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Lit.Cologne Wie im siebten Himmel – so dürfen - boersenblatt.net

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Medien  Buch
Paradies
für Leser
Lit.Cologne Wie im siebten Himmel – so dürfen sich
Buchenthusiasten derzeit in Köln fühlen. Das Literaturfestival
läuft noch bis Montag nächster Woche. Eine Stippvisite.
Text:
Sybille Fuhrmann
28  | 
11-2007 börsenblatt
sionell sein Können: Für jede Romanfigur findet Beck einen eigenen Ton, allein durch die Modulation seiner Stimme erzeugt er
Spannung – und verstärkt diese
noch durch die Einblendung von
entsprechend stimmungsvoller,
sprich dramatischer Hintergrundmusik.
Die »Drachenglut«-Lesung ist
mit gut 500 Besuchern die größte
im Rahmen der Lit.Kid.Cologne
und gehörte mit zu den ersten
Veranstaltungen, die schon Anfang Februar ausverkauft waren.
Im siebten Jahr läuft das Literaturfestival praktisch von selbst: Einen Tag vor Veranstaltungsbeginn
steht das Vorverkaufsbarometer
bei 45 500 Karten. Statistik­
gläubige können da leicht zu dem
Schluss kommen, dass die Werbetrommel nicht mehr groß gerührt
werden muss. Und in der Tat
strahlt das pinkfarbene Logo auf
knallblauem Grund in der Stadt
nur von wenigen Leuchtpostern.
Die Veranstaltungsprogramme
aber waren gefragt wie nie.
Mit einem Gesamtetat von einer
Million Euro haben die Veranstalter der Lit.Cologne, Werner Köhler, Rainer Osnowski und Ed-
mund Labonté, in diesem Jahr
kalkuliert. 138 Veranstaltungen
wurden geplant, darunter 55 für
Kinder und ganze Schulklassen.
Allein an diesem ersten Freitag
stehen neun Veranstaltungen zur
Wahl. Die klassische Lesung findet man selten, in der Regel sind
die Veranstaltungen moderiert,
Autoren aus dem Ausland haben
ein »bekanntes Gesicht« an ihrer
Seite. So auch am Abend: Alicia
Bartlett-Gimenez, Crime-Lady
aus Barcelona, trifft auf Andrea
Sawatzki. Die Tatort-Kommissarin Charlotte Sänger schlüpft lesend in die Haut von Inspectora
Petra Delicado, im Roman »Samariter ohne Herz« beruflich und
privat aufs Höchste gefordert.
Zum Titel passt das Ambiente in
der evangelischen Kirche in KölnNippes – einem gotischen Bau,
der wenig Wärme ausstrahlt. An
diesem Abend aber fröstelt niemand: Die Kirchenbänke sind bis
auf den letzten Platz besetzt,
Nachzügler stehen im Mittelgang,
es gibt Brezel und Bier.
Ergänzt werden Veranstaltungen wie diese bei der Lit.Cologne
durch literarische Themen­abende,
in diesem Jahr etwa zur Lüge
© creativ collection, panthermedia; Montage: Nicole Hoehne
F
reitag, 9. März. Über Köln
ist der Himmel grau, um die
Mittagszeit fallen die ersten
Regentropfen, bis zum Abend
wird es sich richtig einregnen.
Eigentlich kein Grund, gut gelaunt
zu sein, geschweige denn, geduldig Schlange zu stehen. Doch genau das passiert. Kurz nach drei
windet sich ein bunt beschirmter
Tausendfüßler vom Anleger des
Literaturschiffs MS Rhein-Energie
an der Frankenwerft in den angrenzenden Buttermarkt hinein.
Erlösung bei Müttern, Vätern,
Kindern, als man schließlich an
Bord gehen darf.
