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Frauenleben – wie im bösen Märchen PIKA baut - Jesuitenmission

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Herbst 2010
INDIEN
Frauenleben – wie
im bösen Märchen
INDONESIEN
PIKA baut Schweizer
Expo-Mobiliar
J es u i t en m ission a k t u e l l
Stabübergabe bei ATMI
Zwei Jahre waren Hery Aqung Kurniawan
und Robertus Didit Ritanto von der technischen Schule ATMI in Indonesien zu
Gast bei uns in der Schweiz. Sie haben in
der Metallschule Winterthur msw mitgearbeitet und verschiedene Praktika im
technischen Bereich absolviert. Bei der
Härterei Bodycote erfuhren Hery und
Didit mehr über Härterei und Wärmebehandlung, bei BSR Solar Technologies eröffnete ihnen Jürgen Kleinwächter die
Ergebnisse der Solarforschung, die für das
ATMI-Projekt auf Sumba eingesetzt werden sollen. Der Firma Tontara halfen die
beiden bei ersten Planungen für eine Produktionskooperation mit ATMI im Bereich
Medizintechnik.
Am 19. August haben Hery und Didit
die Rückreise angetreten, reich an Erfahrungen mit unserer so fremden Kultur.
«Diese jungen Leute schlagen eine Brücke
zwischen der Schweiz und Indonesien»,
freut sich Missionsprokurator Toni Kurmann SJ. «Sie wurden an all ihren Einsatzorten sehr geschätzt. Ich bin überzeugt,
dass sie mit ihren Einblicken und durch
die Entwicklung, die sie in den letzten
zwei Jahren gemacht haben, einen wertvollen Beitrag für ATMI leisten können –
sei es in der Ausbildung, der technischen
Entwicklung oder durch ihre internatio­
nale Vernetzung.»
Der besondere Dank der Jesuitenmis­
sion gilt Franz Fricker, der die Ausbildungs­
kooperation begleitet hat. Sein kulturvermittelndes Geschick hat wesentlich zum
Gelingen beigetragen. Auch den Ausbildungspartnern bei der msw gilt es zu danken für ihr Engagement und ihre Offenheit. Die Kooperation wird fortgeführt
und soll kontinuierlich Mitarbeitenden
von ATMI Gelegenheit geben, hier in der
Schweiz ihr Wissen zu vertiefen.
Ratmono Hari Widyatmoko hat seinen
Zweijahresaufenthalt am 16. August begonnen. Das Foto zeigt ihn mit seinem 17
Monate alten Sohn. Es wird ihm sicher
schwer fallen, die Familie so weit entfernt
zu wissen, aber er freut sich über die aussergewöhnliche Chance, die ATMI ihm mit
dem Aufenthalt in der Schweiz bietet. Wir
wünschen Hery und Didit eine glückliche
Heimkehr und Ratmono einen guten Start
hier bei uns in der Schweiz.
die Zukunft» auf die Notwendigkeit echter
Versöhnung hin. Der Flüchtlingsdienst der
Jesuiten versucht über Bildung Zukunft zu
ermöglichen. Oft bleiben wir ratlos. So wissen wir heute bei Redaktionsschluss noch
nicht, wie den Menschen in Pakistan wirklich geholfen werden kann beim Wiederaufbau nach dieser unfassbaren Flut.
Konkrete Beispiele zukunftsweisende
Hilfe machen Mut! Auch ­Fach­studien bestätigen, wie wichtig das Engagement der
indischen Schwester Daphne ist: In ihrem
Zentrum in Ashankur erfahren Frauen
dank Unterstützung und Selbstorganisation, wessen sie fähig sind und dass sie sich
eine Zukunft aufbauen können. Eine
Einsicht, die sich in der Entwicklungspolitik durchgesetzt hat: Die Situation in
den armen Ländern kann sich nur
verbessern, wenn Frauen gefördert
werden. Je geringer die ­Unterschiede
zwischen Männern und Frauen im Bereich von Bildung und ­Eigentum, desto
weniger Unterernährung, desto weniger Umweltschäden, aber umso mehr
Wirtschaftswachstum. Diese Zukunftsperspektive wollen wir unterstützen.
Editorial
Liebe Freundinnen
und Freunde
unserer Missionare
und unserer
Partner weltweit!
Das Streben nach
­einer lebenswerten
Zukunft ist wohl allen
Menschen gemeinsam. Da unterscheiden sich die kongolesischen Menschen in den Flüchtlingslagern Ruandas nicht von Menschen in
Afghanistan, Indien, Pakistan oder der
Schweiz. Der Weltmis­sionsmonat Oktober weist mit dem Thema «Mit Afrika in
Ihr P. Toni Kurman SJ
Missionsprokurator
2 3
indien
Wie im bösen Märchen
Vom Leben der Frauen im indischen Ashankur
In ländlichen Regionen Indiens leiden viele Frauen
unter Diskriminierung und Unterdrückung. Niemand
hilft ihnen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse
zu erkennen und sich Sorge zu tragen. Niemand
Es hört sich an wie eine Geschichte aus
einem bösen Märchen: Das junge Mädchen mit den traurigen Augen und dem
zu einem Zopf geflochtenen langen
schwarzen Haar war in einen Brunnen geworfen worden. Von ihren künftigen
Schwiegereltern. Denn der Vater des Mädchens war arm und konnte die immer
neuen Mitgift-Forderungen des Ehemanns seiner Tochter nicht mehr erfüllen.
Anders als im Märchen kam kein Prinz, um
sie zu retten. «Gewalt gegen Frauen aufgrund von ­Mitgift-Streitigkeiten ist in unserer Gegend hier sehr verbreitet und
absolut nichts Ungewöhnliches», sagt
Schwester Daphne. «Immer wieder stehen
nachts junge Frauen tropfnass vor unserer
Tür: Sie wurden mit Kerosin überschüttet
und konnten fliehen, bevor ihr Mann oder
dessen Familie sie angezündet haben.»
Zuflucht in Ashankur
Sieben der insgesamt 22 jungen Mädchen
und Frauen, die im Seminarraum von
Diese drei Frauen
­leiten die Selbsthilfegruppe im Dorf
­Ukalgaon. Sie haben
durch Ashankur
­lesen und schreiben
gelernt und geben
heute selbstbewusst
ihr Wissen und ihren
Mut zur Eigenständigkeit an andere
Frauen weiter.
ausser Schwester Daphne. Sie hat Selbsthilfe­
gruppen in den Dörfern gegründet und vermittelt
vor allem eines: Selbstständigkeit und Mut, den
eigenen Weg zu gehen. So sät sie Hoffnung.
­Ashankur aufmerksam dem Vortrag einer
Krankenschwester lauschen und sich eifrig Notizen machen, haben solche und
andere Formen häuslicher Gewalt erlebt.
Sie nehmen jetzt an einem einjährigen
Ausbildungskurs zur Krankenpflegehelferin teil. Acht Monate theoretischen und
vier ­Monate praktischen Unterricht müssen sie absolvieren, dann stehen ihre
Chancen gut, in einem Krankenhaus
der Umgebung einen bezahlten Job zu
bekommen. Während der Ausbildung
­leben sie in Ashankur, und neben dem
fachlichen Unterricht steht auch Persönlichkeitstraining auf dem Programm.
­Ashankur heisst übersetzt «Saat der Hoffnung». Schwester Daphne, eine indische
Sacré-Cœur-Schwester, hat das Zentrum
für Frauen vor acht Jahren in Kooperation
mit den Jesuiten gegründet. Es bietet
ganz unterschiedliche Projekte, ein Element sind Ausbildungskurse. «Ich bin
Christin», erklärt Schwester Daphne einen
der schwierigen Aspekte in den Anfängen
ihrer Arbeit. «Zu Beginn sind mir die Leute
mit Misstrauen begegnet, ob ich sie bekehren möchte.» Neu für die Ordensfrau
war auch die Ausrichtung des Lebens in
Ashankur auf die Landwirtschaft. «Ich
musste mich anstrengen, um mir ­diese
Welt zu eigen zu machen», gesteht sie.
