close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

06 11 2012 Göbel Rohde Wie die KKH-Allianz mit - Frontal 21

EinbettenHerunterladen
Manuskript
Beitrag: Profit statt Solidarität – Wie die
KKH-Allianz mit Kranken umspringt
Sendung vom 6. November 2012
von Jörg Göbel und Christian Rohde
Anmoderation:
Schwerkranke werden zum Kassenwechsel genötigt: So verfährt
die KKH-Allianz, eine der größten gesetzlichen Krankenkassen,
mit Versicherten. Darüber berichteten wir vergangene Woche.
Seither erhalten unsere Reporter lauter neue Hinweise - und
fanden neue Zeugen: Wer als Patient teuer wird, ist schon bei der
Anwerbung unerwünscht. Das belegen interne KKH-Richtlinien.
Jörg Göbel und Christian Rohde über fragwürdige
Vertriebsmethoden der KKH-Allianz.
Text:
O-Ton Christian Rösen, ehemaliger KKH-AllianzVertriebsmitarbeiter:
Kranke Leute, alte Leute oder gering verdienende Leute, die
möchte die KKH nicht in der Kasse haben.
O-Ton KKH-Allianz-Vertriebsmitarbeiterin:
Eindeutiges Geschäftsziel der KKH-Allianz ist: Wir wollen
keine chronisch Kranken versichern.
Neue schwere Vorwürfe gegen eine der größten gesetzlichen
Krankenversicherungen.
Erst vergangene Woche deckte Frontal21 auf, mit welchen
Methoden die KKH-Allianz schwer Kranke zum Kassenwechsel
gedrängt hat.
O-Ton Michael Juhnke, Rollstuhlfahrer:
Der Mann hat mir definitiv aufgrund meiner Krankheit und
meiner Behinderung vorgeworfen: Juhnke du bist zu teuer,
wir wollen Dich nicht mehr.
O-Ton Heidi Steffens, Schlaganfallpatientin:
Ich war so fertig. Ich musste am Telefon weinen. Ich war zu
teuer, eindeutig.
Der Vorstandsvorsitzende wies die Vorwürfe zurück.
O-Ton Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender KKH-Allianz:
Kann ich mir definitiv nicht vorstellen, ist auch nicht unser
Stil. Ich weiß nicht, welche Informationen Sie dazu haben,
hier ging es ganz alleine darum, welche Risiko entsteht für
den Versicherten aufgrund des Zusatzbeitrages. Das hat aber
mit dem Thema Krankheit und Risiko überhaupt nichts zu
tun.
Nach der Sendung kontaktieren uns viele Zuschauer - telefonisch,
per Post, per E-Mail. Wir bekommen neue Informationen über die
KKH-Allianz von Mitarbeitern und Versicherten. Wir recherchieren
weiter.
In Berlin finden wir Merry Wimmer. Sie ist fast blind. Nur mit
technischer Hilfe kann sie überhaupt lesen. Die KKH-Allianz
wollte sie loswerden, drängte sie am Telefon die Krankenkasse
zu wechseln, weil sie die monatlichen acht Euro Zusatzbeitrag
nicht gezahlt hatte.
O-Ton Frontal21:
Als Sie damals angerufen worden sind, ging es um die KKH.
Können Sie sich da noch an Einzelheiten erinnern?
O-Ton Merry Wimmer, KKH-Allianz-Versicherte:
Da hat ein relativ junger Mann angerufen, der mich gefragt
hatte, wann ich meine Schulden zwecks den acht Euro
bezahlen will. Na ja, und dann meinte er halt: Gehen sie doch
zur AOK, die nehmen keine acht Euro.
Das Telefonat mit der blinden Frau Wimmer hat die KKH-Allianz
schriftlich festgehalten. Das Protokoll liegt uns vor. Darin heißt es:
„Kundin ist blind; Kassenwechsel als Möglichkeit aufgezeigt;“
O- Ton Merry Wimmer, KKH-Allianz-Versicherte:
Ich fand das eigentlich empörend. Ich bin seit über 40 Jahren
in der Krankenkasse und dann will man mich da auf seine
billige Art und Weise heraus katapultieren, mit welcher
Begründung denn überhaupt. Man kommt sich irgendwie
abgeschoben vor.
Die KKH-Allianz teilt uns gegenüber mit, sie sei eine
Krankenkasse, die sich seit Jahren besonders für chronisch
Kranke einsetze. Die Kasse behauptete stets: Ihre Telefonaktion
wäre ein ganz normales Mahnverfahren. Die Telefonprotokolle
sprechen dagegen. Dort - immer wieder das Wort
„Niederschlagung“. Nichts anderes als ein Deal. Schuldenerlass
gegen Kündigung. Beispiele: „hoffentlich war die Niederschlagung
der Joker.“ Kurz darauf: „Kündigung … liegt vor!“
„Niederschlagung im Vertrauen erwähnt; ggf. kommt Kündigung“
Termin beim Bundesversicherungsamt. Die Aufsichtsbehörde
ermittelt im Fall KKH-Allianz, und der Präsident wird deutlich.
O-Ton Maximilian Gaßner, Präsident
Bundesversicherungsamt:
Das ist eine Verletzung des Kernbereichs der Pflichten einer
Krankenkasse, wir brauchen keine Krankenkassen, wenn im
Endergebnis in der Situation, wo Sie krank werden, Sie keine
Leistungen mehr bekommen, weil Sie aus der Kasse
gedrängt werden. Wenn das systematisch gemacht wird, ist
das, ich sage es noch mal, ein klares und deutliches No-Go
und wir müssen selbstverständlich da intervenieren.
