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Die Natur ist ebenso intelligent wie der Mensch. Was für - Natürlich

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NATUR Intelligente Umwelt
Die Natur ist ebenso intelligent wie der Mensch.
Was für die Indianer im Regenwald selbstverständlich
ist, findet aber erst langsam Eingang in das Denken
westlicher Forscher. Jeremy Narby, Anthropologe mit
Schweizer Wurzeln, setzt sich für diesen Bewusstseinswandel ein.
Fotos: Bildagentur Waldhäusl
Text: Jeremy Narby
6 Natürlich | 3-2007
Intelligente Umwelt NATUR
ehr als zwei Jahre lang
lebte der Anthropologe
Jeremy Narby im peruanischen Amazonasgebiet
bei verschiedenen Indianerstämmen.
Ursprünglich ging es ihm in seiner
Arbeit darum zu zeigen, dass die
Indianer ihre Umwelt «rational», das
heisst, nach westlichen Gesichtspunkten «sinnvoll» nutzen.
Schon bald wuchs in Narby aber
der Verdacht, dass hier die falschen
M
Massstäbe angelegt werden. Grund:
Für Menschen aus den industrialisierten Ländern ist die Natur in erster Linie eine Nutzfläche – für die
Indianer des Regenwaldes aber eine
gleichberechtigte und vor allem intelligent handelnde Mitwelt.
Konfrontiert mit dieser Erkenntnis begab sich Jeremy Narby auf
Spurensuche. Dabei entdeckte er:
Nicht nur der Mensch, auch die Natur verfügt über eine unabhängige
Intelligenz. Tiere, Pflanzen, Pilze, ja
selbst Bakterien zeigen eine deutliche Neigung, selbstständig Entscheidungen zu treffen und neue Handlungsmuster zu entwickeln.
Exklusiv für «Natürlich» fasst der
Forscher seine Erkenntnisse zusammen und plädiert für eine neue und
ganzheitliche Sicht der Dinge, die die
Vorstellungswelt der Indianer mit
den Resultaten der fortschrittlichen
Naturwissenschaft vereint.
Natürlich | 3-2007 7
NATUR Intelligente Umwelt
«
Die Ashaninca zeigten mir alles, was sie
vom Wald wussten. Der peruanische
Amazonas ist das Gebiet mit der reichsten
Biodiversität der Erde. Es verfügt über
mehr Arten von Blumen, Reptilien, Amphibien, Vögeln, Insekten und Säugetieren
als jede andere Region der Erde von gleicher Grösse. Wer durch diesen Wald geht,
sieht auf den ersten Blick nur ein grosses
Gemisch unzähliger Arten.
Bei genauem Hinsehen aber offenbart
sich sein ganzer Reichtum. Wissenschaftler haben dort mehr Ameisenarten auf
einem einzigen Baum gefunden als in
ganz Grossbritannien, mehr Baumarten
auf einer einzigen Hektare als in ganz
Europa, mehr Vogelarten in einem einzigen Tal als in ganz Nordamerika. Es ist
ein Gebiet, wo sich das Leben von seiner
aktivsten Seite zeigt. Es riecht dort wie in
einem Gewächshaus.
Immer, wenn ich die Möglichkeit
hatte, diese Heilpflanzen selbst zu testen,
tat ich es und konnte bestätigen, dass die
Indianer Recht hatten. Deshalb fragte ich
sie eines Tages, woher sie ihr Wissen über
die Pflanzen hätten. Ihre Antwort war
mysteriös.
Sie sagten: «Unser Wissen über die
Pflanzen stammt von den Pflanzen selbst.
Unsere Schamanen, die Ayahuasqueros
oder Tabaqueros, nehmen Ayahuasca,
eine halluzinogene Mischung, oder essen
Tabakkonzentrat und kommunizieren in
den dadurch hervorgerufenen Visionen
mit der Wesensessenz der jeweiligen
Lebensform. Das ist ihre Informationsquelle. Die Natur ist intelligent und
spricht in Träumen und Visionen zu den
Menschen. Ein Schamane kann sich zum
Beispiel in seinen Visionen in einen Jaguar verwandeln.»
