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Ich konnte fühlen, wIe sehr dIes eIn geIstIger ort Ist. sogar dIe

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Ich konnte fühlen, wie sehr dies ein
geistiger Ort ist. Sogar die Natur war
auSSer­gewöhnlich still.
Irgendwie schien Ein Zauber, dem ich
mich nicht entziehen konnte, über
diesen Tagen zu liegen.
Gästebucheintrag, Kloster Volkenroda
Inhalt
Grußwort der Ministerpräsidentin 3
Leitartikel 4
Es war ein ziemlich verrückter Gedanke: Horst Hirschler
Der Christus-Pavillon im Spannungsbogen von Kirche
und Technik: Dieter Ameling
Ein kühnes Unterfangen: Bernhard Vogel
Liebe Geschwister,
Freunde
und Förderer,
Grußwort
der Ministerpräsidentin
10 Jahre Christus Pavillon
im Kloster Volkenroda
1 Wasser – Kinder · Jugend · Familie 15
Wie Begegnung zur Verbindung wird: Ortrun Iser
…und plötzlich stand der Himmel offen: Ruth Lagemann
von Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen
2 Tür – Region 23
Volkenroda – Frohe Botschaft für Dorf und Region:
Ulrike Köhler
3 Perle – Kultur 29
Wenn Geist in Stahl und Marmor wohnt: Dieter Albrecht
Die Kammern im Christus-Pavillon in der Gestaltung von
Andreas Felger: Frank Günter Zehnder
4 Wunde – Gemeinschaft 37
Unsere Leitsätze – und wie wir damit umgehen: Jens Wolf
Eigentlich muss ich auch mein Leben ausmisten:
Luitgardis Parasie
5 Herrlichkeit – Architektur 45
Der Christus-Pavillon: Sinnstiftende Architektur als
Ruheplatz für die Seele: Meinhard von Gerkan
Laudatio für Meinhard von Gerkan: Manfred Schomers
am 18. August 2001 wurde der Christus-Pavillon in Volkenroda mit einem großen Festakt eingeweiht. Seitdem ist die
ehemalige EXPO-Kirche zu einem inspirierenden Ort für
die Region geworden. Wir blicken dankbar auf zehn reich
gefüllte Jahre mit diesem einmaligen Gotteshaus. Staunend
sehen wir auf die Segensspuren, die seitdem von Volkenroda
ausgegangen sind.
Davon erzählen die Beiträge in Wort und Bild. Einige blicken
zurück auf die bewegenden Momente der Einweihung in
Volkenroda. Viele der damaligen Wünsche sind inzwischen
mit Leben erfüllt, sodass wir hoffnungsvoll in die Zukunft
gehen.
6 Trinität – Ökumene 57
Versöhnung zieht Kreise: Karl-Heinz Michel
Geistliche Oase im Westen Thüringens: Joachim Wanke
Auf dem Weg zur Mitte – Christus
7 Brot – Pilgern 63
Die Architektur des Christus-Pavillons berührt zehn Themen,
für die Volkenroda in besonderer Weise steht: Der zentrale
Christusraum in der Mitte ist von neun Kammern im Kreuzgang umgeben. Jeder der zehn Räume entfaltet einen anderen Zugang zu Christus. Sie ergänzen einander, können aber
auch für sich stehen. Sie sollen neugierig machen auf mehr.
Wir haben dies als Leitwort für das Jubiläumsjahr aufgegriffen: Auf dem Weg zur Mitte – Christus.
Hautnah erlebt – die Pilger: Johanna Panzer
Mal sehen, Cara, ob wir sie nicht finden: Johanna Panzer
8 Weinstock – Gastfreundschaft 69
Gastfreundschaft der Seele: Jens Wolf
9 Licht – Stille 75
Ein Weg mit den Kammern im Christus-Pavillon:
Christiane Wolf
Erfahrungen mit der Stille: Johanna Panzer
10 Christus-Raum – Verkündigung 81
Sehnsucht nach heiligen Räumen: Karl-Heinz Michel
Es bereichert mein Leben: Christiane Wolf
Auf dem Weg zur Mitte – Christus: Albrecht Schödl
Dr. Albrecht Schödl Pfarrer am Christus-Pavillon / Kloster Volkenroda
Impressum im Umschlag
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 2
Das Zehnjahres-Jubiläum des Christus-Pavillons im Kloster
Volkenroda mitten in der Reformationsdekade und im Jahr
des Papstbesuchs in Thüringen feiern zu dürfen, dies hat
für mich eine tiefe Symbolkraft. Denn schließlich war dieses futuristische Stahl-Glas-Konstrukt mit seinem schlichten
Purismus als gemeinsame Kirche der evangelischen und
katholischen Christen die »Seele der Weltausstellung« auf
der EXPO 2000 in Hannover.
Der Christus-Pavillon, er war auf der EXPO und ist seit
10 Jahren in Volkenroda ein weithin sichtbares Zeichen der
Weltoffenheit der Kirche von heute, zugleich auch ein Zeichen der Hoffnung auf den wachsenden Geist der Ökumene.
Gerne habe ich die Schirmherrschaft im Jubiläumsjahr übernommen.
Bei zahlreichen Tagungen und Veranstaltungen im Kloster
Volkenroda habe ich persönlich immer wieder die erbauende
Wirkung erfahren dürfen, die von diesem spirituellen Kraftzentrum, von der Oase der Ruhe und inneren Einkehr der
Klosteranlage Volkenroda ausgeht.
Ein bauliches und erbauliches Ensemble, das Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft verkörpert. Jeder Besucher spürt
die gelebte Gastfreundschaft und Nächstenliebe der Frauen
und Männer der Jesus-Bruderschaft, die hier leben, arbeiten,
beten und meditieren. Äußeres und Inneres gehen hier eine
Symbiose ein. Die architektonischen Kontraste zwischen
altem Zisterziensergemäuer, ergänzt durch moderne Architektur aus Stahl, Glas und symbolische Gegenstände der
Zeit, bizarre Effekte und Lichtspiele hervorrufend – all dies
gibt den Menschen, die das Kloster Volkenroda besuchen,
bleibende Impulse. Hier nimmt die Kirche die Welt der Technik auf. Aus Baukunst und Ingenieurkunst entsteht so eine
einzigartige Spiritualität.
3 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Der Stiftung Kloster Volkenroda, der Eigentümerin der gesamten historischen Klosteranlage und allen Förderern, allen voran der
deutschen Stahlindustrie, gilt unser aller
Dank. Ihrem Einsatz haben wir es zu verdanken, dass die Europäische Union 1996
das Kloster Volkenroda als »schützenswertes
Kulturerbe von europäischem Rang« ausgezeichnet hat.
Wer Gott im Kontrast zwischen Tradition
und Moderne erfahren will, der gehe nach
Volkenroda, einem Ort der inneren Ruhe,
der Gastlichkeit, der Menschlichkeit, einem
Ort der Besinnung, der Begegnung und der
Bildung. Mögen vom Christus-Pavillon in
Volkenroda noch viele geistige und geist­
liche Impulse ausgehen!
Es war ein ziemlich
verrückter Gedanke
Wie die christlichen Kirchen
und die Stahlindustrie
zum Bau der EXPO 2000-Kirche
zusammenfanden
von Horst Hirschler
Ein Mittwochnachmittag im April 1996. Ich hatte Vertreter
der evangelischen, ökumenisch gesonnenen Jesus-Bruderschaft Gnadenthal/Hessen zu mir in die Bischofskanzlei
nach Hannover eingeladen. Sie suchten Sponsoren für Volkenroda in Thüringen. Etliche Zeit vorher hatten sie das
verfallene ehemalige Zisterzienserkloster bei Mühlhausen
übernommen. Von Volkenroda aus war im Jahre 1163 das
Zisterzienserkloster Loccum gegründet worden. Also unser
Mutterkloster. Die suchten also Sponsoren für den Wiederaufbau der von Thomas Müntzer und seinen Leuten 1525
zerstörten Klosterkirche. Modern wollten sie das machen,
kompatibel mit dem Alten, aber aus Glas und Stahl.
danach aber nach Volkenroda transportierten? Allein für Volkenroda gibt niemand
Geld. Für eine EXPO-Kirche, die danach in
Volkenroda steht, aber wohl! Das wäre der
Knüller! Das wird gesponsert!« Es war ein
ziemlich verrückter Gedanke.
Wir sind mit einer Mischung aus Abenteuer­
lust, vorsichtigem Gottvertrauen, solider
Geldbeschaffungsarbeit und der erforder­
lichen Professionalität an dieses Unternehmen gegangen. Und unglaublich – es durfte
gelingen. Gott sei Dank.
Eine verrückte Idee
Partner
Ich hatte Mitglieder des Loccumer Konvents, den Leiter des
Evangelischen Büros für die EXPO 2000, Dr. Wegner, und
andere Kundige dazu gebeten. Vormittags hatten wir eine
schlechte Sitzung gehabt. Keine vernünftigen Ideen für die
EXPO 2000. Nun also für Volkenroda Sponsoren. Wer sollte
wohl sein gutes Geld in diese Gegend des Klosters Volkenroda geben?
Während dieses Gesprächs geschah es. Günter Oertel,
damals der Vorsitzende der Jesus-Bruderschaft sagt: »Wir
könnten beim Bau der Kirche auf der EXPO 2000 durch
Arbeitslose, die bei uns arbeiten, helfen!« Ich sage: »Wie
wäre es, wenn wir die Kirche für Volkenroda in Glas und
Stahl mit Ihren Leuten auf der EXPO 2000 bauten, sie
Eine Woche nach jener Mittwochsitzung –
noch war das nur eine Schnapsidee – wurde
die jährliche Industrie-Messe in Hannover
im Kuppelsaal eröffnet. Ich stehe vor Beginn
einsam in meinem Bischofsoutfit vorne vor
den Gästen und schwitze, weil ich nicht
ordentlich angemeldet bin, und warte auf
die Platzanweiserin. Da kommt Dr. Harig,
damals noch Preußen-Elektra, vorbei. Er ist
einer von den vier Leuten, welche zu Beginn
die Kirche auf der EXPO 2000 bedachten. Er
bleibt stehen. Ich berichte: EXPO-Kirche verschoben nach Volkenroda.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 4
»Warten Sie«, sagt er. Drei Minuten später kommt er mit fünf leitenden Leuten
der Stahlindustrie zurück. »Erzählen Sie
denen das mal«, sagt er. Jeden Augenblick
muss der Bundespräsident kommen. Ich
erzähle unsere Schnapsidee: Kirche aus
Glas und Stahl, erst auf der EXPO 2000,
dann Volkenroda. Sie sehen mich groß an.
Einer sagt, ich bin ja mit Ihrem Vorgänger in
die gleiche Schule gegangen. Das hat zwar
überhaupt nichts damit zu tun, ist aber ein
positives Signal. Bundespräsident und Ministerpräsident werden angekündigt. »Das müssen Sie uns unbedingt ausführlicher erzählen«, sagen die fünf. Schnell auf die Plätze.
Die Platzanweiserin zeigt mir meinen. Das
war’s! Dies kurze Gespräch in dieser Situation war der Anfang.
Dann folgten viele Gespräche. Der damalige Präsident der Wirtschaftsvereinigung
Stahl, Dr. Vondran, der Geschäftsführer
der Studiengesellschaft Stahlanwendung,
Dr. Weber, und viele andere wirkten im Hintergrund. Im Herbst durfte ich in Begleitung
von Dr. von Vietinghoff, Präsident unseres
Landeskirchenamtes das Projekt in der informellen Gesprächsrunde der Verantwortlichen der Stahlindustrie vorstellen: Es sollte
auf der EXPO 2000 angesichts unserer von
5 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Wirtschaft, Wissenschaft und Technik faszinierten Gesellschaft einen starken christlichen Schwerpunkt geben. Eine Kirche auf
der EXPO, das war mein Traum. Es sollte
ein in hoher Qualität erstellter Kirchenbau aus Stahl und Glas sein, mit dem sich
die Christenheit als modern, aber auch die
Stahl­industrie als innovativ zeigen konnte.
Langes Gespräch. »Wie viel Geld wollen Sie
denn von uns«, ist die Frage. Ich sage: »Acht
Millionen DM müssten es schon sein!!«
Einer sagt entsetzt: »Nicht einmal 100.000
DM haben wir jemals für eine Kirche
gespendet.« Dann werden wir freundlich
nach draußen gebeten. Eine halbe Stunde
später teilt Dr. Weber uns mit: »Fünf Millionen sind genehmigt!!!« Das ist der Durchbruch für den Christus-Pavillon, wie wir ihn
später nannten. Die EKD-Synode beschließt
daraufhin, zehn Millionen zu geben.
Ein fantastischer Bau, in dem man bis heute
zu Ruhe und Besinnung kommen kann. Ich
bin nach wie vor davon begeistert.
Es gibt eine begrenzte Ausschreibung. Der
geniale Entwurf, der zur EXPO 2000 hinreißend passt, stammt von den Architekten
Meinhard von Gerkan, Hamburg, in Zusammenarbeit mit Joachim Zais, Braunschweig.
Ein moderner Kirchenraum, ans Gotische
erinnernde hoch aufstrebende Stahlpfeiler,
die Wände aus 10 mm starkem lichtdurchlässigem Marmor aus Naxos, auf Glas geklebt.
Die Organisation, Beschaffung der Gelder,
die Umsetzung war Aufgabe der evangelischen Kirche. Die Planung der inhaltlichen
Arbeit, des Betriebes während der EXPO
geschahen ökumenisch gemeinsam mit
Bischof Homeyer, Hildesheim, und seinen
Mitarbeitern. Die EXPO 2000 wurde ein
hinreißendes Fest. Gegen mancherlei Widerstände hatten wir beschlossen, dass neben
Es ist hier nicht möglich, die Menschen oder
auch die freundlichen Umstände zu nennen,
die mit zum Gelingen beitrugen. Ich nenne
nur einige der Institutionen, deren leitende
Verantwortliche sich für dieses Projekt
gewinnen ließen: Die Evangelische Kirche
in Deutschland, die Ev.-luth. Landeskirche
Hannovers, die Wirtschaftsvereinigung
Stahl, die Preußen-Elektra, die Glasindustrie, der Deutsche und der Niedersächsische
Sparkassen- und Giroverband, die Nord-LB,
die Versicherungsgruppe Hannover (VHG),
die Klosterkammer Hannover, die Ev.-Luth.
Landeskirche Thüringens, die dortige Landesregierung und viele Spender, die ihr Geld
eingesetzt haben.
Einladend sieht er aus, der
Pavillon. Er ist ein sehr
ungewöhnliches Gotteshaus.
Immer wieder faszinieren mich seine mit Alltagsgegenständen gefüllten Glas­
wände. Sie öffnen den Raum für Begegnung und Gespräch, für Gebet und Stille.
Wenn Menschen sich zum Kloster Volkenroda auf den Weg machen, dann
kommen sie an einen Ort, der in besonderer Weise ein auf Glaube, Liebe und
Hoff­nung gegründetes Leben vor Augen führt. Der Pavillon nimmt das mit seiner
Architektur auf und ist so eine Einladung Gottes an Menschen heute – in seiner
modernen Gestalt. Jesus Christus spricht: Bittet, so wird euch gegeben; suchet,
so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Matthäus 7,7) Diese
Einladung ergeht an uns alle. Ich freue mich, dass wir diesen Ort, an dem Gottes
Einladung in vielfältiger Form gefolgt werden kann, in unserer Kirche haben.
Ilse Junkermann
Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
den vielfältigen Veranstaltungen und Gottes­diensten die
Grundstruktur des Christus-Pavillons das »Stundengebet«
sein sollte. Zu jeder vollen Stunde gab es eine 15-minütige,
liturgisch sorgfältig ausgestaltete ökumenische Andacht mit
vier Minuten Ansprache. Neunmal am Tag. Das war der
»Renner«. Wir waren nun, schrieb eine Zeitung, die »Seele
der EXPO 2000«. Die Menschen kamen in großen Scharen.
Am Ziel
Dann die Umsetzung nach Volkenroda. Das war ja die Grundidee. Aber es würde noch einmal viel Geld kosten. Viele
wollten, dass der Christus-Pavillon in Hannover blieb, zumal
die wunderbare Krypta in Volkenroda wegfallen würde. Es
bedurfte großes Gottvertrauens und beachtlicher Zähigkeit,
sowie der Geldgeber. Und es gelang. Die EKD, durch den von
Anbeginn beteiligten Präsidenten des Kirchen­a mtes Valentin
Schmidt, sowie die hannoversche Landeskirche, der Unternehmer Friedhelm Loh, die Deutsche (kath.) Bischofskonferenz, machten noch einmal die erforderlichen neun Millionen DM locker. Aber, wie würde der Christus-Pavillon in
Volkenroda wirken? Wird der nicht zu gewaltig? Das war
die große Überraschung: Von weitem sieht man nur ein
schmales weißes Band über den Feldern. Vom Standort der
alten Kirche aus aber wirkt Christus-­Pavillon, als müsste er
dazu gehören. Es zeigt sich, dass Meinhard von Gerkans und
Joachim Zais’ kühnes, einfaches und preisgekröntes Bauwerk
in Volkenroda zu Recht den endgültigen Standort gefunden
hat. Hier ist inzwischen viel Segensreiches durch die Arbeit
der Jesus-Bruderschaft, aber auch durch
das Kuratorium der Stiftung geschehen, in
der Dr. Ameling, ehem. Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, den Vorsitz hat.
2004 haben wir das Kreuz hinter dem Alter,
das Andreas Felger geschaffen hat, eingeweiht. Es trägt die Symbole des gekreuzigten
Christus, des Gott vertretenden Menschen
in der Gottesferne. Hinter dem Kreuz aber
leuchtet das Gold der österlichen Freude. Das
Kreuz Christi im österlichen Licht, unter das
wir uns mit unserem ganzen Leben stellen
dürfen. Möge das auch weiterhin für die vielen Menschen, die sich hier versammeln, die
Hauptsache in Volkenroda sein.
Landesbischof i. R. D. Horst Hirschler Abt zu Loccum, Mitglied des Stiftungsrates
Der christus-Pavillon verbindet
Vergangenheit und Gegenwart und
ermutigt zu Träumen und Visionen.
Das Jubiläum des Christus-Pavillons, vor zehn Jahren von der Evangelischen Kirche
in Deutschland, der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und dem
Bistum Hildesheim verantwortet, verbindet mich an einem besonderen Punkt mit
der Arbeit meiner beiden Vorgänger im Bischofsamt. Horst Hirschler hat maß­
geblich an der Idee und dem Vorankommen dieses Projekts mitgearbeitet, meine
Vorgängerin Dr. Margot Käßmann hat den Pavillon auf der EXPO 2000 in
Hannover und dann in Volkenroda eingeweiht. Ich freue mich, nun den Rückblick
auf die ersten zehn Jahre dieses visionären Bauwerks von Meinhard von Gerkan
und Joachim Zais mitfeiern zu können, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet und zu Träumen und Visionen ermutigt, damals auf der EXPO und heute in
Volkenroda.
Ralf Meister
Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 6
7 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Der Christus-Pavillon im
Spannungsbogen von Kirche
und Technik
Der Vorsitzende des Stiftungsrates
der Stiftung Kloster Volkenroda zum
zehnjährigen Jubiläum der
EXPO-2000-Kirche in Volkenroda
von Dieter Ameling
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 8
Wir stehen im Leben stets unter Spannungen – die Gegenpole Kirche und Technik bilden einen der interessantesten
Spannungsbögen, der mit dem besonderen Blick auf die
EXPO-2000-Kirche viele Energien freigesetzt hat. Beide
Seiten, wenn sie denn zueinander finden wollen, hören
zunächst auf ihre Gefolgsleute und das Führungspersonal,
um dann zu versuchen, einen gemeinsamen Weg unter dem
Spannungsbogen zu finden. Die Geschichte des ChristusPavillons hierzu ist wirklich spannend. Bleiben wir im
Folgenden bei den Erkenntnissen aus der Physik: Zwischen
entgegen- gesetzten Polen fließt Strom – Energie, die zu
Nützlichem eingesetzt werden kann – und von diesen Kräften soll hier die Rede sein.
Hannovers zur deutschen Stahlindustrie,
der für alle Beteiligten neu war. Architekt
Günther Hornschuh hatte damals die grundlegende Restaurierung der Volkenrodaer
Klosteranlage mit der Fertigstellung der
Klosterkirche und dem auf historischen Ruinen gegründeten Konventgebäude geschaffen. Hornschuh und eine Delegation von
Vertretern der Hannoverschen Landeskirche
und der Jesus-Bruderschaft stellten einen
ersten Entwurf für das kühne Vorhaben im
Stahl-Zentrum in Düsseldorf vor. Das Konzept hatte Bischof Hirschler formuliert:
Der Gedanke, den Pavillon der christlichen Kirchen auf der
EXPO 2000 so zu planen, zu konstruieren und zu bauen,
dass er nach der Weltausstellung von Hannover in Teilen zur
weiteren Wiederherstellung der Klosteranlage Volkenroda
gebraucht werden könnte, ist in Volkenroda geboren. Diesen
Gedanken haben Hilfesuchende aus Volkenroda Landesbischof D. Horst Hirschler vorgetragen, der darauf antwortete:
»Wie wäre das, wenn wir die Kirche für Volkenroda in
Glas und Stahl erst einmal auf die EXPO 2000 bauten, sie
dann nach Volkenroda transportierten? Allein für Volkenroda gibt niemand Geld. Für eine EXPO-Kirche, die
danach in Volkenroda steht, aber wohl! Das wäre der Knüller! Das wird gesponsert!« Es war ein ziemlich verrückter
Gedanke. So entstand im Vorfeld der Weltausstellung 2000,
die unter dem Motto Mensch – Natur – Technik stand,
ein Spannungsbogen von der Evangelischen Landeskirche
»Eine Kirche auf der EXPO, das wäre mein
Traum. Es sollte ein in hoher Qualität erstellter Kirchenbau aus Stahl und Glas sein, mit
dem sich die Christenheit als modern und die
Stahlindustrie als innovativ zeigen könnten.«
9 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Mit derartig präzisen Vorgaben entsteht
dann aus Gegenpolen eine Kraft, die überraschend Neues zuwege bringt. Die Ausschreibung zum Bau des Pavillons der
christlichen Kirchen erregte große öffentliche Aufmerksamkeit und führte dazu,
dass Prof. Meinhard von Gerkan und sein
Partner Joachim Zais aus dem Wettbewerb
als Sieger und spätere Auftragnehmer hervorgingen.
