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Das Gleiche aber anders! Aber wie? - Nutzwertjournalismus.de

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Das Gleiche aber anders! Aber wie?
Zu den Möglichkeiten, der Themenarmut in Zeitschriften begegnen.
Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
Abteilung Allgemeine und Spezielle Journalistik
Hausarbeit zum Seminar: Nutzwertjournalismus in Zeitschriften
Dozent: Andreas Eickelkamp
Maik Kästel
Magister HF/2NF Soziologie/Germanistik/Journalistik
Sommersemester 2004, eingereicht 26.02.2008
1
1. Einleitung ……… 3
2. Nutzwert-, Service-, Ratgeber-Journalismus. Eine kurze Einordnung …. 3
3. Themenfindung und Themenverarbeitung im Nutzwertjournalismus …. 7
3.1. Themenverengung in nutzwertigen Zeitschriften ….. 8
3.2. Das Themenspektrum in Familiezeitschriften ….. 10
4. Analysematrix zur Themenbearbeitung ….. 11
4.1. Der Küchenzuruf ….. 12
4.2. Die Interessenkategorien ….. 13
4.3. Die Darstellungsform ….. 15
5. Die Analyse einiger Beiträge
aus den Zeitschriften „Eltern“ und „Familie & Co“ ….. 16
5.1. Die Küchenzurufe der Texte ….. 17
5.2. Die Interessenkategorien der Texte ….. 19
5.3. Die in den Texten verwendeten Darstellungsformen ….. 24
6. Diskussion der Ergebnisse ….. 27
7. Literatur ….. 28
2
1. Einleitung
Der Bedarf an Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt wächst von Tag
zu Tag. So, oder so ähnlich klingen die Begründungen, mit denen der sich ausbreitende
Trend zur Zunahme der nutzwertigen Beiträge im Bereich der Printmedien erklärt
werden soll. Inwiefern das richtig ist, oder ganz andere Gründe für diesen Trend
verantwortlich sind, soll nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Vielmehr soll ein
spezifisches
Problem
des
Nutzwertjournalismus
im
Mittepunkt
der
folgenden
Betrachtungen stehen. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie Autoren von
Nutzwerttexten mit der beengten Bandbreite nutzwertiger Themen umgehen. Welche
Möglichkeiten bestehen und welche dieser Möglichkeiten von den Autoren wie
umgesetzt werden. Zu diesem Zweck sollen sechs Texte mit gleichen Thema aus den
beiden Zeitschriften ELTERN und FAMILIE & CO untersucht werden.
Der Aufbau der Arbeit ist wie folgt: Nachdem in Kapitel 2 kurz der Begriff
Nutzwertjournalismus geklärt wird, folgen einige Gedanken zur Problematik der
Themenfindung im Nutzwertjournalismus (Kapitel 3). Anschließend wird ein Modell zur
Themenverarbeitung vorgestellt (Kapitel 4), bevor es in Kapitel 5 an die Analyse geht.
Schließlich sollen die Ergebnisse in Kapitel 6 noch einmal zusammengefasst werden.
2. Nutzwert-, Service-, Ratgeber-Journalismus. Eine kurze Einordnung
Bei der wissenschaftlichen (selbstverständlich auch der praktischen) Beschäftigung mit
dem Phänomen Nutzwertjournalismus, fällt unmittelbar die Vielzahl der Bezeichnungen
3
und Begriffe auf. So sprechen manche Autoren neben Nutzwertjournalismus von
Service, Ratgeberjournalismus oder auch Verbraucherjournalismus. Ferner werden
diese Begriffe teilweise synonym benutzt, teilweise werden von Autoren differenziertere
Definitionen zur Abgrenzung eingeführt. Um der Gefahr von Missverständnissen nach
Möglichkeit zu entgehen, soll im folgenden kurz dargestellt werden, was in der
vorliegenden Arbeit mit dem Begriff Nutzwertjournalismus bezeichnet werden soll.
Zunächst einmal kann der zu beschreibende Komplex Nutzwertjournalismus, wie auch
immer er benannt wird, folgendermaßen abgegrenzt werden: „Das maßgebliche
Unterscheidungsmerkmal
des
Nutzwertjournalismus
gegenüber
anderen
journalistischen Formen ist seine dominierende Kommunikationsabsicht, die den Leser,
Zuhörer oder Zuschauer (Rezipienten) in einer Handlungsabsicht unterstützt.“1 Auch
Wolff zielt auf diese Abgrenzung ab, wenn er unabhängig von der jeweiligen Benennung
feststellt, dass es „immer um konkrete und nützliche Informationen für bestimmte
Lebenslagen der Leser“2 geht. Ziel ist es demzufolge den Rezipienten in die Lage zu
versetzen, ein konkretes Problem (des Rezipienten), mit den geeigneten Mitteln, in der
Form zu lösen, dass das gewünschte Ergebnis erreicht wird. Mit anderen Worten, der
nutzwertjournalistische Beitrag sollte dem Leser helfen eine Handlung zu vollziehen und
einen individuellen Nutzen daraus zu ziehen.
Wolff unternimmt es auch die von ihm so genannten Servicethemen in ihrem Verhältnis
zum „relevanten Journalismus“3 als einen Teil davon zu verorten, indem er
Servicethemen in Beziehung zum Nachrichtenbegriff bringt. Demnach können
Serviceinformationen durchaus als Nachrichten verstanden werden, sofern sie sich
„um ein aktuelles Ereignis ranken“4. Diese Feststellung hat weiteren Einfluss
auf
das
grundsätzliche
Nutzwertjournalisten.
Verständnis
Wie
des
schon
Nutzwertjournalismus
festgestellt
sowie
unterscheidet
des
sich
Kommunikationssituation des Nutzwertautors grundlegend von anderen Journalisten,
hinsichtlich seiner Rolle als „aktiver Ratgeber, der unter Umständen sogar in das Leben
1
Eickelkamp (2004)
2
Wolff (2006): S. 246
3
Wolff (2006): S. 246
4
Wolff (2006): S. 247
4
seiner Leser eingreift.“5 Dieses setzt voraus, dass der Nutzwerttexter eine eigene
Meinung hat und diese glaubwürdig vertritt, denn wie sollte der Leser einem Autor in
den Fragen seines Lebens vertrauen, wenn er den Autor nicht einzuschätzen weiß. Aus
diesen Ausführungen wird eine weitere Eigenschaft des Nutzwertjournalismus deutlich,
die, vor allem in Deutschland, zumeist streng geforderte Trennung von Tatsachen- und
Meinungsbeiträgen ist im Nutzwertjournalismus in dieser Form, aufgrund der
spezifischen Anforderungen nicht zu leisten.6
Eickelkamp identifiziert drei mögliche Funktionen für Nutzwertjournalismus: „Hinweise
geben, Orientierung verschaffen, Rat geben“7, wobei diese drei Funktionen häufig
miteinander verbunden sind. Mit der Hinweisfunktion werden zum einen Informationen
zur weiterführenden Informationsbeschaffung für die Rezipienten geliefert, zum anderen
werden Informationen wie Veranstaltungshinweise, oder Öffnungszeiten usw. darunter
gefasst. Die Orientierungsfunktion verschafft einen Überblick über Möglichkeiten und
Alternativen in konkreten thematischen Situationen. Schließlich die Ratgeberfunktion,
bei der es um konkrete Handlungsempfehlungen für den Rezipienten geht.8
Anhand
dieser
Betrachtungen
wird
deutlich,
dass
die
Bezeichnung
Ratgeberjournalismus (häufig synonym mit Nutzwertjournalismus gebraucht) für das zu
untersuchende Phänomen insofern ungeeignet ist, als das es die eine der drei
möglichen Funktionen zu sehr hervorhebt. Ferner sieht Eickelkamp eine veraltetes
asymmetrisches Medienkonzept in diesem Begriff repräsentiert und schlägt deshalb
vor, den Begriff überhaupt nicht mehr zu verwenden.9 Verbraucherjournalismus
unterscheidet sich insofern vom Nutzwertjournalismus, als dass die Verengung auf
verbraucherrelevante Themen nur zum Teil mit den Themen des Nutzwertjournalismus
identisch ist.10 Schließlich das Verhältnis von Service und Nutzwert. Hier ist die
Unterscheidung weniger trennscharf und eindeutig, als das bei den anderen erwähnten
Begriffen der Fall war. So sind sich denn die Autoren auch uneins und Verweisen auf
eher quantitative (Eickelkamp), oder eher semantische (Wolff) Motive, sich für die eine
5
Fasel (2004): S. 57
6
Vgl. Wolff 82006): S. 125
7
Eickelkamp (2004)
8
Vgl. Eickelkamp (2004)
9
Vgl. Eickelkamp (2004)
10
Vgl. neben Eickelkamp (2004) auch Wolff (2006)
5
oder andere Bezeichnung zu entscheiden. Wolff verwirft den Begriff Nutzwert, mit dem
Hinweis darauf, dass er zu unspezifisch sei, da streng genommen jeder journalistische
Beitrag einen Nutzen für den Leser bringen sollte. Offenbar scheint ihm Service durch
die Implikation ‚Dienst am Leser’ geeigneter. Doch zum einen ist mit Nutzwert etwas
anderes gemeint als Nutzen (siehe unten) und zum anderen kann in diesem
Verständnis auch Service als Dienst am Leser zum Kriterium für nahezu jedes
journalistische Erzeugnis werden. Eickelkamp sieht vor allem die Kürze von
Servicebeiträgen als das entscheidende Charakteristikum zur Unterscheidung vom
Nutzwertjournalismus,
sieht
allerdings
dass
dieses
Kriterium
keine
eindeutige
Unterscheidung zulässt. Ferner könnte man gegen diese Argumentation Wolffs
Beschreibung des „Servicefeatures“11 anführen. Es scheint, als handle es sich bei
Servicejournalismus und Nutzwertjournalismus um das Gleiche. Nichtsdestoweniger
soll in dieser Arbeit der Begriff Nutzwertjournalismus verwendet werden. In erster Linie,
da der Begriff Nutzwert als Qualitätsmerkmal des journalistischen Beitrags sowie zu
Präzisierung der Kommunikationsabsicht besser geeignet schein als Service.