«Die Natur
spricht in den Träumen»
Wenn Welten
aufeinanderprallen
Zu meinem Erstaunen hatten meine Ashaninca-Freunde Namen für fast jede
Pflanze – und sie nutzten nahezu die
Hälfte der bei ihnen vorkommenden
Arten. Sie verwendeten sie zu Nahrungszwecken, als Baumaterial, als Medikamente und Kosmetika. Sie kannten Pflanzen, welche bewirken, dass Wunden
schneller heilen oder chronische Rückenschmerzen verschwinden.
Ich konnte nicht ernst nehmen, was diese
Indianer sagten. Nach wissenschaftlichen
Kriterien durfte es einfach nicht wahr
sein. Die Wissenschaft bezeichnet einen
Menschen als Psychotiker, der glaubt,
seine «Halluzinationen» vermittelten
ihm echte Informationen. So etwas war
nach allen wissenschaftlichen Theorien
eine Unmöglichkeit. Ausserdem widersprach es dem Hauptziel meiner Recher-
chen: zu zeigen, dass diese Indianer den
Wald «rational» nutzen. Aber eines Tages
begleitete ich, nachdem ich mehrere Monate in einem Dorf geforscht hatte, meinen Ashaninca-Guide zu seinem alten
Schamanenlehrer. Dieser Alte musste,
nach seiner faltigen Haut zu schliessen,
mindestens 80 Jahre alt sein. Sein genaues Alter liess sich nicht feststellen, da
er geboren war, als die Ashaninca noch
nicht zählen gelernt hatten. Er sass auf
einer Matte, trug ein traditionelles Gewand aus Baumwolle und leckte Tabakpaste von einem kleinen, in eine Kürbisflasche getauchten Stöckchen.
Humor
auf Kosten des Forschers
Mein Führer stellte mich vor, und der
Alte blickte mich mit funkelnden Augen
an. Er fragte mich, ob ich sein Schwiegervater sei – oft setzen die Ashaninca einfach bestimmte Verwandtschaftsverhältnisse voraus, aber hier handelte es sich
ganz klar um einen Scherz. Ich war ja nur
ungefähr ein Drittel so alt wie er. Ich
spielte mit und sagte: «Ja.» Da lachte er
laut auf und fragte noch einmal: «Konki?
Schwiegervater?» «Ja», erwiderte ich erneut, und er hörte nicht auf zu lachen.
Das machten wir, hin und zurück, an
die 20 Mal. Ich wollte doch wissen, wie
weit es der alte Schamane mit dieser
surrealen Übung treiben würde. Offenbar
fand er das Ganze im Gegensatz zu mir
überaus komisch.
Später am Abend erfuhr ich jedoch
von meinem Guide, dass die Frage, ob
jemand der Schwiegervater von jemandem sei, auch bedeute: «Darf ich mich
deiner Tochter sexuell nähern?» Der
Scherz ging also auf meine Kosten – auch
wenn ich keine Tochter habe!
Fotos: Jeremy Narby
Das Raubtier
im Menschen erwacht
Schliesslich gab mir der Schamane die
Kürbisflasche, ich nahm ein wenig Paste
zwischen die Lippen und setzte mich neben ihn. Ungefähr zehn Minuten später –
ich dachte an nichts Bestimmtes –, befühlte ich meine Zähne mit der Zunge
und hatte den Eindruck, sie seien ungewöhnlich lang und scharf. Ich berührte
mein Gesicht mit der Hand und spürte
so etwas wie Schnurrhaare. Im Mund
Jeremy Narby, geboren 1959, wuchs
in Kanada und in der Schweiz auf. Er
studierte Geschichte an der Universität
von Canterbury, England, und promovierte in Anthropologie an der Stanford University in den USA. Er verbrachte zwei Jahre bei verschiedenen
Indianerstämmen im peruanischen
Amazonasgebiet und setzt sich noch
heute für deren Rechte ein.
Narby lebt heute in der Schweiz, in
Kanada und den USA. Neben «Intelligenz in der Natur» schrieb er auch das
Buch «Die kosmische Schlange» und
ist Mitherausgeber von «Schamanen
einst und jetzt».