«Die Frauen waren abgeschirmt im Hintergrund. Um überhaupt zu ihnen durchzudringen, habe ich viel Zeit damit verbracht, ein gutes Verhältnis zur ganzen
Familie aufzubauen.» Dieses Vertrauen ist
nötig. Besonders wenn Schwester
Daphne wieder einmal eine ganz neue
Idee umsetzen möchte.
Mut zu Elektronik
«Letztes Jahr haben wir einen Kurs gestartet, in dem junge Frauen lernen, elektronische Geräte wie Handys, Ventilatoren
oder Fernseher zu reparieren. Da so etwas
als Männerdomäne gilt, war es schwierig,
Mädchen für diesen Kurs zu gewinnen.
Unsere Sozialarbeiter haben Familien in
indien
den Dörfern besucht und Eltern davon
überzeugt, ihre Töchter teilnehmen zu
lassen.» Die anfängliche Skepsis war überwunden, als die Eltern und auch die Mädchen selbst merkten, wie schnell sie etwas
lernten und gewinnbringend anwenden
konnten, was sie sich allein nicht zu­
getraut hätten. «So etwas hilft uns, in
den Dörfern Vorurteile gegenüber Frauen
abzubauen und starre Rollenverteilungen
zwischen den Geschlechtern aufzubrechen», erklärt Schwester Daphne. Den
meisten Zulauf haben aber nach wie vor
die eher klassischen Ausbildungskurse zur
Krankenpflegerin, Schneiderin, Kunsthandwerkerin und Kosmetikerin.
Vision und Wirklichkeit
Ashankur ist jedoch kein reines Ausbildungszentrum. Es geht um mehr: Um den
Aufbau einer Gesellschaft, die die soziale,
wirtschaftliche und politische Entwicklung von Frauen fördert und frei ist von
geschlechtsbezogener Diskriminierung
sowie jeglicher Form von Gewalt gegen
Frauen. So lautet die Vision von Ashankur.
Die Realität in der ländlichen Region des
indischen Distriktes Ahmednagar im Bundesstaat Maharshtra sieht jedoch noch
deutlich anders aus. Niemand weiss das
Weil ihr Vater dem
Bräutigam nicht
­genug Mitgift zahlen
konnte, musste
­Rekka Danghe in der
neuen Familie viel
Schweres ertragen.
Als sie es nicht mehr
aushielt, lief sie
­davon und kam zu
Ashankur. Hier wird
sie zur Schneiderin
ausgebildet und
kann sich dadurch
selbst versorgen.
besser als Schwester Daphne. Die ausgebildete Sozialarbeiterin arbeitet seit mehr
als fünfzehn Jahren mit Frauen in ländlichen Regionen, vor allem mit Dalits und
Tribals, den als «Unberührbare» vom Kastenwesen Ausgeschlossenen, sowie den
ebenfalls stark diskriminierten Ureinwohnern Indiens. In beiden Bevölkerungsgruppen trifft gesellschaftlicher Ausschluss und materielle Armut die Frauen
mit besonderer Härte.
Starke Göttinnen
«Unsere traditionelle Religion hat über
Jahrhunderte die Frau als ein Symbol der
Stärke dargestellt. Die hinduistischen Göttinnen Durga und Lakshmi zum Beispiel
stehen für Furchtlosigkeit, Geduld, Schönheit und Wohlstand.» Schwester Daphne
ist überzeugt, dass auch heute in jeder
Frau diese Stärke und Energie steckt.
«Aber Frauen haben oft keine Verfügungsgewalt über ihre eigenen Talente, Ressourcen und Kräfte. Ihre Arbeitskraft und
ihr Einkommen gehören nicht ihr, sondern ihrem Mann oder ihrer Familie. Sie
hat kein Bankkonto, keinen Grundbesitz,
kein Haus. Ihr gehört nichts, und deshalb
ist sie abhängig von anderen. Sie hat es so
sehr internalisiert, dass ihr Überleben von
anderen abhängt, dass sie alles tut, was
von ihr verlangt wird und nichts eigenmächtig entscheidet. Das ist Teil ihrer
Identität und ihres Selbstbildes geworden, das sie oft auch an ihre Töchter weitergibt.» Bis der Erfolg ihrer Arbeit offensichtlich zu Tage trat, musste Schwester
Daphne Geduld beweisen und einfach
dran bleiben. Nach den mühsamen ersten
drei Jahren zeigten sich die Früchte. «Eines
Tages kamen zwei Dorfvorsteher zu mir,
um mich einzuladen, in ihren Dörfern zu
arbeiten. Das wäre am Anfang undenkbar
gewesen. Oder als viele Frauen zur Feier
des Weltfrauentages in unserem Zentrum
von ihren Ehemännern begleitet wurden,
wusste ich, jetzt haben wir einen wichtigen Schritt geschafft. Denn lange waren
die Männer ganz dagegen, dass ihre
Frauen zu unseren Selbsthilfegruppen
kommen.»
Ein Franken verändert ein Dorf
In 20 Dörfern begleitet Ashankur mittlerweile insgesamt 185 Selbsthilfegruppen
für Frauen. Sie sind das Herzstück der
­Arbeit. Die Frauengruppen in Gujarwadi
warten bereits. Strohgedeckte Hütten aus
Lehmziegeln bilden das Dorf mit gut 1000
Einwohnern mitten auf einer verdorrten
4 5
New Delhi
INDIEN
Mumbai
Pune
steppenähnlichen Ebene. Der Boden aus
festgetretenem Sand ist so heiss, dass er
unter den Fusssohlen brennt. Unbarmherzig knallt die Sonne auf Pflanzen, Tiere,
Menschen. Der Distrikt Ahmednagar wird
immer wieder von Dürren heimgesucht,
und systematische Abholzung im vergangenen Jahrhundert hat das Land
­weiter austrocknen lassen. Aber im Dorf
stehen Schatten spendende Bäume, die
Kinder haben glänzende Augen und die
Frauen tragen ihre besten Saris. «Wir haben 11 Frauengruppen im Dorf. In unserer
Gruppe sind wir 15», erzählt eine der
Frauen. «Als Schwester Daphne in unser
Dorf kam, waren viele dagegen, vor allem
die Männer. Aber wir haben trotzdem begonnen, uns jeden Monat zu treffen und
50 Rupien pro Mitglied zu sparen.» Umgerechnet ist das ungfähr ein Franken. Das
hört sich sehr bescheiden an, aber diese
Summe hat das Leben im Dorf verändert.
Jede Frauengruppe hat ein eigenes Konto,
zahlt das Geld regelmässig ein und vergibt für Mitglieder Kleinkredite, mit denen
sie Gemüsegärten, Verkaufsstände für
Hühner oder Kaninchen und andere kleine Einkommen schaffende Massnahmen
aufbauen. So fällt die Saat der Hoffnung
in gute Erde.
Auf der Flucht vor
­ihrem Mann,
der dem Alkohol­
verfallen war,
kam Banu Bhadi
zu Ashankur. Die
Selbsthilfegruppe
unterstützte sie mit
einem Mikrokredit.
Damit konnte sie
­einen Pouletstand
eröffnen. Er bringt
der Familie ein regelmässiges Einkommen. Und sie lebt
­zufrieden mit ihren
vier Kindern.
Ashankur
Keine Heirat unter 18
Was in Geld nicht zu messen ist, ist das
dabei entstehende Selbstvertrauen der
Frauen. «Früher hätten wir uns nie getraut,
allein zu einer Bank oder einer Behörde zu
gehen, um für uns selbst Dinge zu ­regeln»,
erklärt leise, mit gesenktem Blick eine der
Frauen. «Wir wussten nicht, wie man gegenüber fremden Menschen den Mund
aufmacht. Wir konnten nicht lesen und
schreiben, und Schwester Daphne hat
Abendklassen für uns eingerichtet.» Die
Trainingskurse von Ashankur – Alphabetisierung, Ziegen- und Geflü­gelzucht, Gemüseanbau, Kompostieren, ökologische
Landwirtschaft und pflanzliche Heilmittel
– sind für viele Frauen ein Tor zur Welt, haben sie doch sonst ausser zu Hochzeiten
und Familienfesten ihr Dorf nie verlassen
können. In der Gemeinschaft mit anderen
wächst auch politisches Bewusstsein und
das Wissen um eigene Rechte. «Viele Familien sind bei Geldverleihern zu Wucherzinsen verschuldet», berichtet Schwester Daphne. «Oft ist es dann üblich, dass
die Frauen stillschweigend und duldsam
dem Geldverleiher die Zinsen in Form von
sexuellen Diensten abbezahlen.» In Gujarwadi ist so etwas nicht mehr denkbar.