Pünktlich um vier tritt Rufus
Beck auf die Bühne, ausgestattet
mit einem Glas Wasser und einem
Laptop. Beck liest aus dem Fantasy-Roman »Drachenglut« von Jonathan Stroud, eine Geschichte
um keltische Mythologie, Drachen und Menschen, den Konflikt
zwischen Gut und Böse – ein AllAges-Thema, wie sich schnell her­
ausstellt. Denn die großen Besucher lassen sich von der Story und
ihrem Erzähler genauso gefangen
nehmen wie die jungen Zuhörer.
Die Ausnahmeerscheinung unter
den Vorlesern zeigt höchst profes-
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Termin: 9.–19.März
Geplante Veranstaltungen: 138,
davon 55 für
Kinder und
Schulklassen
Veranstaltungsorte: 37
Mitwirkende: ca.
280
Im Vorverkauf
abgesetzte
Karten: 45 500
Festival-Etat:
1 Million Euro
Sponsoren: 13
30  | 
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Eine Frage des Klimas
Klaus Bittner hat damit kein Problem: »Alles, was das Buch voranbringt, ist positiv zu sehen«, sagt
der Buchhändler, der eine Größe
im literarischen Leben der Stadt
ist und zum Beratungsteam der
Lit.Cologne gehört. Ein Festival
dürfe keinen elitären Charakter
haben, sondern müsse einen möglichst breiten Fächer bieten – da­
rin ist er sich mit den Organisatoren einig. Er freut sich, wenn
über die Veranstaltungen diskutiert wird, auch über Schwächen.
»Die Diskussion fließt direkt zu-
© Stefan Worring
© Stefan Worring
Lit.Cologne
in Zahlen:
Große Performance, großer Andrang: Martin Baltscheit (oben) und
Rufus Beck (Mitte) sorgten für glänzende Unterhaltung
rück in die kontinuierliche Arbeit
am Programm.« Dass die Mayersche als Sponsor der Lit.Cologne
auch die Büchertische bei den
Veranstaltungen organisiert, stört
ihn nicht. Er selbst rückt die Bücher zum Festival am Freitag ins
Schaufenster seiner Buchhandlung.
Auch viele andere Sortimente in
der Innenstadt stehen unübersehbar im Zeichen der Lit.Cologne.
Ludwig am Bahnhof bringt sich
als Alternative zur ausverkauften
Abendveranstaltung mit Dschingis Aitmatow und Galsan Tschinag in der Flora ins Gespräch: Am
Nachmittag ist eine Signierstunde
mit dem mongolischen Autor angesetzt. Selbst die Bunt-Buchhandlung in der Breiten Straße,
die ganz auf Modernes Antiqua­
riat spezialisiert ist, nutzt die Lit.
Cologne als Aufhänger, um ältere
Hardcover von Autoren zu präsentieren, die bereits in den
Ramsch gegangen sind. »Die Lit.
Cologne hilft als Event insgesamt«, meint Buchhändler Oliver
Nitschke. Davon ist auch sein Kollege Guido Krey von der theologischen Buchhandlung Kösel am
Dom überzeugt. »Es wird ein allgemein positives Klima für die Literatur und das Buch geschaffen«
– selbst wenn sich das im Tagesgeschäft nicht immer sofort niederschlägt.
In der Lengfeld’schen Buchhandlung sieht man das allerdings
etwas anders. Das Publikum der
Lit.Cologne sei nicht das Publi-
kum seiner Buchhandlung, meint
Inhaber Carsten Sänger. Deshalb
finden sich hier keine Hinweise
auf das Literaturfestival.
Auch wenn man Veranstaltungen mit erklärtem Eventcharakter
kritisch sehen kann – ohne Wirkung bleiben sie nie. Gut zu beobachten ist dies bei einer Veranstaltung unter dem Titel Klasse-Buch.
Sieben Schulklassen haben sich
für die Lesung von »Major Dux«
von und mit Martin Baltscheit angemeldet, 200 Elf- bis Zwölfjährige fläzen sich mittags um 12 in
den Sesseln des Kinos im Museum
Ludwig. Dann kommt Baltscheit
in Begleitung eines Saxofonisten
und eines Kontrabassisten und inszeniert seine Geschichte, in der
es um Liebe, Verbot, Vertrauen,
Revolution und Jazz geht – nicht
gerade der angesagte Musikstil
der Tokio-Hotel-Generation.