Natürlich | 3-2007 9
Auf Spurensuche
schmeckte es nach Blut, und es schmeckte
gut, obwohl ich Vegetarier bin. Langsam
wurde mir klar, dass ich mich in eine
Raubkatze verwandelte. Es war das erste
Mal in meinem Leben, dass mir so etwas
passierte. Nie hätte ich geglaubt, dass dergleichen möglich wäre. Aber der Eindruck war ungemein stark, und das
Ganze fühlte sich vollkommen wirklich
an. Als frisch verwandelter Jaguar betrachtete ich einige Hühner vor mir, beschloss aber, Milde walten zu lassen und
sie diesmal nicht zu fressen.
Der Eindruck, eine Raubkatze zu sein,
war so stark, dass er bis heute nachwirkt.
Doch in meiner Doktorarbeit habe ich
nichts darüber geschrieben. Ich wusste
jahrelang nicht, was ich damit anfangen
sollte – es kann nämlich sehr lange dauern, bis man das Wesen des indigenen
Wissens versteht.
Sicht der Wissenschaft –
und der Indianer
Im Amazonasbecken glauben die Menschen, auch Pflanzen und Tiere handelten
vorsätzlich und planvoll, und Schamanen
kommunizieren in Träumen und Visionen
mit Pflanzen und Tieren. Die westliche
Wissenschaft hingegen hat die Tendenz,
der Natur planvolles und vorsätzliches
Handeln abzusprechen und Lebewesen als
«Automaten» zu betrachten.
Seit zwei Jahrzehnten suchte ich eine
gemeinsame Grundlage für Wissenschaft
und indigenes Wissen. In den letzten
Jahren fand ich mehr und mehr wissenschaftliche Beweise dafür, dass die ganze
Natur voller Intelligenz ist. Heute zeigen
Biologen, dass einzelliger Schleim sich
in Labyrinthen zurechtfindet, gehirnlose
10 Natürlich | 3-2007
Pflanzen richtige Entscheidungen treffen
und Bienen, die stecknadelkopfgrosse
Gehirne besitzen, mit abstrakten Begriffen umgehen können.
Der Mensch wird
vom Sockel gestossen
Der Philosoph John Locke erklärte zwar
im 17. Jahrhundert: «Tiere abstrahieren
nicht.» Doch in Wirklichkeit abstrahieren Tiere. Die reduktionistische Wissenschaft hat das in jüngster Zeit nachgewiesen. Und Wissenschaftler haben entdeckt, dass Ameisen mit Hilfe von
Antibiotika Pilze züchten, Delfine sich im
Spiegel erkennen und Papageien sagen
können, was sie denken. Das alte wissenschaftliche Dogma, wonach Tiere und
Pflanzen blosse Objekte ohne Absichten
und Ziele seien, entspricht neuen Erkenntnissen nicht mehr. Heute gibt es
klare Indizien für Intelligenz auf allen
Ebenen der Natur – was die schamanische Auffassung bestätigt.
Auch westliche Beobachter sehen
jetzt, dass der Mensch in mancher Hinsicht fast identisch mit vielen Tieren ist,
zum Beispiel in Bezug auf Augen, Gehirn
und Gene. Es stellt sich heraus, dass viele
Verhaltensweisen, die früher allein dem
Menschen zugeschrieben wurden, auch
bei bestimmten Tierarten vorkommen.
Der Bereich, den wir als spezifisch
menschlich ansehen können, schrumpft
immer mehr. Es gibt einen «unheimlichen Wissenszuwachs» in dieser Hinsicht, wie der Chefredaktor der Zeitschrift «Science» im Jahr 2002 formulierte. «Unheimlich» deshalb, weil der
Wissenszuwachs uns Menschen von unserem angemassten Sockel herunterholt.
Vor sechs Jahren begann ich, «Intelligenz
in der Natur» konkret zu untersuchen.
Ich reiste erneut zum Amazonas und
sprach mit Schamanen der Ashaninca,
Shipibo, Shawi, Kichwa, Kandoshi und
Awajun. Sie glauben, dass alle Lebewesen
Seelen besitzen, dass Pflanzen und Tiere
denken, planen und wissen.
