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Gewalt in Österreichs Schulen: Wie gefährlich leben unsere - Manz

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SCHWERPUNKT
x GEWALT IN DER SCHULE
Gewalt in Österreichs Schulen:
Wie gefährlich leben unsere Kinder?
Coverstory. Gewalttätige Akte an Schulen gehören zum ganz normalen Schulalltag. Dabei treten heute manche Formen
von Gewalt vermehrt auf. Welche sind diese? Warum? Was können Schulen und Lehrer konkret zu Gewaltprävention
beitragen? Wie kann man im Ernstfall als Lehrer damit umgehen? Ein aktueller Bericht auf Basis vieler Interviews.
10 wissenplus 2–06/07
Amokläufer in Schulen
W
er erinnert sich nicht an die furchtbaren Ereignisse von Erfurt
in Deutschland und Littleton/Colorado in den USA? Ist das,
was uns mit diesen furchtbaren Einzelfällen medial sehr deutlich
vor Augen geführt wird, in eine Tendenz einzuordnen, die von einer zunehmenden Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen spricht
und in immer häufigeren Fällen auch zum Ausbruch der Gewalt
führt? Es gibt kaum ein Land der europäisch-amerikanischen Hemisphäre, wo in den letzten zehn Jahren nicht auch eine solche
fürchterliche Geschichte an Schulen passierte, in der Jugendliche in
einer Orgie von Gewalt anderen Jugendlichen Gewalt antaten, in
den angeführten extremen Fällen diesen jugendlichen Freunden
und Lehreren das Leben nahmen und meist erst der Selbstmord
diesem Amoklauf ein Ende bereitete. Medienberichte hielten uns
dann tagelang in Atem, verzweifelte Betroffene, zum Teil oft hilflose Erklärungen auch von Fachleuten und Spezialisten. Diese Fälle
werden umfassend und eindrucksvoll in der Öffentlichkeit und für
diese aufgearbeitet. Es ist die Arbeit von Psychologen und Kriminologen, auch Soziologen und Medizinern, die solche Straftaten erklären, für uns Laien nachvollziehbar machen; letzten Endes ist es
aber die Arbeit der Staatsanwälte und Richter sowie der Wachebeamten in den Gefängnissen sowie der Therapeuten, die versuchen,
aus diesen jugendlichen Straftätern Menschen zu formen, die erst
nach vielen Jahren, oft nach Jahrzehnten, begleitet in die Zivilgesellschaft entlassen werden können.
Sensibilisierung von Lehrern, Schülern und Eltern
Auf den ersten Blick scheint die intensiver gewordene öffentliche
Diskussion über Gewalt auch ihren Anstieg unter Jugendlichen zu
suggerieren. Ein Blick auf Studien, wissenschaftliche Untersuchungen und öffentliche Dokumente, die eine verstärkte Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigen, gibt, was die Häufigkeit
von Gewalt in der Schule und unter Jugendlichen betrifft, ein zum
Teil widersprechendes Bild. In Bezug auf Gewalt in der Schule
kommen einige Studien zum Ergebnis, dass das Ausmaß zugenommen hat, andere melden keinen nennenswerten Anstieg, zumindest könne man einen solchen nicht nachweisen. Was sich jedoch sicher geändert hat, ist die Sensibilität für das, was alles Gewalt ist und wie man mit ihr professionell umgeht, und das – hier
möchte ich eindeutig werten – ist auch gut so.
In früheren Jahrzehnten wurden Akte der Gewalt, die von Jugendlichen in der Schule ausgeübt wurden, oft sehr verschwiegen
behandelt, viele Gewaltäußerungen und Taten, wenn sie nicht zu
Verletzungen führten, die nicht verheimlicht werden konnten, wurden daheim kaum erwähnt oder nie den Lehrern bzw. der Schulbehörde gemeldet.
Heute sind Lehrer, Mitschüler, Eltern und die Öffentlichkeit generell sensibler dafür geworden, was alles zur Gewalt zählt. Ein
Kennzeichen jeder Generation ist es, dass sie sich zeitweilig nicht
angepasst, sondern auffällig, ja im schlimmsten Fall aggressiv benimmt. Welche Formen diese Aggression hat, ist sehr stark Moden
unterworfen, hängt auch von den technischen Möglichkeiten ab,
auf die ein Jugendlicher zugreifen kann, ist aber ebenso milieubedingt. Gewalt und Gewalterfahrungen sind für viele Jugendliche f
Chronik. Ein Auszug weltweit reportierter Amokläufer
in Schulen. Strukturelle und nicht anlassbezogene
Maßnahmen müssen gesetzt werden.
März 1998: Zwei Schüler, 11- und 13-jährig, töten an ihrer
Schule in Jonesboro, Arkansas, fünf Menschen und verletzen
zehn.
April 1999: Zwei Schüler ermorden in Littleton an der Columbine High School, Colorado, zwölf Schüler und einen
Lehrer, im Anschluss daran begehen die Mörder Selbstmord. Seit dem Massaker an der Columbine High School
nahm die Polizei in drei Fällen Schüler in Riverton, Kansas,
in Kansas City/Missouri und an der Red Lake High
School/Minnesota Schüler fest, die Massaker planten. Besonders brutal soll der Plan von Trevor Fatting und Sean
Amos in Kansas City gewesen sein: nach den Worten von
Staatsanwalt Eric Ahnd wollten die mutmaßlichen Verschwörer den stellvertretenden Direktor zwingen, alle Schüler über Lautsprecher in die Turnhalle zu holen, wo die beiden mit Sturmgewehren in die Menge feuern wollten. Einige
der festgenommenen Schüler beriefen sich auf das Vorbild,
nämlich das Massaker von Littleton.
April 2002: Im Erfurter Gutenberggymnasium, Deutschland,
ermordet der 19 Jahre alte Amokläufer Robert Steinhäuser 16
Menschen, 12 Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und begeht im Anschluss daran Selbstmord.
