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DIE KREATIVE REVOLUTION Eine Aufforderung zum Streit oder: Wie

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1
DIE KREATIVE REVOLUTION
Eine Aufforderung zum Streit oder: Wie sich die
Kreativwirtschaft
von
der
klassischen
Ökonomie
unterscheiden soll und muss. Und was die Kraft der
Kreativen wirklich ausmacht.
Wolf Lotter/Vortrag (es gilt das gesprochene Wort)
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich danke Ihnen, dass ich heute hier bei Ihnen sein darf.
Ich hoffe, ich kann einen gewissen Heimspielvorteil
ausnutzen, den ich nicht beanspruche, weil ich auch
Österreicher bin, genauer Steirer, aber genau genommen
dann doch wieder Ausländer. Aber sympathisierender
Ausländer.
Ich bin hier in einer Region, die von Fleiß und
unternehmerischem Engagement geprägt ist.
Sie haben in Ihrem wunderschönen Land sämtliche
Experimente und Veränderungen von Gesellschaft und
Wirtschaft erlebt und bewältigt. In Vorarlberg ist die
Transformation kein theoretischer Begriff.
Den Übergang von der Agrarwirtschaft zur Industrie, zu
einem der Zentren der Textilwirtschaft. Die frühe und sehr
intensive Auseinandersetzung mit den Folgen massiver
Industrialisierung in Zeiten globaler Produktion.
Und Sie stehen heute als Land eindeutig für eine neue
Wirtschaft, in der sich führendes Wissen in Produktion,
Ingenieurswesen, Maschinenbau, vor allem aber auch in
2
Design
und
Form,
die
ja
zum
harten
Kern
der
Kreativwirtschaft gehören, ausdrückt.
Man kann an Ihnen gar nicht vorbei, gleich, wo man lebt.
Ich mache jetzt mal ein wenig Schleichwerbung, obwohl
Sie das gar nicht nötig haben. Und wirklich nur Schleich –
denn was ich aufzähle, soll weniger ein Herausheben
einzelner Unternehmen sein als ein respektvoller Hinweis
auf Berühmtheiten, die das Ländle hervorgebracht hat.
Als ich vor kurzem wieder einmal aus Versehen einen
Kleiderschrank
von
einem
schwedischen
Möbelhaus
gekauft habe, gab es beim Aufbauen nur einen, dafür aber
sehr hellen Lichtblick, nämlich die Beschläge, Scharniere
und Auszüge aus Höchst.
Sie werden verstehen, dass ich bei Aufstiegshilfen
besonderen Wert auf die bestmögliche Lösung lege – und
deshalb die technischen Lösungen aus Wolfurt bevorzuge.
Und es ist mir eine klammheimliche Freude, wenn ich in
den besten Kaufhäusern eine Luxuswäschemarke mit Sitz
in Bregenz sehe – und die glänzenden Augen der Damen
und Herren, die diese Marke kaufen.
Das sind Schlaglichter. Einzelne Beispiele. Und weil sie so
viele herausragende Marken haben – kann ich nur, dafür
bitte ich um Entschuldigung, ungerecht sein oder elend
lang. Ich habe mich für Ersteres entschieden – auch, weil
wir heute ja etwas ganz anderes vorhaben miteinander. Bei
aller Harmonie geht es mir schon darum, Widersprüche zu
benennen und sie vielleicht auch dazu zu bringen, über
diese Widersprüche nachzudenken.
3
Denn Industrie und Kreativwirtschaft Seite an Seite, und
das reibungslos, das scheint mir doch ein Widerspruch zu
sein, oder?
Jedenfalls
wird
anderswo
daraus
ein
Widerspruch
gemacht: Denn da, wo es eine starke Industrie gibt, eine
vitale Tradition an Technologie und Ingenieurskunst, die ja
dem Industriekapitalismus zuzurechnen ist, da wächst,
heißt es, im kreativen Bereich kein Gras mehr.
Ich bin schon der Überzeugung, dass es zwischen
Industriekultur und Wissenskultur, also der kreativen
Wirtschaft, einen gewaltigen Unterschied gibt. Wir haben in
der Transformation, die wir alle heute erleben, einen der
größten
Paradigmenwechsel
in
der
Menschheitsgeschichte. Wir müssen alle dringend lernen,
uns zu ent-industrialisieren. Aber das bedeutet, ich bitte
Sie das immer mitzudenken, nicht, dass wir keine
innovative Produktion brauchen, keine Wissens-Industrie.
Die Lager, die sich heute gegenüberstehen, kann man
nicht
einfach
Branchen
oder
ökonomischen
Schaffensprozessen zurechnen. Die Kreative Revolution ist
eben keine, die sich nur im Designbereich abspielt oder im
Internet.
Die Kreative Revolution, die zur Wissensgesellschaft führt
und damit zum Bruch mit der Industriegesellschaft, die
heute noch Politik, Kultur und Wirtschaftsvorstellungen
prägt,
diese
kreative
Revolution
unterscheidet
nur
zwischen zwei Typen von Unternehmen und Menschen:
4
Dem Typus des Bürokraten und Managers auf der einen
Seite und dem des Leaderships, der Denkunternehmer, auf
der anderen.
In fast allen Staaten und Unternehmen haben die
Denkbürokraten eindeutig die Mehrheit, aber es ist letztlich
eine sehr instabile Mehrheit. Das sind die Leute, die nicht
begreifen wollen, dass sich die Welt nicht nur ein wenig
verändert hat, sondern fundamental. Leute, die erhalten
wollen, was sie haben. Es sind Leute, die nicht
unternehmerisch sind, sondern ängstlich, risikoscheu und
konservativ im schlechtesten Wortsinn – ihre Welt ist eine
Konserve, die fade schmeckt und deren Ablaufdatum
längst überschritten ist.