In den Kosmologien des Amazonasgebiets sind Pflanzen und Tiere mit dem
Menschen verwandt. Die Ureinwohner
dort ziehen keine klaren Grenzen zwischen Natur und menschlicher Gesellschaft, sondern schreiben die Haupteigenschaften des Menschen auch zahlreichen Pflanzen und Tieren zu. Sie sehen
Fische und Vögel im Wald. Aber wenn
diese Lebewesen nach Hause zurückkehren, werfen sie ihre Tierkleider ab,
und Menschen kommen darunter hervor.
Die den Anthropologen so lieb gewordene Trennung zwischen Natur und
Kultur ist für Indianer völlig absurd.
Vermittler zwischen
den Kulturen
Ich hatte die Absicht, durch meine Recherchen über die Intelligenz in der Natur als
Diplomat zwischen zwei verschiedenen
Wissenssystemen zu agieren. Ich wollte
doch sehen, ob beide Seiten zusammenarbeiten könnten. Als Anthropologe, der
bereits Feldforschung im Amazonasgebiet betrieben hatte, musste ich nur
noch die andere Seite kennen lernen und
studieren. Ich musste mich bei Wissenschaftlern und in Laboratorien in verschiedenen Ländern umsehen. Ich beschloss, bei beiden Richtungen vom
selben ontologischen (Ontologie, Lehre
vom Sein) Fundament auszugehen und
Wissenschaftler mit dem gleichen Respekt wie indigene Schamanen zu behandeln.
Bienen denken mit
Ich begann in Toulouse, im Laboratorium
zur Erforschung tierischer Kognition
(Wahrnehmung) beim Französischen
Staatszentrum für naturwissenschaftliche
Forschung (CNRS), wo ein Wissenschaftler namens Martin Giurfa kürzlich bewiesen hatte, dass Bienen mit abstrakten
Begriffen umgehen können. Giurfa und
seine Kollegen hatten ein Experiment
Intelligente Umwelt NATUR
durchgeführt, bei dem sie Honigbienen
durch ein einfaches, Y-förmiges Labyrinth
schickten. Der Eingang zum Labyrinth
war durch ein besonderes Symbol, etwa
die Farbe Blau, gekennzeichnet.
Eine durch den Eingang fliegende
Biene erreichte also eine Weggabelung,
einen «Ort der Entscheidung», wo sie
zwischen zwei Wegen wählen konnte.
Einer davon war durch die Farbe Blau,
der andere durch die Farbe Gelb gekennzeichnet. Bienen, die den blau markierten
Weg einschlugen, stiessen am Ende auf
ein Gefäss mit Zuckerlösung. Bienen, die
den gelben Weg wählten, erhielten keine
süsse Belohnung.
Die Bienen lernten schnell, dass am
Ende der Route, die mit derselben Farbe
wie der Eingang markiert war, Zucker auf
sie wartete. Mit anderen Worten: «Dasselbe» ist gleichbedeutend mit «Zucker».
Insekten wenden Wissen an
Im nächsten Experiment wurde der Eingang zum Labyrinth mit einem anderen
Symbol, zum Beispiel mit horizontalen
dunklen Linien, markiert. Auch in diesem Fall stiessen die Bienen am «Ort der
Entscheidung» auf die beiden Wege.
Diesmal waren aber die Routen nicht mit
Farben, sondern mit Linien markiert –
senkrechten am einen, waagrechten am
anderen Weg. Die Bienen flogen ohne zu
zögern gerade auf dasjenige Muster zu,
das dem Eingang entsprach.
Andere Versuche zeigten, dass die Bienen ihr erlerntes Wissen sogar von einem
Sinnesorgan auf das andere übertragen
konnten. Bienen, die mittels übereinstimmender Gerüche den Begriff «Dasselbe»
erlernt hatten, vermochten ihn auch auf
optische Zeichen anzuwenden. Obwohl
also Bienen 100 000-mal weniger Neuronen als wir Menschen haben, sind sie
zur Anwendung abstrakter Regeln fähig.
Martin Giurfa sagte, je besser er begreife, wie Tiere Entscheidungen treffen
und Dinge erlernen, desto mehr sehe er
sich zu dem Zugeständnis gezwungen,
dass sie eben nicht mechanisch agieren.
Bienen hätten ihren eigenen Verstand,
sagte er. Sie können die «logische Struktur» der Umwelt aus dieser ableiten.