In der Laudatio zur Ehrendoktorwürde für
Meinhard von Gerkan an der Theologischen
Fakultät der Philipps-Universität Marburg
hat Professor Horst Schwebel ausgeführt:
»Ein weiteres Charakteristikum von Meinhard von Gerkan ist sein Umgang mit dem
Material. Welches Material zur Bewältigung
der jeweiligen Bauaufgabe Verwendung findet, ist für ihn von großer Wichtigkeit. Dabei
soll mit dem Material gemäß seiner Eigenart und im Bewusstsein des gegenwärtigen
Standes der Technik so umgegangen werden, dass das Material seiner Charakteristik
gemäß zur Wirkung kommt. Die baulichgestalterische Realisierung zielt dabei auf
größtmögliche Einfachheit«.
Auch hier hatte die aus den Gegenpolen
Architektur und Kirche strömende Energie die bestmögliche Wahl getroffen. Der
Christus-­Pavillon in seiner architektonischen
Gestaltung und seiner heute die Kloster­
anlage Volkenroda prägenden Position ist
das Werk Professor von Gerkans. Allerdings
bedurfte es der phantasievollen Arbeit des
Landschaftsarchitekten Hinnerk Wehberg
von WES&Partner, der das spannungsvolle
Viereck der heutigen Klosteranlage schuf,
dem Kloster Volkenroda endgültig die heutige Attraktivität zu geben.
Als es an die Ausführung genialer Planungen für die EXPO-Kirche ging, waren das
Beste der Stahlindustrie und die Besten des
Stahlbaus gefordert. Die Studiengesellschaft
Stahlanwendung im Stahlzentrum Düsseldorf übernahm ihren Teil der Verantwortung
und besann sich einer historischen Maxime:
»Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muss
das Handwerk vorausgehen, welches nur
in der Beschränkung erworben wird. Eines
recht wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen«
(Johann Wolfgang von Goethe).
Wie wahr! Die Dortmunder Stahlbaufirma
Rüter übernahm die verantwortungsvolle
Aufgabe, unter Einsatz ihres innovativen
handwerklichen Könnens – und unter
den kompromisslos kritischen Augen von
Joachim Zais – diese Stahlbau-Kirche zu fertigen. In diesen Spannungsbogen zwischen
der Vorgabe der Architekten und dem eigenen industriellen Können brachte Ewald
Rüter seine geniale Erfindung, den »allseitig
biegesteifen Rüter-Knoten«, als marktreifes
Produkt innovativer Steckverbindungstechniken im Stahlbau ein, was erst die ungewöhnlich schnelle, kostengünstige und reibungslose Umsetzung von Hannover nach
Volkenroda ermöglichte.
gerne getan. Nicht nur, weil mir der Christus-Pavillon sehr am Herzen liegt, sondern
auch die Menschen in Volkenroda. Wir von
der Stahlindustrie unterstützen von Anfang
an die »Stahlkirche«, wie wir vom Stahl
den Christus-­Pavillon intern nennen. Dem
Kloster Volkenroda bin ich aber auch persönlich eng verbunden. Mein Sohn hat hier
geheiratet, und zwei meiner Enkelkinder
wurden hier getauft.
Und dann feierten wir – fasziniert auch von
dem Spannungsfeld zwischen West und
Ost, in das wir geraten waren –, die Wiedereinweihung der EXPO-2000-Kirche, des
Christus-Pavillons im Kloster Volkenroda:
»Liebe Gemeinde, von einer Kirche, die
für den Zeitraum von fünf Monaten erbaut
wurde, habe ich noch nie gehört! Insofern
ist dieses Projekt einmalig. Aber es ist eben
nachhaltig und nicht Teil einer Wegwerfmentalität. Unser Christus-Pavillon wurde
geplant als Präsenz auf dem EXPO-Gelände.
Die Stahlindustrie hat damals bei der Unter- Ein protestantisches Gebäude, in dem ökustützung der EXPO-2000-Kirche, dann menische Gemeinschaft gefeiert wurde,
aber auch bei der Umsetzung des Christus-­ ökumenische Andachten und Angebote
Pavillons nach Volkenroda dankbar ver- stattfanden. Viele Menschen haben den
merkt, dass ihr Beitrag zur EXPO-Kirche Christus-Pavillon sehr lieb gewonnen in
nicht nur Anerkennung gefunden hat, son- den fünf Monaten in Hannover. Ja, sie wolldern auch Fundament für eine nachhaltige ten ihn fast nicht gehen lassen. Er war ein
Fortentwicklung des Dorfes und des Klosters wirklicher Erfolg bei diesem großen Fest der
Völker und Kulturen. So, wie die Kirche mitVolkenroda war.
ten im Dorf steht, so war selbstverständlich
Persönlich stehe ich auch unter einem der Christus-Pavillon zentral an der Plaza
Spannungsbogen, der mir Kraft gibt und gelegen. Es hat sich gezeigt: die Kirche kann
große Freude bereitet. Im Juni 2006 habe sich auf dem Marktplatz der Welt nicht nur
ich den Vorsitz des Stiftungsrates auf Bitten behaupten, sondern sie kann mit dem EvanSeiner Durchlaucht Albrecht Fürst zu gelium das Herz vieler Menschen erreichen,
Castell-Castell übernommen, ich habe das viele Menschen anrühren. Voraussetzung ist
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 10
ein Einsatz mit Liebe und Sorgfalt und Qualität und ein Zugehen auf den Menschen.
Das war ja das Besondere im Christus-Pavillon auf der EXPO: Kommunikation nicht als
virtuelles Geschehen, sondern als Zuwendung zum Einzelnen. So wird Gottes Liebe
sichtbar, wie Christus uns das gezeigt hat.«
(Margot Käßmann).
Die Jesus-Bruderschaft war von Gnadenthal
nach Osten in die neuen Bundesländer aufgebrochen, um Beistand, Hilfe und christlichdemokratische Ordnung zu leisten. Gerade
einmal ein knappes Jahrzehnt nach Deutschlands unblutiger Revolution bescherte der
Spannungsbogen der deutschen Vereinigung
dem Kloster Volkenroda eine fast unerschöpfliche Quelle geistiger und geistlicher
Energie. Der Minister­präsident des alten
Bundeslandes Niedersachsen, das Gast­geber
der EXPO 2000 gewesen war, übergab dem
Ministerpräsidenten des neuen Bundeslandes Thüringen den Christus-Pavillon
in Erinnerung an die Jahrhunderte alte
Tradition des Klosters, in die sich die Jesus-­
Bruderschaft gestellt hatte.
»Gerne trete ich heute in die Fußstapfen
meines großen Namenspatrons Bernhard
von Clairvaux, um die Aufbruchstimmung
der Zisterzienser, die hier erneut spürbar
und sichtbar wird, noch weiter zu schüren.
Machen Sie das Kloster Volkenroda mit seinem neuen Christus-Pavillon noch mehr
als bisher zu einem Ort der Begegnung und
der Besinnung! Lassen Sie von hier aus die
geistigen Impulse ausgehen, die wir für die
Gestaltung unserer Zukunft brauchen werden.« (Bernhard Vogel). Und er wünschte
11 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
sich »geistige Impulse«, die in der Tat überreichlich seit der Wiedereinweihung in den
vergangenen zehn Jahren von hier ausgegangen sind: Der seinerzeitige Pfarrer am
Christus-Pavillon, Dr. Karl-Heinz Michel,
startete ein bemerkenswertes Projekt, deren
Anfänge schon die Stahlindustrie begleitete.
Am Tag der Deutschen Einheit 2003 formulierte er zur Veranstaltung »Einheit und Versöhnung« folgenden Impuls: »Stahl verbindet
– auch die Partner der Stahlanwendungs­
forschung in Ost und West.«
Hier hat die Stahlindustrie unmittelbar den
Gedanken von Pfarrer Michel aufgenommen, im Christus-Pavillon ein christliches
und gesellschaftspolitisches Zentrum einzurichten: »…Die fachliche Zusammenarbeit
ist über ganz Deutschland verteilt. Insbesondere sind nach der Wiedervereinigung
sehr schnell Beziehungen in die neuen
Bundes­länder geknüpft worden und sind
heute fester Bestandteil der Gemeinschafts­
forschung…« (Prof. Dr.-Ing. Ekkehard
Schulz, Vorsitzender des Vorstandes der
damaligen Studiengesellschaft Stahlanwendung e. V., heute Forschungsvereinigung
Stahlanwendung e. V. – FOSTA)
Der Festgottesdienst zum Tag der Deutschen
Einheit, der jährlich genau zum natio­nalen
Feiertag im Christus-Pavillon gefeiert wird,
bestätigt eindrucksvoll mit diesem Projekt
»Einheit und Versöhnung«, dass im ChristusPavillon die guten Wünsche und Hoffnungen der Eröffnung umgesetzt werden.
Dem Beispiel aus dem Jahre 2003 soll ein
weiteres aus dem Jahre 2005 folgen, mit dem
herausgestellt wird, dass auch die Politik den
Christus-Pavillon zum Zentrum ihrer Öffentlichkeitsarbeit machen kann. Eine überraschende Feststellung, wenn man bedenkt,
dass die Stahlindustrie ursprünglich fast
ausschließlich die kirchlichen Bemühungen
auf der Weltbühne EXPO 2000 unterstützen
sollte und wollte; die Jesus-Bruderschaft hat
die Bedeutung der EXPO-Kirche auf eine
wesentlich breitere Basis gestellt:
»Volkenroda ist ein dankbarer Ort, um
über Patriotismus zu diskutieren. Was hier
geschehen ist und geschieht, ist Patriotis­
mus. Ich war bei der Einweihung des
Christus-­Pavillons dabei; für mich ein Wunder, dass dieser Pavillon von Hannover nach
Volkenroda transferiert werden konnte. Ist
es falsch zu formulieren, dass hier patrio­
tisches, bürgerschaftliches Engagement am
Werke war, das in seiner Entschlossenheit
andere – insbesondere auch die Geldgeber
– mitgerissen hat?!« (Franz-Josef Schlichting,
Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen, Podiumsdiskussion des
Deutschlandpolitischen Forums am 3. Oktober 2005 im Kloster Volkenroda »Deutschland – (m)ein Vaterland. Brauchen wir einen
neuen Patriotismus?«)
Gerne empfindet es die Stahlindustrie als
Verpflichtung, auch nach nunmehr elf Jahren für den ordnungsgemäßen Zustand des
Bauwerkes und für ein gepflegtes Erscheinungsbild des Christus-Pavillons zu sorgen.
Der im Vorstand der Stiftung Kloster Volkenroda zuständige Fachmann hat Ende
vergangenen Jahres eine umfangreiche
Untersuchung abgeschlossen, die derzeitige
Ein kühnes Unterfangen
Grußwort des damaligen
Thüringer Ministerpräsidenten Vogel
zur Eröffnung des Christus-Pavillons
am 18. August 2001
von Bernhard Vogel
Schäden und langfristige Werterhaltung beurteilt und den
notwendigen Aufwand abschätzt. Ich bemühe mich gerade
in diesen Tagen, die für tatkräftige Hilfe notwendigen finanziellen Mittel in der Stahlindustrie einzuwerben.
Kommen Sie und spüren Sie die Kraft, die
sich aus der Spannung zwischen Ihnen und
dem Christus-Pavillon des Klosters Volkenroda entwickelt!
Jedoch: Den Spannungsbogen, der von Volkenroda ausgeht
und der jetzt schon unzählige Freunde, Gönner und Sponsoren erfasst hat, möchte ich auf neue Freundeskreise ausdehnen.
Wir haben dies als Leitwort für das Jubiläumsjahr aufgegriffen: Auf dem Weg zur
Mitte – Christus.
Unsere gemeinsamen Bemühungen zielen darauf ab, neue
Quellen für finanzielle Unterstützung der Jesus-Bruderschaft und der Stiftung Kloster Volkenroda zu er­schließen,
die Programme der vielen Veranstaltungen weiteren Kreisen bekannt zu machen und viele neue Freunde zu einem
Besuch des Klosters zu veranlassen.
Prof. Dr.-Ing. Dieter Ameling von 2000 bis 2008 Präsident
der Wirtschaftsvereinigung Stahl und
Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh,
Vorsitzender des Stiftungsrates
Im ersten Korintherbrief steht: »Der Glaube versetzt Berge«.
Heute können wir hinzufügen: Er versetzt gelegentlich auch
respektable Kirchenbauten. Den Christus-Pavillon von Hannover nach Volkenroda zu bringen, war ein kühnes Unterfangen. Auf dem Gebiet der Thüringer Landeskirche und
auch darüber hinaus hat es Vergleichbares wohl noch nicht
gegeben. Dass dies möglich wurde, ist ein gutes Zeichen –
auch für die Kraft des Glaubens!
Das ist eine große Leistung und eine von
vielen nicht mehr für möglich gehaltene
Wendung, denn in DDR-Zeiten sollte Volkenroda »abgesiedelt« werden, wie es zynisch
und technokratisch hieß. Als traditionelle
Lebensform passte das Dorf nicht in die
Vorstellung von einer sozialistischen Gesellschaft.
Kirchenbauten erzählen vom Glauben: Die Steine der
alten Klosterkirche hier in Volkenroda tragen die Spuren
der Zister­ziensermönche, tragen die Spuren einer Jahrhunderte alten Frömmigkeit. Auch der Christus-Pavillon trägt
Spuren: 1,8 Millionen Menschen haben ihn auf der EXPO
besucht. Sie sagen: Der Christus-Pavillon war die »Seele der
Welt­ausstellung«, ein »Ruhepol«, ein »Ort der Sammlung
und Orientierung« auf dem von Angeboten und neuen Ein­
drücken überbordenden »Marktplatz« der Welt.
Nun hat sich die Jesus-Bruderschaft ein weiteres anspruchsvolles Projekt vorgenommen:
Hier in Volkenroda, abseits der großen Verkehrsadern, aber fast am geographischen
Mittelpunkt Deutschlands, will sie den
Christus-Pavillon erneut mit Leben füllen.
Die Bruderschaft kann darauf setzen, dass
die Inhalte, die den Christus-Pavillon in
Hannover zum Erfolg gemacht haben, auch
weiterhin wirksam bleiben. In einer Welt
des dynamischen Wandels brauchen wir
Orte der Besinnung, die uns Orientierung
erst möglich machen. Es ist ein Zeichen der
Hoffnung, das von Hannover ausging und
jetzt von Volkenroda ausgeht: Der ChristusPavillon steht für eine Kirche, die sich zur
Welt öffnet, die Anteil daran nimmt, wie
wir unsere Zukunft gestalten wollen, und
die uns hilft, dafür geistige Grundlagen zu
finden.
Hermann von Bezzel hat einmal von »durchbeteten Räumen«
gesprochen. Ich denke, er meinte damit, dass Kirchenräume
Bedeutungen speichern können, dass die Lebens­spuren, die
sie tragen, gleichsam Glaubensspuren sind.
Die Jesus-Bruderschaft hat die Glaubensspuren in den alten
Klostermauern als eine Quelle der Inspiration genutzt und
in Volkenroda den Geist der Zisterzienser auf´s Neue belebt.
Dem schon sterbenden Dorf hat sie – materiell wie auch geistig – wieder eine Lebensgrundlage gegeben.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 12
13 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Der Christus-Pavillon nimmt die Impulse der Weltaus­stellung
auf und lässt diese Impulse noch lange für die Menschen
fortwirken. Insbesondere Thüringen – mit seinen vielen,
überaus erfolgreichen EXPO-Projekten – wird davon profitieren. Noch mehr aber gilt das für Volkenroda: Als weltweites
EXPO-Projekt war es beispielgebend für neue Lebensformen
im ländlichen Raum und war international ein Beispiel dafür,
dass der Aufbau unseres Landes gelingt: durch die Initiative
der Bürger in Volkenroda, die den Niedergang von Dorf und
Kloster nicht mehr mit ansehen wollten, und durch Hilfe der
Jesus-Bruderschaft aus Gnadenthal. Über 25.000 Besucher
haben sich im EXPO-Jahr vor Ort informiert, eine Zahl, die
besonders an Bedeutung gewinnt, wenn man weiß, dass
Volken­roda nur 200 Einwohner hat. Wir können sicher sein:
Der Christus-Pavillon wird das Interesse an Volkenroda, an
der Region und an Thüringen noch weiter erhöhen.
Es ist auch die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft,
die das Kloster Volkenroda zu einem Anziehungspunkt
macht. Es hat architektonischen Reiz, doch vor allem – und
hier geht Volkenroda noch über die Präsentation in Hannover hinaus – liegt darin ein Stück Wahrheit: Ohne die Rückbesinnung auf unsere Vergangenheit und Traditionen können wir keine Visionen entwickeln, die für unsere Zukunft
tragfähig sind.
Volkenroda ist ein Ort, an dem sich diese Visionen ent­
wickeln lassen, und das geschieht ja bereits: Die Arbeit, wie
sie hier im Europäischen Jugendbildungszentrum geleistet
wird, weist einen guten Weg, auf dem die Herausforderungen
der Zukunft anzugehen sind. Der ChristusPavillon ist Teil dieses Engagements, weil er
insbesondere der Jugend gewidmet ist. Nicht
wir, sondern Jugendliche hatten vor einigen Wochen als erste die Möglichkeit, hier
im Christus-Pavillon zu feiern. Der Bau des
Christus-Pavillons in Volkenroda ist zumindest für Thüringen das treffendste Symbol
für das jetzige Jahr der Jugend.
Gerne trete ich heute in die Fußstapfen meines großen Namenspatrons Bernhard von
Clairvaux, um die Aufbruchstimmung der
Zisterzienser, die hier erneut spürbar und
sichtbar wird, noch weiter zu schüren.
Machen Sie das Kloster Volkenroda mit seinem neuen Christus-Pavillon noch mehr als
bisher zu einem Ort der Begegnung und der
Besinnung! Lassen Sie von hier aus die geistigen Impulse ausgehen, die wir für die Gestaltung unserer Zukunft brauchen werden!
Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Bernhard Vogel Ehrenvorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung,
Schirmherr des 2010 eingeweihten Pilgerweges
Volkenroda-Waldsassen
1
Wasser
kinder
jugend
familie
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15 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Wie Begegnung
zur Verbindung wird
Frische Angebote für junge Leute
im Kloster Volkenroda
von Ortrun Iser
»Das ist ja richtig schön hier – und ich dachte,
wir schlafen in alten dunklen Klosterzellen«,
so ähnlich drücken Teenies oft ihren ersten
Eindruck vom Kloster Volkenroda aus. Es
ist Privileg und Aufgabe für mich, in Volkenroda Jugendarbeit zu machen. Immer
ist die erfolgreiche Arbeit mit Jugendlichen
an Menschen und den persönlichen Kontakt geknüpft. Vorbildwirkung, Empathie,
Lebensweltbezug und die Wahrnehmung
jedes Kindes und jedes Jugendlichen als
geliebtes Geschöpf Gottes sind mir dabei
wichtige Leitlinien.
Ich möchte es jungen Menschen durch
vielfältige Begegnungen ermöglichen, eine
Brücke zwischen ihrem Leben und dem Bildungsort Kloster Volkenroda zu schlagen.
Das Europäische Jugendbildungszentrum
(EJBZ) schafft aus kurzfristigen Begegnungen tiefe, echte und ehrliche Verbindungen
der jungen Menschen mit sich selbst, mit
anderen Menschen, mit der Umwelt und mit
Gott. »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s
sein!«, steht bei den vielfältigen Angeboten
im Mittelpunkt: Generationen leben hier
am Ort eng zusammen – die jugendlichen
Gäste aus ganz Deutschland begegnen jungen Menschen aus der Jahresmannschaft
genauso wie älteren Geschwistern aus der
Jesus-Bruderschaft. Ich lebe als Mitarbeiterin der Jugendbildung im Kloster, präge
den Ort mit, präge die Jugendbildung und
verbinde beides miteinander. So kann echte
Verbindung entstehen.
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17 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Einzigartige Räume
Ferienfreizeiten
Ein weiteres wichtiges Element, das die Jugendarbeit hier
einzigartig macht, kommt hinzu: die Räume. Die Klosterkirche – alt, anheimelnd, gemütlich; der Christus-Pavillon –
modern, hell, frei. Ein wunderbares Ensemble, das einen
»sprechenden« Rahmen für alle inhaltlichen Angebote der
Jugendarbeit gibt.
Eine richtige Veranstaltungsreihe sind die naturwissenschaftlich orientierten Ferienfreizeiten für Kinder zwischen
10 und 14 Jahren. Die Themen Astronomie, Geologie, aber
auch Physik und Biologie sind im außerschulischen Kontext
ohne Leistungsdruck und mit großen gestalterischen Frei­
heiten sehr interessant – übrigens nicht nur für Jungs!
Unsere Themenbausteine
Themenbausteine sind einzelne Bildungsangebote, die von
Gruppen genutzt werden. Beispiele dafür sind der Klassiker
»Gemeinsam sind wir stark – wir sind eine Klasse« (Kennenlerntage) und das Angebot »Vom Schaf zum Schal«. Eine
3. Klasse erlebt das Schafscheren auf dem Schulbauernhof
mit dem Schäfer, das Wollewaschen und -trocknen, das Kämmen und Spinnen der Wolle und beginnt, mit der Wolle zu
stricken. Unterbrochen werden die einzelnen Lerneinheiten
der Umweltbildung mit Spielen aus der Erlebnispädagogik,
dem Kochen am Lagerfeuer und dem Schlafen im »Heu­
hotel«. Bei der Entwicklung vieler Bausteine lerne auch ich
immer wieder viel Praktisches – so konnte ich vorher weder
spinnen noch stricken. Dies von Referenten zu lernen, ist für
Kinder und Erwachsene spannend. Zugegeben, ein ganzer
Schal ist nicht entstanden, wohl aber sind wir alle jetzt in
der Lage, einen Schal zu stricken – dazu braucht es nur noch
genügend Zeit und Geduld.
