close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Einkaufen wie im Westen

EinbettenHerunterladen
Sonnabend / Sonntag, 1./2. März 2014
BLICKPUNKT
Seite 3
Die Intershops waren
für die DDR-Führung
ideologisch schwer zu
verteidigen, aber ein
ökonomisches Erfordernis, sagt der Historiker Matthias Judt.
Mit ihrer Hilfe erwirtschaftete der Bereich
Kommerzielle Koordinierung ein Drittel
seiner Gewinne.
Foto: pd
„Ökonomie
siegt über
Prinzipien“
Matthias
Judt
Frage: Welchen Umsatz machte die
DDR-Führung mit den Intershops?
Matthias Judt: Allein zwischen 1971
und 1989 waren es 14,3 Milliarden
DM. Die Intershops waren mit einer
Rendite von bis zu 70 Prozent auch
enorm gewinnträchtig, weil Waren abgesetzt wurden, die die DDR entweder
selbst produzierte oder die in großen
Mengen – also entsprechend rabattiert
– aus der Bundesrepublik kamen. Der
von Alexander Schalk-Golodkowski
geführte Bereich Kommerzielle Koordinierung erwirtschaftete mit den Intershops ein Drittel seiner Gewinne.
INTERVIEW
Einkaufen wie im Westen
In den Intershops der DDR gab es alles, was der Konsum um die Ecke nicht zu bieten hatte:
Bohnenkaffee, Schallplatten, Jeans und Elektronik. Vor 40 Jahren war es erstmals auch DDR-Bürgern erlaubt,
Westgeld zu besitzen und in den Läden einzukaufen. Von Andreas Dunte
E
s ist der 29. Juni 1986. Deutschland verliert im WM-Endspiel
gegen Argentinien. Obwohl
nicht unbedingt ein Fußballfan, hat
sich das Datum ins Gedächtnis von
Detlef Schulz gegraben. „Tags darauf
sah es bei uns aus, als hätte eine
Bombe eingeschlagen. Überall lagen
geöffnete Überraschungseier, Silberpapier und zerbrochene Schokolade.
Jemand hatte es auf die Figuren darin abgesehen“, erinnert sich der
ehemalige Chef des Intershops Halle
Südstadt. „Der Tag war für die Aktion gut gewählt. Der Wachmann hatte
wohl mehr ein Auge für Völler, Maradona & Co. als für die Überwachungskameras.“
Rückblende: 1984 wird Schulz
Chef der Intershop-Filiale – weitere
zwei in der Saalestadt sollen folgen.
Er selbst sagt, dass er zum Job gekommen sei wie die Jungfrau zum
Kinde. „Als einziger Hochschulabsolvent bei der HO Industriewaren in
Halle war ich wohl der richtige Mann
zum richtigen Zeitpunkt.“ Das Politbüro der SED in Berlin beschließt
Anfang der 80er-Jahre den Aufbau
von Intershop-Filialen unter dem
Dach der HO. Bis dahin gibt es die
Schaufenster des Westens vor allem
in den Interhotels, an Grenzübergangsstellen, auf Rastplätzen an den
Transitstrecken oder auf Bahnhöfen.
Anfangs heißen sie noch Transitlager, später „Internationaler Basar“,
dann Intershop, erinnert sich der
Historiker Matthias Judt. Rasant
wächst das Netz der Shops. 1977
gibt es 271 Läden. 1989 sind es 470.
Dresden hat acht Shops, Leipzig sieben. Der bekannteste befindet sich
im Hotel Merkur (heute Westin).
Spitzenreiter ist Ost-Berlin mit 20,
gefolgt von Rostock mit zehn Filialen.
Vor allem Ausländer und Bundesbürger sollen ihre Devisen dort ausgeben.
Die Stasi hatte das letzte Wort
Als Chef des ersten Intershops unter dem Dach der HO in Halle darf
sich Schulz seine Mitarbeiter selbst
aussuchen. Bei der von ihm erstellten Liste hat allerdings die Stasi das
letzte Wort. Die meisten der Vorschläge bekommt er durch, sagt der
heute 59-Jährige. Eine Begründung,
warum jemand abgelehnt wird, gibt
es nicht. Ende der
80er-Jahre
stellt
Schulz Mitarbeiter
ein, ohne dass sich
dafür jemand interessiert.