Die Kreative Revolution ist keine Frage der Branche, es ist
auch keine Frage, ob man Produkte oder Dienstleistungen
herstellt und anbietet.
Die Kreative Revolution hängt nicht an Formen, nicht an
Produkten, nicht an abstrakten oder konkreten Gütern. Sie
hängt an der Frage, ob man Wissen als Methode
missversteht oder als dynamischen Prozess. Ob man
glaubt,
dass
Geist
und
Innovationskraft
einfach
reproduzierbar sind – oder doch im Wesentlichen eine sehr
persönliche und eigenständige Angelegenheit.
Die
Kreative
Revolution
hängt
am
wichtigsten
Produktionsmittel und an der wichtigsten Ressource aller
Ressourcen: Dem menschlichen Geist.
5
Schauen Sie: Ein Gehirn braucht zwischen 20 bis 200 Watt
am Tag, je nachdem, wie man es nutzt. Deshalb ist es
natürlich nicht ausreichend, wenn man sagt: Alle sind
kreativ.
Einige
sind
Leuchten,
andere
Energiesparlampen.
Letzteres ist in der Wissensgesellschaft nicht sehr
empfehlenswert.
Wissen ist der zentrale Rohstoff geworden.
Ideen sind die wichtigste Ware.
Wir nennen das Wissensgesellschaft.
Was ist das eigentlich?
Die Wissensgesellschaft ist eine Informationsökonomie, in
der Wert durch Anwendung von Wissen vermehrt wird.
Wertschöpfung wird also nicht mehr vorwiegend, wie im
Industriezeitalter, durch Volumen geschaffen, durch den
Einsatz von Massenproduktion und durch Skalierung.
Das hat zuerst weitreichende Konsequenzen auf manuelle
Arbeit. Die Automation ersetzt die Handarbeit in der alten
Fabrik fast vollständig.
Die zweite Konsequenz ist die, dass überall dort, wo
Wissen
und
Information
die
wichtigste
Wertschöpfungsquelle sind, auch andere Ressourcen und
Rohstoffe benötigt werden als in der Industriegesellschaft.
Es ist relativ logisch, dass dort, wo die Massenproduktion
6
nicht mehr das wichtigste Ziel aller Ökonomie ist, auch eine
Veränderung bei der Bewertung der Ressourcen eintritt.
Ein Kernsatz der Kreativwirtschaft lautet also:
Ideen sind wichtiger als Produkte. Tätigkeiten, bei denen
Wissen als wichtigste und zentrale Ressource zum Einsatz
kommt, generieren eine durchwegs höhere Wertschöpfung.
Wissen, das „Produkt“ der Idee, ist überdies die einzige
Ressource, die sich durch ihre Nutzung nicht verbraucht,
sondern im Gegenteil ihren Mehrwert steigert.
Wo stehen wir hier bereits? Ich will ihnen hier einige
Zahlen und Fakten aus Deutschland zeigen, auch, weil wir
hier ja die führende Industrienation Europas vor uns haben.
Das ist ja das Selbstverständnis der Politik und des
Staates.
Der
reine
Produktionssektor
erwirtschaftet
in
der
„Industrienation“ Deutschland heute gerade noch 20
Prozent der Bruttowertschöpfung. Einige Sektoren, etwa
der Maschinenbau, hatten Auftragsrückgänge nach dem
Krisenjahr 2008 im Bereich von 70, 80 Prozent – wie mir
Verbandsleute glaubhaft versicherten.
Die
Transformation
zur
Kreativwirtschaft,
zur
Wissensgesellschaft hat seit 1995 allein in Deutschland
mehr als eine Million Industriearbeitsplätze gekostet.
Dennoch titeln die Zeitungen jetzt: Die Industrie rettet uns
aus der Krise. Das ist ein Problem. Und zwar nicht, weil die
Industrie schlecht wäre, sondern die Kultur und das
7
Nichtwissen um die Bedeutung der Kreativität darin
schlecht ist. Wir sind falsch gepolt. Das hat fatale Folgen.
Im
Jahr
2008
waren
mehr
als
67
Prozent
aller
sozialversicherten Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor
beschäftigt,
wobei
wissensbasierten
der
Anteil
des
sogenannten
Dienstleistungsbereiches,
also
dem
eigentlichen Kern der Ideenwirtschaft, ständig anwächst.
Entwickler, Kommunikationsleute, Berater, Medienleute,
Software- und Systemprogrammierer, Netzwerkexperten
und Designer, Architekten - alle Leute, die Dinge
verkaufen, die „immateriell“ sind.
Sicher
ist
es
so,
dass
die
neue
Kreativ-,
die
Wissenswirtschaft die alte Produktionswirtschaft nicht
ersetzt. Natürlich nicht.
Denken Sie daran, was vor 200 Jahren, vor der
industriellen Revolution, noch als „normal“ galt. Die
wichtigste Wirtschaftsform war die Landwirtschaft, der
Agrarsektor.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren fast 40
Prozent aller Menschen in Europa in der Landwirtschaft
tätig.
Im Jahr 1900 versorgte ein Landwort sich selbst und
weitere vier Personen mit den Erträgen seiner Arbeit.
Im Jahr 1950 versorgte ein Bauer bereits weitere zehn
Personen.