Dort haben die Frauengruppen sogar eine
vom ganzen Dorf getragene Entscheidung herbeigeführt, dass kein Mädchen
unter 18 Jahren verheiratet werden darf.
Bei der Regierung haben sie das Recht
erstritten, endlich gut ausgebildete Lehrer
für die Grundschule zugewiesen zu bekommen, sie haben Jugendgruppen organisiert, Familientoiletten gebaut und
Bäume gepflanzt.
Neue Pionierarbeit
All das ist nicht über Nacht geschehen,
sondern war ein langsamer Prozess. In
den vergangenen acht Jahren hat Schwes­
ter Daphne mit Einfühlungsvermögen
und Ausdauer mehr als 5000 Frauen erreicht. Jetzt ist das Projekt in so soliden
Bahnen, dass sie es in die Hände einer Mitschwester übergeben kann. Auf Schwes­
ter Daphne wartet in einer anderen Re­
gion Indiens neue Pionierarbeit. Denn
auch dort wollen Frauen nicht mehr in
bösen Märchen leben, sondern in selbstbestimmter Wirklichkeit.
Judith Behnen
indien
«Frauen haben ein immenses Potenzial»
Interview mit Sr. Daphne Sequeira
Empowerment von Frauen gilt als
Schlüsselstrategie bei der Armuts­
bekämpfung. Warum?
Grundsätzlich hat eine Frau immenses
­Potenzial und eine Menge praktischen Verstand. Unglücklicherweise wird all das in
Indien durch soziale Strukturen unter­
drückt und die Frau wird glauben gemacht,
sie tauge zu nichts. Entsprechend gering
ist ihre Partizipation an Entwicklungsprozessen. Dabei könnten ihre Intelligenz und
Energie in der Familie und der Gesellschaft
gut und sinnvoll genutzt werden.
Haben Sie Diskriminierung erfahren?
Ja, als ich zu Beginn meiner Arbeit bei Behörden vorgesprochen habe, hat man
mich oft stundenlang draussen sitzen lassen. In einigen Fällen hiess es, ich möge
doch bitte einen Mann schicken, weil sie
dachten, ich würde nicht verstehen, was
sie sagen. Da habe ich die Diskriminierung
am eigenen Leib gespürt.
Sie verlassen jetzt Ashankur. Was sind
Ihre neuen Aufgaben?
Schwester Sophiamma wird mich als
­Direktorin in Ashankur ersetzen und das
Projekt mit einem Team von drei weiteren
Schwestern leiten. Ich werde nach Torpa
ziehen, das liegt im Distrikt Ranchi im
Bundesstaat Jarkhand. In der Gegend
wohnen hauptsächlich Tribals, also die
Ureinwohner Indiens. Es ist eine stark
­bewaldete Region, reich an Ressourcen,
vielen Holzarten und Tieren. Um diese
­Naturschätze wirtschaftlich nutzen zu
können, werden die Tribals systematisch
an den Rand gedrängt, vom Bildungsund Gesundheitswesen ausgeschlossen
und von Händlern ausgebeutet. Nach Jahren der Unterdrückung haben die Tribals
eine schweigsame Natur angenommen
und sind offensichtlich verängstigt. Ich
werde mit Frauen und Kindern arbeiten
und ihnen so helfen, dass sie sich selbst
organisieren, ihre Rechte kennen und ihre
Würde zurückerhalten.
Wie können wir Sie unterstützen?
Wir werden auf jeden Fall Hilfe in Form
von Gebeten und Finanzierung brauchen,
hauptsächlich, um Selbsthilfegruppen für
Frauen in den Dörfern aufzubauen und
Kindern Schulbildung zu ermöglichen.
von ihren Ehemännern oder Familienältes­
ten. Die meisten besitzen nichts, sind wesentlich weniger gebildet und schlechter
geschützt. In Europa bin ich vielen begegnet, die versucht haben, sich in das Leben
unserer Frauen hineinzuversetzen. Diejenigen, die uns in Ashankur besucht und
mit uns Zeit verbracht haben, können die
Situation unserer Frauen gut verstehen.
Sr. Daphne beginnt ein neues Projekt in Torpa.
Sie besuchen regelmässig Ihre Unterstützer in Europa. Inwiefern ist das für
beide Seiten hilfreich?
Durch diese Besuche findet auf beiden
Seiten eine Sensibilisierung statt, worüber
ich mich sehr freue. Ich schildere den
Menschen in Europa unsere Situation und
so erfahren sie etwas über das Leben in
Indien. Meine Besuche sind eine grosse
Hilfe, um für unsere Arbeit finanzielle Unterstützung zu bekommen. Über die Jahre
ist mir bewusst geworden, dass die Spenden, die wir aus Deutschland und der
Schweiz erhalten, hart verdientes Geld der
Leute ist und wir das nicht für selbstverständlich nehmen können.
Sind Frauen in Europa anders als in
Indien? Können wir ihre Situation
überhaupt verstehen?
Ich denke, Gott hat Frauen auf der ganzen
Welt mehr oder weniger die gleichen Fähigkeiten gegeben: sensibel, mitfühlend,
sorgend, geduldig und tolerant zu sein.
Aber mir fällt schon auf, dass Frauen in
Europa unabhängiger und besser informiert sind und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Im Gegensatz dazu sind
unsere indischen Frauen – vor allem in
ländlichen Regionen – in allem abhängig
Wie wichtig sind Glaube und Gemeinschaft im Orden für Ihre Arbeit?
Der Grund, warum ich Ordensschwester
geworden bin und mit Entwicklungsarbeit begonnen habe, ist Jesus. Es fasziniert mich immer wieder, zu lesen, wie
Jesus mit den Leuten und der Gesellschaft
seiner Zeit umgegangen ist und auf sie
geantwortet hat. Er ist die wesentliche
Inspiration für mein Leben. Wenn ich in
meiner Arbeit auf ein Problem stosse,
gehe ich im Geist die verschiedenen Situationen durch, wie Jesus interveniert und
reagiert hätte. Die Reflexion und Meditation dieser Stellen zeigt mir den Weg, wie
ich mit meinen Schwierigkeiten umgehen
kann und gibt mir den Mut, weiterzugehen. Ich fühle immer, dass Gott alles lenkt,
was in meinem Leben passiert. Mein Orden ist ebenfalls ein Ort, aus dem ich viel
Unterstützung und Kraft für meine Arbeit
ziehe. Es ist ein Platz, an dem ich wahre
Begleitung für meine Mission erfahren
habe.
Was sind Ihre Träume für die Frauen
auf der ganzen Welt?
Ich wünsche mir, dass ein Umfeld in unserer Welt geschaffen wird, das Frauen in
Sicherheit und Freiheit ihre Weisheit und
ihr Potenzial nutzen lässt, mit denen uns
Gott gesegnet hat. Wenn Frauen ihre
­Stärke erkennen und beginnen, über ihre
­eigenen Ressourcen selbst zu verfügen,
dann werden sie ihre Identität zurückgewinnen, und die Welt wird eine andere
werden. Auf der anderen Seite stehen
­diejenigen von uns, die mit Bildung und
Erfahrung gesegnet sind, in der Verantwortung, diesen Frauen zu helfen, ihre
Fähigkeiten zu entwickeln und ihre inneren Stärken zu entdecken.
Interview:
Judith Behnen
6 7
Leben ohne Unterdrückung
Unsere Spendenbitte für Schwester Daphne
Immer wieder unterstützen wir als Jesuitenmission gerne Projekte, die
ganz am Anfang stehen und Starthilfe benötigen. Auch darum schlägt
unser Herz für Schwester Daphne. Wir hoffen, dass sie mit unserer
finanziellen Hilfe all ihre Kräfte in den Neuanfang in Tropa stecken kann.
Ashankur auf solidem Grund
Schwester Daphne hat grossartige Arbeit
in Ashankur geleistet. Das Frauenprojekt,
das sie dort einst gegründet hat, steht auf
festem Grund. Schwester Sophiamma
kann es jetzt gut übernehmen und zusammen mit den anderen Schwestern
weiterführen.