Vielfältiges Programm
Unsere Veranstaltungen sprechen die unterschiedlichsten
Zielgruppen an: Grundschulkinder, Teenies, Jugendliche
und junge Erwachsene. Sie reichen thematisch von naturwissenschaftlichen Ansätzen über musisch-kulturelle Projekte bis hin zur Arbeit mit speziellen Gruppen (Familien,
Alleinerziehende oder Singles). Die eigenen Veranstaltungen
sind immer wieder Höhepunkte für alle Mitarbeiter im EJBZ.
Von der Idee, der Programmgestaltung und methodischen
Umsetzung, der Öffentlichkeitsarbeit, dem Fundraising, der
tatsächlichen Durchführung bis hin zu Nach­besprechung
und Auswertung ist ein Team von haupt- und ehren­
amtlichen Mitarbeitern gefordert.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 18
19 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Die Sternguckertage, die Steinklopfertage erfreuen sich großer Beliebtheit, Wasserhüpfer- und Wunderkerzentage sind
geplant. Konzeptionell werden wissenschaftliche Inhalte in
Vorträgen und Experimenten verknüpft mit spielerischen
Elementen und erfahrungsorientierten Übungen. Ausflüge in
Sternwarten, Planetarien oder Steinbrüche stehen genauso
hoch im Kurs wie Vorträge über die ISS und das Leben der
Astronauten oder das Steineklopfen und Herstellen eines
eigenen Steinmosaiks. Viele Kinder waren jetzt schon bei
einigen Freizeiten dabei, und es ist schön zu sehen, dass nun
sogar schon einige als Nachwuchsmitarbeiter bei kommenden Veranstaltungen mitwirken wollen.
Auch bei diesen Veranstaltungen freue ich mich, dass wir
immer wieder interessierte Referenten finden, die ihr persönliches Wissen, das sie meist durch intensive Hobbies
erworben haben, gern an Kinder weitergeben. Die Teilnehmer werden in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, für wissenschaftliche Themen begeistert und nicht zuletzt durch
das Zusammenleben in der Gruppe auch in ihren Sozialkompetenzen gefördert. Verbunden mit der abendlichen Andacht
in der Kirche oder im Christus-Pavillon, die das Thema noch
einmal anders einbettet, ergeben sich wunderbare Verknüpfungen von Kinder- und Jugendarbeit und Mission.
Jugend eine Chance
Die abwechslungsreichen Inhalte der Jugendbildung werden
von speziellen Projekten ergänzt. Seit ein paar Jahren engagiert sich das EJBZ mit dem Projekt »Jugend eine Chance«
für sozial benachteiligte Jugendliche. Dieses Projekt liegt mir
sehr am Herzen, ist es doch eine Chance echten sozialarbeiterischen Engagements in Volkenroda. Jedes Jahr nehmen
ca. 7-10 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren die fünf
Doppel­tage im Kloster wahr.
Wichtig ist mir dabei, den Teilnehmern ein exklusives Projekt anzubieten, bei dem sie im Gegensatz zu ihren sonstigen Erfahrungen im Alltag Wertschätzung erfahren. Grundlegend dabei sind elementare Bildungserfahrungen wie der
gemeinsame Beginn der Mahlzeiten, die Erweiterung der
Konzentrationsfähigkeit und das Entwickeln von Konflikt­
fähigkeit. An den Projekttagen wird nach dem Morgensport und dem Frühstück in der Gruppe an einem Thema
ge­a rbeitet. Gekoppelt werden diese Übungen mit Arbeits­
einsätzen an einem praktischen Projekt im Kloster. So wurde
die Lagerfeuerstelle neu gebaut, und so soll ein Beachvolleyballplatz angelegt werden. Die Jugendlichen stellen das Werk
fertig und können dann stolz darauf sein. Bei einer offiziellen
Einweihung werden sie dafür gelobt und erhalten so echte
Wertschätzung.
Immer wieder ist es schön zu beobachten, wie unbefangen
und neugierig diese Jugendlichen, die schon so viele schwierige Erfahrungen machen mussten, mit den Gebetszeiten im
Kloster umgehen. Die Frage, warum die Glocke läutet, führt
oft dazu, dass wir gemeinsam am Mittagsgebet teilnehmen.
Die positive Atmosphäre dort spricht die Jugendlichen an.
Auch bei besonders intensiven persönlichen Austauschrunden nutzen wir die Atmosphäre der Kirche, um miteinander
ins Gespräch zu kommen. Nicht selten zünden wir für alles
Hässliche, was diesen Menschen zugestoßen ist, einfach
eine Kerze an und bringen so in einfacher Form die Dinge
vor Gott.
Brücken der Begegnung
Durch all die beispielhaft beschriebenen
Inhalte werden Brücken der Begegnung
geschlagen. Echte Verbindungen können
entstehen. Wie gut, dass es immer wieder
Menschen gibt, die Jugendlichen gute Erfahrungen im Kloster Volkenroda ermöglichen.
Es gibt so viele, die mitarbeiten, mitdenken
und beraten, die finanziell unterstützen und
für die Arbeit beten. Vielen Dank dafür!
Das Kloster Volkenroda ist für mich ein
Ort, der wie kein anderer junge Menschen
einlädt, ganzheitliche Lebenserfahrungen
zu machen. Körper, Geist und Seele werden angesprochen, und der Geist Gottes ist
immer wieder zu spüren.
…und plötzlich stand
der Himmel offen
Ökumenische Erfahrung
am Christus-Pavillon
von Ruth Lagemann
Ortrun Iser Studienleiterin am Europäischen
Jugend­bildungszentrum Kloster Volkenroda
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 20
Im Sommer 2005 durfte ich im Rahmen
unseres Jugendfestivals zur Vorbereitung des
Weltjugendtages besondere Tage im Kloster
Volkenroda erleben. Lange hatten wir auf
die Tage hingearbeitet – eine Zeltstadt für
2000 junge Menschen aus wohl 20 verschiedenen Ländern braucht einiges an äußerer
und innerer Planung: von Feuer­wehr und
Gesundheitsamt bis Kontakte mit den Nachbarn und den kirchlichen und weltlichen
Autoritäten.
Unplanbar und überraschend war jedoch
das Wetter: eine gesamte Woche im August
mit Dauerregen und Tempera­turen meist
unter 10 Grad ist schon eine kleine Zumutung für junge Leute aus Bra­silien und der
Elfenbeinküste oder Priester aus den Philippinen, die noch nie unter einem Zelt geschlafen hatten…
Einen echten Glaubensschritt brauchte der
geplante ökumenische Pilgergottesdienst am
13. August, dem Gedenktag des Mauerbaus,
zu dem Bischof Huber aus Berlin für einen
Tag mit uns anreiste.
Der Gottesdienst sollte zunächst mit allen
gemeinsam im Christus-Pavillon beginnen
und dann an zwei Orten mit einer Eucharistiefeier in der Kloster­k irche und einem
Abendmahl im Vorhof des Pavillons weitergehen, bevor wir schließlich als wanderndes
Gottesvolk im alten »unsichtbaren Kreuzgang« zu Fürbitte und Segen wieder zusammenkamen.
Wie Regenschirme oder ein Dach für über
2000 Menschen improvisieren ?
21 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Der Gottesdienst begann mit dem Hören auf
Gottes Wort und der Bitte um Vergebung
für alle uns noch trennenden Mauern unter
verschiedenen Konfessionen. Viele Christen
aus der Umgebung waren mit dazu gekommen und dankbar, im Christus-Pavillon ein
gemeinsames Dach und Schutz vor dem
Regen draußen zu finden.
Als wir uns teilten, um an die zwei Mahlfeiern zu gehen, staunten wir, dass der Regen
(zum ersten Mal seit Beginn des Festivals)
aufgehört hatte. Niemand wird jedoch den
Moment vergessen, an dem wir (katholische und evangelische Christen) vorm
Eingang des Pavillons wieder aufeinander
trafen, Bischof Huber und Pater Laurent
Fabre (Gründer und Leiter der Gemeinschaft
­Chemin Neuf) sich herzlich umarmten und
sich der Himmel öffnete mit wärmenden
Sonnenstrahlen, die uns am Licht des Himmels teilhaben ließen. Der Vater freut sich,
wenn Er seine Kinder vereint sieht!
In meiner Kommunität mögen wir den
Begriff von Abbé Couturier vom »unsichtbaren Kloster«, dem Ort derer, die für die
Einheit der Christen beten und arbeiten.
Es war etwas spürbar von diesem unsichtbaren Kloster, dessen Mauern zum Himmel
offen sind, zwischen Christus-Pavillon und
Kloster­k irche an diesem 13. August 2005.
Möge dies noch oft der Fall sein, das hoffe
und erbete ich.
Schwester Ruth Lagemann Gemeinschaft Chemin Neuf
Gebet zum ökumenischen Stationengottesdienst im Christus-Pavillon
am 13. August 2005
Herr, unser Gott,
2
Tür
Region
auf dem Weg der Ökumene erfahren wir es oft als Geschenk, wie sehr wir mit­
einander feiern und uns durch die Vielfalt unserer Konfessionen bereichern
können. Gleich­zeitig spüren wir jedoch auch den Schmerz der Trennung, in dem
uns unsere eigenen Grenzen, unser Mangel an Liebe und unsere Versöhnungs­
bedürftigkeit auf dem Weg zur vollkommenen Einheit deutlich werden.
Du bist der Weg, auf dem wir zur Einheit finden, und die Quelle, die uns stärkt.
Wir beten: Kyrie Eleison
Herr, unser Gott. Du willst, dass wir echte Gemeinschaft erleben. Durch dich, mit
dir und in dir wird dies möglich. Wir sind dankbar, wie weit sich unsere Kirchen
einander genähert haben. Wir sind dankbar für die Gemeinschaft, über die wir
uns immer wieder freuen. Wir vertrauen auf deine Kraft, mit der wir überwinden,
was zwischen uns immer noch bruchstückhaft ist. Wir rechnen mit deinem Geist,
der uns immer wieder neu den Aufbruch wagen lässt. Wir beten: Christe Eleison
Herr, unser Gott. In unserem Land haben wir die Erfahrung machen dürfen, dass
durch die Kraft deines Kreuzes Mauern unerwartet fallen können. Dies hoffen wir
auch in der Gemeinschaft unserer Kirchen. Wir freuen uns darüber, … dass die alten Trennungen schon so weit überwunden sind, dass wir heute miteinander feiern
können. Nie war es deine Absicht, dass sich die Christen voneinander abgrenzen.
Du schenkst uns Kraft und Ideen, Grenzen zu überwinden und neue Wege der
Gemeinschaft zu finden. Wir beten: Kyrie Eleison
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 22
23 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Jesus ist mein Herr, deshalb sind
für mich die Kammern mit den starken
Farben und Bildern so bedeutsam.
Werte kann man nur
durch Veränderung bewahren.
Richard Löwenthal
Der Christus-Pavillon in Volkenroda bleibt in meiner Erinnerung verbunden mit
Günter Oertel. Sein Glaube, seine überzeugungsstark-gewinnende Persönlichkeit
waren die wesentlichen Kräfte in der Beseitigung und Überwindung von Schwierigkeiten. Dankbar denke ich an alle, die mitgeholfen haben, damit dieses große
Werk gelingen konnte.
Mich berühren die Kammern, die Andreas Felger gestaltet hat. Sie weisen auf
Jesus: das Wasser – die Tür – die Perle – die Wunde – die Herrlichkeit – die
Trinität – das Brot – der Weinstock – das Licht! Jesus ist mein Herr, deshalb sind
für mich die Räume mit den starken Farben und Bildern so bedeutsam.
Als der Christus-Pavillon vor zehn Jahren vom EXPO-Gelände
nach Volkenroda umzog, war ich gleichermaßen überrascht und
begeistert. In der Geschichte vom unvergleichlichen Wieder­­aufbau
des Zisterzienserklosters schien ein neues Kapitel zu beginnen.
Bis heute habe ich den Eindruck, dass alle Hoffnungen, Werte und
Ziele durch den Christus-Pavillon noch verstärkt wurden, der sich
inzwischen ganz selbstverständlich in die Klosterlandschaft einfügt.
Kraft und Würde, die dieser Ort ausstrahlt, erkennen nicht nur
gläubige Christen. Als Tagungsstätte, Herberge und Kulturzentrum
hat Volkenroda eine enorme Anziehungskraft.
Dank der Jesus-Bruderschaft trafen tausende Besucher hier nicht
nur auf offene Türen, sondern auch auf offene Herzen.
Aber nicht jede Kammer und jedes Bild spricht jeden in gleicher Weise an.
Was redet zu mir? Was trifft mein Herz und mein Lebensgefühl?
Harald Zanker Landrat des Unstrut-Hainich-Kreises
Für mich ist der Weinstock, der jedes Jahr neue Triebe und Reben austreibt, ein
starkes Bild für neues, junges Leben durch den kraftvollen Saftstrom im alten Stock.
Aber auch das Licht prägt mein Leben und meine Existenz. Das Jesus-Licht hat
mich schon aus vielen Dunkelheiten herausgeführt. Manchmal ist es nur klein –
aber oft leuchtet der Licht-Jesus sehr hell. Wenn ich meinem Herrn in der Bitte um
Vergebung ganz nahe bin, dann brennt der Lichtstrahl der Jesusliebe die dunklen
Flecken meines Lebens weg und die Schatten von Scham und Schuld lösen sich
auf. Das ist die Jesus-Gnade.
Deshalb sage ich mit großer Freude: Jesus ist mein Leben.
Diese Erfahrung wünsche ich vielen Besuchern im Christus-Pavillon.
Albrecht Fürst zu Castell-Castell
Gründer und Vorsitzender des Stiftungsrates von 1998 bis 2006
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25 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Volkenroda – Frohe Botschaft
für Dorf und Region
von Ulrike Köhler
In den vergangenen Jahren haben wir ein
wichtiges Ziel verfolgt: gemeinsam mit den
Menschen der Region Glauben zu teilen
und zu leben. Dafür setzen wir uns auf
unterschiedliche Weise ein. Manches davon
klingt zunächst einfach, erreicht aber sein
Ziel.
Wie beispielsweise unser Bauernmarkt.
Jeden ersten Samstag im Monat ist Volkenroda ein Ort regen Treibens. Kleine Händler
der Region kommen auf unseren Schulbauernhof und bieten eine bunte Vielfalt an: von
selbstgemachten Marmeladen, gestrickten
Socken, Pflanzen, Schuhen, bis hin zu unserem gefragtesten Produkt – dem Kleinvieh.
Schon im Morgengrauen kommen die Händler, bauen nach einer gemeinsamen Tasse
Kaffee ihre Stände auf und warten auf die
Besucher. Jeder bekommt als Eintrittskarte
ein Bibelwort auf einer hübschen Karte.
Bei so manchem findet sich diese auf dem
Nachttischchen wieder, bei anderen sicher
auch im Mülleimer.
umliegenden Dörfern ist niedriger geworden, es ist teilweise schon ein richtig gutes
Miteinander.
Meine ganz große Freunde sind die Glaubenskurse. Zur Zeit läuft gerade der zweite
Durchgang in diesem Jahr. An fünf Abenden
treffen sich drei Handvoll Menschen unterschiedlichster Herkunft und Prägung, essen
gemeinsam und versuchen anschließend,
dem Glauben auf die Spur zu kommen.
Dabei geht es um Gott und die Welt, aber
auch um das persönliche Leben jedes Einzelnen. Oft dauert das eigentlich zweistündige
Beisammensein bis Mitternacht.
Und diese Kurse bringen jetzt schon Früchte.
Drei regelmäßige Hauskreise mit »Ehemaligen« sind entstanden, die die Gemeinschaft
der Glaubenskurse weiterführen und helfen,
Glauben im Alltag zu leben. Wir freuen uns,
dass Vertrauen gewachsen ist und Menschen
aus der Region nach seelsorgerlichen Gesprächen fragen.
Ein gutes Beispiel: Trotz des Sturmes
»Emma«, der Thüringen umstürzende
Bäume
und
unwetterartigen
Regen
bescherte, kamen 600 Menschen auf den
Bauernmarkt. Normalerweise haben wir
circa 1.000 Bauernmarkt-Fans. Fans ist hier
wirklich nicht zu viel gesagt, denn viele der
Händler und Besucher kommen zu jedem
Markt.
All diese Aktionen zeigen, dass Berührungsängste abgebaut werden und unser Kloster
das sein kann, was es sein will – ein Ort des
Lebens, Arbeitens, der Gemeinschaft und
des Glaubens für alle, und vor allem für die
Menschen aus Dorf und Region. Mein Herzensanliegen ist es, dass in unsere unheilvolle Welt das Heil Gottes kommt. Dafür
lebe, bete und arbeite ich hier in Volkenroda.
Neben Handel und Verkauf gibt es immer
nette Begegnungen und gute Gespräche bei
einem kühlen Bier und einer würzigen Thüringer Rostbratwurst. Die Schwelle zu den
Ulrike Köhler Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 26
27 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
3
Perle
kultur
Durch die blühende Landschaft fuhren
wir vom Norden in dieses schöne Tal und
staunen über die beiden so verschiedenen
schönen Kirchen! Herzlichen Dank für
die Möglichkeit, hier Besinnung und
Freude zu erleben.
Hannelore Hedrich, 5.6.2008
»Junge Kunst« 2009,
»no depression in heaven«
mit Agnès Guipont.
Foto: Dieter Albrecht
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29 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Wenn Geist in Stahl
und Marmor wohnt
Der Christus-Pavillon erhebt
Kunstwerke in eine höhere
Dimension
von Dieter Albrecht
Falls Wunder das sind, was man nicht für
möglich gehalten hätte, dann trägt der Christus-Pavillon tatsächlich etwas Wunder­bares
in sich. Wer hätte während der Weltausstellung »EXPO 2000« in Hannover damit
gerechnet, dass dieses Gebäude aus dem
Zentrum weltweiten Interesses umziehen
würde ausgerechnet in einen verlassenen
Winkel Nordthüringens, in das im Laufe
von Jahrhunderten verfallene und nach der
Wende von der Jesus-Bruderschaft zu neuem
Leben erweckte Kloster Volkenroda? Wer
hätte es für möglich gehalten, dass dieser
supermoderne Quader aus Stahl und Marmor sich architektonisch-ästhetisch derart
selbstverständlich einfügen würde in sein
mittelalterliches Umfeld? Wer hätte damit
gerechnet, dass die Dorfgemeinschaft ihre
ablehnende Haltung aufgeben und sich mit
Hand und Herz für das Kloster und seinen
Christus-Pavillon einsetzen würde? Und
welcher Musikfreund hätte sich vorher solch
eine atemberaubende Akustik vorstellen
können? Wenn das keine Wunder sind…
»Ich will bei euch wohnen: Ihr sollt zu Hause
sein.« So hieß es in einem Lied, das eigens zur
Einweihung des Christus-­Pavillons geschrieben worden war. Ja, dieses »Haus Gottes bei
den Menschen« lässt einen sofort Geborgen-
heit spüren. Hier provo­zieren Kontraste nicht
– sie versöhnen. Rings um den Pavillon und
seinen Vorhof ziehen sich Doppelglasfenster,
gefüllt mit Gegenständen des Alltags: Glühlampen, Tonbandkassetten, Zahnbürsten,
Teesiebe, diverse Natur­materialien. Sie grenzen den Kreuzgang gegen die Außenwelt ab
und verbinden ihn doch zugleich eng mit
ihr. Ein genialer Kunst-Griff! Schlichte, mit
gleichsam go­t ischer Energie aufstrebende
Stahlsäulen im Inneren erzeugen Ehrfurcht.
Mild-­diffuses Licht dringt durch die Marmorwände, lässt unruhige Blicke zur Ruhe
kommen. Hier fällt es leicht, sich auf Wort,
Klang und Bild zu konzentrieren.
Wer im Christus-Pavillon einmal ein Konzert
erlebt hat, wird das so schnell nicht vergessen
können. Der Raum hat einen auffällig langen
Nachhall, aber die schlichte Architektur mit
ihren ebenen Flächen lässt kein undurchdringliches Gemisch unzähliger Schallrücklaufzeiten entstehen, die dem Hörer in
großen gotischen und barocken Kirchen den
Genuss verderben können – hier kommen
klare Klangkonturen an. Markus Stockhausen war nicht der Einzige, der das im Christus-Pavillon ohrenfällig demons­t riert hat.
Man stelle sich vor: Seiner Trompete entwindet sich ein prägnantes musikalisches Motiv
und steigt gleichsam zum Licht auf. An der
Decke wird es reflektiert und gesellt sich als
polyphone zweite Stimme zum inzwischen
weiterspielenden Instrument. Ein Duett für
Trompete und Echo – wo kann man das
sonst noch erleben?
Wovon einst Claude Debussy träumte – im
Vorhof des Christus-Pavillons kann es wahr
werden: Naturstimmen und Musik verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk.
So geschah es, als der Gitarrist Roger Zimmermann die Rezitation von Gedichten der
Schlotheimer Künstlerin Petra Arndt auf seinem Instrument begleitete. Windgeräusche,
Blätterrauschen und Vogelstimmen schufen
eine zauberhafte Stimmung – auch im perfektesten Konzertsaal unerreichbar.
Die Herzen vieler Freunde zeitgenössischer
Musik und modernen Theaters schlagen
höher beim Festival »Junge Kunst«. Trotz
stets aktueller Finanzierungsprobleme gab
es das bereits achtmal. Nach einer kreativen
Pause soll es sich 2012 zum neunten Mal
zu Wort melden. Auch Friedemann Felger,
Spiritus rector des Festivals und seit einigen
Jahren Theatermann in Berlin, wird voraussichtlich wieder mit dabei sein. Unvergessen
ist seine theatrale Installation »no depression
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 30
in heaven« zum 8. Festival: Entlang einer über jeweils einen
Stadtplan gezogenen Linie waren er und seine Schauspieler
drei Wochen lang durch Wohnzimmer, Schlafzimmer und
Hinterhöfe, durch eine Psychiatriepraxis und ein Landgericht gegangen und hatten Menschen per Video befragt.
Daraus entwickelten sie berührende Spielszenen, die auf
unterschiedliche Weise die Frage nach dem richtigen Leben
im falschen stellen.