November 2006: ein 18-jähriger Schüler verletzt in Emdstetten, Deutschland, 37 Menschen, er begeht Selbstmord.
Zu dieser hier angeführten Auswahl von Gewalttaten
gibt es noch viel umfangreichere Listen von Amokläufen und
Gewaltausbrüchen an Schulen der ganzen Welt, wenn politische Motivation oder Verbrechen von schulfremden Personen miteinbezogen werden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an das Massaker an der Schule in Beslan,
Nord-Ossetien, wo im September 2004 331 Kinder und Erwachsene infolge eines Terrorüberfalls bei der Erstürmung
der Turnhalle und der Schule im Hagel der Gewehrsalven,
Geschoße und gezündeten Bombem umkamen. In einer von
den „Amish People“(Religionsgemeinschaft in den USA) betriebenen Schule in Nickel Mines/Pennsylvania hat ein 32Jähriger 2006 gezielt Mädchen hingerichtet.
Diesen Ereignissen folgt in den einzelnen Ländern dann
meist eine umfassende Kampagne der Regierungen in der Öffentlichkeit, wo Maßnahmen diskutiert werden, wie man Gewalt an Schulen eindämmen könne. Bedauerlicherweise werden anlassbezogene Maßnahmen gesetzt, strukturelle Fragen
aber kaum angegangen: Wie kommen junge Menschen in den
Besitz von Waffen, die solche Massaker erlauben? Warum
bleiben Video-, Gewaltspiele, Gewalt verherrlichende Filme,
aber auch Patronen- und Gewehrschränke so leicht zugänglich? Warum wird nicht ernster und seriöser über die Gefahr
medialer Vorbilder für diese Taten aufgeklärt?
wissenplus 2–06/07 11
SCHWERPUNKT
x
SCHWERPUNKT
x GEWALT IN DER SCHULE
Studie elf/18:
Gewalt ist ein Thema
bei Jugendlichen
Gewaltforschung. Eine aktuelle Studie des Instituts
für Jugendkulturforschung baut gängige Klischees ab.
D
ie Jugend von heute war immer
schon Thema. Im Vergleich zu früher wird heute der „Problemjugendliche“ stark in den Vordergrund gerückt.
Die Medien spielen in diesem Zusammenhang sicherlich eine große Rolle.
Aber die sogenannte „Spaßgeneration“
interessiert sich auch für ernste Themen, wie aus einer neuen Studie des Ins- Dr. Beate Großegger,
tituts für Jugendkulturforschung her- wiss. Leiterin des
vorgeht. Die neueste Studie elf/18 des Instituts für JugendInstituts beinhaltet Ergebnisse zu kulturforschung.
Schwerpunktthemen, wie Generationsbeziehungen, Jugendkultur, Freizeit, Institutions-Skepsis,
Kommunikationstrends und multikulturelle Gesellschaft. Die
Ergebnisse dieser Studie zeigen auch, dass Gewalt bei Jugendlichen durchaus ein Thema ist. Sie sind sensibel und sehen,
dass Gewalt zwischen Jugendlichen und durch sie passiert.
Ergebnisse im Detail:
̈ Mit
steigendem Alter wird die Lösung von Konflikten mit
Gewalt in den Schulen geringer oder wird als geringer wahrgenommen.
̈ Die Wahrnehmung von Gewalt als konfliktlösendes Mittel
ist bei 10- bis 14-jährigen ausgeprägter als bei älteren Jugendlichen.
̈ Schüler/innen in Schulen mit Möglichkeiten des Reifeprüfungsabschlusses sind der Ansicht, dass sie Konflikte in geringerem Ausmaß mit Gewalt lösen.
̈ Es bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede in der
Wahrnehmung von Konfliktlösung in der Schule.
̈ Lehrlinge nehmen weniger Gewaltbereitschaft in der Schule wahr als Schüler der zusammengefassten Gruppe aus
Hauptschulen, Polytechnischen Lehrgängen und berufsbildenden mittleren Schulen. Eine Interpretation wäre z.B.,
dass Lehrlinge zwei Ausbildungsstätten haben, nämlich
Berufsschule und Lehrbetrieb, und damit die Möglichkeiten der Prävention und Intervention größer ist.
Solche Studien tragen dazu bei, dass gängige Klischees –
z.B. „Lehrlinge sind gewalttätiger als andere Jugendliche“–
aufgebrochen werden und Unterschiede zwischen „begrenztem Regelbrechen“ und „kriminellen Handlungen“ gezogen
werden.
Nähere Informationen zur Studie elf/18 und weiteren Aktivitäten
des Instituts für Jugendberufsforschung unter:
jugendkultur@jugendkultur.at
www.jugendkultur.at
12 wissenplus 2–06/07
Bestandteil ihres Alltags. Dies ist eine Tatsache, die von uns Erwachsenen hingenommen werden muss, auch wenn sie nicht gebilligt werden kann. Was die ganze Sache noch schwieriger macht als
sie es ohnehin schon ist, geht mit der Uneinigkeit von Wissenschaft und Öffentlichkeit in der Klärung der Frage einher, was alles
zu Gewalt zählt: Wie groß ist das Spektrum von Gewaltverhalten,
wo einerseits die Grenzen von Duldung, öffentlicher Gefährlichkeit und Bedrohung liegen und andererseits bei Beobachtung von
Gewaltakten und Aggressionen an Mitmenschen verübt, die Verpflichtung zum Einschreiten vorliegt? Fatal ist, dass gewalttätiges
Verhalten in vielen Fällen hilf- und ratlos macht, dies betrifft Beobachter ebenso wie Opfer, und dass ein solches Verhalten bisweilen
Beobachter und Unbeteiligte selbst aggressiv macht. Zudem ist gewalttätiges Verhalten kein nur im Individuum begründetes Phänomen, sondern eingebettet in ein soziales und materielles Umfeld.