Die KKH-Allianz soll bis kommende Woche dem
Bundesversicherungsamt eine abschließende Stellungnahme
vorlegen. Uns erreicht schon heute ein Schreiben der
Krankenkasse. Darin heißt es,
Zitat:
„Wir können (…) nicht abstreiten, dass in Einzelfällen
Mitgliedern (…) auf inakzeptable Art und Weise ein Wechsel
der Krankenkasse angeboten worden ist. Hierfür
entschuldigen wir uns bei den Betroffenen ausdrücklich.“
Eine Entschuldigung für Einzelfälle also. Uns liegen Hunderte
Telefonprotokolle vor. Außerdem schreiben uns Mitarbeiter der
KKH-Allianz. Sie behaupten: Die Kasse habe Schwerkranke nicht
nur rausgedrängt, sie wolle keine chronisch Kranken als
Neukunden. Auch Menschen, die weniger als 1000 Euro brutto
verdienen, seien nicht willkommen.
Uns werden sogenannte Leitfäden zugespielt. Darin steht, wie die
KKH-Allianz Vertriebsmitarbeiter bezahlt. Provisionen für
Neukunden gibt es nur für Arbeitnehmer mit mindestens 1000
Euro brutto im Monat. Außerdem zahlt die KKH-Allianz
sogenannte Qualitätsprämien. Was damit gemeint ist erklärt uns
Christian Rösen, bis vor kurzem Vertriebsmitarbeiter bei der KKHAllianz.
O-Ton Frontal21:
Herr Rösen, beschreiben Sie doch mal, was lohnt sich für Sie
als Mitarbeiter der KKH-Allianz, auf wen sollten Sie zugehen,
und was sollten Sie lieber sein lassen?
O-Ton Christian Rösen, ehemaliger KKH-AllianzVertriebsmitarbeiter:
Für mich macht es absolut gar keinen Sinn, jemanden zu
versichern, der beispielsweise alt ist, wahrscheinlich auch
noch krank ist obendrauf. Von diesen Leuten soll ich mich
gänzlich fern halten, weil ich dort absolut keinen einzigen
Cent für verdiene und die KKH natürlich solche Leute auch
nicht gerne aufnehmen möchte.
Der Vertriebsmann erklärt uns: Für Neukunden, die krank oder
arm sind, bekomme er keine zusätzliche Provision.
O-Ton Christian Rösen, ehemaliger KKH-AllianzVertriebsmitarbeiter:
Ich verdiene da nicht weniger, ich verdiene gar nichts, weil diese
Leute entsprechen absolut nicht der Zielgruppe, die die KKHAllianz vorgibt. – Sprich, kranke Leute, alte Leute oder gering
verdienende Leute, die möchte die KKH nicht in der Kasse haben.
Wir fahren nach Süddeutschland, wollen dort eine weitere Zeugin
treffen. Inzwischen hat die KKH-Allianz auf unsere Nachfrage
bestätigt: Der Vertrieb der Kasse ist tatsächlich auf bestimmte
Zielgruppen fokussiert. Nur so sei eine ausgewogene
Versichertenstruktur zu erreichen. Trotzdem sei die Kasse offen
für jeden.
Unsere Zeugin, eine weitere Mitarbeiterin der KKH-Allianz, hat es
anders erlebt. Sie will anonym bleiben, fürchtet um ihren Job.
O-Ton KKH-Allianz-Vertriebsmitarbeiterin:
Ich bin von Vorgesetzten angehalten worden, Arbeitslose
oder gar Kranke, die sich bei der KKH versichern wollten,
davon zu überzeugen, nicht unsere Kasse zu wählen. Das
wurde auch in Schulungen von Anfang an so vorgegeben.
Meiner Meinung nach hat das System. Der Druck von oben
ist riesig, manchmal komme ich mir vor wie in einer
Drückerkolonne. Ich halte das kaum noch aus.
Die KKH-Allianz lässt uns wissen: Der Eindruck, die Kasse
grenze kranke oder einkommensschwache Versicherte aus, treffe
nicht zu. Auch stünden Vertriebsmitarbeiter keineswegs unter zu
hohem Arbeitsdruck. Aktuelle interne E-Mails aus der KKHAllianz aber belegen: Wer offen über zu viel Druck klagt,
bekommt Ärger – von ganz oben. Auf Beschwerde-E-Mails eines
Geschäftsleiters im Vertrieb reagiert das Management harsch:
„Diese E-Mails sind sofort zu löschen. Bitte den Inhalt sofort
vergessen, nicht damit auseinandersetzen, nicht zurückschreiben,
reagieren etc.“ „Der GL [Geschäftsleiter] hat morgen früh ein
Gespräch mit dem Vorstand und wird dann aus dem
Unternehmen fliegen.“
Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender einer gesetzlichen
Krankenkasse – er wird sich erklären müssen.
Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur
zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten
unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen
Wiedergaben benutzt werden. Die in den Beiträgen dargestellten Sachverhalte entsprechen dem
Stand des jeweiligen Sendetermins.
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
8
Dateigröße
49 KB
Tags
1/--Seiten
melden