8
Heute versorgt ein in der Landwirtschaft tätiger Mensch
143 Personen.
Warum ist das so? Weil die Agrarwirtschaft die Methoden
der Industrie übernommen hat und dadurch enorm
leistungsfähig wurde. Automation und Fortschritt prägen
heute das für viele so romantische Bild vom Landwirt.
Genauso romantisch – und weltfremd – ist unsere Haltung
gegenüber der Industrie!
Denn die wird jetzt durch die Kreativitätswirtschaft
revolutioniert, die Wissensgesellschaft, in der Ideen
wichtiger sind als Produkte.
Was ist denn der Grund, weshalb Leute ein neues Auto
kaufen? Kauft man 1,5 Tonnen Stahl mit Motor? Oder kauft
man in Wahrheit nicht eine Idee, ein Design, eine
Vorstellung, ein Statussymbol?
Alles „Sachen“, die im Kopf sind?
Sie kennen ja die gregorianischen Chorgesänge von
Politikern, die in Unternehmen nichts anderes sehen als
ein System von Arbeitsplatzschaffern.
Ein Unternehmen, das keine Arbeitsplätze schafft, ist
schlecht. Aber ich bitte zunächst einmal um diese Einsicht:
Unternehmen sind nicht dazu da, Arbeitsplätze zu
schaffen. Sie sind heute, in der Wissensgesellschaft, keine
paternalistischen Einrichtungen, keine Art Ersatzeltern,
deren Mitarbeiter wie Kinder behandelt werden. Politik will
9
das
–
weil
genau
dieser
Umstand
die
wichtigste
Legitimierung politischen Handelns ist. Einer muss ja
helfen, einer muss ja sagen, wo es lang geht.
Das ist eine alte, vorgestrige Haltung, die nicht mehr passt
in Zeiten selbständigen, innovativen Unternehmertums,
einer Gesellschaft, deren Bürger endlich anfangen, ihre
eigenen Entscheidungen zu treffen.
Hier haben wir auch den Krisenfall der Politik.
Warum aber gibt es immer noch so viele Leute, die den
alten Zeiten nachtrauern? Auch das ist einfach zu erklären.
Transformation, Veränderung, läuft einfach leichter, wenn
es einem nicht so gut geht. Unter Druck verändern sich alle
leichter. Aber das alte Industriesystem mit dem alten
Sozialsystem, das auf ewige Umverteilung ausgerichtet
war und nicht auf innovativen Zuwachs, war lange Jahre
sehr
erfolgreich.
Denken
Sie
an
die
Wirtschaftswunderjahre. Denken sie auch daran, wieviel
uns die Massenproduktion an Wohlstand und Teilhabe
gebracht
hat.
Das
war
einmalig
in
der
Menschheitsgeschichte.
In weniger als 200 Jahren Industriegeschichte haben wir in
der Ersten Welt es durch den Industriekapitalismus
geschafft, eine Welt, die nur aus Mangel und Defiziten
bestand, aus Armut, Krankheit und kurzen Leben, zu
einem nicht idealen, aber doch besseren Platz zu machen.
Das sollte man nicht vergessen. Dass man an diesen
Zeiten hängt und Angst vor Veränderung hat, ist also ganz
normal.
10
Aber: Der Innovationsforscher Erich Staudt hat einmal
gesagt: Nichts ist gefährlicher als die Erfolge von Gestern.
Man kann es auch mit dem italienischen Romancier
Lampedusa sagen: Es muss sich alles ändern, damit alles
so bleiben kann, wie es ist.
Welches Design hat die Kreative Revolution? Diese
Frage ist nicht nebensächlich. Denn wenn es darum geht,
die alte Kultur zu verändern, mehr eigenständig denkende
und
handelnde
Menschen
statt
Arbeitnehmer
und
Angestellte zu produzieren, dann müssen wir uns über das
Design den Kopf zerbrechen.
Das ist schwierig. Denn die Wissensgesellschaft zeichnet
sich
durch
Vielfalt,
nicht
durch
durchgängige
Standardisierung, aus. Und wie sieht Wissen aus? Kann
man Gedanken, Ideen, Innovationen angreifen?
Da haben wir schon das Problem.
Um in der deutschen Sprache auszudrücken, dass wir
etwas Nichtgegenständliches, Nichtmaterielles erkennen
können, in seiner Form, seinem Design, seinem Sinn,
haben wir das Wort „begreifen“.
Wir benutzen dieses Wort nur, wenn wir beschreiben
wollen, dass wir etwas komplexes, Nichtgegenständliches,
etwas, das man nicht sehen und nicht hören, nicht
betasten und nicht erfühlen kann, in seinem Wesen
verstanden haben.
Einen Baum muss man nicht begreifen.
Eine Methode, ein Verfahren muss man begreifen können.
11
Ich glaube, dass so etwas scheinbar simples ein wichtiger
Grund ist, weshalb viele Leute, die nicht gewohnt sind, zu
abstrahieren,
starke
Abneigungen
gegen
die
Wissensgesellschaft hegen.
Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.
Hier setzt eine ganz wichtige Aufgabe für Sie ein, meine
Damen und Herren. Es ist ja nicht so, dass die
Wissensgesellschaft und die Kreative Revolution völlig
abgedrehte Sachen sind.
Wir reden hier ja nicht von Metaphysik.
Aber wir haben eine kulturell bedingte Trennung zwischen
dem Haptischen und dem Geistigen.
