiederum stand Adler nahe, war dieser doch u
¨ber Jahrzehnte
der Liebhaber seiner Mutter. Sturmthal fl¨
uchtete 1938 in die USA, wo er an verschiedenen
Universit¨
aten lehrte, ehe er ab 1960 eine Professur f¨
ur Labor and Industrial Relations‘ an
’
der University of Illinois u
¨bernahm. Adolf F. Sturmthal, Democracy Under Fire: Memoirs of
a European Socialist, hg. v. Suzanne Sturmthal Russin, Durham 1989.
19 Reinhard Kamitz war als Mitarbeiter des Instituts f¨
ur Konjunkturforschung 1938 ein
Rockefeller Fellowship zugesichert worden, scheint aber auf dieses zu Gunsten des Aufstiegs
im f¨
uhrungslosen Institut verzichtet zu haben, Rockefeller Foundation, R. G. 1.1. General
Correspondence 2-1937, series 705, box 152, folder 1123, sowie General Correspondence 21938, Series 705, box 167, folder 1213, RAC.
20 Schon 1952 hatten Richard Bl¨
uhdorn und Alfred Verdross versucht, bei der Ford Foun’
dation‘ Geld f¨
ur die Gr¨
undung eines Instituts f¨
ur internationale Beziehungen, das der Ausbildung von Diplomaten und Mitarbeitern internationaler Organisationen dienen sollte, zu
bekommen. Ihr Antrag wurde abgelehnt, weil die Ford Foundation‘ damals noch nicht in
’
¨
Osterreich
t¨
atig werden wollte, vgl. Frederick C. Lane, Tagebuch, 10. Oktober 1952, 425,
RAC.
138
¨
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Lazarsfelds Report wurde hier so ausf¨
uhrlich referiert, weil er weitestgehend zutreffend die politischen Verh¨altnisse und die Lage der (sozial-)wissen¨
schaftlichen Forschung in Osterreich
Ende der f¨
unfziger Jahre schildert. Er mag
sich in der Beurteilung einzelner Personen hinsichtlich ihres Interesses und ihrer
F¨
ahigkeit, an den Verh¨altnissen etwas zu ¨
andern, geirrt haben, als Sittenbild
des geistigen Lebens der fr¨
uhen Zweiten Republik kann man diesen Report ge¨
trost an die Seite jenes stellen, der seither zum Synonym des Osterreichertums
dieser – und nicht nur dieser – Jahre wurde: Carl Merz’ und Helmut Qualtingers Der Herr Karl, uraufgef¨
uhrt 1961, schildert diesselben Verh¨
altnisse und
portr¨
atiert im Souterraine der sozialen Schichtung jenen Sozialcharakter, dem
Lazarsfeld in deren Belles etages begegnete. Die Frage, die zu beantworten die
folgenden Zeilen nicht in der Lage sein werden, die sich allerdings geradezu
unabwendbar stellt, ist: Warum kehrte Paul F. Lazarsfeld nach diesen Erfahrungen noch einmal nach Wien zur¨
uck 21 Denn er kehrte zur¨
uck, nicht um in
Wien Musik zu h¨oren, sondern um ein Institut gr¨
unden zu helfen.
Der Report zirkulierte in den USA, wie angek¨
undigt, unter ehemaligen
¨
Osterreichern.
Im Dezember 1958 berichtete Lazarsfeld an Stone u
¨ber die Reaktionen und listete Personen auf, mit denen Stone u
osterreichischen
¨ber die ¨
Aktivit¨
aten konferieren sollte: Charlotte B¨
uhler, F. A. Hayek, Adolf Sturmthal
und Ludwig Wagner. W¨
unschenswert w¨are es, auch noch einen respectable Ca”
tholic refugee“ beizuziehen.22 Die Konferenz fand Ende M¨
arz 1959 in Stones
New Yorker B¨
uro unter Teilnahme von Lazarsfeld, Hayek, Sturmthal, Klemens
von Klemperer und Erich Hula statt. Lazarsfeld hatte eine u
¨berarbeitete Version seiner Vorschl¨age vom Vorjahr vorbereitet.23 Die Versammelten einigten sich
auf zwei Vorschl¨age: Die Ford Foundation sollte in Wien ein Zentrum f¨
ur ad”
21 Im Unterschied zu manchem anderen Emigranten, hatte Lazarsfeld weder Interesse noch
Not an einer st¨
andigen R¨
uckkehr nach Wien, wie er in einem der Briefe an Stone unmissverst¨
andlich und ohne Koketterie festhielt: to avoid misunderstandings, I have to add a
”
word about myself. I would be most eager to help in the organization of the projects (...) but
as I told you and everyone else concerned before, it would not be possible for me to join the
faculty (...) as an ex-Austrian, I have, of course, a great desire to relieve the intellectual plight
prevailing now in Vienna. But my commitments in this country [USA] are now so ramified,
that I could not possibly stay away for a long time.“ Lazarsfeld an Stone, 15. Oktober 1960.
22 Lazarsfeld an Stone, 23. Dezember 1958. Charlotte B¨
uhler schrieb am 23. M¨
arz 1959 an
Stone einen Brief, worin sie bedauert, wegen einer anderen Verpflichtung an dem Treffen nicht
teilnehmen zu k¨
onnen. Sie erkl¨
art sich darin auch bereit, nach Wien zu gehen, however, I
”
would of course have to have a reasonable degree of security and the certainty that this
position is at least to degrees equivalent to what I give up.“ Grant number 63-193, reel 2574,
Ford Foundation.
23 Auf dieses Papier wurde sp¨
ater ¨
ofters als the document“ Bezug genommen. In Pre”
’
history‘ erl¨
autert Lazarsfeld: It is my guess that I wrote this memo as a kind of general
”
summary for Dr. Stone. I consider it quite possible that he collaborated on the wording and
that I also had the help of some other associates. The style of the memo is somewhat more
formal than I am used to writing.“ Lazarsfeld, Pre-history, wie Anm. 9, 6.
¨
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139
vanced teaching and research“ gr¨
unden und einigen der existierenden Wiener
Einrichtungen Mittel zur Verf¨
ugung stellen, um zus¨
atzlich Ausl¨
ander anstellen
zu k¨
onnen. Das Zentrum sollte sich mit zwei Aktivit¨
aten befassen: Forschung
¨
u
und Osteuropa und Lehre jener Disziplinen, die an den Uni¨ber Osterreich
versit¨
aten nicht oder unzureichend vertreten waren: modern social psycholo”
gy, empirical study of politics, industrial relations, etc.“ Der Lehrk¨
orper sollte
sich aus highly-qualified ex-Austrians returning from America and West Eu”
¨
ropean countries“ und Osterreichern
zusammensetzen, die am Programm des
Zentrums speziell interessiert und geeignet seien. The visiting faculty members
”
should stay if possible for several years. In exceptional cases life tenure might
¨
be negotiated.“ Ausl¨andische Assistenten und Osterreicher,
die davor bei ihren
prospektiven Professoren im Ausland studiert haben sollten, k¨
onnten weiteres Personal bilden. F¨
ur die Studenten m¨
usse sichergestellt werden, daß ihre
Studien von den Universit¨aten anerkannt werden. Absolventen des Zentrums
sollten im ¨offentlichen Dienst privilegiert, oder ihnen spezielle Assistentenstellen an den Universit¨aten offeriert werden. Die Leitung des Instituts sollte ein
¨
parit¨
atisch aus Osterreichern
und Amerikanern zusammengesetztes Gremium
¨
u
erwarte man
¨bernehmen, dem der Direktor verantwortlich sei. Von Osterreich
ein geeignetes Geb¨aude.24
Im Fr¨
uhsommer 1959 reiste Lazarsfeld wieder nach Europa, im Juni kam er
nach Wien, von wo er an Stone drei lange Briefe schickte.25 Der Besuchstermin
war, wie Lazarsfeld berichtet, mit Blick auf die ¨
osterreichischen Verh¨
altnisse
nicht gerade gut gew¨ahlt, war doch nach der Nationalratswahl Anfang Mai,
¨ die Stimmen-, aber keine Mandatsmehrheit gebracht hatte, immer
die der SPO
noch keine Regierung gebildet und im vergangenen Jahr war wegen des bevorstehenden Wahlkampfes in Sachen Institutsgr¨
undung nichts weitergegangen.
Die famous personal lunches“ von Drimmel und Kreisky seien im beginnen”
den Wahlkampf eingestellt worden. As a result the plans I had worked last
”
year got all messed up and I have to start practically from the beginning.“
Neuerlich f¨
uhrte Lazarsfeld ein eineinhalbst¨
undiges Gespr¨
ach mit dem voraussichtlich weiterhin als Unterrichtsminister t¨
atigen Drimmel, um ihm klar zu
24 Inter Office Memorandum, 6. April 1959 und Confidential‘ Protokoll, 30. M¨
arz 1959,
’
verfaßt von Lazarsfeld, Ford Foundation.
25 Im ersten Brief entschuldigt er sich bei Stone f¨
ur die ¨
außere Form: please remember that
”
since I came to this country (USA this is) I always had a secretary, so I never learned to
spell let alone to type. But I hope you will get the gist of this first progress report nevertheless.“ 12. Juni 1959, Ford Foundation. In Lazarsfelds The pre-history of the Vienna Institute
’
for Advanced Studies‘, Lazarsfeld Papers Columbia University, bezieht er sich auf deren Inhalt, notiert allerdings in einer Fußnote auf S. 7: I will put these letters into a sealed envelope
”
for the time being because they contain some remarks on political personalities which should
not be divulged at this moment.“ Stone hatte allerdings Abschriften dieser Briefe herstellen
lassen, von denen sich Kopien zum Teil wiederum unversiegelt in den Lazarsfeld Papers in
der Columbia University finden. Das versiegelte Kuvert scheint verschwunden zu sein.
140
¨
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¨
machen, daß ohne einen von Osterreich
ausgearbeiteten und der Ford Foundation u
ur die
¨bermittelten Vorschlag nichts gehe. Drimmel habe sich wieder f¨
Verz¨
ogerung entschuldigt und ihm versichert, weiterhin an diesem Zentrum in¨
teressiert zu sein: Zum Teil aus patriotischen Gr¨
unden, zum Teil um in Osterreich den Westen“ zu st¨arken, und schließlich auch wegen der few eggheads
”
”
in his party“. Inversely he is afraid that the socialists – who have a few mo”
re eggheads, although not very many or good ones – will run away with the
Center. When Pittermann came back from NY he boasted how he had good
contacts in the USA and this created great anxiety on the other side. (...) I shall
ask Kreisky tonight (...) to assure Drimmel that the Ford Foundation is not
an agent of Pittermann.“ Lazarsfeld habe Drimmel versichert, er werde daf¨
ur
sorgen, daß nicht Pittermann, sondern Kreisky sein Verhandlungspartner auf
Seiten der Sozialisten sei, dessen Außenministerium nach dem Wahlerfolg der
¨ nun auch f¨
SPO
ur die kulturellen Beziehungen mit dem Ausland zust¨
andig war.
Drimmel habe dann eingestanden, daß er in seiner eigenen Partei Probleme habe. Hayek, der sich auch gerade in Wien befinde, werde nochmals mit Drimmel
reden und ihm die Unterst¨
utzung von Kamitz zusagen m¨
ussen.26
Zehn Tage sp¨ater folgte der n¨achste Bericht aus Wien. Bei einem weiteren
Gespr¨
ach mit Drimmel sei es um die akademische Anerkennung der am neuen
Zentrum absolvierten Studien gegangen. Da dies in die autonome Kompetenz
der Universit¨at falle, k¨onne diese Frage allerdings nicht vom Ministerium entschieden werden.27 In der Zwischenzeit h¨
atten die beiden Parteien auch jemanden gefunden, dem sie die Koordination der ¨
osterreichischen Seite u
¨bertragen
wollten. Lazarsfeld a¨ußerte sich dar¨
uber sehr erfreut, weil er Stephan Verosta
von fr¨
uher kannte und ihn f¨
ur eine gute Wahl hielt. Was er nicht realisierte
war, daß Verosta vor allem damit besch¨
aftigt war, die Balance zwischen den
Parteien zu wahren und dem eigentlich N¨
otigen, n¨
amlich endlich ein Papier
¨
dar¨
uber zu verfassen, wof¨
ur die Osterreicher
von der Ford Foundation Geld haben wollten, weniger Aufmerksamkeit schenken konnte. Verosta f¨
ugte dem wissenschaftlichen Profil des zu gr¨
undenden Zentrums eine neue Seite hinzu. War
Hayeks Plan einfach nur groß und Lazarsfelds bisherige Pl¨
ane auf eine Aus26 The problem with Hayek is that he has only a shadowy idea of what it is all about
”
because he is so involved in his own affaires. Fortunately I had the document‘ with me
’
and I made him reread it very carefully so that he sticks to the party line.“ In Pre-history‘
’
dr¨
uckt sich Lazarsfeld noch deutlicher aus: Hayek himself wanted to return to Austria and
”
concentrated increasingly on his personal plans“. Lazarsfeld, Pre-history, wie Anm. 9, 5.
27 Dieser Hinweis ist f¨
ur die Vorgangsweise des Unterrichtsministeriums gegen¨
uber Uninformierten geradzu typisch: Was mitgeteilt wird, ist nicht falsch, aber unvollst¨
andig, weil
nat¨
urlich das Parlament, in welchem ja die beiden Parteien nahezu ohne Opposition waren,
entsprechende Beschl¨
usse fassen h¨
atte k¨
onnen. Zu fr¨
uheren irreleitenden Ausk¨
unften vgl.
Christian Fleck, R¨
uckkehr unerw¨
unscht. Der Weg der ¨
osterreichischen Sozialforschung ins
Exil, in: Friedrich Stadler, Hg., Vertriebene Vernunft I. Emigration und Exil ¨
osterreichischer
Wissenschaft 1930–1940, Wien 1987, 182– 213.
¨
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bildungseinrichtung f¨
ur empirische Politik- und Sozialforschung ausgerichtet,
wozu Lazarsfeld als dankbarer Sch¨
uler von Charlotte B¨
uhler die Psychologie
anf¨
ugte, reklamierte Verosta seine hobbies – especially the study of contempo”
rary history with emphasis on the collection of documents“ in das Konzept.28
Falls denn u
¨berhaupt ein Vorschlag nach New York gelangen werde, warnte Lazarsfeld Stone, dann werde er eine lange Liste von Forschungsfeldern umfassen
und es sei dann an ihm, sich in den konkreten Verhandlungen durchzusetzen.
The areas which the proposal will stress are likely to be: social research, political
science, contemporary history, and something which has not yet a name but which
is important for Austria, a kind of sophisticated social work, an anthropological approach to family, youth, and old age, etc. with a sprinkling of social psychiatry – a
term very fashionable here. Oh, and of course industrial sociology and labor relation –
thus altogether five divisions, which don’t need to be started all at once. The question
of economics as a sixth area was under discussion when I left and so I don’t know
how it will turn out. I am against it for various reasons but I try never to inject my
own opinions; and so Hayek, who is still here and with whom Verosta will talk some
more might talk them into it.29
Ende Juli 1959 schickte Lazarsfeld aus seinem Urlaubsort Opatija einen dritten
¨
Bericht an Stone. Osterreich
habe eine neue Regierung, sodaß man weiter mit
Drimmel und Kreisky verhandeln k¨onne, und das Verosta team is their offi”
cal representative“. Das sei die gute Nachricht, doch die Aussichten auf einen
ordentlichen Antrag st¨
unden schlecht. It is just unbelievable for us how inex”
perienced the Austrians are in laying out a persuasive and concrete program
of action.“ Dabei handle es sich aber nicht um ein generelles europ¨
aisches Unverm¨
ogen, weil beispielsweise die Jugoslawen große F¨
ahigkeiten in discussing
”
and formulating administrative projects“ bewiesen h¨
atten. Er glaube, das Un¨
verm¨
ogen der Osterreicher
sei das Resultat der allgemeinen Lethargie im Land,
wo Politik vollkommen eine Sache der Aufteilung bestehender Posten geworden sei, instead of developing new ideas.“ 30 Deswegen schlage er vor, die Ford
”
¨
Foundation m¨oge den Osterreichern
einen initial grant“ geben, damit sie her”
ausf¨
anden, was sie eigentlich mit dem Zentrum wollten. Lazarsfeld spaßte nicht,
wie aus seiner detaillierten Erl¨auterung hervorgeht: Stefan Verosta sollte drei
Monate mit Hilfe eines Assistenten und einer Sekret¨
arin put his legal mind
”
to think through all the implications“, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Der
neue Vorgesetzte Verostas, Außenminister Kreisky, unterst¨
utze diesen Plan.
¨
28 Uber
ein derartiges Institut wurde in Wien auch schon lange geredet. F. C. Lane berichtet,
daß er im Dezember 1952 von Drimmel, der damals noch Beamter in jenem Ministerium war,
das er wenig sp¨
ater leiten sollte, u
¨ ber einen derartigen Plan informiert wurde; Lane, Tagebuch,
11. Dezember 1952, 484.
29 Lazarsfeld an Stone, 22. Juni 1959.
30 Lazarsfeld an Stone, 23. Juli 1959.
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Mit nochmaliger Hilfe Lazarsfelds 31 schafften es die genannten Personen
schließlich, an die Ford Foundation ein Papier zu schicken, u
¨ber das dann Ende Oktober 1959 Stone mit Drimmel in Wien verhandelte. Ein Monat nach
der Aussprache sandte ein Sektionschef des Unterrichtsministeriums an Stone, dessen Vornamen er konsequent falsch schrieb, dessen Titel er aber allesamt anf¨
uhrte, eine Niederschrift“ u
¨ber die beiden Besprechungen in Wien,
”
zuerst ohne und dann mit Drimmel. Dieses gleichsam amtliche Protokoll ist
nicht nur wegen seines Amtsdeutsch, sondern auch wegen seines Inhalts ein
St¨
uck Realsatire.32 Drimmel erkl¨art dem Emiss¨
ar amerikanischer Philanthropie rundheraus, daß er dessen Geld nur nehmen w¨
urde, wenn daraus kein Un¨
ternehmen entst¨
unde, in dem ein sozialistisches Ubergewicht“
herrsche. Die
”
Rechtsform sei nicht entscheidend, aber es gehe nicht an, daß neben einem
schwarzen und einem roten Minister auch noch die Stadt Wien eine Rolle spiele. Interessiert zeigt er sich begreiflicherweise“ daran, wer an diesem neuen
”
Institut besch¨aftigt sei; eine Anrechnung der am Institut verbrachten Zeit
”
als Vordienstzeit“ m¨
usse zur gegebenen Zeit mit den zust¨
andigen Stellen verhandelt werden. Auf ¨osterreichischer Seite, heißt es am Ende von Drimmels
Einleitung, sei vom Gesichtspunkt der Unterrichtsverwaltung als erste Voraussetzung f¨
ur eine Aktivierung des geplanten Instituts eine Koordinierung der
Auffassung zwischen ihm, Bundesminister Drimmel, und dem Bundesminister
f¨
ur Ausw¨
artige Angelegenheiten, Kreisky, erforderlich. Statt auch nur auf einen
Punkt dessen, was Stone anschließend sagte, einzugehen, erkl¨
art Drimmel abschließend, daß die Realisierung des Projekts von den Antworten auf drei Fragen
abh¨
angig sei:
1. Kann durch Vereinbarungen zwischen Unterrichtsverwaltung und Außenministerium als tragende o
¨ffentliche Faktoren des Projekts ein haltbares Team gebildet werden
2. Kann es in K¨
urze gelingen, die von der Ford Foundation erwartete ¨
osterreichische
Beitragsleistung – R¨
aume sowie Budget f¨
ur das nicht-wissenschaftliche Personal und
den administrativen Dienst – aufzubringen
3. Welche Pers¨
onlichkeiten sollen im Institut die Headmasters sein und wie ist ihre
geistige Haltung 33
31 Dieses Expose entstand im Einvernehmen mit den Professoren Verdross, Hantsch und
”
Rohracher, sowie dem Universit¨
atsdozenten Dr. Rosenmayr und Dr. (Fritz) Fellner und Dr.
(Ernst) Glaser“, gibt Verosta sp¨
ater zu Protokoll, vgl. Anm. 32.
32 Bundesministerium f¨
ur Unterricht an Stone, 18. November 1959, Niederschrift, Betrifft:
¨
Errichtung eines Osterreichischen
Instituts f¨
ur Sozialwissenschaften und Zeitgeschichte, Ford
Foundation.
33 Ebd., Lazarsfeld interpretiert in Pre-history, 13 den dritten Punkt als Ausdruck des Mißtrauens gegen die amerikanische Invasion, obwohl es vermutlich als Umschreibung der Zugeh¨
origkeit zur richtigen Fraktion zu deuten sein d¨
urfte. Im Anhang befindet sich ein Brief
Drimmels, der um eine Stellungnahme zu dem Manuskript gebeten wurde. Wenigstens zweimal betont er darin den Unterschied zwischen seiner Auffassung ( was meine Person betrifft,
”
¨
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Stone hatte klar gemacht, daß er vor der n¨
achsten Sitzung des Board of Trustees der Ford Foundation Ende J¨anner 1960 einen Vorschlag aus Wien erhalten
wollte; Anfang Februar entschuldigte sich Verosta in einem privaten Brief bei
Stone und erkl¨arte, daß vor dem Sommer nicht mit einer Einigung zu rechnen
sei, und ohne jede Spur von Ironie f¨
ugte er hinzu, daß eben eine Kommission
eingesetzt worden sei, die die Konstruktion eines neuen Rates f¨
ur die kulturellen Beziehungen zum Ausland besprechen solle. In diesem Rahmen d¨
urfte
”
auch der Herr Unterrichtsminister nicht abgeneigt sein, sich mit der Unterrrichtsverwaltung an dem Institut f¨
ur Sozialwissenschaften und Zeitgeschichte
zu beteiligen. Leider wird das noch einige Zeit brauchen.“ 34 Einige Tage sp¨
ater
schrieb Lazarsfeld an Stone: I have a copy of Verosta’s letter (...) to you. By
”
now I feel guilt of association for even having been born in Austria. It is really
an impossible situation.“ 35
In der ersten Jahresh¨alfte 1961 ergreift Stone die Initiative und schl¨
agt
dem Board of Trustees seiner Stiftung ohne weitere Konsultationen mit ¨
osterreichischen Stellen die Gr¨
undung eines Institute for Advanced Studies in Vi”
enna“ vor. F¨
ur eine f¨
unfj¨ahrige Gr¨
undungsphase solle eine Million Dollar zur
Verf¨
ugung gestellt werden. Das dreiseitige Dokument unterscheidet sich nur in
wenigen Details von Lazarsfelds fr¨
uherem Report on Austria und den dort
gemachten Empfehlungen. Es betont die Rolle Wiens zwischen den beiden
Bl¨
ocken und die sich daraus ergebenden politischen M¨
oglichkeiten – ganz im
Sinn dessen, was in den siebziger Jahren Kreisky zu realisieren versuchte:
¨
Expertentreffpunkt, Studienm¨oglichkeiten, internationale Agenturen. Uber
die
Universit¨
at Wien ist Stone keineswegs zur¨
uckhaltender als es Lazarsfeld in seinem Report und in seinen Briefen war: Dort herrsche Mittelmaß, und eben
deshalb scheue man die R¨
uckberufung jener K¨
opfe, die nun zur St¨
arke der
amerikanischen, britischen und europ¨aischen Universit¨
aten beitragen w¨
urden.
so m¨
ochte ich feststellen, daß ich um 1957/58 eine Politik mit dem Einsatz von Privatarmeen‘
’
l¨
angst hinter mir hatte. Das aber ¨
andert nichts an meiner Wertsch¨
atzung f¨
ur Engelbert Dolfuß, der als einziger Regierungschef im Kampf gegen Hitler gefallen ist.“) und der Reinhard
Kamitz, dessen vom Wirtschaftsliberalismus getragenen Ansichten gewissen Erwartungen
”
weit besser entgegenkamen als die meinigen.“ Heinrich Drimmel an den Direktor des IHS,
8. April 1973, Lazarsfeld papers.
34 Stephan Verosta an Stone, 6. Februar 1960, Ford Foundation.
35 Lazarsfeld an Stone, 15. Februar 1960, Ford Foundation. In seinem R¨
uckblick auf die
Wiener Institutsgr¨
undung meint Lazarsfeld, sie beide seien Anfang 1960 u
¨ bereingekommen,
daß weitere Verhandlungen sinnlos seien. Man werde abwarten und zugleich versuchen, die
Schwierigkeiten, die niemand ausdr¨
ucklich benannt hat, besser zu verstehen. Der abschließende Satz gibt die Stimmung des Jahres 1960 wohl besser wieder: The year 1960 thus was
”
devoted to the paradoxical situation that an officer and a consultant of the richest American
foundation in the world looked for some way to have the authorities of a small country to
accept a million dollar grant in support of its professional development.“ Lazarsfeld, Prehistory, wie Anm. 9, 14.
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¨
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Zwar h¨
atten die Mitarbeiter und Konsulenten der Stiftung in den letzten beiden Jahren versucht, die Universit¨at dazu zu bringen, sich an die Spitze eines
reinvigoration process“ zu setzen, aber with reluctance the conclusion has
”
”
been reached unanimously that the University, for reasons indicated earlier
and owing to almost absolute control by mediocre faculties, is not in a position
to assume the role.“ Deshalb sollte nun ein von der Universit¨
at unabh¨
angiges
Institut gegr¨
undet werden, an dem primarily the cultural and social sciences,
”
including contemporary history, industrial relations and economics, the empirical study of politics, and modern social psychology“ vertreten sein sollten.
¨
Man beachte, daß die Soziologie hier in social sciences“ aufgeht und die Oko”
nomie nur im Tandem mit einem Spezialgebiet genannt wird. Realistic pro”
¨
blems“ Osterreichs
und Osteuropas sollten an diesem Institut untersucht wer¨
den, dessen Lehrer vor allem ehemalige, emigrierte Osterreicher
sein w¨
urden,
die f¨
ur mehrere Jahre oder sogar auf Dauer nach Wien zur¨
uckkehren sollten.
Unter anderem h¨atten sich bereits F. A. Hayek, Karl Popper, Adolf Sturmthal
und Charlotte B¨
uhler an diesem Offert interessiert gezeigt. Ausf¨
uhrlich diskutiert Stone dann auch die delikate Beziehung zur Universit¨
at und wie diese auf
l¨
angere Sicht verbessert werden k¨onnte. Ausgezeichnete Professoren k¨
onnten
am Institut vortragen, was impliziert, daß nicht daran gedacht war, sie in den
regul¨
aren Lehrk¨orper aufzunehmen; hingegen sollten Absolventen des Instituts
in der Universit¨at Anstellungen finden, und the most distinguished Univer”
sity professsors“ sollten ins advisory council of the Institute“ aufgenommen
”
werden. Innerhalb eines Jahrzehnts k¨onnte so eine Erneuerung der Universit¨
at
erreicht werden.
Sei es des Abbaus von Schuldgef¨
uhlen wegen oder aus welchem Grund auch
immer, Lazarsfeld konnte es nicht lassen 36 und sandte ein halbes Jahr danach
ein langes Schreiben an Stone, der eben dabei war, nach Europa zu fahren, um
ihm nochmals die Wiener Sache ans Herz zu legen. Im darauffolgende Sommer
– wir schreiben mittlerweile das Jahr 1961 und das vierte Jahr der Verhandlungen dar¨
uber, wie der reiche Onkel aus Amerika sein Geld in Wien los werden
k¨
onnte – schickt Lazarsfeld Stone den Entwurf f¨
ur einen Text, den er benutzen k¨
onne, falls er es schon leid sei, allen, die ihn danach fragten, immer die
ganze Geschichte erz¨ahlen zu m¨
ussen. Den Text k¨
onne er auch vertraulich zirkulieren lassen, um das k¨
unftige Lehrpersonal zu rekrutieren.37 Zwei Wochen
danach erh¨alt Lazarsfeld in seinem Sommerdomizil in Vermont ein Telegramm
aus Wien:
36 Sp¨
ater vermutete er, daß ein Teil des ¨
osterreichischen Widerstands auf seine sozialde¨
mokratische Vergangenheit und darauf zur¨
uckzuf¨
uhren sei, daß einige beteiligte Osterreicher
dachten, er wolle selbst nach Wien zur¨
uckkommen; Lazarsfeld, Pre-history, wie Anm. 9, 15.
37 Lazarsfeld an Stone, o. D. (Monday night) received July 5, 1961. In dem beiliegenden
Memorandum findet sich die Soziologie wieder ausdr¨
ucklich genannt.