Zum Schluss dieser ersten kurzen Einordnung, muss noch kurz auf den Begriff
Nutzwert und dessen Bedeutung eingegangen werden. Was ist nun also Nutzwert? Wie
die Einschätzung Wolffs (siehe oben) gezeigt hat, legt der Begriff Nutzwert den
Kurzschluss nah, ihn mit dem Begriff Nutzen gleich zu setzen. Doch sollten diese
beiden Begriffe unterschieden werden. Desgleichen handelt es sich bei Nutzwert nicht
um den „Wert des Nutzens“ (im Sinne von der Menge des Nutzens) eines
journalistischen Beitrags. Nichtsdestoweniger hat Nutzwert natürlich eine Verbindung
zum Nutzen. Eickelkamp spricht im Falle des Nutzwertjournalismus vom praktischen
Nutzen als der bestimmenden Nutzenart, sprich des Nutzen, den ein Mediennutzer aus
einem Medienerzeugnis gewinnen kann.12 Nutzen beschreibt also ein Phänomen auf
der Rezipientenseite der medialen Kommunikation, Nutzwert hingegen setzt auf der
Seite des Produzenten, sprich des Journalisten, an und beschreibt in diesem Sinne ein
Merkmal eines journalistischen Erzeugnisses. Das folgende Zitat bringt das Verhältnis
der Begriffe abschließend noch einmal kurz auf den Punkt: „Die drei Begriffe
Nutzwertjournalismus, Nutzwert und Nutzen kann man nun zusammengefasst sinnvoll
wie folgt gebrauchen: Der Nutzwert-Journalist erstellt Beiträge mit Nutzwert bzw. er
11
Wolff (2006): S. 260
12
Vgl. dazu Eickelkamp (2004)
6
bietet den Lesern, Zuschauern und Zuhörern Nutzwert an. Der praktische Nutzen
entsteht, wenn der Rezipient das Angebot zu seinem Vorteil umsetzt.“13
3. Themenfindung und Themenverarbeitung im Nutzwertjournalismus
Wie oben erwähnt unterscheidet sich der Nutzwertjournalismus gegenüber anderen
journalistischen
Formen
maßgeblich
durch
seine
dominierende
Kommunikationsabsicht, welche den Rezipienten in einer Handlungsabsicht unterstützt
(vgl. Eickelkamp 2004). Diese Tatsache hat natürlich auch Einfluss auf die
Themenfindung im Nutzwertjournalismus. Nicht der „Strom der Agenturmeldungen“
(Wolff 2006: 252) stehen im Mittelpunkt, sondern die Interessen, Fragen und Anliegen
der Leser (bzw. Hörer oder Zuschauer). Deshalb stellt sich für jeden Autor zuerst die
Frage: „Für wen schreibe ich?“ Denn nur wer sein Publikum kennt, kann auf dieses
eingehen und dessen Fragen in adäquat beantworten14. Bleibt also festzuhalten, die
Themen im Nutzwertjournalismus werden von den Anliegen der zu erreichenden
Rezipienten bestimmt.
Betrachtet man die Aussagen zum Komplex „Themenfindung“ etwas genauer, dann fällt
ein Widerspruch in der Einschätzung auf. So ist es für Wolff (2006) ein
„Auswahlproblem“ unter der Voraussetzung „die Zielgruppe ist identifiziert“ (S. 255),
während Fasel (2004) „die enge Bandbreite ihrer Themen“ als „ein Grundproblem“ (S.
82) aller Nutzwertautoren identifiziert. Wie kommt es zu derart unterschiedlichen
Einschätzungen hinsichtlich der Themenvielfalt bzw. Themenverengung? Die Antwort
hat mit den unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Autoren zu tun. Zuerst ist zu
sagen, dass Wolff sein Konzept von Service und welche Informationen darunter im
konkreten Fall zu subsumieren sind, sehr weit ausdehnt (als Beispiel seien an dieser
Stelle nur die von Wolff erwähnten Aktienschlusskurse angeführt, denen er neben dem
13
Eickelkamp (2004)
14
Sowohl Fasel (2004) als auch Wolff (2006) beschreiben Möglichkeiten, die Journalisten haben, um
sich ein fundierteres Bild von „dem Leser“ zu machen.
7
Informationswert auch einen Servicewert im dem Sinne zugesteht, dass diese
Information Privatanleger in ihrer Finanzplanung unterstützten). Ferner hat Wolff bei
seiner Beschreibung der Themenfindung mutmaßlich eher die Serviceseiten von Lokalund Regionalzeitungen vor Augen wenn er beispielhaft an großen Themenkomplexen
vorführt, welche praktischen Möglichkeiten sich dem Journalisten dabei bieten. Vielfach
wird in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, wie (lokale und regionale)
Nachrichten durch gezielte Recherche mit Nutzwert angereichert werden können (zum
Beispiel am Themenkomplex „Bauen und Wohnen“).15 Demgegenüber hat Fasel in
seiner Betrachtung eher die Situation in Redaktionen von Special-Interest-Zeitschriften
vor Augen, von denen bestimmte Themen, in nahezu jeder Ausgabe behandelt und
bearbeitet werden müssen.16 Diesen Gedanken der Verengung der thematischen
Bandbreite in Special-Interest-Zeitschriften soll in den folgenden Abschnitten noch
etwas genauer nachgegangen werden.
Vorerst bleibt festzuhalten, dass die Situation in der sich ein Autor hinsichtlich der
Themenfindung in verschiedenen Medien qualitativ unterschiedlich darstellt. So ist es
denn für den Redakteur, der für die Service- bzw. Ratgeberseite einer Lokalzeitung
zuständig ist, ein Auswahlproblem, ob der vielen Möglichkeiten, während ein Autor bei
der Zeitschrift ESSEN & TRINKEN
jeden Mai um einen guten Beitrag zum Thema
Erdbeeren ringen muss.17
3.1. Themenverengung in nutzwertigen Zeitschriften
Christoph Fasel überschreibt ein Kapitel zur Themenfindung im Nutzwertjournalismus
bezeichnenderweise mit „Es gibt nichts Neues“18 und legt damit den sprichwörtlichen
Finger in die Wunde eines jeden Nutzwerttexters in der Redaktion einer nutzwertigen
Special-Interest-Zeitschrift. Denn in der Tat erscheint es logisch, dass es kein bzw. kaum
ein Thema gibt, welches im Laufe der Zeit in dieser Redaktion noch nicht eingehend
behandelt worden wäre. Die Verengung der Bandbreite bzw. die Redundanz der
15
Vgl. dazu Wolff (2006): S. 246 ff
16
Vgl. dazu Fasel (2004): S. 82f
17
das Beispiel aus Fasel (2004): S. 82f
18
Fasel (2004): S. 82
8
Themen steigt zusätzlich mit der Dauer des Bestehens der Zeitschrift. Es also für den
Autor von Nutzwerttexten nahezu ausgeschlossen, ein neues Thema zu bearbeiten. Es
gibt allerdings auch durchaus praktische sowie funktionale Gründe bestimmte Themen
in spezifischen Zeitschriften immer wieder aufzugreifen. So formuliert Gringer in einer
Seminararbeit
zum
Thema
„Wiederkehrende Themen
und
Schreibanlässe
in
Zeitschriften“19 einige Gründe, welche Zeitschriftenredaktionen dazu veranlassen auf
bestimmte Themen immer wieder zurückzugreifen. Diese Gründe sind demnach
Lesertreue, Leserinteresse, Leserfluktuation, Saison, neue Erkenntnisse (darunter
fallen
auch
Veränderungen
der
gesetzlichen
Rahmenbedingungen
usw.),
Redaktionsspezifikation, das eigene Image der Redaktion und schließlich der schon
besprochene Mangel an neuen Themen20. Der letzte Punkt verweist allerdings auch auf
eine spezifische Eigenschaft von Special-Interest-Zeitschriften, deren Anspruch es ja
gerade ist, sich eines bestimmten thematischen Komplex anzunehmen und diesen in
aller Ausführlichkeit und Tiefe journalistisch zu ‚beackern’. Der kleinere Themenpool ist
demnach geradezu ein konstituierendes Merkmal von Inhalten in Special-InterestZeitschriften.