Die Zusammenarbeit mit dem Bad Hersfelder Festspiel­
orchester und -chor ermöglicht große Chorsinfonik im
Christus-Pavillon. Hier erklangen schon die Oratorien
»Elias« von Felix Mendelssohn Bartholdy und »Der Messias«
von Georg Friedrich Händel. Und die Arcis-Vocalisten, ein
renommierter semiprofessioneller Chor aus München, werden im August des Jubiläumsjahrs 2011 Carl Orffs »Carmina
Burana« am Teich vorm Christus-Pavillon aufführen. Schon
mehrfach gehörte der Bau auch zu den Aufführungsorten
künstlerisch anspruchsvoller Sommerkonzerte des zuhörerträchtigen MDR-Musiksommers.
Die über die Grenzen ihrer Stadt hinaus geschätzte ambitionierte Mühlhäuser Theaterwerkstatt 3K hat ebenfalls
schon im Christus-Pavillon ihre Kunst gezeigt. Im Kloster
hat der mit dem großen griechischen Komponisten Mikis
Theodorakis befreundete Gitarrist Rainer Rohloff dessen
Musik gespielt. Und aus ihren Werken gelesen haben hier
die Bürgerrechtlerin Freya Klier, der 1977 in den Westen
über­gesiedelte erzgebirgische Schriftsteller Reiner Kunze
und der suspendierte katholische Priester, sozialis­t ische
31 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Politiker und Dichter Ernesto Cardenal aus
Nicaragua.
Ein nicht minder geeigneter Ort ist der
Christus-Pavillon für Kunstausstellungen.
Die sachliche Architektur lässt Bildern und
Plastiken allen Raum, den sie brauchen, um
ihre Geschichten in Ruhe zu erzählen. Horst
Sakulowski, der lange gezweifelt hatte, ob
es sinnvoll sei, einige seiner Grafiken hier
zu zeigen, war, als sie erst einmal hingen,
schlichtweg begeistert davon, wie sehr dieser Raum den Ernst, die Würde und die
Expressivität seiner »Christusbilder – Menschenbilder« wirken ließ.
Schade nur, dass sich dieses »Haus Gottes
bei den Menschen« nicht heizen lässt. Aber
auch in diesem Fall hat die Medaille zwei
Seiten: In der kalten Jahreszeit haben all
seine Freunde Gelegenheit, ihre Ungeduld
im Warten auf die nächste Saison zu kultivieren. Eine Art Kulturfasten, geprägt von
der Vorfreude auf das, was da kommen mag.
Dieter Albrecht Journalist aus Gotha
Die Kammern
im Christus-Pavillon
in der Gestaltung
von Andreas Felger
von Frank Günter Zehnder
Neun kleinere würfelartige Räume sind so um den großen
zentralen Christus-Raum gelagert, dass sie sich jeweils zum
umlaufenden Kreuzgang hin öffnen. Die klare Struktur der –
vom Quadrat bestimmten – Architektur wird in der Anordnung der Kammern konsequent fortgeführt: Es sind drei
auf jeder Seite, neben und hinter dem hohen GottesdienstRaum. Ihre Form und Funktion, ihre Maße und Anbindung,
ihre Lichtführung und Intimität betonen die besondere
Bedeutung dieser Zellen, sie lassen den Umgang als einen
Andachtsweg erfahren. Mit ihrer Lage erinnern sie sowohl
an die Tradition der Chor- und Seitenkapellen in den Kirchen
als auch an Räume, die an Kreuzgänge angeschlossen sind.
Anders als der große helle Raum in der Mitte sind sie nicht
Orte liturgischer Handlungen oder für größere Versammlun­
gen gedacht, sondern sie sind der persönlichen Andacht
gewidmet und als stille Orte dem Einzelnen, der Kontem­
plation vorbehalten.
Die farbige Fassung aller Kammern und ihre zurückhaltende
Ausstattung mit wenigen Objekten, der Verzicht auf figür­
liche Erzählung und der jeweils andere Charakter der Räume
betonen nachdrücklich ihre Eigenart innerhalb des ChristusPavillons. So kommt vor allem die Malerei, kommen die unterschiedlichen Farben, kommen die Themen und kommt der
wichtige Zusammenhang von Licht und Farbe zum Tragen.
linke Seite: Licht
rechte Seite: Tür
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 32
33 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Ein Vergleich der mit allerlei kleinen Gegenständen gefüllten Glasfenster des Kreuzgangs mit den großflächigen Malereien der
Kammern macht die Korrespondenz von Alltagserfahrung und Atempause sichtbar.
Trinität
Der Maler, Grafiker und Bildhauer Andreas
Felger (*1935 in Belsen/Schwäbische Alb)
hat mit seiner Umsetzung der Themen und
der eigenwilligen Farbgebung eine eindrucksvolle Raumfolge geschaffen. Er hat
Christus-Worte oder Texte aus dem Johannes-Evangelium, dem Matthäus-Evangelium
und dem Römerbrief zur Grundlage seiner
malerisch-spirituellen Gestaltung gewählt,
er hat auch aus seiner persönlichen Gläubigkeit und künstlerischen Authentizität heraus
ein geradezu leidenschaftliches Bekenntnis gemalt. Eine im gleichen Farbton, aber
meist in Valeurs, in Flächenmalerei oder mit
Schraffuren aufgetragene Farbigkeit prägt
jeweils die Gesamtstimmung einer Kammer,
der thematische Bezug wird stets durch ein
signifikantes Zeichen in den Mittelpunkt
gestellt. So nimmt der Besucher der Kammern – bei einer von Raum zu Raum veränderten Farbgebung – in knappster abstrahierender Formensprache einen Wasserlauf,
einen Lichtspalt, eine Perle, eine Verwundung, einen Kreis, drei gerissene Öffnungen,
eine Licht-Mandorla, eine gebrochene Hostie
und einen Weinstock wahr. Farben und Zeichen stehen in engem Zusammenhang.
Auch wenn es eine theologisch überlegte
Abfolge der Räume gibt, so ist doch keine
Leserichtung festgeschrieben. Neben einem
systematischen Besuch aller Kammern in
der gewohnten Laufrichtung von links nach
rechts werden manche Gäste eine spontane
persönliche Auswahl treffen, die von der
Signalwirkung der Farben, der Zeichen,
eines Objektes oder der Gesamtwirkung des
Raumes beeinflusst wird. So üben etwa der
goldene Raum oder die blaue Kammer mit
der leuchtenden Mandorla auf den Vorbei­
kommenden eine starke, geradezu charismatische Anziehung aus. Kein Raum ist
im klassischen Sinne erzählend oder gar
didaktisch pastoral, jede Kammer sendet
stattdessen auf den ersten Blick Lockrufe
oder Angebote aus, die eine emotionale
oder rationale Wahrnehmung auslösen.
Da gibt es Betrachter, die sich von der Formensprache der Zeichen oder von der mystischen Farbwirkung angesprochen fühlen,
andere werden von der Stimmigkeit eines
Raumes besonders beeindruckt oder setzen
sich mit treffenden, aber ungewohnten Brüchen näher auseinander.
Es ist keine Frage, dass einige Kammern
beispielsweise eine außerordentliche Tiefen­
wirkung signalisieren oder einige im wahrsten Sinne des Wortes mit einem farblichen
Zauber gefangen nehmen. Diese Raummalerei – man könnte sie auch als Farbinstallation bezeichnen – ist eine Besonderheit in
der zeitgenössischen Kirchenausstattung. Sie
lebt aus Andreas Felgers autonomer Kunstsprache heraus, in der sich auf spannende
Weise immer wieder persönliche Weltsicht, Humanität und Gottsuche treffen, –
ebenso gut in spirituellen wie in profanen
Zusammen­hängen. Der Künstler ist bei der
Schöpfung dieser Farbräume völlig authentisch vorgegangen und der Konsequenz
seiner Werkentwicklung gefolgt, vieles verbindet diese Malerei mit seinen gleichzeitig
entstandenen freien Holzschnitten, Aquarellen und Gemälden. Und in seinem gesamten
Schaffen gilt: Er malt nur das, wozu er auch
persönlich steht, unabhängig von Inhalten,
Motiven, Zeitströmungen, Vorbildern oder
Auftraggebern.
Andreas Felgers international geschätzte
Arbeitsfelder (Holzschnitt, Aquarell und
Bildhauerkunst) haben seit 1985 mit der
Ölmalerei einen kräftigen Zuwachs bekommen. Dieses – bis vor wenigen Jahren vom
Künstler noch zurückgehaltene – GemäldeOeuvre wächst stetig weiter, da er sich dieser Maltechnik intensiv, ja geradezu leidenschaftlich widmet. Hier setzt er mit seiner
unverwechselbaren Handschrift, mit der
Verbindung von Reduktion und Lesbarkeit
in der Kunstszene viel beachtete Akzente.
Er hat in der Stille seines Ateliers über Jahre
hinweg vielschichtige Ausdrucksformen
entwickelt, die auf individuelle Weise aktuellen internationalen Tendenzen wie der
Ornamentmalerei (pattern art), einer neuen
Figuration und vor allem der Farbfeldmalerei
(colour field painting) begegnen. In diesem
Zusammenhang markieren die Kammern
eine wichtige Entwicklungsstufe besonders
für seine Farbfeldmalerei. Ihr begegnet man
hier durchgehend, denn die Wand füllenden
oder mitunter auch aufgeteilten Farbflächen
sind mit Vorliebe monochrom gefasst.
Seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts nahm die kontemplativ wirkende
Farbfeldmalerei im Schaffen des Künstlers
deutlich zu und erreichte um 2000 bis 2002
einen Höhepunkt. In dieser Phase wurden
auch die Themen und das Farbkonzept für
die Kammern ausgearbeitet und realisiert.
Ein enger – nehmender und gebender –
Zusammenhang zwischen den frei entstandenen Bildern und den Kammern ist offensichtlich. So sind diese ausgemalten Zellen
zugleich auch Hauptwerke dieser wichtigen Stilphase im Gesamtschaffen Andreas
Felgers.
Es korrespondiert etwa das Zeichen für Wasser (in »Taufe«) mit ähnlichen Formen für
Weg oder Figur in den Gemälden und das
kräftige Blau, das hier an Wasser, Himmel,
Kühle und die Brunnenstuben der Zister­
zienser denken lässt, verweist in Bildern auf
Tiefe, Firmament und Unendlichkeit. Mit
leuchtend weißen Formen als Spalt, Kreis
oder Mandorla (in »Tür«, »Perle« und »Licht«)
werden Motive und Akzente gesetzt, die sich
in den Gemälden und Grafiken als Farbkontraste und Lichtziele manifestieren. Andere
einfache und ausdruckstarke Formen wie
die Verwundung (in »Wunde«), die Farbspalten (in »Trinität«), die gekreuzt gebrochene
Goldscheibe (in »Brot«), das Tau-Kreuz (in
»Weinstock«) und der Kreis als vollkommene
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 34
Perle, Herrlichkeit,
Weinstock, Brot
35 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Geschlossenheit über dem unendlichen
Goldglanz (in »Herrlichkeit«) haben Parallelen in Grafik, Malerei oder Skulptur An­dreas
Felgers, – vor, nach und gleichzeitig mit
Volkenroda. Mit der Farbgebung und ihrer
Lichtführung geht von Raum zu Raum auch
eine gewisse Dramaturgie einher. Als ein
tragendes Element hat sich neben der Farbe
das Licht erwiesen, das einmal schimmernd,
ein anderes Mal kräftig hereinbrechend, ein
weiteres Mal wie ein Leuchtkörper oder oftmals in der Farbe selbst als lichtvoller oder
– vor allem bei der Darstellung der himmlischen Herrlichkeit – als goldglänzender
Reflex wirksam wird. Auch wenn diese
Kammern keine direkten Erzählungen präsentieren, sprechen sie über die Kunstform
doch eindringlich zum Betrachter.
Diese reine Malerei Andreas Felgers wird
in ihrer Wirkung durch die wandernde Helligkeit im Tages- und Jahreslauf deutlichen
Wandlungen unterworfen. Es lohnt sich,
sie in anderem Licht und Wetter, mit anderen Augen und in veränderter Stimmung
zu sehen. Sie lebt nicht aus dem gemalten
Wort, sondern aus einer künstlerischen Leidenschaft, die ohne illustrierenden Ansatz
vor allem der Farbe und ihrem Malprozess
verpflichtet ist. Dass er mit einem hohen
Anteil von Sinnlichkeit in seiner Farb- und
Malkultur zugleich auch die geistigen und
geistlichen Ebenen von Ort und Glauben
berührt, verdankt sich der besonderen Imaginationskraft, der Inno­vationslust und der
Identifikation des Künstlers mit der Aufgabe.
Die neun Kammern bereichern die sanft
beleuchtete, eher nobel schwarz-weiß-grau
erscheinende Architektur und die übrige
Ausstattung des Christus-Pavillons um leuch­
tende Bilder, die sich zu Räumen weiten. Sie
packen und sie beruhigen, sie inspirieren und
lassen assoziieren, sie schaffen sozusagen im
Nebenraum die Voraussetzung und die Einstimmung für den Hauptraum. Sie bleiben im
Gedächtnis, man nimmt sie mit.
4
wunde
ft
gemeinscha
Wunde
Wasser
Prof. Dr. Frank Günter Zehnder alle Abbildungen dieses Artikels mit freundlicher
Genehmigung © Andreas Felger Kulturstiftung
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 36
37 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Unsere Leitsätze –
und wie wir
damit umgehen
Im Jahr 2012 sind wir eine
erkennbare Gemeinschaft.
Wir lernen weiterhin,
aus Liebe zu Jesus die Ehre
Gottes zu suchen und nach
seinem Willen zu fragen.
Bericht aus dem Trägerkreis
des Klosters Volkenroda
von Jens Wolf
Wir achten einander und
ergänzen uns mit unseren
Gaben, um Gott und den
Menschen zu dienen.
In den vergangenen Jahren haben wir uns als Trägerkreis
verstärkt die Frage nach unserem Selbstverständnis gestellt.
Wenn zehn erwachsene Menschen mit unterschiedlichen
Prägungen in verschiedenen Lebensformen an einem Ort
gemeinsam leben, glauben und arbeiten wollen, dann bleibt
die Frage nicht aus und wird einmal so drängend, dass
gemeinsame Antworten gesucht werden müssen.
Wir laden ein, in Gottesdienst,
Begegnung und Arbeit
mit uns Leben aus Glauben
zu lernen.
Durch die fachkundige und verständnisvolle Begleitung von
Prof. Dr. Michael Herbst und Dr. Peter Böhlemann konnten
wir uns einigen und auf einen Punkt bringen, warum wir
uns hier miteinander engagieren. Dies war ein spannender
Prozess, und er hat uns in einer tiefen Einheit zusammen
gebracht und ist zu einer starken Grundlage in unserer täg­
lichen Arbeit geworden.
Auf Grund dieser Basis konnte in der letzten Zeit die Struktur des Vereins so verändert werden, dass die Mitgliedschaft
im Verein Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda neben kommunitären Mitgliedern auch weiteren aktiven Mitgliedern
möglich sein wird.
Eine Gruppe aus Berlin war für ein Wochenende hier im
Kloster zur Einkehr. Als Dankesgruß haben sie uns geschrieben, auf einer Postkarte, die das Kloster vor der Renovierung
zeigt:
»Ist ein Kloster irgendwann einmal fertig? NEIN, es ist auf
dem Weg mit Christus, offen für das, wohin es führt. Aber
JA, es ist immer fertig, wenn es dazu dient, dass Menschen
dort Christus begegnen können, Liebe finden, bei Ihm aufatmen, sich tiefer in Ihm gründen können. Sie haben uns
geholfen, auf unseren gemeinsamen Herrn zu sehen, Frieden
in Ihm zu finden, Ruhe und Freude und neues Vertrauen,
Dankbarkeit.«
Jens Wolf Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 38
39 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Eigentlich muss ich
auch mein Leben ausmisten
Seelsorge im Kloster Volkenroda
von Luitgardis Parasie
Dieser Christus schockiert. Ihm fehlen
beide Arme und der obere Teil des Kopfes
– wie skalpiert. »Er ist sehr alt, stammt aus
dem 14. Jahrhundert. Durch Kriege wurde
der Korpus schwer beschädigt, wie auch
die ganze Klosteranlage. Aber wir haben
ihn bewusst nicht repariert, so rehistori­
sierend. Wir müssen aus der Spannung der
Geschichte lernen. Was die Zeit ihm angetan hat, das soll sichtbar bleiben, in neuem
Kontext«, sagt Ulrike Köhler. Die 54-Jährige
ist Landwirtin und Seelsorgerin im Kloster
Volkenroda.
Rehistorisierend, das Wort wird sie noch
häufiger benutzen an diesem Herbsttag, an
dem die Sonne sich erst nachmittags aus dem
Nebel schält. Es steht für das, was Ulrike
Köhler nicht will: Alles so wiederher­stellen,
wie es früher war. Das gilt auch für die
romanische, 1131 von Zisterziensern erbaute
Klosterkirche, die den Christus beherbergt.
Die alten noch erhaltenen Mauern sind
geblieben, aber innen ist die Kirche ganz
modern, mit einer großen Fensterfront nach
Westen, Fußbodenheizung, Tont­echnik.
Die Einrichtung schlicht, klar gegliedert:
Reduktion des Äußerlichen, ganz im Sinne
der Gründer. »Die Kirche ist kein Museum;
wir wollen sie ja nutzen, und deshalb
muss sie zu modernen Bedürfnissen passen«, betont Köhler. Und genutzt wird die
Kirche. Morgens um halb acht geht es los
mit einem »Gottesdienst mit Mahlfeier«.
Um zwölf Uhr ist Mittagsgebet, abends
um sechs Abendgebet. »Die Gottesdienste
strukturieren den Tag, das tut uns gut und
den Menschen, die hier mit uns leben«, sagt
die Seelsorgerin.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 40
41 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Schweine, Ziegen, Waschbären
Neun Leute gehören zur verbindlichen
Klostergemeinschaft, dazu kommen etwa
zwanzig junge Männer und Frauen, die als
FSJler oder mit einem Zweijahresvertrag
mitarbeiten. »Manche von ihnen wollen
ausprobieren, ob sie dauerhaft im Kloster
leben können.« Sie kümmern sich um den
Gästebetrieb mit hundert Betten, Jugend­
bildungszentrum, Küche, Kirche, Verwaltung, Landwirtschaft. Und um den Christus-­
Pavillon, der 2001 vom EXPO-Gelände
in Hannover nach Volkenroda umgesetzt
wurde und der neben dem Andachtsraum
Platz bietet für Konzerte und Ausstellungen,
Kunst und Kommunikation, z.B. im »Cafe
im Kubus«. Auch ein Schulbauernhof gehört
zum Kloster, mit Groß- und Kleingetier: zehn
Schweine, vier Ziegen, drei Esel, zwei Ponys,
zwei Waschbären, Tauben, Hühner, Katzen.
»Tiere sind gute Mittler«, sagt Ulrike Köhler,
»gerade sind 15 Heimkinder für zwei Tage
bei uns, mit schlimmen Familienschicksalen
und schwierigen Verhaltensmustern. Wenn
die so ein Tier streicheln und versorgen, das
gibt ihnen ganz viel. Da können sie Nähe
zulassen, wo Menschen manchmal gar nicht
rankommen.«
Schlichte Zimmer
Marcus Jurij Vogt ist gestern in Volkenroda
angekommen. Er will für zwei Monate
»Kloster auf Zeit« in Anspruch nehmen. Das
Angebot wurde vor zwei Jahren neu ins Programm aufgenommen: Wer in einer Krise
ist oder eine Auszeit braucht, kann ein paar
Wochen im Kloster leben. Der 43-jährige
promovierte Jurist aus Freiburg im Breisgau
hat der Bundeswehr geholfen, transkulturelle Konflikte zu lösen. Viele Monate war
er mit dem Heer in Afghanistan, hat die Entwicklungen am Hindukusch hautnah mit­
erlebt und mitgestaltet. Das Erlebte steckt
ihm noch in den Knochen.
Die »Kloster auf Zeit«-Gäste bekommen ein
einfaches Zimmer mit Vollpension ab zehn
Euro pro Tag. »Wir wollen, dass jeder sich
das leisten kann. Manchen, die zu uns kommen, geht es ja auch finanziell nicht gut«,
sagt Köhler. Sie ist Seelsorgerin für die »Kloster auf Zeit«-Leute und bestens qualifiziert:
Die studierte Landwirtin hat eine Kurzbibelschule in Chrischona bei Basel besucht,
eine Lektorenausbildung gemacht und in der
evangelischen Kirche Mitteldeutschlands
eine klinische Seelsorgeausbildung (KSA)
absolviert, außerdem ist sie Mitglied in
einem Arbeitskreis für geistliche Begleitung.
Ehekrise und Burnout
Jeder der »Kloster auf Zeit«-Leute arbeitet
täglich vier Stunden in der Landwirtschaft.
»Die körperliche Arbeit tut den meisten
gut«, erzählt Ulrike Köhler. »Sie drehen
sich nicht ständig um sich, bleiben nicht
allein mit ihren Problemen. Ganz organisch
ergeben sich Gespräche. Da sagt einer beim
Schweinestall-Ausmisten: ›Eigentlich muss
ich auch mein Leben ausmisten‹. Oder beim
Schraubensortieren: ›Ich muss auch einiges
neu sortieren.‹ Schnell ist man bei zentralen
Lebensfragen.«
Die Gründe sind vielfältig, aus denen »Kloster auf Zeit« in Anspruch genommen wird:
Ehekrise, Burnout, Verlust der Arbeit, Sinnsuche. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda
spricht sich das Angebot herum, manche stoßen auch durchs Internet darauf. Die Plätze
sind rar: Maximal drei Personen parallel
kann das Kloster aufnehmen.