Es liegt an Ihnen, dies allen Leuten, ganz gleich, welchen
Zugang die zu Ihren Themen und Produkten haben, immer
wieder klar zu machen: Es gibt nichts Menschliches ohne
Nachdenken. Es gibt eben keinen Gegenstand, keine
Ware, keine Güter, nichts Erkennbares, ohne dass dahinter
ein Gedankenssystem steckt.
Das wichtigste Kapital ist der Kopf. Das, was wir denken.
Das ist wirklich radikal.
Denn machen wir uns über die guten alten Zeiten des
Industriekapitalismus keine Illusionen.
Ich habe ja schon gesagt, dass wir diesem System Erfolge
verdanken. Aber wir haben einen hohen Preis bezahlt.
Nicht
nur
hinsichtlich
des
so
oft
zitierten
Ressourcenverbrauchs und der Umweltzerstörung.
Noch viel wichtiger war ja, dass der Mensch in diesem
System, als Teil der Industriemaschine, selbst zum
12
Ersatzteil
geworden
ist.
Industriewirtschaft
ist
Gleichmacherwirtschaft. Sie funktioniert überhaupt nur,
wenn jeder und jede im Unternehmen ersetzbar sind.
Sie alle wissen, dass es heute verdammt schwer ist,
hochqualifizierte Mitarbeiter zu bekommen und zu halten.
Überall auf der Welt wirbt man um die High Potentials.
Aber was wollen wir da eigentlich?
Wollen wir Leute, die leicht ersetzbar sind? So war das
früher. Da ist ein Baumeister von der Stange gefallen und
wir haben den nächsten Baumeister engagiert. Die
Ausbildung
war
ja
normiert.
Und
die
persönlichen
Eigenschaften, die Talente des Baumeisters – naja, das
war auch wichtig, aber hatte eben keine Priorität. Und
genau das ändert sich. Man kann eigentlich keine
vernünftige Stellenbeschreibung mehr geben, sagen mir
die Human Ressources Manager. Ja warum denn nicht?
Klar kann man sagen: Du musst technisch zeichnen
können,
zwei
Fremdsprachen
sprechen
oder
den
Unterschied zwischen Computer und Spielkonsole kennen.
Aber das ist ja nicht der Punkt.
Was die Wissensunternehmen wirklich brauchen, sind
Leute, die neue Ideen entwickeln. Die neues Wissen ins
Unternehmen bringen. Neue Ressourcen also.
Wie fragt man danach? Sind Sie kreativ? Darf ich mal Ihre
Kreativität messen? Soll man vielleicht einen StandardKreativitätstest entwickeln? Da gibt es sicher Leute, die so
einen Schmarren entwickeln und anbieten. Aber das ist
Riesenblödsinn.
13
Nein, wir müssen damit leben, dass wir nicht wissen, ob
das
Wissen
der
Mitarbeiter
jenseits
der
Ausbildungsstandards zu Innovationen führt. Das ist das
neue, zentrale unternehmerische Risiko.
Was läuft da verkehrt?
Erstens, die Sprache. Ich finde, dass viele in der
Kreativwirtschaft immer noch von der fürchterlichen alten
Betriebswirtschaft
besoffen
sind.
Sie
reden
von
Wissensmangagement und Methoden, von Messbarkeiten
des kreativen Prozesses. Sie tun das, um sich zu
legitimieren.
Man
muss
ja
anderen
Unternehmern
beweisen, dass man kein „Künstler“ ist, sondern ein
richtiger Unternehmer! Man kann dann Cluster-Studien
machen
und
Benchmark-Vergleiche.
Was
dabei
rauskommt, will ich Ihnen gern sagen. Vor einigen Jahren
hat in Deutschland eine Hochschule eine Studie gemacht,
wo denn die kreativsten Regionen sind. Und was ist dabei
rausgekommen? Erlangen.
Waren Sie schon einmal in Erlangen?
Man kann fragen, wie konnte das geschehen? Ganz
einfache Antwort: Man hat in der Studie Lehrer und
Beamte und öffentlich Bedienstete zu den Kreativen
zugeschlagen. Fertig, aus.
Ich will ja nicht sagen, dass die gar nicht kreativ sind – aber
mit solcher Methodik ist man natürlich auf dem Holzweg.
14
Also: Meine Kritik an der „Creative Class“ ist erstens, dass
sie
sich
aus
dem
Giftschrank
der
alten
BWL,
Sozialwissenschaften etc. zu sehr bedient, zu unkritisch mit
dem ganzen Toolzeugs umgeht, das dort die Realität
zurechtbiegen soll. Dazu gehört der Methodenwahn, die
Organisationskrankheit, der bürokratische Reflux, der alles
hochwürgt, was er verschlingt, um es gemächlich zu
verdauen.
Anders
gesagt:
Der
Irrtum,
man
könne
Kreativität managen, lernen, lehren. Oder das alles mit
Wissen machen.
In vielen Programmen zur Hebung der Kreativität und der
Ideen in Unternehmen wird der Fehler gemacht, dass man
mit dem Wissen und dem Know-How seiner Leute so
umgeht wie früher mit deren schierer Arbeitskraft. Man
versucht, ein geschlossenes Bild zu erzeugen, genau
festzulegen, was man sagen darf und was nicht. Viele
Vorschriften von außen, Gesetze und Normen, wirken hier
natürlich auch negativ.
Aber genau das ist keine Lösung: Kreativität bedeutet ja,
eine Lösung zu finden, die genau passt. Der Maßanzug
also.
Aber viele sagen ihren Schneidern, macht, was Ihr für
richtig haltet, seid kreativ – aber bitte genau mit den
Vorgaben, die wir euch geben! Und dann wundern sich
viele, dass dabei nur Stangenware herauskommt!