Es hat sich gezeigt, die Einschätzung, dass es nichts Neues gebe, ist hinsichtlich der
Themen in Special-Interest-Zeitschriften durchaus berechtigt. Allerdings schließt sich
damit unweigerlich die Frage an: Wie können Redaktionen den verständlichen
Anspruch, nach immer wieder abwechslungsreicher Unterhaltung der Leser, vor dem
Hintergrund sich wiederholender Themen einlösen? Die Antwort lautet schlicht und
ergreifend: „Wenn es also für den Nutzwerttexter nichts Neues gibt, dann muss er das
Alter immer wieder aus einem neuen Blickwinkel betrachten.“21 Mit anderen Worten, das
Gleiche (Thema) immer wieder anders (präsentieren)! Welche Möglichkeiten zur
Variation bestehen wird weiter unten, unter
4. Matrix zur Themenbearbeitung,
beschrieben. Doch zuvor soll noch ein kurzer Blick auf das Themenspektrum der
Familienzeitschriften ELTERN und FAMILIE & CO geworfen werden.
19
Die folgenden Gedanken und Zitate sind besagter Arbeit von Juliane Gringer entnommen. Vgl.
dazu http://www.nutzwertjournalismus.de/uni/intern/GringerHA_SS03.pdf (Internetquelle)
20
Vgl. Gringer: S. 4
21
Fasel (2004): S. 85
9
3.1. 1. Das Themenspektrum in Familiezeitschriften
Vergleicht man die redaktionellen Konzepte bzw. den redaktionellen Anspruch der
Zeitschriften ELTERN22 sowie FAMILIE & CO23 miteinander, fällt es nicht schwer die
Übereinstimmungen und Parallelitäten zu erkennen. Beide Redaktionen haben es sich
zur Aufgabe gemacht Familien mit Kindern zu begleiten und zu unterstützen. Ob der
Ähnlichkeit bzw. Gleichheit der Konzepte, richten sich auch beide Zeitschriften an den
gleichen Leserkreis (an die gleiche Zielgruppe), nämlich Eltern mit Kindern zwischen 0
und 14 Jahren (bei ELTERN kommen noch Schwangere und Paare mit Kinderwunsch
dazu) Die Zeitschriften erheben dabei den Anspruch kompetente Ratgeber zu sein24.
Die Zeitschriften behandeln also nahezu alle Themen, die Eltern interessieren können.
Das reicht vom Kinderwunsch und Schwangerschaft (in ELTERN), über die Erziehung und
Entwicklung von Babys und Kleinkindern, von Kinderbetreuung und Themen des
Familienalltags über Gesundheit, Ernährung und Partnerschaftsprobleme welche durch
das Zusammenleben mit Kindern entstehen können, bis zur Rolle der Väter und
kindgerechten Freizeitgestaltung. Ziel der Zeitschriften ist es, wie schon erwähnt, Eltern
mit Rat und Unterstützung beiseite zu stehen und sie in ihrer Entscheidung für das
Leben mit Kindern zu unterstützen.
Dieser kurze Überblick, bzw. diese kurzen Beschreibungen werden den beiden
Zeitschriften natürlich nicht annähernd gerecht. Denn beide Medien unterscheiden sich
in ihren spezifischen Eigenschaften selbstredend voneinander. Mit dem Hinweis auf die
Gemeinsamkeiten wurde vielmehr versucht das Problemfeld Verkleinerung des
Themenpools, welches in den vorherigen Abschnitten erläutert wurde, an den für diese
Arbeit relevanten Publikationen zu verdeutlichen. Mit dem Blick auf die oben
angeführten Gründe für wiederkehrende Themen in Zeitschriften lässt sich folgendes
22
Vgl. unter: http://www.guj.de/index2.php4?/de/produkte/zeitschrift/zeitschriftentitel/eltern.php4
23
Vgl. unter: http://www.familie.de/detail/0/217/
24
Vgl. Lisson unter: http://www.nutzwertjournalismus.de/uni/intern/HALisson.pdf bei
diesem Text handelt es sich um eine Seminararbeit im Seminar „Nutzwertjournalismus in Zeitschriften“ das
im Wintersemester 2004/05 an der Universität Leipzig stattgefunden hat.
10
festhalten. Die Themen der beiden Zeitschriften ELTERN sowie FAMILIE & CO sind insofern
begrenzt, als das sie uni sono einen Bezug auf das Leben mit Kindern haben müssen.
Einerseits werden Kinder älter, andererseits werden neue Kinder geboren (was
bedeutet, Menschen werden Eltern und gehören damit zur Zielgruppe der Zeitschriften),
all das wurde weiter oben unter Leserfluktuation zusammengefasst. Sicherlich ließen
sich in einer eingehenden Analyse über Themenhäufigkeit und Themenwiederholung in
Familienzeitschriften noch andere Gründe und Zusammenhänge finden, doch für diese
Arbeit reicht es klar gemacht zu haben, dass die Redaktionen der beiden Zeitschriften
mit dem Problem der Verengung der thematischen Bandbreite konfrontiert sind. Im
nächsten Abschnitt soll nun eine Antwort auf die oben aufgeworfene Frage: „Wie
realisieren Autoren die Forderung: Das Gleiche aber immer anders? angeboten werden.
4. Matrix zur Themenbearbeitung
Die Betrachtungen zur Problematik der Themenfindung nutzwertiger Beiträge hat
gezeigt, dass es trotz der scheinbaren Wiederkehr des immer Gleichen, nötig ist,
Themen immer wieder „neu“, oder zumindest in „neuer Form“ zu präsentieren. Aber
wie?
Fasel bietet zur Lösung dieses Problems eine differenzierte Antwort. Er entwickelt eine
dreidimensionale Matrix, welche es dem Nutzwertautor (ganz nebenbei sei hier
erwähnt, dass diese Matrix sicher auch bei anderen Formen des Journalismus
gewinnbringend eingesetzt werden könnte) ermöglichen soll, sein jeweiliges Thema
systematisch in die gewünschte Richtung hin zu bearbeiten und den zu schreibenden
Beitrag von Anfang an entsprechend zu planen und zu entwerfen25. Das Modell ist
dabei denkbar einfach, so kann man jedes Thema unter verschiedenen Blickwinkeln
betrachten bzw. verschiedene Blickwinkel zu einem Thema finden, indem der Autor es
einfach nach Küchenzuruf, Interessenkategorie und Darstellungsform differenziert.
Nachfolgend sollen diese drei Begriffe noch einmal kurz erläutert werden.
25
Vgl. Fasel (2004): S. 89
11
4.1. Der Küchenzuruf
Das Konzept des Küchenzurufs geht auf den Gründer und Chefredakteur des STERN,
Henri Nannen, zurück. Damit soll ein elementarer Anspruch an jeden journalistischen
Text zum Ausdruck gebracht werden. Kurz gesagt handelt es sich beim „Küchenzuruf“
um jene Fähigkeit des journalistischen Textes bzw. Beitrages, den Leser, Hörer oder
Zuschauer in die Lage zu versetzen, nach einmaligem Lesen, Hören oder Sehen, die
entscheidende Aussage, die Kernbotschaft
in zwei bis drei kurzen Sätzen, in
wiederzugeben26.