IQ-Test für Pflanzen
Bienen sind demnach empfindende,
kluge Lebewesen, keine fliegenden Apparate wie etwa Toaster. Aber Pflanzen?
Pflanzen haben kein Gehirn. Was also
sagt die Wissenschaft über Pflanzenintelligenz? Im Jahr 2002 fand ich einen Artikel in der Zeitschrift «Nature» von
Anthony Trewavas, Professor für Biologie
an der Universität Edinburgh. Er behauptete, Pflanzen hätten Absichten, träfen
Entscheidungen und berechneten komplexe Aspekte ihrer Umwelt. Trewavas ist
Mitglied der Royal Society, der ältesten
wissenschaftlichen Gesellschaft Grossbritanniens. Er erklärte, die Untersuchung
der Pflanzenintelligenz sei «im Begriff, zu
einem akzeptierten Forschungsbereich
zu avancieren».
Ich reiste also nach Edinburgh, um
Trewavas zu interviewen. Er erklärte mir,
die Entwicklung der Molekulargenetik in
den 90er-Jahren habe es ermöglicht, die
Signale und Rezeptoren zu identifizieren,
die von Pflanzenzellen bei Kommunikations- und Lernvorgängen benutzt
werden. Pflanzen nehmen Informationen
auf und beantworten sie dadurch, dass sie
als Gesamtorganismus aktiv werden. Und
sie kommunizieren mittels molekularer
und elektrischer Signale von Zelle zu
Zelle, ganz ähnlich, wie es unsere eigenen
Nervenzellen tun. Pflanzen haben also
kein Gehirn, verhalten sich aber wie eines.
Natürlich | 3-2007 11
Eine Palme auf Wanderschaft
Eine Pflanze muss Wurzeln in den Boden
hinuntertreiben und ihre Blätter entfalten, um möglichst viel Sonnenlicht einzufangen. Also muss sie viele Variable
erkennen und richtige Entscheidungen
errechnen, um sie dann auch umzusetzen. Zum Beispiel hat die Fächerpalme
einen auf Stützwurzeln aufruhenden
Stamm und bewegt sich in Richtung
Sonnenlicht, indem sie neue Stützwurzeln auf der Sonnenseite ausbildet und
die im Schatten liegenden absterben lässt.
So verändert die Fächerpalme im Verlauf
mehrerer Monate tatsächlich ihren Standort.
Sie wandert auf diese Weise umher,
schützt sich gegen konkurrierende Nachbarn und sucht möglichst viel Licht abzubekommen – nur dass sie all dies mit
vom Menschen nicht wahrnehmbarer
Geschwindigkeit tut. Trewavas sagte, das
sei ein klares Beispiel für «zielstrebiges
Verhalten von Pflanzen und Pflanzenintelligenz».
Wunderschleim aus Japan
Aber was ist Pflanzenintelligenz genau?
In der ursprünglichen Bedeutung des
Wortes bezieht sich «Intelligenz» auf einen Vorgang des Auswählens (lateinisch:
inter-legere) und meint die Fähigkeit,
Entscheidungen unter Alternativen zu
treffen. Doch häufig hat man «Intelligenz» mittels menschlicher Fähigkeiten
definiert, was darauf hinausläuft, dass der
Begriff auf Arten mit anderen Fähigkeiten
nicht anwendbar ist. Man hat überdies so
ausgiebig über die Definition von «Intelligenz» diskutiert, dass es wahrscheinlich
12 Natürlich | 3-2007
nicht besonders klug wäre, noch einmal
eine neue Definition zu versuchen. Das
ist mir in Japan ganz klar geworden.
Ich war dorthin gereist, um Toshiyuki
Nakagaki zu interviewen. Dieser Wissenschaftler hatte demonstriert, dass der einzellige Schleimpilz Physarum polycephalum sich in einem Labyrinth zurechtfindet. Dieser formlose, gehirnlose Einzeller
ist aus menschlicher Sicht schlicht eine
Schleimmasse. Offensichtlich also kein
Intellektueller. Aber der Schleim findet
seinen Weg in einem Labyrinth, unfehlbar. Wenn Nahrung an den Eingang und
das Ende des Labyrinths gelegt wird,
dehnt und streckt sich der Schleim, bis er
auf kürzestem Weg zwischen den beiden
Nahrungsquellen eine dünne Röhre bildet – und das jedes Mal, wenn er getestet
wird!