Man kann Kreativität durch Freiräume fördern, anregen,
aber man kann sie nicht generieren, nicht herstellen. Hier
15
wird sich die Betriebswirtschaft völlig umstellen müssen,
wenn sie Innovation will – und nicht bloß das Festhalten an
alten Lehrmeinungen, die längst überholt sind.
Zweitens: Das Künstlersyndrom. Ich finde es umgekehrt
auch merkwürdig. wenn Kreativunternehmer einen auf
Künstler machen. Ich meine, es gibt sehr sehr gute
Unternehmerkünstler, denken Sie an Christo, der noch nie
öffentliches Geld für seine Projekte nahm oder an Andy
Warhol, dem Kapitalisten unter den Künstlern schlechthin.
Oder Damien Hurst. Es gibt viele.
Ich glaube aber, dass die große Mehrheit der Kreativen
eine eingebaute Anti-Markt-Haltung hat. Künstler und
Kapital ist bei uns in Europa pfui, was geht, ist Künstler und
Staat. Subventionen sind gut, Profite sind schlecht. Sicher,
darüber sind wir hier hinaus, so vulgär sind wir nicht. Aber:
Diese Empfindungsmilieus färben auf die Kultur der
Kreativwirtschaft ab, darauf, wie man denkt und handelt.
Da gibt es zahllose Widersprüche, und ich finde es zutiefst
albern, dass der Urtypus des Unternehmers, der Künstler,
der freie Künstler, so furchtbar gerne auch immer Teil des
Kollektivs sein will. Der Künstler ist Unternehmer. Einen
nichtunternehmerischen
Künstler
gibt
es
nicht.
Staatskünstler gab es nur bei den Nazis und bei Stalin.
Das dritte Problem der Kreativen ist eine absolute
Theorieschwäche.
Alle
haben
schon
einmal
den
Klappentext von Richard Florida gelesen. Schön. Und was
16
noch? Ein paar vielleicht auch den Sampler, den ich vor
zwei Jahren herausgegeben habe. Aber was noch? Was
weiß man über den heute schon wichtigsten Eckpunkt der
Ökonomie? Verdammt wenig. Es gibt wenig Theorie,
niemand fordert das ein. Kreativwirtschaft wird zum
Schlagwort. Man kopiert die alte Betriebswirtschaftslehre.
Man versucht sie irgendwie passend zu machen. Man
übernimmt
unkritisch
Unfug
aus
250
Jahren
Industriekapitalismus: Etwa, dass man hübsch brav sparen
soll und nichts verschwenden – statt großzügig und mit
Verve an der Vielfalt festzuhalten, der eigentlichen
Grundlage aller menschlichen Existenz und natürlich auch
der Kreativwirtschaft!
Und
einige
nennen
die
Kreativwirtschaft
sogar
„Kreativindustrie“ – da platzt mir der Kragen. Es kann eine
Industrie geben, die sich kreativer Problemlösungen
bedient. Aber Kreativität kann nicht industriell hergestellt
werden. Wirklich nicht. Und wenn solche Wortmonster
kursieren, dann zweifle ich manchmal wirklich an der
Menschheit.
Kreativität ist kein Werbespruch. Kreativität ist kein neues,
hippes modisches Ding. Kreativitätswirtschaft ist auch nicht
alte
Kulturwirtschaft,
Kultursubventionswirtschaft.
Kreativitätswirtschaft ist viel mehr: Die Emanzipation von
Produzenten und Konsumenten.
17
Bis heute war Wirtschaft immer ein Ding, bei dem einige
wenige für viele standardisierte Probleme lösten – oder
auch nicht.
Kreativitätswirtschaft heißt, dass wir ökonomisch auf allen
Ebenen handeln und entscheiden, individuelle Lösungen
bieten, die Freiräume sichern und erweitern.
Kreativitätswirtschaft ist ein echter Paradigmenwechsel,
keine lustige Message.
Und, das Allerwichtigste nochmals: Kreativwirtschaft ist
unternehmerisch. Und zwar für Unternehmen im Sinne von
Verbünden
von
Selbständigen,
von
eigenständigen
Menschen, die Wissen jeweils nach ihren Talenten und
Fähigkeiten generieren. Unternehmer-Unternehmen sind
das, was die Kreativwirtschaft auszeichnet, nicht diese
veralteten hierarchischen Schüttkästen, in denen heute
Angestellte
aufbewahrt
„unselbständig
werden
Beschäftigte“
–
die
nennt,
man
auch
ein
sehr
bezeichnender Begriff übrigens.
Darum geht’s in erster Linie: Mehr Selbständigkeit, mehr
Selbstverantwortung.
Wie ist es denn heute?
Ich behaupte: Wir fördern heute vielfach noch die
Kinderarbeit.
Ja.
Wir fördern die Kinderarbeit.
18
Warum?
Wir haben Angestellte, Arbeiter, die genau tun, was ihnen
die Manager sagen, so wie Kinder das tun, was die Eltern
sagen. Wer es nicht tut, wird bestraft. Die einen kriegen
Taschengeld, die anderen ein Gehalt – aber beides ist
streng geregelt, gesetzlich. Da darf es keine großen
Unterschiede geben – Lohngerechtigkeit! Das ist ein
Missbrauchsfall. Wir diskriminieren die Kreativen, die
geistigen Produzenten. Sie werden sehen: Bald wird es
eine Antidiskriminierungs-Kommission in Brüssel oder
sonstwo geben, die kontrolliert, ob die Leute in den
Betrieben alle gleich viel IQ haben – und wenn nicht,
machen wir halt eine Quote. Darüber lachen wir heute –
und morgen nehmen wir es hin.