„Heute liest man
häufig, wie sehr
das MfS in die Geschäfte der Intershops hineinregiert
hat. Ehrlich gesagt,
vor Ort haben wir
davon wenig mitbekommen.“ Nur
einmal hat er den
HO-Bezirkschef an
der Strippe. „Ich hatte mich von einem Lieferanten aus Westberlin in
dessen Mercedes nach Hause ins
Stadtzentrum mitnehmen lassen.
Keine Ahnung, wer das beobachtet
hat, aber offensichtlich hatte ich eine
Grenze überschritten.“ Konsequenzen hat das aber nicht.
Es gibt klare Planvorgaben für den
Verkauf in den Intershops. Und die
kommen von einem Mann „mit komischen
Namen“.
Alexander
Schalck-Golodkowski. „Zu Gesicht
bekamen wir den nie. Welche Rolle
der genau spielte, erfuhren wir erst
nach der Wende“, so Schulz. Honeckers Erfüllungsgehilfe beim Devisenbeschaffen leitet den Bereich
Kommerzielle Koordinierung (KoKo)
im Ministerium für Außenhandel.
Historiker Judt beschreibt ihn so:
„Schalck war ein überaus fähiger,
Risiken nicht scheuender Geschäftsmann mit fester Bindung an die
kommunistische Ideologie“, der vor
allem mit legalen und illegalen Methoden Devisen erwirtschaften ließ.
1974 dürfen in den Intershops
erstmals auch DDR-Bürger mit Westgeld einkaufen. Allerdings nicht lange. Schon 1979 kommt ein scharfer
Schnitt: Der Einkauf ist nur noch mit
Forumschecks gestattet – erhältlich
bei der Staatsbank der DDR nach
Eintausch gegen harte Währung. So
kommt der Staat an die benötigten
Devisen, weit bevor sie ihre Besitzer
ausgeben. Nur westlichen Ausländern ist gestattet, weiterhin mit Devisen zu zahlen. „Ob DM, kanadische
Dollar oder Schilling – unsere Mitarbeiter wurden speziell geschult, um
jede gewünschte Währung umzurechnen. Das Restgeld wurde immer
in DM ausgezahlt“, erinnert sich Filial-Chef Schulz. Mit der Einführung
der Forum-Schecks geht der Umsatz
in den Intershops zurück. 1979 beträgt er 774 Millionen Euro. Ein Jahr
zuvor waren es noch 896 Millionen.
Doch ab 1985 werden jährlich jeweils deutlich mehr als eine Milliarde DM umgesetzt. „Die Shops sind
ein wichtiger Posten für die DDRWirtschaft“, sagt Historiker Judt.
Ende der 80er-Jahre betragen die
Auslandsschulden 26,5 Milliarden
Dollar. Dem stehen Guthaben und
Forderungen in Höhe von 15,7 Milliarden Dollar gegenüber. Ein gehöriger Teil dessen erwirtschaftet das
KoKo-Imperium.
kauf und bekommen dafür etwa 700
Ost-Markt, so Schulz. An die Betriebe verkauft werden sie schließlich
für bis zu 1400 Mark der DDR. „Irgendwann bekam die Stasi davon
Wind, die An- und Verkaufsstellen
mussten daraufhin darüber Buch
führen, wer solche Rechner anbot.“
Auch Tiefkühlkost gibt es in den
Schaufenstern des Wohlstands. „Wir
wollten natürlich wissen, wie das
schmeckt.“ Also fällt zufällig eine
kleine Palette beim Abladen vom
LKW. „Nach dem Ausfüllen eines
Vernichtungsprotokolls wird der
Herd erhitzt für China-Suppe und
Sauce bolognese. Schulz zwinkert:
„Naja, wie hätten wir sonst unsere
Kunden richtig beraten können.“
Die Preise in den Intershops tragen
sehr zum Umsatzerfolg bei. Sie liegen leicht unter denen im Westen.
Unter anderem weil die DDR bei Be-
Schulz und seine Mitarbeiter gehören zu den Ostdeutschen, die über
zwei Währungen verfügen. Zehn DM
werden ihnen im Monat mit dem
Lohn ausgezahlt. „Für das Geld habe
ich meinen Kindern Schokolade gekauft. Und ich habe gespart für ein
Radio. Das steht heute noch immer
bei mir im Bad und leistet gute
Dienste.“ Und es gibt sogar noch
eine dritte Währung in den von dem
Hallenser geführten Intershop-Filialen: Pappegeld. „Bei uns fielen Unmengen an Verpackungen an, aber
niemand von der HO wollte das entsorgen. „Auch in der Forum-Zentrale
in Berlin fühlte sich niemand zuständig.“ Als die Berge an Verpackungen
überhand nehmen, sucht Schulz
selbst einen Altpapierhändler auf.