¨
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MINISTERS COUNCIL TODAY APPROVED REPORT ON FORDFOUNDATION PROJECT IN
VIENNA (...) AM VERY OPTIMISTIC STOP SHALL BE BACK IN VIENNA BEGINNING
OF SEPTEMBER = BRUNO KREISKY.38
Die Eile der Informations¨
ubermittlung kontrastiert merkw¨
urdig mit der L¨
ange
des Urlaubs. Im September 1961 informiert Lazarsfeld Stone dann u
ber
seinen
¨
j¨
ungsten Aufenthalt in Wien. Diesmal sei es die sozialistische Seite, die Schwierigkeiten mache. Kreisky habe seine Parteikollegen nicht informiert, und die
¨ f¨
K¨
ampfe zwischen verschiedenen Fraktionen in der SPO
uhrten dazu, daß sich
¨
nun sogar der Vorsitzende des Osterreichischen
Gewerkschaftsbundes, Franz
Olah, mit Fragen der Wissenschaftspolitik befasse.39 Der Wiener Finanzstadtrat Felix Slavik habe ihm, Lazarsfeld, erkl¨
art, die Stadt Wien w¨
urde nichts
unterst¨
utzen, wogegen Olah opponiere. Mehrere Tage hinweg habe es Verhandlungen dar¨
uber gegeben, ob Olah ihn empfangen w¨
urde. Eines Tages habe
er um neun Uhr morgens einen Anruf der Sekret¨
arin des Gewerkschaftspr¨
asidenten bekommen: Olah habe um neun Uhr dreißig einige Minuten f¨
ur ihn
Zeit – and then he spent two hours with me.“ Bei der ganzen Aufregung
”
¨
der Sozialisten sei es darum gegangen, daß Kreisky den OVP-Politiker
Reinhard Kamitz als Vorsitzenden des zu bildenden Kuratoriums des noch nicht
gegr¨
undeten Instituts akzeptiert h¨atte und andere Sozialisten dies aus verschiedenen Gr¨
unden mißbilligten: die einen, weil sie glaubten, Kamitz bastle
¨
an seiner Macht¨
ubernahme in der OVP,
die anderen, weil sie Kreisky ¨
ahnliches
¨ unterstellten.40 Inzwischen war Oskar Morgenstern zur Gruppe der
in der SPO
¨
amerikanischen Berater gestoßen und fungierte als Verbindungsmann zur OVP,
weil er als ehemaliger Leiter des Instituts f¨
ur Konjunkturforschung mit Kamitz,
der ihm in der Leitung dieses Instituts nachgefolgt war, eine gute Gespr¨
achsbasis hatte. Lazarsfeld riet Stone, Morgenstern zu bitten, sich bei Kamitz zu
erkundigen, wie dieser Olah beruhigen k¨
onnte, damit jener nicht weiter gegen
Kreisky querschieße – I think he should remember the Theory of Games and
”
apply it to the present situation“, schrieb Lazarsfeld malizi¨
os.41
Mit der Gr¨
undung des Instituts schien es langsam ernst zu werden, jedenfalls begannen sich die ersten Interessenten anzustellen. Bevorzugte Makler
¨
waren jene Ex-Osterreicher,
die einen direkten Draht zur Ford Foundation hatten, weil die Pr¨atendenten offenbar der Meinung waren, die bezahlende Stif38 Lazarsfeld, Pre-history, wie Anm. 9, 17a.
39 Olah scheint auch noch einige Zeit sp¨
ater Interesse an Wissenschaftspolitik gehabt zu
haben; ob das so war, weil er meinte, unter diesem Titel verberge sich ein weiteres Sonderprojekt, l¨
aßt sich nur vermuten. Jedenfalls kontaktierte er w¨
ahrend eines USA-Aufenthalts
Anfang 1962 auch Vertreter der Ford Foundation.
40 Lazarsfeld an Stone, 16. September 1961.
41 Ebd. Lazarfeld behauptet, daß er Morgenstern wegen dessen politischer N¨
utzlichkeit vorgeschlagen habe, Pre-history, 15.
146
¨
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tung w¨
urde bei der Stellenvergabe ein Wort mitzureden haben.42 Aber nicht
nur stellen- und geldhungrige junge Wiener brachten sich ins Spiel, auch ein
alter Bekannter trat an Stone heran und erkundigte sich – wieder confiden”
tial“ – nach M¨oglichkeiten, von der Ford Foundation unterst¨
utzt zu werden.
F. A. Hayek stand in Chicago vor der Pensionierung und erkundete k¨
unftige
M¨
oglichkeiten.43 Das Wiener Ministerium habe ihm k¨
urzlich eine Professur f¨
ur
Sozialphilosophie an der Universit¨at Wien angeboten, which apparently would
”
give me almost unlimited scope to do what I regard most important.“ Er habe sich, da die Details nicht klar seien, noch nicht entschieden, wolle aber bei
Stone anfragen, ob im Falle, daß das Ministerium ihm finanziell zuwenig biete,
das neue Institut ihm eine zus¨atzliche Anstellung offerieren k¨
onne. I shall not
”
be surprised“, setzt er hinzu, if to this you can not give me an answer.“ Noch
”
wichtiger als diese pers¨onliche Angelegenheit sei ihm allerdings etwas anderes.
Er habe eine enormous library, comprising close to 6000 volumes and covering
”
a great part of the social sciences“ und w¨
are bereit, diese dem neuen Institut
zur Verf¨
ugung zu stellen, wenn die Transportkosten von Chicago nach Wien
u
urden. Ein Freund von ihm, es war wohl Eric Voegelin, ha¨bernommen w¨
be eine vergleichbare, wenn auch kleinere Bibliothek anl¨
aßlich seiner Berufung
von Louisiana nach M¨
unchen gebracht, und die Transportkosten von ungef¨
ahr
5.500 Dollar habe das bayrische Ministerium u
¨bernommen. Da er annehme, daß
das Wiener Ministerium nicht so großz¨
ugig sein werde, biete er die Bibliothek
dem neuen Institut an. Er habe auch ein Offert der Universit¨
at Freiburg im
Breisgau, aber falls er u
urde er Wien den
¨berhaupt nach Europa u
¨bersiedle, w¨
Vorzug geben.44
Hayeks Bibliothek landete nicht in Wien. Statt sich um den billigen Erwerb einer hervorragend sortierten Privatbibliothek zu k¨
ummern, feilschte man
Anfang 1962 in Wien um die Zahl der Posten und deren Besetzung im neuen Institut und benutzte dazu wie gewohnt auch die Presse, die bereitwillig
mitspielte. Kamitz, mittlerweile Ex-Minister und Pr¨
asident der Nationalbank
und des Kuratoriums, und sein Stellvertreter Kreisky stritten darum, ob ein
Direktor ausreiche oder doch zwei n¨otig seien. Naturgem¨
aß setzte sich der Proporzgedanke durch.45 Nun mußte man Kandidaten f¨
ur zwei Direktorenposten
42 Es w¨
urde dem Bed¨
urfnis manchen Lesers einer wissenschaftlichen Zeitschrift nach Abwechslung in Form der Lekt¨
ure erbaulicher Ger¨
uchte entgegenkommen, all die Namen anzuf¨
uhren, die genannt und wieder verworfen wurden, aber der Platz w¨
urde nicht ausreichen.
Als Faustregel kann man formulieren, daß der Name nahezu jedes damals in Wien lebenden
Geistes- und (so weit vorhanden) Sozialwissenschaftlers mit oder ohne Universit¨
atsabschluß
genannt wurde.
¨
43 Hayeks zweite Frau Helene, eine geb¨
urtige Wienerin, habe ihn gedr¨
angt, nach Osterreich
zur¨
uckzukehren. John Cassidy, The Price Prophet, in: The New Yorker, 7.2.2000, 44–51.
44 Hayek an Stone, 11. Februar 1962, Ford Foundation.
45 Einer der Zeitungsartikel erschien bezeichnenderweise unter dem Titel Proporz f¨
ur Ford
’
Institut‘, in: Die Presse, 10.3.1962, 10.
¨
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begutachten, was die Bestellung des ersten Direktors hinausz¨
ogerte, weil der erste nicht ohne den zweiten bestellt werden konnte. Aussichtsreichster Kandidat
f¨
ur den Posten des Direktors war Slawtscho D. Sagoroff.46 Als ihm beigeordneter Direktor war Adolf Kozlik vorgesehen. Zuvor hatte sich Lazarsfeld darum
bem¨
uht, andere Kandidaten zur Bewerbung f¨
ur das Direktorat zu u
¨berreden.
¨
Von den ber¨
uhmten Ex-Osterreichern
war allerdings nicht mehr die Rede. Wer
Sagoroff als erster ins Spiel brachte, l¨aßt sich nicht mehr feststellen – Lazarsfeld
konnte das schon 1973 nicht mehr herausfinden. Eine zumindest vermittelnde
und verbindende Rolle kam nach Lazarsfelds Erinnerung Leopold Rosenmayr
zu, der mit Assistenten des von Sagoroff geleiteten Instituts f¨
ur Statistik der
Wiener Universit¨at kooperierte.47 Die Entscheidung lag bei Kamitz und Stone;
nach einer zwei Tage dauernden Diskussion mit Sagoroff empfahl auch Lazarsfeld diesen an Stone.
Der zu dieser Zeit in den USA lehrende Wiener Psychologe Walter Toman,48 der seit 1961 zum Beraterstab der Ford Foundation geh¨
orte, hatte Sagoroff schon davor getroffen und dar¨
uber ebenfalls an Stone berichtet:
I learned from Sagoroff that he was the last director of the Rockefeller Institute for
Economic Research in Sofia, then a special ambassador to the King of Bulgaria in
Berlin until 1942 and according to his account successful in preventing Bulgaria from
participating in the War against Russia and the Allies and from having to deliver any
Bulgarian jews to the Nazis. After Bulgaria had declared war against Germany he
was interned in Bavaria until the American troops arrived. He worked for Botschafter
Murphy in Frankfurt, later moved to Switzerland and Stanford University, before
accepting the Ordinariat at the Statistical Institute of the University of Vienna. His
wife died in America. He has two daughters, one married in Switzerland, the other
in the U.S. and a son who is an engineer in Boston, a graduate of M.I.T. Sagoroff
is an Austrian citizen now, with no political connections whether to Bulgaria or the
Bulgarian exile government.49
Die bunte Karriere des 1898 geborenen Sagoroff, der sein Doktorat in Leipzig
erworben hatte, 1933/34 mit einem Rockefeller-Stipendium in den USA unter anderem bei Schumpeter studiert und von der Rockefeller Foundation 1937
¨
noch einmal ein Stipendium f¨
ur Studien in England, der Schweiz und Osterreich erhalten hatte, ist auch insofern beachtlich, als er 1955 als Arbeitsloser
46 Er selbst buchstabierte seinen Namen Zagoroff und unterschrieb auch so, vgl. Rockefeller
Foundation, R. G. 1.2, series 704, box 10, folder 84, RAC.
47 Diese Zusammenarbeit wurde den Statistikern von Mitarbeitern der sozialwissenschaftlichen Abteilung der Rockefeller Foundation zugute gehalten; vgl. Rockefeller Foundation,
R. G. 1.2, series 705, box 10, folder 84, RAC.
48 In seiner Autobiografie erw¨
ahnt er diese Aktivit¨
aten und die folgende T¨
atigkeit am Ford
’
Institut‘ nicht, vgl. Walter Toman, Selbstdarstellung, in: Ernst G. Wehner, Hg., Psychologie
in Selbstdarstellungen, Bern 1992, Bd. 3, 329–366.
49 Toman an Stone, 27. M¨
arz [1962]. Ein Rockefeller Institut‘ gab es in Bulgarien nicht.
’
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¨
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zum Ordinarius f¨
ur Statistik und Nachfolger Wilhelm Winklers an der Universit¨
at Wien ernannt worden war.50 Gleich nach seiner Ernennung unternahm er
einige Anstrengungen, in das F¨orderungsprogramm der Rockefeller Foundation
aufgenommen zu werden. Im Fr¨
uhjahr wollte er den Assistenten des Wiener Instituts zu Stipendien verhelfen und erkundete M¨
oglichkeiten, den Ankauf eines
electronic computer“ subventioniert zu erhalten. Wie u
¨blich zog die Rockefeller
”
¨
Foundation Erkundigungen ein. Gerhard Tintner, ein geb¨
urtiger Osterreicher,
¨
der als Statistiker und Okonom aus dem Wiener Institut f¨
ur Konjunkturforschung kam und 1934–36 mit einem Fellowship der Rockefeller Foundation in
den USA und in England studiert hatte und ab 1937 Professor in Iowa 51 war,
antwortete am ausf¨
uhrlichsten. Die Wiener Professur f¨
ur Statistik sei zuerst
ihm angeboten worden – but unfortunately did not feel able to take it“ –
”
und das vergangene Jahr habe er als Gastprofessor in Wien gelehrt. W¨
ahrend
the general standard of economics and related social sciences (much to my
”
dismay) had declined substantially at the University since my student days“,
seien die Statistiker dort dank des Wirkens von Wilhelm Winkler viel besser
als in Deutschland oder der Schweiz. Sagoroff sei kein outstanding theoretical
”
statistician (...) but quite competent and very good in his specialization on economic statistics.“ Eine Unterst¨
utzung des Instituts sei zu bef¨
urworten, w¨
urden
dessen Mitarbeiter doch auch giving consulting services to people interested in
”
econometric, medical and industrial research.“ 52 Aus Stanford, der zeitweiligen
Wirkungsst¨atte Sagoroffs, traf eine knappere und weniger vorteilhafte Stellungnahme ein: Sagoroff h¨atte dort eine Zeitlang dem staff of the Food Research
”
Institute“ angeh¨ort, seine Arbeit u
¨ber agriculture in World War II (...) was
”
not considered outstanding“ und er sei reasonably intelligent but certainly not
”
a trained statistician in the modern sense.“ Die Ver¨
offentlichungen der Wiener
Assistenten bef¨anden sich hingegen auf dem Niveau vergleichbarer Arbeiten in
den USA.53 Eine dritte Stellungnahme wurde offenbar m¨
undlich abgegeben;
ihr Inhalt findet sich auf einem stiftungsinternen Memo: Zagoroff had grant
”
at Stanford, FRI, for study which ended in 1954. He was then out of job –
MKBennett did not wish to keep him on as he felt he was not suitable for the
FRI. Evidently he has ended up as the Director in Vienna!“ 54
50 Rockefeller Foundation, Directory of Fellowship Awards for the Years 1917–1950.
51 Tintner, Fellowship Card, RAC.
52 Tintner an Erskine McKinley, 8. J¨
anner 1958, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705,
box 10, folder 84, RAC.
53 Albert H. Bowker an Erskine W. McKinley, 6. Februar 1958, Rockefeller Foundation,
R. G. 1.2, series 705, box 10, folder 85, RAC.
54 PH an Norman S. Buchanan 6/1; Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705, box 10,
folder 84, RAC. In den Erl¨
auterungen zum folgenden grant-in-aid‘ heißt es: 1953/4 grant
’
”
to Stanford University provided 7.500 for use by its Food Research Institute in support of
Professor S. Zagoroff’s research on national energy input in the United States and Russia
since 1900“.
¨
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Im Fr¨
uhjahr 1958 genehmigte die Rockefeller Foundation 80.350 US-Dollar
¨
f¨
ur den Ankauf eines Burroughs Datatron computer.“ Der erste in Oster”
reich der wissenschaftlichen Forschung zur Verf¨
ugung stehende Computer wurde faktisch nur von der Rockefeller Foundation finanziert, da die zweite H¨
alfte
des Anschaffungspreises von der Herstellerfirma als educational grant“ nicht
”
¨
in Rechnung gestellt wurde und Osterreich
nur f¨
ur die Transportkosten aufkommen mußte. Wo keine o¨sterreichischen Werte“ bedroht schienen und die
”
geistige Haltung“ nicht einer eingehenden Pr¨
ufung unterzogen werden mußte,
”
¨
durfte eine amerikanische Stiftung Osterreich
sogar etwas schenken.
Der seit Hayeks Memorandum gehegten Hoffnung, man k¨
onne erstklassige
Wissenschaftler nach Wien zur¨
uckbringen, wenn nur die Bezahlung stimme,
entsprach die Bestellung Sagoroffs wohl nicht. Lazarsfelds Prognose, the choice
”
of the Director will, of course, be crucial“, stellte sich bald als richtig heraus.
Auch u
¨ber sein Gespr¨ach mit Sagoroffs Co-Direktor Kozlik berichtete Toman ausf¨
uhrlich an Stone:
Dr. Kozlik sent me a mimeographed curriculum vitae. Born 1912 in Vienna, Dr.
of law at University of Vienna, including political sciences and economics. Work at
Austrian Institute for Trade Cycle Research until 1938, assistant to R¨
opke in Geneva,
Assistant Professor for Economics at Iowa State College, research in level of living and
production on Europe for League of Nations at Princeton until 1942, director of Office
of European Economic Research (35 employees and research assistants) until the
Office was absorbed by OSS. Then research in ethnology and work for private firms in
Mexico from 1944 to 1949, with lectures and some editing on the side. During 1949/50
he lectured at University of Vienna on modern economic thought and supervised the
’
’
economics curriculum of the Sozialakademie (der Arbeiterkammer). 1951–59 he was
consultant for market research in Mexico City where he also had two businesses of his
own (printing, pharmaceutics). Then he returned to Vienna and worked as economic
adviser to the L¨
anderbank before becoming director of the Urania.
He speaks German, English, Spanish and French perfectly, Russia and Czech
adequately. He reads Italian, Romanian, Portuguese, Dutch, Swedish, Danish, Norwegian, Polish, Bulgarian, Serbo-Croatian.
His publication in economics and sociological journals are concentrated between
1937 and 1943. He is co-author of books on war economics, level of living in Europe,
monopoles in Austria. Most recently: Volkshaushalt und dein Haushalt, Vienna 1961.
I had already learned from my interview with him that he is a Mexican citizen,
married to a Spanish woman who lived in Mexico, no children.55
Tomans Bericht u
ufen
¨ber Kozlik ist, soweit sich die Angaben heute noch u
¨berpr¨
lassen, zutreffend. L¨aßt man die ein wenig zu umfangreich wirkende Liste der
55 Toman an Stone, 27. M¨
arz 1962, Ford Foundation. Die Angaben entsprechen denen, die
Kozlik 1942 im Mitgliederverzeichnis der American Economic Association‘ abdrucken ließ.
’
Directory of the American Economic Association, in: The American Economic Review 32
(1942), 1–126.
150
¨
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Sprachen unber¨
ucksichtigt, gen¨
ugt der Rest f¨
ur einen Endvierziger zwar auch
nicht, um an die all die Jahre beschworenen Erstklassigen heranzureichen, aber
zum beigeordneten Direktor“, wie sein Titel lautete, sollte es wohl reichen.56
”
Wie sich jedoch bald herausstellte, hatten beide Personalentscheidungen geradezu katastrophale Folgen f¨
ur das neue Institut.
Noch aber standen dem Institut f¨
ur fortgeschrittene Studien“ 57 mehr
”
als eineinhalb Jahre Vorgeschichte bevor, ehe es im Herbst 1963 offiziell zwar
nicht seine Pforten ¨offnete, aber die erste Zahlung der Ford Foundation in
Empfang nahm. Bis dahin setzte sich fort, was Lazarsfeld, Stone und andere
mit ungl¨
aubigem Staunen verfolgten: Unt¨
atigkeit, Intrigen und Postenschacher.
Doch trotz gelegentlicher Verzweiflungsanf¨
alle hielten die Verantwortlichen der
58
Ford Foundation weiter am Projekt fest. Von der urspr¨
unglichen Absicht der
Initiatoren blieb aber nicht allzu viel u
angigkeit von der Uni¨brig: Die Unabh¨
versit¨
at Wien, deren niedriges Niveau ja erst den Anstoß gegeben hatte, an
die Gr¨
undung eines außeruniversit¨aren Instituts zu denken, wurde vereitelt,
indem mit Sagoroff jemand als Direktor akzeptiert wurde, der dieses Amt neben seiner Professur auszu¨
uben gedachte. Die Lehrt¨
atigkeit von erstklassigen
¨
Ex-Osterreichern
schien ferner denn je. Und die Konstruktion eines von Spitzenpolitikern der Regierungsparteien besetzten Aufsichtsgremiums ( Kuratori”
um“) garantierte, daß die Kuratoren dem Institut wenig Zeit widmen, umso
mehr auf Zutr¨agerdienste angewiesen und Intrigen ausgeliefert sein w¨
urden.59
¨
Die Schwammigkeit und wiederholte Anderung des inhaltlichen Profils sowie
die R¨
ucksichtnahme auf den Parteien-Proporz ließen eine gezielte Auswahl der
f¨
ur Leitungspositionen am besten geeigneten Kandidaten nicht zu. Paul F. La56 Nat¨
urlich stand von vornherein fest, daß die Sozialisten nur Anspruch auf den nachgereihten beigeordneten Direktor erheben konnten. Monatelang wurde dar¨
uber gestritten, was
er, wenn er weder Mitsprache- noch Vetorecht haben werde, denn u
urfe. Die jen¨ berhaupt d¨
seits aller Proporzpolitik wichtigen Standesd¨
unkel hielt Kamitz in einem Protokoll fest: Als
”
Gesch¨
aftsf¨
uhrer kommt nur ein Wissenschaftler im Range eines Universit¨
atsprofessors in Frage, da dieser die M¨
oglichkeit haben muß, Einladungen und Absagen so zu begr¨
unden, daß
diese Begr¨
undungen auch zur Kenntnis genommen werden.“ Kamitz an Kreisky, 15. M¨
arz
1962, Ford Foundation.
57 Leopold Rosenmayr an Reinhard Kamitz, 26. M¨
arz 1962, Ford Foundation.
58 So schrieb Lazarsfeld am 2. Mai 1962 an den damaligen Justizminister Christian Broda:
I realize that you do not like to get mixed up with topics which are not part of your official
”
duties. I do want, however, to bring to your attention how badly the plan of the Viennese
Ford Center is developing. (...) It seems to me perfectly grotesque that a practically unlimited
supply of funds for social science work in Austria should got lost just because an amount of
confusion has been created which hardly can be understood from here let along be remedied.“
59 Eines der Kuratoriumsmitglieder, Franz Josef Mayer-Gunthof, erkl¨
arte seinem von der
Ford Foundation‘ nominierten Kollegen in diesem Gremium unumwunden: On the Institute
’
”
he had fairly little to say. He relies on Kamitz and trusts him.“ Frederick Burkhardt, A
Journal of a Visit to Vienna, June 17–28, 1963 as a Consultant to the Ford Foundation‘ on
’
the Institute for Advanced Studies‘, 19. Ford Foundation, reel 2574.
’
¨
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151
zarfeld, der in diesen Jahren u
¨ber einen Mangel an Aufgaben nicht zu klagen
hatte, investierte weiterhin eine Menge Zeit und Energie, um das Institut zu
gr¨
unden und auf das richtige Gleis zu setzen. Als jemand, der jeweils nur ein
paar Tage in Wien war und hier von einem Treffen zum anderen hastete, irrte
er sich mehr als einmal in der Beurteilung von Personen und deren Interessen
an der Gr¨
undung des Instituts. An der Misere trug er dennoch die geringste,
wenn u
berhaupt
irgendeine Schuld. Hayek nicht allein die Initiative zu u
¨
¨berlassen und auch sp¨ater zu versuchen, den Schwerpunkt auf Lehre und Forschung
im Bereich der empirischen Sozial- und Politikforschung zu legen und andere
F¨
acher an den Rand zu dr¨angen, machte durchaus Sinn, waren doch National¨
okonomie und Geschichtswissenschaften an der Universit¨
at Wien vertreten,
w¨
ahrend zu dieser Zeit weder Soziologie noch Politikwissenschaften an einer
osterreichischen Universit¨at gelehrt wurden.
¨
Die Absichten der Ford Foundation und jener, die sie berieten, h¨
atten
nur dann erfolgversprechend verwirklicht werden k¨
onnen, wenn nahezu alle
Bedingungen g¨
unstig gewesen w¨aren. Doch wann ist das schon der Fall Der
¨
wohlmeinende Plan, die in Osterreich
wenig entwickelten Sozialwissenschaften
aufzum¨
obeln, wurde in Wien vereitelt, weil die B¨
urgerkriegsgegner von einst
einander immer noch derart mißtrauten, daß jede Partei nahezu alles tat, um
der anderen auch nur den kleinsten Erfolg zu vermiesen, wozu weitestgehende Informationskontrolle u
¨ber die Pl¨ane und Schritte der anderen Seite die
Voraussetzung war.60 Insofern hatte Lazarsfeld mit seinem Hinweis auf die
Spieltheorie mehr als recht. In Wien waren beide politischen Parteien an sich
wiederholenden nicht-kooperativen Spielz¨
ugen interessiert und es h¨
atte keiner
Vorlesung Morgensterns bedurft, um zu erkennen, wohin eine derartige Strategie f¨
uhren wird. Das Vorhaben scheiterte aber auch daran, daß niemand gefunden werden konnte, der sowohl das Vertrauen der amerikanischen Geldgeber und Berater hatte als auch eine organisatorische Struktur schaffen konnte,
die gegen¨
uber Einmischungen eifers¨
uchtiger universit¨
arer Konkurrenten und
argw¨
ohnischer Politiker abgeschirmt h¨atte werden k¨
onnen. Schließlich war in
dieser de-novativen‘ – oder wie sonst soll man das Gegenteil von Innovation
’
nennen – Lage die Etablierung einer neuen Lehr- und Forschungseinrichtung
einfach zu ambiti¨os. Wie kann man einer Stadt, die in selbstzufriedener Provinzialit¨
at verharrt, klar machen, daß ihr etwas zur Wiedererlangung vergangener
Gr¨
oße fehlt
Lazarsfeld hatte in seinen Urteilen immer dann recht, wenn es nicht um
Personen, sondern um strukturelle Zusammenh¨
ange ging: I do know that the
”
future of new institutions is mainly decided by the decisions which are made
60 Rudolf Bl¨
uhdorn erkl¨
arte schon 1952 dem Mitarbeiter der Rockefeller Foundation‘, Fre’
¨
deric C. Lane, wenn man in Osterreich
etwas Neues machen wolle, ginge das nur, wenn beide
Parteien eingebunden w¨
urden. Lane, Tagebuch, December 11, 1952, 483, RAC.
152
¨
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during the first few months.“ 61 Wohl deshalb kam nicht nur er, sondern auch
Frederick Burkhardt noch vor der offiziellen Er¨
offnung des Institut f¨
ur H¨
ohere
Studien nach Wien, um nach dem Rechten zu sehen. Burkhardt, der seit l¨
angerem mit der Wiener Gr¨
undung nichts mehr zu tun gehabt hatte, nun aber als
Vertreter der Ford Foundation in das Kuratorium entsandt worden war, hielt
sich im Juni 1963 elf Tage in Wien auf und verfaßte dar¨
uber ein Protokoll. Die
meiste Zeit verbrachte er mit den beiden neuen Direktoren Sagoroff und Kozlik, die, obwohl sie sehr gut entlohnt wurden,62 ihre fr¨
uheren Stellen behielten.
Sagoroff erledigte seine Aufgaben als Professor f¨
ur Statistik an der Universit¨
at
Wien nach eigener Aussage in vier Stunden pro Woche. Der Umgang beider
Direktoren miteinander war von Anfang an nicht friktionsfrei, was angesichts
der Bestellungsprozedur auch nicht verwundern kann. In solchen Situationen
entwickelt sich kooperatives Handeln h¨ochst selten, weil die Zukunft der Institution und ihrer Funktionstr¨ager nicht von pers¨
onlicher Leistung, sondern von
politischen Kr¨aften abh¨angt, die sie nicht beeinflussen k¨
onnen. Gemeinsames
Handeln der beiden Direktoren h¨atte die politischen Parteien, die sie entsandt
hatten, wahrscheinlich sogar argw¨ohnisch werden lassen. Dies alles zementierte die Abh¨angigkeit der Direktoren von ihren Protektoren. So betrachtet, war
es aus ihrer Sicht auch nicht unvern¨
unftig, ihre fr¨
uheren Stellen zu behalten.
Keiner der beiden konnte wissen, ob sich das politische Tauschgesch¨
aft nicht
unversehens gegen ihn wenden w¨
urde.
In nur zehn Tagen gewann Burkhardt – unabh¨
angig von Lazarsfeld – ein
¨
ann¨
ahernd vollst¨andiges Bild: Die Politiker hatten f¨
ur ihn kaum Zeit – Osterreich erlebte gerade die sogenannte Habsburg-Krise –, waren schlecht informiert
und verließen sich jeweils auf ihren Vertrauensmann im Kuratorium. Die bislang
engagierten Mitarbeiter – neben den beiden Direktoren eine Generalsekret¨
arin
und einige Assistenten – wußten nicht so recht, wof¨
ur sie engagiert worden
waren. Zu einer gemeinsamen Planung der Instituts-T¨
atigkeit konnten sie sich
nicht aufraffen. Außerhalb des Ford-Instituts“, wie das Institut anfangs meist
”
genannt wurde, warteten einige darauf, an die Futtertr¨
oge der finanzierenden
Foundation heranzukommen; andere langten bereits kr¨
aftig zu. Im Vier-AugenGespr¨
ach, so Burkhardt, the dam burst right away“ und zum Vorschein kam,
”
was Peter de Janosi 1973 in seinem Abschlußbericht u
¨ber die Erfahrungen der
Ford Foundation in Wien zu jenem vernichtenden Urteil veranlaßte, das diesem
Beitrag vorangestellt ist.63
61 Lazarsfeld an Stone, 5. Oktober 1962, Ford Foundation.
62 Sagoroff bekam 12.000 und Kozlik 11.000 als Jahresgehalt.
63 Peter de Janosi (geb. 1928), Studium der National¨
okonomie in Wesleyan und Michigan,
Mitarbeiter der Ford Foundation‘. Die Zitate sind der Final Evaluation‘ entnommen, Sep’
’
tember 10, 1973, Ford Foundation, reel 2574.