Was ich aber aus meiner persönlichen Berufserfahrung in vielen Gesprächen mit Pädagogen, Lehrerfortbildnern, Psychologen, Vertretern von Schulbehörden und schulpsychologischen Stellen immer
wieder erfahren konnte, ist die feste Überzeugung, dass Schule soziales Verhalten fördern und Aggressionen vermindern kann.
Definition und Einschränkung von Gewalt in der Schule
Im Austrian Report zum EU-Projekt „Gewaltprävention in Schulen: Ein Bericht aus Österreich – Sokrates-Projekt 2001“ bemühen
sich die Autorinnen, Moira Atria und Christiane Spiel um eine
zeitgemäße Definition und Eingrenzung von „Gewalt in der Schule“. Beide Autorinnen beklagen, dass in der öffentlichen Diskussion
über dieses Thema in Österreich begrifflich unterschiedliche Formen der Gewalt subsummiert werden(direkte und indirekte Aggressionen, verbale und relationale Gewalt unter Schülern sowie
zwischen Lehrern und Schülern) und dass empirische Untersuchungen diese unterschiedlichen Formen von Gewalt – in der Ausübung wie auch in der Genese und Verursachung – nicht immer getrennt erhoben haben. Andere Formen schulischer Gewalt fanden
noch kein Forschungsinteresse.
Bereits 1992 hat Klaus Hurrelmann, Univ.-Prof. für Sozialwissenschaften, Uni Bielefeld, aufgrund der öffentlichen Diskussion
über das Phänomen Gewalt an Schulen eine Definition versucht,
die heute, 15 Jahre später, durchaus noch verwendbar ist, obwohl
technische Hilfsmittel bei Gewaltanwendungen immer häufiger
eine Rolle spielen, aber in den frühen Neunziger Jahren des 20.
Jahrhunderts noch nicht die Bedeutung hatten wie heute: Gewalt
in der Schule umfasst das Spektrum von Tätigkeiten und Handlungen, die physische und psychische Schmerzen oder Verletzungen bei den in der Schule handelnden Personen (Lehrer, Schüler,
Schulwarte, Verwaltungsbedienstete) zur Folge haben. Neue technische Möglichkeiten (Handys, die das Versenden von filmischen
Sequenzen erlauben, die Ausübung von Gewaltaktivitäten im OTon zeigen) werden bei der Ausübung von Gewalt verwendet.
Ebenso zählen zur ausgeübten Gewalt die Beschädigung von
Gegenständen im schulischen Raum und die Zerstörung von Einrichtungen. Gewalt in der Schule umfasst Angriffe, Übergriffe
und Bedrohungen im Unterricht, während der Pausen, im Nach-
SCHWERPUNKT
x
Ergebnisse der ISRD-Studie in Österreich
Studie. Eine Befragung von mehr als 3000 Schülern zeigt eine deutliche geschlechtsspezifische Differenz in der
Gewaltbereitschaft. Auch das Alter der Jugendlichen spielt eine Rolle.
D
ie Internationale Self-Report-Delinquency-Studie (ISRD_2)
wurde als Nachfolgeprojekt zu einem ersten Forschungsprojekt aus den 1990er Jahren konzipiert. An der ISRD_2 Studie, die
von der Universität Lausanne koordiniert wird, beteiligen sich die
meisten europäischen Länder sowie einzelne Bundesstaaten der
USA, Kanada, Venezuela und die niederländischen Antillen. In
Österreich wird die Studie vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie in Kooperation mit dem Österreichischen Institut
für Jugendforschung durchgeführt.
In Österreich wurde eine Befragung von etwa 3000 Schülern
und Schülerinnen der 7., 8. und 9. Schulstufe in öffentlichen
Pflichtschulen angestrebt. Die Befragung wurde im Zeitraum
von Dezember 2005 bis April 2006 in den Klassen während des
Unterrichts durchgeführt. Dazu war es erforderlich, dass dem
Forscherteam eine Unterrichtsstunde zu Verfügung gestellt
wurde, in der die Fragebögen ausgeteilt, unter Betreuung durch
die Forscher von den Schülern selbständig und konzentriert
ausgefüllt und anschließend vom Forscherteam eingesammelt
wurden. Es war auf die Einhaltung der Anonymität zu achten
und darauf, dass Informationen nicht an Lehrkräfte oder an die
Direktion gelangen konnten.
Erste Ergebnisse
Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass der Konsum alkoholischer Getränke unter Jugendlichen weitverbreitet ist und ab
dem 14. Lebensjahr rasant zunimmt. Während das Geschlecht
wenig Einfluss auf den Alkohol- und Drogenkonsum sowie das
Verüben leichter Diebstähle hat, zeigen sich hinsichtlich der
Items „Gewaltbereitschaft“ und „Schwerer Diebstahl“ eindeutige
geschlechtsspezifische Differenzen. So sind junge Männer viel
eher dazu bereit, sich gewalttätig zu verhalten bzw. das Risiko
einzugehen, bei schweren Diebstählen erwischt zu werden.
Entgegen der weitverbreiteten Annahme, die Jugenddelinquenz steige mit der Ortsgröße, konnte dieser Zusammenhang
nicht nachgewiesen werden. Jugenddelinquenz ist folglich kein
Großstadtphänomen. Auch der Migrationshintergrund scheint
eine vernachlässigende Rolle hinsichtlich des Verübens krimineller Handlungen zu spielen. Lediglich der Alkoholkonsum ist
bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund weniger verbreitet
als bei österreichischen Mädchen und Burschen.
mittagsbereich sowie auch auf Schulveranstaltungen, in den Freistunden oder auch auf dem Schulweg.