Doch nach kurzer Zeit schnippen alle gelassen im Takt. Anschließend wollen einige wissen,
wie man Schriftsteller wird. Auf
Ideen kommt. Wie lange es so
dauert, mit dem Schreiben. Andere fragen schlicht, ob es die Geschichte auch zu kaufen gibt. Boje-Verleger Ulrich Störike-Blume
und Jürgen Horbach, Geschäftsführer der Boje-Mutter Vemag, haben das gern gehört. Der Autor
auch. Sein Buch sei in jeder guten
Buchhandlung zu haben, ruft er
ins Mikrofon. Und stellt sich dann
den Autogrammjägerinnen.
Elf Tage dauert die Lit.Cologne
in diesem Jahr, im nächsten Jahr
werden es wieder zehn sein. Die
Verlängerung hatte rein organisatorische Gründe – das Festival ist,
wie Werner Köhler sagt, »um den
Abschlusstermin in der Kölner
Philharmonie herumgebaut« worden. In Köln aber hat die Zahl 11
einfach einen besonderen Klang:
»Elf Tage« titelt denn auch der
»Kölner Stadt-Anzeiger« am Freitag. Was eben nur eine Erklärung
zulässt. In der Hochburg des Karnevals haben nun, wenn man so
will, die Büchernarren Saison. b
»Lesen ist nichts Gestriges, Lesen hat Zukunft«
© Stefan Worring
und zur Hypochondrie, die
die Veranstalter eigens entwickeln. Und durch Autorenpräsentationen, bei denen Kollegen als
Buchpaten auftreten. Das alles
findet an eingeführten Veranstaltungsorten wie der Kulturkirche
statt, aber auch an Adressen, die
man nun nicht primär mit Literatur in Verbindung bringt – vom
Kraftwerk über das Oberlandesgericht bis zum Autohaus.
In diesem Jahr hat auch das politische Sachbuch Einzug ins Programm gehalten. Der russischen
Journalistin Anna Politkovskaja,
die im Oktober 2006 ermordet
wurde, ist ein Abend gewidmet,
bei dem Ausschnitte aus ihren
Werken, Bilder und Berichte aus
Russland vorgestellt werden. Eine
komplexe Veranstaltung, sagt
Köhler. Die Zeit sei nun reif für
solcherlei Diskussion im Rahmen
des Festivals.
Wahrscheinlich ist es der Mix
aus Anspruch, Unterhaltung und
überraschenden Begegnungen
mit der Literatur, die den besonderen Reiz der Lit.Cologne ausmachen. Trifft das Publikum seine
Auswahl aus dem üppigen Programm, mag das Buch dabei nicht
immer im Vordergrund stehen:
Die Tatsache, an einem ebenso
originellen wie originären Event
teilzuhaben, trägt sicher zur Breitenwirkung bei.
© Stefan Worring
Medien  Buch
Werner Köhler
Buchhändler, Autor und
gemeinsam mit Rainer
Osnowski und Edmund
Labonté Veranstalter der
Lit.Cologne
Elf Veranstaltungstage,
138 Termine: Ist es
sinnvoll, das literarische
Leben in einer Stadt so
zu verdichten?
Köhler: Wir verdichten nichts.
Es gibt nach wie vor eine Vielzahl von Veranstaltungen im
Literaturhaus und in den Kölner Buchhandlungen. Wir wollen keine Konkurrenz sein.
Unser Anliegen war von Anfang an, ein Festival für die Literatur zu schaffen, das Strahlkraft hat und formuliert, wie
attraktiv das Medium Buch ist.
Das muss man in einer heutigen Form zeigen. Die Branche
muss das Image, Lesen sei nur
noch etwas für Hinterwäldler,
schleunigst loswerden.
Bleibt von dieser Strahlkraft etwas über das
Festival hinaus spürbar?