„Der nahm alles mit Kusshand. Das
füllte die Brigade-Kasse.“ Einige
Tausend Mark kommen so im Jahr
zügen von Waren aus der Bundesrepublik keine Mehrwertsteuer zahlen
muss, sie aber in den Läden selbst
einnimmt. Zudem kommen viele der
angebotenen Waren aus der sogenannten Gestattungsproduktion. Unter Schalck-Golodkowski lassen immer mehr westliche Firmen im
Billiglohnland DDR günstig produzieren. Als Gegenleistung stellen sie einen Teil ihrer Waren dem Osten zur
Verfügung: zum Beispiel Zigaretten,
Trumpf-Pralinen, Schiesser-Unterwäsche, Kaffee oder Creme.
zusammen. Geld für Brigadefeiern.
Davon gibt es allerdings nicht viele.
„Schließlich hatten die Intershop-Filialen an 365 Tagen im Jahr geöffnet
zu sein, also auch an den Wochenenden, an Feiertagen, Heiligabend
oder zu Ostern.“
Einkauf nur mit Forumschecks
Zu kaufen gibt es in den Shops alles, was in der DDR entweder schwer,
gar nicht oder nur in mieser Qualität
zu haben ist: Seife, Jeans, Kaffee,
Schokolade, Matchbox-Autos, Schallplatten, Kassettenrecorder, Hochglanz-Zeitschriften. „Größere Geräte
wie Waschmaschinen oder Kühlschränke konnte man im Intershop
bestellen“, sagt Schulz. „Ich erinnere
mich, dass einige Zeit wie verrückt
Taschenrechner gekauft wurden. Die
gab es noch nicht in der DDR und
die Buchhaltungen vieler Firmen
hatten Bedarf.“ Die findigen Käufer
bringen die für etwa 30 DM erworbenen Rechner in den An- und Ver-
Mehr zum Thema
Intershop morgen im
LVZ Sonntag, dem
digitalen Magazin der
Leipziger Volkszeitung.
Ein gehöriger Teil der Produkte wurde also in der DDR hergestellt?
Wann immer möglich, wurden Erzeugnisse der sogenannten Gestattungsproduktion abgesetzt. Zum Beispiel stammten 90 Prozent der in den
Intershops abgesetzten Tabakwaren
aus DDR-Produktion westlicher Markenzigaretten und -zigarren. Weitere
Erzeugnisse wurden vorzugsweise aus
der Bundesrepublik bezogen. Als DDRErzeugnisse erkennbare Produkte
wurden nur anfangs und mit wenig
Erfolg abgesetzt. Es gab aber auch
spezielle Intershop-Marken wie „First
Class“ Kaffee aus Halle sowie sowjetischen Sekt oder polnischen Wodka zu
kaufen.
Musste die Führung der DDR nicht
Gefahr laufen, dass sich die Mehrheit
der Bevölkerung aus Mangel an harter
Währung benachteiligt fühlte und ihren Unmut äußerte?
Und ob. Vielen Ostdeutschen ist sicherlich die Frage von Handwerkern:
„Forum geht‘s denn?“ bekannt, denn
die D-Mark als zweite Währung spielte
nicht nur eine Rolle in den Intershops,
sondern zunehmend auch beim Erwerb knapper Waren oder Dienstleistungen, die eigentlich in DDR-Mark zu
bezahlen waren. Anfang der 1980er
Jahre wurde in einer Studie für das
Zentralkomitee eingeschätzt, dass
knapp die Hälfte der DDR-Bürger legalen Zugang zu Devisen hatte, als Reisekader, meist aber wegen verwandtschaftlicher Beziehungen in den
Westen. Das Ausmaß der Versorgung
mit Devisen oder westlichen Waren
war aber höchst unterschiedlich. Mit
den Delikat- und den Exquisit-Läden
suchte die DDR-Führung nach Möglichkeiten, westliche Erzeugnisse zu
sehr hohen Preisen auch in DDR-Mark
zu verkaufen und dabei im großen Stil
Kaufkraft abzuschöpfen. Ideologisch
war die Zweitwährung eine Katastrophe, belegte sie doch, dass die DDRMark nichts wert war. Aber bekanntlich siegt Ökonomie immer über
Prinzipien.
Wie beurteilen Sie die Rolle von
Alexander Schalck-Golodkowski?