Formen von Gewalt
Die Formen von Gewalt sind so unterschiedlich in den Nuancen, in
den Erscheinungsformen wie auch in der Art und Weise, wie sie oft
unvermittelt ausbricht, sodass es fast besser ist, Ereignisse und Abläufe zu beschreiben, die zur schulischen Gewalt zählen: aus Opfer
und Tätersicht wie auch als Opfer und Täter zugleich ist von Ge-
Den Ergebnissen der Studie folgend, steht das Alter der Heranwachsenden im engen Zusammenhang mit den Prävalenzraten krimineller bzw. abweichender Handlungen. Je älter die Jugendlichen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, kriminelle bzw. abweichende Handlungen zu begehen. Die Differenzierung der Delikteitems hinsichtlich der verschiedenen Schultypen erbringt punktuell signifikante Ergebnisse. So zeigt sich,
dass die Gewaltbereitschaft in Hauptschulen höher ist als in
AHS. Des Weiteren kann festgehalten werden, dass schwere
Diebstahlsdelikte von Schülern polytechnischer Schulen auffallend häufiger begangen werden als von Jugendlichen anderer
Schultypen. Dies lässt die Vermutung zu, dass die Schüler von
Hauptschulen und Polytechnischen Schulen aus einem eher sozial schwachen Milieu stammen, in welchem exteriorisierende abweichende Verhaltensweisen stärkere Verbreitung finden.
Self-Report-Studien in der Dunkelfeldforschung
Dunkelfeldforschung leistet einen Beitrag insbesondere dann,
wenn es nicht um Straftaten, sondern um Täter geht. Abgesehen
davon, dass eine Vielzahl von Delikten nicht angezeigt wird,
deutet auch die Lücke in der polizeilichen Kriminalstatistik zwischen angezeigten und geklärten Delikten ein Wissensdefizit
an: Wenn beispielsweise von allen angezeigten Diebstahlsdelikten in nur 15% der Fälle ein Tatverdächtiger ausgeforscht werden kann, bleibt die Information über Täter bei 85% der Fälle im
Dunklen. Insofern ist das Wissen über Täter und ihre Tatmotive, das in den Medien oft kolportiert wird, äußerst gering.
Betrachtet man delinquente Jugendliche nicht in erster Linie
als Kriminalfälle, sondern als junge Menschen, die vor einer kriminellen Karriere bewahrt werden sollen, dann können aus
Dunkelfelduntersuchungen wichtige Anregungen zu entnehmen sein, wie Regelungen oder Lösungen ohne strafrechtliche
Interventionen funktionieren. Hinweise auf die Gefährdung
von Jugendlichen (persönliche Lebenssituation, Alter, soziale
Integration etc.) erlauben dann einen zielgerichteten Einsatz politischer Konzepte für präventive Zwecke.
Autor: DR. GÜNTER P. STUMMVOLL
Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie
walt zu sprechen, wenn Mitschüler im Unterricht geärgert, beworfen oder beschossen werden, wenn Mitschüler raufen und prügeln,
wenn Diebstähle passieren, wenn Mitschüler gehänselt werden,
wenn man sich übereinander lustig macht, wenn Lehrer geärgert,
beschimpft und provoziert werden, wenn Mitschüler gezielt verprügelt, wenn andere Schüler unter Druck gesetzt werden, wenn
Einrichtungen zerstört, abmontiert oder das Eigentum von Mitschülern beschädigt wird. Die Liste ließe sich noch weiter fortführen, zeigt aber bereits hier, dass der Gewaltbegriff sehr weit f
wissenplus 2–06/07 13
SCHWERPUNKT
x GEWALT IN DER SCHULE
Schüler schlichten
Peermediation. An Schulen des bfi Wien lernen
Schüler Konflike durch Mediation zu schlichten.
A
n den Schulen des bfi Wien werden Schülerinnen und
Schüler zu Peermediator/innen ausgebildet. Seit vier Jahren gibt es dafür ein Freifach. Die Jugendlichen lernen dort,
wie sie streitende Mitschüler/innen dabei unterstützen können, eine realisierbare und vor allem haltbare Lösung für ihren Konflikt zu finden. Im Verlauf dieser Ausbildung erfahren sie viel über sich selbst. Sie lernen in den ersten Stunden,
über Konflikte zu sprechen. Sie positionieren sich in einer
Aufstellung zwischen Flucht und Angriff. Sie erfahren in vielen Übungen, wie sie selbst und andere Menschen auf Konflikte reagieren und mit Konflikten umgehen.
Aufgaben von Peermediatoren
Sie lachen auch, wenn sie den Film über eine Mediation das
erste Mal sehen. Die vier Schauspieler sind auch „nur“ Schüler und Schülerinnen, manches wirkt nicht so professionell
wie im Fernsehen. Aber sie verstehen schnell, welche Aufgaben die beiden Peermediator/innen haben:
Sie leiten das Gespräch. Sie schauen auf das Einhalten
der Gesprächsregeln. Sie stellen Fragen. Sie geben keine Ratschläge. Sie bleiben allparteilich, hören beiden zu. Sie richten
nicht. Sie suchen gemeinsam mit den beiden Jugendlichen,
die am Konflikt beteiligt sind, nach einer Win-Win-Lösung.
Und dann geht es ans Üben, zwei Tage lang, in kleinen
Gruppen. Alle spielen mehrmals eine Streitpartei und können so richtig „böse“ streiten, alle müssen in die Rolle der Mediator/innen schlüpfen und Phase für Phase lernen, wie man
die Konfliktparteien begleitet und zu einer gemeinsamen Lösung hinführt. Kann es bei einem Streit zwei Gewinner/innen geben? Die Schüler/innen lernen, gute Fragen zu stellen
und gut zuzuhören. Sie erleben, wie Bedürfnisse und Gefühle sichtbar werden, und wie sich neue Lösungen ergeben.
Irgendwann wird es dann ernst: „Seid ihr bereit, diese
Mediation zu übernehmen?“ Es geht um den Vorwurf eines
Diebstahls. Der Klassenvorstand hat sich an die Mediationsgruppe gewandt und um Unterstützung ersucht. Die
beiden Betroffenen haben zugestimmt, die Mediation findet
statt. Sie ist erfolgreich, es kommt zu einem Vertrag zwischen den beiden Betroffenen, der für beide eine annehmbare Lösung ist. Was dort drinnen steht, bleibt geheim: Die
Mediator/innen unterliegen der Schweigepflicht, auch der
betroffene Klassenvorstand erfährt nur, dass eine Lösung
gefunden wurde. Er ist zufrieden, weil sich in den nächsten
Monaten zeigt, dass die beiden wieder gut miteinander auskommen und der Diebstahl kein Thema mehr ist.