Das ursprüngliche Konzept des „Küchenzuruf“ zielte auf medienpraktische Aspekte ab.
Es ermahnte Journalisten dazu, sich über die Relevanz und die Notwendigkeit ihrer
Beiträge vor deren Produktion klar zu werden. Nicht zuletzt soll Fasels Modell den
Autoren nutzwertiger Beiträge helfen ihre Themen angemessen zu planen und bei
Redaktionsbesprechungen darzustellen. Bei der folgenden Analyse sollen die von den
Autoren intendierten Küchenzurufe der zu untersuchenden Beiträge rekonstruiert
werden, um in Erfahrung zu bringen, unter welchen verschiedenen Blickwinkeln ein
Thema in der praktischen Umsetzung betrachtet werden kann. Dazu soll der
Standpunkt als Leser eingenommen werden. Inwiefern der vom Leser identifizierte
Küchenzuruf tatsächlich dem vom Autor intendierten übereinstimmt kann dabei im
Einzelfall
nicht
bestimmt
werden.
Doch
erscheint
dieses
Vorgehen
insofern
gerechtfertigt, als das der Autor ja gerade beabsichtigt eine spezifische Reaktion beim
Leser auszulösen.
Auf die Deutlichkeit der jeweiligen Küchenzurufe der untersuchten Beträge soll unten,
im Einzelfall noch genauer eingegangen werden.
26
Vgl. Fasel 2004; S. 64f
12
4.2. Die Interessenkategorien
Wie gesehen ist das Themenspektrum im Nutzwertjournalismus, zumal in SpecialInterest-Zeitschriften, eher begrenzt. Aus diesem und anderen oben erwähnten
Gründen kommt es zu thematischen Wiederholungen in den entsprechenden Medien.
Warum also soll der Leser immer wieder zu diesem Blatt greifen, wenn sich die Themen
doch öffters wiederholen? Zu der Möglichkeit Variationen durch die unterschiedlichen
Küchenzurufe zu erzielen, tritt diejenige der Anwendung der Interessenkategorien,
welche auf das Modell des „Nachrichtenwerts“ verweist.27 Es handelt sich dabei um
jene Kriterien, die einen journalistischen Text für Leser interessant machen.
Nachfolgend
sollen
die
neun
Interessenkategorien
kurz
genannt
auf
ihre
Einsatzmöglichkeiten im Nutzwertbereich hin beleuchtet werden:28
−Aktualität
Bezeichnet alles, was neu ist und reizt zur Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit.
Schließlich könnten sich durch Veränderungen der Ausgangslage Konsequenzen für die
Rezipienten ergeben, je nachdem wie schnell sie davon erfahren.
−Die
Störung des Alltäglichen
Nicht das Alltägliche erregt die Aufmerksamkeit der Menschen, sondern eben gerade
das, was diesen alltäglichen Trott durchbricht (hierunter zählen unter anderem neue
Erkenntnisse zu bekannten Tatbeständen).
−Superlative
Hierunter sind interessante Zahlen, Daten, Fakten und ungewöhnliche Lösungen zu
Problemen welche die Leser staunen lassen.
−Direkter
Nutzwert
Konkrete Ratschläge zur Bewältigung einer Situation. Hier liegt der Nutzwert
gewissermaßen in seiner klarsten Form vor.
27
28
Fasel (2004): S. 83
Die spezifische Einteilung der Interessenkategorien kann in verschiedenen Darstellungen
variieren. Die hier vorgestellte Einteilung ist aus Fasel (2004): S. 83f übernommen.
13
−Geographische
Nähe
Es ist anzunehmen, dass sich die Leser für Dinge, welche sich in ihrer unmittelbaren
Nachbarschaft ereignen, mehr interessieren, als für jene, die sich in anderen Teilen der
Welt ereignen.
−Persönliche
Betroffenheit
Eine der wichtigsten Kriterien um Nutzwertthemen zu lesen. Der persönliche Bezug auf
die Situationen und Probleme der Leser ist, wie oben dargestellt eine der wichtigsten
Besonderheiten des Nutzwertjournalismus.
−Emotion
Schrecken, Rührung, Mitgefühl – die emotionale Aktivierung der Leser ist im Nutzwert
vor allem dann wichtig und hilfreich, wenn die anderen Interessenkategorien nicht in
ausreichendem Maße das Interesse wecken.
−Menschen
und Klatsch
Personalisierung des Themas, das menschliche Bedürfnis mehr über andere zu
erfahren hilft auch Nutzwerttexte interessanter zu gestalten, indem es dem Text
plastischer, nachvollziehbarer und menschlicher macht.
−Unterhaltung
Neben der Information sollen die Rezipienten mit Nutzwertbeiträgen auch unterhalten
werden. Schließlich liest man einen Beitrag wahrscheinlich um so lieber, wenn er neben
fundierten Informationen zu vermitteln, auch noch angenehm unterhält.
Um nun die drei Dimensionen aus Fasels Matrix zu komplettieren werden im nächsten
Abschnitt
die
journalistischen
Darstellungsformen
und
Nutzwertjournalismus im Mittelpunkt des Interesses stehen.
4.3. Die Darstellungsform
14
ihre
Eignung
für
den
Die Frage nach der angemessenen Darstellungsform für Nutzwertthemen wurde bisher
noch nicht erörtert. Deshalb soll das an dieser Stelle kurz getan werden. Betrachtet
man die Anforderungen, welche an einen nutzwertjournalistischen Beitrag gestellt
werden, und vergleicht sie damit, was die gängigen journalistischen Darstellungsformen
zu leisten im Stande sind, fällt auf, dass keine Form dem Anforderungsprofil in vollem
Umfang
entspricht.
Schon
Wolff
hatte
festgestellt,
dass
es
sich
bei
Nutzwertinformationen (bei Wolff wie geschildert als Service benannt) um eine
bestimmte Art von Informationen handelt und nicht um eine spezielle journalistische
Darstellungsform handel.29 Wolff folgert daraus, dass ähnlich der Aufbereitung einer
Nachricht, viele Darstellungsformen geeignet sind. Wenngleich sich nicht alle dieser
Darstellungsformen in gleicher Weise für die Umsetzung von Nutzwertthemen eignen.
Wolff kommt schließlich zu der Schlussfolgerung, dass in Verbindung mit Kästen,
Tabellen und Grafiken (Wolff bezieht sich wie erwähnt auf den von ihm weit gefassten
Service) vor allem „Meldungen und besonders aufbereitete Features“30 für Nutzwert
geeignet sind. Auch Fasel stellt sich natürlich die Frage, welche Darstellungsform für
die Bearbeitung und Aufbereitung von Nutzwertthemen am besten eingesetzt werden
kann. Aus diesem Grund betrachtet er alle gängigen journalistischen Textsorten
hinsichtlich ihrer Eignung die besondere Kommunikationssituation nutzwertiger Themen
umzusetzen.31 Er erkennt, wie Wolff, die Eignung des Features, als Textsorte. Ferner
sieht Fasel die Möglichkeit Interviews, wenn sie entsprechend aufbereitet sind, zum
Transport von Nutzwert einzusetzen, wohingegen er die Meldung (die hier allerdings als
Nachricht bezeichnet wird) als unbrauchbar einstuft.32
Wie gesehen, wird dem Feature als Textsorte mit entsprechender Aufbereitung die
prinzipielle Eignung für den Nutzwertjournalismus zugesprochen. Wolff geht soweit für
diese nach den Maßgaben gestalteten Features den Begriff des „Servicefeatures“33
einzuführen. Fasel legt sich in seiner Beschreibung nicht derart fest. Er versucht eher,
die
etablierten
Darstellungsformen
29
Vgl. Wolff (2006): S. 247
30
Wolff (2006): S. 251
31
Fasel (2004): S. 57f
32
Fasel (2004): S. 58
33
Wolff (2006): S. 260
unter
15
Berücksichtigung
der
speziellen
Anforderungen: Orientierung, Hintergrund und Nutzwert auf ihre Möglichkeiten der
Funktionalität hin zu befragen. Das Ergebnis ist, dass Nutzwert sich nicht auf eine
Darstellungsform naben anderen beschränken bzw. begrenzen lässt, vielmehr werden
für den Nutzwert die gängigen Muster insofern verändert und kombiniert, dass sie für
die spezifische Kommunikationssituation brauchbar werden. Es wird sich unten in der
Analyse zeigen, welche Darstellungsformen die Autoren verwenden, wie sie diese
einsetzen, um welchen Zweck zu dienen.