Schalck war ein überaus fähiger, Risiken nicht scheuender Geschäftsmann
mit fester Bindung an die kommunistische Ideologie, der vor allem mit legalen, aber jederzeit auch willentlich
ausgeführten illegalen Methoden Devisen erwirtschaften ließ. Seine Orientierung auf jederzeit im Westen absatzfähige Erzeugnisse wie Rohstoffe, Kraftund Brennstoffe oder die Gestattungsproduktion trug dazu bei, die DDR zu
einer Art verlängerter Werkbank des
Westens zu machen, was einerseits
dem technologischen Niedergang bei
DDR-entwickelten Erzeugnissen entsprach, andererseits den wirtschaftlichen Niedergang der DDR letzten Endes ein Stück weit sogar beförderte.
Interview: Andreas Dunte
Was für eine Sauna-Idee: Schnuppern wie ein Westpaket
Eisenacher Ehepaar bringt einen Duft auf den Markt, der an die Melange aus Kaffee, Schokolade, Seife und Parfüm aus den Intershops erinnern soll
Eisenach. Die Idee kam Jan Weigelt, als
er mit seinen Freunden in der Sauna
schwitzte. „Wir dachten über einen neuen Duft nach. Und wo hat es richtig gut
gerochen? Im Intershop.“ Weigelt spricht
von einer Reizüberflutung auf engstem
Raum in den Intershops. „Das war eine
Melange aus Apfelsinen, Kaffee, Waschpulver, Schokolade und Parfüm – der
Duft des Westens schlechthin. Wir dachten immer: Mensch, im Westen gibt es
nicht nur alles, es riecht auch noch so
unverschämt besser dort.“
Weigelt meint, diesen Duft nach unzähligen Versuchen gefunden zu haben. Er
lässt ihn von einer Firma in Flaschen als
Duschbad und Sauna-Aufguss-Konzentrat abfüllen. „Dummerweise dürfen wir
ihn nicht unter dem Namen Intershop
vermarkten.“ Mit der Idee war schon ein
Online-Händler gescheitert, der Duftkerzen und Raumsprays auf den Markt
bringen wollte. Doch die Jenaer Softwarefirma Intershop AG hat sich die Namensrechte sichern lassen. Sie will nicht,
dass ein Produkt gleichen Namens existiert.
Also überlegten Jan Weigelt und seine
Frau Ev nicht lange. Sie kreierten den
Westpakete-Duft, den man sich nun dank
ihrer Produkte in die Sauna und ins Bad
holen kann.
Riechen wie ein Westpaket – die Resonanz auf den Duft ist recht unterschiedlich, gesteht der unternehmenshungrige
Eisenacher. „Die einen sind begeistert,
Ev und Jan Weigelt aus Eisenach: In der Sauna kam ihnen die Idee vom Westpakete-Duft.
Foto: pd
glauben, dass wir den richtigen Mix gefunden haben. Andere meinen, etwas
ganz anderes im Intershop oder beim
Öffnen der Westpakete vernommen zu
haben.“
Für den Duft hat das Ehepaar beste
Parfümöle aus Frankreich verwendet.
„Ich glaube schon, dass jeder für sich
den Duft Stück für Stück zurückerobern
muss, denn schließlich haben wir alle
heute eine West-Nase, heute riecht es
doch in jeder Kaufhalle, jeder Drogerie
anders als früher.“ Sein Tipp: Nur an der
Flasche zu schnuppern, reicht seiner
Meinung nach nicht. Unter der Dusche
oder in der Sauna sei der Effekt ein ganz
anderer, erst dann verbreite sich dieser
spezielle Duft, von dem es heißt, die In-
tershop-Mitarbeiter hätten ihn mit Hilfe
eines Sprays jeden Morgen in die Verkaufsräume gebracht.
Interessanterweise sind es nicht allein
die Älteren, die die Produkte der Weigelts
kaufen. Gerade das Duschbad kommt bei
den Jüngeren gut an. Eine Goldgrube ist
der Westpakete-Duft aber nicht, gesteht
der gelernte Bankkaufmann und heutige
Makler. Ihm schweben weitere Produkte
– unter anderem eine Bodylotion – vor,
aber vorerst will der 39-Jährige nicht
weiter investieren. Ein anderes Projekt,
der Aufbau eines Ferienparks in Ruhla,
ist ihm wichtiger. Zum Teil, so wirbt
Weigelt, verfügen die Häuser auch über
Saunen. „Ideal, um unsere Düfte zu testen.“
Andreas Dunte
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
77 KB
Tags
1/--Seiten
melden