Verschiedene Kulturen –
verschiedene Intelligenz
Nakagaki publizierte seine Arbeit in der
Zeitschrift «Nature» und verwendete
dabei den Begriff «Intelligenz». Wie er
mir erzählte, erregte er damit grosse
Aufmerksamkeit bei den Medien. Doch
musste er mit ausländischen Reportern
unweigerlich immer über die Definition
von «Intelligenz» diskutieren. Während
sich die japanischen Reporter vor allem
für die Einzelheiten interessierten, wie
ein solcher Organismus im Labyrinth
zurechtkam, konzentrierten sich die
Leute von Übersee regelmässig auf die
Frage, ob hier von Intelligenz gesprochen
werden könne oder nicht.
Nakagaki schrieb diese Einstellung
der Japaner dem animistischen Hinter-
grund ihrer Kultur und dem japanischen
Wort für Intelligenz, «chi-sei», zu. Dabei
bedeutet «chi» wissen, erkennen und
«sei» Eigentümlichkeit, Charakter oder
Charakterzug. Für viele Japaner ist es
deshalb kein Problem, den Begriff «chisei», also Wissensfähigkeit, Erkenntnisfähigkeit, auch auf andere Spezies anzuwenden, selbst auf einzelligen Schleim.
Alles eine Frage
der Definition
Sogar «Natur» selbst ist ein heikler Begriff. Wörterbücher pflegen «Natur» etwa
wie folgt zu definieren: «Natur ist ein
Gesamtphänomen der physischen Welt,
einschliesslich Pflanzen, Tieren und
Landschaft, im Gegensatz zum Menschen
und zu menschlichen Schöpfungen. Seine
Distanz zur Natur ermöglicht es dem
Menschen, sich einen Begriff von ihr zu
machen.»
Nimmt man eine solche Definition
wörtlich und denkt sie konsequent weiter,
so wäre «Intelligenz in der Natur» ein
Widerspruch in sich. Denn diese «Intelligenz» schliesst von vornherein alles
Nicht-Menschliche aus, während «Natur»
die Menschen ausschliesst.
Das beweist doch, dass unsere Begriffe, sofern sie uns von vornherein von
anderen Organismen trennen, unser
freies Denken behindern. Wir schlagen
uns mit Begriffen und Worten herum,
wenn sich ein Schleim im Labyrinth zurechtfindet, weil unsere Begriffe eben
den Forschungsresultaten nicht entsprechen. Nicht in der Natur ist ein Mangel
an Intelligenz festzustellen, sondern in
unseren Begriffen.
Intelligente Umwelt NATUR
«Ich bin ein Tier»
Objektives Wissen hat im Reich der Biologie seine Grenzen. Denn jeder Beobachter ist selbst ein subjektives Lebewesen.
Ich wünsche mir eine Biologie, in der sich
die Beobachter als Studienobjekte mit
einschliessen und von vornherein ihren
Standpunkt angeben. Der meinige ist: Ich
bin ein Tier. Ich bin gezwungen, mich auf
der Suche nach Nahrung fortzubewegen.
Per definitionem sind Organismen, die
sich zum Zweck der Nahrungsaufnahme
fortbewegen, Tiere. Und obwohl ich andere
Spezies fresse, erkenne ich, dass ich mit
ihnen verwandtschaftlich verbunden bin.
Ich sehe mich selbst in anderen Lebewesen, zum Beispiel in der Hydra, einem
auch als Süsswasserpolyp bekannten vielzelligen Hohltierchen. Dieses kleine Tier
lebt im Wasser und hat die Form einer
dünnen, durchsichtigen Röhre. Die Hydra hat keinen Kopf, keinen Rücken,
keine Vorderseite, keine Beine, keine
Keilflossen, kein Herz, kein Gehirn, aber
sie besitzt ein Nervensystem, das besser
als «Nervennetz» bezeichnet würde. Es
ist um den Mund herum konzentriert.