¨
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153
II.
Im Mittelpunkt von Aufmerksamkeit, Neid und Hoffnung vieler stand in diesen
Jahren Leopold Rosenmayr, jener junge Wiener Dozent, von dem Lazarsfeld
hoffte, er w¨
urde der von ihm bevorzugten empirischen Sozialforschung in Wien
zur Etablierung verhelfen. Am 23. Juli 1959 schrieb Lazarsfeld an Stone:
Rosenmayr is about the only Austrian who really knows his way around; but he is
scared of all his superiors and envelops himself in a vague talk of an Austrian Geist‘
’
which at the long run would deteriorate his work. Still you were quite right when you
decided to give him special support. I intimated to him your good will but did not
know whether you had made any final decision. I shall see him at the International
Congress on September 8th and if you could let me know your plans about his application by then it would help. Incidentally I made Horkheimer in Frankfurt offer him
a job and as a result R(osenmayr) will probably be made Extraordinarius next fall. I
strongly urged him to stay in Austria and to use the Frankfurt offer only as blackmail
with the Vienna authorities.
Ein anderer zeitweiliger Protege Lazarsfelds, Terry N. Clark, beschrieb k¨
urzlich in wenig freundlicher Weise das akademische Verhalten seines Lehrers an
der Columbia University unter dem Begriff Patronage‘.64 H¨
atte Clark Rosen’
mayrs Karriere gekannt, h¨atte er wohl eine Dimension beachtet, die bei ihm
v¨
ollig fehlt: daß n¨amlich die Protegierten ihre eigenen Strategien verfolgen und
dabei manchmal der Protektor zur Marionette wird. Um das zu zeigen, m¨
ussen
wir jedoch an den Beginn von Rosenmayrs Beziehungen zu amerikanischen
Stiftungen zur¨
uckgehen.
Der 26-j¨ahrige Leopold Rosenmayr verbrachte das Studienjahr 1951/52
dank eines Stipendiums der Rockefeller Foundation in den USA. Zwei Jahre davor hatte er in Wien mit einer den damaligen Standards durchaus gen¨
ugenden
65-seitigen Dissertation promoviert und das Jahr darauf sich mit Jobs in der Industrie und beim Gewerkschaftsbund durchgebracht.65 Leland DeVinney,66 ein
64 Terry N. Clark, Paul Lazarsfeld and the Columbia Sociology Machine, in: Jacques Lautman u. Bernard-Pierre Lecuyer, Hg., Paul Lazarsfeld (1901–1976). La sociologie de Vienne
a New York. With Annotations, Comments, and Alternative Interpretations by Robert K.
Merton, John Meyer, Immanuel Wallerstein, Hans-Dieter Klingemann, Bernard Barber, Allen H. Barton, Andrew M. Greeley, Guido Martinotti, Elizabeth Noelle-Neumann, David L.
Sills, Harriet Zuckerman u. Robert B. Smith, Paris 1998, 289–360.
65 Leopold Rosenmayr, Wissenssoziologische Kritik an Adolf von Harnacks Beurteilung der
altchristlichen Geistesentwicklung, ungedruckte phil. Diss., Wien 1949.
66 Leland DeVinney, geb. 1906, Studium University of Wisconsin, MA 1933 und University of Chicago, PhD 1941, instructor in Chicago, Associate Professor an der University of
Wisconsin, ab 1946 Lecturer und Associate Director des Laboratory of Social Science Relations, Harvard; w¨
ahrend dieser Zeit Mitarbeiter an der f¨
ur die Entwicklung der empirischen
Sozialforschung bahnbrechenden Studie The American Soldier‘; ab 1948 in der Division of
’
’
154
¨
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amerikanischer Soziologe, der als Mitarbeiter der Rockefeller Foundation 1951
Europa bereiste und dabei auch Wien besuchte, berichtete u
¨ber Rosenmayr und
dessen Professor, August M. Knoll, ausf¨
uhrlich in seinem offiziellen Tagebuch.
¨
Uber
Knolls Interessen und Arbeitsschwerpunkte notierte er zutreffend:
He is working on the relation of theological and legal conceptions of commercial
regulation. He is also interested in the sociology of religion and has published a study
of the controversy between Jesuits and Dominicans over the taking of tributes from
the people. He has attempted to explain the opposing views of these two orders on
the basis of their differing histories and organizational structures. He gives general
lectures on sociology to students of law and lectures on the sociology of religion and
the history of sociological thought to students of philosophy.67
In Knolls Seminar w¨
urden Scheler, Mannheim, Weber diskutiert und ihre Schriften im Lichte des sozialen Hintergrundes interpretiert, der in ihren Biographien
gefunden werde. Knoll ermuntere Studenten auch zu empirischen Arbeiten, aber
diese schienen DeVinney exclusively bibliographical and highly theoretical. No
”
statistics is taught in the faculty of philosophy at all, and there appears to be no
interest in genuine empirical research.“ Rosenmayr habe als Dissertation eine
Literaturarbeit, eine library study“, durchgef¨
uhrt und arbeite gegenw¨
artig an
”
einem weiteren Buch, das er zu ver¨offentlichen hoffe. This is an analysis of
”
liturgical hymns produced during the first five centuries of the Christian era
and an attempt to relate differences between them to differing social factors
revealed in biographical information about their authors.“ Gegenw¨
artig habe
Rosenmayr keine regul¨are Universit¨atsstelle, er hoffe aber, seinen Amerikaaufenthalt dazu benutzen zu k¨onnen, eine Studie fertigzustellen, die er als Habilitation einreichen k¨onne. Mehr noch: Knoll und Rosenmayr hofften, daß an
der Philosophischen Fakult¨at eine Professur f¨
ur Soziologie eingerichtet werden
¨
w¨
urde, die Rosenmayr bekommen sollte. Uber
die politische Orientierung und
die Arbeitspl¨ane des k¨
unftigen Professors heißt es dann:
R(osenmayr) is a member of the left or liberal wing of the People’s (Catholic) Party.
He is currently working on the preparation of a social exposition being prepared
jointly by the Arbeiter Kammer (an official body representing all employees) and the
Confederation of Trade Unions. This is to be a graphical presentation of the struggle
of Austrian labor from early in the nineteenth century to the present time, showing
their gains and setbacks and present goals. The main theme, as R(osenmayr) hopes,
will be to show that the major advances during the nineteenth century were made by
Social Science‘ bei der Rockefeller Foundation‘ t¨
atig, zuerst als Assistant Director, 1950–54
’
Associate Director, Acting Director 1954/55, Associate Director 1955–62, Deputy Director
Humanities and Social Science 1962–64, Associate Director Social Science 1964–71.
67 DeVinney, Tagebuch, 19.–21. Juli 1951, 131 [Kopie unvollst¨
andig]. Daraus auch die folgenden Zitate.
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the Christian Democrats, the main advances during the twenties were made by the
Socialists, the losses suffered during the Nazi regime and the war were suffered by both
groups, and the present is the period of combined effort of the two groups together.
R(osenmayr), who is a devout Catholic but embarrassed by some of the reactionary
actions of the Dollfuss regime, is deeply concerned to find ways to eliminate the
anticlerical feelings in the socialist and labor groups and to bring about a genuine
alliance between the Catholic and Social Democratic groups in Austria.
Rosenmayr wolle in Harvard vor allem bei Pitirim Sorokin 68 studieren. DeVinney r¨
at ihm, sich doch auch mit den Forschungen anderer Mitglieder seines
ehemaligen Department vertraut zu machen und vor allem deren Methoden
kennenzulernen. Rosenmayr, heißt es abschließend, appears to be an intel”
ligent, able, and quite intense young man. It is rather doubtful, however, in
view of his background and training and the circumstances at the University
of Vienna that he will shift his interests from theoretical and literary studies
to empirical research.“ In letzterem Punkt sollte sich DeVinney – vorerst –
nicht irren, obwohl es in der ersten Eintragung auf Rosenmayrs Fellowship
Card heißt, daß er sich in Harvard mit den j¨
ungsten methodologischen Ent”
wicklungen in der Soziologie und Sozialpsychologie“ vertraut machen wolle.69
Das Jahr verbrachte er dann allerdings vor allem in Harvards Widener Library,
wie DeVinney anl¨aßlich eines Besuches in Cambridge, Massachusetts, feststellen mußte: LR has done no formal work and regards Professor Talcott Parsons
”
as his chief advisor (TP later reported to LCD that he had not had more than
5 conferences with LR during the year and knew little about the work he had
done). (...) He (i. e. Rosenmayr) has not exposed himself to any empirical work
or research methods. LCD is somewhat disappointed.“ 70 Rosenmayr teilte DeVinney mit, daß er f¨
ur das darauffolgende Studienjahr eine Stelle als Instructor
an der katholischen Fordham University in New York angeboten bekommen
habe, danach wolle er nach Wien zur¨
uckkehren, um seine Habilitationsschrift
zu verfassen.
Im J¨
anner 1953 traf Rosenmayr den Assistant Director der sozialwissenschaftlichen Abteilung der Rockefeller Foundation, Frederic C. Lane und unter68 Rosenmayr konnte vermutlich nicht wissen, daß sich der Stern Sorokins bereits im Abstieg
befand, seit er sich der Erforschung des Altruismus widmete. Barry V. Johnston, Introduction,
in: Pitirim A. Sorokin, On the Practice of Sociology, Chicago 1998.
69 Rosenmayr hat seine Jugend in drei autobiographischen Beitr¨
agen geschildert: Josef Langer, Hg., Geschichte der ¨
osterreichischen Soziologie. Konstituierung, Entwicklung und europ¨
aische Bez¨
uge, Wien 1988; Christian Fleck, Hg., Wege zur Soziologie nach 1945. Autobiographische Notizen, Leverkusen 1996, sowie Karl Marin Bolte u. Friedhelm Neidhardt, Hg.,
Soziologie als Beruf. Erinnerungen westdeutscher Hochschulprofessoren der Nachkriegsgeneration, Baden-Baden 1998.
70 De Vinney, Tagebuch, 19. Mai 1952, sowie Fellowship Card, wo nur der letzte Satz eingetragen wurde. LCD steht f¨
ur Leland C. DeVinney.
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hielt sich mit ihm u
¨ber seine Zukunft. Lane hatte einige Zeit in Wien studiert
und an der Stadt Gefallen gefunden.71 In einer detaillierten Tagebucheintragung hielt er das Gespr¨ach mit Rosenmayr u
uckkehr nach
¨ber dessen geplante R¨
Wien fest. Dieser wolle sich dort um einen job in the industry or in the People’s
”
Party“ umschauen, weil er als junger Vater f¨
ur eine Familie zu sorgen habe,
und daneben versuchen, seine Habilitation – his statement of its theme was
”
cloudy“ – fertigzustellen, but he seemed much pleased that our talk opened
”
a possibility of his receiving a living wage while staying in academic life.“ Im
Gespr¨
ach habe Rosenmayr dann einige Themen genannt, die er zu untersuchen sich vorstellen k¨onne. I (i. e. Lane) said that the Rockefeller Foundation
”
would wish more specific definition of problems and especially description of
the method of research to be used, and told him to write me a letter about that
and also about the amount of support that would be needed, for himself and
student research assistants.“ 72 Im M¨arz 1953 schickte Rosenmayr ein langes
Schreiben an Lane, in dem er sein k¨
unftiges Forschungsvorhaben erl¨
auterte.
Seine Habilitation solle den theoretischen Teil der Studie darstellen, anschließend wolle er empirisch untersuchen, wie sich die verschiedenen Schichten der
”
¨
Wiener Bev¨olkerung mit Osterreich
identifizieren“.73 Das umfangreiche Expose
Rosenmayrs scheint unter dem Titel Studies under the direction of Dr. Leo”
pold Rosenmayr of factors which contribute to the basic social, economic, and
political views of major groups in Vienna“ in der folgenden Zeit in den internen Dokumenten der Rockefeller Foundation auf. Rosenmayr schlug darin vor,
71 Frederic C. Lane (1900–1984) studierte 1923–24 in Europa, Ph.D. Harvard 1930, lehrte ab 1928 bis zu seiner Emeritierung 1966 an der Johns Hopkins University in Baltimore,
unterbrochen durch die T¨
atigkeit als Assistant Director Social Science Division Rockefeller
Foundation 1951–54; Lane war Spezialist f¨
ur venetianische Geschichte, Pr¨
asident der Ameri’
can Economic History Association‘ (1956–58), der International Economic History Associa’
tion‘ (1965–68) und der American Historical Association‘ (1965), Herausgeber des Journal
’
’
of Economic History‘ 1943–51.
72 Lane, Tagebuch, 9. J¨
anner 1953, 7 f. Dem Offert an Rosenmayr war ein Gespr¨
ach mit
Knoll in Wien vorausgegangen (Lane, Tagebuch, 9. Dezember 1952, 477), u
¨ ber das Lane
w¨
ahrend eines Staff Meetings am 7. J¨
anner 1953 in New York berichtete. Der Soziologe
unter den Rockefeller Foundation-Mitarbeitern und Lanes Vorgesetzter, DeVinney, ¨
außerte
sich u
¨ ber Rosenmayr deutlich skeptisch: LCD thinks that if Rosenmayr wants to return
”
to Vienna, either we should put more money into his training or count the money invested
in his year’s fellowship lost.“ Minutes DSS Staff Meeting 141, 7. J¨
anner 1953, Rockefeller
Foundation, R. G. 1.2, series 705, box 9, folder 80, RAC.
73 Das klingt ein wenig nach den damals beliebten Nationalcharakterstudien, k¨
onnte aber
auch der Lekt¨
ure von Lonely Crowd“ zu verdanken sein: David Riesman in Collaborati”
on with Reuel Denney and Nathan Glazer, The Lonely Crowd: A study of the Changing
American Character, New Haven 1950. In dem Gespr¨
ach Anfang J¨
anner hatte Rosenmayr
spontan noch andere Themen genannt: Beispielsweise eine Studie u
¨ ber den sinkenden class
’
status‘ und die Situation der lower bourgeoisie (...) somewhat like Mills’ study“. Bei letzte”
rem d¨
urfte es sich um die folgende Studie gehandelt haben: C. Wright Mills, White Collar.
The American Middle Classes, New York 1951.
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nach seiner R¨
uckkehr und nach Abschluß der halbj¨
ahrigen Arbeit an der Habilitation zuerst eine einj¨ahrige Pilot-Studie und danach ein Projekt mit zweibis dreij¨
ahriger Laufzeit durchzuf¨
uhren. Lane a
urworten¨ußerte in seiner bef¨
den Stellungnahme Kritik an der Breite des Projekts und bezweifelte, ob Rosenmayr methodologisch ausreichend ausgebildet sei, um diese Untersuchung
durchf¨
uhren zu k¨onnen. Er gab zu bedenken, ob man nicht einen amerikanischen Experten zu seiner Hilfe nach Wien senden sollte, wie man das auch
schon bei vergleichbaren Studien in Deutschland gemacht habe.74 Ohne Rosenmayrs weitreichende Vorhaben als Ganzes zu genehmigen, sollte man die
Pilotstudie f¨ordern, sei Rosenmayr doch derzeit der einzige in Wien, der derartige Methoden ausprobiere. Außerdem habe er die Unterst¨
utzung des Rektors
und August M. Knolls, was beide schriftlich und m¨
undlich zum Ausdruck gebracht h¨
atten.75 Diese offizielle Unterst¨
utzung war von entscheidender Bedeutung, weil die Rockefeller Foundation F¨orderungen nur an Institutionen, und
nicht an Personen vergab.
Im Mai 1953 genehmigte der Direktor der Social Science Division f¨
unfhundert US-Dollar, damit Rosenmayr nach seiner R¨
uckkehr, ohne sich materielle Sorgen machen zu m¨
ussen, seine Habilitationsschrift, wie angek¨
undigt,
bis Jahresende fertig stellen k¨onne.76 Etwa ein Monat sp¨
ater wurde auch die
Pilotstudie genehmigt. Rosenmayrs Zukunft war damit bis ins Fr¨
uhjahr 1955
hinein gesichert. Sein Projektleiterhonorar betrug 1.560 US-Dollar – oder nach
dem Umrechnungsschl¨
ussel, den er in einem seiner Schreiben erl¨
auterte, das
Doppelte eines Wiener Assistentengehalts. Am 28. August 1953 beendete Rosenmayr seinen zweij¨ahrigen Aufenthalt in den USA und kehrte an Bord der
SS Liberte nach Europa zur¨
uck, wie die Fellowship Card der Rockefeller Foundation penibel festh¨alt.
In den n¨achsten Monaten ist im Schriftverkehr Rosenmayrs mit Funktion¨
aren der Rockefeller Foundation von den Habilitationspl¨
anen nichts mehr zu
74 Lane erw¨
ahnt ausdr¨
ucklich die sog. Darmstadtstudie, wo Nels Anderson von der Rocke’
feller Foundation‘ als Konsultant nach Deutschland entsandt wurde. Raffaele Rauty, Introduction, in: Nels Anderson, On Hobos and Homelessness, Chicago 1998.
75 Lane, Recommendation, 22. April 1953, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705,
box 9, folder 80, RAC; dort befindet sich auch das Schreiben von Rektor Alfred Verdross und
August M. Knoll an den Direktor der Social Science Division‘ der Rockefeller Foundation‘
’
’
Joseph H. Willits vom 17. Juni 1953, worin es einleitend heißt: im Sinne des traditionel”
len Interesses der Universit¨
at Wien am Ausbau der Sozialwissenschaften“ und sp¨
ater wird
Rosenmayrs Forschungsvorhaben so charakterisiert: Diese Forschung setzt sich zum Ziel
”
die Analyse der wichtigsten ¨
offentlichen und privaten Gruppen, mit denen sich die Wiener
Bev¨
olkerung identifiziert, und strebt darnach, die Prozesse solcher Identifizierung und die
Auswirkungen derselben auf die breitere ¨
osterreichische Bev¨
olkerung zu ermitteln.“
76 Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705, Box 9, folder 80, RAC. Nach Rosenmayrs
eigenen Berechnungen verf¨
ugte er damit u
¨ ber ein Monatseinkommen in vier- bis sechsfacher
H¨
ohe der Bez¨
uge einer Wissenschaftlichen Hilfskraft bzw. um u
alfte mehr als ein
¨ber die H¨
Universit¨
atsassistent in diesen Jahren verdiente.
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lesen. Nach Ablauf des halbj¨ahrigen Sonderzuschusses wendet er sich energisch
der Pilotstudie zu, wor¨
uber er gemeinsam mit Knoll im April 1954 Lane gespr¨
achsweise berichtet. Lane notiert in seinem Tagebuch, dies sei jene Studie
for which Rockefeller Foundation made a grant-in-aid, with high hopes (...)
”
All the work this coming year will focus on home life; attitudes towards work
¨
will be left for future study.“ Uber
die Studie selbst weiß Lane nicht viel mehr
zu berichten. Andere Fragen nehmen hingegen breiten Raum ein: Rosenmayrs
ungesicherte Stellung an der Universit¨at, die M¨
oglichkeiten, weiter Geld von
der Rockefeller Foundation zu bekommen, die Nennung der Namen potentieller Stipendienbezieher, und abschließend der Hinweis Rosenmayrs, daß er zwar
strongly attached to Vienna“ sei, aber sollte es disheartening“ werden, wol”
”
le er sich in den USA um einen Job umsehen.77 Ein Viertel Jahr sp¨
ater wird
Rosenmayr Lanes Vorgesetztem De Vinney gegen¨
uber deutlicher:
After I have been able to build up the Research Laboratory with the help of some
excellent collaborators against prejudice I now feel free to ask you to write a few lines
to Prof. Knoll which will be instrumental in his hands in keeping up the decision of
the Law Faculty to have me appointed by Jan. 1 t , 1954 ( , vermutlich 1955).
Dr. Heinz Drimmel who is responsible for University affairs in the Ministry of
Education has promised to support Prof. Knoll from the budgetary angle.
My habilitation thesis has been delayed by the complicated negotiations and
organizational work that had to be done a long time before the official start of the
project.“ 78
Rosenmayr war offenbar der Meinung, daß die Gr¨
undung eines Vereins als Nachweis wissenschaftlicher T¨atigkeit gen¨
uge und die von der Rockefeller Foundation f¨
ur die Fertigstellung der Habilitationsschrift genehmigte Summe daf¨
ur
auch gut angelegt sei. Sein Versuch, die amerikanische Stiftung dazu bringen,
ihn bei seinem Bem¨
uhen, sich eine fixe Anstellung an der Universit¨
at zu sichern, zu protegieren, wurde in einem h¨oflichen aber unzweideutigen Antwort77 Lane, Tagebuch, 1. u. 2 April 1954, 29.
78 Rosenmayr an DeVinney o. D. [Juli 1954]. Drimmel war damals als Ministerialrat f¨
ur die
Hochschulen zust¨
andiger Beamter. Als Beilagen sandte Rosenmayr einen Artikel aus Die
’
Presse‘ vom 7. Juli 1954 mit, der berichtet, daß mit stadtsoziologischen Untersuchungen
¨
begonnen worden sei. Die Soziologen der Wiener Universit¨
at haben Psychologen, Arzte,
”
Volkskundler, Statistiker und Juristen als st¨
andige Mitarbeiter herangezogen. Sie sind mit
den neuesten erpobten sozialwissenschaftlichen Methoden, wie sie im Ausland angewendet
werden, vertraut, gehen aber von den Wiener Verh¨
altnissen aus.“ Rockefeller Foundation,
R. G. 1.2 series 705, box 9, folder 80, RAC. Der ebenfalls mitgesandte Fragebogen der schriftlichen Befragung mußte einem Soziologen wie DeVinney, der tats¨
achlich mit den neuesten
sozialwissenschaftlichen Methoden vertraut war, die Haare aufstellen: Mehrdeutige Frageformulierungen und dichotome Klassifikationen u
altnisse und -w¨
unsche, wie z. B.
¨ ber Wohnverh¨
die Frage nach dem Grund, warum jemand einen Beruf aus¨
ubt ( aus finanziellen Gr¨
unden,
”
aus Freude am Beruf oder warum “).
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brief zur¨
uckgewiesen und stattdessen die Frage aufgeworfen, wie es um seine
Habilitation stehe.79 Diese Frage ließ Rosenmayr unbeantwortet und sandte
stattdessen viertelj¨ahrlich zwei- bis dreiseitige Briefe an DeVinney. Sp¨
ater reklamierte er diese Schreiben als progress reports“. Nach einem halben Jahr
”
Arbeit an der Pilotstudie warf er die Frage der Fortsetzung der Finanzierung
auf. Nach DeVinneys Antwort, f¨
ur die Weiterfinanzierung werde auch nach
dem Stand seiner Habilitation gefragt werden, sandte er in deutscher Sprache
¨
mit beigeschlossener englischer Ubersetzung
eine Best¨
atigung der beiden Ver”
treter von Dr. Rosenmayrs Habilitation“ und des Dekans der philosophischen
Fakult¨
at, wonach deren Einreichung demn¨
achst bevorsteht.“ 80 Das Antwort”
schreiben war knapp gehalten: Sollte die Habilitation nicht bald abgeschlossen
und das Verfahren positiv erledigt sein, werde die Rockefeller Foundation die
weitere Finanzierung einstellen.81 Alarmiert schreibt Rosenmayr, seit Anfang
1955 Wissenschaftliche Hilfskraft an der Lehrkanzel f¨
ur Soziologie, im J¨
anner
1955 einen langen Brief an DeVinney und erkl¨
art die Verz¨
ogerung bei der Habilitation mit den allgemeinen Widrigkeiten in Wien: Not even a typewriter“ sei
”
am Institut vorhanden; er berichtet von den Widerst¨
anden gegen die empirische Soziologie und einem Motorradunfall, den er im Jahr davor gehabt habe.
Zum Schluß gibt er dem Brief jene pers¨onliche Note, die alle seine Schreiben
charakterisiert: It is with great pleasure that I am able to add to this letter
”
a personal message. My little American daughter received an Austrian brother, Stephen Leopold, on December 23, 1954. With the very best wishes to
you and Mrs. DeVinney (...)“ 82 Schon davor, Mitte Dezember 1954, hatte Rosenmayr den Abschlußbericht u
¨ber die Pilotstudie nach New York geschickt.
Auf der Suche nach den factors which contribute to the basic social, econo”
mic, and political views of major groups“, die Rosenmayr bekanntlich studieren
hatte wollen, kam er u
¨ber Zwischen-Etappen, wo er realisierte, that I could
”
not use any verified hypotheses or empirical generalizations as points of departure“ und daß so far no empirical attitude research on a broad basis had been
”
carried through“, zur Entscheidung to limit the study to the exploration of
”
79 DeVinney an Rosenmayr, 20. Juli 1954, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705,
box 9, folder 80, RAC.
80 A. M. Knoll und Leo Gabriel an DeVinney, 13. Dezember 1954. Das Schreiben wurde
vom Dekan der Philosophischen Fakult¨
at, Karl M. Swoboda, vidiert: Zl. 1236/1 aus 1954/55,
obwohl das Institut f¨
ur Soziologie und Knolls Professur an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakult¨
at lokalisiert waren. Rosenmayr habilitierte sich dann auch zwei Mal:
1955 f¨
ur Sozialphilosophie an der Philosophischen und 1959 f¨
ur Soziologie an der Rechtsund Staatswissenschaftlichen Fakult¨
at. Der feine Unterschied scheint vielen, vor allem allen
im Ausland, entgangen zu sein.
81 DeVinney an Rosenmayr, 1. Oktober 1954, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2 series 705,
box 9, folder 80, RAC.
82 Rosenmayr an DeVinney, January 10, 1955. Rockefeller Foundation, R. G. 1.2 series 705,
box 9, folder 81, RAC.
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the attitude of Vienna society toward the home and life. This way we could
concentrate on a changing sociological problem rooted in the stable necessity
to have a place to live in.“ Die folgende Pr¨
asentation der vorl¨
aufigen Resultate
h¨
atte dann auch jemandem, der mit den Methoden der Sozialforschung nicht
vertraut war, die Augen daf¨
ur ¨offnen m¨
ussen, daß die ganze Studie nicht mehr
war als die Sammlung einiger Daten u
altnisse und Wohnw¨
unsche,
¨ber Wohnverh¨
die h¨
ochst willk¨
urlich mit ein paar pseudosoziologischen Konzepten verkn¨
upft
83
wurden. Am Ende des f¨
unfseitigen Briefes k¨
undigt Rosenmayr eine 200 Seiten starke Publikation an und ersucht um die Fortsetzung der Finanzierung in
H¨
ohe von 9.820 US-Dollar.84
Im Fr¨
uhjahr 1955 treffen in New York Briefe verschiedener F¨
orderer Rosenmayrs ein, die alle die baldige Fertigstellung der Habilitation ank¨
undigen
und die rasche Erledigung des Habilitationsverfahrens in Aussicht stellen.85
Am 1. Juli 1955 kann Rosenmayr schließlich erleichtert berichten, daß seine
Habilitation angenommen worden sei und er ab Wintersemester als Dozent Vorlesungen halten werde.86 Die Erlangung der Lehrfreiheit setzt bei Rosenmayr
auch Energien f¨
ur andere Unternehmungen frei. Er nimmt sich der darniederlie¨
¨
genden Osterreichischen
Gesellschaft f¨
ur Soziologie (OGS)
an, deren inaktiver
Pr¨
asident zu dieser Zeit Knoll war.87 Tom Bottomore, Sekret¨
ar der Interna¨
tional Sociological Association, der die OGS unmittelbar nach ihrer Gr¨
undung
1950 beigetreten war, an die sie aber nie die Mitgliedschaftsbeitr¨
age u
¨berwiesen
hatte, u
¨berredet Rosenmayr, aus der korporativen eine individuelle Mitgliedschaft zu machen. Vier Jahre sp¨ater, 1959, schl¨
agt er w¨
ahrend des in Stresa
abgehaltenen World Congress of Sociology vor, die korporative Mitgliedschaft
wieder zu erneuern, weil the basis of the Austrian Sociological Society has
”
83 Beispielsweise suchte Rosenmayr nach einer Erkl¨
arung f¨
ur die geringe Kinderzahl und
behaupte sie im Wertesystem gefunden zu haben, in welchem Kinder keinen hohen Wert
darstellten. Das meiste erkl¨
arte er allerdings aus dem Vorhandensein eines negativen Indi”
vidualismus“, ein Terminus, der sich auch in den folgenden Berichten prominent findet.
84 Die Studie Wohnen in Wien. Ergebnisse und Folgerungen aus einer Untersuchung von
’
Wiener Wohnverh¨
altnissen, Wohnw¨
unschen und st¨
adtischer Umwelt‘ erschien in Der Aufbau‘
’
als Band 8, und das Wiener Stadtbauamt zeichnet als Verfasser des 108 Seiten umfassenden
Berichts.
85 Dekan Karl M. Swoboda am 2.3.1955, Richard Meister, Pr¨
asident der Akademie der Wissenschaften am 4.3., Leo Gabriel am 5.3., Rektor Johann Radon am 5.3., August M. Knoll
o. D.; Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705, box 9, folder 81, RAC.
