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Faltenlos wie die Slogans - Monika Scherf

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Faltenlos wie
die Slogans
Und ewig grüßt das Wahlplakat vom Laternenpfahl.
Verglichen mit Plakaten des
verknitterten Kanzlers Adenauer anno 1957 liegt das augenfälligste Phänomen zur aktuellen Wahl darin, dass viele
Politikerfassaden heute dank
Photoshop aussehen, als hätte
der Schönheitschirurg vorm Fototermin Hand angelegt oder
zu Botox geraten. Faltenlos
wie die Slogans. Thematisch ist
der Wandel homöopathisch:
Mit ,,Keine Experimente!“
trommelte Konrad Adenauer
vor einem halben Jahrhundert
für Kontinuität. ,,Unsere Stadt
in guten Händen“ oder ,,Der
Landkreis braucht Verlässlichkeit“ von Oberbürgermeister
Mädge und Landrat Nahrstedt
klingen da in diesen Tagen wie
freundliche Variationen. Es
läuft ja auch, warum also die
Pferde wechseln?
Die Konkurrenz hat es
schwer. Frau Landrätin in spe
Monika Scherf wirbt mit dem
Slogan: ,,Zuhören. Verstehen.
Handeln.“ Dagegen ist auch
nichts zu sagen, nur weiß man
nicht, ob es auf die Planung
des nächsten Sonntagsausfluges oder die Senkung der
Kreisumlage für Gemeinden
gemünzt ist. Die Furcht vor
konkreten
Versprechungen
ist allgegenwärtig. Zum einen
sind Politiker und Wortbruch
für jeden zweiten Bürger eineiige Zwillinge. Zum zweiten:
Wer links fischt, verliert rechts
Wähler und umgekehrt. Also
drängt alles zur Mitte hin. Es
sei denn, nomen est omen,
ANGESPITZT
LZ, 03.05.2014
der Parteiname wie bei den
Linken verlangt, dass man den
Konzernen mal ins Portemonnaie greift. Also wird E.on in
Lüneburg entmachtet. Die
grüne OB-Kandidatin Claudia
Schmidt nimmt die Rätsel- und
Sudoko-Welle auf. ,,rad kräftig“ steht ominös neben ihrem
windzerzausten Plakat mit Lüneburg-Panorama. Kräftig am
politischen Rad drehen? Mehr
Räder für Lüneburg? Der Wähler hat die Deutungshoheit.
Was die allegorischen Momente der Wahlplakate betrifft, liegt der schwarze OBKandidat Eckhard Pols klar
vorne. Er geht aus der Tiefe
des Raums direkt auf uns zu.
Im Hintergrund unscharf die
Rathausfassade. Flankiert wird
er von einer historisierenden
Lampe. Er trägt einen auffallend grünen Schlips. Rathaus
ist klar, da will er rein. Grüner
Schlips? Wohl eine Grußadresse an künftige Koalitionen mit
seinem grünen Freund Andreas
Meihsies. Aber diese markante
Lampe neben seinem Kopf ist
die Marke Alt-Düsseldorf. Das
Symbol überfordert mich.
Der Fliegenschiss, den sie auf
Plakaten finden, ist übrigens
die Reverenz ans Internetzeitalter, sogenannte QR-Codes.
Das sind zwar keine Aussagen,
es wirkt aber ungemein hip.
Fassade ist alles. Oh, ich muss
aufhören, der Landrat ruft an.
Der sieht auf seinen Plakaten
mindestens zehn Jahre jünger
aus. Ich frage gleich mal, wie
seine Anti-Aging-Creme heißt.
Hans-Herbert Jenckel
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Seele and Geist
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