5. Die Analyse einiger Beiträge aus den Zeitschriften „ELTERN“ und „FAMILIE & CO“
In diesem Abschnitt sollen nun die theoretisch erarbeiteten Begriffe und Inhalte an
einigen Beiträgen aus den Familienzeitschriften ELTERN und FAMILIE & CO analytisch
angewendet werden. Besonderes interessant ist dabei, inwiefern Unterschiede in der
Ausprägung der drei Dimensionen der Matrix vorhanden sind, und welche
Konsequenzen sich daraus ergeben. Natürlich ist auch danach zu fragen, ob und in
welcher Form die für den Nutzwert relevanten Funktionen - Hinweise geben,
Orientierung verschaffen und Rat geben – vom Text geleistet werden bzw. vom Autor im
Text angelegt sind.
Die Beiträge beschäftigen sich alle, auf jeweils spezifische Weise mit dem
Themenkomplex „Erziehung“. Es verwundert nicht, dass Erziehung hoher Stellenwert
zukommt in Zeitschriften, deren erklärter Anspruch es ist Familien mit Kindern zu
unterstützen und zu beraten. In der Tat haben beide Zeitschriften entsprechende
Rubriken FAMILIE & CO „Erziehung“ und ELTERN „Entwicklung und Erziehung“. Es leuchtet
ein, das „Erziehung“ als Thema zu umfangreich ist, als dass es in einer Arbeit dieses
Umfangs auch nur annähernd adäquat betrachtet werden könnte. Deswegen soll das
Thema weiter eingegrenzt werden. So kann das gemeinsame Thema der hier
versammelten
Beiträge,
zugegeben
etwas
kryptisch,
benannt
werden
mit:
„Erziehungsfallen34 umgehen und wie man es besser macht!“ Folgende Beiträge
34
Begriffe wie Erziehungsfallen, Erziehungstaubheit usw. gehören zum Standardrepertoire von
Texten in Familienzeitschriften, sie werden dort zumeist ohne weitere Erläuterung verwendet, was darauf
schließen lässt, dass die Begriffe einerseits sich selbst in ihrer Bedeutung erklären, andererseits von den
16
werden betrachtet: Was besser wirkt als jede Strafe“ von Hans Grothe35, „Liebe Eltern:
Einfach mal ruhig sein“ von Ulla Arens36, „Viel Lärm hilft wenig“ von Hans Grothe37, ,
„Erziehen wie früher?“ von Martina Radloff38„Wieviel Strenge sein muss“ von Almut
Siegert39 und „Wie oft soll ich noch...“ von Almut Siegert40. Sowohl zeitliche Nähe des
Erscheinens der Artikel, als auch das es sich teilweise um die gleichen Autoren handelt,
ist durchaus beabsichtigt. Zum einen kann damit gezeigt werden wie oft dieses Thema
in den angesprochenen Zeitschriften erscheint, zum anderen soll sich zeigen, wie
Autoren gleiche bzw. ähnliche Themen in kurzen Zeitabständen umsetzen.41
5.1. Die Küchenzurufe der Texte
Als erstes sollen nun versucht werden, die jeweiligen Küchenzurufe der Beiträge zu
rekonstruieren bzw. sie aus der Haltung des Lesers heraus zu benennen. Zunächst
sollen die beiden Texte von Hans Grothe betrachtet werden. In beiden Texten geht es
um das Falsch und Richtig bei Kindererziehung, insofern haben die Beiträge
spezifische Erziehungsfallen zum Thema. „Was besser wirkt als jede Strafe“ trägt die
thematische Spezifizierung schon im Titel gemeinsam mit der Ankündigung bessere
Alternativen aufzuzeigen (doch dazu später mehr). Der bzw. ein Küchenzuruf zu diesem
Text könnte lauten: „Strafen nützen nicht! Besser ist es gelassen zu bleiben und die
Kinder abzulenken!“ Sicherlich können andere Küchenzurufe gefunden werden, doch
sollte bei dem hier gewählten die inhaltlich wichtigen Aspekte benannt worden sein. Der
zweite Artikel von Grothe behandelt ebenfalls eine Erziehungsfalle, nämlich das
Phänomen der sogenannten Erziehungstaubheit bei Kindern. Der Küchenzuruf könnte
wie folgt lauten: Kinder anschreien führt auf Dauer zu nichts, deshalb lieber nicht warten
Autoren als von den Lesern bekannt vorausgesetzt werden können.
35
Eltern 06/2007: S. 85
36
Eltern 11/2007: S. 71
37
Eltern 02/2008: S. 83
38
Familie & Co 05/2007: S. 19
39
Familie & Co 07/2007: S. 23
40
Familie & Co 10/2007: S. 81
41
Es muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass die hier versammelten Beiträge kein soll eng
begrenztes Thema verbindet, wie es in Fasel (2004): S. 90ff zur Illustration seiner Matrix beispielhaft am
Thema „Basteln mit Eierkartons“ vorgeführt hat. Allerdings ging es Fasel in seiner Darstellung auch eher um
den Nachweis der Nutzbarkeit seines Modell, als um den Versuch es zur Analyse nutzwertiger Texte
einzusetzen.
17
bis man explodiert, sondern vorher reagieren!“ Unweigerlich fällt die strukturelle und
inhaltliche Ähnlichkeit der beiden Küchenzurufe auf (trotz der leichten Abweichung auf
der inhaltlich thematischen Seite). Es wird im weiteren Verlauf zu untersuchen sein, wie
der Autor für Abwechslung gesorgt hat.
Als nächstes sollen die beiden Beiträge von Almut Siegert betrachtet werden. Zunächst
„Wieviel Strenge sein muss“: Der Küchenzuruf zu diesem Text könnte lauten: „Kinder
verwöhnen oder Grenzen setzen? Auf das richtige Maß kommt es an!“ Als Küchenzuruf
zum Text „Wie oft soll ich noch...“ kann eine Abwandlung des Mottos des Beitrags
dienen: „Unklare Botschaften, undurchführbare Strafen, häufig gemachte Ausnahmen –
Eltern müssen konsequent und ehrlich sein, um die klassischen Erziehungsfallen zu
umgehen.“ Auch hier ist eine gewisse Ähnlichkeit nicht zu übersehen. Wenngleich an
den Küchenzurufen der unterschiedlich ausgeprägte (wenn man so will) analytische
Ansatz deutlich wird, mit dem sich die Autorin jeweils dem Thema nähert.
Zu Ulla Arens' „Liebe Eltern: Einfach mal ruhig sein!“ kann der Küchenzuruf lauten
(wieder in Anlehnung an das Motto des Textes): „Mit seinen Kindern reden ist wichtig,
doch nicht alles muss erklärt werden! Viele Worte verwirren Kinder oft, deshalb
Ermahnungen und Anweisungen besser kurz und klar ans Kind bringen!“ Dieser
Küchenzuruf verbindet das schon bekannte Muster des Gebots von klarer und
konsequenter Ansprache der Kinder mit dem verständlichen Wunsch vieler Eltern mit
ihren Kindern zu kommunizieren und sie vom besseren zu überzeugen. Die Autorin
greift also eine verständliche Sorge der Eltern auf, um sie, mit dem bekannten Muster
verbunden, auszuräumen. Ein neuer Blickwinkel (zumindest innerhalb der hier
ausgewählten Texte).
Schließlich „Erziehen wie früher?“ von Martina Radloff. „Früher war nicht alles besser,
dennoch können Eltern heute noch viel von Oma und Opa lernen!“ In diesem Text wird
versucht die Brücke zwischen Heute und Gestern (vielleicht sogar Vorgestern)
hinsichtlich der Kindererziehung zu schlagen. Ziel ist es, das teilweise verschüttete
Wissen der älteren Generation, für moderne Anforderungen fruchtbar und nutzbar zu
machen. Sozusagen im besten Sinn etwas altes wieder neu!