Gewinner/innen gibt es viele: Der Klassenvorstand
konnte eine schwierige Aufgabe delegieren, die Streitparteien konnten den Konflikt ohne Gesichtsverlust lösen, die
Schulklasse ist nicht mehr aufgebracht und kann wieder ruhig arbeiten, die Mediator/innen sind zufrieden, weil sie
ihre Fähigkeiten einsetzen konnten. Eine richtige Win-winLösung!
Autoren: DI Brigitte Koliander, Mag. Claudia Zekl,
Mag. Karin Ruso, Mag .Robert Ibitz
14 wissenplus 2–06/07
„Physische Gewalt kommt bei Schülern
doppelt sooft vor wie bei Schülerinnen.
Dagegen sind die Mädchen bei der
verbalen Gewalt weit vor den Burschen.“
gefasst werden muss, um aus pädagogischer Sicht bereits dort wirken zu können, wo Vorformen, Ansätze und Ausgangspunkt für
Gewalt zu sehen sind. Meist nimmt die Umwelt erst die eskalierte
Gewalt wahr, die Vorboten werden in der Regel übersehen, weil sie
aus einer sich ständig ändernden medialen Umwelt, wo fiktive oder
medial reportierte Gewalt immer umfangreicher wird, nicht ernst
genommen werden.
Um überhaupt Gewalt an Schulen wissenschaftlich einigermaßen seriös zu beschreiben, liegt das Hauptinteresse bei vielen Studien
– vorerst, würde ich sagen – demnach auch auf dem Phänomen des
„Bullying“, dem systematischen und über einen längeren Zeitraum
dauernden aggressiven Akt zwischen Schülern, bei welchem der Aggressor dem Opfer in irgendeiner Weise überlegen ist (Dan Olweus,
Bullying at School: What we know and what we can do. Oxford:
Blackwell 1993). Der Begriff „Bullying“ wird in der österreichischen
Diskussion meist mit dem umgangssprachlich gebräuchlicheren
Wort „Sekkieren“ übersetzt, aber auch mit „Mobben“ , wobei in diesem Begriff ja bereits alle Inhalte mitschwingen, die in der betrieblichen Realität auftauchen können und deshalb in der wissenschaftlichen Beschreibung und in der präventiven Anwendung geeigneter
Maßnahmen ein Thema für Führungskräfte geworden ist.
Gewalt an Schulen: Ein Alltagsphänomen
Standen eingangs dieses Artikels die furchtbaren Ereignisse von
Deutschland und den USA für den Begriff von Gewalt an Schulen
im Vordergrund – in diesen Fällen waren es eher unscheinbare Aggressoren, die jedoch Zugriff auf tödlich Waffen hatten – sehen wir
im Begriff der Gewalt an Schulen ein Alltagsphänomen, dem sehr
viele Jugendliche ausgesetzt sind und dem sie auch schwer allein begegnen können. Sie benötigen zumindest einen einfühlsamen Pädagogen, der daran interessiert ist, präventiv auf diesem Gebiet mit
Jugendlichen zu arbeiten. Mobbing kann erfolgreich bekämpft werden, viele Projekte, Lehrerseminare, Projekte von Schulpsychologen mit Jugendlichen, die Arbeit mit ganzen Klassen führt in diese Richtung.
Verschafft man sich einen Überblick über Erklärungsmodelle,
wie es an unseren Schulen zur Gewalt kommt, so zeigen zahlreiche
Studien, dass gewalttätiges Verhalten wie auch „Opferverhalten“
nicht monokausal erklärt werden kann, vielmehr interagieren die
unterschiedlichsten Ursachen in äußerst komplexer Art und Weise
miteinander.
In den Bereichen Familie, Persönlichkeit, Milieu, Schule konnte
eine Reihe von Ursachen nachgewiesen werden, die zu einem f
„Die verbale Gewalt ist gestiegen“
Interview. Schulpsychologe MR Dr. Harald Aigner über die Entwicklung von Gewaltbereitschaft in den Schulen,
die Ursachen, die dahinterstehen und welche Rolle den Lehrern bei der Prävention von Gewalt zukommt.
wissenplus: In der Öffentlichkeit wird immer öfter behauptet,
dass die Gewalt in der Schule zunimmt. Stimmt das auch aus
der Sicht Schulpsychologie?
Harald Aigner: Es stellt sich schon die Frage, was man unter dem
Begriff Gewalt, der oft synonym zu Aggression verwendet wird,
versteht. Spricht man von physischer Gewalt, bei der es zu körperlichen Verletzungen kommt, meint man verbale Gewalt oder
spricht man von psychischer Gewalt, wie es beim emotionalen
Erpressen der Fall ist?
wissenplus: Schränken wir meine Frage auf körperliche Schädigungen oder Verletzungen ein. Sind diese in den letzten Jahren
gestiegen?
Harald Aigner: Dazu gibt es in Österreich wenige empirische
Unterlagen. Analysiert man die Kriminalstatistik des Innenministeriums und konzentriert man sich dabei nur auf das Strafrecht, so ist bei den 14- bis 18-jährigen Jugendlichen ein Gleichbleiben der Delikte mit Körperverletzung und ein Rückgang bei
den Diebstählen herauszulesen. Angestiegen sind in dieser Altersgruppe die Sachbeschädigungsdelikte.
wissenplus: Lässt sich aus der täglichen Arbeit in den schulpsychologischen Beratungsstellen eine Dominanz der physischen
Gewalt ersehen?