So wird alles ein lustiger Kindergarten.
Alle paar Jahre darf man wählen gehen. Aber selbständig
leben, arbeiten, selber entscheiden? Das sieht nicht gut
aus.
Es
ist
übrigens
kein
Zufall,
dass
in
der
Industriegesellschaft die ersten Manager aus den Reihen
von Gefängnisdirektoren rekrutiert wurden. Die waren
hochqualifiziert für den Job. Wir gehen mit Mitarbeitern wie
mit Kindern um – und wundern uns, dass sie sich ständig
so verhalten. Sie fordern, sie nörgeln, sie wollen immer
mehr.
Ich finde, wir brauchen Arbeit für Erwachsene. Wir
brauchen Erwachsene, die Unternehmer im Unternehmen
sind. Die Organisation, die Hülle, wird die Aufgabe haben,
19
die guten Ideen der Denkunternehmer, die man früher
Mitarbeiter nannte, zu koordinieren, nicht mehr. Es wird
mehr um Leadership gehen – ich glaube, dass der Begriff
Management zur Mitte dieses Jahrhunderts so antiquiert
klingt wie heute der Amtstitel Herr Hofrat.
Weil
wir
grade
beim
Thema
sind:
Brutale
Unternehmensführung und veraltete Sitten:
Ich werde jetzt ganz brutal, nämlich historisch:
• In der Industriegesellschaft geht es darum, möglichst
viel vom Gleichen herzustellen. Daraus ergeben sich
ökonomisch
betrachtet
die
bereits
erwähnten
Skalierungseffekte. Die Priorität der wirtschaftlichen
Tätigkeit liegt nicht auf Unterscheidbarkeit und möglichst
detaillierter Lösung, sondern auf Preisen. Wettbewerb
wird durch Masse und Quantität definiert.
• In der Wissensgesellschaft hat die Unterscheidbarkeit
des Angebots höchste Priorität. Die kreative Revolution
führt dazu, dass Verbraucher und Kunden möglichst
detailfeine Lösungen wollen, personalisierte Lösungen
für ihre Defizite und Bedürfnisse. Sie wollen nicht eine
Stangenlösung, sondern das Eingehen auf ihre ganz
bestimmten,
unverwechselbaren
Ansprüche.
Der
Wettbewerb wird durch diese Qualität definiert.
• Diese Qualität ist nicht mehr allein durch Normen und
Standards definiert, wie beispielsweise die Erfüllung
einer bestimmten DIN oder ISO Norm. Qualität bedeutet
20
aus Sicht des Kunden, sich in den Lösungen möglichst
wiederzufinden. „Das ist für mich gemacht“.
• Sie erkennen diese Entwicklung überall. Und Sie sehen
spätestens hier auch, dass die Archetypen, die
Grundmuster dieser Ökonomie, nicht mehr in der
klassischen Industrie liegen, sondern vielmehr in
Produktionsebenen wie wir sie aus der Kunst kennen.
Qualität definiert sich dort von jeher im Auge des
Betrachters.
Warum ist das so?
Die Industrie hat Wohlstand geschaffen. Dieser Wohlstand
hat
folgendes
Design:
Massenbedürfnisse
Luxusbedürfnisse
Zuerst
befriedigt.
dran.
Danach
Eine
Stufe
werden
die
kommen
die
höher
ist
die
persönliche Ökonomie. Sie verlangt nach zunehmender
Selbstverwirklichung in dem, was der Markt anbietet. Es
genügt nicht mehr, einfach ein Produkt zu einem niedrigen
Preis anzubieten. Der Wettbewerb verlagert sich auf die
nächsthöhere Qualitätsebene.
Der
amerikanische
Abraham
Maslow
Psychologe
hat
das
in
und
Sozialforscher
seinem
berühmten
Bedürfnispyramiden-Modell vorhergesagt. Ganz oben bei
ihm steht die Selbstverwirklichung.
Wir leben, dank Industrie, in einer Überflussgesellschaft.
Das ist gut so. Das ist kein Grund zur Klage, wie sie einige
Romantiker führen. Nein, Überfluss ist richtig und wichtig.
21
Wir müssen nur lernen, mit ihm umzugehen. Mit der Vielfalt
umzugehen. Denn das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten,
um in der Wissensgesellschaft zu bestehen.
Einer der wichtigsten Übungen in der Kreativwirtschaft wird
es sein, mit Wohlstand richtig umzugehen, und damit mit
Vielfalt. Das heißt: Auswählen lernen, entscheiden lernen,
selbst auf der Ebene des Einkaufens. Genau dort wird sich
der Wettbewerb abspielen – er tut es bereits. Denken Sie
daran, wieviele Menschen schon „bewusst“ einkaufen, d.h.
nach den Hintergründen der Produktion fragen.
Welche Konsequenzen hat das auf den Menschen in der
Wirtschaft selbst, auf den Erzeuger, den Kreativen, den
Verbraucher?
Sehen
Sie:
Sicherheit
Die ersten
und
Soziale
drei
Bedürfnisse
Bedürfnisse)
(Existenz,
haben
wir
einigermaßen entwickelt. Aber bei der Anerkennung und
dem Respekt des Einzelnen haben wir große Defizite. Wir
denken ja in Fabrikskategorien: Jeder ist ersetzbar.
Aber in der Wissensgesellschaft ist niemand mehr wirklich
ersetzbar. Jeder und jede kann was ganz besonders gut.