Der Vergleich der Küchenzurufe zu den jeweiligen Texten zeigt, das einige sehr ähnlich
18
sind und sich lediglich graduell unterscheiden, zum Beispiel durch die Konzentration auf
einen spezifischen Teilaspekts innerhalb des Themenkreises (Grothe). Andere hingegen
versuchen das Thema aus einen neuen Blickwinkel zu betrachten, indem sie das
Thema mit einem anderen Aspekt verbinden, mögliche Vorbehalte der Leser (Arens),
oder auch der Blick in die Vergangenheit (Radloff). Es zeigt hieran, dass sich die von
Fasel beispielhaft am Thema „Basteln mit Eierkartons“ vorgeführten Strategien, den
Küchenzuruf zu variieren auch in der Praxis nachweisen lassen42. Es stellt sich in
diesem Zusammenhang ohnehin die Frage, ob die Bandbreite möglicher Küchenzurufe
durch etwas anderes als das Thema begrenzt ist, oder ob die Dimensionen
Küchenzuruf im Gegensatz zu den anderen beiden als prinzipiell offen (hinsichtlich der
Zahl möglicher Alternativen) zu betrachten ist43. Im nächsten Abschnitt sollen die
Interessenkategorien der Texte untersucht werden.
5.2. Die Interessenkategorien der Texte
Bei den Interessenkategorien, die den betrachteten Texten zugeordnet werden können,
fällt eines unmittelbar ins Auge: ausnahmslos kann die persönliche Betroffenheit der
Leser als Grund des Interesses angenommen werden. Schon der Rahmen der
Veröffentlichung der Beiträge in Familienzeitschriften, als auch der Themenkomplex
Kindererziehung deuten darauf hin. Zielgruppe der Zeitschriften Eltern, welche Rat und
Unterstützung suchen, und Erziehung ist sicher eines der wichtigsten Themen, das
Eltern interessiert. Allgemein könnte an dieser Stelle gefragt werden, inwiefern der
Autor von Nutzwerttexten nicht immer ein bestimmtes Maß an persönlicher
Betroffenheit des Lesers annehmen muss (und bei der Planung seines Textes
berücksichtigen muss), immerhin hat die Definition von Nutzwertjournalismus weiter
oben gezeigt, dass dieser sich gerade durch den Bezug auf Fragen, Anliegen oder
Probleme der Leser auszeichnet. Ferner liegt es vergleichsweise nahe, direkten
Nutzwert als Grund des Interesses bei allen Beiträgen anzunehmen. Die Gründe dafür
42
Ferner zeigt die Analyse, dass sich natürlich in Abhängigkeit vom jeweiligen Thema neue
Möglichkeiten zur Variation ergeben, so wäre „Die historische Entwicklung des Eierkartonbastelns“ als eher
scherzhaft einzustufen, in Verbindung mit Erziehungsfragen hat der historische Blick selbstverständlich seine
Berechtigung.
43
Auf die Möglichkeiten auch die beiden anderen Dimensionen – Interessenkategorie und
Darstellungsform – zu erweitern, zum Beispiel durch Kombination, soll weiter unten noch einmal
eingegangen werden.
19
sind mehr oder weniger die gleichen wie bei der Annahme über persönliche
Betroffenheit, die Autoren der Beiträge müssen von Eltern, die nach Lösungen für ihre
Erziehungsfragen suchen, als vorrangigen Leserkreis für ihre Artikel ausgehen. Mit
diesen Gedanken vorweg, soll nun der Blick auf die einzelnen Text gerichtet werden,
um einerseits zu überprüfen, ob die beiden erwähnten Kategorien sich im jeweiligen
Fall nachweisen lasen und ob andererseits noch andere Gründe für Interesse in den
Texten angelegt sind.
Betrachtet man nun die konkreten Texte muss als erstes danach gefragt werden, ob
die oben für die Beiträge vermuteten Interessenkategorien, insbesondere dass der
persönlichen Betroffenheit, lediglich als quasi situationsbedingt (wie oben beschrieben)
zu bestimmen sind, oder ob diese im Text selber angelegt sind. Für den direkten
Nutzwert sollte dies nicht schwer festzustellen sein44, deshalb soll zuerst diese
Kategorie im Mittelpunkt des Interesses. An dieser Stelle erscheint es auch nützlich,
sich noch einmal Fasels Systematik zur Planung von Nutzwertbeiträgen in Erinnerung
zu rufen. Nachdem der Journalist das Thema mit einem passenden Küchenzuruf
versehen hat, stellt sich im nächsten Punkt die Frage, wie der Autor den Beitrag für den
Leser interessant machen kann. Dafür stehen ihm dann die neun angesprochenen
Kategorien zur Verfügung. In Fasels schon erwähnten Beispiel werden die jeweiligen
Gründe hauptsächlich über die Einstiege bzw. die Anfänge der Texte realisiert. Das
erschein insofern logisch, da die Leser diesen Teil des Beitrags als ersten wahrnehmen
und danach entscheiden, ob das weiterlesen für sie interessant ist oder nicht.45 Im
folgenden wird deshalb auch darauf zu achten sein, ob sich bei den Anfängen (incl.
Überschrift
und
Motto)
der
zu
untersuchenden
Texte
die
jeweiligen
Interessenkategorien nachweisen lassen.
Interessant ist in dieser Hinsicht der Text von Martina Radloff: „Erziehen wie früher?“ 46
Die Frage in der Überschrift, spricht die Eltern direkt an und fordert sie, wenngleich eher
unspezifisch, zu einer Stellungnahme heraus, um so das Interesse der Leser zu
wecken. Danach wird dieser persönliche Bezug im Motto noch einmal verstärkt, „Was
44
Wenngleich im Einzelfall Unklarheiten diesbezüglich denkbar sind
45
Jedoch sollten am Anfang geweckte Erwartungen von Autor im Verlauf des Textes auch eingelöst
46
Familie & Co 05/2007: S. 19
weden
20
wir von Oma und Opa tatsächlich lernen können, …“47. Das
WIR
bezieht den Leser
eindeutig ein. Ferner wird hier direkter Nutzwert durch die Ankündigung aus dem
Beitrag etwas
LERNEN
zu können zumindest angedeutet. Der Rest des Mottos lautet:
„welche Werte immer gelten werden und warum Ihr ganz eigener Stil so wichtig
bleibt“48. Der Verweis auf die Wichtigkeit des
GANZ EIGENE
STIL der Eltern soll ebenfalls die
Leser persönlich ansprechen und als Partner, bzw. Gleichberechtigte herausstellen.
Doch schwingt hier noch etwas anderes mit. Der Gebrach der Vokabel WERTE verknüpft
den Artikel mit der gesellschaftlichen Aktualität (bzw. mit einer aktuellen politischen
Debatte), in der unter anderem angeregt von der Bundsfamilienministerin die
Wichtigkeit von Werten für die Erziehung von Kindern herausgestellt wurde. Welche
Werte dabei die Wichtigen und Richtigen seien, darum entbrannte damals eine
öffentliche Diskussion. Die Autorin des Textes deutet also an, in der Wertefrage Stellung
zu beziehen, was als Beitrag zu eben jener Diskussion zu deuten sein dürfte. 49
Festzuhalten bleibt, die Autorin versucht auf verschiedenen Ebenen das Interesse des
Lesers zu wecken. So findet sich neben persönlicher Betroffenheit auch der Verweis auf
die gesellschaftliche Aktualität. Der direkte Nutzwert wird zumindest angedeutet.
Ziemlich eindeutig ist die Sache bei Ulla Arens’ Text. Die Überschrift „Liebe Eltern:
Einfach mal ruhig sein!“50 stellt mit der Aufforderung an die Eltern und die damit
kalkuliert ausgeführte Provokation stellt unmittelbar eine persönliche Betroffenheit auf
Seiten der Eltern her. Auch der erste Absatz des Textes, bei dem es sich um ein
prototypisches, stilisiertes Zitat handelt, zeigt persönliche Betroffenheit an, da wohl
jeder Elternteil diese Situation schon einmal erlebt hat. Ferner wird das Thema mit der
sich aus dem Zitat entspinnenden Szene, personalisiert51.
„Wie oft soll ich noch…“52 von Almut Siegert deutet im Motto zum Text direkten Nutzwert
an, indem sie nach der Erwähnung der klassischen Erziehungsfallen „Aber auch
47
Familie & Co 05/2007: S. 19
48
Familie & Co 05/2007: S. 19 Hervorhebung im Original
49
Es überrascht nicht, dass ein entsprechendes Zitat von Ursula von der Leyen im Text des Beitrags
vorkommt.
50
Eltern 11/2007: S. 71
51
Die eingeschobenen Szenen mit Henry und seiner Mutter durchziehen den ganzen Text und haben
erklärende Funktion
52
Familie & Co 10/2007: S. 81ff
21
Methoden, ihnen zu entkommen“53 erwähnt. Sie schreibt nicht explizit, dass diese
Methoden im folgenden Text erklärt oder erläutert werden, doch sie weckt zweifellos
diese Erwartungen beim Leser. Die Überschrift kann wieder als stilisiertes Zitat gelesen
werden, das persönliche Betroffenheit suggeriert, da sicher wieder jeder Elternteil
Situationen kennt in denen er eben diese Worte oder ähnliche verwendet hat.
