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Chefarzt hält Beruf die Treue «Ich arbeite wie ein - Kanton Schwyz

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Auflage: 15136
Gewicht: Titelseiten-Anriss u. Seitenaufmachung
29. Oktober 2011
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TITELSEITE
Chefarzt hält Beruf die Treue
Der Chefarzt der Inneren Medizin des Spitals Schwyz, Urs Gössi, geht in
Pension. Der angesehene Hämato-Onkologe hat während den 25 Jahren
Spitaldienst in Schwyz viel bewegt und stellt sich weiterhin in den Dienst von
Schwerkranken.
Von Ernst Immoos Schwyz. – Ende Oktober tritt der Chefarzt der Inneren Medizin, Urs
Gössi, den Ruhestand an. Er kennt das Spital Schwyz in- und auswendig, war doch der
angesehene Mediziner schon 1980 als Oberarzt in Schwyz tätig. Nach weiteren
Ausbildungsjahren wurde er als Co-Chefarzt nach Schwyz berufen und im Jahr 2000
zum Chefarzt der Inneren Medizin gewählt. Der Hämato-Onkologe bewegte viel und
konnte dank seinen vielseitigen Ausbildungen als Erster in der Region vor 25 Jahren
den Ultraschall einführen. Als Zentralschweizer Präsident für Palliative Care bleibt Urs
Gössi weiterhin tätig. Im Spital Schwyz ist ein solches Kompetenzzentrum vorgesehen
– unter der Teilzeitleitung des in Pension gehenden Chefarztes.
--SAMSTAGSGESPRÄCH, SEITE 9
«Ich arbeite wie ein Detektiv, akribisch und
beharrlich»
Ende Oktober wird der Chefarzt Innere Medizin Urs Gössi das Spital Schwyz
altershalber verlassen. Nach insgesamt 37-jähriger ärztlicher Tätigkeit –
davon 25 Jahre am Spital Schwyz – blickt er auf eine bewegte und
arbeitsintensive Zeit zurück.
Mit Urs Gössi sprach Ernst Immoos
Was waren Ihre beruflichen Meilensteine und Highlights?
Nach dem Staatsexamen 1974 und meiner fundierten Ausbildung zum
Allgemeinpraktiker an den Kantonsspitälern Sarnen und Luzern – geplant war die
Eröffnung einer Praxis im Elternhaus in Küssnacht – trat ich im Oktober 1980 eine
Oberarztstelle im Spital Schwyz an und wurde schliesslich Internist. Während dieser
Zeit hatte ich wegen der interdisziplinären Teamarbeit Gefallen an derArzttätigkeit in
einem Spital gefunden. Es folgten während weiterer sieben Jahre Ausbildungen an
verschiedenen Spitälern der Schweiz zum Blutspezialisten, Labormediziner,
Krebsspezialisten, Ultraschallfachmann und in Rheumatologie. Als breit ausgebildeter
Facharzt für Innere Medizin und Hämato-Onkologie FMH sowie Laborspezialist FAMH
wurde ich am Spital Schwyz Anfang 1988 zum Co- Chefarzt und im September 2000
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zum Chefarzt Innere Medizin gewählt. Als Erster in der Region konnte ich den
Ultraschall einführen. Während meinerTätigkeit in Schwyz durfte ich 15 Oberärzte im
Ultraschall ausbilden und bei über 120Assistenzärzten die Freude am Arztberuf
wecken.
«Mein Tag beginnt um fünf Uhr früh»
Warum wählten Sie für Ihre Tätigkeit ein Regionalspital? Was faszinierte Sie
daran und was ist der wesentliche Unterschied zu Universitätskliniken?
1987 wurde ich in meinem Leben vor eine wichtige Entscheidung gestellt. Ich war
damals als Oberarzt am Universitätsspital Inselspital Bern an der Medizinischen Klinik
tätig. Sollte ich weitere Jahre in Bern bleiben, eine akademische Laufbahn einschlagen
und eine Professur anstreben, oder sollte ich die Wahl zum Co-Chefarzt am Spital
Schwyz annehmen? Nach reiflicher Überlegung habe ich mich für eine Rückkehr zu
meinen Wurzeln, für Schwyz entschieden. Die Arbeit an einem kleineren Spital schien
mir ausserdem vielseitiger, interessanter und anspruchsvoller als an einer grossen
Klinik.