Ein katholischer Freund hatte Marcus Vogt
den Tipp mit Volkenroda gegeben. Das Kloster ist von seiner Ausrichtung her ökumenisch, auch wenn derzeit nur evangelische
Mitarbeiter dort tätig sind. Marcus Vogt
stammt von Sorben ab, einem slawischen
Volksstamm; 60.000 von ihnen wohnen in
Sachsen und Brandenburg. Wie kann man
die Schätze dieser Minderheit bergen, ihre
Geschichte und Frömmigkeit, und daraus
Zukunftsperspektiven entwickeln, auch
für aktuelle Konflikte? Auch für das, was
er gerade erlebt hat, mit Bundeswehr und
Afghanistan? Diese Fragen treiben den
Rechtsanwalt um. 2009 hatte er eine Tagung
an der Uni Leipzig organisiert, mit dem Titel:
»Divinität und internationale Beziehungen«. »Die Besinnung auf Gott«, meint er,
»erfordert eine Synthese zwischen evangelisch und katholisch – und eine dienende
Haltung in sozialen und politischen Problemfeldern.« Was will er in den zwei Monaten Klosterleben erreichen? »Ich suche Konzentration und schreibe mich frei, in dieser
mönchischen Atmosphäre.
Ich entwickle eine neue staatswissenschaftliche These.« Manches möchte er auch für
sich persönlich abschließen, schmerzliche
und belohnende Erfahrungen, und neue
Weichenstellungen für die Zukunft finden.
»Es ist so bewegend zu erleben, wie sich
durch die Zeit hier manches löst und neu
wird«, sagt Köhler. Da war zum Beispiel
der Unternehmer in einer akuten Ehekrise,
der anrief und sagte: »Ich muss sofort kommen.« Er blieb fünf Wochen, ging durch
schmerzliche Phasen der Selbsterkenntnis,
in denen ihm klar wurde, wo seine eigenen Schwierig­keiten lagen und woher sie
kamen. Am Ende schrieb er ins Gästebuch:
»Vergebung ist das Größte, was ein Mensch
bekommen kann.« Seine Frau holte ihn ab,
sie fanden zu einem neuen Miteinander in
ihrer Ehe.
Rehistorisierend, das ist nicht Ulrike Köhlers
Ding, auch in der Seelsorge nicht. Nicht einfach Altes zusammenschustern und schön
bemalen. Neues entsteht auf den Ruinen des
Bisherigen, durch aufwühlende Prozesse.
Durch Begegnung mit sich selbst, und mit
Gott. »Ich stelle im Prinzip nur Fragen«,
sagt Köhler, »die körperliche Arbeit, die
Gottesdienste und Gebete tun ein Übriges,
und die Leute helfen sich auch gegenseitig.«
Regelmäßige Gesprächstermine bietet sie
auch außerhalb der landwirtschaftlichen
Arbeit an.
Ein Kind des Sozialismus
Ulrike Köhlers Biografie ist eng mit dem
Kloster verbunden. Ihr Mann Gerhard
stammt aus Volkenroda, im Studium in Leipzig lernte sie ihn kennen und zog dann nach
dem Examen mit ihm dorthin. Die Kirche
war damals einsturzgefährdet und nur unter
Lebensgefahr zu betreten. Nach der Wende,
1991, wurde Ulrike Köhler arbeitslos. Das
stürzte sie in eine Lebenskrise. Zwar hatte
sie drei Kinder, »aber ich bin eine Ostfrau,
für uns war es selbstverständlich mit Kindern berufstätig zu sein.
Ich fühlte mich wertlos: Was bin ich ohne
Arbeit?« Ihr Leben erschien ihr sinnlos.
Zum Glauben hatte sie »als Kind des Sozialismus« damals keine Beziehung. Allerdings
gab es da eine betende Oma, und die hatte
ihr prophezeit: »Warte mal ab, die Not lehrt
dich auch noch beten!«
Und so kam es auch: Die Enkelin ging in die
verwahrloste Klosterkirche und sprach zum
ersten Mal seit langem ein Gebet: »Gott,
wenn du mir vergibst und mir hilfst, will
ich nicht aufhören zu arbeiten, bis in dieser
Kirche wieder gebetet wird.« Tiefer Friede
erfüllte sie daraufhin, und die Gewissheit:
Ich bin angekommen. Gott ist da. Und: Die
Erhörung lag schon im Gebet selbst, denn
der Aufbau der Kirche wurde von nun an
ihr Job und ihre Passion.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 42
Ulrike Köhler wurde in den kommunalen
Gemeinderat gewählt, dann stellvertretende Ortsvorsteherin von Volkenroda, man
gründete einen Verein, organisierte Bau­
freizeiten, Geld floss: »Wir haben jedes Jahr
eine Million bekommen, aus verschiedenen
Fördertöpfen: Denkmalpflege, EU-Mittel,
Landeskirche.« Und alles begleitet von
Gebeten, von Wachstum im Glauben. »Erst
zwei Jahre nach meinem ersten Gebet in der
Kloster­k irche fing ich an, nach Jesus Christus zu fragen, das war noch mal ein Quantensprung im Glauben. Ich kapierte: Gott ist
vergebende Liebe. Von da fing ich erst richtig
an, mit Jesus zu leben.«
Drei Bedingungen
1994 entschied sich die Jesus-Bruderschaft
aus Gnadenthal den Schritt in den Osten zu
tun und in Volkenroda eine Art Zweigstelle
aufzumachen. Die Gemeinschaft hatte vorher drei Anfragen an Gott gestellt, die ihr
zeigen sollten, ob das ihr Weg sei: a) Es sollte
eine zweite Gemeinschaft mitkommen, die
sie unterstützt, b) das Kloster und die dazugehörigen Gebäude sollten ihnen zu einem
symbolischen Preis von etwa 6000 Mark
übereignet werden, c) der Gemeinderat
von Körner-Volkenroda sollte den Verkauf
einstimmig beschließen. – Alle drei Bedingungen wurden erfüllt. Die Gnadenthaler
übernahmen die Anlage, und gemeinsam
43 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
mit Köhlers und der Christusbruderschaft
Selbitz, die sie die ersten drei Jahre unterstützte, ging der Aufbau weiter.
Das Kloster ist auch vor Ort bekannt und
geachtet. Einmal im Monat findet ein Bauernmarkt statt, bei dem eigene Produkte
angeboten werden. Mehr als tausend Leute
kommen da jedes Mal, gucken, kaufen, trinken Kaffee – und helfen dadurch, die Finanzierung des Klosters auf solide Beine zu stellen. Jeder Besucher des Markts bekommt als
Eintrittskarte ein Bibelwort.
Ihr erstes Gebet vor zwanzig Jahren hat
Gott inzwischen überreich erfüllt, denn
über Arbeitsmangel kann Ulrike Köhler
nicht mehr klagen. Sie wird zwar nur
für eine halbe Stelle bezahlt, aber 40 bis
50 Stunden Wochenpensum sind locker
drin. Neben der regulären Arbeit geht sie
jeden Tag zweimal über den Hof, um nach
dem Rechten zu sehen. Und Freitagmittag
beginnt nicht der Feierabend, denn gerade
samstags und sonntags herrscht oft Hochbetrieb. So wie neulich: Samstagmorgen
Frühstück und Abschlussgespräche mit
zwei Teilnehmern des »Klosters auf Zeit«.
Um elf Uhr seelsorgliches Gespräch mit
einem Ehepaar. Nachmittags von vier bis
halb sieben Generalprobe für einen Radiogottesdienst mit MDR-Figaro, in dem sie
die Liturgie leitete. Am Sonntagmorgen um
sieben rief die Küche an, dass Eier fehlten.
Sie lieferte 150 Eier von den Klosterhühnern.
Um neun begannen Vorbereitungen für
den MDR-Gottesdienst, bis zwölf wurde
danach aufgeräumt. Nachmittags von drei
bis halb fünf führte sie eine Gruppe über das
Gelände. Und am Montag wieder normales
Arbeitsleben.
Die Nachmittagssonne taucht die Klosteranlage in warmes Licht. Ein Ort, der die
Seele aufrichtet. Morgens im kaltgrauen
Nebel hatte Ulrike Köhler gesagt: »Wenn die
Sonne scheint, ist es hier traumhaft schön.«
Ihre Augen leuchten. Sie hat ihre Erfüllung
gefunden. Was für ein Symbol, dass dem
Christus in der Kirche die zerstörten Arme
nicht wieder angeflickt wurden: Seine
Arme, das sind die von Ulrike Köhler und
dem Kloster-Team.
Mit freundlicher Genehmigung:
P&S Magazin für Psychotherapie und Seelsorge 1/2011
Luitgardis Parasie arbeitet als Pastorin und Systemische Familientherapeutin
in Northeim. Zusammen mit ihrem Mann Jost WetterParasie hat sie mehrere Bücher zu Lebenshilfethemen veröffentlicht. Zuletzt erschien: Zum Glück fehlt nur die Krise.
Vom Scheitern und von neuen Chancen, Gießen 2009.
Die Einweihung der imposanten Christus-Kirche im August 2001
war eine meiner letzten Amtshandlungen vor meiner Pensio­
nierung. Ich freue mich heute noch, dass ich dieses ökumenische
Großereignis am Ende meiner Amtszeit noch erreichen konnte.
Es war der Abschluss von jahrelangem Hoffen und Zagen und
auch intensiven Betens und vieler Gespräche. Wir hatten in
Thüringen nie eine Erweckung, d.h. es gab keine Bewegung, bei
der Menschen einzeln oder in Gruppen einfach Bibel lesen und
mit dem Ernst machen, was sie beim Lesen und Beten verstehen.
Ich gucke heute noch »neidisch« auf die Erweckungsgebiete in
Deutschland. Wir in Thüringen waren immer Kirche von oben
gewollt, auch geschützt und gefördert. Ja, stabile Gemeinden
haben sich auch so entwickelt, aber wir haben bis zum heutigen
Tage z.B. keinen Pfarrerjahrgang nur aus Thüringern, und auch
das Diakonissenhaus in Eisenach ist bei seiner Gründung durch
Henrietten-Schwestern aus Hannover beschickt worden, weil es
bei uns zu wenige Berufungen gab.
5
it
Herrlichker
architektu
So haben unsere Kommuni­täten eine wichtige geistliche Funktion
für das Glaubensleben in unserem Land. Ich wollte, wir hätten
noch mehr ansiedeln können. Zum Glück hatte mein Vorgänger
schon die Bresche für »evangelische Klöster« geschlagen. Drum
habe ich die Pläne mit der Umsetzung des Christus-Pavillons von
Anfang an begeistert unterstützt, konnte nur zu wenig finanziell beitragen. Ich hätte auch gern für jede Kommunität eine
Pfarrstelle gehabt, aber da war der irrige Grundsatz »Einsparung
durch Stellenabbau« dagegen.
Und jetzt können wir alle auf ein Jahrzehnt gesegneten Wirkens
der in Volkenroda arbeitenden Schwestern und Brüder zurücksehen, auch wenn die Entwicklung manchmal atemberaubend
war. Mit ihren vollen Programmen haben sie viel zu tun und eine
prägende Zukunft vor sich. Halleluja!
Roland Hoffmann Altbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen,
Mitglied des Stiftungsrates
Die Einweihung der imposanten Christus-Kirche
im August 2001 war der Abschluss von jahre­
langem Hoffen und Zagen und auch intensiven
Betens und vieler Gespräche.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 44
45 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Der Christus-Pavillon:
Sinnstiftende Architektur als
Ruheplatz für die Seele
Grußwort des Architekten
zur Wiedereröffnung des
Christus-Pavillons in Volkenroda
am 18. August 2001
von Meinhard von Gerkan
Der Bau einer Kirche ist zu einer seltenen Bauaufgabe geworden – eine Kirche auf einer Weltausstellung allemal. Wenn
diese Kirche sodann auch noch von dem Rummelplatz der
Weltereignisse in die stille Abgeschiedenheit des Klosters
Volkenroda wandert, handelt es sich um eine einmalige
Begebenheit.
Als die Kirchen fünf Architekten Ende 1997 zu einem
Wettbe­werb einluden, stand die Frage der gestalterischen
Manifestation der Weltausstellung in Hannover im Mittelpunkt. Das Geld, das den Kirchen für die Realisierung zur
Verfügung stand, reichte nicht annähernd, weswegen man
auf das Sponsoring vornehmlich der Stahl- und Glasindustrie
rechnete. Damit wurde es fast automatisch zur Pflicht für die
Architekten, vorwiegend diese Baustoffe, nämlich Stahl und
Glas einzusetzen. Klar war auch, dass der Bau keine Wegwerfarchitektur sein durfte. Vielmehr sollte die Konzeption
so beschaffen sein, dass sie demontiert und zu diesem Ort,
Volkenroda, transportiert werden kann, und in modifizierter
Form wieder errichtet wird. Daraus leitete sich für uns die
Konsequenz ab, ein modular gefügtes System zu entwickeln,
das, einem Stabilbaukasten ähnlich, zerlegt und in veränderter Form wieder zusammengebaut werden sollte.
Für uns stand außer Frage, dass sich die christliche Religion
und ihre beiden Kirchen nur durch diejenige Semantik auf
einer Weltausstellung präsentieren durften, die über Jahrhunderte symbolische Zeichenfunktion wahrgenommen hatte.
Allein die Tatsache, dass der Begriff »Kirche« gleichermaßen
für Bauten wie religiöse Institutionen selbst verwandt wird,
belegt die zwingende Verpflichtung, dies im Fokus baulicher
Gestaltungsabsicht zu sehen. Nur die Eigenschaften eines
Kirchenbaus vermochten der Absicht zu dienen, einen Ort
der Besinnung und damit ein kontemplatives Gegenstück
zum Jahrmarkt der Eitelkeiten zu realisieren.
Wir waren der festen Überzeugung, dass es der einzig richtige Weg sei, wenn sich die Kirchen nicht der gleichen Mittel
von Unterhaltung, Sinntäuschung, Reizüberflutung und technizistischer Betäubung bedienten wie nahezu alle anderen
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 46
47 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Veranstalter und Repräsentanten auf der Welt­ausstellung. In
jeder Hinsicht eigentlich das Gegenteil schien uns angemessen. Im übrigen hatte ich mir schon immer gewünscht, eine
Kirche bauen zu dürfen, gerade deswegen, weil diese Bauaufgabe so unzeitgemäß erscheint, sich selbst neu definieren
muss, und weil sie fast grundlegend anderen Bedingungen
unterworfen ist als die meisten anderen Aufgaben. Hier geht
es nicht darum, aus einer baulichen Investition ökonomischen Nutzen im Sinne einer Rendite zu erzielen. Vielmehr
geht es darum, einen seelischen Gewinn zu erzeugen und
gebaute Sinnhaftigkeit zu manifestieren als eine Gegen­
position zu der nahezu vollends auf den Markt bezogene Formel unserer Gesellschaft: »Es muss sich rechnen«. Uns war
klar, dass wir keine Kirche im traditionellen Sinn entwerfen
konnten, und hierin lag die besondere Herausforderung.
Seinen Sakralcharakter sollte der Bau nicht leugnen, im
Gegenteil diesen anstelle durch mystische Düsternis oder
steinerne Wuchtigkeit durch lichte Helligkeit sowie strukturelle Filigranität offenbaren. Bei Sakralbauten steht
die semantische Dimension im Mittelpunkt der architek­
tonischen Konzeption. Auch wenn ein Sakralbau Funktionen zu erfüllen hat, muss er vor allem selbst die Mission
leisten, gebautes Zeichen für das inhaltliche Anliegen zu
sein.Aus diesen Bedingungen entstand eine Architektur, die
sich zunächst darauf beschränkt, das konstruktive Gefüge
eines modularen, demontier- und wieder zusammensetzbaren Systems mit seinen präzisen Details zu zeigen. Strukturell einfach und sinnfällig, reduziert auf wenige Materialien,
unverwechselbar in der Anmutung und Raumstimmung.
Die sehr zurückhaltenden und einfachen Materialien sind:
Stahl, Sichtbeton, Glas und Marmor.
Der Christusraum – also die Kirche – ist mit Licht inszeniert, in der Mitte fällt an den Säulenköpfen Licht ein, das als
Streiflicht die schlanken Säulen vertikal betont. Die umhüllende Fläche ist einschalig ausgebildet – Glastafeln im Verbund mit dünn geschnittenem, kristallinen Marmor von der
griechischen Insel Naxos –, deren lebendige Transluzenz die
Raumstimmung beeinflusst. Auf diese Weise ist der Raum
trotz intensiver Lichtstimmung kontemplativ introvertiert.
Die Idee, einen Kreuzgang als umfassende
Bauhülle zu schaffen, erwuchs aus der
Absicht, das Bauwerk später zur Klosteranlage in Volkenroda umzusetzen. Dieser
umlaufende Kreuzgang hat eine geschlossene Decke und ist nach außen ebenfalls
mit einer zweischaligen Glasfassade versehen, die als Zwischenräume großformatige
Glasvitrinen bildet. Sie sind mit Materialien
verschiedenster Herkunft gefüllt: aus der
Natur mit Kohle, Binsen, Bambus, Holzscheiben, Mohnkapseln, Federn usw. Aus
der Technik mit Zahnrädern, Seesieben,
Schläuchen, Feuerzeugen, Einwegspritzen.
In Abhängigkeit von der jeweiligen Füllung
sind die Wände mehr oder weniger transparent; so ist die Lichtstimmung entlang des
Kreuzgangs modifiziert und unterschiedlich
dramatisiert.
Der Werkstoff Stahl hat uns zu vielen neuen
Ideen inspiriert; der Werkstoff sollte in seiner natürlichsten Mentalität gezeigt werden: Walzprofile, Walzbleche und gekantete Stahlbleche, deren Oberflächen aus
Korro­sionsgründen mit Eisenglimmerfarben
beschichtet.
Ein umlaufender, den Vorplatz umfassenden »Kreuzgang« von 3,40 m Breite und
6,80 m Höhe umgrenzt den Gesamtkomplex und dient zugleich als Wandelhalle.
Große Drehtore markieren den Zugang von
außen. Den durch das Licht und durch das
Betonen der Vertikalen feierlich und würdevoll akzentuierten Christusraum mit einer
Fläche von 24 x 24 m und einer Raumhöhe
von 18 m betritt der Besucher unmittelbar
vom Freiraum, er hat aber zugleich mehrfache Verbindung zum umlaufenden »Kreuzgang«. Im Übergang zwischen dem großen
Christusraum und dem Kreuzgang sind auf
je 3,40 x 3,40 m Grundfläche und 3,40 m
Höhe räumliche Kabinette angeordnet.
Den elementierten Systemen des Kreuzgangs und der Kirchenraumfassade liegt ein
räumliches Rastermaß zugrunde, welches
einem Großwürfel mit einer Kantenlänge
von 3,40 m entspricht.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 48
49 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Bei der Kirchenraumfassade handelt es
sich um ein Pfostenriegelsystem. Es ist nur
gesteckt und verschraubt und somit einfach montierbar und demontierbar. Der
gesamte Baukomplex mit Ausnahme der
Krypta, der Kolonnade und des Wasser­
grabens wurde nach der EXPO zerlegt und
in gleicher Führung in der Klosteranlage
Volkenroda neu zusammengebaut. Hier
betreibt die Jesus-Bruderschaft den Wieder­
aufbau der ältesten in Deutschland erhaltenen Zisterzienserklosteranlage. Die Idee,
den Kirchenraum mit einer fast fugen­losen
Marmorschale zu umhüllen, stieß auf heftige Bedenken. Die Besucher und die Öffentlichkeit würden es nicht verstehen, warum
sich Kirche so protzig gäbe. Dabei ist mit
Marmor beschichtetes Glas nicht teurer
als die heute übliche Methode, Glas mit
Mustern zu bedrucken. Es hat jedoch eine
ungleich wirksamere Ausdruckskraft durch
seine natürliche Zeichnung, seine vielfältige
Licht­modulation und die dadurch hervorgerufenen Raumstimmungen. Gerade die
Kombination eines natürlichen und verhaltenen variationsreichen Materials mit einer
innovativ-fortschrittlichen Konstruktion, bei
der die Scheiben nur punktförmig gehalten
und mit elastischen Fugen versehen werden,
repräsentiert die beabsichtigte Synthese aus
der Tradition historischer Kirchenfenster
und technisch fortschrittlicher Baumethode
der Gegenwart.
Die Idee, die Scheibenfenster des Kreuzgangs mit Materialien aus Natur und
Technik zu bestücken, stieß zunächst auf
Bedenken. »Zu profan, zu vordergründig, zu
frech oder zu belehrend, zu aufdringlich und
zu effekt­heischend«, waren die Einwände.
Aber gerade mit dieser konzeptionellen Idee
wollte der Entwurf in seinem ganzheitlichen
Anspruch den Kirchenbau von heute neu
interpretieren. Die Idee der Scheibenfüllung
besteht vielmehr darin, eine neue Wahrnehmung des Alltags zu befördern. Diese
Wahrnehmung bezieht sich zum einen auf
die Bewusstmachung, von wie vielen verschiedenen Materialien und Werkstoffen
unser heutiges Leben abhängig ist und in
welcher Massenhaftigkeit sie von uns verbraucht werden. Diese Wahrnehmung soll
kritische Reflexion zu unserem Umgang
mit Natur und Technik auslösen. Sie soll
aber zudem etwas anderes, sogar sehr Über­
raschendes bewirken: die ästhetische Qualität registrieren, die selbst den einfachsten
Produkten und Stoffen innewohnt, sei es
Salz, Kohle, seien es Schottersteine oder
Holzspäne. Die Präsentation erfolgt auf eine
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 50
völlig unspektakuläre Weise ohne Belehrung oder Provokation. Sie ist ebenso wenig
geschmäcklerisch gefällig, eher befremdlich. Kurzum, sie löst Fragen aus nach dem
Warum und Wieso, nach dem Sinn. Damit
ist diese Idee konzeptioneller Teil des Ganzen der Christuskirche.
Die Christuskirche ist in leichter Modi­
fikation mit den Originalteilen erneut auferstanden. Die Kolonnade von Hannover
sowie der gläserne Kreuzturm sind nicht
mitgewandert. Das Wasser in Hannover als
Trennung zwischen Plaza und Vorhof ist zu
einem spiegelnd ruhenden Pool im Fokus
des Bauensembles mutiert. Sehr bedauere
ich die Tatsache, dass die Krypta vom Standort Hannover nicht mitwandern konnte. Sie
lag im Untergeschoss, polygonal in Beton
geformt, als Ort der Stille, den Charakter des
51 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Oberbaus stark kontrastierend. Die Kabinette haben gegenüber Hannover, wo ihrer Ausgestaltung eine didaktische
Rolle zukam, durch den ortsverbundenen Künstler Andreas
Felger eine interessante Neuinterpretation erfahren. Auch
dieser Akt ist eine Adaption an den neuen Ort. Im Namen
meiner Mitstreiter, aber vor allem im Namen von Joachim
Zais, möchte ich meiner tiefen Dankbarkeit Ausdruck verleihen, dass wir dieses große Bauwerk mitgestalten und erleben
durften.