86 Rosenmayr an DeVinney, 1. Juli 1955. Leopold Rosenmayr, Soziologie der Vorstellungen
und Werte. Eine Darstellung der Wechselwirkungen zwischen Vorstellungen und Werten und
¨
den Strukturen der Gesellschaft, mit einem geschichtlichen Uberblick
und unter Ber¨
ucksichtigung neuerer empirischer Forschungen, unver¨
offentlichte masch. Habilitationsschrift, Wien
1955.
87 Rosenmayr berichtet dar¨
uber auch DeVinney am 31. August 1955: Inside Austria the
”
Sociological Society is in the process of being revived also with the purpose to make known results of current research to wider circles of the population.“ Rockefeller Foundation, R. G. 1.2,
series 705, box 9, folder 81, RAC.
¨
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been broadened considerably during the last two years“, so there is no danger
”
that the neglect (of paying the fees) will reoccur.“ 88 Auch auf anderen internationalen B¨
uhnen, wie beispielsweise der UNESCO, wird Rosenmayr in den
folgenden Jahren aktiv und etabliert damit nicht nur viele neue internationa¨
le Kontakte, sondern zementiert auch den Eindruck, in Osterreich
der einzige
Soziologe zu sein.
War es Rosenmayr zwischen 1953 und 1957 gelungen, von der Rockefeller Foundation Gelder in H¨ohe von insgesamt 22.320 US-Dollar einzuwerben
– was ungef¨ahr vierzehn Mannjahren jenes Gehalts entspricht, das er im ersten Antrag f¨
ur sich veranschlagt hatte 89 – bem¨
uhte er sich 1958/59 darum,
f¨
ur ein zweij¨ahriges Projekt weitere 24.700 US-Dollar zu erhalten. Die ersten
f¨
unfhundert Dollar hatte Rosenmayr noch aufgrund der alleinigen F¨
ursprache
Knolls erhalten. Gleichzeitig mit dem Bem¨
uhen um F¨
orderer seiner Habilitation rekrutierte er einige prominente Professoren als Unterst¨
utzer seiner Antr¨
age
an die Rockefeller Foundation, was deren Mitarbeiter in den Erl¨
auterungen zu
den Antr¨
agen, die sie u
¨bergeordneten Instanzen der Stiftung zur Genehmigung
vorzulegen hatten, hervorhoben. Zur gleichen Zeit versuchen Stiftungsmitarbeiter gem¨
aß einer alten Tradition, Urteile kompetenter internationaler Kollegen
einzuholen. Die Angeschriebenen kennen Rosenmayr, k¨
onnen aber u
¨ber ihn
und seine Kompetenzen meist nicht sehr detailliert Auskunft geben.90 Trotz
aller Bedenken und nachdem Rosenmayr die beantragte Summe auf die H¨
alfte
reduziert hat, weil ihm die Rockefeller Foundation mitgeteilt hatte, eine weitere Finanzierung sei nur dann zu erwarten, wenn auch ¨
osterreichische Stellen
beg¨
annen, seine Forschung zu finanzieren, wird seinem Wunsch Rechnung getragen und er erh¨alt f¨
ur eine study of the influences of changing family structure
”
on the behavior of adolescent youth“ f¨
ur eine zweij¨
ahrige Laufzeit den genannten Betrag.91 In der Begr¨
undung f¨
ur die Genehmigung des Antrags heißt
es 1959: Als im Jahr 1954 die Sozialwissenschaftliche Forschungsstelle an der
Wiener Lehrkanzel f¨
ur Soziologie gegr¨
undet wurde, unternahm es seit Marie
”
Jahoda’s and Paul Lazarsfeld’s now famous analysis of a suburban community
88 International Sociological Association (ISA) Archive, diverse Schreiben in boxes 24.2.
Austria, 30.1 Collective members, 37.2 Individual membership; Internationales Institut f¨
ur
Sozialgeschichte, Amsterdam.
89 Aus Wiener Quellen erhielt Rosenmayr Zuwendungen in der H¨
ohe von 4.600. Genehmigungsschreiben, 17. Mai 1956. Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705, box 9, folder 80,
RAC.
90 Lane, Tagebuch, 13. April 1959. Zur Rockefeller Foundation internen Kritik an Rosenmayr
siehe Lane, 28. Dezember 1954, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2., series 705, box 9, folder 80,
RAC, und den Eintrag auf seiner Fellowship Card unter 6/9/58, wo es heißt: Reprint received
”
Befragung der Wiener Verkehrspolizisten‘ this is a Soziologische Erkenntnisse!“
’
91 Executive Committee, 22. Mai 1959, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705, Box 9,
folder 80, RAC. Erskine W. McKinley bezeichnete Rosenmayrs Plan im April 1959 noch als
pretty weak“, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705, box 9, folder 82, RAC.
”
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during the depression of the late twenties“ – wie es wenig zutreffend formuliert
wurde – the first study in empirical sociology“. Ausgehend von einem deep
”
”
concern about severe postwar desillusionment, embittered cleavages among social groups, and widespread lack of interest in national unity and welfare which
pervaded Vienna, Dr. Rosenmayr embarked on a study of fundamental convictions and values of major groups in Vienna and the factors which seemed
to account for them.“ Zuerst habe er sich dem Studium des Familienlebens
gewidmet, und prompt seien Regierungsstellen an ihn herangetreten, um weitere Studien in Auftrag zu geben. Er habe es dennoch zustande gebracht, diese
angewandten Forschungen mit grundlegenden Forschungsfragen zu verbinden.
Seine Ver¨
offentlichungen h¨atten Aufmerksamkeit und g¨
unstige Kommentare
in europ¨
aischen und amerikanischen wissenschaftlichen Zeitschriften erhalten.
Tats¨
achlich erschienen u
¨ber Rosenmayrs Wohn-Studie Besprechungen auch in
den beiden f¨
uhrenden soziologischen Zeitschriften Amerikas. Auff¨
alligerweise
lauten die ersten paar S¨atze der Besprechung von Morris Janowitz auf Wort
und Irrtum fast gleich wie der Text, mit welchem innerhalb der Rockefeller
Foundation 1959 der Verl¨angerungsantrag begr¨
undet wurde.92
93
Wie schon f¨
ur andere Rezensenten liegt es nahe, die beiden einzigen, aus
Mitteln der Rockefeller Foundation mitfinanzierten ¨
osterreichischen soziologischen Forschungseinheiten und ihre Resultate zu vergleichen. Die H¨
ohe der f¨
ur
die Marienthal-Studie Lazarsfelds gew¨ahrten Zusch¨
usse der Arbeiterkammer,
der ¨
osterreichischen Regierung und aus dem fluid grant, der den B¨
uhlers zur
Verf¨
ugung stand, l¨aßt sich nicht mehr genau feststellen, d¨
urfte aber u
¨ber den
Zeitraum von zwei Jahren nicht mehr als den Gegenwert eines Jahresgehalts
eines Assistenten ausgemacht haben. Dem stehen im Fall von Rosenmayrs Forschungsstelle u
angeren Zeitraum von acht Jahren
¨ber den allerdings auch viel l¨
Mittel in H¨ohe von etwa dreißig Mannjahren oder pro Jahr etwa vier bezahlte
Mitarbeiter gegen¨
uber. Die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle unter
Lazarsfeld produzierte neben Die Arbeitslosen von Marienthal (1933) einige
Aufs¨
atze, und man k¨onnte noch die eine oder andere Dissertation im Umfeld
92 Morris Janowitz, Besprechung von Wohnen in Wien, in: American Journal of Sociology 63,
1957, 236 f. Bei Janowitz heißt es, Rosenmayrs Studie sei nach Marienthal one of the first
”
studies in empirical sociology (...) in Austria“ gewesen. Es ist nicht entscheidbar, wer f¨
ur die
¨
Ubernahme
des historischen R¨
uckblicks aus Janowitz’ Besprechung in den formalen Antrag
¨
der Rockefeller Foundation‘ verantwortlich war. Ublicherweise
bauten die F¨
orderungsantr¨
age
’
auf den Informationen auf, die die F¨
orderungswerber zur Verf¨
ugung stellten. Rosenmayr
jedenfalls griff den historischen Hinweis wenig sp¨
ater auf: Leopold Rosenmayr, Vorgeschichte
¨
und Entwicklung der Soziologie in Osterreich
bis 1933, in: Zeitschrift f¨
ur National¨
okonomie 26
(1966), 268–282.
93 Kurt B. Mayer, in: American Sociological Review 22 (1957), 610 f. und noch Jahre sp¨
ater
E. K. Francis, in: American Journal of Sociology 71 (1965), 360 f., anl¨
aßlich einer Besprechung einer weiteren Rosenmayr-Studie u
¨ber Familienbeziehungen und Freizeitgewohnheiten
jugendlicher Arbeiter.
¨
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anf¨
uhren. Rosenmayr ver¨offentlichte in den acht Jahren, in denen die Rockefeller Foundation seine Sozialwissenschaftliche Forschungsstelle f¨
orderte, zwei
selbst¨
andige Forschungsberichte, schrieb seine unver¨
offentlichte Habilitationsschrift und publizierte sechs Aufs¨atze.94 W¨
ahrend Marienthal zum Klassiker
wurde, verblich der Ruhm von Rosenmayrs Ver¨
offentlichungen aus diesen Jahren innerhalb jener Frist, die mit dem unzutreffenden Bild der Halbwertszeit
wissenschaftlicher Ver¨offentlichungen zu bestimmen versucht wurde. Aus der
Gruppe um Lazarsfeld gingen trotz der Widrigkeiten, die ihre Mitglieder im Zu¨
sammenhang mit ihrer Flucht aus Osterreich
u
¨berwinden mußten, anerkannte
Soziologen und Psychologen hervor (Marie Jahoda, Hans Zeisel, Hertha Herzog, die zum Kern der Forschungsstelle geh¨
orten, sowie Katherine Wolf, Else
Frenkel-Brunswik, Hedda Bolgar, Lotte Danzinger, die auf die eine oder andere Art von der N¨ahe zu dieser Gruppe profitierten). Rosenmayr hingegen
blieb ziemlich allein. Von jenen, die mit ihm schon in den f¨
unfziger Jahren zusammenarbeiteten, erwarb nur Hans Strotzka sp¨
ater selbst¨
andig Reputation.
Erst in den sechziger Jahren betraten die ersten jungen Wiener Soziologen die
B¨
uhne, auf der sich Rosenmayr schon so lange tummelte – was allerdings wenigstens teilweise auf die Wirkungen des 1963 er¨
offneten Instituts f¨
ur H¨
ohere
Studien zur¨
uckzuf¨
uhren ist.
Noch bevor sich die Rockefeller Foundation zur nochmaligen Unterst¨
utzung
Rosenmayrs entschlossen hatte, trat dieser an die zweite große US-Stiftung,
die Ford Foundation, mit einem F¨orderungsantrag heran, nachdem er schon
im Sommer des Vorjahres mit Stone ein Gespr¨
ach gef¨
uhrt hatte. Ein halbes
Jahr danach schaltet sich Rosenmayrs transatlantischer Protektor Lazarsfeld
ein und schreibt an Stone ein geradezu u
¨berschwengliches Empfehlungsschreiben: I have studied the application of Dr. Leopold Rosenmayr. It is a tho”
roughly professional job and there is no doubt in my mind that it should be
supported. As a matter of fact, of the many foreign applications I have seen
in recent years this is the one which shows the most understanding of how
organized social research should be developed and what Foundation funds can
contribute.“ 95 Ausf¨
uhrlicher als die Stellungnahme zu Rosenmayrs Forschungsprojekt f¨
allt dann Lazarsfelds Kommentar dazu aus, wie Rosenmayr’s plans
”
fit the general Austrian program“, das er ein Jahr davor entwickelt hatte. Rosenmayr wolle an der Universit¨at ein Zentrum f¨
ur Sozialforschung etablieren
und die Ford Foundation sollte zus¨atzlich auch ein zweites, außeruniversit¨
ares
Zentrum f¨
ordern. Dabei dachte Lazarsfeld nicht an das geplante sp¨
atere Institut f¨
ur H¨
ohere Studien, sondern an eine Gruppe junger Sozialwissenschaftler im
94 Seine Ank¨
undigung, eine Kritik von Helmut Schelskys jugendsoziologischem Bestseller
Die skeptische Generation‘ zu liefern, konnte er nicht einl¨
osen. Erskine W. McKinley in’
terview with Leopold Rosenmayr, 4. November 1958, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705, box 9, folder 82, RAC.
95 Lazarsfeld an Stone, 12. J¨
anner 1959, Ford Foundation, reel 0565.
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Gewerkschaftsbund. Deren Vertreter h¨atten zwar nicht ann¨
ahernd the polish
”
which Rosenmayr has“, aber sie verdienten Hilfe. Abschließend kommt Lazarsfeld doch noch einmal auf Rosenmayrs Projekt und seinen Inhalt zu sprechen:
The study of values, of family life, and of rural communities (...) have a rat”
her universal character which should be studied in Austria and also has been
studied in many other places. There are however special Austrian topics of
great interest (...). What I mean to say is that Rosenmayr proposes a highly
competent program within a narrow academic framework. This should be supplemented by other activities which are more sensitive to the current national
problems to which social research could contribute.“ 96
Was Lazarsfeld nicht wissen konnte war, daß Rosenmayr dieselben Studien auch schon der Rockefeller Foundation vorgeschlagen hatte. Wir sehen, wie
sich ein Protege gegen die Pl¨ane seiner F¨
orderer selbst¨
andig machen konnte:
Lazarsfeld, der seiner Geburtsstadt unbedingt Gutes tun wollte, war gen¨
otigt,
jemanden zu protegieren, der zur Hand war – auch wenn der partout nicht das
untersuchen wollte, was er untersuchenswert fand.97 Im Mai 1959, knapp vor
seinem mehrw¨ochigen Aufenthalt in Europa, w¨
ahrenddessen er die weiter oben
zitierten Briefe an Stone schreiben sollte, in denen er die Wiener Malaise in epigrammatischer K¨
urze als no brains, no initiative, no collaboration“ beklagte,98
”
sandte Lazarsfeld Stone eine weitere Stellungnahme zu Rosenmayrs Antrag und
retournierte das zur Begutachtung u
¨berlassene Material.
Rosenmayr submitted to you requests for three specific studies and one for a program
of Scientific Exchange Instruction and Training . (...) (W)hile I respect Rosenmayr’s
’
’
research ability, I don’t think that the three topics he wants to study are of very
great originality. On the other hand, I feel that a general training program would
be of great help. After all, Rosenmayr cannot do much if he doesn’t develop a good
young generation of assistants and graduate students.
The general training program (...) falls into two parts. He wants 28,000 for his
center and 26,000 for visiting Americans. The latter doesn’t make much sense in
view of your general plans for an advanced study center. My advice, therefore, is that
96 Ebd. Lazarsfeld detailliert dann auch noch seinen allgemeinen Hinweis und schl¨
agt vor,
daß man zum einen das Management der verstaatlichten Industrie vergleichend mit einer
free enterprise industry‘ studieren sollte und andererseits das Problem der ¨
osterreichischen
’
intelligentsia‘ einer eingehenderen Untersuchung wert w¨
are: As I have pointed out in my
’
”
first report, a sequence of purges has led to a great scarcity of competent intellectuals.
How they are now being recruited from various social classes and what could be done to
speed up this intellectual reforestation deserves also careful study“. Man darf mit Sicherheit
annehmen, daß Lazarsfeld diese Ideen auch seinen ¨
osterreichischen Gespr¨
achspartnern nicht
vorenthielt. Bekanntlich wurde keines der beiden Probleme je von einem ¨
osterreichischen
Soziologen studiert.
97 Clark berichtet in Paul Lazarsfeld and the Columbia Sociology Machine‘, daß Lazarsfeld
’
heftig darauf gedr¨
angt habe, seine Sicht der Dinge zu ber¨
ucksichtigen.
98 Lazarsfeld an Stone, 22. Juni 1959, Ford Foundation, reel 2574.
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he should get the 28,000 for the part (...) which I have encircled for your special
attention. The 5,000 included for visiting Europeans seemed to me justified in view
of the Austrian isolation.99
Im Juli 1959 genehmigte der Pr¨asident der Ford Foundation auf Antrag von Stones Abteilung f¨
ur Internationale Angelegenheiten der Universit¨
at Wien 25.000
US-Dollar to strengthen the program of its Social Science Research Center for
”
training young social scientists“. Die Begr¨
undung spiegelt nicht nur Lazarsfelds
Empfehlung vom J¨anner, sondern nennt Lazarsfeld als ihren Gew¨
ahrsmann, der
den Antrag studiert habe und ihn zu f¨ordern empfohlen habe. Auch Lazarsfelds
weitergehende Forschungsvorschl¨age finden darin kurioserweise Erw¨
ahnung.100
Rosenmayr h¨atte sich gl¨
ucklich sch¨atzen k¨
onnen. Aber er hatte die Kommunikationsdichte amerikanischer Stiftungen, ihrer Mitarbeiter und Berater
wohl untersch¨atzt. Im September 1959 erreichte ihn der Brief eines sichtlich
ver¨
argerten Lazarsfeld – Copy to Dr. Stone“ –, worin dieser ihn u
¨ber den
”
Verhaltenskodex im Umgang mit mehr als einer Stiftung in Kenntnis setzt:
American foundations cooperate gladly on supports given to academic work. They
do however expect that grantees keep them clearly informed about the whole range
of American help they ask for or obtain. (...) It might be that I contributed to the
confusion because I had understood you to say that your Rockefeller project is essentially over and that you now got a small grant for its completion. Dr. Stone, however,
knows that your new Rockefeller grant is of rather substantial size.101
Nur acht Tage sp¨ater antwortet Rosenmayr in einem ausf¨
uhrlichen Brief an
Stone und erkl¨art, daß das Geld der Rockefeller Foundation f¨
ur Projekte verwendet w¨
urde, die in keinerlei Beziehung zu dem von Ford finanzierten Vorhaben st¨
unden. Was die Rockefeller Foundation f¨
ordere is geared to furnish
”
results for practical purposes of education and general social work connected
with adolescent youth.“ 102 Wenige Monate davor hatte es gegen¨
uber DeVinney
noch anders geklungen: Das Geld der Rockefeller Foundation w¨
urde eine Studie
u
uhren und erheblich
¨ber family relations of the male youth (14–18)“ fortzuf¨
”
zu verbessern erlauben und somit Grundlagenforschung erm¨
oglichen.103
Mit halbj¨ahriger Versp¨atung wird die Finanzierung genehmigt. Im J¨
anner
1960 trifft der Scheck der Ford Foundation u
¨ber 25.000 US-Dollar in Wien ein
und wird umgehend in 645.712 Schilling gewechselt. In den folgenden beiden
Jahren wird rund ein F¨
unftel dieser Summe dazu ben¨
utzt, um einer Gruppe von
99 Lazarsfeld an Stone, 19. Mai 1959, Ford Foundation, reel 0565.
100 International Affairs Ford Foundation, 21. Juli 1959, Ford Foundation, reel 0565.
101 Lazarsfeld an Rosenmayr, 22. September 1959, Ford Foundation, reel 0565.
102 Lazarsfeld an Stone, 30. September 1959, Ford Foundation, reel 0565.
103 Rosenmayr an DeVinney, 20. M¨
arz 1959, Rockefeller Foundation, R. G. 1.2, series 705,
Box 9, folder 82, RAC.
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Studenten Stipendien zu bezahlen und ausl¨
andische Vortragende einzuladen,
ungef¨
ahr die H¨alfte wird f¨
ur Datenerhebung, -aufbereitung und -auswertung
ausgegeben. Knapp vor Ablauf der zwei Jahre wendet sich Rosenmayr wieder
an Stone und ersucht um eine unauff¨allige Verl¨
angerung“ der F¨
orderung, weil
”
das in Gr¨
undung befindliche Ford-Institut nicht fr¨
uher als 1963 er¨
offnet werde.
Warum Rosenmayr dieses Mal die Publicity scheut, erl¨
autert er nicht.104 Die
gew¨
unschte Summe erh¨alt er anstandslos, weil andernfalls a valuable initiative
”
would be lost and an important Austrian source of supply for the new Institute for Advanced Studies would be submerged if the Center failed to obtain
assistance.“ 105 Die Begr¨
undung f¨
ur diese vorl¨
aufig letzte direkte F¨
orderung
Rosenmayrs bzw. der von ihm gegr¨
undeten Forschungsstelle (dem Center in
obigem Zitat) offenbart, daß die Funktion¨
are und Berater der Ford Foundation
bei ihrem Versuch, sich im Labyrinth des ¨
osterreichischen Minotaurus zurechtzufinden, die Hilfe Ariadnes gut h¨atten gebrauchen k¨
onnen. Die Idee, in Wien
ein Institut f¨
ur sozialwissenschaftliche Forschung zu gr¨
unden, war aus dem Umstand erwachsen, daß die Universit¨at so schlecht sei. Und nun war man nicht
nur dabei, einen Professor zum Direktor des außeruniversit¨
aren Instituts zu
machen, sondern p¨appelte auch noch das Zentrum eines anderen Professors auf
und f¨
uttert es u
offnung des eigenen
¨ber die Jahre hinweg, weil sonst bei der Er¨
neuen Instituts niemand vorhanden w¨are, um hier ein postgraduate Studium
zu beginnen. Wer den Minotaurus t¨oten wollte, hatte das Problem zu l¨
osen,
nach vollbrachter Tat aus dem Labyrinth wieder hinauszufinden – die Philanthrophen der Ford Foundation wußten mittlerweile offenbar weder, warum sie
das o
¨sterreichische Labyrinth betreten hatten, noch was sie hier tun sollten.
III.
W¨
ahrend des zehnt¨agigen Aufenthalts des Pr¨
asidenten des American Council of
Learned Societies (ACLS) Frederick Burkhardt in Wien stand die Rolle Rosenmayrs und seiner Sozialwissenschaftlichen Forschungsstelle‘ mehrfach zur De’
batte. Im Gespr¨ach mit Co-Direktor Kozlik erfuhr Burkhardt, daß das gesamte
soziologische Forschungsprogramm des Instituts f¨
ur H¨
ohere Studien (IHS) von
Rosenmayrs Forschungsstelle betrieben w¨
urde. Auf die Frage, was dabei f¨
ur
das IHS abfalle, antwortete Kozlik: praktisch nichts. The institute (ours) was
”
becoming a sort of Ford Foundation to the rest of the University“, notiert
Burkhardt trocken. Kozlik k¨ampfe dagegen nicht an, sondern zeige eine half”
humorous attitude“, obwohl er es f¨
ur unn¨
otig und unsinnig halte, jemandem
Geld zu geben, der es nicht wirklich brauche. Kozlik und die Generalsekret¨
arin
104 Rosenmayr an Stone, 1. Dezember 1961, Ford Foundation, reel 0565.
105 International Affairs Ford Foundation, 2. Februar 1962, Ford Foundation, reel 0565.
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des IHS, die davor bei der UNESCO in Paris gearbeitet hatte und in den Dokumenten als Freda Pawloff aufscheint und sp¨
ater als Freda Meissner-Blau 106
bekannter werden sollte, waren davon u
ur Projekte
¨berzeugt, daß Rosenmayr f¨
bezahlt w¨
urde, die l¨angst durchgef¨
uhrt, in einem Fall gar schon publiziert seien.
Die Offenheit der beiden kontrastiert stark mit der Vagheit Sagoroffs und es
verwundert nicht, daß Burkhardt sich ¨ofter mit diesen beiden unterhielt. Professoren der Wiener Universit¨at h¨atten Pawloff bereits darauf angesprochen,
daß Sagoroff Forschungen Rosenmayrs finanziere, die schon vor Jahren abgeschlossen worden seien; Ger¨
uchte seien im Umlauf. Aufschlußreich ist daher,
was der amerikanische Konsulent der Ford Foundation u
ach mit
¨ber das Gespr¨
dem kurz davor zum Ordinarius avancierten Rosenmayr festhielt:
Rosenmayr arrived for his appointment with me. We talked for an hour. I pushed him
pretty hard on the four research projects for which his Institute had received support
from our Institute. His argument was a new one. He reasoned that the distinguished
professors coming to our Institute would not find enough people prepared to understand what they were talking about; the research projects would give students and
Assistenten at the University some real experience in modern sociological techniques
and problems. The project would also provide Austrian materials for the professors
to talk about. Otherwise they would have to talk about their own experience and
cases – presumably mostly American. This was all very well said but I’m not sure it
is really so. I’m quite sure Sagoroff doesn’t know about this argument. Rosenmayr is
a pretty slick article.107
Der Versuch, Burkhardt zu schmeicheln, wurde von diesem mit großer Reserve
aufgenommen. Sp¨ater teilte eine dritte Person Burkhardt mit, Rosenmayr sei
u
¨ber sein Eintreffen beunruhigt gewesen: Who is this Burkhardt We must find
”
out what we can about him!“ Konkrete Ausk¨
unfte konnte Rosenmayr nicht
geben. Einige der IHS-Assistenten seien political appointments“, aber drei
”
Viertel seien gute Leute. Einer der IHS-Assistenten, fand Burkhardt heraus,
werde bezahlt, um an Rosenmayrs Universit¨
atsinstitut zu unterrichten.
Lazarsfeld, der nach Wien gefahren war, um dort Burkhardt zu treffen
und selbst nach dem Rechten zu sehen, best¨
atigte Stone, daß Burkhardt in der
kurzen Zeit ein detailed, in my opinion, perfectly correct picture“ gewonnen
”
h¨
atte. Er stimme ihm nur in einem Punkt, dem Urteil u
¨ber Sagoroff, nicht
106 Freda Meissner-Blau (geb. 1927), Journalistin; Volksschule in Linz, H¨
ohere Bundeslehranstalt f¨
ur wirtschaftliche Frauenberufe in Wien, Gymnasium Reichenberg (1945 Kriegsmatura), Studien der Medizin (sechs Semester), der Soziologie und Psychologie, Cambridge
Certificate. Journalistin und freie Mitarbeiterin bei der UNESCO 1961, Assistant International Development of the Social Sciences (Paris), Generalsekret¨
ar am Institut f¨
ur H¨
ohere
Studien und Wissenschaftliche Forschung (Wien) 1962–1968; sp¨
ater Nationalratsabgeordnete
der Gr¨
unen, http://www.parlinkom.gv.at/, 14. Februar 2000.
107 Burkhardt, A Journal of a Visit to Vienna, wie Anm. 59, 19.
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zu. Man m¨
usse n¨amlich – und hier spricht Lazarsfeld pro domo – zwischen
Administratoren und Organisatoren unterscheiden. Sagoroff werde eine lot of
”
messes“ produzieren, aber zugleich glaube er, daß er auch a lot of imagina”
tion“ habe und improvisieren k¨onne. Im folgenden Absatz nimmt er dieses
hoffnungsfrohe Urteil aber wieder zur¨
uck, was ihm auch selbst auff¨
allt: My
”
new uneasiness with Sagoroff is due to another observation. (...) Sagoroff, so
far, doesn’t make good use of his staff, doesn’t take advice easily, and has a
tendency to make all decisions, even insignificant ones, himself, which will become increasingly impossible. He creates a prima donna atmosphere, which, of
course, is different from leadership.“ 108
In einem separaten offiziellen Memorandum formuliert Lazarsfeld sehr diplomatisch Vorschl¨age, wie Sagoroff am besten mit dem Kuratorium umgehen
sollte – durch die Bildung von Zwei-Mann-Sub-Komitees, wie der Direktor mit
seinen Mitarbeiter kommunizieren solle – durch schriftliche Memoranden; wie
man gute Studenten anziehen k¨onne – indem man den Absolventen bei der Arbeitssuche behilflich sei; wie man das Lehrprogramm verbessern k¨
onne – durch
Verpflichtung von Ausl¨andern; und woran man den Erfolg des Instituts messen sollte – saving Austria from intellectual dessication“ durch Verbesserung
”
109
¨
osterreichischer Institutionen und des Niveaus einzelner Osterreicher.
¨
Doch trotz dieser guten Ratschl¨age hatte das Institut f¨
ur H¨
ohere Studien
(IHS) nach seiner offiziellen Er¨offnung im Herbst 1963 noch weitere Jahre mit
Problemen zu k¨ampfen. Nicht nur mit solchen, denen sich junge Institutionen
u
uber sehen, sondern auch mit Schwierigkeiten, die vor al¨blicherweise gegen¨
lem aus den o¨sterreichischen Verh¨altnissen erwuchsen. Gegen Ende des ersten
Jahres trat der beigeordnete Direktor Adolf Kozlik zur¨
uck, der in den letzten
Wochen seiner T¨atigkeit mit Direktor Sagoroff nicht einmal mehr gesprochen
hatte, blieb aber dem Institut weiterhin als Gastprofessor erhalten. Burkhardt,
der im Juni 1964 wieder in Wien war, f¨
uhrt das Zerw¨
urfnis vor allem auf Kozliks Temperament zur¨
uck: Kozlik is honest, rude, and dogmatic and acted
”
more like an FBI agent in the Institute than as a Deputy.“ 110 Seine ruppige
Art war die eine Seite des Problems, die unm¨
ogliche Position, die er einzuneh¨ mußte er das Mißtrauen
men hatte, die andere. Als Vertrauensmann der SPO
seines Vorgesetzten auf sich ziehen. Seine outspokenness“ und sein Gehabe,
”
das Amerikaner wie Burkhardt als Marotte hinzunehmen bereit waren, irritierten andere zutiefst. In einem derartigen Klima mußte jemand, der eine sharp
”
tongue“ hatte und meinte, daß das neue Institut a straight Marxist point of
”
108 Lazarsfeld an Stone, 4. Juli 1963, Ford Foundation, reel 2574.
109 Lazarsfeld Memorandum: Terminal Suggestions Regarding the Viennese Ford Center,
July 5, 1963. Abschließend schl¨
agt Lazarsfeld Stone vor, you as a professional and I as an
”
amateur historian“ sollten sich zusammensetzen und describe the different phases through
”
which this project went“.
