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Die Superstrategen – Wie Ameisen, Käfer und Co Kaffeeschädlinge

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LANDWIRTSCHAFT: Die Superstrategen – Wie Ameisen, Käfer und Co Kaffeeschädlinge
schachmatt setzen
Von Karina Böckmann
Berlin, 11. März (IPS) – Auf den agroforstwirtschaftlichen Kaffeefarmen Lateinamerikas
herrscht reges Treiben. Überall dort, wo die Vielfalt an schattenspendenden Bäumen am
größten ist, tummeln sich ganze Insektenheere. Wie wichtig es ist, das besondere
Beziehungsgeflecht zwischen den diversen Regenwaldwinzlingen im Sinne einer
nachhaltigen Landwirtschaft zu begreifen, hat die puertoricanische Wissenschaftlerin Ivette
Perfecto auf einem Symposium in Berlin verdeutlicht.
Perfecto ist Professorin an der Fakultät für Naturressourcen und Umwelt der Universität von
Michigan. Ihre Forschung konzentriert sich auf die biologische Vielfalt und auf Arthropodengesteuerte Abläufe innerhalb der Ökosysteme von landwirtschaftlichen Flächen in den
Tropen. Arthropoden sind Gliederfüßler wie Insekten, Käfer und Spinnen, die mit geschätzten
neun Millionen Arten als erfolgreichster Tierstamm gelten.
Gerade Ameisen haben sich als systematische Schädlingsbekämpfer bewährt – wenn man sie
lässt: So hat sich auf agroforstwirtschaftlichen Kaffeefarmen in Mittelamerika und Mexiko
gezeigt, dass sie durchaus systematisch vorgehen: Während die größeren Arten Bohrkäfern
und anderen Feinden den Garaus machen, fungieren die kleineren als Nesträuber: indem sie
die attackierten Kaffeekirschen von Eiern und Larven befreien.
Ganzheitlich denken
Darüber hinaus gibt es Interaktionen, die einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen, um zu
verhindern, dass falsche und übereilte Schlüsse gezogen werden. "Hier kommt die
Wissenschaft ins Spiel", meinte Perfecto am Rande der Tagung 'Die Farbe der Forschung', die
sich mit Innovationspotenzialen von Beziehungsnetzwerken beschäftigte. "Wir müssen schon
genau hinsehen, was in der Natur vor sich geht. Erst dann sind wir in der Lage, die
Funktionsweise von Beziehungsnetzwerken richtig zu deuten und für die ökologische
Landwirtschaft zu nutzen."
Doch zurück zu den Ameisen. Auch in der Welt der Krabbeltiere gilt: Nicht alle Ameisen
lassen sich über einen Kamm scheren. Weil die Azteca instabilis-Ameise den süßlichen
Ausscheidungen einer auf Kaffeepflanzen anzutreffenden Schildlausart verfallen ist, hütet sie
den Kaffeeschädling mit dem wissenschaftlichen Namen Coccus viridis wie ihren Augapfel –
was Kaffeebauern, die die tierischen Aztekenkrieger ohne den Einsatz von C-Waffen
loswerden wollen, bisweilen veranlasst, die Bäume zu fällen, auf denen die Ameisenart zu
Hause ist.
Doch wie Perfecto auf dem Symposium am 7. und 8. März eindrucksvoll erläuterte, hat die
wissenschaftliche Forschung die Hauruck-Methode als unsinnig entlarvt. Und zwar nicht nur
weil sie unberücksichtigt lässt, dass die Fürsorge der Aztekenameise gegenüber den
Blattläusen auch soweit geht, dass andere Kaffeeschädlinge aggressiv ferngehalten werden.
Die Azteca instabilis wird von einer parasitären Fliege als Wirt für ihren Nachwuchs
missbraucht. In Windeseile legt die Fliege mit dem wissenschaftlichen Namen Pseudacteon
laciniosus ihre Eier auf den krabbelnden Ameisen ab. Da die Fliegenlarven ihren Wirt später
von innen heraus vernichten, betreibt der fruchtfliegenartige Parasit somit eine Form der
Artenkontrolle.
Chemische Warnsignale für den Arterhalt
Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Die zum Tode verurteilten Aztekenameisen haben
eine Art Warnsystem zum Schutz der eigenen Kolonie entwickelt: Sobald der Angriff erfolgt,
scheiden sie ein Pheromon aus, dass bei den Mitgliedern ihres Volks eine Art 'Bombenalarm'
auslöst und dazu führt, sich über Stunden tot zu stellen. Denn was sich nicht bewegt, wird von
der Fliege nicht geortet.
Dieses einzigartige Alarmsystem wiederum haben Marienkäfer namens Azya orbigera
entschlüsselt und sich zunutze gemacht. Denn die Unbeweglichkeit ihrer Feinde kommt ihnen
äußerst gelegen. Auf diese Weise verfügen die Käfer, die sich von Schildläusen ernähren,
über ausreichend Zeit, um ihre Eier an sicheren Orten zu verstecken – zum Beispiel an den
Unterseiten der Blattläuse. Sind die Käferlarven geschlüpft, befinden sie sich quasi im
Blattlaus-Schlaraffenland. Ein wachsähnlicher Mantel macht die Larven später gegen
Angriffe der Ameisen immun.
Somit trägt die Aztekenameise sehr wohl zur Bekämpfung von Kaffeeschädlingen bei – auf
Umwegen und im Rahmen eines komplexen interaktiven Systems in einem artenreichen
Umfeld. "Biodiversität ist das A und O", erklärte Perfecto im IPS-Gespräch. Sie sei
Voraussetzung dafür, dass derartig raffinierte Beziehungsnetzwerke funktionieren könnten.
"In armen Weltregionen, wo den Bauern das Kapital fehlt, um in teure Agrar-Inputs zu
investieren, sind einfache, bezahlbare, lokale und nachhaltige Lösungen wichtig."
Von der Natur lernen
Perfecto ist überzeugt, dass es für sämtliche landwirtschaftliche Probleme biologische
Lösungen gibt. "Voraussetzung ist, dass wir die Natur als unsere Lehrmeisterin ernst nehmen
und sie intensiv beobachten." Genau das hatte Perfectos Doktorandin Hsun-Yi Hsieh getan,
bevor sie die Komplexität der Beziehungen zwischen Aztekenameise, Blattlaus, Fliege und
Marienkäfer auf Kaffeefarmen im mexikanischen Bundesstaat Chiapas entdeckte. Sie hatte
sich darüber gewundert, dass Marienkäfer ihre Eier in Kaffeewäldern ablegen konnten, die
von aggressiv agierenden Aztekenameisen rigoros bewacht wurden.
Um den Kaffeebauern gerade die weniger sichtbaren Prozesse verständlich zu machen, hat
Perfectos Forschungsteam ein Spiel entwickelt, das sich derzeit in der Probephase befindet.
Beim sogenannten 'Aztekenschach' geht es darum, in die Rolle jeweils eines der vier Insekten
zu schlüpfen und möglichst viele Trophäen für eigene erfolgreiche Wirkungsweisen - im
positiven wie im negativen Sinne – zu sammeln. Doch anders als im Schach gibt es keine
Sieger und Verlierer. Das ist, wie das komplizierte Miteinander der Insekten auf den
agroökologischen Kaffeefarmen bereits gezeigt hat, kalter Kaffee. (Ende/IPS/kb/2014)
Link:
http://www.zs-l.de/farbe-der-forschung/
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Seele and Geist
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