Prof. Dr. h.c. mult. Dipl.-Ing. Meinhard von Gerkan
Laudatio für
Meinhard von Gerkan
Zur Verleihung des
Fritz-Schumacher-Preises für
Architektur für das Jahr 2000
von Manfred Schomers
Die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Hamburg
hat die Fritz-Schumacher-Preise geschaffen, um hervorragende Leistungen auf den
Gebieten Städtebau und Landesplanung,
Baukunst, konstruktiver Ingenieurbau, Baugeschichte, Landschaftsplanung und Gartenkunst sowie Stadtökologie und Stadtsoziologie auszuzeichnen.
Die Ehrung gilt dem Architekten, der mit
dem Bau des Christus-Pavillons auf der
EXPO 2000 eine außergewöhnliche Architektur geschaffen hat, die dem Thema der
Weltausstellung in besonders eindrucksvoller Weise gerecht wird. Die Ehrung gilt
gleichzeitig dem Architekten, der über Jahrzehnte die Architekturentwicklung immer
wieder durch Aufsehen erregende Entwürfe
und Bauten nachhaltig geprägt hat. Nicht
zuletzt gilt die Ehrung dem Hochschullehrer für die Weitergabe seiner Qualitätsansprüche an die Studierenden.
Sehr geehrte Frau Toepfer, sehr geehrter
Herr Präsident, meine Damen und Herren!
Mit Meinhard von Gerkan ehren wir eine
Architektenpersönlichkeit, der wir in den
zurückliegenden Jahrzehnten schon oft
den Fritz-Schumacher-Preis hätten verlei-
hen können, so umfangreich ist sein Werk
Aufsehen erregender, herausragender Bauten. Man könnte zu Recht fragen, warum
wir uns nicht schon früher haben entschließen können. Meist nehmen wir ein Gebäude
zum Anlass und ehren, wenn möglich, auch
den einzelnen Architekten. So haben wir
1996 den Partner Meinhard von Gerkans,
Volkwin Marg, für den Bau der Leipziger
Messe ausgezeichnet. Schon damals hatte
der Kollege Ebert, der die Laudatio gehalten
hat, darauf hingewiesen, dass das Lebenswerk des Preisträgers nicht von dem seines
Partners zu trennen ist. Beide haben in
Braunschweig 1964 diplomiert und 1965 das
gemeinsame Architekturbüro – heute mit
dem Nameskürzel gmp bekannt – gegründet und seither sich in ihren Arbeiten gegenseitig befruchtet, bei denen jeder der beiden
immer wieder mit eigenen Schwerpunkten
hervorgetreten ist.
Dennoch ist es mir lange nicht gelungen –
auf Anhieb und mit Treffsicherheit –, die
Arbeit des einen von der des anderen zu
unterscheiden. Erst in letzter Zeit ist mir
das möglich: Seit Meinhard von Gerkan in
seinen wirklich bewundernswerten Publikationen über die Architekten gmp den Entwurfsverfasser und die Partner benennt, fällt
Neviges: wegen der Atmosphäre, wegen der
Räume und Raumfolge, wegen des Lichts
und der Lichtstimmung.
Deshalb beeindruckt mich an den Architekten gmp am stärksten, dass sie meist nur wie
mit einer Handschrift arbeiten und so eine
einheitliche Architektursprache entsteht.
Und das bei 200 Mitarbeitern und 9 Partnern, Büros in Hamburg (als Stammsitz),
Braunschweig und Aachen (Ort der Lehre)
und Berlin (traditionell seit ihrem ersten
Wettbewerbsgewinn, Flughafen Tegel), und
das bei einer Projektpalette, mit der gesamten Nutzungstypologie und Größenordnung.
In den Mittelpunkt stellen möchte ich heute
ein – für die Architekten gmp – eher kleines
Gebäude, aber ein umso bemerkenswerteres
Schmuckstück: den Christus-Pavillon der
EXPO 2000 in Hannover, für die gemeinsame EXPO-Präsentation der evangelischen
und katholischen Kirche entworfen, 1997 als
1. Preis nach einem Wettbewerb prämiert.
für den Christus-Pavillon der EXPO Hanno­
ver statt. Ich hatte damals den Vorsitz im
Preisgericht. Als Preisrichter betrachtet man
sehr kritisch das seinerzeit ausgewählte und
inzwischen verwirklichte Projekt. Man fragt
sich, ob die Entscheidung richtig war und
das gegebene Versprechen des Architekten
den Bauherren gegenüber eingelöst wurde.
Erst vor wenigen Tagen hatte ich Gelegenheit, das Ergebnis – und ich muss es neidlos
sagen – zu bewundern. Auf der Plaza standen wir unerwartet einem Bau gegenüber,
der durch seine noble Zurückhaltung einen
Ort erhöht und daher besondere Erwähnung
verdient. Hier gilt das Wort Adornos, dass
wir das ›Einfache suchen, nicht das Banale,
dass wir das Gewöhnliche lieben, nicht das
Übliche. Wir wählen das Besondere, nicht
das Originelle. Wir freuen uns am Aktuellen, nicht am Modischen. Wir schätzen das
Erdachte‹. Nur wenige Pavillons der EXPO
können das für sich in Anspruch nehmen.«
Dem kann ich mich nur anschließen.
Prof. Karljosef Schattner – fast ein Leben
lang Diözesanbaumeister in Eichstädt – hält
im Baumeister dem Chefredakteur Wolfgang
Bachmann nach dessen »alberner Glosse« (so
Schattner) entgegen: »Vor drei Jahren fand
ein Plangutachten unter fünf Architekten
Nur wenige moderne Kirchen haben mich
berührt, ergriffen. Seit dem Studium von Le
Corbusiers Ronchamps und dem Kloster in
La Tourette, und natürlich mit einer besonderen Beziehung, da ich in Aachen studiert
habe, Gottfrieds Böhms Wallfahrtskirche in
Von Gerkan ist eine überraschende Sym­
biose gelungen, Sakralräume, Klosteranlage
und Pavillonerfordernisse auf eine bestechend moderne Weise mit Stahl und Glas mit
künstlerischer Sinnlichkeit zu verbinden.
Es ist eine wirklich erstaunliche und unge-
es mir leichter; ehrlicherweise meist erst im
Nachhinein, nachdem ich den Namen gelesen habe.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 52
53 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Natürlich gibt es noch eine moderne Kirche, in die ich fast jedesmal, wenn ich
in Berlin bin, hineingehe und nach dem
Lärm und Menschentrubel des Kurfüstendamms eintauche in einen Ort der Ruhe, der
Besinnlich­keit, einen Ort mit fast kontem­
plativer Atmosphäre: Egon Eiermanns
Kaiser-Wilhelm-­Gedächtniskirche von 1959
in Berlin. In Hannover ist – leider nur für
einen sehr beschränkten Zeitraum – eine
moderne Kirche dazugekommen: Meinhard
von Gerkans »Christus-Pavillon«, der ein
besonderes Ziel der EXPO, die Nachnutz­
barkeit bzw. die Wiederverwendbarkeit, auf
die sinnfälligste Weise trifft. Der Pavillon ist
so angelegt und konstruiert, dass er mit nur
geringen Modifikationen im thüringischen
Volkenroda als Klosterergänzung für die Zisterzienser wieder aufgebaut werden kann.
wöhnliche Idee, ein kirchliches Gebäude mit
einem Kreuzgang ganz in Stahl und Glas zu
konzipieren. Im Nachhinein: wie gut, dass
die Stahl- und Glasindustrie als Sponsor
schon bei der Wettbewerbs­ausschreibung
feststand.
Trotz der eher labilen Materialien Stahl und
Glas taucht man aus dem »Meer der Eitelkeiten« der umgebenden Ausstellungspavillons
in ein Haus der Ruhe ein. Wege und Raumfolgen, Material und Licht werden inszenatorisch eingesetzt. Das »kontemplative Gegenstück«, wie es von Gerkan schon vor der
Fertigstellung nannte, ist ein offener Ort für
alle geworden, die Besinnung suchen.
Das Licht fällt über den Säulenköpfen direkt
und indirekt durch die Alabasterwände und
wird im Kreuzgang durch eingelegte Naturund Technikgegenstände gefiltert. Besonders bei Sonnenschein wird trotz der Intensität des Lichtes Besinnlichkeit erzeugt – aber
auch Anmut und Feierlichkeit; Feierlichkeit
insbesondere dann, wenn Menschen in
dem Raum Gottesdienst feiern. Häufig habe
ich beobachtet, wie fasziniert Menschen
im Kreuzgang das raffinierte Lichtspiel
zwischen den »Ausstellungsobjekten« der
Vitrinen verfolgten, hervorgerufen von den
Materialien zum Thema der EXPO MenschNatur-Technik: Sand, Torf, Kohle, Federn,
Holzscheiben, Feuerzeuge, Einwegspritzen
(sinnigerweise mit Mohn kombiniert), Plastikschläuche usw.
Die Krypta im Untergeschoss als frei kons­
truierter Raum mit den schmalen Lichtschlitzen an der Decke, dem Halbdunkel,
der mineralischen Oberfläche der Betonwände und dem Sandboden gibt dem Raum tatsächlich die »mystische Dramatik«, die von
Gerkan schon vor der Fertigstellung versprochen hatte.
Lieber Herr von Gerkan, ich bedanke mich
bei Ihnen dafür, dass ich – wenn auch nur
einen Sommer lang während der EXPO – ab
und zu Gelegenheit hatte, an diesem wunderbaren architektonischen Ort innezuhalten. Dieser Ort hat mich etwas dafür
entschädigt, dass Sie Ihren wirklich überzeugenden Entwurf für die Plaza nicht selbst
realisieren durften. Und ich bedauere sehr,
dass der Christus-Pavillon – als einziges Gebäude an der Plaza – verschwindet. Ich hätte
lieber auf den deutschen Pavillon verzichtet.
Aber wie zum Trost: Hannover ist gut bestückt mit Bauten von Ihnen und Ihrem
Partner: Die Messehalle 4 und 8/9, vier
Messe­brücken, die Calenberger Esplanade
und die Metallberufsgenossenschaft, und
demnächst die Ummantelung des Kröpke
Centers. Dazu kann man der Stadt Hannover nur gratulieren, zumal sich Hannover
früher als spröde und teilweise resistent
gegenüber guter Architektur gezeigt hatte.
Natürlich gibt es noch andere Orte, die Sie,
lieber Herr von Gerkan, mit Ihren Mitarbeitern geschaffen haben: das Van in Berlin beispielsweise, ein sehr einfacher, auf
das Selbstverständliche reduzierter Raum,
mit wenigen Materialien und fast schlicht
mö­bliert. Für die, die das Van noch nicht
kennen: ein empfehlenswertes Restaurant
in Nachbarschaft zum Gendarmenmarkt.
Oder: der Metropolitan: der Zug wird
die Deutsche Bahn AG sicher nicht vom
Defizit befreien, ist aber ein geradezu
exem­pla­r isches Beispiel, mit welchem
gestalte­r ischen Anspruch öffentliche Verkehrsmittel designt sein könnten, aber
auch ein weiteres exemplarisches Beispiel
für die Vollständigkeit der Entwurfspalette
des Architekten von Gerkan, der, inzwischen nicht mehr überraschend, auch wunderschöne Möbel entworfen hat.
Von den kleinen Projekten am Rande komme ich nun zu den größeren der Architekten
von Gerkan, Marg und Partner: Die Projektpalette reicht von Einfamilienhäusern über
Hotels, Museen, Theater, Konzerthallen,
Bürohäuser, Handelszentren und Krankenhäuser bis zu Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie Verkehrsbauten.
International bekannt wurden die Architekten schon früh: 1975 mit der Eröffnung des
Drive-In-Airports in Berlin-Tegel. Den Wettbewerb hatten sie schon 1965 gewonnen.
Darauf sind noch 16 weitere Konzepte, Wettbewerbsgewinne und realisierte Gebäude
für Flughäfen entstanden, u.a. in Stuttgart,
Hamburg, Brandenburg, in Moskau, Algier
und München und, wie gesagt, in Berlin.
Die Architekten gmp haben in den zurückliegenden Jahrzenten stets innovativ eine
aktuelle Typologie erfolgreich besetzt, neben den Flughäfen Bürohäuser und (nicht)
zuletzt Bahnhöfe: Meinhard von Gerkan
plant für die Hauptstadt Berlin den neuen
Hauptbahnhof, den Lehrter-Bahnhof, ein
Kreuzungsbauwerk für die Ost-West- und die
Nord-Süd-ICE-Verbindungen, hinzu kommen
noch die U- und S-Bahnlinien. Eine 430 m
lange Bahnsteighalle wird in voller Länge
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 54
mit einer großen, filigranen, flach gekrümmten Glashalle überspannt, die zwei Gebäudescheiben durchschneidet. Ein innovativer
Entwurf auf einem neuen Terrain, zu dem,
wie der Wiener Architekturkritiker Dietmar
Steiner sagt, gmp wie bei seinen besten Bauten zu prägnanten Großformen findet.
Noch einmal Dietmar Steiner: »Was an den
Bauten von gmp fasziniert, ist ihre einfache und klare Sprache des ›Gebauten‹. Die
Funktionen sind erfüllt, der Zweck ist erreicht, der Bauherr bekommt sein Recht, der
Benutzer fühlt sich verstanden. Es dürfte bei
gmp dafür eine moralische Grenze geben:
Wir folgen einer rationalen Tektonik des
Bauens. Und das ist schwer genug bei einer
Bauproduktion, die auf schnelle Verwertung
und schönen Schein fokussiert ist. Hier übt
sich gmp in einem anhaltenden Widerstand.
Die ›Geistgestalt‹ eines Bauwerks von gmp
ist immer durchdacht, durchdetailliert, mit
eindeutigen Materialien getrennt und gefügt, haltbar und dauerhaft. Sauberes Bauen,
selbst unter schwersten Bedingungen, aber
niemals diese Linie und Haltung aus den
Augen verlierend. Diese Qualität bei dieser
Menge an Bauten und an Kubatur durchzuhalten, ist schlichtweg bewundernswert für
eine Architekturfirma der Größenordnung
55 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
von gmp. Damit bekommt der Bauprozess
insgesamt eine neue Qualität. ›Baumeisterlich‹ nannte diese Strategie Werner Oechslin in einer Analyse des Werks von gmp.
Das Baumeisterliche ist am besten damit zu
illustrieren, dass eine vordringliche Qualität der Bauten von gmp deren Durabilität
ist. Hier flattert und quietscht nichts, hier
wackelt nichts, und nichts ist schief. Ohne
Details kunstgewerblich obsessiv zu überdrehen, werden sie mit höchster Sorgfalt
einfach richtig gelöst. Ganz im Sinne jener
handwerklichen oder auch bauindustriellen
Sauberkeit, deren Thematisierung Vittorio
Magnago-Lampugnani in einem ›Spiegel-Artikel‹ zur ›Neuen Einfachheit‹ eingefordert
hat und die schließlich in Deutschland zu
Unrecht in der sogenannten ›Berliner Debatte‹ verendete.«
Man kann diesem großen Architekturbüro
und dem Architekten Meinhard von Gerkan
in so kurzer Zeit nicht vollständig gerecht
werden.
Zum Abschluss möchte ich noch drei Aspek­
te kurz anreißen, die mir wichtig und für den
Architekten von Gerkan typisch erscheinen:
1. gmp ist das Wettbewerbsbüro
Von Gerkan hat zusammen mit Volkwin
Marg über 340 nationale und internationale Wettbewerbspreise erhalten, davon 140
1. Preise mit hoher internationaler Anerkennung wie u.a.: Die Nationalbibliothek in Teheran 1978 (weltoffen), der Hauptstadtwettbewerb Bukarest, oder jüngst die Deutsche
Schule Peking.
2. Veröffentlichungen
Meinhard von Gerkan veröffentlicht die
eigenen Arbeiten kontinuierlich, was nicht
nur wichtig für das eigene Haus und die
Mit­a rbeiter ist, es ist auch anregend und
Ansporn für Kollegen; und er publiziert seine eigene Entwurfsphilosophie und macht
sie so über die Bauten nachvollziehbar und
überprüfbar. Er ist kämpferisch für die Sache
der Architektur und die Sache der Architekten, Stichwort: »Generalist«, ein Erklärungs­
modell für die komplexe Aufgabenrolle des
Architekten heute, oder Stichwort: »Die
Verantwortung der Architekten«, sein schon
vor fast 20 Jahren erschienenes und immer
lesenswertes Buch.
Von Gerkan zeigt seine Entwurfsprozesse in anschaulichen
Ausstellungen. Eine der schönsten, sinnlichsten Ausstellungen über aktuelle Architektur habe ich in diesem Sommer
in Hamburg in der Speicherstadt gesehen. Schon 1994 hatte
das Architektur­büro mit »30 Jahre Architekturmodelle gmp«
begonnen. Sie zeigt die aktuellen Projekte, Skizzen, Modelle
und Werkpläne von gmp. Beide Ausstellungen zeigten, wie
wichtig Modelle für den Entwurfsprozeß sind.
3. Meinhard von Gerkan als Lehrer
Von Gerkan wurde 1974 Professor in Braunschweig, er hat
stetig – wie schon sein Vorgänger Krämer – die sogenannte
»Braunschweiger Schule« proklamiert und eingefordert, wie
immer man dazu stehen mag. Auf jeden Fall hat er unzäh­
lige Absolventen hervorgebracht, die regelmäßig LavesPreise gewonnen haben – eine Auszeichnung für die besten
Absolventen aus den Niedersächsischen Hochschulen Braunschweig und Hannover.
Durch sein Vorbild, seine Haltung zur Architektur, seine Grundsätze hat er Generationen von Studenten in 26 Jahren nachhaltig
geprägt. Zum Abschluss hat er den nach­
folgenden Generationen in Braunschweig
einen Ausstellungspavillon geschenkt.
Lieber Herr von Gerkan,
ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen
zur heutigen Auszeichnung und wünsche
Ihnen und der Stadt Hannover noch das
eine oder andere hervorragende Gebäude…
…als Entschädigung für den verlorenen
Christus-Pavillon.
6
Trinität
Ökumene
Prof. Dipl.-Ing. Manfred Schomers Abdruck mit freundlicher Genehmigung
der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 56
57 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Versöhnung
zieht Kreise
Kirchen sind besondere Orte,
wo Gott verehrt wird. Wo man
singt und betet.
von Karl-Heinz Michel
Der Christus-Pavillon ist ein moderner Kirchbau. Dabei lege ich Wert auf das Wort
Kirche. Kirchbauten gibt es in vielfältiger Architektur. Diese Kirche hier in Volkenroda
wird wegen ihrer Form als Pavillon bezeichnet. Kirchen sind aber besondere Orte, wo
Gott verehrt wird. Wo man singt und betet. Deshalb haben sich die Christen immer
viel Mühe gegeben, diese Bauten zum Lobe Gottes besonders schön zu gestalten.
Das letzte Foto von Karl-Heinz Michel
bei einem Konzert mit dem israelischen
Künstler Gavriel Lipkind (August 2006).
Unter dem Motto: »Versöhnt leben in der Vielfalt« kommt
in der Jesus-Bruderschaft in Volkenroda zusammen, was
normalerweise auseinanderdriftet – Ost und West, evangelisch und katholisch, klassische und neue Wege der verbindlichen Jesus-Nachfolge: Brüder, Schwestern und Familien.
Dieses grundlegende Ringen um Versöhnung korrespondiert mit der spannungsvollen Architektur im wiedererstandenen Kloster Volkenroda. Der moderne Christus-Pavillon,
der von West nach Ost in die historische Klosteranlage
versetzt wurde, ist ein starkes Zeichen der Deutschen Einheit. Jedes Jahr am 3. Oktober wird im Kloster Gottesdienst
gefeiert, um Gott zu danken und für die äußere und innere
Einheit in unserem Land zu bitten. Echte Einheit und Versöhnung werden uns geschenkt, sie sind uns aber zugleich
als Dienst aufgetragen. Dazu einige wegweisende Gedanken von Karl-Heinz Michel, bis 2006 Pfarrer am ChristusPavillon:
Der Kirche Jesu Christi ist in dieser Welt ein Dienst der Versöhnung, der Einheit aufgetragen, der im kleinsten Kreis
beginnt und dann um sich greift. […] Hinter uns liegt eine
jahrhundertelange Geschichte von Uneinigkeit, Misstrauen,
Rechthaberei, gegenseitiger Verdächtigung und Verdammung der Christen untereinander, die es aufzuarbeiten gilt,
indem wir die überheblichen Vorbehalte und raschen Vor­
urteile unter uns als Schuld erkennen und bekennen und
davon lassen. Wir haben uns gegenseitig noch gar nicht
verstanden, oft noch nicht einmal wirklich angehört. Der
Weg zur Einheit der Christen kann daher nur ein Weg der
Buße sein, der Umkehr zur Kreuzesliebe unseres gemeinsamen Herrn Jesus Christus. Verlorengehen soll die Sünde,
der entzweiende menschliche Umgang mit unserer Verschiedenheit, doch nicht der Reichtum der Vielfalt in der einen
Kirche, so gegensätzlich er uns manchmal auch vorkommen
mag. Das kann doch unser Herz weiten, und die Kirche
braucht weite Herzen, wenn sie in dieser Welt das Evangelium von der grenzenlosen Liebe Gottes bezeugen soll.