Harald Aigner: Nein. Im Jahr 2005 wurden etwa 18.000 Beratungen durch die Schulpsychologie durchgeführt. Die Hälfte der
Interventionen betraf Lernschwierigkeiten. Probleme wegen des
Verhaltens von Schülern, zu denen man auch Aggressionshandlungen zählen kann, machen etwa ein Sechstel der „Fallarbeit“
aus. Die berufsbildenden Schulen machen übrigens der Schulpsychologie wenig Arbeit. Sie sind in der Gesamtauflistung lediglich mit fünf Prozent vertreten.
wissenplus: Lassen wir die Statistik weg. Hat Ihrer beruflichen
Erfahrung nach die Gewalt in den Schulen zugenommen?
Harald Aigner: Aus meiner Sicht nicht. Diese Einschätzung teilen
übrigens auch befragte Schulleitungen, Lehrer und Schüler. Körperliche Attacken sind in Österreich sogar rückläufig. Gestiegen
ist die verbale Gewalt, also beleidigende und entwürdigende
Worte. Verändert hat sich auch die Qualität von Gewalt. Die
Hemmschwelle zur Brutalität ist in den letzten Jahren niedriger
geworden.
wissenplus: Gibt es dabei Geschlechterunterschiede?
Harald Aigner: Ja, da gibt es bei unseren Fallanalysen einen interessanten Befund. Physische Gewalt kommt bei Schülern doppelt sooft vor wie bei Schülerinnen. Dagegen sind die Mädchen
bei der verbalen Gewalt weit vor den Burschen.
wissenplus: Trauen Sie sich eine Prognose bezüglich Gewaltentwicklung für die nächsten Jahre zu?
Harald Aigner: Das wird sehr davon abhängen, wie sich die Ursachen, die schon heute Gewaltbereitschaft begründen, entwickeln.
wissenplus: Was heißt das?
Harald Aigner: Gewalt von Kindern und Jugendlichen ist ja nicht
angeboren. Aggressionsbereitschaft hat seine Ursachen. Dabei
MR Dr. Harald Aigner ist
Psychologe und in der
Abteilung SchulpsychologieBildungsberatung des
BM:BWK tätig.
spielt die Familie genauso eine Rolle wie die Schule oder gesellschaftliche Einflüsse. Wir wissen, dass ein extrem autoritärer
und demütigender Erziehungsstil, der Frustration und Ohnmacht fördert, Einfluss auf die Aggressionsentwicklungen hat.
Gewalt in den Medien – vor allem „erfolgreiche“ Gewalt – kann
Imitation, aber auch Abstumpfung bewirken. Auch ist es durch
eine Abkehr von den „Sinnagenturen“ wie z.B. von Religionsgemeinschaften oder Jugendgruppen, zu einer Auflösung verlässlicher Lebenswelten gekommen.
wissenplus: Das hört sich ja an, dass die Schule nur wenig zur
Reduktion von Aggression leisten kann.
Harald Aigner: Ganz und gar nicht. Die Lehrerinnen und Lehrer
sitzen durchaus auch am Hebel der Gewaltprävention. Wichtige
Ansatzpunkte für die Schule sind Stressabbau, Vertauensaufbau, Schulpartnerschaft, soziales Lernen, Elternarbeit usw. Gerade auf der Klassenebene kann viel für ein friedliches Miteinander erreicht werden, wenn klare Regeln gegen Gewalt aufgestellt
werden. Dabei spielt Konsequenz, Lob, aber auch Zurechtweisung eine wichtige Rolle. Übrigens bietet dazu die von der
Schulpsychologie herausgegebene Broschüre „Gewaltprävention in der Schule“ (siehe Kasten) nützliche Informationen und
Materialien.
wissenplus: Securitys und Bodyguards wird die österreichische
Schule wohl nicht brauchen?
Harald Aigner (lacht): Davon bin ich überzeugt.
Interview: Dr. Herbert Winkler
Weiterführende Adressen:
www.schulpsychologie.at
www.faireschule.at
Kostenlose Broschüren der Abteilung Schulpsychologie-Bildungsberatung
• „Gewaltprävention in der Schule“
• „Verhalten verstehen, Verhalten verändern“
• „Worte statt Waffen“
• „Umgang mit kritischen Situationen“
Bestellung unter susanna.herdin@bmbwk.gv.at
wissenplus 2–06/07 15
SCHWERPUNKT
x
SCHWERPUNKT
x GEWALT IN DER SCHULE
Gewaltprävention durch moderne Didaktik gefragt
Kommentar. Es gibt viele gute Projekte, die sich der Gewaltprävention an Schulen verschrieben haben. Keine Methode
darf unversucht bleiben, nur die einfachen Wahrheiten sind abzulehnen.
M
eist sind es die einfachen Wahrheiten, die gewünscht werden: Etwa – wenn alle Schülerinnen und Schüler sinnerfassend lesen könnten, wären bessere Bildungsabschlüsse möglich
und die späteren Berufschancen besser verteilt – und die Gewalt
an den Schulen ginge zurück.
Alle haben irgendwie recht, die seit April das Thema in die
Medien bringen: „Gewalt nimmt drastisch zu“, „Prügelvideos
auch in Österreich“, „Schulgewalt – Lehrer wollen mehr Rechte“, so österreichische Zeitungen im April 2006, „die verlorene
Welt“ – der Spiegel resigniert über Berliner Hauptschulen oder
nun im November: „Einfluss der Eltern schwindet, Jugendliche
hören lieber auf Freunde, Lehrer unter Druck – keine Erziehung mehr: Schule leidet!“ (Presse, 27. 11. 2006). Das Thema ist
vielschichtig und nicht mit einfachen Rezepten zu lösen.
Am Beginn steht für Berufsbildner die Erinnerung an Robert Paweks „prosoziales Lernen“, eine Art Bildungs- und Verhaltenskanon, wie man mit Berufsschülern arbeitet, die für Polemiken empfänglich sind.