Wie sieht Ihr Alltag aus?
Mein Tag beginnt um fünf Uhr morgens. Als Erstes diktiere ich während zwei Stunden
Berichte. Um acht Uhr starten wir im Spital Schwyz den Rapport mit den
Assistenzärzten. Danach folgen Fortbildungen für die Assistenten, Sprechstunden,
Ultraschalluntersuchungen, Konsilien, Chemotherapien, Chefvisiten, Besprechungen,
Notfälle, Sitzungen, Vorbereitungen für den folgenden Tag. Meistens bin ich gegen
zehn Uhr abends zu Hause und schaue, dass ich meine vier Kinder und meine Frau
noch sehe, bevor sie ins Bett gehen.Vielfach beginne ich nach «10 vor 10» oder einer
Sportübertragung im TV wieder zu arbeiten, oft bis spät in die Nacht.
«Als Krebsspezialist gibt es belastende Situationen»
Was ist Ihre Stärke?
Man kann mich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Ich bin sehr genau und
pflichtbewusst. Meine Fähigkeiten sind intellektueller Art. Ich arbeite wie ein Detektiv,
akribisch und beharrlich, bis ich die richtige Diagnose stellen kann. Das ist meine
Stärke. Eine wichtige Hilfe dazu ist die Ultraschalluntersuchung, welche ich seit 25
Jahren erfolgreich anwende und gut beherrsche. Freude habe ich an einem guten
Arbeitsklima, an einem motivierten Team von jungen Ärztinnen und Ärzten, die ihren
Beruf lieben und von diesem begeistert sind trotz 50-Stunden-Woche.
Was waren Ihre wichtigsten Ziele und Projekte als Chefarzt?
In all diesen Jahren habe ich mich für eine ganzheitliche, integrale Betreuung unserer
Patienten eingesetzt und nicht für eine spezialisierte, organzentrierte Medizin. Ich
habe ein Konzept erarbeitet, wie meiner Meinung nach die Innere Medizin aussehen
sollte. Die Kaderärzte dürfen an einem kleinen Spital wie Schwyz nicht nur
Organspezialisten sein, sondern müssen als Allrounder das Gebiet der Inneren Medizin
ebenfalls beherrschen. Im Sinne der ganzheitlichen Betreuung habe ich immer auch
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ebenfalls beherrschen. Im Sinne der ganzheitlichen Betreuung habe ich immer auch
die paramedizinischen Disziplinen wie Logopädie, Ergotherapie, Diabetesberatung,
Ernährungsberatung, Sozialberatung gefördert und unterstützt, habe mich für eine
zentral gelegene neue Kapelle eingesetzt und habe den konsiliar- und
liaisonpsychiatrischen Dienst am Spital Schwyz initiiert. Die psychisch kranken
Patienten lagen mir immer schon am Herzen, weshalb ich mich schon seit über 20
Jahren in der Stiftung Phönix ebenfalls für ihre Belange einsetze. Wichtige Projekte
von mir waren auch die Errichtung einer Dialysestation und die Einführung eines
Tumorboards mit den Spezialisten des Kantonsspitals Luzern. Eine berufsbegleitende
Ausbildung über drei Jahre in Bern zum Executive Master of Business Administration
(MBA) hat mir bei der Durchführung dieser und vieler anderer Projekte geholfen.
Welchen Einfluss hat die neue Spitalfinanzierung auf den
Behandlungsbereich?
Das neue Spitalfinanzierungssystem deckt zwar die einzelnen Behandlungsfälle
leistungs- und kostengerechter ab als die früher angewandten Tagespauschalen. Es
gibt aber auch ganz klar negative Einflüsse. Jeder einzelne Betrieb versucht seine
Kosten zu optimieren. Abklärungen und Behandlungen werden in den ambulanten
Bereich verlagert. Die Patienten werden möglichst schnell aus dem Spital wieder nach
Hause oder in eine kostspielige Rehabilitation entlassen. Es kommt deshalb vermehrt
zu Rehospitalisationen. Teure apparative Versorgungen oder teure Krebsmedikamente
können bei einem stationären Aufenthalt nicht kostendeckend abgerechnet werden.