Das erkennen wir erst sehr langsam. Aber es ist
entscheidend. Denn im Kopf werden die Ideen gemacht.
Das sind ja nichts anderes, diese Ideen, als Lösungen für
Probleme, Antworten auf Fragen. Nur dass die Antworten
eher immer mehr individuell ausfallen.
22
Wir brauchen Services und Ideen, die genau auf die
Bedürfnisse des Kunden passen. Denn, merken Sie sich
den Maslow, wo viel Überfluss ist, wird das Bedürfnis
persönlich. Das ist die wahre Selbstverwirklichung. Jeder
will das, was genau auf ihn passt. Dem müssen wir
entsprechen, dem müssen wir uns annähern. Dazu passt
keine Fabriksvorstellung, schon gar keine industrialisierte
Dienstleistung.
Und das macht sie als Wissensarbeiter so unersetzbar.
Sie wissen genau, was Ihre Kunden wollen.
Sie haben die persönliche Lösung, weil Sie direkt im
Kontakt mit den Leute stehen, die Ihre Probleme mit Ihnen
besprechen. Keine Theorie kann das besser.
Man nennt das Know-How. Die Könner machen das Spiel.
Und
deshalb
sind
Könner
so
unersetzbar.
Einen
Fabrikarbeiter kann ich ersetzen. Jemand, der die richtigen
Lösungen für seine Kunden hat, nicht.
Wo stehen wir heute, was kann ich zusammenfassen?
Schon heute wird das klar: Die meisten High Potentials
wollen nicht mehr in engen Konzernstrukturen arbeiten.
Sie wollen, siehe Maslows vierte und fünfte Ebene,
Respekt, Wertschätzung und ein hohes Maß an Sinn in
ihrer Arbeit – das Wort Sinn steht, glaube ich, für
Selbstverwirklichung.
23
Selbstverwirklichung ist eben nicht egoistisches Alles für
Mich – sondern ein durchaus sozialer Prozess. Ich bin
glücklich, wenn ich etwas tue, was anderen Leuten nützt –
das gibt mir Kraft und Motivation aus innen heraus.
Aber ich komme jetzt auf die politisch soziale Frage zurück.
Da ist die Kreativwirtschaft ja ganz schwach. Da hat sie
ganz schlechte Karten gegen die etablierten Vorurteile.
Siehe IQ-Quote in Betrieben...
Vielfach wird jetzt behauptet, die Wissensgesellschaft
grenze alle Leute aus, die nicht mit Intellekt ihr Geld
verdienen. Was machen wir mit all jenen, die nicht so
schlau sind, dass sie ihr Wissen verkaufen können?
Ist das nicht ungerecht?
Nur solange wir ein System haben, in dem die Fähigkeiten
der Einzelnen klein gehalten werden.
Die
Wissensgesellschaft
braucht
viel
weniger
konfektioniertes Schulwissen als vielmehr die Fähigkeit,
schnell und nach Bedarf, dynamisch, zu lernen. Das ist ja
nichts weiter als die Fähigkeit, auf Überraschungen zu
reagieren.
Die
Wissensgesellschaft
lernt,
mit
Überraschungen umzugehen – und steht nicht mit alten
Lösungsvorschlägen, wie jetzt in der Krise da, um eine
geistige
Abwrackprämie
auszuschütten.
für
überholte
Technologien
24
Und das ist etwas, was man nicht an der Universität lernen
kann. Spontanes Denken hat viel mehr mit dem zu tun,
was die Psychologen „street smart“ nennen als mit
konfektionierten
intellektuellen
Lernprozessen.
Es
ist
deshalb schlicht falsch, wenn man behauptet, in der
Wissensgesellschaft wäre kein Platz für Nichtakademiker.
Es ist kein Platz für Unselbständige. Und das ist gut so.
Selbständigkeit
bedeutet,
dass
nicht
nur
die
bestausgebildeten Berufe, Akademiker und Experten, mehr
Freiräume erhalten, um schöpferische Lösungen zu
entwickeln, sondern dass wir dies auch in allen Berufen,
die zu einer Qualitätswirtschaft gehören, ernst nehmen.
Die erste Studie zur Kreativitätswirtschaft wurde von Fritz
Machlup zu Ende der 1940er Jahre durchgeführt. Er
untersuchte dabei die Möglichkeiten einer Verbesserung
der
Abläufe
in
Krankenschwestern
Krankenhäusern,
mehr
wenn
Selbständigkeit
in
man
ihren
Arbeitsabläufen gibt.
Glauben sie also nicht den Demagogen, die behaupten, die
Wissensgesellschaft wäre ungerecht und eine elitäre
Klassengesellschaft. Diese Leute trauern nur den Zeiten
der alten Industriegesellschaft nach, in der unmündige
Arbeiter durch Ideologien von ganz rechts bis ganz links
vereinnahmt wurden.
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Nichts
ist
demokratischer
als
die
Fähigkeiten
von
Menschen, ihre Ideen nicht zu beschränken. Kreativität und
Freiheit gehören untrennbar zusammen. Und Freiheit heißt
Selbständigkeit und Selbstverantwortung.
Was kostet Kreativität?
Ich will da ehrlich sein: irre viel. Irre viel Arbeit, weil
niemand uns in angenehmen Routinen auffängt. Es gibt
keine leichten Modelle, keinen Rahmen. Kreativität ist
hartes Arbeiten. „The most important thing is work“, so hat
Andy Warhol das gesagt.