In dieser Tradition steht das Freeway5-Projekt im Wiener
ZBG Scheydgasse, über die Art von alltäglichen Äußerungen
(Beschimpfungen, Beleidigungen u.a.) zu reflektieren. In einer Ausstellung werden Umgangsformen, Arbeits- und Lernbereiche thematisiert. Wichtig erscheint, dass Gewalt vielfach
ohne körperliche Angriffe, sondern verbal und psychisch begonnen wird.
Eine ganz tolle Sache ist die gemeinsam von bm:bwk und
den Landesschulräten getragene Aktion „SchülerIinnen als
MediatorInnen“. Dabei geht es darum, Schüler als gleichaltrige Vermittler in Streitfällen, also als Mediatoren auszubilden.
Schüler erkennen besser, worum es den Mitschülern geht, sie
„Verändert hat sich auch die
Qualität von Gewalt. Die
Hemmschwelle zur Brutalität
ist in den letzten Jahren
niedriger geworden.“
gewalttätigen Verhalten führen können. Eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung wurde in Österreich in folgenden Bereichen
bereits geleistet: Ausmaß und Formen der Gewalt, Persönlichkeit
und familiäres Umfeld von „Tätern“ und „Opfern“ und „Täter-Opfern“, Gewalt zwischen Lehrern und Schülern und Entwicklung eines sehr ausdifferenzierten Präventions- und Interventionsmaßnahmenkatalogs, der wiederum in die Lehrerfortbildung sowie in
die begleitenden Maßnahmen verschiedener Behörden wirkt.
Maßnahmen gegen Gewalt und Gewaltbereitschaft
Die Vorschläge, Gewalt an Schulen einzudämmen, reichen von
Tipps für Lehrer und Erzieher bis zu umfassenden Projekten,
in denen Behörden, Universitäten und pädagogische Institute
arbeiten.
16 wissenplus 2–06/07
können bei entsprechender Sensibilität und Ausbildung als
Streitschlicher agieren. Es geht dabei um eine „Zivilisierung
von Konflikten“, die man ja nicht einfach wegzaubern kann.
Noch mehr an die Wurzel geht ein wissenplus-Lesern bekanntes Projekt „kooperatives offenes Lernen (COOL)“, wo
nach dem Dalton-Plan die Anlage des Lernprozesses durch
„Assignments“ (Arbeitsaufträge) und wöchentliche Gruppensitzungen in eine andere, nichtfrontale Form des Lernens gelenkt wird. Damit werden Frustrationserlebnisse geringer, jeder
Schüler fühlt sich mehr ernst genommen. Wenn man so will:
Gewaltprävention durch moderne Didaktik.
Die Schule als die letzte große Institution, in der die Disparitäten Lebensbereiche und unterschiedlichen Lebenskulturen
zusammenkommen, kämpft mit den unterschiedlichen Zugängen zu den Kulturtechniken. Die PISA-Studien haben uns eindeutig gezeigt, dass Schüler mit Migrationshintergrund, also
meist Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache, dramatisch
schwächere Leseleistungen aufweisen als ihre deutschsprachigen Kollegen (siehe wissenplus 1-06/07). Dies provoziert im
Endeffekt Gewalt – durch Zurückgesetzsein, soziale Benachteiligungen der Familien und schlechte Zukunftschancen. Dort
muss man in ganzer Kraft ansetzen; keine Methode darf unversucht bleiben, das Verständnis der Kulturtechniken auf alle
Zielgruppen auszudehnen. Insofern hat der erste Satz dieses
Beitrags mehr mit Gewaltprävention zu tun als viele unmittelbarere Aktivitäten.
Autor: Dr. Christian Dorninger
Grundsätzlich soll zwischen „Tat“ und „Täter“ getrennt werden. Ein analytisches Vorgehen zeigt meist dann auch schon die
Ursachen von Gewalt. Das Problem soll bekämpft werden, nicht
die Person. Vermieden werden soll eine Ausgrenzung von Schülern,
positive Verhaltensweisen sollen verstärkt werden. Für das soziale
Lernen ist meist ein Konflikt der Ausgangspunkt, an dem dann
umfassende Verhaltensweisen geübt und Regeln abgeleitet werden.
Ideal ist die Entwicklung einer geeigneten Konflikt- und Streitkultur, jedes soziale Feld hat typische Konfliktkulturen. Konfliktpartner sollten grundsätzlich ihr Gesicht wahren können, ebenso sollen
Gefühle zugelassen werden, ein „emotionales Neutrum“ gibt es
nicht. Wie auch immer diese Tipps lauten mögen, es verlangt von
den Pädagogen schon einiges Fingerspitzengefühl in der Situation,
wo er/sie Zeuge/Zeugin von Gewalt wird und wo er/sie als Erwachsener gefordert ist, Gewalt zu verhindern und Konflikte zu schlichten. Projekte, in denen Schüler Konflikte schlichten, sind äußerst
erfolgreich, bedürfen aber vorheriger Schulung und Vorbereitung.
In Österreich erfolgt primäre Prävention erfolgreich mittels
neuer pädagogischer Konzepte (soziales Lernen, Kommunikation,
Kooperation, Konfliktbewältigung [Projekt KO-KO-KO, Einführung von Unterrichtsgegenständen wie Persönlichkeitsbildung und
Das Modell des „geschützten Raumes“ bewährt sich
Kommunikationszentren an Wiener Berufsschulen. Neben sportlichen und kulturellen Aktivitäten wird auch
gezielt Beratung angeboten. Maßnahmen, die bei der Gewaltprävention eine wichtige Rolle spielen.
D
as Pilotprojekt, „Kommunikationszentren an Wiener Berufsschulen“, das vor mehr als 10 Jahren entwickelt wurde, hat
sich sehr bewährt. Kommunikationszentren wurden mittlerweile in allen Wiener Zentralberufsschulgebäuden und an einigen Einzelstandortberufsschulen in Wien errichtet und sind
aus der Schulsozialarbeit nicht mehr wegzudenken. Sie wirken
gewaltpräventiv und sind fixe Einrichtungen der Wiener Berufsschulen geworden.