Aufbruch nach Tropa
Schwester Daphne dagegen bricht einmal
mehr auf: In Tropa im Bundesstaat Jarkhand beginnt sie ein neues Frauenprojekt
mit Tribals, den ­Ureinwohnern Indiens. Als
erstes möchte sie in 30 Dörfern Frauen
schulen und mit geeignetem Training zur
Selbshilfe befähigen:
In der Aufbauphase sollen wie in Ashankur Selbsthilfegruppen in den Dörfern
gegründet werden. Für eine Gruppe von
40 Frauen kosten die Trainingskurse pro
Dorf 270 Franken.
Schwester Daphne beginnt nicht allein.
Mit unserer Unterstützung würde sie ger-
ne neun Sozialarbeiterinnen anstellen, die
ihr helfen sollen, die Frauengruppen zu
begleiten. Das Monatsgehalt einer Sozialarbeiterin beträgt 100 Franken.
Die Wege in Tropa sind weit und Zeit ist
kostbar. Daher wäre ein Motorrad für
Schwester Daphne und ihre Helferinnen
eine grosse Hilfe, um ­mobil zu sein und
die Dörfer besuchen zu können. Für die
­Anschaffung benötigt sie eine Summe
von 1300 Franken.
Im Vergleich zu anderen Projektanträgen, die ich bekomme, sind die Summen,
um die Schwester Daphne bittet, sehr
­bescheiden. Aber die Wirkung ihrer Arbeit
ist umso grösser. Lassen Sie uns gemeinsam den unterdrückten Frauen im ländlichen Indien helfen.
Herzlichen Dank für
Ihre Spende!
P. Toni Kurmann SJ
Missionsprokurator
Die Taufgabe – einen alten Brauch neu entdecken
Die Es
Jesuitenmission:
Wer sind wir? Was
tun wir?
gibt verschiedene
Wege,
die
in dem der ursprüngliche Sinn der
Menschen, die der JesuitenTaufgabe deutlich wird: Sie ist ne«Ich bin mit dir,
mission am Herzen liegen, zu
ben der praktischen Unterstütich behüte dich,
­unterstützen. Einen wollen wir
zung von Missionsprojekten auch
wohin du
Ihr P. Toni Kurmann SJ,
­Ihnen in
diesem
Heft vorstellen:
Ausdruck Ihrer Segenswünsche
Missionsprokurator
Schweizer
Jesuiten
auch gehst.»
und Ihres Gebetes für junge
Mit
der
Taufe
wird
ein
neugeboreDie Schweizer Jesuitenmission unterstützt weltweit die Arbeit von Jesuiten,
Ordensschwestern und engagierten Laien. Sie fördert rund 200 Hilfsprojekte
Christen und neue Gemeinden.
nes
Baby,
ein
Kind
oder
auch
ein
in mehr als 35 Ländern. Sie leistet Unterstützung in den Bereichen Pastoralarbeit, Katastrophenhilfe, Gesundheit, Menschenrecht, Schulbildung und
Das Faltblatt eignet sich gut zur
Erwachsener
aufgenommen
in
die
Ökologie.
Auslage in der Gemeinde oder
grosse Weltfamilie aller Christen. Mit
Ihrer Taufgabe helfen Sie Gemein­
auch als Möglichkeit, bei der Taufe
Ihres Kindes oder Enkelkindes Ihre
den in Afrika, Asien und Lateiname- Ihre Taufgabe
schenkt Begleitung und Hilfe
rika, Kinder und Erwachsene auf die
Solidarität mit den Armen zu zeiTaufe vorzubereiten und sie auf ihrem Brauch, den Jüngere vielleicht gar nicht gen. Wir schicken Ihnen unser Faltblatt,
Glaubens- und Lebensweg nicht alleine mehr kennen oder für sehr altmodisch hal- auch gerne in grösserer Stückzahl, auf
zu lassen. Die Taufgabe ist ein alter ten. Wir haben ein kleines Faltblatt erstellt, Wunsch kostenlos zu.
Weltweit mit Menschen – das ist der Leitgedanke der Schweizer Jesuitenmission. Seit ihrer Gründung im Jahr 1540 setzt sich die Gesellschaft Jesu
für Glaube und Gerechtigkeit ein. Vielen Dank, dass Sie mit uns einstehen
für die Ärmsten dieser Welt!
Genesis 28,15
Jesuitenmission
Hirschengraben 74 mission@jesuiten.ch
Tel. 044 266 21 30
Franz Xaver Stiftung CH-8001 Zürich
www.jesuitenmission.ch Fax 044 266 21 36
f l üch t l ingsdiens t jrs
«An die Grenzen gehen»
Der Jesuitenflüchtlingsdienst feiert den 30. Geburtstag
1980 hat der damalige Generalobere P. Pedro
Arrupe SJ den Flüchtlingsdienst der Jesuiten JRS
gegründet. Vom heutigen Leben beim JRS berichtet
Peter Balleis SJ, der bis 2006 Missionsprokurator in
Vor 3 Jahren haben Sie die Missionsprokuratur in Nürnberg verlassen,
um in Rom die Stelle des Internationalen JRS-Direktors zu übernehmen.
Was hat Sie in dieser Zeit vor allem
bewegt?
Es sind viele einzelne Begegnungen mit
Menschen auf der Flucht in verschiedenen
Ländern und Kulturen. Doch Leid, Schmerz
und Hoffnung auf ein Leben in Schutz und
Sicherheit sind überall gleich.
Sie sind jemand, der experimentierfreudig neue Wege geht. Wo verwirklichen Sie für den JRS neue Visionen?
Seit den Anfängen ist Schulbildung für
Flüchtlinge ein Hauptschwerpunkt des
JRS. Derzeit sind 284 000 Kinder und Jugendliche in unseren Vorschulen, Grundund Sekundarschulen. Wir bilden vor
allem Lehrer aus. Hier wächst Hoffnung.
Fehlt nur noch die Universität. Genau das
werden wir am 27. September in Flüchtlingslagern in Dzaleka in Malawi und Ka-
Die Toggenburger
Ziege geniesst in
­Burundi einen hervorragenden Ruf –
nicht zuletzt wegen
der Fleischqualität.
Zurückgekehrte
Flüchtlinge erhalten
vom JRS Burundi ein
Ziegenpaar für die
Sicherung ihrer
­Lebensgrundlage.
Die ersten Jungtiere
werden dann an
­andere Familen weitergegeben, damit
möglichst viele von
dieser Form der
­Unterstützung profitieren können.
Nürnberg war und jetzt als Internationaler Direktor
die Gesamtverantwortung für den JRS trägt. Toni
Kurmann SJ konnte sich auf seiner diesjährigen
Afrikareise von der Arbeit des JRS überzeugen.
kuma in Kenya beginnen. In Zusammenarbeit mit Jesuitenuniversitäten in den
USA bietet der JRS per Internet einen
­Studiengang an. Das Projekt weist in die
Zukunft, weil es der Beginn einer virtuellen globalen Jesuitenuniversität ist, die
für arme und marginalisierte Menschen
höhere Bildung von guter Qualität zugänglich macht.
Der Flüchtlingsdienst feiert seinen
30. Geburtstag. Pedro Arrupe wollte
mit der Gründung den vietnamesischen Boatpeople helfen. Um wen
sorgen Sie sich heute?
Die Boatpeople von heute kommen weniger als 1000 km südlich von Rom in Malta,
Lampedusa und an den Küsten Italiens an.
Viele werden vorher schon gestoppt und
zurückgewiesen. Für Europäer sind sie
Eindringlinge, die nur ein besseres Leben
wollen. Für den JRS haben sie ein Recht
auf Asyl, weil sie aus Ländern wie Somalia
und Kongo kommen, wo es keinen Schutz
vor Mord und Vergewaltigungen gibt.
Wenn diese Menschen unter Einsatz ihres
Lebens durch die Wüste wandern, in Libyens Gefängnissen Misshandlungen erdulden, Schlepperorganisationen teures
Geld bezahlen, um auf klapprigen, überfüllten Booten die Überfahrt von Libyen
nach Malta zu riskieren, dann haben sie
für ihre Flucht einen echten Grund. Es ist
eine Schande, wie sich Europa seinen afrikanischen Nachbarn gegenüber verhält.