Wir müssen mehr können als die Menschen in der
Industriegesellschaft. Denken Sie daran, was wir vorhin
gesagt haben: Es kommt ja was dazu. Wir verlieren die
Agrarproduktion nicht, weil wir eine Industriegesellschaft
aufbauen. Und in der Wissensgesellschaft kommt noch mal
was oben drauf, das nun den Ton angibt, aber das andere,
das, worauf wir bauen, nicht außer Acht lassen kann.
Und welche Alternativen gibt es?
Auch darüber sollten wir auch grundlegend reden:
Unternehmen, die ihren Mitarbeitern künftig nicht einen
hohen unternehmerischen Spielraum lassen,
werden
scheitern. Da bin ich mir ganz sicher. Denn wenn wir
einerseits erkennen, dass Erfolg und Misserfolg von guten
Ideen und Problemlösungen abhängen, was wiederum
26
bedeutet, dass das wichtigste Werkzeug der Kopf des
Mitarbeiters ist, dann können wir den nicht mehr durch
unzähligen Vorschriften und Standards und Normen daran
hindern, zu denken – und damit seine Arbeit zu machen.
Dazu
brauchen
wir
vor
allen
Dingen
eine
neue
Vertrauenskultur. Das wird sehr schwer.
Wir haben aber schlechte Unternehmenskultur gelernt in
der Industriegesellschaft. Jeder war der Konkurrent von
seinem Kollegen, weil ja jeder ersetzbar war. Das ist fatal.
Da muss sich auch die Kultur ändern. Wir müssen lernen,
unser Wissen zu teilen und unser Know-How für andere in
der Organisation zur Verfügung zu stellen. Denn es wird ja
nicht eins zu eins kopiert werden. Es wird nur eine
Anregung sein, ein Anstoß zum Finden eigener Lösungen.
Dazu muss aber auch klar sein: Die Unternehmen haben
als Organisatoren der Wissensarbeiter die Pflicht, dass sie
diejenigen mit Respekt und hoher Anerkennung belohnen,
die bereit sind, ihr Know-How ins ganze Netzwerk
einzuspeisen. Da muss man gleichzeitig sagen: Mehr
Respekt für Kopfarbeiter muss her. Wer aktiv an Lösungen
arbeitet, darf nicht nur gleich behandelt werden mit jenen,
die nur mitschwimmen.
Kopfarbeiter müssen bevorzugt behandelt werden!
Das gilt überall, ganz gleich, auf welcher Hierarchiestufe.
Die, die mit ihren neuen Lösungen Probleme beseitigen,
neue Antworten geben und damit alle voranbringen, dürfen
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nicht länger mit stumpfsinnigen Bezeichnungen wie
„Querdenker“ beleidigt werden. Sie sind keine Quer,
sondern Vordenker. Sie machen vor, was alle machen
sollten!
Ich fordere also Ungleichheit, um Gerechtigkeit zu
erzeugen, und mehr als das: Um Sinn zu stiften und jene,
die bereit sind, nachzudenken und das Produkt dieses
Nachdenkens mit anderen zu teilen, mehr zu schätzen als
die, die bloß verwalten und organisieren.
Ist das alles neu? Nein. Die Wahrheit ist, dass das, was wir
als
Kreative
Revolution
bezeichnen,
als
Wissensgesellschaft, die natürliche Erscheinungsform von
Wirtschaft und Sozialem ist. Es geht um Individuen und
ihre persönlichen, eigenen Bedürfnisse. Es geht um
Lösungen statt um Bürokratien.
Es geht um Märkte, in denen ein Wettbewerb der Ideen
herrscht statt einer unseligen Konkurrenz der Preise und
Mengen.
Es geht um Respekt und Wertschätzung, etwas, was alle
Menschen wollen, und es geht um Selbstverwirklichung
durch seine Arbeit. Früher sagte man: Man ist stolz auf
das, was man tut.
Und immer geht es um Ideen, um das Überschreiten von
Grenzen. Wir erleben heute vielfach eine Diskussion von
Leuten, die mit ihrem Wohlstand nicht umgehen können.
Sie empfehlen den Rückbau, die Reduktion als Mittel
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gegen
zu
hohe
Komplexität.
Das
ist
menschlich
verständlich, aber die dümmste Lösung von allen. Durch
Weglassen wird man nicht besser. Man wird besser
dadurch, dass man bewusst auswählt, sich der Mühe der
Entscheidung
stellt.
Das
ist
der
Kern
der
unternehmerischen Arbeit: Entscheiden und Handeln.
Nicht: Sparen, weglassen, nach rückwärts gehen.
Sie sehen: Es gibt viel, was wir zu diskutieren haben.
Vieles, was wir ändern müssen. Es gibt viel zu tun. Aber
das Jahrhundert ist jung. Und es wird, da bin ich sicher,
besser aufhören, als es begonnen hat. Das, nichts
anderes, ist die Aufgabe der Kreativen. Die Welt besser zu
machen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
(Es gilt das gesprochene Wort)
Brand eins 2007, Ausgabe 7, Wolf Lotter: Das richtige
Maß. (Qualitatives Wachstum)
Brand eins 2007, Ausgabe 5, Wolf Lotter: Die Gestörten.
(Kreativ- und Ideenwirtschaft)
Wolf Lotter et al: „Die kreative Revolution. Was kommt
nach der Industriegesellschaft?“ Murmann, 2009. U.a. mit
Beiträgen von Matthias Horx und Dieter Gorny.
Dieser Beitrag darf ohne schriftliche Genehmigung des
Copyrightinhabers nicht reproduziert werden, auch
nicht auszugsweise. © 2010 Wolf Lotter.
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Seele and Geist
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