Dasselbe gilt auch für Übergangspflegepatienten, akut-geriatrische und
Palliative-Care-Patienten, weil sie zu pflegeaufwendig sind und zu lange
Hospitalisationszeiten aufweisen. All diese Faktoren führen einesteils zu einer
Verteuerung des Gesundheitswesens, andernteils zu einer schlechteren
Patientenbetreuung.
Zwei Drittel der Krebserkrankungen treten nach dem 60. Lebensjahr auf. Was
für Möglichkeiten der Prophylaxe und der Früherkennung gibt es?
Im menschlichen Körper entstehen dauernd bösartige Zellen. Ein gut funktionierendes
Immunsystem zerstört diese Zellen. Im Alter wird dieses Immunsystem schwächer,
und deshalb tauchen auch häufiger Krebsleiden auf. Umwelteinflüsse, das Rauchen,
Alkohol, Erbfaktoren, Viruserkrankungen, bakterielle Erkrankungen oder die
Ernährung spielen bei der Krebsentstehung auch eine Rolle. Die wichtigste
Krebsprophylaxe wäre sicher eine wirkungsvolle Bekämpfung des Rauchens. Das
Rauchen ist nämlich für verschiedene Krebserkrankungen und nicht nur für den
Lungenkrebs mitverantwortlich. Impfungen wie die Impfung gegen das HPV-Virus in
der Pubertät können den Gebärmutterhalskrebs, Antibiotika gegen den Helicobacter
pylori den Magenkrebs verhindern. Sinnvoll sind meiner Meinung nach jährliche
Stuhluntersuchungen auf Blut oder präventive Dickdarmspiegelungen in
5–7-jährlichen Abständen ab dem 50. Lebensjahr.
Was halten Sie von Komplementärmedizin als Ergänzung zur Schulmedizin?
Komplementärmedizinische Massnahmen und Methoden wie zum Beispiel die
Misteltherapie als Ergänzung zur Schulmedizin halte ich für sinnvoll. Diese können zur
psychischen Stärkung und zum körperlichen Wohlbefinden beitragen. Von
alternativmedizinischen Massnahmen anstelle der Schulmedizin rate ich jedoch
eindringlich ab, da ihre Wirksamkeit in Studien noch nie bewiesen werden konnte.
Als Onkologe erleben Sie auch tragische Schicksale von Patienten, die Sie
über ihre unheilbare Krankheit informieren müssen. Ist das nicht eine
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über ihre unheilbare Krankheit informieren müssen. Ist das nicht eine
enorme Belastung?
Als Krebsspezialist gibt es viele schwierige und belastende Situationen. Psychisch am
belastendsten ist das Überbringen von schlechten Nachrichten. Manchmal weiss man
als Arzt natürlich schon im Voraus, dass es trotz der heutigen Methoden und
Möglichkeiten wahrscheinlich keine Heilung geben wird. Einzelne Patienten kenne ich
seit Kindheit. Je mehr ich gefühlsmässig involviert bin, desto schwieriger wird es. Es
gibt Kommunikationskurse, in denen wir lernen, wie man schlechte Nachrichten
weitergibt.Trotz desTrainings und der Erfahrung ist es aber immer wieder anders,
schwierig und belastend. Das Schöne ist natürlich, dass wir manchmal auch schwer
kranken Patienten helfen können, wieder gesund zu werden.
«Rege mich über Sterbetourismus auf»
Was sind Ihre persönlichen Kraftquellen?
Sehr wichtig ist es, einen Ausgleich zur psychisch belastenden Arbeit zu haben. Ich
tanke bei meiner Familie auf. Ausserdem fahre ich gerne Ski und spiele Tennis. Ich bin
ein fröhlicher, geselliger Mensch, gehe gerne an die Fasnacht, ans Chlausjagen, an
Dorffeste und ins Theater oder treffe mich mit meinem Herrenclub. Ich mag auch
Musicals und den Zirkus. Zudem lese ich praktisch immer, wenn ich kann. Ich brauche
relativ wenig Zeit, um mich zu erholen.