Grothes Beitrag „Was besser wirkt als jede Strafe“54 verspricht schon in der Überschrift
den direkten Nutzwert und verstärkt dieses Versprechen im Motto zusätzlich, indem er
„weit bessere Methoden, Kinder zu führen“55 ankündigt.
Grothes zweiter Text ist nicht so eindeutig, da hier in der Überschrift und im Motto
lediglich die grundlegende Argumentation vorweggenommen wird. Das Leserinteresse
wird hergestellt, indem im ersten Satz des Textes eine provozierende Frage an die
Leser gerichtet wird: „Schimpfen Sie gern?“56. Ein sehr schönes Beispiel, wie die
Interessenkategorie persönliche Betroffenheit umgesetzt werden kann. Der Beitrag
richtet sich vorrangig an Eltern, die mehr oder weniger oft auf ihre Kinder schimpfen,
dies aber eigentlich nicht gut finden bzw. gerne wissen wollen, was sie tun können, um
das andauernde Schimpfen zu vermeiden. Im Zusammenspiel mit dieser Frage,
erhalten auch die Überschrift und das Motto eine erweiterte Bedeutung. Jetzt wird klar,
auf seine Kinder zu schimpfen ist nicht nur unangenehm, es wirkt auch nicht bzw. wirkt
nicht so wie es wirken soll. Damit sind eigentlich alle Leser angesprochen, außer jenen,
die ihre Kinder nie schimpfen, was bei den wenigsten der Fall sein dürfte.
Schließlich der letzte hier untersuchte Beitrag, Almut Siegert „Wieviel Strenge sein
muss“57. Hier ist es mit der Zuordnung zu einer oder mehreren Interessenkategorien
weniger eindeutig, als dies bei den anderen untersuchten Texten der Fall war. Der
Grund ist, dass das Interesse der Leser bei diesem Text vergleichsweise subtiler
geweckt wird. So wird zwischen Strenge und Verwöhnen bei der Kindeserziehung ein
Gegensatz vorgestellt, bei dem der „richtige“ Weg als ein „Balanceakt“58 bezeichnet
53
Familie & Co 10/2007: S. 81
54
Eltern 06/2007: S. 85ff
55
Eltern 06/2007: S. 85
56
Eltern 02/2008: S. 83
57
Familie & Co 07/2007: S. 23ff
58
Familie & Co 07/2007: S. 23
22
wird. Die Entschiedenheit der Aussage in der Überschrift deutet nun darauf hin, dass
der Text Auskunft darüber gibt, wie Eltern diesen Balanceakt meistern. Man könnte
also, mit der nötigen Vorsicht, davon sprechen, dass die Erwartung auf direkten
Nutzwert beim Leser geweckt wird.59
Die Betrachtung der Dimension Interessenkategorie und deren Umsetzung in den hier
untersuchten Texten hat gezeigt, dass viele der Möglichkeiten zur Variation mehr oder
weniger ungenutzt blieben. Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass zum
Beispiel Grothes Texte auch unterhaltsam geschrieben sind, jedoch wurde hier für die
Analyse der Standpunkt des Erstlesers eingenommen, um entscheiden zu können wie
dessen Interesse zum Weiterlesen von den Autoren geweckt wurde. Doch woran liegt
es, dass sich vor allem die Kategorien persönliche Betroffenheit und direkter Nutzwert
so häufig finden lassen? Das könnte zuerst an der Stichprobe liegen, der geringe
Umfang von sechs Texten, lässt sicher keine Aussagen über allgemeine Trends zu.
Zum anderen kann aber auch vermutet werden, dass der Ort der Veröffentlichung mit
dafür Verantwortlich ist. Wie oben schon erwähnt, ist es relativ klar, wer die Zeitschriften
liest und auch aus welchem Grund die Zeitschriften gelesen werden. Eltern von Kindern
erwarten Unterstützung und Anleitung für ihr Familienleben. Die Häufigkeit mit der die
Autoren die Teilgruppe innerhalb der Leserschaft, für die der folgende Artikel von
Interesse sein könnte, herausstellen, könnte dem Rechnung tragen. Hierbei handelt es
sich um Mutmaßungen, um diese Frage jedoch wenigstens einigermaßen fundiert
beantworten zu können, bedarf es weiterer Untersuchungen.
59
Wenngleich diese Funktion mit einer Zeile wie „Hier erfahrenen Sie, wie sie die Balance halten!“
eindeutiger hätte geleistet werden können.
23
5.3. Die in den Texten verwendeten Darstellungsformen
Bei der dritten und letzten von Fasel vorgeschlagenen Dimensionen, welche den
Nutzwertautoren bei der Planung eines Beitrags helfen sollen, geht es um die
journalistische Darstellungsform. Die Überlegungen oben, hatten bereits verdeutlicht,
dass es die Darstellungsform für Nutzwerttexte nicht gibt, wenngleich eine funktionale
Nähe zum Feature festgestellt wurde. Doch zurück zu den Beispielen.
Vordergründig ziemlich einfach gestaltet sich die Zuordnung bei den Texten von Hans
Grothe. Denn diese sind im Inhaltsverzeichnis des jeweiligen Heftes als „Grothe
Kolumne“ angekündigt und werden auch vor dem Text noch einmal als die „Kolumne
von Hans Grothe, dem bekanntesten Erziehungsexperten Deutschlands“60 bezeichnet.
Die Kolumne als eine meinungsbetonte Darstellungsform, zeichnet sich dadurch aus,
dass sie in der Regel immer vom gleichen Autor geschrieben werden. Ferner ist es eine
sehr persönliche Form, in der dem Autor größtmögliche Freiheit
bei Themenwahl,
Meinung und Schreibe eingeräumt werden muss, aus diesem Grund besitzen
Kolumnen oft einen eigenwilligen Stil. Schließlich muss erwähnt werden, dass die
Kolumne einer der wenigen Formen ist, in der das Ich erlaubt ist.61 Überprüft man nun
die beiden Texte daraufhin, inwiefern sie die erwähnten Kriterien erfüllen, kommt man
zu dem Schluss, dass es sich zweifellos um Kolumnen handelt. Sie erscheinen
regelmäßig (in jeder Ausgabe), vom gleichen Autor (der mit Name und Bild dem Beitrag
vorangestellt ist) und der Autor benutzt das Ich im Text, den er in sehr unterhaltsamer
Weise verfasst. Der Autor tritt als Experte auf, erzählt von seinen Erfahrungen, fügt
Beispiele ein, erklärt, urteilt und ordnet ein und gibt schließlich Ratschläge wie man’s
machen soll. Getragen wird das Ganze durch die forcierte Autorität des Autors, nicht nur
einfach Erziehungsexperte zu sein, sondern vielmehr der bekannteste. Natürlich hilft
diese Bezeichnung auf Dauer nichts, wenn den Worten keine Taten folgen, in diesem
Fall: Herr Grothe sein Expertentum durch die richtigen Ratschläge beweist.
60
Leider erfährt der Leser nicht, welche Gründe es gibt, Hans Grothe als den bekanntesten
Erziehungsexperten in Deutschland zu bezeichnen – immerhin in Zeiten von Super-Nanny usw.
61
Vlg. Pürer et.al. (Hg.) (2004): S. 155
24
Bei der Zuordnung eines konkreten Nutzwerttextes zu einer der journalistischen
Darstellungsformen ergeben sich einige Probleme. Es wurde gezeigt, dass jede
gebräuchliche Darstellungsform speziell aufbereitet werden muss, um Nutzwertthemen
zu transportieren, dabei kann die Abweichung von der ursprünglichen Textsorte zum Teil
sehr groß werden, oder es kommt zu Überschneidungen, dass es im Einzelfall
schwierig zu entscheiden ist, welche Darstellungsform vorliegt. Haller hat in seiner
Systematik der Aussageklassen, der Kategorie Nutzen als Form Texte mit
Ratgebercharakter
zugeordnet62,
jedoch
haben
die
Überlegungen
zum
Nutzwertjournalismus gezeigt, dass neben dem Nutzwert auch Orientierung geben und
Hintergrund erläutern Aufgaben des Nutzwertjournalismus sind. Es soll im folgenden
also vor allen Dingen darum gehen, die konkreten Texte aufgrund ihrer Merkmale
bestimmten Darstellungsformen zuzuordnen.