110 Burkhardt an Stone, 7. Juli 1964, Ford Foundation, reel 2574.
¨
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view“ vertreten sollte, auf Ablehnung stoßen. Da half es ihm auch nicht, daß
er nach Meinung Burkhardts im Vergleich mit Sagoroff der f¨
ahigere Mann war,
der im Verein mit Frau Pawloff, mit der er sich gut verstehe, aus Sagoroff
micemeat“ machen k¨onnte. Offene Konkurrenz zwischen dem Direktor und
”
seinem Stellvertreter stand nicht am Spielplan. Und offene Hemdkragen auch
nicht. W¨
ahrend Burckhardt Kozliks Stil, nie Krawatten zu tragen, erw¨
ahnt,
um dessen Habitus zu charakterisieren, erblickten andere darin ein Zeichen intellektueller Minderbemittelheit. Der Schweizer National¨
okonom Edgar Salin,
der in Heidelberg im elit¨aren George-Zirkel groß geworden war, beklagt sich
in einem Schreiben an Oskar Morgenstern bitterlich u
¨ber einen Mann, dessen
Namen er nicht einmal hinschreiben wollte:
Daß der zweite Mann, mit dem Sagoroff sich auch gar nicht vertragen hat, demn¨
achst
abgeht, h¨
orte ich durch Stone. Dies scheint mir ganz unerl¨
aßlich und darf nicht durch
irgendwelche politischen Eingriffe r¨
uckg¨
angig gemacht werden. Er besitzt zwar betr¨
achtliche Einzelkenntnisse; es fehlt ihm aber jedes Verst¨
andnis f¨
ur geistige Zusammenh¨
ange, und er legt offensichtlich Wert darauf, den Proleten zu spielen. Beim Diner
des Außenministers erschien er in einem Flanellhemd mit offenem Kragen. Das ist ein
Protest-Stil, der vor 1914 Sinn hatte, zwischen den Weltkriegen eventuell noch begreiflich war, aber heute die innere und ¨
außere Unsicherheit des Tr¨
agers in peinlicher
Weise verr¨
at.111
Zur Charakterisierung des Klimas – und vermutlich auch jener ¨
osterreichi”
schen Werte“, die Drimmel von Anfang an in Gefahr sah – eignet sich eine
andere Episode, die Burkhardt berichtet. In einer Kuratoriumssitzung im Juni
1964 unterbreitete nahezu jedes Mitglied ein Vorhaben, das ihm wahrscheinlich
nicht pers¨
onlich am Herzen lag, das aber von jemanden herangetragen worden
sein mußte, dem man das nicht abschlagen wollte oder konnte. Kreisky wollte Friedrich Hacker, dessen sozialwissenschaftliche Kompetenz Lazarsfeld nun
in Zweifel zog, als Vortragenden, weil er auch in der Diplomatischen Akademie unterrichten sollte, die aber die Reisekosten nicht tragen k¨
onne. Kamitz
protegierte eine Woche philosophisch-theologischer Vorlesungen und Diskussionen; ein Wiener Theologieprofessor wolle das, und an der Universit¨
at werde
gegen¨
uber dem IHS bereits der Vorwurf laut, atheistisch zu sein; deswegen
m¨
usse man zeigen, daß das IHS an spirituellen Fragen interessiert sei. Drim”
mel, Kamitz and Kreisky were for it – Kreisky if the agnostic position was
represented!“ Burkhardts Hinweis, das habe schlicht nichts mit den Ausbildungszielen des Instituts zu tun, wurde beiseite geschoben. The point is that
”
this project had been rejected by Sagoroff when it was put to him by Professor
Gabriel of the University. Gabriel then went to Kamitz.“ 112
111 Edgar Salin an Oskar Morgenstern, 16. Oktober 1964, Ford Foundation, reel 2845.
112 Burkhardt an Stone, 7. July 1964, Ford Foundation, reel 2574.
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Bei der Auswahl des Nachfolgers von Kozlik spielte – jedenfalls soweit die
Akten der Ford Foundation dar¨
uber Auskunft geben – der Krawattenzwang
keine, die Frage der politischen Haltung allerdings die bestimmende Rolle. Ein
Wiener Rechtsanwalt, der als Vertrauter Olahs ins Kuratorium nominiert wurde, schlug vergeblich one Marz – an old-time radical socialist party man, not
”
a scholar“ 113 vor, w¨ahrend Lazarsfeld einen seiner ehemaligen Studenten (oder
Teilnehmer einer der Ferienkolonien der sozialistischen Studenten ) ausfindig
machte: Fritz Kolb konnte das Kriterium a scholar“ zu sein nicht erf¨
ullen, aber
”
er scheint nirgendwo auf starken Widerstand gestoßen zu sein.114
Trotz des organisatorischen Chaos funktioniert im ersten Jahr zumindest
¨
die Einladung von Gastprofessoren. Von den vielen Ex-Osterreichern,
die in
den Jahren vor der Er¨offnung des IHS ihr Interesse bekundet hatten oder vorgeschlagen worden waren, blieben nicht viele u
¨brig. Die Liste der Gastprofessoren war dennoch außerordentlich beeindruckend: James Coleman, Wassily
Leontieff, Karl Menger, Adolf Sturmthal und Gerhard Tintner waren im ersten
Jahr am IHS t¨atig. Zufrieden waren die ausl¨
andischen Gastprofessoren selten,
aber nur Coleman ergriff die Initiative und schrieb einen dreiseitigen Brief u
¨ber
seine Erfahrungen an To whom it may concern“, da er nicht wisse, wer in der
”
Ford Foundation oder sonst wo eigentlich f¨
ur das Wiener Institut zust¨
andig
sei. Zwar habe er zugesagt, auch im folgenden Jahr nach Wien zu kommen,
wenn sich allerdings die Bedingungen dort nicht grundlegend ¨
anderten, w¨
are
das reine Zeitverschwendung. Coleman listet die M¨
angel dann im einzelnen
auf. Der Proporz sei vielleicht im Kuratorium und bei den beiden Direktoren
noch hinzunehmen, daß allerdings auch die Assistenten nach Parteizugeh¨
origkeit ausgew¨ahlt w¨
urden, habe ernste Konsequenzen f¨
ur das Funktionieren des
Instituts. Weil die Assistenten obendrein derart gut bezahlt w¨
urden, daß sie
mehr verdienten als Universit¨atsprofessoren, k¨
onnten die Direktoren, die jeder
die H¨
alfte der Assistenten ausw¨ahlen d¨
urften, keine zu jungen Leute nominieren. Deshalb s¨aßen Vierzigj¨ahrige – Alterskollegen Colemans 115 – am Institut
herum und gingen gleichzeitig anderen Berufen nach, die mit Sozialforschung
nichts zu tun h¨atten. Die einzige Aufgabe der Assistenten best¨
unde darin, bei
den Vorlesungen der Gastprofessoren anwesend zu sein, wor¨
uber Anwesenheitslisten gef¨
uhrt w¨
urden. Bei der Einstellung sei jedem Assistenten von Sagoroff,
113 Eduard M¨
arz (1908–1987), Studium der National¨
okonomie in Wien und nach der Emigration in Harvard, unter anderem bei Schumpeter, 1953 R¨
uckkehr nach Wien, wo er 1956
die Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung der Wiener Arbeiterkammer aufbaute. Habilitationsversuche an der Wiener Universit¨
at scheiterten an seinen marxistischen Auffassungen.
114 Fritz Kolb geht in seinen Erinnerungen nicht auf seine T¨
atigkeit am IHS ein: Es kam
ganz anders. Betrachtungen eines alt gewordenen Sozialisten, Wien 1981.
115 James S. Coleman (1926–1995) studierte an der Columbia Universit¨
at und arbeitete
am dortigen Bureau of Applied Social Research‘, ab 1959 war er an der Johns Hopkins
’
Universit¨
at und ab 1973 an der Universit¨
at Chicago t¨
atig.
¨
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der absolutely incompetent to administer such an institute“ sei, abverlangt
”
worden, ein Buch zu schreiben. Deren Themen st¨
unden manchmal mit vergangenen T¨
atigkeiten oder Interessen der Assistenten in Verbindung, in keinem
Fall jedoch mit dem, was die Gastprofessoren vortragen w¨
urden.
As a consequence, the guest lecturers found themselves lecturing to people who had
no intellectual reason to be there, and quickly found themselves wondering what in
the world they were doing there. (...) In short one could say that the Institute operates
in a vacuum, and is held together only by the fact that for the assistants it provides
more income than they will ever make again, and for the guest professors a pleasant
stay in Vienna.
Coleman, der an der Columbia University bei Merton und Lazarsfeld studiert
hatte, sparte nicht mit Kritik an den urspr¨
unglichen Pl¨
anen, durch die Institutsgr¨
undung die vergangene kulturelle Bl¨
ute Wiens wiederherzustellen. Mit einer
outspokenness“, die der Kozliks nicht nachstand, zertr¨
ummerte er die Gr¨
un”
dungsidee seines Lehrers Lazarsfelds: An Institute for Advanced Study co”
’
’
vering only Austria is wholly inappropriate; that is like an Institute for Advanced Study for the state of Tennessee.“ 116 Seine Kritik brachte Coleman
einen neuen Job ein.117 Wenige Tage nach Einlangen des Briefes lud Stone
Lazarsfeld, Morgenstern, Burkhardt und Coleman zu sich nach Hause ein und
nach Diskussion des Briefes schlug Stone vor, daß Coleman als Konsulent der
Ford Foundation nach Wien fahren solle, um Sagoroff zu helfen, firm cur”
riculum and administrative plans for the future“ auszuarbeiten. Im Oktober
1964 verbrachte Coleman eine Woche in Wien, wor¨
uber er akribisch berichtet. Am ersten Tag stand eine Besichtigung des Geb¨
audes auf dem Programm.
Die 29 Studenten h¨atten, obwohl genug Platz vorhanden sei, weder eigene Arbeitsr¨
aume noch Schreibtische. Die ungef¨
ahr 29 Assistenten, die Zahl lasse sich
wegen Halb- und Viertelbesch¨aftigten nicht genau angeben, h¨
atten Arbeitszimmer, ben¨
utzten sie aber nicht. W¨ahrend seines gesamten Aufenthalts sei das
Geb¨
aude leer gewesen. Ein Treffen Colemans mit den Assistenten konnte erst
nach f¨
unf Uhr nachmittags anberaumt werden, weil einige Assistenten anderen
Vollzeitbesch¨aftigungen nachgingen. Einer sei in Afrika, zwei andere schon in
Deutschland Professoren – alle aber bez¨ogen weiter ihr f¨
urstliches Gehalt. Direktor Sagoroff sei ein netter Mensch, der zu allem, was Coleman vorschlage,
ja sage, aber funktionieren w¨
urde immer noch nichts. Die Bibliothek habe fast
keine B¨
ucher, und das Geb¨aude werde um acht Uhr abends zugesperrt. Am Wo116 Coleman an Ford Foundation, 10. September 1964, Ford Foundation, reel 2845.
117 Coleman leitete zu dieser Zeit die Erhebung, die als Coleman Report‘ in die Geschichte
’
der Soziologie und der amerikanischen Debatte u
¨ ber organisatorische Maßnahmen zur Reduktion der Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen im Bildungswesen einging, vgl.
Morton Hunt, Profiles of Social Sesearch. The Scientific Study of Human Interactions, New
York 1985.
172
¨
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chenende h¨atte sich nicht einmal der Direktor mit ihm dort treffen k¨
onnen. Die
Generalsekret¨arin sitze ohne Arbeit herum, weil ihr Sagoroff offenkundig mißtraue. In ihrem Umgang mit den zahlreichen Sekret¨
arinnen und Mitarbeitern
demonstriere sie wiederum alle Stereotype einer upper class Austrian.“ Der
”
beigeordnete Direktor Kozlik sei zwar zur¨
uckgetreten, als Gastprofessor aber
immer noch am Institut – seine Forschungen u
ohere
¨ber soziale Schichtung und h¨
¨
¨
Bildung in Osterreich
fand Coleman u
brigens
interessant.
Uber
die
Assistenten
¨
weiß Coleman nahezu nur Negatives zu berichten. Die Mehrheit sei, falls u
¨berhaupt fachlich qualifiziert, von minderer Qualit¨
at, die meisten allerdings garantiert falsch am Platz. Einige bez¨ogen Geh¨
alter vom IHS, obwohl sie eigentlich
an der Universit¨at besch¨aftigt seien, andere, die ein pers¨
onliches Interesse am
neuen Institut h¨atten, f¨anden keinerlei Unterst¨
utzung in ihrem Bem¨
uhen, sich
zu qualifizieren. Nach einem l¨angeren Gespr¨
ach mit einer von den Sozialisten
protegierten Assistentin f¨
ur Soziologie ist Coleman von ihrem Bem¨
uhen und Interesse ernsthaft u
¨berzeugt, aber she is a sociologist insofar as she is anything
”
academic, and she is a well-informed intelligent woman, but she is a sociologist
in the sense that all socialist intellectuals are sociologists, not in a sense that
would equip her to train a new generation of sociologists.“ Forschung f¨
ande
am Institut faktisch keine statt. Einige Assistenten schrieben Habilitationen,
andere w¨
urden an Projekten ihrer Universit¨
atsinstitute arbeiten, wodurch wenigstens irgendein Nutzen des Instituts entst¨
unde. Sagoroffs und Rosenmayrs
Universit¨
atsinstitute seien die eigentlichen Nutznießer des Ford-Instituts, und
vielleicht w¨
are es nicht schlecht, Rosenmayr formell in das Institut zu integrieren, w¨
are er doch dann gen¨otigt, auch die Interessen des IHS zu vertreten. Auf
¨
diesem Weg k¨onnte man den einzigen modernen Soziologen Osterreichs“
ge”
winnen. Am vielversprechendsten erscheinen Coleman einige der jungen Scholaren, die allerdings ihre Ausbildung selbst in die Hand n¨
ahmen oder sie offenbar
anderswo erworben h¨atten.118
Zur¨
uck in den USA, schreibt Coleman umgehend an Stone und schickt
ihm nicht nur die Chronik, sondern auch zehn Empfehlungen f¨
ur ihm not¨
wendig erscheinende Anderungen.
Das Kuratorium des IHS m¨
usse einer klaren
Kompetenztrennung zwischen den beiden Direktoren zustimmen. Die finanziellen Zuwendungen sollten so lange ausgesetzt werden, bis das Institut eine
funktionierende Einrichtung geworden sei. Die Zahl der ausl¨
andischen Scholaren und Assistenten m¨
usse erh¨oht und ihr Anteil fixiert werden, Geh¨
alter an
nicht am Institut T¨atige d¨
urften nicht mehr bezahlt werden. F¨
ur Soziologie,
¨
Okonomie
und Politologie sollte je ein department chairman“ ernannt wer”
den. Mit Hilfe des wissenschaftlichen Beirates m¨
usse rasch ein funktionierendes
System von einf¨
uhrenden Lehrveranstaltungen, die von Assistenten abgehalten
118 Coleman, Notes on Institute for Advanced Study from trip of October 22–26, 1964, Ford
Foundation, reel 2845.
¨
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173
werden sollten, von gemeinsamen Seminaren und darauf besser abgestimmten
Lehrangeboten der Gastprofessoren entwickelt werden.119
Noch w¨ahrend Colemans Wiener Aufenthalt verließ Kozlik endg¨
ultig das
Institut und starb am 2. November 1964 auf der Reise nach Mexiko in Paris
an Herzversagen. Im Mai 1965 entließ das Kuratorium Sagoroff mit goldenem
Handschlag: Er erhielt bis Jahresende sein Gehalt weiterbezahlt. Interimistisch
u
¨bernahm zuerst der ab J¨anner 1965 im Amt befindliche beigeordnete Direktor Fritz Kolb die Leitung, der Ende 1966 das IHS verließ. Mehrere Nachfolger
wechselten einander rasch ab. Von September 1965 an leitete Morgenstern ein
Jahr lang das Institut. Walter Toman u
¨bernahm interimistisch die Leitung, zog
es dann jedoch vor, eine Professur in Erlangen anzutreten. Schließlich wurde
Ernst Florian Winter, der dem Institut von Beginn an als Assistent angeh¨
ort
hatte, zum Direktor ernannt; 1968 wurde auch er mit goldenem Handschlag
verabschiedet. Erst mit der anschließenden Ernennung des Statistikers Gerhart Bruckmann 120 gelang es, den urspr¨
unglichen Ideen der amerikanischen
Gr¨
under, Finanziers und Ratgeber wenigstens nahegekommen.121
Die Ford Foundation sandte, beginnend 1963, u
¨ber sechs Jahre hinweg
j¨
ahrlich eine Viertel Million Dollar nach Wien. Von der ¨
osterreichischen Bundesregierung hieß es, daß sie dem Institut j¨
ahrlich drei Millionen Schilling zur
Verf¨
ugung stellte, was etwa der H¨alfte des Jahreszuschusses der Ford Foun¨
dation entsprach. Die Stadt Wien beteiligte sich durch die Uberlassung
des
119 Coleman Recommendations und Brief an Stone, 2. November 1964, Ford Foundation,
reel 2845.
120 Geb. 1932, studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Universit¨
at Graz 1949–1951,
Volkswirtschaft am Antioch College, USA 1951–1952, der Versicherungsmathematik an der
Technischen Universit¨
at Wien (Staatspr¨
ufung) 1952–1953, Mathematik, Physik, Statistik an
der Universit¨
at Wien 1953–1955, Versicherungswissenschaften und Statistik an der Universit¨
at Rom (Dr. phil.) 1955–1956; Habilitation aus Statistik an der Universit¨
at Wien 1966,
Referent f¨
ur Statistik an der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft 1957–1967, ordentlicher Professor an der Universit¨
at Linz 1967–1968, ordentlicher Professor an der Universit¨
at
Wien 1968–1992, Direktor des Instituts f¨
ur H¨
ohere Studien Wien 1968–1973. Sp¨
ater Abge¨
ordneter der OVP;
http://www.parlinkom.gv.at/, 14. Februar 2000.
121 Daß auch diese Ernennung nicht ohne Kalamit¨
aten abging, versteht sich angesichts des
¨ wegen des
bisher Gesagten fast von selbst. Allerdings hatte zu diesem Zeitpunkt die SPO
Ausscheidens aus der Bundesregierung eine deutlich schw¨
achere Position, aber immer noch
¨
ein Wort mitzureden. Das ¨
anderte sich nach 1970, aber die OVP
wurde danach ebenso wenig
¨ w¨
¨
u
ahrend der Alleinregierung der OVP.
Man wird es kaum glauben,
¨ bergangen wie die SPO
aber auch die Katholische Kirche spielte eine Rolle als Interventionspartei: Im September
1968 erhielt Morgenstern in Princeton einen collect call‘ eines ehemaligen Scholars des IHS,
’
der in der Zwischenzeit zwar als Dozent an der Theologischen Fakult¨
at wegen seiner offenen
Kritik an einer Enzyklika des Papstes in Schwierigkeiten geraten war, aber immer noch
vom Wiener Erzbischof unterst¨
utzt wurde. Er erkundigte sich bei Morgenstern auf dessen
Rechnung danach, ob er Direktor des IHS werden k¨
onnte, was Morgernstern und andere
¨
sp¨
ater nur wegen seiner kontroversiellen Rolle in der Offentlichkeit
f¨
ur unangebracht hielten.
Ford Foundation, reel 2845.
174
¨
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Geb¨
audes in der Stumpergasse. Die j¨ahrliche Zuwendung der Ford Foundation entsprach dem Gegenwert von sechzig Jahresstipendien der Rockefeller
Foundation dieser Zeit! Das Geld wurde in Wien mit vollen H¨
anden ausgegeben, anfangs f¨
ur exorbitante Geh¨alter, sp¨
ater f¨
ur den Aufbau einer Bibliothek,
schließlich durch den Ankauf eines leistungsf¨
ahigen IBM Computers. Aber es
blieb immer noch Geld u
osterreichischer Manier
¨brig, also legte man es in gut ¨
auf ein Sparbuch, auf dem sich in flagrantem Widerspruch zu den Vorschriften und Ideen der Geldgeber bis 1968 der Gegenwert von eineinhalb Jahreszuwendungen der Ford Foundation angesammelt hatte, ohne daß diese davon
informiert worden w¨are. Als Mitarbeiter in New York diesen Skandal entdeck¨
ten und die umgehende R¨
uckzahlung verlangten, verstanden die Osterreicher
dieses Ansinnen nicht. Man einigte sich dann darauf, daß das IHS in der Folge
insgesamt 100.000 Dollar weniger als die geplanten 1,5 Millionen Dollar erhielt.
¨
¨
Uberhaupt
scheint den Osterreichern
ihr Verhalten selten unangemessen erschienen zu sein. Meist traten sie den amerikanischen Geldgebern gegen¨
uber
recht selbstbewußt und fordernd auf. Selbstlob ersetzte dabei die Lieferung
u
ufbarer Daten. Im 1966 gestellten Verl¨
angerungsantrag hieß es:
¨berpr¨
In evaluating the achievements of the Institute it should be further born in mind that
the effects of teaching and research are always diffuse – spread over time and persons.
There is no clear pay off‘ for any institution of higher learning, especially in the short
’
run. If one had asked for example after 4 years what the achievements were of the
Institute for Advanced Study in Princeton, it would have been exceedingly difficult
to give a decisive answer other than to state that a number of excellent scholars
had been assembled. At the Vienna Institute this too has been done under far more
difficult conditions and with many more constraints, and the consequences will not
fail to make themselves felt.122
Weniger als ein halbes Jahr nach der Nationalratswahl, die zur Alleinregierung
¨
der OVP
f¨
uhren sollte, beantragten im Proporz eintr¨
achtig verbunden die beiden Vorsitzenden des Kuratoriums, Wolfgang Schmitz und Bruno Kreisky, bei
der Ford Foundation eine Verl¨angerung der F¨
orderung. Dem Antrag, dem zu
entnehmen war, daß seit der Er¨offnung vor drei Jahren 73 Gastprofessoren,
33 Assistenten und 50 Scholaren t¨atig waren und daß Ende 1966 die ersten
40 Absolventen zu verzeichnen sein w¨
urden (was eine Lehrer-Sch¨
uler-Relation
paradiesischer Dimension bedeutet), lagen Empfehlungsschreiben von Bundeskanzlers Josef Klaus, eines Vertreters der Handelskammer, des Leiters des Wirtschaftsforschungsinstituts und eines des Wiener Erzbischofs Franz K¨
onig bei,
der erkl¨
arte, daß ihn Dozent Adolf Holl u
¨ber die Arbeit des IHS informiert
habe und er diese Arbeit begr¨
uße und unterst¨
utze.
122 Wolfgang Schmitz und Bruno Kreisky an Ford Foundation, 27. Juli 1966, Ford Foundation, reel 2845.
¨
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175
IV.
Die Schilderung der Vorgeschichte und der ersten Jahre des IHS h¨
atte ohne Schwierigkeiten noch mit weiteren Details ausgeschm¨
uckt werden k¨
onnen.
Ebensogut h¨atte ich mich aber auch mit der Wiedergabe der drei Seiten langen
Final Evaluation“ Peter de Janosis begn¨
ugen k¨
onnen, aus der das diesem Text
”
vorangestellte Motto stammt. Aber vermutlich h¨
atte den harschen Urteilen des
Mannes aus dem Ausland kein ¨osterreichischer Leser und keine heimische Leserin Glauben schenken wollen.123
Ich will mich abschließend in gebotener K¨
urze der Frage zuwenden, wie
diese Wiener Episode erkl¨art werden k¨onnte. Offenkundig wurden in der Ford
Foundation schwere Fehler gemacht, aber diese Seite will ich hier undiskutiert
lassen und mich ganz auf die ¨osterreichischen Anteile an diesem Desaster konzentrieren. Mit anderen Worten geht es darum, die Debatte u
¨ber die kreativen
Anfangsjahre des eben zu Ende gegangenene Jahrhunderts auf eine u
¨ber den
anschließenden Niedergang auszuweiten.
¨
Will man das geistige Leben Osterreichs
in der zweiten H¨
alfte des zwanzigsten Jahrhunderts erkl¨aren, muß man zuerst und vor allem die v¨
ollige Unterordnung aller Teile des ¨offentlichen Lebens unter die Oberaufsicht der beiden
Parteien nennen. Die Etiketten, mit denen dieses Ph¨
anomen im Allgemeinen
bezeichnet wird: Proporz und Korporatismus, helfen wenig, wenn man herausarbeiten will, welche Auswirkungen es auf das intellektuelle Leben hatte.
Die zwei wichtigsten und f¨
ur die Wissenschaften folgenreichen Auspr¨
agungen
des Proporzsystems sind das wechselseitige Kontrollbed¨
urfnis der Nachfolgeparteien des B¨
urgerkriegs der dreißiger Jahre und die Zentralisierung dieser
Kontrolle in den H¨anden der Mitglieder der Spitze der politischen Elite. Beides
f¨
uhrt unmittelbar zur Erstarrung des sozialen Lebens, da jede Art von Initiative als Bedrohung des fragilen Gleichgewichts des Mißtrauens betrachtet
wurde. Die Zentralisierung aller Entscheidungen bei einer Handvoll von Akteuren beider Seiten hat Langsamkeit und Degradierung der minderen Mitglieder
der politischen Elite zur Folge. Verlangsamt werden alle Vorg¨
ange, weil die fehlende Arbeitsteilung unter einer gr¨oßeren Zahl von politischen Akteuren und
¨
die Weigerung der Uberantwortung
eines Teils des sozialen Lebens an andere
¨
als professionelle Politiker zur Uberforderung
der wenigen echten Machthaber
f¨
uhren muß. Das Gef¨
uhl der Machtlosigkeit muß sich dann wohl bei all jenen
einstellen, die zwar nominell in irgendeinem Gremium sitzen, aber wissen, daß
sie ohne R¨
ucksprache mit den M¨achtigsten der politischen Oligarchie nichts
123 In analoger Weise hatte de Janosi schon 1973 versucht, seinen amerikanischen Lesern das
Wiener Desaster verst¨
andlich zu machen. Er griff dazu auf einen Vergleich von Martin Shubik
zur¨
uck, der u
¨ber das Wiener Institut gesagt hatte: this place is to the Ford Foundation as
”
Viet Nam is to the U.S.“ Final Evaluation, September 10, 1973, Ford Foundation, reel 2845.
176
¨
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entscheiden d¨
urfen. Aber erst die Kombination der beiden Mechanismen hat
fatale Folgen. Der bloße Umstand, daß in allen Organisationen auf allen Ebenen Personen t¨atig sind, die entweder der Partei A oder B angeh¨
oren, ist auch
im internationalen Vergleich noch nicht ungew¨
ohnlich. Wenn allerdings diese
vielen nur jene Entscheidungen treffen d¨
urfen, zu denen sie von allerh¨
ochster
Ebene erm¨achtig worden sind, dann tritt eine Blockade gegen Ver¨
anderung auf.
An die Seite der strukturellen Versteinerung tritt der Mangel an Personen,
die gewillt oder in der Lage gewesen w¨aren, etwas Neues zu wagen. Die archivierten Akten der Rockefeller Foundation enthalten eine große Zahl von F¨
allen,
¨
wo die Stiftung bereit gewesen w¨are, Osterreichs
Sozialwissenschaftlern nach
¨
1945 Geld zu geben und, verk¨
urzt gesprochen, die Osterreicher
unf¨
ahig waren,
dieses in Empfang zu nehmen und damit etwas anzufangen. Die vergebliche
Suche nach einem f¨ahigen Direktor f¨
ur das IHS verweist damit auf den breiteren Kontext des Zustands der Sozialwissenschaften im Nachkriegs¨
osterreich
im Allgemeinen. Um den Personalmangel 124 zu erkl¨
aren, verweisen die meisten Autoren auf die Vertreibung und Ermordung der Juden, die eine L¨
ucke
gerissen h¨
atten. Dieses Bild scheint mir irref¨
uhrend zu sein. Weder im Bewußtein der Nachgeborenen der ersten Generationen noch im faktischen Sinne
existierte diese L¨
ucke. Die Mehrheit der Fl¨
uchtlinge, die sp¨
ater im Ausland
¨
sozialwissenschaftlich arbeiten sollten, ging aus Osterreich weg, ohne eine Stelle freizumachen, die jemand anderer einnehmen h¨
atte k¨
onnen. Ihre Emigration
er¨
offnete daher f¨
ur andere kaum M¨oglichkeiten, in eine L¨
ucke einzustr¨
omen und
dort eine nicht-j¨
udische Intellektuellensubkultur auszuformen. Bei jenen, die in
der hier betrachteten Periode der Zweiten Republik sozialwissenschaftlich eine
Rolle spielten, gab es weder ein Bewußtsein einer ausf¨
ullbaren L¨
ucke noch eines
einer nicht mehr wieder gut zu machenden Vertreibung.