Verstehen Sie Menschen, die sich aufgrund einer chronisch fortschreitenden,
beeinträchtigenden Erkrankung für aktive Sterbehilfe (Exit) entscheiden?
Jeder Mensch ist autonom und kann über sein Leben selbst entscheiden. Trotzdem
kann ich als Christ dem assistierten Suizid nicht zustimmen. Menschen verlieren trotz
schwerer Krankheit,Alter oder Behinderungen nichts von ihrer Schönheit und
Einmaligkeit. Palliative Care hilft, miteinander wieder menschenfreundliche und
lebensbejahende Bedingungen und Beziehungen zu gestalten und das Leben und
Leiden zu teilen, bis zuletzt. Aufregen tue ich mich vor allem über den
Sterbetourismus, wenn Patienten aus Deutschland und England in die Schweiz
kommen und eher aus kommerziellen als aus humanitären Gründen in unwürdiger
Weise «in den Tod begleitet werden». Dies sollte nach meiner Ansicht gesetzlich
verboten werden. Auch der assistierte Suizid bei psychisch kranken Patienten scheint
mir persönlich äusserst fragwürdig.
Sie engagieren sich ja bereits als Präsident des Vereins Palliative
Zentralschweiz für Palliative Care. Was gibt es dazu zu sagen?
Der Kanton Schwyz hat ein sehr gutes integriertes Palliative-Care-Konzept erarbeitet.
Als Erstes wäre nun als Pilotprojekt eine spezialisierte Palliative- Care-Station und ein
Palliative- Care-Kompetenzzentrum am Spital Schwyz vorgesehen. Da ich mich 2010
in Palliative Care an verschiedenen Zentren der Schweiz und Deutschland
weitergebildet habe, wäre ich als Leiter dieser Station mit fünf Betten zu einem
reduzierten Arbeitspensum nach der Pensionierung vorgesehen. Ob das Projekt
umgesetzt wird oder an fehlenden finanziellen Ressourcen scheitert, kann ich zum
jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen. Der Verein Palliative Zentralschweiz mit mir als
Präsident versucht, Palliative Care in allen Zentralschweizer Kantonen zu verankern
und Politik und Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren.
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Wenn Sie nochmals von vorne beginnen müssten, würden Sie wieder den
Arztberuf wählen?
Schon als ich das Gymnasium besucht hatte, wusste ich, dass ich Arzt werden wollte.
Für mich war klar, dass ich bei meiner Arbeit mit Menschen zu tun haben wollte. Es
war mir auch wichtig zu helfen, und ich dachte, dass mir der Arztberuf einen Sinn im
Leben geben würde, was sich dann auch bestätigte. Bei so viel Arbeit braucht es vor
allem Freude und Liebe zum Mitmenschen. Der Arztberuf sollte aber nie nur ein Job
sein.Trotz der überhandnehmenden administrativen Arbeiten und der zunehmenden
Bürokratie würde ich wieder den Arztberuf wählen. Ob ich aber den Numerus clausus
bestehen würde, bleibt offen. Dieser ist aber meiner Meinung nach nicht ein sinnvolles
Verfahren zur Auswahl der für den Arztberuf geeigneten Kandidaten und sollte deshalb
von der Politik möglichst bald abgeschafft werden.
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Zur Person
Name: Urs Gössi
Geburtsdatum: 24. 10. 1946
Sternzeichen: Skorpion
Zivilstand: verheiratet, 4 Kinder
Beruf: Internist, Krebs- und Blutspezialist, Labormediziner
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Hobbys: Sport, Theater, Lesen, Politik, Geselligkeit
Lieblingsferienorte: Zermatt, Engelberg, Alassio
Stärke: pflichtbewusst, genau, respektvoll, ehrlich
Schwäche: kann schlecht Kritik einstecken und finde es schwierig, Kompromisse zu
machen
© Bote der Urschweiz
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