Europa braucht diese Menschen nicht
eines Tages, sondern heute schon.
Was ist für den JRS ein Flüchtling?
Der JRS hält sich an die Definition der
Kirchlichen Soziallehre, die von de facto
Flüchtlingen spricht. Dieser Begriff ist weiter als die Genfer Konvention von 1951,
die einen Flüchtling als jemanden definiert, der aus rassischen, politischen, religiösen Gründen verfolgt wird und in
einem anderen Land Schutz braucht. Für
die Kirche haben auch Menschen ein
8 9
Recht, aufgenommen zu werden, die in
ihren Ländern auf Grund der wirtschaftlichen oder ökologischen Situation nicht
mehr leben können. Der JRS engagiert
sich stark für Binnenflüchtlinge, also Menschen, die im eigenen Land auf der Flucht
sind. Wir helfen auch, wie im Fall von Haiti, wenn Menschen durch eine Naturkatas­
trophe zur Flucht gezwungen sind.
Was sind momentan für den JRS die
Regionen, in denen am meisten Hilfe
gebraucht wird?
Wir sind nach wie vor sehr besorgt um die
Menschen im Norden von Sri Lanka, die
unter der schweren Repression durch das
Militär leben müssen. Die Zentral­afri­ka­
nische Republik ist zum Eldorado afrikanischer Rebellengruppen geworden. Im
Norden Äthiopiens kommen immer mehr
Flüchtlinge aus Eritrea an. Ich erwähne
bewusst diese drei Länder, weil sie nicht
in den Schlagzeilen sind.
Sie planen im Nahen Osten eine
­stärkere Präsenz. Wo und warum?
Seit zwei Jahren engagiert sich der JRS in
Syrien, Jordanien und der Türkei vor allem
für irakische Flüchtlinge. Diese Gegend
der Welt bis hin nach Afghanistan und
­ akistan hat mehr Flüchtlinge als Afrika.
P
Wir arbeiten dort, weil es unser Mandat
ist, aber auch wegen der interreligiösen
Zusammenarbeit von Muslimen und
Christen. Mit unserer Arbeit stärken wir
die Präsenz der Christen im Nahen Osten,
die immer weniger werden. Die Mehrzahl
der von uns betreuten Flüchtlinge sind
Muslime. Das ist der Auftrag des Evangeliums. Die Muslime oder Christen, die in
unseren Kursen in Aleppo und Amman
sitzen, verstehen das. Die extrem denkenden und vor Hass blinden Fundamentalisten werden es wohl nicht ver­stehen
wollen. Aber sie sind nur eine Minderheit.
Wenn die irakischen Flüchtlinge zurückkehren, werden wir mit ihnen auch in den
Irak gehen.
Wie ist der JRS strukturiert?
Die Zentrale hat eine Öffentlichkeits-, eine
Projekt- und eine Finanzabteilung. Wichtig ist die Personalabteilung, die den Regionen hilft, gute Mitarbeiter zu finden
und auszubilden. Insgesamt haben wir
über 1000 Mitarbeiter und bis zu 3000
Flüchtlinge, die bei uns in den Lagern arbeiten. Der JRS strukturiert sich in 10 Regionen: Nordamerika, Lateinamerika, Europa, Nahost, Südasien, Ostasien, West-,
Ost- und südliches Afrika und das Afrika
der grossen Seen. Die 10 Regionaldirektoren sind verantwortlich für die Projekte,
das Personal und die Finanzierung.
Was unterscheidet den JRS von
­anderen Flüchtlingshilfswerken wie
z.B. dem UNHCR?
Der JRS hat seine Mission mit drei Worten
definiert: begleiten, dienen, verteidigen.
Unsere Aufgabe ist es, Flüchtlinge zu begleiten, ihnen mit guten Diensten zu helfen, aber auch für ihre Rechte einzutreten
und sie zu verteidigen. Der Eckstein ist das
Wort «Begleiten». Darin steckt, was uns
als Jesuitenorden in der Welt der humanitären Organisationen von anderen unterscheidet. Das Begleiten fordert uns heraus, nahe bei den Flüchtlingen zu sein,
sie im täglichen Kontakt von Angesicht zu
Angesicht zu kennen, ihre Freunde zu
sein. Aus dieser Begegnung heraus entfaltet sich dann die Mit-Leidenschaft und der
Dienst. Das ­Begleiten ist auch die tiefe pastorale ­Dimension, die wir für Menschen,
egal welcher Religion, leisten wollen. Den
Flüchtlingen nahe zu sein, war die ursprüngliche Motivation von P. Pedro
Arrupe SJ, als er vor genau 30 Jahren den
JRS ins Leben rief.
Jesuitenflüchtlingsdienst Schweiz in der Sondierungsphase
Eine der Stärken
des JRS ist seine
internationale Verbreitung und vielseitige Vernetzung.
In der Schweiz ist
JRS seit etwa fünf
Jahren durch mich
als Kontaktperson vertreten. In dieser
Funktion konnte ich schon mehrmals
kleine, aber hilfreiche Vermittlungsdienste leisten.
Eine Frau aus dem Kosovo sollte aus
Deutschland in die Schweiz ausgewiesen werden. Vom JRS-Büro in Berlin
wurde ich telefonisch avisiert, die Frau
werde in zwei Tagen am Bahnhof Basel
von den deutschen Behörden an die
Grenze gestellt - man möge sie , die in der
Schweiz niemanden kenne, doch bitte
nicht alleine lassen. Oder ein Mann mit
traumatischen Erfahrungen aus dem Iran
war schon seit einigen Monaten in der
Ausschaffungshaft in Basel. Dann wurde
seine Ausschaffung nach Belgien angeordnet. Sein psychischer Zustand machte
den Frauen vom Solinetz Basel Sorgen.
Wer würde bei seiner Ankunft in Brüssel
um ihn kümmern und ihn seinem kritischen Zustand entsprechend betreuen?
Leute vom JRS-Belgien, die wir kontaktieren konnten, übernahmen den Fall.
Seit 1.1.2008 erhalten so genannte
Ausreisepflichtige (Menschen mit negativem Ayslentscheid oder NEE) nur
noch Nothilfe. Mit ein paar Franken pro
Tag und ohne Recht auf Arbeit, ziehen
inzwischen über 5000 Menschen in der
Schweiz dieses perspektivelose Dasein
dem Elend in ihrer Heimat vor. Ich bin
zurzeit am Sondieren, wie JRS-Schweiz,
zusammen mit anderen Bewegungen
und Organisationen, die Situation dieser Menschen verbessern kann.
Christoph Albrecht SJ
Welche Auswirkungen hat die Arbeit
mit Flüchtlingen auf dein persönliches
Leben und auf deinen Glauben?
Ich bin selbst ein wenig heimatlos geworden. Ich schlafe in mehr als 150 verschiedenen Betten pro Jahr. Der häufige Ortswechsel macht ein regelmässiges Leben
unmöglich. Gebet findet nicht in langen
Meditationen statt, sondern in der Begegnung mit den geschundenen Menschen,
den gekreuzigten Opfern von heute. So
bringe ich die eigene Ohnmacht gegenüber diesem Leiden und Unrecht vor Gott.
Was wünschen Sie sich für die nächs­
ten 30 Jahre des JRS?
Ich wünsche dem JRS und den Jesuiten,
dass der Orden mit diesem Werk seine
Mobilität bewahrt und zu den ­Grenzen
geht, seien es abgelegene und unzugängliche Gegenden, politische, kulturelle und
religiöse Grenzen, oder die unsichtbaren
Grenzen in unseren eigenen Städten, wo
Menschen gezwungenermassen auf der
Flucht sind. Ich sehe den JRS als einen
wichtigen missionarischen Arm der Gesellschaft Jesu.
Interview:
Judith Behnen
links : Im Lager
­ ihembe, für FlüchtG
linge aus dem Kongo,
in der Nähe von
­Byumba, Ruanda,
P. Klaus Väthröder SJ
(Nürnberg), ein Lehrer der Lager-Highschool, P. Hans
Tschiggerl SJ (Wien),
ein weiterer Lehrer
und P. Toni Kurmann
SJ.
rechts :
Schulanlage
Gihembe. Die Klassenzimmer beherbergen Hunderte
von Schülern. In der
Regenzeit fallen die
Lehmhäuser oft in
sich zusammen.