Jede Konfession und Gruppe darf und soll wirklich den ihr
gewiesenen Weg gehen, entsprechend den ihr anvertrauten Gaben und dem geschichtlichen Weg, den sie hinter
sich hat. Niemand braucht seine Eigenart und Tradition zu
verleugnen. Je deutlicher solches Profil gelebt wird, desto
mehr wird es anderen zur Klärung des eigenen Wegs, der
eigenen Gaben und Geschichte, verhelfen. Wer klares Profil
zeigt, fordert auch andere dazu heraus, deutlicher zu klären, wer man ist und was man will. Wir brauchen immer
wieder diese Herausforderung. Doch dazu ist es eben nötig,
dass man sich besser kennenlernt, sich tiefer begegnet und
voneinander lernt. Auf diesem Weg wird der Reichtum der
anderen Kirche auch meine Kirche reich machen, wie auch
umgekehrt unser Pfund anderen dienen wird; da wird dann
auch gegenseitige Hilfe, Korrektur und Ergänzung nötig, die
jede einzelne Kirche notwendig braucht. Und so beginnt die
Zerrissenheit des Leibes Christi überwunden zu werden, so
fängt der große Organismus der einen heiligen christlichen
Kirche an zu leben und zu wirken.
Ich war jetzt zu einem Besuch in Kappadokien. Dort haben die ersten Christen ihre
Kirchen unter die Erde gegraben und mit so viel Schönheit und Liebe ausgestaltet,
sodass viele Besucher erstaunt fragen ›warum‹. Schon auf der EXPO 2000 in Hannover und nun auch in Volkenroda hört man auch immer unterschwellig dieses ›warum‹. Kirchen sind keine Museen, auch wenn dort nicht mehr Gottesdienst gefeiert
wird, aber sie sind ansehenswert und mögen den Betrachter, ob Christ oder Nichtchrist, anregen, auf Gott zu schauen und zu hinterfragen. Ich wünsche Ihnen einen
zu Herzen gehenden Besuch im Christus-Pavillon in Volkenroda.
Peter Meisner
Mitglied der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius in Schlotheim,
war in den wichtigen Jahren des Wiederaufbaus im Kloster
Ortsbürgermeister von Körner (1990-1994).
Der Christus-Pavillon
ist ein Geschenk Gottes
an seine Kirche.
Der Christus-Pavillon ist ein Geschenk Gottes an seine Kirche,
an uns! Gott hat den Christus-Pavillon geschaffen, um die Denominationen zurückzurufen zu ihren Wurzeln der sichtbar unzerteilten Kirche, die gebaut ist auf dem Fundament der Apostel
und Propheten mit Christus als dem Eckstein. Christus stellt uns,
seinen Nachfolgern, den Christus-Pavillon vor Augen und lädt
uns ein: Kommt zusammen als ein Volk Gottes und baut meine –
nach den Worten des Glaubensbekenntnisses – ungeteilte Kirche,
die eine, heilige, katholische (das heißt: welt-umspannende) und
apostolische Kirche ist. Gott hat die Jesus-Bruderschaft in Volkenroda berufen, die sichtbare Einheit der Kirche, so wie Gott sie
im Sinn hat, täglich zu suchen und zu leben.
Aus: Texte* 1; Karl-Heinz Michel, Angefochtene Einheit –
Versöhnte Vielfalt, Gnadenthal 1990, S. 14. 21 f.
Reiner Braun und Heinzpeter Hempelmann planen in Verbindung mit
Eva-Maria Michel die Veröffentlichung wichtiger Beiträge von
Karl-Heinz Michel in einem Sammelband, der 2011 oder 2012 erscheinen soll.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 58
Maternus Kapinga anglikanischer Bischof in Ruvuma / Tansania
59 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Geistliche Oase
im Westen Thüringens
Leben aus dem Vorgriff
auf Gottes größere Möglichkeiten
von Joachim Wanke
Weil es Menschen gibt, die ihre eigene Biographie um des Evangeliums willen mit diesem Ort auf Dauer verbinden! Das ist wohl
die kürzeste Antwort auf die Frage, warum
dieser kleine Ort, den vor der politischen
Wende 1989/90 selbst Thüringer kaum
kannten, jetzt eine solche geistliche Ausstrahlung hat.
Orte haben ihre je eigene Aura. Manche
Orte leben von Geschichte, die sich mit
ihrem Namen verbindet. Andere sind interessant als Baudenkmal oder wegen ihrer
landschaftlich schönen Lage.
Man muss den alten, wirklich aufs Schlimm­
ste vernachlässigten Ort Volkenroda von
1990 einmal gesehen haben. Die kleine
Siedlung rings um die alte Klosterruine war
von den damaligen Behörden bewusst abgeschrieben. Sie sollte langsam verfallen. Ich
war bei meinem ersten Besuch erschrocken,
was Menschen, die damals dort ihre Heimat
hatten, an Verwahrlosung und Unwirtlichkeit zugemutet wurde.
Im Gelände des Klosters Volkenroda steht
seit 2001 in reizvollem Kontrast zur alten
Klosterkirche der Christus-Pavillon, der
seinerzeit bei der EXPO 2000 in Hannover
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 60
61 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Mittelpunkt des ökumenischen Kirchenzentrums war.
Ohne Zweifel lohnt es sich, diesen interessanten Bau zu sehen
und sich von ihm in seiner neuen Umgebung an­sprechen zu
lassen. Aber das allein würde das Phänomen Kloster Volkenroda noch nicht erklären.
Auch die geschichtliche Erinnerung an das ehemalige Zister­
zienser-Kloster, das sich mit dem Namen Volkenroda verknüpft, ist nur eine schwache Erklärung für den Zuspruch,
den dieser Ort jetzt Jahr für Jahr durch viele Besucher
erfährt. Es gibt so manche alte, aufgelassene Klöster, die
heute wohl als Geschichtsdenkmale geschätzt und besucht
werden, aber bei weitem nicht die Ausstrahlung entfalten,
die das Kloster Volkenroda in den letzten Jahren erlangt hat.
So bleibt es dabei: Es sind Personen, die diesen Ort zu einer
Einladung machen. Es sind Christen, die ihre eigene Lebensmitte am Evangelium fest gemacht haben. Sie geben so dem
Klosterbereich eine Physiognomie, die kein Architekt mit
noch so schönen Bauplänen verwirklichen könnte. Dieser
Ort bezeugt eine Wirklichkeit, deren Wahrheit und Verlässlichkeit sich nicht in Steinen und Mauern erweist, sondern
in Biographien, die alles auf eine Karte setzen.
»Was, Sie wollen in dieses gottverlassene Nest ziehen?« Diese
erstaunte Frage hat wohl mancher aus der Jesus-Bruderschaft
gehört, der sich für das »Abenteuer Volkenroda« bereit
erklärt hatte. Und ich denke auch an jene, die vor Ort den so
wundersamen Wandel des kleinen Ortes mit seinen anfangs
misstrauischen und skeptischen Bewohnern begleitet haben
– bis heute bleibt das ein spannender Weg, bei dem noch
längst nicht alle Hürden genommen sind. Hier ist etwas entstanden, was man ein »Leben aus dem Vorgriff« auf Gottes
größere Möglichkeiten nennen könnte. Die Schwierigkeiten
des Anfangs waren enorm. Sie sind es auch heute. Das Experiment Volkenroda ist noch längst nicht so gefestigt, dass es
ohne Hilfe und Unterstützung vieler auskommen könnte.
Aber eine Gemeinschaft, deren wichtigster gemeinsamer
Termin das tägliche Mittagsgebet ist, schaut auf eine größere Wahrheit als jene, die sich in Bilanzen und wachsenden
Besucherzahlen niederschlägt.
7
Brot
Pilgern
Volkenroda ist der Versuch, die alte Klosteridee mit den Möglichkeiten unserer säkular gewordenen Zeit neu zu leben.
Und diese Idee lautet: Das eigene Leben zum Zeugnis für
Gottes Dasein, für Gottes Erbarmen, für Gottes Sorge um
uns Menschen zu machen. Volkenroda hat keine MarketingIdee als jene des Gottesreiches, auf das uns Jesus zu warten
gelehrt hat, das aber schon dort anfanghaft Wirklichkeit
wird, wo Menschen sich ganz Gott anheim geben.
Ich bin dankbar, dass es diese geistliche Oase im Westen
Thüringens gibt. Alles, was wir Menschen anfangen und
mit eigenen Kräften zu verwirklichen suchen, steht unter
dem Vorbehalt des Vorläufigen. Doch wenn das Vorläufige auf Größeres verweist, wird es zum Wegzeichen. Das
erklärt wohl ein wenig, warum in unserem christentumsfern gewordenen Thüringen Menschen gern der Einladung
folgen, an diesem Ort den größeren Horizont ihres eigenen
Lebens wahrzunehmen, in dem die Dinge des Alltäglichen
sich relativieren und wieder ihre angemessene Bedeutung
erhalten. Es fängt an sich herumzusprechen: Thüringen ist
durch das Kloster Volkenroda reicher geworden.
Dr. theol. Joachim Wanke, Bischof in Erfurt,
ehem. Mitglied des Stiftrungsrates
Abt Hirschler, Bischof Wanke
und Pfarrer Schödl bei der
Christus-Wallfahrt.
Bild: Thüringer Allgemeine
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 62
63 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
»Bei den Glühbirnen
geht einem ein Licht auf!!!«
8.6.2008
Foto: Thüring
Ein Ort der Stille, der einlädt
innerlich nach Hause zu
kommen, Heil zu werden, einfach da zu sein. Sogar die
Natur war auSSergewöhnlich
still. Irgendwie schien ein
Zauber über diesen Tagen zu
liegen, oder vielmehr GOTTES
SEGEN.
er Allgemeine
Erfurt ist schön,
Weimar ist wunderbar,
aber der eindrücklichste
Ort ist Volkenroda!
aus dem Gästebuch, 2.9.2010
»Ich war angerührt von eurer
sehr erdnahen persön­lichen
Geschichte, die für mich mit dem
Ort korrespondiert.«
Foto: Thüring
er Allgemeine
»Das Kloster ist für mich zu
einer schönen Herberge
geworden: ankommen – rasten
und in Freude wieder in den
Alltag zurückkehren.«
Michael Hofmann, August 2010
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 64
65 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Hautnah erlebt –
die Pilger
von Johanna Panzer
Ich blättere im Pilgerbuch. Rund 400 Menschen sind im vergangenen Jahr auf dem
Pilgerweg nach Volkenroda gekommen,
davon 90 im weitgehend sonnigen Oktober.
Einige sind in etwa 14 Tagen die 300 km
von Loccum aus gelaufen, andere nur einen
Teilabschnitt. Immer mehr versuchen sich
auf dem neu eingeweihten Weg Volkenroda
– Waldsassen. Viele kommen auch mit dem
Fahrrad. Das Alter der Pilger lag zwischen 8
und 80 Jahren. Der Jüngste war 14 Tage mit
seinem Opa unterwegs.
»22 Füße und 52 Pfoten sind heute am Ziel
des Weges von Loccum nach Volkenroda
angekommen.« So lautet der Eintrag im
Pilgerbuch vom 10. Oktober. Ein paar Tage
später kann man es auch in der Thüringer
Allgemeinen lesen: Elf Menschen im Alter
zwischen 21 und 67 Jahren hatten sich aus
Niedersachsen mit ihren Hunden auf den
Weg gemacht. Sie legten die 300 km in Etappen, verteilt aufs Jahr, zurück und kamen bei
strahlendem Wetter hier an.
Wenn die Pilger hier ankommen, spürt
man ihnen ab, dass sie viel und Tiefes erlebt
haben. Sie waren ja in der Stille mit leichtem
Gepäck unterwegs, im wörtlichen und im
übertragenen Sinne. Sie haben eine zeitlich
begrenzte Armut auf sich genommen, die sie
frei gemacht hat für neue Erfahrungen. Manche waren so hilfsbedürftig wie sonst nie,
z.B. wenn das einzige Paar Schuhe in einem
kleinen Ort eine Sohle verliert. Und der
84-jährige Schuster kann über Nacht helfen!
Zwei total verirrte Pilgerinnen treffen einen
Jogger, der ihnen die Richtung zeigt. Ein Pilger kann einem Lamm, das sich im Zaun ver-
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 66
67 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
strickt hat, das Leben retten. Sind das nun
Zufälle oder doch Fügungen? Und wenn sich
solche Situationen häufen? Das Laufen in der
Natur öffnet vielen das Herz. Menschen finden mehr zu sich, manche Verletzung fängt
an zu heilen. Sie sehen ihre Mitmenschen
mit anderen Augen. Für manche führt solch
eine intensive Zeit zu neuen Weichenstellungen in ihrem persönlichen und beruflichen
Leben, fast alle spüren eine Kraft, die es gut
mit ihnen meint.
All das kommt auch im Pilgerbuch zum Ausdruck: »Es war richtig, trotz aller Mühen,
nie aufzugeben. Jeder muss den Weg in seinem eigenen Tempo gehen.« »Ich bin zwar
noch nicht bei mir angekommen, aber das
Pilgern und dieser Ort haben mich mir sehr
viel näher gebracht.«
Auch diese Worte fand ich im Pilgerbuch, ich
verbinde sie mit einer herzlichen Einladung:
Wo kämen wir hin
wenn alle sagen
wo kämen wir hin
und keiner ginge
um zu schauen
wohin man käme
wenn man ginge.
Kurt Marti
Sr. Johanna Panzer Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda
Mal sehen, Cara,
ob wir sie nicht finden!
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Weinstock Gastfreund
schaft
von Johanna Panzer
Ein herrlicher Spätsommertag in Volkenroda. Ich bin heute
Hundesitter und führe Cara aus. »Cara, hast du schon
gehört, dass vier Pilger angekommen sind? Die sollen es eilig
haben.« Im Büro hat es geheißen, sie wollten den Bus um
13.30 Uhr nehmen und seien noch schnell zur Pilgerskulptur. »Mal sehen, Cara, ob wir sie da oben finden!« Als wir
uns der Pilgerskulptur nähern, sehen wir sie auch schon.
»Guten Tag, herzlich willkommen!« Ich stelle mich vor, wir
wechseln ein paar Worte.
Offensichtlich sind sie ohne Unfall an ihr Pilgerziel gekommen. Ob sie mit neuem Elan
in ihren Alltag zurückkehren können? Ich
nehme alles ins Gebet und spreche es in meinen Worten aus. Am Ende ein Segenswort
und »Amen!« Den Mann höre ich sagen:
»Das war gut!«
In Gedanken beginne ich zu rechnen. Bis zur Bushaltestelle
brauchen sie sieben Minuten, wenn es nicht überstürzt
zugehen soll; wäre doch schade, am Ende eines Pilgerwegs!
Bleiben sechs Minuten hier oben – für einen Pilgersegen.
»Wollen Sie?«, frage ich das Quartett. Der Mann, der mir am
nächsten steht, verneint entschieden. Fast gleichzeitig antwortet eine der beiden Frauen: »Ja, gerne!« Ich schaue hin
und her. »Kann ja nicht schaden«, bedeute ich dem Mann.
Er schmunzelt.
Sr. Johanna Panzer Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda
Mit freundlicher Genehmigung: Stern überm Pilgerweg.
Weggeschichten zwischen Loccum und Volkenroda,
Herausgeber: Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth.
Landeskirche Hannovers, 2010.
So spüre ich in mich hinein und empfinde großes Glück: Was
für ein herrliches Wetter! Wird den Pilgern gewiss ähnlich
gehen. Ich vermute mal: Sie haben etwas ganz Einmaliges
erlebt.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 68
69 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Gastfreundschaft
der Seele
von Jens Wolf
»Dies ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn: Dass ein
Mensch dem anderen Rast gebe auf der großen Wanderschaft zum ewigen Zuhause. Dass er für eine Weile ihm
Bleibe gebe für die Seele, Ruhe, Kraft und das Vertrauen:
Wir sind Weggenossen und haben gleiche Fahrt. Jede Gastfreundschaft ist gut, in der von solcher Gastfreundschaft
der Seele etwas lebt.« (Romano Guardini)
Sehr lebendig erinnere ich mich an eine Begegnung vor
15 Jahren mit dem damals schon über neunzigjährigen
Heinrich Spaemann. Er war ein einziges Mal in Volkenroda
und er staunte sehr, was hier geschaffen wurde. »Eure Räume
sind so offen, dass man sich gerne in ihnen niederlässt.«
So beschrieb er seinen Eindruck mit knappen Worten und
fuhr fort: »Und doch sind sie so frei, dass man auch gerne
wieder aus ihnen aufbricht.« Diese Worte haben für mich
Gastfreundschaft und Gastfreiheit ganz neu erschlossen.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 70
71 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Ich habe noch an keinem anderen
Ort einen solch reichen Dienst der
Gastfreundschaft erfahren und
werde ihn nie wieder vergessen –
das Willkommen – die Freundlich­
keit der Menschen – die Offenheit
und Einladung des Morgengottes­
diensts – die Bereitschaft zum
Teilen der Gaben.
Foto: Thüring
er Allgemeine
It meant for me as being
HOME, being in a setting
that supports, feeds and
encourages us.
»Ich war berührt von der
Schönheit und Einheit
des Orts, bei der die Spuren
der Vergangenheit genauso integriert sind, wie bei
dem auferstandenen
Christus seine Wundmale.«
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 72
Offene Herzen
Offene Türen
Gastfreundschaft gehört zu den ältesten Werten der Menschheit. Noch heute findet man sie besonders ausgeprägt bei den
Nomaden des Orients. Klöster bewahrten Gastfreundschaft
als hohes Gut, der Heilige Benedikt widmet ihr ein ganzes
Kapitel in seiner Klosterregel. Und die Zisterzienser, die auch
das Kloster Volkenroda gründeten, hatten den Wahlspruch
»porta patet – cor magis«. Zur wahren Gastfreundschaft gehören nicht nur die »offene Tür«, sondern mehr noch »die offenen Herzen«. Denn Gastfreund­schaft ist eine sinnliche Erfahrung. Es braucht Orte und Räume mit offenen Türen, doch die
Atmosphäre wird durch die Herzen der dort lebenden Menschen geprägt. In einer solchen Gastfreundschaft der Seele,
wie sie Guardini bezeichnet, findet der Fremde Herberge.
Gerade Fremdheit und Anonymität ist in unserem modernen Leben für viele ein vertrautes Gefühl. Wir haben wieder etwas Nomadenhaftes. Unser Alltag ist von Mobilität
gekennzeichnet – viele Menschen verstehen ihr Leben als
Reise; Pilgern hat wieder Konjunktur.
»Gestern besuchte ich das Kloster Volkenroda und war bis kurz
vor Ende unseres Besuches schon sehr beeindruckt. In den
letzten 15 Minuten steigerte sich dieses Gefühl in nachhaltige
Bewunderung. Gegen Ende unseres Rundgangs kamen wir an
den Klosterladen, der offensichtlich schon geschlossen war.
Wir wollten schon gehen, als eine Dame auf mich zu kam, die
ich auf den geschlossenen Laden ansprach. Obwohl sie wohl
nicht verantwortlich war, kehrte sie um, besorgte den Schlüssel und gestattete uns den Eintritt. Es kam zu einem Gespräch
mit dieser nicht nur freundlichen, sondern auch sehr aufgeschlossenen Dame, das sehr nachhaltig auf mich wirkte. Ich
würde gerne im Sommer wieder Ihr Kloster besuchen, verbunden mit dem Wunsch, dieses wunderbare Gespräch von
gestern fortzusetzen.«
73 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Die Türen im Kloster Volkenroda und die Tore des ChristusPavillon stehen offen. Sie stehen offen für unterschiedliche
Menschen – Arme und Reiche, Gebildete und Bildungsbenachteiligte, Getaufte und Ungetaufte. Jährlich treten
etwa 40.000 Besucher durch diese Türen. Und wenn es
uns gelingt, uns mit ganzer Person auf die Fremdheit und
Andersartigkeit dieser Menschen einzulassen, dann kann
Gastfreundschaft zu einem Ausdruck der Lebensfreude
werden. Dies drückt sich besonders im gemeinsamen Essen
aus. Von Platon heißt es, dass er seine Philosophie bei Gastmahlen entwickelte. Die Bibel berichtet immer wieder von
gemeinsamen Mahlzeiten – und Jesus hatte keine Mühe,
sich immer wieder einladen zu lassen. Ob das Gespräch
bei der Bratwurst auf dem Bauernmarkt, das Pizzabacken
der Schulklasse in unserem Lehmbackofen oder der festlich
gedeckte Tisch am Sonnabend im Gästehaus – beim gemeinsamen Essen kommen Menschen zusammen, und es entsteht Vertrautheit.
Gott als Gastgeber
Der Höhepunkt der Gastfreundschaft ist der gemeinsame
Gottesdienst – in der alten Klosterkirche oder im modernen
Christus-Pavillon. Hier schlägt Gastfreundschaft eine Brücke zum ewigen Zuhause, in dem uns der gedeckte Tisch
mit dem großen Gastmahl erwartet.
»Ich habe noch an keinem anderen Ort einen solch reichen
Dienst der Gastfreundschaft erfahren und werde ihn nie
wieder vergessen – das Willkommen – die Freundlichkeit
der Menschen – die Offenheit und Einladung des Morgengottesdiensts – die Bereitschaft zum Teilen der Gaben.«
Mit offenen Türen und offenen Herzen versuchen wir, den
Menschen zu begegnen. Und dabei wissen wir, dass Gott
selber der Gastgeber ist. Und wenn es dann geschieht, dass
ein Gast diese Erfahrung machen darf, dann ist es Gnade.
»Irgendetwas in mir ist geschehen. Es ist ein Spüren, ganz
neu zu mir selbst gefunden zu haben, etwas abschließen
zu können und gefunden zu haben, was ich lange gesucht
habe. Oder, noch einfacher: gefunden zu sein. Gott ist einfach da.«
Von Rabbi Schmuel von Brysow wird berichtet, dass er sehr
reich und angesehen war. Eines Abends kam eine Gruppe
von Kaufleuten nach Brysow. Und weil es kurz vor Schabbat­
anbruch war, beschlossen sie, den Festtag in der Stadt zu
bleiben. So kamen sie an seine Tür und erkundigten sich, ob
sie in seinem Haus Herberge finden und das
Schabbatmahl mit ihm teilen dürften. Rabbi
Schmuel erwiderte, er könne ihnen beides
anbieten – allerdings nur gegen Bezahlung.
Und dann nannte er noch einen sehr hohen
Preis. Befremdet nahmen die Reisenden das
Angebot an. Und so aßen sie und tranken
sie über den Schabbat zu Genüge, verlangten noch erlesene Weine und ausgesuchte
Speisen und hatten alle möglichen Sonderwünsche – für den hohen Preis, den sie zu
entrichten hatten. Als der Schabbat vorüber
war, wollten sie Rabbi Schmuel die vereinbarte Summe bezahlen. Der aber brach in
ein Lachen aus und fragte sie, ob sie den
Verstand verloren hätten – wie könne er
für das Privileg der Gastfreundschaft Geld
annehmen. Verständnislos fragten ihn die
Kaufleute nach dem Grund seiner ursprünglichen Bedingung einer hohen Bezahlung.