¨
In Osterreich
traten Personen mit einem Interesse an Fragen des Sozialen –
sieht man von Teilen des Klerus ab – erst im Zuge der Expansion des terti¨
aren
Bildungswesens und des parallelen Kulturimports von Rock’n’Roll und Gesellschaftstheorie auf. Nur vier Jahre nach dem krawattenlosen Rebellen Kozlik
rumorte es auch unter den Scholaren des IHS – aber sie beriefen sich nicht auf
ihren autochtonen Vorg¨anger, sondern auf die Importwaren Kritische Theorie, Konflikttheorie und reflexive Soziologie. Erst die Ausweitung des terit¨
aren
¨
Bildungswesens, die nicht in Osterreich
erfunden wurde, sondern ein weiteres
Importgut – diesfalls aus den UNESCO und OECD Warenh¨
ausern – darstellt,
schuf sozialwissenschaftliche Studieng¨ange und erh¨
ohte die Zahl der Universit¨
atsabsolventen. So lange dieser Prozeß nicht in Gang gekommen war, also
124 Es gibt viele Indikatoren, die das zu illustrieren verm¨
ogen; erinnert sei hier nur an die
Schwierigkeit Lazarsfelds, ¨
osterreichische Studenten f¨
ur ein Stipendium in den USA zu finden.
Ich habe das am Beispiel der Rockefeller Fellows illustriert, vgl. Christian Fleck, Deutschsprachige sozialwissenschaftliche Rockefeller Fellows 1924–1964, in: Newsletter des Archivs
¨
f¨
ur die Geschichte der Soziologie in Osterreich,
H. 17, Juni 1998, 3–10.
¨
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177
vor den sechziger Jahren,125 hatte die Schicht der Intellektuellen u
¨ber mehrere
Jahrzehnte hinweg einen Kontraktionsprozeß durchlaufen, der die Zahl derer,
die als Kommunikationspartner in Frage gekommen w¨
are, auf eine derart geringe Zahl reduzierte, daß die kritische Menge f¨
ur Initiativen, Organisationen
’
’
oder Forschungszusammenh¨ange jedenfalls nie erreicht wurde. Eine detaillierte Analyse w¨
urden zeigen k¨onnen, daß was hier pauschal behauptet wurde,
vor allem f¨
ur Soziologie und Politologie gilt, w¨
ahrend in anderen Disziplinen
diskursive Rudimente den epochalen Zivilisationsbruchs u
¨berlebten; die Nachkriegspsychologen und -¨okonomen wußten immerhin noch, daß es in ihren Disziplinen fr¨
uher bemerkenswerte einheimische Leistungen gegeben hatte, f¨
ur die
zuerst genannten F¨acher wird man ein derartiges Bewusstsein in den f¨
unfziger
und fr¨
uhen sechziger Jahre mit gutem Recht in Abrede stellen k¨
onnen.
Auch die sozialmoralische Haltung der Wissenschaftler erodierte im Durchgang durch mehrere gesellschaftliche und politische Systembr¨
uche und -wechsel.
Der wichtigste Grund scheint in einem Patronagesystem zu suchen zu sein,
das vollst¨
andig partikularistisch funktionierte: Im sozialen Normfall die Mitgliedschaft in einer Partei und im Feld der akademischen Bet¨
atigung die N¨
ahe
zu einem Mitglied des universit¨aren Machtkartells, dem man sich als Gefolgsmann andient und dessen monopolistische Stellung man erben konnte, ohne
zur Erbringung irgendwelcher Leistungen gen¨
otigt zu sein, die einem an einem
anderen Ort einen Aufstieg eingebracht h¨
atte. Das Fehlen fachlicher oder sozialer Kontrolle durch Peers und das dumpfe Wissen darum, daß vor nicht allzu
langer Zeit auch universit¨are Positionen arisiert wurden, ließ die intellektuelle Unabh¨
angigkeit im Kern verrotten. Belohnt wurde in dem System, f¨
ur das
der Name des u
ur die Universit¨
aten zust¨
andigen Mi¨ber viele Jahre hinweg f¨
nisterialbeamten und sp¨ateren Ministers Heinrich Drimmel als Synonym steht,
das Bekenntnis zu diffusen ¨osterreichischen Werten und nicht die Erbringung
universalistisch pr¨
ufbarer wissenschaftlicher Leistungen.
Bleibt darauf hinzuweisen, daß Paul F. Lazarsfeld mehrfach dazu aufgefordert hatte, die Vorgeschichte des IHS zu analysieren, weil man daraus vielleicht
etwas lernen k¨onnte: Die einzigen, die diesem Appell folgten, waren Mitarbeiter
der Ford Foundation, die herausfinden wollten, warum es zum Wiener Desaster gekommen war. Die Wiener reagierten wie auch bei anderen Aufrufen,
sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, mit der charakteristischen Mischung aus Abwehr und Vereinnahmung: zum Dreißig-Jahr-Jubil¨
aum erschien
eine Festschrift.126
125 Als einfachen Indikator kann man die Zahl der Universit¨
atsstudenten nehmen. Diese Zahl
war 1956 gleich wie 1922 und steig erst in den sechziger Jahren an. F¨
ur die Identifizierung
der Schicht sozialwissenschaftliche Intellektueller sind diese Indikatoren zu grob; die ersten
Abvsolventen sozialwissenschaftlicher Ausbildungsg¨
ange gab es erst Ende der sechziger Jahre.
126 Bernhard Felderer, Hg., Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zwischen Theorie und
Praxis. 30 Jahre Institut f¨
ur H¨
ohere Studien in Wien, Heidelberg 1993.
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¨
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Abstracts
Albert M¨
uller: A short history of the BCL. Heinz von Foerster and the Biological
Computer Laboratory, pp. 9–30.
The articles presents a short outline of the history of the Biological Computer
Laboratory created in 1958 as a special research unit within the Department
for Electrical Engineering of the University of Illinois, Urbana. The founder of
the laboratory, the Austrian-born Heinz von Foerster, part of the cyberneticsmovement of the 1940ies and 1950ies, tried to develop and to “apply” findings
of the so-called Macy-group to biology with a special emphasis to problems
of perception. The consequent transdisciplinary approach of the BCL led to
certain conflicts with the main stream in the fields involved. Other conflicts
emerged on grounds of teaching experiments undertaken since the late 1960ies.
In the seventies the laboratory failed in substituting diminishing research funds
from military research ressources. In the consequence, the BCL was closed.
Ideas produced there had a major impact on other cognitive domains especially
on the social sciences in Europe.
J. Rogers Hollingsworth and Ellen Jane Hollingsworth: Radical Innovation and the
Organization of Research. An Approximation, pp. 31–66.
On the basis of broad empirical investigations the authors present a study of
28 institutions to which major discoveries in the bio-medical sciences can be
ascribed in contrast with hundred institutions doing ‘normal science’. Some
factors turned out to be of major significance for the probability to come to a
‘major break-through’. They include hybridity of the cognitive domains, ‘integrated’ or ‘organic’ structures within an institution, a high degree of horizontal
communication structures among its members and well defined goals.
Jerald Hage: The Innovation of Organizations and the Organization of Innovations,
pp. 67–86.
The author describes the prerequesites of innovation in companies and other
organizations from a comparative and trans-cultural perspective. The notion of
complex division of labour turns out to be the difficult balance between differentiation and de-differentiation of the activities of the single actors involved in
organizations. ‘Risk-taking strategies’ and integrated cultures of organization
represent two groups of factors influencing innovation. Then, this categories
¨
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gained in the context of management research is applied to research institutions.
Karl H. M¨
uller: How new things emerge, pp. 87–128.
The question of the emergence of the ‘new’ is not raised very often as an explicit
problem. The article has two primary aims. Firstly, the notion of the new will
be defined in terms of normal science and various aspects of ‘novelty’ will be
introduced. In a second step four contexts of analyses are proposed. For each of
these contexts sketches of explanations and models are described. This should
allow a common view on the fields of knowledge, sciences, technology, and all
other domains which produce new ensembles permanently
Christian Fleck: How new things do not emerge. The founding of the Institute of
Advanced Study in Vienna by ex-Austrians and the Ford-foundation, pp. 129–178.
On the basis of recently discovered sources the author is able to rewrite the
prehistory and early history of the Viennese Institut fuer Hoehere Studien as a
complex story of communications decision-making and revising decisions within
a small group of Austrian emigrees (among them: Friedrich von Hayek, Paul
Lazarsfeld, and Oskar Morgenstern), American foundations, Austrian government officials and a group of Austrian social scientists profiting from the development. The Austrians sides in many ways apparently unable to transscend
their own interest of the day produced a series of obstacles and barriers to
establish this new institute. Thus, the massive impact of American money apparently produced a variety of unintended effects and consequences.
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Ruth Beckermann
Toleranz und Zeitgeschichte
Am 20. Oktober 1999, noch unter dem
Eindruck des Plakatgelbs in den Wiener Straßen, noch unter dem Eindruck
der patriotischen Solidarisierungen und
Imagetouren, der Ausfl¨
uchte und Abwiegelungen, schrieb ich auf:
Was jetzt noch fehlt, ist ein Haus der
”
Toleranz. Bauen wir ihr ein Haus, wo wir
sie besuchen k¨
onnen, die alte Oma. Groß
soll es sein und hell; wir wollen ja lange
dort verweilen, ausruhen von der b¨
osen
Gegenwart. Vor Kaffee und nach Kuchen
wollen wir uns ersch¨
uttern lassen von Bildern abgemagerter KZler, Gaskammern
und allem, was sonst noch bewegen und
betroffen machen k¨
onnte, um dann, innerlich gel¨
autert, auf die Straßen Wiens
hinauszutreten. Aufatmen.“
Jetzt lieben wir sie wieder, die vorher
doch unheimlich gewordene Stadt. Jetzt
lieben wir sie wieder, unsere Stadt, wo
keiner mordet, nicht einmal die Straßenkehrer verh¨
ohnt und auf die Knie gezwungen werden. Jetzt st¨
oren uns die
Plakate nicht mehr. Ist doch alles halb
so schlimm.
Ja, bauen wir uns ein Haus der Toleranz. Nach Waldheim gab’s ein J¨
udisches Museum, klein und provinziell,
∗
Rede anl¨
aßlich der Enquete Jenseits der
’
H¨
auser. Sinn und Unsinn einer Museali¨
sierung der Zeitgeschichte in Osterreich‘,
21. J¨
anner 2000, Institut f¨
ur Zeitgeschichte,
Wien.
¨
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doch die Torten sind gut und den Touristen gef¨
allt’s.
Nun, bei Haider und den Seinen, muß
schon was Gr¨
oßeres her – ein ganz großes
Haus, das zuf¨
allig niemand als B¨
uroraum
begehrt. Die Lage, sie ist wichtig. Denn
man muß sich zu diesem Asyl durchschlagen, an Plakatgelb vorbei, vielleicht bald
wirklich schlagen. Aber so schlimm wie
auf den Photos, die uns dort empfangen,
wird’s nicht werden. Keine Panik.
Das ist neu, das ist noch keinem eingefallen. Das ist wienerisch. Ein HolocaustMuseum zur Verharmlosung der gegenw¨
artigen Gemeinheit, Rohheit und
Menschenverachtung. Endlich hat der
Holocaust auch bei uns hier einen praktischen Nutzwert, der eine Ausstellung
lohnt.
Ein Haus der Toleranz. Une maison de
la tolerance. Das ist ein Puff. Ein geduldetes Haus eben. Das haben inzwischen
auch schon diejenigen bemerkt, die sich
dieses Projekt ausdachten. Das ist peinlich und schade, w¨
urde der Name Haus
”
der Toleranz“ doch gut zu den von allen vier Parteien eingebrachten Toleranzantr¨
agen, ja aller vier, daran kann man
schon die im Parlament waltende Toleranz erkennen, passen. Brauchen wir bei
einem solchen Parlament u
¨berhaupt noch
eine maison?
Kann es sein, daß keiner weiß, daß die
Begriffe Toleranz und Intoleranz Verh¨
altnisse zwischen Ungleichrangigen bezeich-
181
nen Duldung eben. Oder soll es so sein
Soll in diesem Haus die Duldung von Juden und Fremden gepredigt werden
Ja, es soll so sein; inzwischen habe
ich die rote Haus der Toleranz“-Studie1
”
und die schwarze Haus der Geschich”
2
te“-Studie gelesen. Toleranz, nicht Menschenrechte, Toleranz, nicht einmal Dialog, wird da gepredigt. Gepredigt wird
auf jeden Fall. Aus einem Bewußtsein
heraus, das nicht nur hinter die Deklaration der Menschenrechte zur¨
uckf¨
allt, sondern hinter jenes der Kirche, der echten,
katholischen, die immerhin bereits von
Dialog spricht, um die Gleichrangigkeit
der Glaubensgemeinschaften zu betonen.
Auf Seite 25 der roten Studie wird
vorgeschlagen, dieses Haus der Tole”
ranz“ k¨
onnte auch den Namen eines
”
durch den Holocaust umgebrachten Menschen tragen“ – der Holocaust als T¨
ater,
einen muß es ja geben. Vorstellbar
”
w¨
are“, heißt es weiter, etwa der Na”
me eines Kindes, da durch einen Kindernamen das Unschuldsmoment‘ der Op’
fer st¨
arker in den Vordergrund gestellt
w¨
urde.“ Ist der Revisionismus inzwischen
soweit fortgeschritten, daß man meint,
mit ermordeten Kindern, vielleicht auch
noch blonden, u
ussen, daß
¨berzeugen zu m¨
Auschwitz kein Straflager war Oder sassen die Verfasser nach ihren Studienreisen in die USA der Illusion auf, Wien
k¨
onne Hollywood werden Der Holocaust
auch bei uns zu einem Produkt der Unterhaltungsindustrie, das Haider konkurrenziert. Wie in Amerika will man den Holocaust ausstellen. Will man und will man
doch nicht. Auf einer der wenigen inhaltlichen Seiten der Studie heißt es: Zen”
traler inhaltlicher Punkt der Ausstellung ist der Holocaust mit seinen spezifischen zentraleurop¨
aischen Aspekten“. Also ein Holocaust-Museum, gleich f¨
ur ganz
Zentraleuropa, schließlich war Wien ja
einmal Residenzstadt. Nein, doch nicht,
denn gleich darauf heißt es: Allerdings
”
182
ist nicht erneut das Trauma zu illustrieren, sondern eher die Fassungslosigkeit
seiner Entwicklung angesichts der aufzeigbaren Normalit¨
at j¨
udischen Lebens
im Zentrum Europas.“ Der Holocaust als
Trauma, als illustrierte Fiction. Doch ein
Remake ist nicht geplant, soll das Trauma doch nicht erneut illustriert werden.
Der Holocaust dient diesem Projekt
durchgehend als Vorwand, ja er wird bereits im ersten Satz der Studie f¨
ur die
Existenzberechtigung eines Hauses der
”
Toleranz“ instrumentalisiert. Der Holocaust, heißt es da, sei Ausgangspunkt f¨
ur
”
die Bestimmung eines Hauses der Toleranz.“ Also doch ein Holocaust-Museum
Nein, denn wie sich gleich im n¨
achsten
Absatz zeigt, will man – vom Ausgangspunkt weg – die gesamte ¨
osterreichische
Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts
darstellen.
Nicht allein aus Zeitgr¨
unden kann ich
hier nur polemisch und kursorisch auf
die vorliegenden Studien eingehen. Beide Machbarkeitsstudien lassen leider Vorarbeiten und Grundlagen vermissen, von
denen die Diskussion erst ausgehen k¨
onnte. Damit meine ich einerseits die Reflexion des heutigen Standes der wissenschaftlichen Forschung und Diskussion zu
Fragen des kollektiven Ged¨
achtnisses, der
Erinnerungskultur, der Museologie etc.
Andererseits eine Reflexion der Ver¨
anderungen des ¨
osterreichischen Geschichtsbildes in den letzten beiden Jahrzehnten, eine Standortbestimmung aus heutiger Sicht und erst davon abgeleitet, Vorstellungen u
¨ber die Zielrichtung des jeweiligen Projekts. Die bisher ge¨
außerte
Kritik an den beiden Projekten konzentriert sich stark auf den ersten Punkt,
auf die Frage nach Sinn und Unsinn einer
Musealisierung von Zeitgeschichte.
Ich kann die grunds¨
atzliche Kritik vieler Kollegen an der Einrichtung von Museen nicht teilen. Es zeigt sich, daß gerade mit zunehmender Virtualisierung un¨
OZG
11.2000.1
serer Kommunikation, sowohl die Schaffung ¨
offentlicher Foren der Begegnung
im st¨
adtischen Raum an Bedeutung gewinnt, wie auch die pers¨
onliche Anwesenheit bei Veranstaltungen wie der heutigen, die wir rein technisch gesehen auch
als Chat im Netz h¨
atten abhalten k¨
onnen.
Wann immer ein neues Medium entsteht, prophezeihen Studien die Verdr¨
angung der ¨
alteren Medien, ob es sich
nun um TV und Buch oder CD-Rom
und Museum handelt. Und Gegenstudien, vor allem aber die Realit¨
at, beweisen,
daß durch neue Entwicklungen keine Verdr¨
angung, sondern eine Ver¨
anderung aller Kunstformen bewirkt wird. Das Kino hat das Theater nicht ersetzt, und der
Fernseher nicht das Kino.
Die Darstellung von Geschichte in
einem Museum ist der Entwurf eines kollektiven Selbstbildes in einem bestimmten historischen Moment, n¨
amlich dem
der Er¨
offnung. Wobei es nat¨
urlich nicht
um Objektivit¨
at gehen kann, wie sie die
Haus der Geschichte“-Studie einfordert.
”
Man m¨
ochte dort zum Beispiel das in
”
den letzten zwei Jahrzehnten internatio¨
nal in Diskussion geratene Bild Osterreichs objektivieren.“ 3 )
Ein Selbstbild“, schreibt Jan Phil”
ipp Reemtsma im Katalog der Ausstellung 200 Tage und ein Jahrhundert‘,
’
ein Selbstbild stimmt in einem trivialen
”
Sinn sowieso nie. Es handelt sich immer
um den Ausdruck eines Bed¨
urfnisses, wie
man die Tatsachen gerne sehen m¨
ochte“.2
Andererseits sei es von nicht geringer Bedeutung, wie beschaffen das Bild ist, das
einer – oder eine Generation, ein Land,
eine Kultur, von sich entwirft.
Damit komme ich zur zweiten, meines
Erachtens nach wesentlichsten Voraussetzung jeglichen Geschichts- bzw. Erinnerungsprojekts: Der Reflexion des Wandels
des ¨
osterreichischen Selbstbildes und der
Analyse der aktuellen Situation. Ob nun
die ¨
osterreichische Geschichte des zwan¨
OZG
11.2000.1
zigsten Jahrhunderts ausgestellt werden
soll oder die Geschichte des Holocaust,
in beiden F¨
allen wird der Bewußtseins¨
stand Osterreichs
zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts dokumentiert.
Und genau da beginnen die Schwierigkeiten, denen die Autoren auszuweichen versuchen. Etwa vierzig Jahre lang war die
Irrealisierung des Nazismus die ¨
osterreichische Form, mit der Vergangenheit umzugehen. Irrealisierung ist weder Vergessen noch Leugnen. G¨
unther Anders nennt
es eine Aktion, die in den u
¨blichen Mo”
ralschemata nicht vorkommt.“ 3 Irrealisieren bedeutet, unmoralische Handlungsweisen mit einer Ausnahmesituation wie
Krieg, Hunger, ich w¨
urde hinzuf¨
ugen,
auch Wahlk¨
ampfe, zu rechtfertigen und
so – wie bei Nichtbegangenem – der
Notwendigkeit von Analysen und Konsequenzen zu entkommen.
Auf der pers¨
onlichen, politischen und
wirtschaftlichen Ebene wurde das Dritte
Reich aus der Kontinuit¨
at der ¨
osterreichischen Geschichte ausgeklammert. Auch
Historiker, die in den 70er und achtziger
Jahren heftig z. B. u
atzung
¨ber die Einsch¨
des St¨
andestaates stritten, waren sich
im wesentlichen einig, wenn es um den
¨
sog. Kampf um Osterreich“
ging, den
”
die einen patriotisch verbr¨
amten, die
anderen antifaschistisch-patriotisch darstellten. W¨
ahrend in der Bundesrepublik Deutschland die Auseinandersetzung
mit der Massenvernichtung der Juden im
Zentrum der Besch¨
aftigung mit der NS¨
Zeit stand, ging in Osterreich
mit der
1.Republik auch die Geschichte unter, um
¨
mit Osterreich
II wieder aufzuerstehen.
Proporz, Opferl¨
uge und Antisemitismus
hielten die Zweite Republik mehr als vierzig Jahre lang pr¨
achtig zusammen.
Dann trat Kurt Waldheim auf und es
wurde gelb auf den Straßen und ein Lichtstrahl fiel in die dunklen sieben Jahre.
Man wird nie wirklich wissen, ob es aus
Naivit¨
at oder Dummheit geschah, jeden183
falls hatte sich der Pr¨
asidentschaftskandidat Waldheim nicht an die gewohnte
Praxis der offiziellen Opferl¨
uge gehalten,
von der die gesamte Bev¨
olkerung wußte,
daß sie ein Schm¨
ah ist, den sie jedoch augenzwinkernd als – g¨
unstigen – Preis f¨
ur
Wohlstand und Wohlgef¨
uhl akzeptierte.
Jedenfalls war der Geist aus der Flasche.
¨
¨ die im
Ubrigens
war es nicht die FPO,
Jahre 1986 Jetzt erst recht“ gelb plaka”
¨ die gegen die
tierte und nicht die FPO,
Ostk¨
uste“ herzog. Es waren diejenigen,
”
die dieses Land mit Proporz, Opferl¨
uge
und Antisemitismus fest zusammenhielten.
Trotzdem und gleichzeitig ging ein
Aufatmen durchs Land, als sich das Bewußtsein der Kriegsgeneration‘ endlich
’
demaskierte. Es schien, als w¨
urde die Irrealisierung der NS-Zeit langsam der Bereitschaft weichen, sich der Tatsache zu
¨
stellen, daß die Osterreicher
als Kollektiv
auf Seiten der T¨
ater standen, und gleichberechtigt mit den Deutschen dem¨
utigten, raubten und mordeten; hier ums
Eck und wo immer sie als pflichterf¨
ullende F¨
uhrer und Untertanen des Dritten
Reichs hinkamen.
Was geschah seither Einerseits gab es
einen Boom an wissenschaftlicher, aber
auch schulischer, medialer, ¨
offentlicher
Besch¨
aftigung mit der NS-Zeit und mit
¨
den Spuren j¨
udischen Lebens in Osterreich bzw. deren Ausl¨
oschung. Von den
Eichm¨
annern bis zum Kunstraub, auf
vielen Gebieten wurde die ¨
osterreichische T¨
aterschaft erforscht und bewiesen.
Vranitzky-Rede, Einrichtung des Nationalfonds und der Historikerkommission
zeigen ein z¨
ogerliches, doch tendenzielles
Zugeben der Beteiligung am Massenmord
und, was schwieriger ist, weil eben mit
Konsequenzen verbunden, am Raub des
j¨
udischen‘ Verm¨
ogens.
’
Andererseits und parallel dazu begann
der Aufstieg Haiders trotz oder wegen
seiner allen bekannten Ausspr¨
uche, das
184
Eindringen seiner Partei in alle Gesellschaftsschichten. Resultat: die Pogromstimmung des gelben Herbstes 1999 und
¨
die Regierungsbeteiligung der FPO.
Der Erfolg einer rassistischen, mit Elementen des Nazismus spielenden Ideologie f¨
uhrt – wie der Erfolg Waldheims –
bei einer Mehrheit der Bev¨
olkerung nicht
zu Abgrenzung und politischem Kampf,
sondern zu patriotischer Solidarisierung,
d. h. zur Emp¨
orung gegen das emp¨
orte
Ausland“, das sich wieder einmal ein”
mischt. Statt Analysen h¨
ort man vor allem Verschiebungen, Ausfl¨
uchte, Moralpredigten.
Erstaunlich an beiden Projektvorschl¨
agen ist nun, wie sehr sie sich immer
noch an der Opferl¨
uge abarbeiten und
wie sehr sie – jeder auf diametral andere Art – zu einer Irrealisierung bzw. Mythologisierung des Holocaust tendieren.
Das Haus der Geschichte“-Projekt
”
entledigt sich der Problematik auf die
bew¨
ahrte Weise. 20 Jahre erste Repu”
blik und St¨
andestaat, 7 Jahre Drittes
Reich und 55 Jahre 2. Republik“ lautet
das Programm und jeder weiß, was gemeint ist. N¨
amlich: Davor war man interessant, danach war man fesch und dazwischen war man net da. Die simple
propagandistische Ausrichtung des Projekts wird offen angesprochen, n¨
amlich
¨
das Bild Osterreichs
im Ausland korrigieren zu wollen. Die Funktion eines solchen Hauses der Geschichte“ scheint die
”
eines Heimatmuseum zu sein, in dem man
sich in einer un¨
uberschaubaren, rasch
ver¨
andernden Welt der eigenen Existenz
und ihrer Kontinuit¨
at versichert. In Anbetracht der Umbr¨
uche und Identit¨
ats¨
krisen, in denen sich Osterreich
seit dem
Ende des Kalten Krieges und der Entstehung eines sich nach Osten ausweitenden
Europa befindet, k¨
onnte meiner Ansicht
nach die Diskussion eines neuen Selbstbildes anhand eines – allerdings nicht parteigebundenen und u
¨berhaupt ganz an¨
OZG
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deren – Museumsprojekts durchaus spannend sein.
Das Haus der Toleranz“-Projekt w¨
ahlt
”
einen anderen, neuen Fluchtweg aus der
Verantwortung. Nicht zur¨
uck in die alte
Opferl¨
uge, sondern hin¨
ubergewechselt zu
¨
den Opfern, was zur unreflektierten Ubernahme von Ideen aus den USA und Israel f¨
uhrt, zu einem Sprung in die OpferIdentit¨
at.
Das Haus der Toleranz“-Projekt ver”
sucht einen Perspektivenwechsel. Es versucht, Inhalte und Formen, die in den
¨
Gesellschaften der Alliierten und Uberlebenden m¨
oglich sind, in eine T¨
atergesellschaft zu u
¨bernehmen. Auf diese Weise fl¨
uchtet es vor der Auseinandersetzung
mit der T¨
aterseite, setzt also auf neue
Weise die Opferl¨
uge fort. Es wird nicht
allein geleugnet und ausgeklammert, sondern man eignet sich die Opferpersepektive einfach an. Das Gegen¨
uber wird nicht
mehr ben¨
otigt. So kommt man wahrlich
ohne Dialog aus.
Solange man sich nicht ernsthaft mit
der Tatsache auseinandersetzt, daß die
¨
Osterreicher
genauso dem¨
utigten, mordeten und raubten wie die Deutschen, wird
man zur Verharmlosung der Jahre 1938–
45 nach Amerika, Zentraleuropa oder in
die Nichtexistenz fl¨
uchten m¨
ussen. Solange man die Pogromstimmung des Herbstes 1999 ebenso irrealisiert wie man jede einzelne Haider-Aussage ihrer Konsequenzen beraubt, k¨
onnen auch die als
Fremde imaginierten Anderen in diesem
Land lediglich toleriert werden.
dert; in: Hamburger Institut f¨
ur Sozialforschung (Hg.), 200 Tage und 1 Jahrhundert.
Gewalt und Destruktivit¨
at im Spiegel des
Jahres 1945, Hamburg 1995, 58.
5 G¨
unther Anders, Die Schrift an der Wand.
Tageb¨
ucher 1941–1966; M¨
unchen 1967, 147.
Anmerkungen:
1 Anton Pelinka u. a., Machbarkeitsstudie
f¨
ur ein Haus der Toleranz“, Wien 1999.
”
2 Stefan Karner u. Manfried Rauchensteiner,
¨
Haus der Geschichte der Republik Osterreich
¨ Machbarkeitsstudie, im Auftrag des
(HGO).
BMUK, Graz, Wien u. Klagenfurt 1999.
3 Ebd., 25.
4 Jan Philipp Reemtsma, ...und 1 Jahrhun-
¨
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185
G¨
otz Aly
Adolf Eichmanns sp¨ate Rache
Das im M¨
arz vom israelischen Staatsarchiv freigegebene Eichmann-Manuskript
liegt in maschinenschriftlich transskribierter Fassung vor. Sie ist bequem lesbar, enth¨
alt aber zahlreiche Schlampereien. Der rieg gegen Angland“ entr¨
atselt
”
sich leicht, Dr. Fledscher“ heißt Feld”
scher, Gl¨
acks“, Gl¨
ucks usw.; wo das
”
Wort ansiedeln“ mit kenntnisfreier Hart”
n¨
ackigkeit in aussiedeln“ verkehrt wur”
de, hilft nur spezielle Quellenkunde
weiter; an Freud geschulte politische
Psychologie wird gebraucht, wo schon
im Inhaltsverzeichnis Deportationsangelegenheiten zu Reparationsangelegen”
heiten“ werden.