JRS – begleiten, dienen, verteidigen
Die Jesuitenmission Schweiz unterstützt
nach Möglichkeit Projekte des JRS. Wie
wichtig die Arbeit des JRS ist, wird mir
anlässlich von Projektreisen vor Ort immer wieder überdeutlich vor Augen
geführt. In diesem Jahr durfte ich
Flücht­lingslager in Afghanistan, Nepal,
Burundi und Ruanda besuchen. Wo
­immer auf der Welt sich diese Lager befinden, es bleiben dieselben Herausforderungen: Die traumatische Erfahrung
des Vertriebenwerdens muss aufgearbeitet und eine ­lebenswerte Zukunft
vorbereitet werden. Das gilt im Lageralltag genauso wie beim Eintreten für die
Rechte von Flüchtlingen auf der Ebene
des UNHCR.
Wie wichtig das Begleiten von Flüchtlingen ist, hat der Schweizer Jesuit
P. Luc Ruedin SJ während seines Einsatzes in der Republik Zentralafrika
erlebt. Im Chaos der Erfahrung des
­Vertriebenseins stützen persönliche
Gespräche und auch gemeinsame
­religiöse Feiern wie Gottesdienste, die
Menschen in ihrer Alltagsbewältigung.
Eine ganz wesentliche Dimension des
Dienens leistet der JRS weltweit in sehr
vielen Lagern im Bereich der Schulbildung. Gerade hier wird die Kompetenz
des JRS von den anderen Partnerorganisationen sehr geschätzt. In den Lagerschulen setzt der Flüchtlingsdienst
einen Lehrplan um, der tausenden von
Kindern trotz ihrer hoffnungslosen Situation eine Zukunft ermöglicht.
Und das Verteidigen der Rechte der
Flüchtlinge setzt an bei den lokal verantwortlichen Regierungen und wird
auch eingebracht auf der Ebene des
UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge UNHCR in Genf. Der in Genf stationierte P. Michael Gallagher SJ bringt
die Informationen der Landesdirektoren von allen Kontinenten in die UNGremien in Genf ein. Über diesen Kanal
können die Anliegen der Flüchtlinge in
die Entscheidungsfindung des UNHCR
mit einbezogen werden.
Toni Kurmann SJ
10 11
a fgh a nis ta n
Die Drachen steigen wieder
Begegnungen auf einer Reise durch Afghanistan
Die Drachen über Kabul haben die Missionsprokuratoren aus Deutschland und der Schweiz auf ihrer
Reise durch Afghanistan als ein buntes, flatterndes
Hoffnungszeichen gelesen. P. Klaus Väthröder SJ
Nach unserer Landung in Kabul treffen
wir P. Stan Fernandes SJ, den Oberen der
­Jesuiten in Afghanistan. Auf der Fahrt zur
Unterkunft der kleinen Jesuitenkommunität in Kabul halte ich Ausschau nach den
Drachen. Bald schon entdecke ich sie am
blauen Himmel über Kabul. Es ist genau
das Bild, das Khaled Hosseini in seinem
lesenswerten Roman «Der Drachenläufer»
beschreibt: Die Drachen steigen wieder,
seitdem die Taliban aus Kabul vertrieben
wurden. Ich nehme dies als gutes Zeichen
für unseren Besuch in Afghanistan, obwohl neben den Drachen die Armeehubschrauber und der militärische Observierungszeppelin nicht zu über­sehen und zu
überhören sind.
Afghanistan ist mehr
Gegenwärtig verbinden wir in Deutschland mit Afghanistan vor allem Mujaheddin und Taliban, deutsche Truppen in
­Kundus und amerikanische Soldaten
in Kandahar, Selbstmordattentäter und
Drachen steigen
zu lassen, hat eine
lange Tradition in
­Afghanistan und
war während der
Herrschaft der
­Taliban verboten.
aus Nürnberg berichtet über die Eindrücke im Mai
2009. Die Missionsprokur in Zürich unterstützt die
Arbeit der Jesuiten in Afghanistan seit ihren Anfängen 2004. Diese Solidarität soll Mut machen.
Sprengminen, allgegenwärtige Korrup­
tion und den weltweit grössten Drogenanbau. All dies ist Afghanistan. Aber
Afghanistan ist mehr. Es ist auch ein Land
mit einer reichen Kulturgeschichte, mit
Menschen, die versuchen, sich nach langen Jahren der Zerstörung wieder eine
Existenz aufzubauen, mit jungen Frauen
und Männern, die Bildungsangebote mit
Enthusiasmus wahrnehmen, mit Familien,
für die Gastfreundschaft einen hohen
Wert darstellt. Und es ist immer noch
eines der ärmsten Länder der Erde. Deshalb sind die Jesuiten hier.
Abend der einsamen Herzen
Am Tag unserer Ankunft in Kabul gehen
wir zum «Abend der einsamen Herzen».
Drei deutsche Brüder der Christusbruderschaft öffnen ihr Haus. Hier treffen sich
fast wöchentlich die Brüder mit den Kleinen Schwestern Jesu, den Jesuiten und
anderen «einsamen christlichen Seelen»
von Kabul. Regelmässig stösst auch ein
Offizier der deutschen ISAF-Truppen hinzu, dessen gepanzerten Wagen man
schnell hinter der hohen Mauer des
Grundstücks verschwinden lässt. Man feiert gemeinsam die Liturgie, tauscht sich
über die neuesten Ereignisse in Kabul aus,
erzählt von den Kleinigkeiten des afghanischen Alltags und lässt den Tag mit
einem gemeinsamen Abendessen ausklingen.
Seit Jahrzehnten im Land
Bruder Jakob, Bruder Georg und Bruder
Siegbert sind schon fast dreissig Jahre in
Kabul. Sie leiten eine Tagesklinik für Patienten mit Tuberkulose und Epilepsie im
Stadtteil Wazir Akbar Kahn sowie eine
Werkstatt zur praktischen Berufsausbildung. Aber noch länger ist die französische Schwester Chantal im Land – seit
mehr als 50 Jahren lebt sie ununterbrochen in Afghanistan. Sie hat vieles gesehen: in den 1960-er Jahren die Herrschaft
von König Zahir Schah, die im Jahre 1973
a fgh a nis ta n
herbeigeputschte Republik, den Einmarsch der Sowjetarmee 1979 und zehn
Jahre später deren Abzug, den Kampf der
verfeindeten Mujaheddin-Gruppen um
Kabul, 1996 den siegreichen Einzug der
Taliban und ihr Terrorregime, fünf Jahre
später die Vertreibung der Taliban und die
Besetzung Afghanistans durch die internationalen Truppen. Während all dieser
Zeit haben die Schwestern unter den armen und kleinen Leuten von Kabul gelebt.
Neben Chantal aus Frankreich auch die
später hinzugekommenen Schwestern
Catharina aus Japan, Miriam aus der
Schweiz und Sibylle aus Deutschland.
Chantal und Miriam gehen inzwischen aus
Altersgründen nicht mehr arbeiten und
kümmern sich um das Haus. Catharina arbeitet als Krankenschwester und Sybille
betreut psychisch kranke Frauen, um die
sich niemand kümmert. Mit ihrer Präsenz,
mit ihren offenen Augen und Herzen für
die Nöte ihrer Mitmenschen sind die vier
Schwestern ein Zeichen der Liebe und Gegenwart Gottes in einem von Gewalt, Zerstörung und Armut heimgesuchten Land.
Jesuiten sind willkommen
Die Jesuiten sind seit 2004 in Afghanistan
und arbeiten in Kabul, Herat und Bamiyan.
In der Primarschule
von Saddat Township erhalten die
­Kinder eine solide
Schulbildung.
Saddat Township
liegt 35 km ausserhalb von Herat. In
dieser Siedlung für
zurückkehrende
Flüchtlinge leben
­gegenwärtig rund
8o Familien. Später
einmal sollen hier
400 Familien leben.
Die Primarschule in
diesem abgelegenen
Flecken wird von
den Jesuiten in Zusammenarbeit mit
dem JRS geführt.