Da erklärte Rabbi Schmuel: »Ich fürchtete,
es könnte euch peinlich sein, genug zu essen
und reichlich zu trinken, wenn ihr euch nur
als meine Gäste fühlt. Und – seid ehrlich –
hatte ich nicht recht?«
9
Licht
stille
Jens Wolf Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda
Ich fahre nur kurz nach Hause
und zieh‘ dann hier ein...
B.K., 4.6.2009
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 74
75 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Ein Weg mit den Kammern
im Christus-Pavillon
von Christiane Wolf
Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Johannes 8,12)
Im Übergang zwischen Christus-Raum und
Kreuzgang sind neben den einzelnen Durchgängen neun Kammern angeordnet. Kleine
Räume der Stille, die den Betrachter zu
persön­licher Andacht einladen. Der Künstler
Andreas Felger nimmt in ihrer Gestaltung
Bezug auf elementare Bibelworte.
Christiane Wolf begleitet Besucher durch
den Christus-Pavillon. Ihre Erfahrung: Ein
Gang entlang dieser Kammern kann zu einer
Begegnung mit Jesus Christus führen, der
uns Menschen in seiner Person die Freundschaft mit Gott anbietet. Nebenstehend eine
Meditation von ihr zur Kammer Licht.
Freundschaft kann ein ganzes Leben hell, freundlich,
warm und lebenswert machen.
In Dunkelheit, wenn ich Orientierung suche, ist Freundschaft mit Gott der Lichtschein für meinen Weg.
Jesus, der Freund, ist mir leuchtendes Vorbild durch
sein Leben. Die Kraft einer kleinen Kerze durchbricht
die Dunkelheit eines groSSen Saales. So wird von meiner
Freundschaft mit Gott etwas Helles, Freundliches und
Warmes ausgehen und ein Stück der Kälte und Dunkelheit unserer Welt wegschmelzen.
Christiane Wolf Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda,
ausgebildet in Geistlicher Begleitung
Gelebte Freundschaft mit Gott wird zum Licht
für die Welt.
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 76
77 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Erfahrungen
mit der Stille
von Johanna Panzer
Gewässer haben auf mich eine große Anziehungskraft: Bäche, Flüsse, Teiche, Seen.
Wasser als Symbol für Leben!
Vor meinem inneren Auge sehe ich einen
Teich. Ein starker Wind trifft auf das Wasser:
Ein aufgewühlter Ozean in Miniatur! Der
Blick ist gefesselt von den verschieden­a rtigen
Bewegungen an der Wasseroberfläche. Am
nächsten Tag hat sich der Wind gelegt. Die
Wasserfläche ist glatt und gibt den Blick frei
auf den Boden des Teiches. Da ist manches,
was ich gestern nicht wahrnehmen konnte:
Goldfische ziehen ihre Runden. Und hier
blitzt etwas silbrig auf. Da hat doch jemand
etwas Wertvolles verloren! Und dort! Ein
alter Schuh, den man auch richtig entsorgen
könnte.
Unser Leben gleicht oft einem aufgewühlten
Gewässer. In der Stille ist es mir möglich,
tiefer zu schauen und zu hören.
Dazu laden wir ein: Tage der Stille,
meditatives Wandern, Pilgern.
Sr. Johanna Panzer
Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 78
79 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Volkenroda ist ein Licht in
einer Region Deutschlands,
die es schwer hat.
Man mag Informationen, Berichten und Beschreibungen über Sachverhalte oder
Orte vertrauen, ein persönlich erlebter Eindruck jedoch vermittelt erst das „richtige«, umfassende Bild. Man lernt die am Ort lebenden und handelnden Menschen
persönlich kennen. Man weiß die spirituelle und gesellschaftliche Bedeutung der
Ortsgemeinschaft besser einzuschätzen. Man lernt, Hilfsbedürftigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten durch direkten Augenschein besser einzuordnen. Das gilt in
besonderer Weise für Dorf und Kloster Volkenroda. Ich besuche mehrere Male im
Jahr die Volkenrodaer Klostergemeinschaft und stehe darüber hinaus als Stiftungsratsmitglied ständig in Kontakt mit ihr. Volkenroda ist ein Leuchtturm gelebten
Glaubens an Jesus Christus für christliche Nächstenliebe, ein Ort der Orientierung
und Begegnung, Licht in einer Region Deutschlands, die es schwer hat. Das ist der
Grund, warum ich mit Freude und Dankbarkeit dabei bin.
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christus
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Friedhelm Loh
Unternehmer, Mitglied des Stiftungsrates
Durch Weisheit wird ein Haus gebaut
und durch Verstand erhalten, und durch
ordentliches Haushalten werden die
Kammern voll kostbarer, lieblicher Habe.
Sprüche Salomos 24, 3-4
Diese biblische Einsicht finde ich in Volkenroda bestätigt, nicht in erster Linie baulich
und finanziell, sondern vor allem geistlich. Beten und arbeiten gehören hier zusammen.
Beides geht nicht ohne Verstand, aber bei beidem darf sich Weisheit einstellen, beides
darf Früchte bringen, auf beidem liegt Segen und macht Volkenroda zu einem guten Ort.
Oberkirchenrat Stefan Große Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Mitglied des Stiftungsrates
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 80
81 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Sehnsucht nach heiligen Räumen
Der Christus-Pavillon
als Gleichnis für
die Herrlichkeit Gottes
von Karl-Heinz Michel
Im Sommer habe ich zweimal das gleiche
beobachtet und erlebt: junge Menschen
gingen durch den Innenraum des ChristusPavillon, blieben immer wieder stehen,
schauten hoch, schüttelten verwundert den
Kopf, gingen weiter… Ich sprach sie an.
»Unglaublich, dieser Raum«, sagte einer,
»er fasziniert mich total!« Es war ein Azubi
von einer süddeutschen Firmengruppe, die
im Jugendbildungszentrum zu Gast war.
Der andere war ein Chorsänger aus Erfurt,
von Beruf Lokomotivführer, der nach dem
Konzert­gottesdienst noch einmal zurückkehrte in den Pavillon, nur um zu schauen.
Christus-Pavillon Volkenroda – nicht jeder
denkt dabei sofort an eine Kirche. Von den
ca. 25.000 Besuchern im Jahr kommen
viele, um ein interessantes Bauwerk zu
sehen, das einmal auf der Weltausstellung
stand, oder weil sie etwas von Volkenroda
in den Medien gehört haben. Die Schwelle
ist niedrig. Die offene Architektur lädt ein.
Manche Besucher spazieren mit dem Hund
in den Kreuzgang. Doch wenn sie durch
einen der Durchgänge den Innenraum betreten, bleiben sie erst einmal wie angewurzelt
stehen – völlig überrascht von seiner Größe
und Höhe, von der Lichtfülle und Ruhe, der
Klarheit der Formen. Der Blick geht unwei-
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 82
83 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
gerlich nach oben, an den schlanken Säulen entlang bis zur Decke, die sich um die
Säulen­köpfe herum direkt zum Himmel öffnet. »Surrexit domus«, so hat Ernaut, ein Biograph des heiligen Bernhard von Clairvaux,
vor 850 Jahren über die Zistezienserkirche
geschrieben: »das Haus erhebt sich, steht
auf.« Das könnte man genauso vom Christus-­
Pavillon sagen: Ein hoher Raum »erhebt«
sich, erhebt zugleich die Seele, vermittelt ein
Gefühl von Erhabenheit und Hoheit.
Wenn die Sonne scheint, vielleicht noch
unterbrochen vom Vorüberziehen der Wolken, lebt der Stein auf. Es übt eine unwiderstehliche Faszination aus, wenn das Sonnenlicht mit den weißen Marmorplatten spielt,
von denen jede ihr eigenes Gesicht hat. Man
kann nicht hindurchsehen, und doch strahlt
das Licht der Sonne wunderbar hinein –
wie aus einer anderen Welt – und bringt
den Stein zum Leuchten. Er wird gleichsam zum Hinweis auf eine der Moderne
verloren­gegangene Transzendenz. Durch
den leuchtenden Stein hindurch gehen die
Gedanken hinüber in eine jenseitige, lichtvolle Welt. Der Innenraum hat ohne Zweifel
eine mystisch sakrale Wirkung, aber hier
wirkt kein mystisches Dunkel, sondern mystisches Licht. Er wird zum »Gleichnis für
die Herrlichkeit Gottes«, für die Herrlichkeit
der kommenden neuen Welt Gottes. »Ein
Kirchenraum war immer auch ›domus Dei‹
und als solcher in seiner Form und Ausstattung Gleichnis für die Herrlichkeit Gottes«
(Stephanie Lehr-Rosenberg). Das trifft in eindrücklicher Weise für den Innenraum des
Christus-Pavillon zu, seiner sakralen Wirkung kann man sich kaum entziehen.
So trägt die Architektur des Christus-­
Pavillon, der Kreuzgang, die von Andreas
Felger gestalteten Kammern mit ihrer Botschaft und vor allem der Innenraum kräftig
dazu bei, dass der Pavillon zu einem geistlich-spirituellen Ort geworden ist, der kirchenferne Besucher anzieht. Er kommt einer
heute wieder erstarkenden »Sehnsucht nach
heiligen Räumen« entgegen, in denen die
Seele zur Ruhe kommt und aufatmen kann.
Auch die angebotenen Veranstaltungen,
Meditationen und Impulse tragen dazu
bei. Konzerte und Filmabende nehmen alle
Befangenheit vor einem »kirchlichen Raum«.
Mehrfach in der Sommersaison sind die
meisten Stühle im Christus-Pavillon besetzt.
Zum Beispiel beim Sommerkino im Pavillon,
das als Freilichtkino zwar im Innenhof stattfinden sollte, aber wegen Regen nach innen
verlegt wurde. Viele junge Leute waren
unter den Besuchern, die fragten, warum
wir nicht an noch mehr Abenden Sommerkino anbieten. Nach den Veranstaltungen,
bei einem Glas Wein oder Bier am »Café im
Kubus« oder im äußeren Kreuzgang, kommt
man leicht miteinander ins Gespräch. Und
oft höre ich dann verwundert: »Ich wusste
gar nicht, dass…« es hier Sommerkino gibt,
und eine Kunstaustellung, und einen Feier­
abend-Gottesdienst, und überhaupt die
Atmosphäre, der faszinierende Innenraum,
die Akustik, das Ambiente…
Vor kurzem hat eine Besucherin aus der
Region, die schon mehrfach ihren Gästen
die Klosteranlage gezeigt hat, unser Meditationsangebot entdeckt, weil sie zufällig
um diese Zeit in den Christus-Pavillon kam:
nachdenklich schöne Musik von Giora Feidmann, die dann immer fröhlicher wird,
passend zur Meditation über die großartige Vision vom himmlischen Jerusalem:
»Gott wird abwischen alle Tränen«. Und die
Marmor­wände leuchteten dazu. »Das tat
gut«, sagte sie hinterher.
Offene Türen, niedrige Schwelle: Wir haben
uns erst daran gewöhnen müssen, dass
während des Sonntagsgottesdienstes im
Christus-­Pavillon schon Besucher im Kreuzgang herumschlendern. Manche schauen
durch einen der neun Durchgänge in den
Innenraum herein. Und es kann passieren,
das sich einer auf einen Hocker am Rande
hinsetzt und sitzen bleibt, neugierig das
Geschehen des Gottesdienstes beobachtend. Wir bemühen uns um eine verständliche Sprache, um lebendige Lieder, um eine
gepflegte Liturgie. Und wenn nach dem
Gottesdienst ein Besucher sagt: »Das war
aber ein schöner Gottesdienst!«, dann ist das
wohl eher ein seltenes Lob, worauf schon das
kleine »aber« hinweist.
Es sind immer nur spirituelle Impulse, die
wir im Christus-Pavillon vermitteln können,
in der Hoffnung, dass sie haften bleiben und
weiter wirken. Viele der ehrenamtlichen
Mitarbeiter, die für ein, zwei Wochen mithelfen, erklären Besuchern, die dies wollen,
die eindrücklichen Kammern von Andreas
Felger. »Ich mache das gerne«, sagt der
freundliche Ruhestandspfarrer, »die Besucher sollen doch etwas vom Evangelium
mitbekommen!« Manche bleiben nach dem
Mittagsgebet noch etwas sitzen: Gebet für
Frieden und Versöhnung, angefangen im
eigenen Haus bis hin in die Nöte der Welt.
Die erste Kerze wird meist für die eigene
Familie angezündet: ein Gebet für das Miteinander der Eheleute, der Eltern und Kinder
– wer könnte da nicht mit einstimmen? Frieden wünschen wir uns alle. Dass die offenen
Türen des Christus-Pavillon Menschen hinleiten zum Herzen Gottes, ist unser großes
Anliegen. »Christus, Sonne, erleuchte uns
alle!«, stand dieser Tage im Gästebuch. Dieser Bitte können wir uns nur anschließen.
Dr. Karl-Heinz Michel (1946-2006)
ehem. Pfarrer im Kloster Volkenroda,
ehem. Mitglied des Stiftungsrates
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 84
85 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Es bereichert
mein Leben
Interview mit Fritz Reich,
Helfer am Christus-Pavillon
von Christiane Wolf
C.W. Fritz, seit vielen Jahren gehst du jetzt schon einmal im
Jahr ins Kloster, um zu helfen und auch, um etwas mitzunehmen. Worum genau geht es dir da?
F.R. Genau das fragen meine Bekannten auch, sie werden neugierig und haben Fragen. Das ist schon mein erster
Erfolg! Es ist ganz viel, worum es mir geht: um mich selbst
und um die vielen Menschen, denen ich dort begegne! Es
tut mir gut, wahrgenommen und anerkannt zu werden, das
Alleinsein tut mir gut, wenn ich vor der Öffnung morgens
meinen Rundgang durch den Christus-Pavillon mache und
fege und Dreck wegschrubbe oder die Kerzen auffülle und
anzünde. Dabei bewegen mich gute Gedanken, ich habe
Muße zum Nachdenken und Meditieren. Wenn die Gäste
dann kommen, ist es an mir zuzuhören, unaufdringlich da
zu sein, Gesprächsbereitschaft zu zeigen, zu erklären und zu
zeigen.
F.R. Das ist das Schöne: Ganz unterschiedliche Besucher,
Touristen und Pilger, ein Architektur-Professor mit Studenten und Stammgäste aus der Region, fromme Kirchenleute
und Skeptiker, Schulkinder und Senioren, Großeltern mit
Enkeln und verliebte Pärchen. Genauso vielfältig sind die
Zugänge zu den Unterhaltungen, die entstehen. Der Mut zur
Vielseitigkeit und die damit verbundene Offenheit gefällt mir
bei den Menschen am Ort und ihren Gästen, auch an den
Gebäuden in ihrer unterschiedlichen Architektur.
C.W. Ist das nicht anstrengend, sich immer wieder neu auf
unterschiedliche Menschen und ihre Bedürfnisse einzustellen?
F. R. Ja, aber es macht mich auch glücklich, wenn die Besucher vom Platz berührt sind und sich öffnen und wir ins
Gespräch übers Leben kommen. Und es bereichert mein
Leben, wenn ich hier im Rhythmus von ora et labora, Gebet
C.W. Ich danke dir herzlich für dieses Gespräch und wünsche dir noch viele Male diese bunte Erfahrung im Kloster.
F.R. Danke, das wünsche ich mir auch, möchte aber noch
eine kleine Begebenheit erzählen! Ich führte eine ältere,
gehbehinderte Dame durch den Pavillon und wir hörten das
Gezwitscher der Schwalben, die im Kreuzgang nisten. Da
kam ihre Frage: ›Ist das echt oder spielen sie das ab vom
Band?‹ Leider konnte ich ihr die eindeutigen Beweise der
Vogelsch … nicht mehr zeigen – ich hatte sie kurz vorher mit
mühevoller Schrubbarbeit selbst entfernt.
Christiane Wolf Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda
C.W. Wer kommt denn so?
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 86
und Arbeit, am Alltag der Klosterleute teilhabe und für diese
Zeit dazugehöre.
87 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Auf dem Weg zur Mitte – Christus
von Albrecht Schödl
Auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt,
wie Himmel und Erde entstanden sind.
Alles hatte der Schöpfer paradiesisch schön
gemacht. Den Menschen setzte er in einen
wunderbaren Garten, den er zuvor angelegt
hatte. Planvoll hatte der große Gärtner alles
um eine Mitte angelegt: Hier stand der Baum
des Lebens und der Baum der Erkenntnis.
Das Leben, das von Gott kommt, ist in der
Mitte.
In diesen Gottesgarten wird der Mensch
gesetzt. Seine Bestimmung ist es, auf die
Mitte ausgerichtet zu sein – ohne selbst die
Mitte zu sein. An allen Früchten des Gartens
darf er sich erfreuen: „Esst nach Herzenslust
und so viel ihr wollt. Aber«, sagt Gott zu
seinen Menschen, „achtet die Mitte. Dort
ist der Baum der Erkenntnis und des Lebens.
Davon dürft ihr nicht essen.«
Erstaunlich: Bereits im Paradies setzt Gott
Grenzen. Mensch sein bedeutet Grenzen
haben, und das ist gut so! Auf die gleiche
Spur führt übrigens die ursprüngliche
Bedeutung für „Paradies«. Das Wort kommt
aus dem Persischen und heißt wörtlich
„das Umgrenzte«. Im Garten Eden leben
Menschen in Grenzen, und sie leben damit
paradiesisch gut. Der Baum des Lebens stellt
ihnen die guten Ordnungen ihres Schöpfers vor Augen, in denen sie sich entfalten
können: Gott ist des Menschen Grenze und
Mitte (Dietrich Bonhoeffer).
So weit – so gut. Nur bleibt es leider nicht
dabei. Immer wieder geschieht es, dass wir
die von Gott gesetzte Mitte betreten und
unsere Grenzen überschreiten. Der Mensch
macht sich selbst zum Mittelpunkt der Welt
und kreist fortan um sich selbst. Er setzt sich
an die Stelle des Schöpfers. Damit gehen
die Beziehungen kaputt, in denen er steht.
Das alte Wort ›Sünde‹ umschreibt die tiefe
Beziehungsstörung des Menschen, der seine
ursprüngliche Mitte verloren hat. So wird
der Mensch schließlich aus dem Paradies
vertrieben. Was bleibt, ist die Sehnsucht
nach dem verlorenen Paradies.
Gott sei Dank ist das nicht das letzte Wort
des Schöpfers. Auch er hat Sehnsucht nach
uns und ist auf der Suche nach seinen ver­
lorenen Kindern. Deshalb wird er selbst zum
Grenzgänger und kommt in seinem Sohn zu
uns. In Jesus Christus schließt er die Tür
zum Paradies wieder auf. Christus ist nun
die neue Mitte der Schöpfung, mit ihm ist
ein Neuanfang zwischen Gott und Mensch
möglich. Und das Beste daran: Mit Christus
können wir wieder zu unserer verlorenen
Mitte zurückfinden. Diese Erfahrung greift
ein bekannter Choral auf:
»Gott ist in der Mitte.
Alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge.«
Der Christus-Pavillon in Volkenroda ist in
den vergangenen zehn Jahren zu einem
besonderen Ort der Begegnung mit Christus
geworden. Machen Sie sich mit uns auf den
Weg zur Mitte – Christus!
Dr. Albrecht Schödl Pfarrer am Christus-Pavillon / Kloster Volkenroda
10 Jahre Christus-Pavillon in Volkenroda 88
89 Auf dem Weg zur Mitte – Christus
Zu Gast im Kloster Volkenroda
Die 1998 gegründete Stiftung Kloster Volkenroda unterstützt die Arbeit im
Kloster Volkenroda. Die Rechtsform einer Stiftung wurde gewählt, um die
zeitlose Gültigkeit der Anliegen, die bei dem Wiederaufbau und der Neubelebung von Kloster und Dorf Volkenroda verfolgt werden, zum Ausdruck
zu bringen. Eine Stiftung weist weit über den Stifter hinaus, Vermögen von
heute soll auch künftigen Generationen zum Nutzen sein – praktizierte
Anwendung des Prinzips der Nachhaltigkeit seit Jahrhunderten. In diese
Tradition stellt sich auch die Stiftung Kloster Volkenroda.
Seit Januar 2005 ist die Stiftung Kloster Volkenroda Eigentümerin nahezu
der gesamten Klosteranlage. Durch die Übernahme der Immobilien hat sich
die Verantwortung der Stiftung für die Gewährleistung des Stiftungszwecks
in Volkenroda erheblich vergrößert. Erhaltung und sinnvolle Nutzung der
Immobilien fordern neue Konzepte, auch der Mittelgewinnung.
Die Unterstützung der Stiftung Kloster Volkenroda in ihren Aufgaben ist
auf zwei Arten möglich:
Zustiftung zum Stiftungsvermögen
Mit einer Zustiftung erhöhen Sie das Vermögen der Stiftung. Aus den
Erträgen werden Aufgaben der Stiftung finanziert, insbesondere die Instandhaltung der wunderbaren Klosteranlage. Zustiftungen sind ab einem Betrag
von 5000 EUR möglich.
Spende für Stiftungsprojekte
Mit einer Spende unterstützen Sie direkt die Aufgaben der Stiftung. Spenden
sind in jeder Höhe möglich und gewünscht.
Stiftung Kloster Volkenroda
Amtshof 3
99998 Körner-Volkenroda
Telefon: 036025 – 559-0
Telefax: 036025 – 559-10
www.stiftung-volkenroda.de
Bankverbindung:
Evangelische Kreditgenossenschaft
Kassel eG
Konto-Nr.: 802 16 19
BLZ: 520 604 10
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Tel.: 036025 – 559-0, Fax: 036025 – 559-10
info@kloster-volkenroda.de // www.kloster-volkenroda.de
Die Deutsche Stahlindustrie gratuliert
zum 10-jährigen Jubiläum des
Christus-Pavillon in Volkenroda
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