Adolf Eichmann hatte den Text als
Selbstdarstellung angelegt. Der Arbeitstitel G¨
otzen sollte ausdr¨
ucken, daß der
sp¨
ater eines Besseren belehrte Autor die
NS-F¨
uhrer lange vergottet, ihnen mit al”
len Fasern“ geglaubt hatte. Dem Autobiographen erlaubte der Titel zudem die
gelegentliche, verfremdende Distanz: Je”
des Jahr einmal, im Herbst, hielten die
G¨
otter Heerschau. Sie stiegen von ihrem
Olymp herab und zeigten sich in breiter
Front den Massen ...“ Oder: Inzwischen
”
war ich l¨
angst zum Offizier avanciert
und meine Verhaftung an die G¨
otter war
noch bindender geworden.“ Vollst¨
andig
sei diese Verhaftung“ allerdings nie ge”
wesen. Zum Beispiel begr¨
undete Hitler seine ber¨
uhmt-ber¨
uchtigte Androhung
zur Vernichtung der j¨
udischen Rasse in
”
186
Europa“ mit der angeblichen Kriegstreiberei des internationalen Finanzjuden”
tums“. Nein“, ereifert sich Eichmann
”
u
¨ber mehrere Seiten, die internationale
”
Hochfinanz war und ist mit das gr¨
oßte al¨
ler Ubel;
daran gibt es nichts zu r¨
utteln.
Aber hier den Tenor auf das Wort Jude‘
’
legen, heißt die Sachlage verkennen.“
Alternativ zu G¨
otzen erwog Eichmann
den bildungsb¨
urgerlichen Titel Gnothi
”
seauton“, was salopp soviel meint wie
Geh’ in dich“, pathetischer: Bedenke die
”
Grenzen deines Menschseins. Einen noch
unbestimmten Lektor bat er um gelegentliche Satzauflockerung“, damit sein
”
sachlich- n¨
uchterner Amtsstil‘ leich”
’
ter lesbar“ w¨
urde; der Schutzumschlag
sollte einfarbig in Perl- oder Tauben”
grau“ gehalten sein, die Titelei in kla”
rer, liniensch¨
oner Schrift“. (Auch wenn
es geschichtspolitisch t¨
atige Graphiker
hartn¨
ackig ignorieren, das nationalsozialistische Deutschland hatte die Frakturschrift als unmodern verp¨
ont und in den
Schulen die lateinische anstelle der deutschen Schreibschrift eingef¨
uhrt.)
Das u
at¨berlieferte Konvolut von 676 Bl¨
tern gliedert sich in drei Teile. Teil I handelt von der Judenpolitik in Deutschland,
¨
Osterreich,
B¨
ohmen und M¨
ahren, dem
annektierten und besetzten Polen, ver”
bunden damit die Stellung des Befehlsempf¨
angers im Durcheinander mit seiner Innenschau“. Teil II befaßt sich mit
Deportationsangelegenheiten in 12 eu”
¨
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rop¨
aischen L¨
andern“. Teil III f¨
uhrt zum
inneren Monolog nach dem Sturz des
”
eben noch G¨
ultigen“. Den beiden ersten
Teilen ist jeweils eine lange Liste von numerierten Beweisdokumenten angef¨
ugt,
die alle in den Jerusalemer Prozeß eingebracht worden waren. Im laufenden Text
verweist Eichmann auf diese gerichtsbekannten Urkunden.
Der Exposition folgt die wirre, oft
endlos wiederholende Durchf¨
uhrung, die
von jeder noch so bescheiden angesetzten
Druckreife weit entfernt bleibt. Gleichwohl hielt der Autor seine Arbeit am
6. September 1961 f¨
ur im wesentlichen
abgeschlossen. Mit dem Abstand von
zwei Monaten vermerkte er im November, er halte das Geschriebene nach dem
¨
abermaligen Uberfliegen
f¨
ur gelegentlich
”
unvollst¨
andig“, zu leer und zu ober”
fl¨
achlich“, auch f¨
uhlte er sich durch die
m¨
ogliche israelische Zensur seines Manuskripts gehemmt: Am liebsten w¨
are
”
mir, ich k¨
onnte es ausf¨
uhrlicher u. freundlicher neufassen.“ Es handelt sich also um einen Text, den Eichmann nicht
f¨
ur endg¨
ultig gehalten hat, wobei sich
sein Z¨
ogern und seine sp¨
ateren Ver¨
anderungen haupts¨
achlich aus der Furcht erkl¨
aren, einzelne S¨
atze k¨
onnten zu seinem
Nachteil ausgelegt oder gedeutet“ wer”
den. Einige Passagen strich er nicht nur,
er machte sie unleserlich, vorzugsweise in
den historisch interessanteren Partien.
Wie in seinen polizeilichen und gerichtlichen Aussagen hielt sich Eichmann
beim Schreiben der G¨
otzen strikt an sein
Verteidigungskonzept. Demnach hatte er
sich f¨
ur eine planvoll gelenkte Auswan”
¨
derung“ der Juden aus innerer Uberzeugung eingesetzt, um den Bedr¨
angten
– was verantwortungsethisch gerechtfertigt erscheinen sollte – zum kleinsten al”
¨
ler Ubel“
zu verhelfen. Die Transformation dieses teilweise realisierten Vorhabens zum Massenmord habe sich infolge der Kriegslage ergeben, befohlen von
¨
OZG
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den G¨
ottern und Unterg¨
ottern“. Eich”
mann bestreitet die Massenerschießungen, Todeslager und Gaskammern nicht.
Wie im Prozeß spricht er vom kapital”
sten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte“, dem gr¨
oßten und gewaltigsten
”
Todestanz aller Zeiten“.
Er selbst habe sich aber dabei stets
korrekt verhalten und den Verfolgten die
insgesamt bedrohliche Situation eher erleichtert als erschwert. Alle seine Schreibtischtaten, die zur Endl¨
osung‘ beitrugen,
’
will Eichmann nur auf Befehl, im Zustand
der Pers¨
onlichkeitsspaltung“ begangen
”
haben, weil seine innere Stimme ihm zwischen Fahneneidbruch“ und Staatsver”
brechen keinen Ausweg gewiesen habe.
Diese prozeßrechtlich legitime Argumentation ist in jedem Punkt unwahr. Hunderte von Dokumenten zeigen das Gegenteil: Die Lust des u
ung¨ber seine urspr¨
lichen Bildungsgrenzen hinaus aufgestiegenen SD-Offiziers an der großen organisatorischen Herausforderung wie an der
kleinen pers¨
onlichen Gemeinheit. Eichmann war nicht der Architekt des Ho”
locaust“ (eine Figur, die es ohnehin nicht
gab), aber er war um praktische, vor allem praktikable Vorschl¨
age zum Deportieren, Erschießen und Vergasen niemals
verlegen. Und diese Art von extrem destruktiver Konstruktivit¨
at erwartete er
von seinen nachgeordneten Mitarbeitern.
Sie alle begriffen ihre Arbeit als kreative Herausforderung. Sie dachten mit, waren teamf¨
ahig, identifizierten sich mit ihrer Aufgabe – hoch motivierte Mitarbeiter.
Wo es um seine eigentliche T¨
atigkeit geht, l¨
ugt Eichmann, verschweigt,
schwindelt sich an der Wahrheit entlang, beruft sich auf Befehle oder weicht
auf anekdotisches Spielmaterial aus: etwa
h¨
ochst geheime Ermittlungen u
¨ber die zu
einem Zweiunddreißigstel getr¨
ubte Rassenreinheit der Di¨
atk¨
ochin des F¨
uhrers“,
”
Fr¨
aulein Eva Braun. Seine besonders
187
langatmigen Einlassungen zur Sache, zu
einzelnen, im Grunde unwichtigen Dokumenten und Interpretationen w¨
ahrend
der Beweisaufnahme, wirken wie verzweifelte Nachtr¨
age des Angeklagten f¨
ur seine realen Richter, die die Beweisaufnahme zwar abgeschlossen, aber weder
den Schuldspruch noch das Strafmaß
verk¨
undet hatten.
Im allgemeinen ist der Text in einem
berichtenden, schubweise im kitschigliterarisierenden Stil gehalten. Zum Beispiel: Die deutschen Panzer rasselten
”
durch Prag. Die goldene Stadt an der
Moldau. Slata Praha‘ wie der Ceche zu
’
seiner Hauptstadt sagt.“ Da gleiten dann
die Blicke aus vertr¨
aumten G¨
aßchen hoch
zum Veitsdome, da umweht, raunt und
k¨
undet es im gar heimeligen st¨
adtebaulichen Kleinod. Papperlapapp. Diese Methode funktioniert auch, wo es um die inneren Folgen einer Massenerschießung bei
Minsk geht. Eichmann will nur als versp¨
ateter, angewiderter Zwangszuschauer
teilgenommen haben, der sich hernach die
Spritzer eines Kindergehirns vom Mantelaufschlag wischen lassen mußte. Das besorgte zwar sein Fahrer, Eichmann ging
es, folgt man seiner Darstellung, dennoch
nicht gut: Ich fand keine Ordnung mehr
”
im Wollen und Willen des Waltens.“
Aber er kann auch n¨
uchterner: Noch
”
als SS-Obersturmbannf¨
uhrer k¨
ußte ich
sehr herzlich meine halbj¨
udische Cousine, die mich mit meinem Vater auf
meiner Dienststelle besuchte, und man
brach am Abend in einer netten Weinstube in Belin einigen netten Flaschen
den Hals. Und warum sollte ich meine
bildh¨
ubsche zwanzigj¨
ahrige halbj¨
udische
Cousine nicht k¨
ussen, sagte ich zu meinem st¨
andigen Vertreter‘, dem Sturm’
bannf¨
uhrer G¨
unther; so was kann doch
unm¨
oglich Reichsverrat sein. Er hatte
diesbez¨
uglich strengere Auffassungen.“
Selbst wenn diese Episode zurechtgesch¨
ont sein wird, so steht doch fest, daß
188
Eichmann keine besonderen antisemitischen Pr¨
agungen erfahren hat. Sich selbst
ordnet er als durchschnittlichen Vertreter seiner Generation ein, der von tau”
send Idealen beseelt gleich vielen anderen in eine Sache hineingeschlittert“ sei,
als Jungaktivisten des nationalen Aufbruchs. Zugleich sieht er sich als Passivum, als eines von vielen Pferden in den
”
Sielen“, die gem¨
aß dem Willen und den
”
Befehlen der Kutscher weder nach links
noch nach rechts ausbrechen konnten“.
Seine Neigung zur metaphorisch vielgestaltigen Umschreibung des R¨
adchens in
dem Uhrwerk, das andere stets von neuem aufgezogen haben sollen, sind aus
den publizierten Vernehmungs- und Prozeßaufzeichnungen gut bekannt, neuerdings auch aus dem Film Ein Spezialist. Solche scheinauthentischen Dokumentenfetzen, die der erkl¨
arten Verteidigungslinie eines Schreibtischm¨
orders folgen, werden gern ins Erinnerungsangebot
ger¨
uckt, weil sie ein handliches Bild vom
autorit¨
aren, absolut uncoolen, und daher
fernen Zwangscharakter bieten.
Wo k¨
amen wir hin, wenn einer beispielsweise so anfinge: Meine gef¨
uhls”
m¨
aßigen politischen Empfindungen“, so
außert sich Eichmann in seinen G¨
otzen
¨
mehr als einmal, lagen links, das So”
zialistische mindestens ebenso betonend
wie das Nationalistische.“ Er und seine Freunde h¨
atten w¨
ahrend der Kampfzeit den Nationalsozialismus und den
”
Kommunismus der sozialistischen Sowjetrepubliken“ als eine Art Geschwister”
kinder“ angesehen. Am Ende hat Willy
Brandt wom¨
oglich Recht, der in einem
seiner letzten, nachdenklich-befreiten Interviews zu Protokoll gab, im Grunde seien sich am Ende der Weimarer Republik die j¨
ungeren Anh¨
anger rechts- oder
linksradikaler Parteien sehr ¨
ahnlich gewesen. Genug. Die biographische Disposition mag f¨
ur die Einordnung des nationalen
Sozialismus in gr¨
oßere Zusammenh¨
ange
¨
OZG
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von Interesse sein, daf¨
ur wird Eichmann
allenfalls als Fußnote gebraucht. Die historischen Fragen richten sich an den
Fachmann f¨
ur Judendeportation und vernichtung.
Da viele einschl¨
agige Entscheidungen ausdr¨
ucklich nur m¨
undlich verhandelt, die meisten Schriftst¨
ucke vors¨
atzlich
1944/45 verbrannt wurden, und die u
¨berlebenden Tatbeteiligten anschließend zur
wahrheitsgem¨
aßen Auskunft nicht bereit
waren, st¨
utzt sich die gesamte HolocaustForschung allein auf die F¨
ulle dokumentarischer Bruchst¨
ucke und -st¨
uckchen.
Die Kunst besteht in der Verifizierung
und in der plausiblen Zuordnung. Niemand hat das zentrale, f¨
ur sich selbst
sprechende Dokument je gefunden. Es
existiert nicht. Auf dem Weg gewissenhafter Detailkunde ist es in den vergangenen Jahrzehnten jedoch gelungen,
die Kenntnisse u
¨ber die Vorgeschichte
und den Ablauf des Mordes an den europ¨
aischen Juden stark zu verdichten.
Viele Fragen konnten so gekl¨
art und außer Streit gestellt werden.
In engen Grenzen wird Eichmanns Manuskript dieser Forschung weiterhelfen.
Nehmen wir zum Beispiel den 1940, nach
der Niederlage Frankreichs, entwickelten Plan, alle Juden aus dem deutschen
Machtbereich nach Madagaskar zu verschleppen. Eichmann behauptet im Sinne seiner Verteidigungsstrategie, er habe
dieses Umsiedlungsprojekt erfunden. Unsinn, das zeigen die Dokumente eindeutig. Dann heißt es aber: Ich pers¨
onlich
”
gedachte die Dinge der Insel an Ort und
Stelle zu steuern. Dazu hatte ich bereits
die Genehmigung meiner Vorgesetzten
erwirkt. Es w¨
are bestimmt kein Konzentrationslager geworden. Und sieben Millionen Rinder auf der Insel waren ein beruhigender Schatz. Bis hoch in das Jahr
1941 arbeitete ich an der Realisierung.“
Der letzte Satz ist gelogen, weil ein von
ihm unterzeichneter Vermerk f¨
ur Himm¨
OZG
11.2000.1
ler beweist, daß Eichmann den Madagaskarplan sp¨
atestens am 4. Dezember 1940
aufgegeben hatte und wenige Wochen
danach auf die Ostrauml¨
osung“ setz”
te: auf die Deportation der europ¨
aischen
Juden in die noch zu erobernden, extrem unwirtlichen nord¨
ostlichen Zonen
der Sowjetunion. Unbekannt, aber durchaus m¨
oglich ist seine Bewerbung um
die Leitung des geplanten Reservats“.
”
Immerhin wurden im Sommer 1940 –
der Achsenpartner Italien stand bereits
in Somalia – in der Kanzlei Hitlers
schon Namen f¨
ur den Gouverneursposten in einem wiedereroberten DeutschOstafrika gehandelt. Mehr noch: Obwohl
es in den einschl¨
agigen Studien (etwa
bei Markus Brechtgen) u
¨bersehen wird,
so sind von einigen Mitarbeitern Eichmanns just aus dieser Zeit Tropentauglichkeitspr¨
ufungen, ja sogar entsprechende Impfungen im einstigen Nazi-Archiv
Erich Mielkes u
¨berliefert. Die Herren bereiteten sich also ganz pers¨
onlich auf die
insulare L¨
osung der Judenfrage“ vor.
”
Warum nicht auch Eichmann
Der Madagaskar-Plan schloß den Tod
von Hunderttausenden Deportierten unausgesprochen ein, war aber von der Massenvergasung noch weit entfernt. Daher
ist Eichmanns Hinweis auf die sieben Millionen Rinder von Interesse. Warum diese
Zahl Drei der Gutachten, die professorale Hilfsverbrecher im Rahmen des Madagaskarprojekts w¨
ahrend der Sommermonate 1940 erstellt haben, sind bekannt.
Sie handeln, unterk¨
uhlt gesagt, von den
r¨
aumlichen Verh¨
altnissen der Insel, von
der tats¨
achlichen sowie der angeblich
m¨
oglichen Besiedlungsdichte und von der
montanwirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit. Aus Erfahrung – und nach Eichmanns Hinweis erst recht – spricht manches daf¨
ur, daß auch ein Agrarwissenschaftler an der Vorbereitung dieses geplanten Deportationsverbrechens mitgewirkt hat. Vielleicht l¨
aßt sich ein solches
189
Gutachten noch finden im Nachlaß eines
ber¨
uhmten und verdienten Großvaters.
Wenn ja, dann w¨
urden die Kenntnisse
u
osung“ um
¨ber die Geschichte der Endl¨
”
ein Faktum erg¨
anzt, an das sich m¨
oglicherweise neue Fragen anschl¨
ossen.
Groteske Spekulationen haben sich in
der Fachliteratur um eine Reise Eichmanns gerankt, die dieser nach einer Aussage von Rudolf H¨
oß, des Kommandanten von Auschwitz, Anfang September
1941, unternommen haben soll. Der Termin deckte sich mit der inzwischen widerlegten, vor zehn, zwanzig Jahren herrschenden Meinung, in den Tagen vor dem
31. Juli 1941, auf dem H¨
ohepunkt der
”
Siegeserwartung im Krieg gegen die Sowjetunion“, sei der Mord an den europ¨
aischen Juden endg¨
ultig beschlossen
worden, und eben deshalb – logisch! –
sei Eichmann Anfang September nach
Auschwitz gereist.
Erst nach langer Zeit schoben j¨
ungere Wissenschaftler diesen Beweis‘ als un’
zuverl¨
assige Aussage beiseite und datierten die Entscheidung immer weiter in
Richtung Winter, auf die Niederlage vor
Moskau. Dem standen die zu Anfang
eher unbestimmten, schwankenden Angaben Eichmanns entgegen, die dieser in
seinen ersten polizeilichen Vernehmungen
gemacht hatte. Sie wurden im begrenzten
Manuskriptdruck rasch publiziert und
standen daher als die Eichmann-Quelle
an vielen Orten zur Verf¨
ugung.
Wie im Film Ein Spezialist, der
die Hauptverhandlung dokumentiert, gab
Eichmann hinsichtlich seiner Reisen auch
in den G¨
otzen die wahrscheinlich richtigen Daten an: Im Herbst 1941 besuchte er eine Massenerschießung in Minsk,
sp¨
ater – vermutlich im November – das
noch im Bau befindliche Vernichtungslager Belcez, die Gaswagenstation Chelmno (Kulm) n¨
ordlich von Lodz inspizierte er w¨
ahrend des Vernichtungsbetriebs im Januar und erst danach, im
”
190
Fr¨
uhjahr 1942“, das Vernichtungszentrum Auschwitz: H¨
oß, der Komman”
dant, sagte mir, daß er mit Blaus¨
aure
t¨
ote. Runde Pappfilze waren mit diesem Giftstoff getr¨
ankt und wurden in die
R¨
aume geworfen, worin die Juden versammelt wurden. Dieses Gift wirkte sofort t¨
otlich.“
Aus den L¨
anderkapiteln im Abschnitt II
der G¨
otzen soll hier der sp¨
ate und extreme Fall Ungarn herausgegriffen werden. Es ist durchaus glaubhaft, wenn
Eichmann berichtet: Sein Vorgesetzter
Heinrich M¨
uller habe ihm um den
10. M¨
arz 1944 herum m¨
undlich mitgeteilt, Himmler habe die Evakuierung
”
s¨
amtlicher Juden aus Ungarn, aus strategischen Gr¨
unden von Ost nach West
durchk¨
ammend, befohlen“. Deshalb hatte sich Eichmann umgehend nach Mauthausen zu begeben und sp¨
ater nach Budapest, nachdem Hitler am 18. M¨
arz
die Besetzung des bis dahin verb¨
undeten Landes angeordnet hatte. Eichmann
organisierte mit Hilfe seines Kommandos und einer ¨
außerst kooperativen ungarischen Gendarmerie binnen knapp acht
Wochen die Deportation von 437.402
j¨
udischen M¨
annern, Frauen und Kindern nach Auschwitz. Solange, bis der
nicht v¨
ollig entmachtete, adelige Reaktion¨
ar Horthy die Deportation der Budapester Juden wenigstens vor¨
ubergehend
unterbinden konnte. Nach dem 15. Oktober 1944 organisierte Eichmann dann
die Fuß- und Todesm¨
arsche eines Teils
der bis dahin entronnenen Juden in Richtung Wien und Mauthausen. Totz oder
wegen des schnellen Vorstoßens der Roten Armee blieb es sein erkl¨
artes End”
ziel“, noch die v¨
ollige Ausr¨
aumung des
”
ungarischen Raumes zu erreichen“.
An diesem ungeheuren letzten Massenverbrechen beteiligten sich beachtliche Teile der ungarischen Verwaltung
und Bev¨
olkerung, das deutsche Ausw¨
artige Amt, der Milit¨
arbefehlshaber Un¨
OZG
11.2000.1
garn, der Reichsbevollm¨
achtigte, und
Himmlers Wirtschaftsbeauftragter wirkten ebenfalls mit. Diese Verantwortlichen
hatten nach dem Krieg m¨
oglichst viel von
ihrer Schuld auf den totgeglaubten, jedenfalls verschwundenen Eichmann abgew¨
alzt und mit dem T¨
aterkreis auch die
sehr verschiedenen, einander verst¨
arkenden Deportationsmotive und -interessen
eingeschr¨
ankt. Schon deshalb sind die
achtzig von Eichmann dazu verfaßten
Seiten als Quelle lesenswert. Um ein
ann¨
ahernd realistisches Bild zu gewinnen,
m¨
ussen die unterschiedlichen Schutzbehauptungen der einstigen Komplizen miteinander konfrontiert werden. Es ist
nicht Eichmann zuzurechnen, was das
Ausw¨
artige Amt seinerzeit an den Chef
der deutschen Besatzungsverwaltung in
Budapest telegraphierte: Ich bitte Sie,
”
den Ungarn bei der Durchf¨
uhrung aller
Maßnahmen, die sie in den Augen unserer Feinde kompromittieren, nicht hinderlich in die Arme zu fallen. Es liegt sehr
in unserem Interesse, wenn die Ungarn
jetzt auf das allersch¨
arfste gegen die Juden vorgehen.“
Eichmann hat in Ungarn hunderte erschlagene, erschossene, zusammengebrochene J¨
udinnen und Juden gesehen, hunderttausende in den Tod geschickt. In
seinem Bericht u
¨ber die letzten Monate des G¨
otzen“-Reiches finden sich al”
lein von Tieffliegern zerhackte Deut”
sche“. Um die Jahreswende 1944/45 kehrte er dann nach Berlin zur¨
uck. Wegen der
anglo-amerikanischen Bomber stank es
”
dort nach verbranntem Fleisch und verwesenden Leichen“, das war f¨
ur diesen
einfachen Befehlsempf¨
anger doch unangenehm, weswegen f¨
ur ihn – eine Rose auf
das Grab von Bomber-Harris – an eine
”
geregelte Beh¨
ordenarbeit nicht mehr zu
denken war“.
In Jerusalem sah sich Eichmann gut
f¨
unfzehn Jahre sp¨
ater als Opfer einer
Siegerjustiz – zweierlei Maß, zweierlei
”
¨
OZG
11.2000.1
Recht!“ Einsicht und Reue zeigt er an
keiner Stelle. Wenige Tage nachdem die
Arbeit an dem Manuskript abgeschlossen
war, bot ein Pfarrer in Ruhe, Paul Achenbach, dem 1906 in Solingen geborenen
und evangelisch getauften Adolf Eichmann seelsogerischen Beistand an. Er riet
ihm brieflich, sich im Lichte der Ewigkeit und der m¨
oglichen Gnade Gottes der
ganzen Schuldfrage an der Vernichtung
”
der Juden“ zu stellen. Er solle vor dem irdischen und damit dem himmlischen Gericht bekennen, wie er zum willf¨
ahri”
gen Werkzeug“ geworden war. Frech”
heit!!“ vermerkte der Adressat am Rand
und legte den Brief als letztes Blatt zu
den G¨
otzen.
191
Rezensionen
Klaus Naumann, Der Krieg als Text.
Das Jahr 1945 im kulturellen Ged¨
achtnis
der Presse, Hamburg: Hamburger Edition
1998.1
Klaus Naumanns Studie liest sich wie ein
spannender Roman, und die Medienberichterstattung u
¨ber das Jahr 1945 mutet
oft tats¨
achlich wie Fiction an. Was Medien schreiben und welche Realit¨
aten diskursiv konstruiert werden, ist trotz unseres kritischen Wissens immer wieder
u
¨berraschend! Oder doch nicht u
¨berraschend, wenn man die Schwierigkeiten
des Umgangs mit belastenden Vergangenheiten bedenkt. Ich rezensiere dieses
Buch aus mehreren Perspektiven: als interessierte Leserin; als Forscherin, die mit
anderen Methoden eine ¨
ahnliche, allerdings interdisziplin¨
are Studie mit Florian
Menz, Richard Mitten und Frank Stern
u
¨ber o
¨sterreichische Gedenkkultur unternommen hat; und letztlich als Diskursforscherin, nicht jedoch als Politikwissenschaftlerin oder als Historikerin. Dementsprechend fokussiere ich einerseits die
wichtigsten inhaltlichen Str¨
ange und Resultate der Studie, andererseits Fragen
der Methode und der Diskursforschung.
Den politologischen und historischen Forschungszusammenhang in Deutschland
muß ich aus Mangel an Kompetenz aussparen.
Naumann untersucht die Berichterstattung in lokalen, regionalen und nationalen Zeitungen in Deutschland zu
den Gedenkfeiern und Gedenken der Ereignisse von J¨
anner bis Mai 1945 im
Jahr 1995. Ganz unterschiedliche Bege192
benheiten kommen da vor: die Bombardierungen von N¨
urnberg, Dresden und
anderen deutschen St¨
adten durch die Alliierten; Menschen auf der Flucht; die
Befreiung der Konzentrationslager, insbesondere von Auschwitz; Stellenwert
und Wirkung der Wehrmachtsausstellung
Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944; Kapitulation, Befreiung und Besatzung; letztlich die Berichterstattung zum Gedenken u
¨ber den
8. Mai 1945. Jede Stadt und jedes Dorf
besitzen ihre eigenen Erinnerungen, die
in dieser Zeit hochkommen und wieder
verdeckt werden, also nur in bestimmter
Form zugelassen werden.
Eingebettet ist dieser Diskurs der Erinnerung und des Gedenkens in eine Vielzahl f¨
ur Deutschland wichtiger Momente, die allerdings von Naumann nur kurz
oder nicht in Erw¨
agung gezogen werden, jedoch f¨
ur eine solche Berichterstattung wesentlich w¨
aren: Das Ausland
hat bestimmte Erwartungen, schaut zu
und bewertet die Erinnerungs- und Gedenkkultur der Deutschen. Es stellen sich
die Fragen von Schuld, Scham, Reue
und Wiedergutmachung in bezug auf die
Kriegsverbrechen und Verbrechen an der
Menschheit. Welchen Einfluß besitzt die
signifikant andere Nachkriegsgeschichte
der beiden Deutschland sowie die Wiedervereinigung in diesem Zusammenhang
Wie sieht die Erinnerungs- und Gedenkkultur in anderen europ¨
aischen L¨
andern
aus, wobei zu unterscheiden ist zwischen
damals okkupierten L¨
andern und solchen, die mit Deutschland ideologisch
und praktisch zusammengegangen sind
¨
OZG
11.2000.1
Zu Beginn stehen theoretische und methodische Erw¨
agungen. Allerdings fehlt
eine wesentliche Er¨
orterung: Welche Vorstellung von einer richtigen‘ und ad¨
aqua’
’
ten‘ Erinnerungs- und Gedenkkultur gilt
Naumann als Maßstab f¨
ur seine Analyse und Interpretation Denn eine solche
Vorstellung m¨
ußte vorhanden sein, um alle Medienereignisse einordnen und beurteilen zu k¨
onnen.2 Kein Forscher, keine
Forscherin tritt als tabula rasa an Texte heran, Texte werden immer auf ein bestimmtes Vorwissen, kognitiv wie emotional auf bestimmte Werte und Einstellungen bezogen. Die Pr¨
asentation der Daten ist niemals nur n¨
uchtern, sondern immer auch wertend und klassifizierend. Die
¨
theoretischen Uberlegungen
zu Beginn
beziehen sich vor allem auf Einfluß und
Wirkung von Texten und von Zeitungen,
besonders in bezug auf die Funktionen
des Gedenkens. Hier fehlen Bez¨
uge auf
die reichhaltige kommunikationstheoretische und diskursanalytische Literatur zur
diskursiven Konstruktion von Realit¨
aten
durch die Eliten und durch Zeitungen3
und auch der methodische Vergleich oder
die Abgrenzung von ¨
ahnlichen Analysen.