Sozialarbeit, wie sie in diesen Zentren praktiziert wird, versteht sich als schulunterstützende und umfeldorientierte Sozialarbeit, die Anregungen, Befähigungen und Unterstützung bei der
Bewältigung von schulischen Anforderungen, aber auch von Lebensproblemen gibt. Die Kommunikationszentren sind niederschwellige* Sozial-, Informations- und Freizeiteinrichtungen. Betreut werden diese Zentren von ausgebideten SozialarbeiterInnen
bzw. JugendleiterInnen.
Die Zentren bieten den Lehrlingen einen Raum, in dem sie
sich entspannen, erholen und in einem angenehmen, sozial und
psychologisch förderlichen Klima miteinander und mit erwachsenen Bezugspersonen/Betreuungspersonen umgehen können. Dabei gehen die Betreuer auf die verschiedenen Bedürfnisse der Lehrlinge ein. Der Bogen reicht von dem Kontakt, den die Jugendlichen
untereinander haben möchten, der Aufmerksamkeit der Berater
für ihre Anliegen, und wenn gewünscht, diskreter und gezielter
Beratung, Unterhaltung und gemeinsamen Spielen, einer anregenden Lernumwelt bis zu Entspannungs- und Rückzugsorten.
Das Angebot von Sport- und Bewegungsmöglichkeiten ist ein
sehr wichtiger Punkt bei der Gewaltprävention an Schulen. Das
Kommunikationszentrum 4you an der Hans-Mandl-Berufsschule bietet zum „alltäglichen“ Angebot von Billard, Tischfuß-
Soziale Kompetenz]) sowie sekundärer Prävention und Intervention (Peer-Mediation, Interventionen durch die Schulpsychologie,
Umsetzung eines an der Universität Wien entwickelten Anti-Aggressionsprogramms an Pflichtschulen, Entwicklung eines sozialen Kompetenztrainings).
Gewaltbereitschaft und Gewalt, das sprechen einige Studien
eindeutig aus, haben nicht unbedingt zugenommen. Dieser Trend
ist auch in den Vereinigten Staaten wahrnehmbar, denn gerade die
in der ganzen Welt bekanntgewordenen furchtbaren Amokläufe
haben in den USA zu einer merkbaren Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Gewalt und der Verpflichtung präventiv zu wirken geführt. Maßnahmen wurden eingeleitet, Aufklärung und präventive
Maßnahmen wurden gesetzt, wenngleich nicht sofort das Waffentragegesetz geändert wurde.
Klug ist es , bereits im Vorfeld zu wirken, nämlich überall dort,
wo die Ursachen der schulischen Gewalt liegen, daher: Führung eines intensiven Dialogs der Schule mit den Eltern, Beseitigung von
Vorbeschädigungen, denn sie geben Anreiz, weitere Akte des Vandalismus zu setzen (eine Erneuerung von Toiletten und Nassräumen führt im Allgemeinen auch zu einer schonenderen Behandlung dieser Einrichtungen). Integrative Arbeit mit Schülern in der
ball und Tischtennis auch noch zusätzlich einmal im Schuljahr
eine organisierte Sportwoche an. Dieses Angebot wird von vielen Lehrlingen in den Pausenzeiten, aber auch von Lehrern mit
ihren ganzen Klassen genutzt. Sich beim Sport so richtig „auspowern“, ist für viele Jugendliche ein wichtiges Ventil, um Aggressionen abzubauen.
Das Team des Kommunikationszentrums 4you legt sehr viel
Wert darauf, dass das Zentrum ein „geschützter“ Raum für alle
Besucher ist. Trotzdem kann es natürlich hin und wieder zu Spannungen oder Konflikten zwischen den Schülern kommen. Die
Mitarbeiter des Kommunikationszentrums haben in so einem
Fall die Möglichkeit, die streitenden Parteien zu separieren und
aus der Konfliktsituation herauszuholen. In den meisten Fällen
ist es nach getrennten Gesprächen wieder möglich, die streitenden
Parteien zusammenzuführen und die Problemlage noch gemeinsam zu diskutieren. Ein weiteres Angebot für die Schüler der
Hans-Mandl-Berufsschule in der Längenfeldgasse ist das Mentoringprojekt des Vereins Campus Längenfeld. Ehrenamtliche Mentoren unterstützen Lehrlinge bei praktischen Dingen des Lebens
(Lehrstellensuche, Geldprobemen, Wohnungsproblemen, Bildungsangelegnheiten usw.), begleiten sie gegebenenfalls bei wichtigen Amtswegen oder zu weiterführenden Einrichtungen.
Autorin: DSA MANUELA ZAVADIL
Diplomierte Sozialarbeiterin im Kommunikationszentrum 4you
des Kultur- und Sportvereins der Wiener Berufsschulen
*) Eine Institution ist niederschwellig, wenn sie für ihre KlientInnen möglichst uneingeschränkt, ohne bürokratische Hürden und sofort erreichbar ist und den KlientInnen die Kontaktaufnahme und die Kontaktkonstanz
ohne Zuordnungen und moralische Wertungen möglichst leicht macht.
Klasse, um soziale Desintegration und Anonymität zu überwinden. Lehrer sollen sich nicht bloß auf Wissensvermittler zurückdrängen lassen, umgekehrt dürfen sie nicht mehr signalisieren, als
sie zu geben imstande sind. Schüler dürfen nicht in ihren Verhaltensdispositionen verunsichert werden, das bezieht sich auf die sozialen Regeln und Normen in einer Schule, auf die Leistungsbewertung und die Leistungsrückmeldung; Lehrerkollegien, die sich in
diesen pädagogischen Grundfragen nicht einigen können, die keinen Konsens über die wichtigsten pädagogischen Grundzüge des
Verhaltens erzielen, verstärken mitunter die Orientierungslosigkeit
der Jugendlichen.
Y
Verantwortlicher Redakteur und Autor:
MAG. FRED BURDA
Leiter der Schulen des bfi
wissenplus 2–06/07 17
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Bildung
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