Wir Tiere pflegen alle eine Neuronenkonzentration in der Nähe des Mundes
zu haben, weil die aktive Nahrungsaufnahme für uns so wichtig ist. Also liegt
mein Gehirn in der Nähe meines Mundes. Ich weiss, dass ich ein Raubtier bin.
Der Mensch
steht erst am Anfang
Wir sind eine junge Art. Uns, den Homo
sapiens sapiens mit hoher Stirn und spitzem Kinn, gibt es auf dieser Erde erst seit
rund 200 000 Jahren. Das sind ungefähr
10 000 biologische Generationen – fast
nichts für eine Spezies. Jaguare und andere effiziente Raubtiere wie Tintenfische
arbeiten schon viel länger als wir an ihrer
Vervollkommnung.
Tintenfische existieren bereits mehrere hundert Millionen Jahre. Sie hatten
Zeit genug, ihre Fähigkeiten zu pflegen
und zu entwickeln. Im Vergleich dazu
stehen wir erst am Anfang. Wir haben
noch viel zu lernen, um unsere Raubtiernatur zu beherrschen.
Schamanen glauben, Raub bedürfe
der Mediation. Sie versuchen, Raub als
Tausch aufzufassen, der neues Leben ermöglicht. Nach ihrem Verständnis haben
wir Menschen als Raubtiere eine Verantwortung gegenüber den anderen Arten,
weil wir verwandt mit ihnen sind und sie
fressen, um zu leben.
Die Intelligenz der Evolution
Seit langem weisen Schamanen darauf hin,
dass sich die Natur unaufhörlich verwandelt. Damit sind auch die Wissenschaftler
INFOBOX
Literatur
• Narby: «Intelligenz in der
Natur», AT Verlag, 2006,
ISBN 3-03800-257-4, Fr. 34.–
• Efthyvoulos: «Geister des Regenwalds»
AT Verlag, 2004, ISBN: 3-85502-819-1, Fr. 34.–
• Storl: «Pflanzendevas», AT Verlag 2004
ISBN 3-85502-763-7, Fr. 38.–
• Narby: «Die kosmische Schlange», Klett
Cotta, 2001, ISBN: 3-608-93518-9, Fr. 35.70
• Hauser: «Wilde Intelligenz», Verlag
DTV, 2003, ISBN 3-423-34046-5, Fr. 21.10
Internet
• de.wikipedia.org/wiki/Intelligenz
• www.quarks.de/intelligenz/index.htm
des Westens einverstanden. Sie zeigen, dass
wir alle Misch-Lebewesen sind, erzeugt
von der laufenden Evolution. Die Wissenschaft selbst erlebt eine Evolution. Sie
rückt langsam von einem nur mechanischen Verständnis der Natur ab. Die Idee
von einer Art aktiver Intelligenz in der
ganzen Natur gewinnt in der wissenschaftlichen Welt immer mehr an Boden. Das bestätigt die traditionelle Auffassung der
Schamanen und indigenen Völker.
An der Spitze
der Nahrungskette
Foto: F1 Online
Als Mensch der Gegenwart stehe ich an
der Spitze der Nahrungskette. Im Amazonasgebiet befinden sich Jaguare an der
Spitze der Nahrungskette, leben aber
ganz anders als unsereiner. Als die grossen Räuber des Regenwalds können sie
ebenso gut schwimmen wie auf Bäume
klettern. Sie fangen Fische, Schildkröten
und Kaimane, aber auch Nagetiere, Rotwild und Affen. Diese überaus vielseitigen Raubkatzen töten ihre Beute häufig
dadurch, dass sie ihr den Schädel mit
einem schnellen Biss zerspalten.
Jaguare haben ausser dem Menschen
keinen Konkurrenten. Doch halten sie
sich gern im Verborgenen auf. Sie bewegen sich mit solcher Heimlichkeit, dass
Biologen Mühe haben, ihr Verhalten zu
erforschen. Diese edlen Räuber «beherrschen» jedoch ihre Kräfte. Es wäre gut,
wenn wir das auch täten und uns mehr
wie Jaguare verhielten.
Natürlich | 3-2007 13
NATUR Intelligente Umwelt
Theologie links liegen lassen
Um offen zu sein: Ich bin Agnostiker. Das
heisst, ich weiss, dass ich nichts weiss –
vor allem in Bezug auf die Ursachen. Ich
glaube, dass mein Kopf zu klein ist, um
den Begriff «Gott des Weltalls» zu fassen.