Das methodische Verfahren wird kurz auf
den Seiten 27 und 28 beschrieben, ausgehend von dem Satz Der Text ist der
”
Text“. Naumann bezieht sich auf die Arbeiten der Frankfurter Schule und auf
die qualitative Inhaltsanalyse. Der zitierte Satz bleibt unkommentiert; Verfahren
und Instrumentarium werden nicht ausgef¨
uhrt. Das sind gewiß M¨
angel, die aber
relativiert werden m¨
ussen, denn Naumann schreibt kein traditionell akademisches Buch, sondern eines, das lesbar sein
und breit rezipiert werden soll. Es ist sicher schwierig, die richtige Balance zwischen Wissenschaftlichkeit und Lesbarkeit zu finden; meiner Meinung nach ist
es dem Autor hervorragend gelungen, LeserInnen zu fesseln und wichtige Informationen spannend zu pr¨
asentieren. Und
¨
OZG
11.2000.1
dies ist meines Erachtens relevanter, als
wissenschaftlichen Kriterien in allen Details Gen¨
uge zu leisten. Wichtig ist daher die Absicht des Autors, die er folgendermaßen zusammenfaßt: Der vorliegen”
de vielgliedrige Textkorpus wird vielmehr
als Dokument betrachtet. Doch gefragt
wird nicht danach, ob dieses Dokument
die historischen Vorg¨
ange, u
¨ber die berichtet wird, richtig‘ wiedergibt oder ob
’
die gemeldeten Ereignisse und Vorg¨
ange
so stattgefunden haben, wie sie im Text
beschrieben werden.“ (28 f.) Fokussiert
wird also ausschließlich der Text, anders
als in dem diskurshistorischen Ansatz der
Studie u
osterreichische Geden¨ber das ¨
ken, wo eine Vielzahl von Genres einbezogen und im Sinne der Rekontextualisierung von Topoi und Argumentationen miteinander konfrontiert wurde (Reden, elektronische Medien) und die diskursiv konstruierten Geschichtsbilder dekonstruiert und implizite und explizite
Ideologien herausgefiltert wurden. Naumanns Anspruch ist ein anderer. Er analysiert schl¨
ussig und koh¨
arent eine riesige
Menge von Daten (Zeitungsartikel, Serien, Schlagzeilen, Annoncen, Leserbriefe,
Fotos usw.), wobei er von folgenden drei
Hypothesen ausgeht:
1. Zun¨
achst ergibt sich aus der hier
”
vorgetragenen Skizzierung des Kontextes, daß die Textproduktionen des Gedenkjahres unter einer dreifachen Herausforderung standen. Sie hatten auf veranderte erinnerungspolitische Rahmen¨
bedingungen zu reagieren, mußten sich
– implizit oder explizit – mit dem Generalthema deutscher Schuld beziehungsweise Verantwortung auseinandersetzen,
und sie hatten u
¨ber kollektive Schockerfahrungen zu berichten. Doch dies war
nicht die einzige Erfahrung, die sich in
den Texten mitteilte.
2. Es ist deutlich geworden, daß die
Presse im erinnerungskulturellen Feld
zweierlei Funktionen wahrnimmt, die sich
193
nur analytisch trennen lassen: Sie erinnert, rekapituliert und erz¨
ahlt – und
sie gedenkt, mahnt und belehrt. Erinnern und Gedenken aber stehen in
einem antinomischen Verh¨
altnis zueinander. W¨
ahrend das Erinnern sich als offener, unabgeschlossener und diskursiver
Prozeß darstellt, lebt das Gedenken vom
verbindlichen und endlichen Ritus. Wie
Emile Durkheim bemerkte, ist das eine
profan‘, das andere heilig‘. Kurzum, die
’
’
Doppelfunktion der Presse, Museum wie
Andachtsraum in einem zu sein, mußte
zu weiteren Verwerfungen in den Texten
f¨
uhren.
3. Schließlich geben die Texte einen
Eindruck von kollektiven Befindlichkeiten. Indem sie – anl¨
aßlich des Gedenkjahres – die symbolische N¨
ahe oder Ferne des Krieges und des Kriegsendes zur
Sprache brachten, vollzogen sie eine bestimmte Form der Selbstthematisierung
dieser Gesellschaft in ihrem Verh¨
altnis
zum Krieg. Es war nicht die geringste Herausforderung an die Zeitungsbeitr¨
age des Gedenkjahres, welcher Selbstund Fremdbilder sie sich bedienten. Wenn
sie von den Deutschen‘ schrieben, wen
’
meinten sie damit Waren das Besieg’
te‘ und/oder Befreite‘ Wer war Opfer‘
’
’
und wer T¨
ater‘ in den Geschichten vom
’
Ende Wo verflochten sich diese Unterscheidungen – und wo war an ihnen festzuhalten Und was besagte das alles im
Hinblick auf die deutsche Gegenwart der
neunziger Jahre “(29 ff.)
Diese drei Ausgangsfragen bestimmen
die Analyse und Ordnung der untersuchten Texte wie auch die Interpretationen.
Alle drei Hypothesen sind wichtig und
auch u
¨ber die deutsche Situation hinaus relevant: Die Fragen von Schuld und
Verantwortung bestimmen die diskursive
Verarbeitung. Wie die Analyse der Be¨
richterstattung 1988 in Osterreich
zeigen
konnte, war das stille und auch expli¨
zite Ubereinkommen,
von einer ¨
osterrei194
chischen Schuld abzusehen und sich als
Opfer der deutschen Besetzung zu begreifen, Voraussetzung f¨
ur den Duktus
der Erinnerung und des Gedenkens, von
ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. In
Deutschland stellt sich diese Situation
aber grunds¨
atzlich anders dar, ein Rekurs auf einen Opferstatus ist so nicht
m¨
oglich. Wie soll man sich aber dann
der Frage der Schuld stellen, noch dazu in den Nachkriegsgenerationen Richard Mitten4 gibt dazu recht differenzierte Antworten f¨
ur die ¨
osterreichische Nachkriegssituation und unterscheidet zwischen verschiedenen Opferdiskursen. Außerdem m¨
usse man sich mit der
rechtlichen, pragmatischen und moralischen Ebene auseinander- und sich auch
in die damalige Zeit hineinversetzen.5 Die
Nachkriegsdiskurse in die Untersuchung
der Gedenkkultur einzubeziehen, h¨
atte
sicherlich auch f¨
ur Deutschland einen
wichtigen Stellenwert.6
Naumann betont die kollektiven WirDiskurse und die Perspektive der deutschen Ingroup. In den Zeitungen gehe
es vor allem um eine deutsche Sicht.
Trotzdem bleibt die Frage bestehen, wer
eigentlich die Opfer und wer die T¨
ater
sind: Bombenopfer, Zivilopfer, Menschen
auf der Flucht, Juden und Lagerinsassen
Eine genaue Analyse der Akteure im
”
Text“ 7 w¨
urde in diesem Fall auch die semantische Konstituierung der Agenten in
ihren unterschiedlichen Rollen und Funktionen erlauben.
Nach der Besichtigung der Ausstellung
u
¨ber den Vernichtungskrieg. Verbrechen
der Wehrmacht 1941 bis 1944, die bekanntlich vehemente Skandale ausl¨
oste
und damit auf das Tabu und den Mythos
rund um die Wehrmacht hinwies, oder
des Holocaustmuseums in Washington
wird klar, daß das Ausmaß an Schrecklichkeit, organisiertem Verbrechen und
letztlich Sadismus derart u
altigend
¨berw¨
ist, daß wahrscheinlich die meisten da¨
OZG
11.2000.1
von in unterschiedlicher Weise betroffenen Menschen unter der Last des Geschehenen zusammenbrechen oder sich
nur mit Leugnen, Aufrechnen, Verzerren und Rationalisieren retten k¨
onnen.
Wie Klaus Naumann schl¨
ussig nachweist,
herrscht letztlich Stille u
¨ber Auschwitz
(91 ff.), denn es konnte bislang keine
ad¨
aquate Form des Erinnerns und Gedenkens gefunden werden. Der Ausweg
besteht darin, zu schweigen. Gleichzeitig wird Auschwitz zu einem kollektiven
Symbol. Welche ad¨
aquate Form des Gedenkens w¨
are denn m¨
oglich Wie kann
man sich differenziert und auch kritisch
mit solchen Ereignissen und Realit¨
aten
auseinandersetzen Naumann trifft mit
diesen Fragen genau in die offene Wunde der Gedenkversuche.
Die analytischen Trennungen von Er’
innern‘ und Gedenken‘ und profan‘ und
’
’
rituell‘ sind fruchtbar und bestimmen
’
auch die Pr¨
asentation der ausgew¨
ahlten
Texte. Zwar ist die Intention der TextproduzentInnen nicht bekannt, aber die
Wirkung auf die LeserInnen k¨
onnte fallweise getestet werden. In diesem Buch
k¨
onnen wir nur die Wirkung auf einen Leser, den Autor, nachvollziehen, eine bestimmte Lesart. Fokusgruppen oder Interviews mit LeserInnen h¨
atten die Wirkung der Berichterstattung zumindest
punktuell einfangen k¨
onnen. Also bleibt
die Frage bestehen: Wie haben LeserInnen reagiert Teilweise erfahren wir dies
durch Leserbriefe, die jedoch mit Vorsicht
zu behandeln sind. Ansonsten gibt der
Autor keine Hinweise auf die Wirkung der
Texte, daher gelten die Annahmen u
¨ber
die Entwicklung der deutschen Gedenkdiskurse nur beschr¨
ankt und bleiben spekulativ.
Die Pressetexte selbst sind ambig, teilweise belehrend, teilweise berichtend und
auch voll von Floskeln, die die rituelle
Funktion belegen. Klar tritt die Tabuisierung einiger Themen aus der Analy¨
OZG
11.2000.1
se hervor, die M¨
oglichkeit, anderer zu gedenken, und manche k¨
onnen tats¨
achlich
auch berichtet und erinnert werden. Beeindruckend gestalten sich die Erinnerungen von BewohnerInnen von kleinen
St¨
adten, die tats¨
achlich erst kurz vor
Kriegsende mit dem Krieg und der Gewalt konfrontiert wurden. Daß Naumann
auch regionale und lokale Medien einbezieht, ist eine St¨
arke seiner Arbeit.
Die dritte untersuchungsleitende Fragestellung ist besonders interessant: Welches Image oder welche Bilder werden
konstruiert, welche Ingroups und Outgroups durch bestimmte Etiketten und
Akteure kreiert Diese Analyse zeigt die
Widerspr¨
uche in der Presseberichterstattung auf und auch die Systematik, den
Versuch, mit Etiketten Ereignisse zu benennen und damit auch in eine bestimmte Richtung zu interpretieren. Die Kapitel u
¨ber die Wehrmacht (124 ff.), u
¨ber das
Kriegsende (171 ff.) und u
¨ber den 8. Mai
1945 (227 ff.) machen die unterschiedlichen Narrative explizit. Mitten8 schl¨
agt
f¨
ur das Verstehen, wie Vergangenheiten
konstruiert und verarbeitet werden, die
Metapher der Mozartkugel vor. Letztlich
entscheide bei den vielen Schichten der
Mozartkugel die Macht der Eliten (und
dazu geh¨
oren Zeitungen), welche Vergangenheitsbilder als g¨
ultig und repr¨
asentativ anerkannt werden. In Naumanns Materialien lassen sich die unterschiedlichen
Geschichtsbilder gut nachvollziehen, die
immer auch bestimmte Werte und Ideologien manifestieren. Und daher stellt sich
die spannende Frage, welches Narrativ
u
ultig
¨ber die deutsche Kriegsgeschichte g¨
bleiben und etwa in Schulb¨
ucher Eingang
finden wird oder schon gefunden hat.
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie werden von Naumann in drei Punkten zu Ende des Buches res¨
umiert
(308 ff.): Der unterschiedliche Umgang
mit Auschwitz und anderen Lagern weise auf eine Historisierung und gleichzei195
tig auf eine Enthistorisierung hin. Manche Ereignisse gew¨
annen eine internationale und europ¨
aische Dimension, andere verschw¨
anden letztlich in die Schublade. Weiters zeige sich, wie schwierig
es ist, mit dem 8. Mai 1945 umzugehen
¨
(¨
ahnlich und anders in Osterreich).
In
der Suche um eine neue deutsche Identit¨
at m¨
usse ein Gr¨
undungsmythos gefunden werden. Im Zuge der Wiedervereinigung werde dies neu debattiert, doch
zeichne sich noch keine L¨
osung‘ ab, die
’
Konstruktion einer oder mehrerer deutscher Identit¨
aten bleibe umstritten und
schwierig. Letztlich bleibe zu fragen, wie
man zum Konzept des Krieges und der
Gewalt steht: Wer sind die T¨
ater und wer
die Opfer Dar¨
uber herrsche in der Presse
keine Einigkeit: Stimmen aus den einzelnen D¨
orfern stoßen auf Erz¨
ahlungen von
Zeitzeugen und Politikern. Naumann gelingt es, dieses Stimmengewirr plastisch
zu illustrieren.
Klaus Naumann hat ein sehr lesbares, spannendes Buch geschrieben und
eine Unmenge von Material meisterhaft
in eine Collage verpackt. Durch die Vielfalt der Texte gewinnt man Einblick in
die Widerspr¨
uchlichkeiten der heutigen
Gesellschaft in Deutschland, und man
versteht, wie schwierig der Umgang mit
den schrecklichen Vergangenheiten ist. Es
muß jedoch nochmals angemerkt werden, daß diese Studie kein wissenschaftliches Buch im traditionellen Sinne ist,
daf¨
ur fehlen wichtige Elemente. Als Methode wird zwar die Inhaltsanalyse benannt (siehe oben), nirgendwo sind jedoch die Kategorien abgeleitet und definiert. Das Auswahlverfahren der Texte bleibt unklar; die einzelnen Textsorten
innerhalb der Zeitung werden nicht getrennt, was aber aus diskursanalytischer
Sicht notwendig gewesen w¨
are, denn ein
Kommentar ist signifikant anders getextet als ein Bericht. Die vielf¨
altige Verwendung linguistischer Termini und dis196
kursanalytischer Begriffe bleibt f¨
ur eine
Fachfrau verwirrend: Welchen Diskursbegriff verwendet Naumann, was sind etwa Verwerfungen eines Textes“ Trotz
”
dieser M¨
angel ist dieses Buch ein wichtiger und sehr aufschlußreicher, blendend
geschriebener Essay, der viele relevante
Fragen zur Aufarbeitung von Vergangenheit illustriert und einer breiten Leserschaft zug¨
anglich macht. Damit erf¨
ullt es
eine sehr wichtige Aufgabe: n¨
amlich gerade Tabuthemen in einer Weise zu pr¨
asentieren, die akzeptabel ist und nicht sofort
Widerstand und Abwehr hervorruft. Es
ist zu hoffen, daß Naumanns Buch auch
in Schulen Eingang finden und zur Reflexion verhelfen wird.
Ruth Wodak, Wien
Anmerkungen
1 Ich bin Richard Mitten und Alexander
Pollak f¨
ur ihre wichtigen und anregenden Bemerkungen sehr dankbar.
2 Vgl. Ruth Wodak u. a., Wir sind alle un”
schuldige T¨
ater“, Frankfurt am Main 1990,
sowie dies. u. a., Die Sprachen der Vergangenheiten, Frankfurt am Main 1994.
3 Beispielsweise Teun Van Dijk, Ideology,
London 1998, sowie Robert Fowler, Language in the News, London 1995.
4 Richard Mitten, Jews and other Victims.
The Jewish Question‘ and Discourses of Vic’
timhood in post-war Austria. Delivered to
the Conference The Dynamics of Antisemi”
tism in the Second Half of the Twentieth
Century“ SICSA, Jerusalem, June 1999.
5 Siehe auch Tony Judt, The Past is Another Country. Myth and Memory in Postwar
Europe, in: Daedalus 121 (Fall 1992), sowie
Istvan Deak, A Fatal Compromise The Debate Over Collaboration and Resistance in
Hungary, in: East European Politics and Societies 9 (Spring 1995), 209–23.
6 Vgl. Frank Stern, The Whitewashing of the
Yellow Badge, London 1990.
7 Theo Van Leeuwen, The Representation of
Social Actors, in: Roa Caldas-Coulthard u.
Malcolm Coulthard, Hg., Texts and Practices, London 1997, 32–70.
¨
OZG
11.2000.1
8 Richard Mitten, The Politics of Antisemitic Prejudice. The Waldheim Phenomenon in
Austria, Boulder (Co.) 1992.
Johanna Gehmacher, V¨
olkische Frauenbe”
wegung“. Deutschnationale und national¨
sozialistische Geschlechterpolitik in Osterreich, Wien: D¨
ocker 1998.
Johanna Gehmachers Buch u
¨ber die
Frauenpolitik der Deutschnationalen und
¨
der Nationalsozialisten in Osterreich
zwischen 1920 und 1938 bietet eine differenzierte Analyse von Organisationsstrukturen, Zielen und Aktivit¨
aten des
weiblichen, v¨
olkischen Milieus vor 1938
und konfrontiert diese mit Selbstaussagen und r¨
uckblickenden Einsch¨
atzungen der Aktivistinnen. Die Autorin zeigt
die Unterschiede in den frauenpolitischen
Programmen der beiden Parteien, aber
auch und vor allem, wie u
¨ber gemeinsame Aktivit¨
aten und die Konstruktion
einer v¨
olkischen Frauenbewegung“ das
”
deutschnationale Milieu im Nationalsozialismus aufging.
Das Buch gliedert sich in drei große
Kapitel zur deutschnationalen und zur
nationalsozialistischen Geschlechterpolitik sowie zu den Koalitionen v¨
olki”
’
scher‘ Frauen“ zwischen 1933 und 1938.
In allen Kapiteln wird die Darstellung der Organisationsformen und Ideologien der Parteien mit sozialhistorischen und geschlechterpolitischen Analysen verkn¨
upft. Den Abschluß der Kapitel bilden biographische Untersuchungen prominenter Parteifrauen, in denen
die zuvor erarbeiteten Ergebnisse noch
einmal verdichtet dargestellt werden. Johanna Gehmacher versteht ihre Arbeit
auch als einen Beitrag zur neueren Nationalismusforschung, indem sie nach der
Konzeption der Nation aus geschlechterpolitischer Sicht fragt. Die gedach”
te Ordnung“ (M. R. Lepsius) der Nati-
¨
OZG
11.2000.1
on ist f¨
ur die hier untersuchten Gruppen
identisch mit einer rassistisch definierten
deutschen Volksgemeinschaft‘. Es war
’
dieser Begriff der Volksgemeinschaft‘,
”
der eine tragf¨
ahige Br¨
ucke zwischen den
zun¨
achst unterschiedlichen geschlechterpolitischen Konzeptionen der GDVP und
der NSDAP schuf und somit eine zentrale Funktion f¨
ur ein Zusammengehen der
beiden Gruppen u
¨bernahm.
In der Großdeutschen Volkspartei,
1920 als konservative Sammlungspartei
gegr¨
undet, gab es nur geringe Vertretungsm¨
oglichkeiten f¨
ur Frauen. Zugleich
bot jedoch der Charakter einer Sammlungspartei einzelnen Frauen M¨
oglichkeiten zur Agitation und zum Aufbau
von Gruppenzusammenh¨
angen. Die Gesamtpartei behinderte zwar den Ausbau solcher Frauenvereine nicht, da sie
auch auf die weiblichen W¨
ahler angewiesen war, doch zeigte man im Großen
und Ganzen eher Desinteresse an frauenpolitischen Themen. Auf diese Weise zugleich begrenzt und frei, konnten
großdeutsche Politikerinnen wie Emmy
Stradal daran gehen, Frauenfragen in
die Partei zu integrieren. Themen wie
die Ausbildung der M¨
adchen, Erwerbsfragen lediger Frauen, die Ehegesetzgebung oder Gleichstellungsfragen wurden,
oft in enger Zusammenarbeit mit dem
¨
Bund Osterreichischer
Frauenvereine“,
”
intensiv diskutiert und fanden zum Teil
auch eine Formulierung in Gesetzesvorhaben. Das großdeutsche Frauenvereinsmilieu, insbesondere der Reichsverband
”
Deutscher Frauenvereine“, bildete dabei
einen g¨
unstigen Rahmen f¨
ur die Initiativen der Politikerinnen – die dann allerdings an der nicht vorhandenen Vertretung von großdeutschen Frauen im Nationalrat und der Ignoranz m¨
annlicher Politiker scheiterten. Nach offizieller Parteimeinung sollten Frauen vor allem f¨
ur
Frauenthemen agitieren, doch verstanden die großdeutschen Politikerinnen ih197
re T¨
atigkeit eher als gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Frauenpolitik sei Ausdruck
einer Politik, die dem Wohl der Gemeinschaft, n¨
amlich der Volksgemeinschaft,
¨
diene. Uber
die Verkn¨
upfung der Kategorien Mutter‘ und Volk‘ wurden (v¨
olki’
’
sche) Frauen als die berufenen Vork¨
amp”
ferinnen des Gedankens der Volksgemeinschaft“ gedacht und somit in das Zentrum großdeutscher Politik ger¨
uckt. Alle Frauen seien Hausfrauen und/oder
M¨
utter und h¨
atten daher – anders als
die M¨
anner – u
¨berwiegend gemeinsame
Interessen. Die B¨
urgerin wurde auf diese
Weise als Hausfrau definiert und eine vorgebliche sozial¨
ubergreifende Interessenidentit¨
at hergestellt. In der politischen
Programmatik der GDVP spiegelte sich
dieser Anspruch wider: Man verstand sich
als eine Partei der Volksgemeinschaft,
war aber tats¨
achlich vorwiegend eine Partei der antiklerikal eingestellten Mittelschichten und des Beamtentums. Gerade im Themenkomplex Hausfrauenpoli’
tik‘ zeigte sich deutlich die politische Zielrichtung der GDVP-Frauen sowie einiger
Vorfeldorganisationen wie z. B. dem Ver”
band deutscher Frauen Volksgemein’
¨
schaft‘“. Uber
die Einrichtung von Hauswirtschaftskammern sollte ein spezifisch
weiblicher Zugang zur Politik konstruiert werden, der in seiner st¨
andischen
Grundlage aber der demokratischen Ver¨
fassung Osterreichs
widersprach. Die vorgebliche Interessensidentit¨
at der Hausfrauen wurde als Grundlage f¨
ur die Verwirklichung der Volksgemeinschaft gesehen – verkn¨
upft mit einer antisemitischen Definition, wer denn u
¨berhaupt zur
deutschen Volksgemeinschaft“ geh¨
ore.
”
An diese Frauenpolitik der GDVP
konnte der Nationalsozialismus erfolgreich ankn¨
upfen. In den zwanziger Jahren war dieser nur eine marginale Grup¨
pierung in Osterreich
und zudem noch
intern in zwei Fraktionen gespalten. Bis
zum Beginn der dreißiger Jahre wa198
ren auch die Frauenorganisationen des
NS nur rudiment¨
ar entwickelt, so etwa
der 1926 gegr¨
undete Bund National”
sozialistischer Frauen Wiens“. Mit dem
Verbot der nationalsozialistischen Bewegung im Fr¨
uhjahr 1933 wurden auch
die ersten Frauengruppen aufgel¨
ost, allerdings mit einer folgenschweren Ausnahme. Der Wiener Frauenbund nannte sich nun Bund nationaler deutscher
”
Frauen Wiens“, entging damit dem Parteiverbot und konnte sich erfolgreich als
Organisationsnetz f¨
ur die illegale Bewegung bet¨
atigen. Programmatisch versuchten die Nationalsozialistinnen, die offensichtlichen Widerspr¨
uche der Partei in
¨
bezug auf Frauen zu l¨
osen. Uber
die Konstruktion eines neuen Maßstabes f¨
ur erfolgreiche Gleichberechtigung wollte man
¨
gerade erwerbst¨
atige und in der Offentlichkeit t¨
atige Frauen f¨
ur sich einnehmen:
Nicht mehr die Gleichberechtigung zwischen M¨
annern und Frauen stand zur Debatte, sondern die Gleichstellung der ledigen, berufst¨
atigen mit der verheirateten,
nicht erwerbst¨
atigen Frau. Gegen¨
uber der
Frauenpolitik der GDVP betonte aber
der Nationalsozialismus hier und in allen anderen Programmpunkten den Primat ihrer rassistischen Politik. Jede Maßnahme habe zuerst und vor allem die
Nutzanwendung f¨
ur das Volk als Rasse
zu ber¨
ucksichtigen. Entsprechend wurde
Mutterschaft nicht nur als ein nat¨
urlicher, sondern auch als ein politischer Beruf aufgefaßt. Die deutsche Ehe“ wurde
”
so zur Grundlage der deutschen Volksge”
meinschaft“. Johanna Gehmacher kommt
hier zum Schluß, daß sich die nationalsozialistische Programmatik hinsichtlich
der Rassenfrage“ deutlich von den groß”
deutschen Inhalten unterscheide, da der
Rassismus nun Ausgangspunkt jeder Er”
kl¨
arung“ sei, nicht mehr nur Platzhal”
ter f¨
ur das Unerkl¨
arte“ (S. 134). Inwiefern dies nur eine Frage des zeitlichen Abstandes zwischen der GDVP in den zwan¨
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ziger Jahren und der NSDAP in den dreißiger Jahren oder doch eine grunds¨
atzliche Differenz zwischen der GDVP und
der NSDAP war, bleibt leider offen.
Der Aufbau des Buches betont jedoch eher die Kontinuit¨
aten und Gemeinsamkeiten der beiden Gruppen, weniger die Unterschiede, wenn im abschließenden Kapitel die Koalitionen v¨
olki”
scher Frauen“ in das Zentrum der Be¨
trachtung kommen. Uber
die gemeinsame T¨
atigkeit großdeutscher und nationalsozialistischer Frauen zwischen 1933
und 1938 f¨
ur die illegale NSDAP verfestigte sich das v¨
olkische Frauenvereinsmilieu. Die 1931 gegr¨
undete V¨
olkische
”
Nothilfe“ beispielsweise wurde von beiden Gruppen als Kampfb¨
undnis“ in”
terpretiert und war somit ein wichtiger
Stein auf dem Weg zum Anschluß. Viele Frauenaktivit¨
aten trugen dazu bei, das
nationalsozialistische Milieu zu stabilisieren und auszuweiten: Wohlt¨
atigkeitsarbeiten, Hausfrauenagitation und nicht
zuletzt die eigene Presse in Form der Zeitschriften Die deutsche Frau“ und Frau
”
”
und Welt“. All dies konnte erfolgreich
sein, weil die Beh¨
orden ein grunds¨
atz”
liches Desinteresse“ an der T¨
atigkeit von
Frauen zeigten. Die einseitige Wahrnehmung der Beamten, nur M¨
anner w¨
urden
politische Arbeit leisten, trug nicht unerheblich zur St¨
arkung des Nationalsozialismus bei. Im Schatten der legalen Frauenwohlt¨
atigkeit bauten die Nationalsozialistinnen u
¨beraus erfolgreich ihre eigenen
Strukturen auf. Sieben Monate nach dem
Anschluß“ an das Deutsche Reich war
”
diese Aufbauarbeit abgeschlossen. Para¨
digmatisch f¨
ur den Ubergang
der v¨
olki”
schen Koalition“ zum NS stellt Gehmacher am Ende die großdeutsche Nationalratsabgeordnete Maria Schneider vor, die
nach dem M¨
arz 1938 eine zentrale Position in der NS- Frauenschaft erhielt.
Johanna Gehmacher hat eine sehr detaillierte und vielseitige Untersuchung
¨
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des v¨
olkischen Frauenvereinsmilieus in
¨
Osterreich
vor 1938 geschrieben. Die
Komplexit¨
at des Themas erfordert einen
mehrdimensionalen Zugriff: Neben klassischen politik- und sozialhistorischen
Fragen werden in diesem Buch auch
diskurs- und textanalytische Perspektiven verfolgt. Manches wird dabei nur
sehr thesenartig pr¨
asentiert und gestandene Sozialhistorikerinnen werden vielleicht den einen oder anderen statistischen Nachweis vermissen. Diese vermeintliche Schw¨
ache des Buches ist aber
zugleich seine St¨
arke: Die pointierte Argumentation Johanna Gehmachers hinterfragt scheinbare historische Gewißheiten und regt damit das eigene (kritische)
Mitdenken nachhaltig an.
Kirsten Heinsohn, Hamburg
199
Anschriften der Autorinnen und Autoren
G¨
otz Aly, Stubenrauchstraße 11, D-12203 Berlin.
Ruth Beckermann, Marc Aurel-Straße 5, A-1010 Wien.
Christian Fleck, Institut f¨
ur Soziologien,
Universit¨
at Graz, Universit¨atsstraße 15, A-8010 Graz.
Jerald T. Hage, Center for Innovation,
University of Maryland, College Park, MD 20742, USA.
Kirsten Heinsohn, Historisches Seminar,
Universit¨
at Hamburg, Von-Melle-Park 6,
D-20146 Hamburg.
Ellen Jane Hollingsworth, University of Wisconsin,
4111 Humanities Building, 455 North Park Street,
Madison WI 53706, USA.
J. Rogers Hollingsworth, University of Wisconsin,
4111 Humanities Building, 455 North Park Street,
Madison WI 53706, USA.
Albert M¨
uller, Institut f¨
ur Zeitgeschichte,
Universit¨
at Wien, Spitalgasse 2, A-1090 Wien.
Karl H. M¨
uller, Institut f¨
ur H¨ohere Studien,
Stumpergasse 56, A-1060 Wien.
Ruth Wodak, Institut f¨
ur Sprachwissenschaft,
Universit¨
at Wien, Berggasse 11, A-1090 Wien.
200
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Seele and Geist
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