Sie sind vor allem auf dem Gebiet der Bildung aktiv und dort sehr willkommen. Die
technische Schule, die sie in Herat aufgebaut haben, konnten sie inzwischen an
den Staat übergeben. Einer der Jesuiten
ist Berater im Erziehungsministerium. Die
Scholastiker, also junge Jesuiten in der
ordensinternen Ausbildung, unterrichten
Englisch und andere Fächer an verschiedenen Schulen und Universitäten. Insbesondere der Fortbildung der Lehrer und
Lehrerinnen haben sich die acht in Afghanistan tätigen Jesuiten verschrieben, die
alle aus Indien stammen.
Schmerzliche Erinnerungen
In Herat treffen wir den Scholastiker Linto
Kanichai, der einen zweijährigen praktischen Einsatz in Afghanistan verbracht
hat und in wenigen Wochen nach Indien
zurückkehren wird. «Ich habe hier vor
allem Englisch unterrichtet. Das hat mir
viel Freude gemacht», erzählt er mir. «Ich
habe die Studenten nicht nur im Klassenzimmer getroffen, sondern auch ausserhalb. Dann verändert sich die Beziehung
zu ihnen. Viele von ihnen haben sehr
schmerzliche Erinnerungen. Einmal bat
ich eine junge Frau, einen englischen Text
vorzulesen. Da sie sehr leise sprach, sagte
ich mehrmals: «Sprechen Sie bitte lauter!»
Am Ende war meine Stimme sehr streng.
Daraufhin brach sie in Tränen aus. Die folgenden Wochen kam sie nicht mehr zum
Unterricht. Gemeinsam mit ihrem Bruder
bat ich um ein Treffen. Sie erklärte mir: ‹Als
kleines Mädchen spielte ich mit meinem
Bruder auf der Strasse. Dann kamen diese
bärtigen Männer, zogen mich an den Haaren ins Haus und schrien mich an: ‹Mädchen spielen nicht auf der Strasse!› Lehrer,
sie haben auch diesen Bart und in dem
Moment hatten sie auch diese Stimme.
Danach wurde ich nie wieder laut in der
Klasse.» Ich frage Linto, welche Erfahrungen in Afghanistan für ihn selbst besonders wertvoll waren? «Als Lehrer hat
mich beeindruckt, dass die Schüler immer
aufmerksam sind. Keiner ist faul, träge
oder träumt vor sich hin – so wie ich es
manchmal gemacht habe. Wenn jemand
etwas nicht versteht, verlässt er den
Raum. Als Ordensmann: hier beginnt und
endet alles mit Gott. Inschallah – so Gott
will, ist nicht nur eine Floskel, sondern
eine Haltung. Gott ist in allem!»
Sahars Träume
Am letzten Tag unseres Aufenthaltes treffen wir die 21-jährige Sahar. Einen grossen
12 13
A F G H A N I S TA N
Herat
Kabul
Sr. Catharina und Sr. Chantal
Linto Kanichai SJ mit einem befreundeten
Studenten und P. Stan Fernandes SJ (v.l.n.r.)
Die 21-jährige Sahar hat Zukunftspläne.
Teil ihrer Kindheit hat sie im Iran verbracht,
wohin ihre Eltern erst vor den Kommunisten und später noch einmal vor den
Taliban geflohen sind. Als Sahar elf Jahre
alt war, wurde sie als Afghanin für die fünfte Klasse der iranischen Schule nicht mehr
zugelassen. Sie aber wollte unbedingt lernen. Jeden Tag ging sie zur Schule, jeden
Tag wurde sie nach Hause geschickt. Sie
schrieb einen Brief und schaffte es, ihn
persönlich einem iranischen Regierungsbeamten zu überreichen, der sich dann für
sie einsetzte. Sahar ist willensstark, voller
Energie und Lebensfreude. Sie studiert
jetzt im dritten Jahr Medizin. Die Jesuiten
hat sie über die Englischkurse kennen gelernt, was sie als eine entscheidende Begegnung für ihr Leben bezeichnet. Ich
frage sie nach ihren Plänen. «Ich möchte
ein Krankenhaus in Afghanistan eröffnen.
Unser Gesundheitssystem ist so schlecht,
und besonders die Armen haben keine
Chance auf eine gute Behandlung.» Als
Beste ihres Jahrganges darf sie jetzt zu
einem mehrwöchigen medizinischen Kurs
in die USA reisen. Was hält ihre Familie
­davon? «Meine Freundinnen sind stolz auf
mich. Und ich werde nur einen Mann heiraten, der mit meinen Plänen einverstanden ist.» Und ihre Eltern? «Mein Vater
muss einverstanden sein, wenn ich ins
Ausland gehe.» Und wenn nicht? «Zuerst
bete ich. Dann sage ich meinen Onkeln,
dass sie mit ihm sprechen sollen. Dann
meinen Lehrern. Dann unserem lokalen
Ratsvorsteher. Letztlich würde ich tun, was
er sagt, denn er hat mich grossgezogen.»
Was sind ihre Träume für Afghanistan?
«Dass alle meine Landsleute eine gute
Ausbildung bekommen und in Sicherheit
leben können.» Und ihre Angst? «Dass die
Taliban zurückkommen.» Bevor wir wieder
zum Flughafen fahren, sehe ich, dass
auf dem Dach des gegenüberliegenden
Hauses ein kleiner Junge versucht, seinen
Drachen steigen zu lassen. Der bunte Drache steigt ein paar Meter, dann fällt er
wieder zurück. Die Zukunft dieses Landes
ist offen. Hoffen wir, dass nicht die Vertreter von Gewalt und Fundamentalismus
das Sagen haben, sondern Menschen wie
Sahar die Zukunft von Afghanistan gestalten werden.
Klaus Väthröder SJ
Pionierarbeit in Afghanistan
Im Jahr 2004 ging Bruder Oliver Noël SJ
aus Pune zusammen mit weiteren indischen Jesuiten nach Afghanistan.
Diese Gruppe von Pionieren versuchte
in einem ersten Schritt verstehen zu
lernen, welchen Beitrag die Jesuiten in
der herausfordernden Situation des
Landes leisten können. Nach all den
Jahren erweist sich das Stärken von
lokalen Strukturen im Schul- und Ausbildungsbereich als ein wirksamer und
umsetzbarer Weg. Die indischen Mitbrüder werden gerade wegen ihrer
Erfahrung im Bildungswesen sehr geschätzt und willkommen geheissen.
Während unseres Besuches im April
dieses Jahres hat mich die Bandbreite
ihres Einsatzes beeindruckt. Unterrichtet
wird im Rahmen der universitären Lehrerausbildung in Herat. An technischen
Schulen werden berufsbezogene Kenntnisse im Bereich von Mechanik und Bauwesen vermittelt. Nach der offiziellen Unterrichtszeit geben die Mitbrüder am
Nachmittag in abgelegenen Dorfschulen
wie auch in Lagern für zurückkehrende
Flüchtlinge Englischkurse.
Für die kommende Zeit möchten die
Mitbrüder einen weiteren Akzent setzen
in der Weiterbildung von Lehrern in abge-
legenen Provinzen, welche nicht im
Fokus internationaler Hilfe sind.
Wesentlich sind auch immer wieder
die Sicherheitsfragen, wie die unbegreifliche Ermordung von Ärzten der
International Assistance Mission (IAM)
einmal mehr vor Augen geführt hat. P.
Väthröder von der Jesuitenmission
Nürnberg und ich haben Ende April die
Leiterin der IAM in ihrem Büro in Herat
getroffen. Die medizinische und psychologische Hilfe, die durch ihre
Organisa­tion geleistet wird, würde eigentlich dringend benötigt.
Toni Kurmann SJ
I ndonesien
Von Basel über Indonesien nach Shanghai
PIKA baut die Möbel für den Schweizer Expo-Pavillon
Vor 56 Jahren gründeten die Jesuiten in Indonesien eine
Schreinerschule. Sie funktioniert nach dem Schweizer Modell
der dualen Ausbildung. Ein klassisches EntwicklungshilfeProjekt, unterstützt von der Bundesregierung in Bern.