Ich will mich also keineswegs mit der
fundamental-christlichen Bewegung des
«Intelligenten Designs» einlassen.
Beim Nachdenken über Intelligenz in
der Natur beschäftige ich mich nicht mit
unüberprüfbaren theologischen Fragen
zur Entstehung der Zellkomplexität. Ich
will nur verstehen, wie Entscheidungsfindung in der Natur vor sich geht und
wie die Intelligenz aussieht, die offenbar
in den Tätigkeiten aller Lebewesen, einschliesslich meiner selbst, wirksam ist.
Mich interessiert die Intelligenz in
Zellen und Organismen, nicht in Ereignissen, die vor Milliarden von Jahren
stattgefunden haben, vielleicht unter Mitwirkung eines «Gottes im Weltall».
Gott durch den «blinden Zufall» zu ersetzen, löst das Problem auch nicht. Atheismus ist nur ein geleugneter Theismus,
also einfach die andere Seite der Medaille.
Das Wort kommt vom griechischen atheos,
ohne Gott. Die Überzeugung, Zufall und
14 Natürlich | 3-2007
Notwendigkeit reichten zur Erklärung aller
Naturvorgänge aus, ist ebenfalls eine Form
des Glaubens und ebenso wenig schlüssig
zu beweisen wie der Gottesglaube. Evolution findet statt, aber die Überzeugung, nur
der Zufall sei ihr Motor, ist ebenfalls ein
Akt des Glaubens.
Von den Schamanen lernen
Aber es gibt eine dringende Frage, an
deren Lösung wir arbeiten können: Wie
können wir Menschen als Raubtiere lernen, den ständigen Niedergang unserer
Welt aufzuhalten? Unsere Raubtieraktionen werden von Wissen, Ideen und Technologien dauernd beschleunigt. Also
müssen wir unsere Wissenschaft und
Industrie kontrollieren.
Das wäre intelligente Evolution: Wir
müssten uns als Tiere verstehen, andere
Arten als intelligent verstehen, und insbesondere die Intelligenz der Raubtiere
verstehen. Dann könnten wir lernen, uns
in intelligente Raubtiere zu verwandeln.
Und um das zu erreichen, könnten sich
die Bewohner der industriellen Welt von
den Schamanen inspirieren lassen und
die Natur als Lehrerin sehen. Nach meiner Meinung könnten wir Rationalismus
und Schamanismus kombinieren. Das
wäre eine Form des Bikognitivismus. Es
wäre so, als nähmen wir einen Gesichtswinkel ein und zugleich den gegenteiligen
Gesichtswinkel. Rationalismus kommt
vom lateinischen ratio, Berechnung. Die
Natur nur mit Rationalismus verstehen
zu wollen, hat seine Grenzen. Und die
Natur nur mit Schamanismus zu verstehen, hat auch seine Grenzen. Aber die
beiden Extreme, technisches und traditionelles Wissen, Wissenschaft und Schamanismus zu kombinieren – das böte
eine neue Synthese des menschlichen
Wissens. Lernen, mit indigenem Wissen
zu arbeiten, das ist wie eine zweite
Sprache zu lernen. Bikognitivismus ist
wie Zweisprachigkeit, schwierig, aber
wertvoll. Denn er bietet einen anderen
Blick auf die Welt.
■
»
Foto: Jeremy Narby
Das ganze Gebäude des Lebens ist von
oben bis unten mit Intelligenz durchsetzt.
Das legt den Schluss nahe, dass der Evolutionsprozess selbst intelligent ist, dass
die Evolution von einer inneren Intelligenz geleitet wird, eher als vom blinden
Zufall oder einer Intelligenz, die von aussen oder oben auf die Wesen einwirkt.
Die Debatte bezieht sich auf endgültige
Ursachen, aber keine Meinung darüber
lässt sich hieb- und stichfest beweisen.
Manche Fragen lassen den Menschen
nicht los, weil sie ihn existenziell betreffen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie
sich auch abschliessend beantworten
lassen.
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Seele and Geist
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