Betrachtet man „Liebe Eltern: Einfach mal ruhig sein!“ von Ulla Arens dann kommt man
wohl nicht umhin, diesen Text als Feature einzustufen, wenngleich sich einige
Überschneidungen mit dem Magazinbericht ergeben63. Was spricht für die Einordnung
als Feature? Formal spricht die Aufmachung mit Foto und die Hauptüberschrift mit
Unterzeile dafür (wenngleich das noch keine hinreichenden Merkmale sind, und eine
Abgrenzung vom Magazinbericht nicht eindeutig ist). Strukturelle Merkmale, die für die
Einstufung als Feature sprechen sind: der szenische Ein- und Ausstieg, die zahlreichen
Zitate, der Einsatz von Beispielen und der Wechsel zwischen Sach- und Beispielebene.
Schließlich lassen sich als inhaltliches Merkmal Empfehlungen bzw. Ratschläge (hier
„Tipps“) anführen, welche Wolff als charakteristisch für sein Servicefeature bezeichnet.64
Viele dieser Merkmale könnten auch charakteristisch für einen Magazinbericht sein,
den Ausschlag für die Entscheidung Feature hat letztendlich der Wechsel zwischen
Sach- und Beispielebene gegeben.
Um es kurz zu machen, bei dem Text „Wie oft soll ich noch …“ gilt im großen und
ganzen das Gleiche, was auch schon für den Text vorher gesagt worden ist.
Wenngleich einige Kriterien nicht in gleicher Weise erfüllt sind, sind es doch in letzter
Konsequenz der Wechsel zwischen Sach- und Beispielebene, der Zitatenreichtum und
62
Vgl. Fasel (2004): S. 61
63
Zu den Darstellungsformen und Kriterien zu deren Abgrenzung vgl. Wolff (2006)
64
Vgl. Wolff (2006): S. 214
25
die Empfehlungen, welche die Entscheidung für das Feature begründen. Zu erwähnen
ist jedoch, dass zusätzlich zum Fließtext ein Kasten zwischengeschalten ist, der
Ratschläge für Eltern enthält, die auf einen anderen, Elternbezogenen Aspekt des
Themas bezug nehmen, der im Text nur am Rand eine Rolle spielt. Am Ende sind
Buchtipps zum Weiterlesen aufgeführt.
Bei dem Text „Wieviel Strenge sein muss“ von Almut Siegert handelt es sich den
Merkmalen nach eher um einen Magazinbericht, da hier das Erklären im Vordergrund
steht und kaum auf Beispiele zurückgegriffen wird, dafür werden häufig Zitate von
Experten verwendet, um dem Leser die Hintergründe und Folgen von Handlungen zu
erklären. Der Ein- und Ausstieg sind szenisch gestaltet. Zur Ergänzung dienen Kästen,
die Ratschläge enthalten, oder Informationen kurz zusammenfassen bzw. kurz den
Hintergrund beleuchten. Am Ende sind Buchtipps zum Weiterlesen aufgeführt.
Auch der Beitrag von Martina Radloff „Erziehen wie früher?“ ist ein nutzwertig
aufbereiteter Magazinbericht. Wobei hier nur der Einstieg szenisch realisiert wurde.
Auch hier gibt es Kästen mit Hintergrundinformationen und Empfehlungen. Am Ende
sind Buchtipps zum Weiterlesen aufgeführt.
Es scheint auf den ersten Blick so, als seien die Autoren nicht besonders einfallsreich
was die verwendeten Darstellungsformen angeht, doch sei an dieser Stelle auf ein paar
Punkte hingewiesen. Wieder einmal muss gesagt werden, dass die Stichprobe sehr
gering ist und sicher nicht als repräsentatives Abbild gelten kann. Ferner wurden hier
hauptsächlich umfangreiche Beiträge untersucht, welche bestimmte Darstellungsformen
nahe legen. Schließlich sagt die Darstellungsform eines Beitrags noch nichts über
seinen Inhalt aus. Jedoch hat sich eines gezeigt: Offenbar ist das Feature nicht die
einzig mögliche Form, Nutzwertthemen zu transportieren und welche Möglichkeiten der
Kombination und Ergänzungen von Darstellungsformen möglich ist bedarf noch
eingehender Untersuchungen.
26
6. Zusammenfassung
Ziel der vorliegenden Analyse war es, anhand der von Fasel entwickelten Matrix zur
Themenaufbereitung
sechs
verschiedene
Artikel
aus
Familienzeitschriften
zu
untersuchen. Besonderes Augenmerk lag darauf, in welchem Umfang die Autoren die
Möglichkeiten der Variation nutzen. Dabei wird hier nicht unterstellt, die Autoren würden
mit Fasels Modell arbeiten, vielmehr hat Wolff gezeigt, dass all das auch weniger
systematisiert, quasi intuitiv geplant und entwickelt werden kann.
Die hier vorliegende Analyse wurde explorativ durchgeführt, dass heißt, es wurde
überprüft,
inwiefern
die
Methode
überhaupt
fruchtbar
für
die Analyse
von
Nutzwerttexten zu verwenden ist. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass dieses Verfahren
durchaus geeignet ist, auch in größerem Umfang, als quantitativ angelegte Methode
sinnvoll eingesetzt werden kann. Dabei wäre dann vor allem festzustellen, welche
Kombinationen die größte Verbreitung aufweisen und ob es Tendenzen gibt bestimmte
Themen auf bestimmte Weise zu bearbeiten. Ferner wäre es möglich die
Informationsaufbereitung und -vielfalt bestimmter Medien zu beurteilen.
Als
Fazit
bleibt
festzuhalten,
dass
sich
besonders
für
die
Dimensionen
Interessenkategorie und Darstellungsform eine geringe Bandbreite der Variation gezeigt
hat. Auf mögliche Gründe für dieses Ergebnis wurde an den entsprechenden Stellen im
Text schon eingegangen. Als weitere Aufgabe für zukünftige Untersuchungen bleibt, die
Stichproben zu vergrößern und zu überprüfen, inwiefern mit den nach Fasel möglichen
Kombinationen tatsächlich brauchbare und funktionale Beiträge zu gestalten sind und,
vielleicht noch wichtiger, in welchem Umfang diese Möglichkeiten den praktischen
Journalismus beeinflussen.
27
7. Literatur
Fasel, Christoph (2004): Nutzwertjournalismus. UVK Verlagsgesellschaft Konstanz;
Reihe Praktischer Journalismus.
Pürer, Heinz et al (Hg.) (2004): Praktischer Journalismus. UVK Konstanz. 5. Auflage.
Wolff, Volker (2006): ABC des Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus. UVK.
Konstanz.
Zeitschriftenquellen:
Arens, Ulla: Liebe Eltern: Einfach mal ruhig sein! In: Eltern 11/2007. Gruner und Jahr.
S. 71 – 74.
Grothe, Hans: Viel Lärm hilft wenig. In: Eltern 11/2007. Gruner und Jahr. S. 83 – 86.
Grothe, Hans: Was besser wirkt als jede Strafe. In: Eltern 06/2007. Gruner und Jahr. S.
85 – 89.
Radloff, Martina: Erziehen wie früher? In Familie & Co. 05/2007. S. 19 – 25.
Siegert, Almut: „Wie oft soll ich noch...“ In: Familie & Co. S. 81 – 87.
Siegert, Almut: Wieviel Strenge sein muss. In: Familie & Co. S. 23 – 30.
Internetquellen:
Eickelkamp, Andreas (2004): Was ist Nutzwert-Journalismus? Eine Definition: unter:
http://www.nutzwertjournalismus.de/t3/index.php?id=391. Letzter Zugriff 26.02.2008.
Gringer, Juliane: Wiederkehrende Themen und Schreibanlässe in Zeitschriften. Unter:
http://www.nutzwertjournalismus.de/uni/intern/GringerHA_SS03.pdf.
26.02.2008.
28
Letzter
Zugriff
Lisson Sandra: ELTERN – berät und informiert!? Nutzwertjournalismus in Zeitschriften.
Unter: http://www.nutzwertjournalismus.de/uni/intern/HALisson.pdf. Letzter
Zugriff:
26.02.2008.
http://www.familie.de/detail/0/217/. Letzter Zugriff: 26.02.2008.
http://www.guj.de/index2.php4?/de/produkte/zeitschrift/zeitschriftentitel/eltern.php4.
Letzter Zugriff: 26.02.2008.
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