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Eine Baustelle wie im Paradies - Home Textverzeichnisse.ch

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So könnten wir Milliarden an Gesundheitskosten und obendrauf ganz viele Schmerzen verhindern:
Eine Baustelle wie im Paradies
Eine Baustelle im Zürcher Stadtteil Schwamendingen zeigt, wie das Leben von Fensterbauern, Schreinern und
Plattenlegern leichter werden kann. Erst 47 Jahre alt - und schon schmerzen Rücken, Knie und Schulter, so wie bei
Fenstermonteur Hans Steiner aus dem Berner Seeland. Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz: Unter den Bauleuten klagt fast
jeder zweite über Rückenschmerzen. Das ergab eine Unia-Umfrage zur Gesundheit der Bauarbeiter. Das
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) errechnete, dass sich die Beschäftigten in der Schweiz 2005 allein aufgrund von
Rückenschmerzen an rund 100 Millionen Arbeitstagen krank meldeten. Das führt zu Produktionsverlusten von mehr als 3
Milliarden Franken jährlich. Hinzu kommen die Kosten für Schmerzlinderung, erzwungene Berufswechsel oder Invalidität.
Dario Mordasini, der Fachsekretär der Unia für Arbeitssicherheit, schätzt, dass die Schweiz dafür im Jahr etwa
9.Milliarden Franken aufbringen muss.
Unnötiges Leid
Vor allem trifft es die gut 50‘000 Beschäftigten des Ausbaugewerbes. Notgedrungen muten sie ihren Körpern immer
wieder zu viel zu, wenn sie ihr Material nach der Anlieferung zu einem Zwischenlager oder gleich zum Montageplatz
schleppen. Zum Beispiel die Fenstermonteure: Über die Hälfte der Zeit haben sie mit dem Verschieben ihrer Bauteile zu
tun. Oder die Plattenleger, die heute immer öfter schwere Natursteine verlegen müssen. Die Kacheln wiegen bis zu 100
Kilo pro Quadratmeter und müssen oft mehrere Etagen hoch geschafft werden. Paul Sponagel, der eine Plattenlegerfirma
mit 30 Angestellten leitet, sagt: „Nur auf einer von zehn Baustellen dürfen wir dazu den Lift benutzen.“ Daniel Furrer vom
Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten spricht deshalb für alle Gewerbler auf dem Bau: Die
Schlepperei verursache „inakzeptabel hohes menschliches Leid, andererseits aber auch inakzeptable Kosten für die
Betriebe und die Volkswirtschaft wegen Ausfallzeiten und frühzeitigem Abwandern aus einem Beruf oder gar Verlust der
Erwerbsfähigkeit“. All das muss nicht sein. Zumindest bei Neubauten oder Totalsanierungen könnten die
Bauunternehmen mit relativ einfachen Mitteln viel Leid und Kosten vermeiden. Durch genauere Planung, durch
vernünftigere Organisation und durch bessere Kommunikation aller am Bau beteiligten Firmen. Dass das funktioniert,
zeigt eine Musterbaustelle im Zürcher Stadtteil Schwamendingen. Sie ist Teil der Präventionskampagne „Projekt Rücken“,
das die Gewerkschaft Unia vor drei Jahren angestossen hat. Und bei dem inzwischen auch neun Arbeitgeberverbände
aus dem Gewerbe, das Seco und die staatliche Unfallversicherung Suva mitmachen. Planung ist alles. Hier auf dem
Brüggliäcker lässt die gewerkschaftsnahe Bahoge, die Bau- und Holzgenossenschaft, zwei dreigeschossige
Mehrfamilienhäuser errichten. Die Bauleiterin und Architektin ist Julia Lang. Sie hat den Auftrag auszuprobieren, wie das
Arbeitsleben der Büezer leichter gemacht werden könnte. Genossenschaftspräsident Franz Cahannes erklärt: „Die
Massnahmen, die es braucht, sind relativ einfach. Doch die Bauherrschaft muss willens sein, dafür zu sorgen.“ Das erste
Haus ist praktisch fertig, im zweiten steht der Innenausbau vor dem Abschluss. Auffällig beim zweiten Bau ist die
asphaltierte Bahn von der Strasse bis zum Fassadenlift und dem Hauseingang. Ein befahrbarer schwarzer Teppich. Auf
andere Besonderheiten muss Bauleiterin Lang den Besucher schon hinweisen. Wer nicht vom Bau ist, wird nämlich
einigermassen überrascht hören, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Zum Beispiel der nach wie vor stehende
Fassadenlift: Auf den meisten Baustellen wird er abgebaut, bevor der Innenausbau beendet ist. Oder das Gerüst mit
Podesten auf jeder Etage. Oder die kleinen Rampen an Schwellen und Treppenstufen innen und aussen. Oder der
ausgekleidete Innenlift. Das Rezept ist klar: Mit einer guten Planung können die Malerinnen und Gipser, Fenstermonteure
und Schreiner, Elektriker, Installateure oder die Plattenleger ihr Material mit Rollis oder Sackkarren einigermassen
problemlos von der Strasse bis an den Montageort transportieren. Hier müssen sie dann nur noch wenig von Hand
schleppen. Architektin Lang verrät einen offenbar heissen Tipp: Damit der Asphaltteppich während der ganzen Bauzeit
genutzt werden kann, darf er erst ausgerollt werden, wenn die Kanalisation verlegt ist.
Wie Weihnachten
Im Brüggliäcker sind alle zufrieden. Plattenlegermeister Sponagel spricht von „fast paradiesischen Verhältnissen“. Und
einer seiner Arbeiter, der seit 23 Jahren Badezimmer und Küchen kachelt, sagt: „So eine Baustelle hatte ich noch nie. Das
ist hier wie Weihnachten.“ Stellt sich die Frage, warum nicht auf allen Baustellen immer Weihnachten ist. Schreinermeister
Furrer und Plattenleger Sponagel erkläre sich das mit der scharfen Konkurrenz im Ausbaugewerbe, mit ständig
zunehmendem Zeitdruck und schrumpfenden Margen. Unternehmer Sponagel sagt: „Wenn ich alle meine Leistungen
berechne würde, bekäme ich keinen Auftrag mehr und müsste meine Firma zumachen.“ Andererseits sieht er die Vorteile
einer so gut organisierten Baustelle. Seine Leute seien weniger erschöpft, besser gelaunt und arbeiteten viel besser. Er
würde es sich deshalb auch etwas kosten lassen, wenn er immer die Lift nutzen könnte. Überhaupt die zusätzliche
Kosten: Sie lägen für den Bauherren im Promillebereich, mein Franz Cahannes von der Baugenossenschaft. Konkret: Bei
eine Bausumme von insgesamt 25 Millionen Franken habe die Genossenschaft einen zusätzlichen Kredit von 50‘000
Franken für die Arbeitserleichterungen bewilligt. Das sind 0,2 Prozent. Dafür steige die Qualität, und man könne pünktlich
mit Mieteinnahmen rechnen. Weil der Zeitplan eingehalten werde. Kurz: Im Brüggliäcker gewinnen nicht nur die Arbeiter,
sondern auch die Chefs. Michael Stötzel.
Work, 5.9.2014.
Personen > Stötzel Michael. Gesundheitsschutz. Baugewerbe. Work, 2014-09-05
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