Heute ist PIKA ein Schulungs- und Wirtschaftsbetrieb, der
als internationaler Geschäftspartner Aufträge übernimmt, unter anderem den Bau der Möbel für den
Schweizer Pavillon auf der Weltausstellung in Shanghai.
Die Form stammt aus Basel, wo die beiden Möbeldesigner Yves
Raschle und Thomas Wüthrich den Auftrag für die Expo ergattert
haben. Produzieren lässt ihr Unternehmen INCHfurniture bei
PIKA. Denn INCH steht nicht nur für das englische Längenmass,
sondern vor allem für die Kooperation zwischen IN = Indonesien und CH = Schweiz, die Basis ist für das Geschäft. Schon
die Gründung von PIKA brachte die beiden Länder zusammen. Eine glückliche Verbindung - damals wie heute.
Ein Schweizer Erfolgsmodell
Die Schreinerschule in Indonesien wurde 1953, dank der Initiative
holländischer Jesuitenmissionare gegründet. Nach den ersten Pionierjahren bekam das Projekt einen entscheidenden neuen Impuls
durch die Entsendung von Bruder Paul Wiederkehr SJ, einem Schreinermeister aus
Basel. Wie sein Mitbruder Johann Casutt SJ für die technische Schule ATMI in Solo
übernahm Wiederkehr das Schweizer Modell der dualen Ausbildung. Da es aber in
indonesischen Unternehmen keine Tradition gab, Lehrlinge anzustellen, machten die
Schweizer aus der Not kurzerhand eine Tugend und eröffneten eigene Produktionsstätten. Diese schufen Arbeitsplätze, gaben den Schülern Gelegenheit, praktische Erfah-
14 15
INDONESIEN
Jakarta
Semarang
rungen in einem richtigen Betrieb zu sammeln
und
machten auch noch Gewinn, der in die
Schule reinves­tiert werden konnte und sie
finanziell absicherte. So war es möglich
die Schulgelder niedrig zu halten und
auch Interessenten aus ärmeren Familien
aufzunehmmen.
«Jetzt ist das Projekt bernreif»
Das war ohne entsprechende Anschubfinanzierung für den Bau von Schul- und
Produktionsräumen und die Anschaffung
der technischen Geräte nicht möglich. Externe Hilfe wurde gebraucht. «Jetzt ist das
Projekt bernreif», schrieb Paul Wiederkehr
1972 an den damaligen Missionsprokurator Felix Plattner SJ. Und Bern sagte zu. So
bekam das Projekt eine solide Grundlage
und einen neuen Namen: Pendidikan Industri Kayu Atas – höhere Holzfachschule
oder eben: PIKA. Anfangs ein fremdes Modell, hat PIKA heute eine ­exzellente Reputation im indonesischen Bildungssystem,
die Absolventen sind gefragte Leute auf
dem Arbeitsmarkt und die Regierung
schätzt die Qualifikation im dualen System. Im Jahr 2000 konnte ­Direktor Paul
Wiederkehr SJ die Leitung einem einheimischen Nachfolger übergeben. Er selbst
Das indo­
nesische Team: (v.li.)
Marketingchef Yos
Wiratno, Gründervater Paul Wiederkehr SJ und der heutige Direktor Ignatius
Aria Dewanto SJ
L I NK S :
Die Auftraggeber, Freunde
und Partner von
INCHfurniture aus
Basel: Thomas Wüthrich und Yves Raschle
R E C H TS:
ist immer noch die Seele im Haus, doch
das Management ist nun ganz in indonesischer Hand und geht so seinen Weg in
die Zukunft.
Vom Entwicklungshilfeprojekt
zum Geschäftspartner
Heute kommen die Gelder aus der
Schweiz nicht mehr aus Hilfstöpfen der
Regierung. Heute gibt es Geschäftsleute,
die PIKA als Kooperationspartner schätzen. So zum Beispiel die Designer von
INCHfurniture. Raschle und Wüthrich haben PIKA während ihres Zivildienstes auf
Java kennen gelernt. Die Begegnung hat
sie zu einer Geschäftsidee inspiriert: stilvolle Designermöbel aus edlem Holz. Mit
offensiver Kommunikation packen sie dabei den Vorurteilsstier bei den Hörnern.
«Ja, wir produzieren in einem Billiglohnland und wir arbeiten mit Teakholz», bekennt Raschle. Das «Wie» macht den Unterschied. Denn INCH beutet nicht einfach
Arbeitskräfte, sondern versteht sich als
echter Partner. Auch in der Rohstofffrage:
Das verwendete Teakholz stammt ausschliesslich aus Plantagen. Und gemeinsam mit Aria Dewanto, dem Direktor von
PIKA, arbeitet INCH an der Zertifizierung
mit dem Öko-Label FSC, das den ganzen
Prozess von der Forstwirtschaft bis zum
Produktionsbetrieb nachvollziehen lässt.
So trägt die Zusammenarbeit vielfältige
Früchte. «Wir machen miteinander Geschäfte, aber wir sind auch Freunde, weil
wir einander achten und unsere Kultur
teilen. Und wir sind Partner, weil wir einander brauchen und gemeinsam vorwärts gehen wollen», sagt Yos Wiratno,
der Ansprechpartner für INCH bei PIKA.
Raschle und Wüthrich verbringen mehrere
Wochen im Jahr in Indonesien. Sie sprechen die Sprache der Leute und begegnen ihnen auf Augenhöhe.
Reif für den Weltmarkt
Die Kooperation mit INCH ist für PIKAChef Dewanto ein wichtiger Schritt in die
Zukunft. «Wir wollen als professionelles
Unternehmen Kunden auf der ganzen
Welt gewinnen», beschreibt er seine Ziele.
Die FSC-Zertifizierung ist eine Vision, mit
der er Kunden gewinnen möchte, aber
auch ein Vorbild für sein Land sein will.
«Damit geben wir ein sprechendes Bespiel für unsere Schüler und machen
deutlich, wie ökologisches Bewusstsein
heute konkret umgesetzt werden kann.»
Andrea Zwicknagl
AZB
8001 Zürich
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3 INDIEN
8 F l üch t l ingsdiens t
Neue Perspek­
30 Jahre Hilfe
tiven für Frauen für Flüchtlinge
11 Afgh a nis ta n
Die Drachen
steigen wieder
Konzerte des Jugendorchesters Weltweite Klänge
Die Jesuitenmission lädt ein: Jugendliche aus Paraguay, Indien, Afrika, China, Deutschland und der
Schweiz musizieren – und aus vielen Tönen entsteht ein Klang rund um die Welt.
Das Magazin der
Jesuitenmission Schweiz
Erscheint viermal im Jahr
Dienstag, 16. November 2010, 19.00 Uhr
Dom St. Niklaus
Domplatz 6, 6800 Feldkirch (AT)
Mittwoch, 17. November 2010, 19.00 Uhr
Jesuitenkirche
Bahnhofstrasse 11a, 6003 Luzern
Donnerstag, 18. November 2010, 19.00 Uhr
Stadtkirche Uznach
Städtchen 25a, 8730 Uznach
Abonnementsverwaltung:
Jesuitenmission, Hirschengraben 74,
8001 Zürich, Telefon 044 266 21 30,
Fax 044 266 21 36
E-Mail: magazin@jesuitenmission.ch
Postcheck: Zürich 80-22076-4
Abonnementspreis: Fr. 8.–
Freitag, 19. November 2010, 20.00 Uhr
Pfarrkirche St. Martin
Schulgasse, 6430 Schwyz
Samstag, 20. November 2010, 19.00 Uhr
Dreifaltigkeitskirche Heiligkreuz
Iddastrasse 31, 9008 St.Gallen
Sonntag, 21. November 2010, 11.00 Uhr
St.Peter und Paul Rotmonten (Gottesdienst)
Waldgutrasse 18 9010 St.Gallen
Redaktion: Andrea Zwicknagl,
Toni Kurmann SJ
Gestaltung, Druck und Versand:
Cavelti AG, Druck und Media,
9201 Gossau SG
Bildnachweis: Titel: Frauenleben
in Indien; 1,3–7: Ashankur; 2:
ATMI; 8,10,12,16: Kurmann; 10,13:
Väthröder; 14,15: INCHfurniture;
15: PIKA, 16: Baumberger
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