Köhler: Es wäre vermessen zu
sagen, dass sich direkte Rückschlüsse ziehen lassen. Dennoch wünsche ich mir viele
solcher Maßnahmen fürs Buch,
denn wir führen einen Kampf
auch gegen eine in der Branche
verbreitete Haltung. Schon als
ich vor 30 Jahren in den Buchhandel kam, hieß es, das Buch
sei ein totes Medium, werde
abgelöst durch Rundfunk, Fernsehen, Kino, später dann das
Internet. Das Buch wird aber
nicht abgeschafft, es sei denn,
wir, die Buchschaffenden, stimmen selbst auch in diesen Abgesang ein. Unsere Meinung
ist: Lesen ist nichts Gestriges,
Lesen hat Zukunft.
Ein Tisch, ein Stuhl, ein
Glas Wasser, ein Autor:
Solche Lesungen sind bei
der Lit.Cologne die
Ausnahme. Warum?
Köhler: Ein Festival muss etwas Besonderes sein. Wir wollen nicht nur Neuerscheinungen präsentieren, sondern
einen Mehrwert bieten. Bei
uns werden Lesungen moderiert, denn wir wollen einen
Zugang zum Buch schaffen und
den Autor den Menschen näher bringen. Lesen tut man
noch immer am besten allein.
Zudem schaffen wir selbst Neues wie Themenabende: in diesem Jahr beispielsweise zur
Hypochondrie in der Literatur
oder zu Beckett. Die Programme werden hier bei uns
entwickelt, dann machen wir
uns auf die Suche nach Protagonisten, die ein großes Publikum anziehen und die wir für
ein solches hochintellektuelles
Vergnügen begeistern können.
Diese Veranstaltungen werden
übrigens vom WDR mitgeschnitten und anschließend als
Hörbuchreihe Edition Lit.Cologne bei Random House Audio
erscheinen.
Der Versuch, eine
Hör­buchmesse zu
integrieren wurde wieder
aufgegeben, die Lit.Kid.
Cologne hingegen hat
sich etabliert. Wird es
künftig weitere Segmentierungen geben?
Köhler: Die Hörbuchmesse
war nicht primär unsere Idee
und ist vom Tisch. Was die Segmentierung innerhalb der Lit.
Cologne angeht, ist grundsätzlich alles möglich. In diesem
Jahr haben wir das politische
Sachbuch zum ersten Mal aufgenommen; ich könnte mir
vorstellen, dass wir diesen Bereich künftig stärker akzentuieren. Einfach weil wir glauben,
dass man sich, wenn man Öffentlichkeit hat, auch mal wieder politisch äußern sollte. Aber
wir haben kein Strategiepapier
in der Schublade. Unser »Masterplan« ist, ein gutes Festival
zu machen.
Der Kölner Kulturdezernent Georg Quander hat
die Lit.Cologne als
Leuchtturmprojekt
bezeichnet. Lässt sich
die Lit.Cologne für etwas
vereinnahmen, was die
Stadt selbst nicht mehr
leisten kann?
Köhler: Überhaupt nicht. Im
Übrigen halte ich es mit Brecht:
Erst kommt das Fressen, und
dann die Moral; das heißt, es
gibt kein Recht der Kultur, vor
sozialen Fragen gehört zu werden. Wo Geld für Kindergärten
und Schulen fehlt, können wir
nicht die Hand aufhalten. Was
wir uns als Kulturschaffende
von den politischen Stellen
wünschen ist, dass sie eine
Mittlerrolle übernehmen und
uns mit potenziellen Unterstützern zusammenbringen. Das
hat Quander getan. So konnten
wir die Rheinenergie als
Hauptsponsor für drei Jahre gewinnen. Das heißt, nachdem
die Finanzierung zuletzt immer
ein Problem war, sind wir nun
in der komfortablen Situation,
Planungssicherheit zu haben.
Interview: Sybille Fuhrmann
11-2007 börsenblatt 
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Seele and Geist
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