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Inklusion: Haltung und Bewusstsein und wie es funktioniert

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Inklusion: Haltung und Bewusstsein und wie es funktioniert
Vortrag auf der Veranstaltung „Eine Mitte für Alle“, Bezirksversammlung „Inklusion in
Altona voranbringen!“, 21. Mai 2013, Kollegiensaal des Rathauses Altona
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? In einer Gesellschaft, in der wir einige
von uns als schwarze Schafe auswählen, um sie anschließend auszugrenzen? In
einer Gesellschaft, in der wir einander benutzen, um voranzukommen, ohne auf den
gegenseitigen und gemeinsamen Nutzen unseres Handelns für alle zu achten? In
einer Gesellschaft, in der die großen Fische die kleinen fressen und viele kleine
Piranhas manchmal auch die ganz großen Fische gemeinschaftlich zum Fraß
verspeisen? In einer Gesellschaft, in der die Starken von vielen Schwachen sich
tragen lassen, woraus sie ihrerseits ihre Stärke gewinnen? In einer Gesellschaft, in
der wenige „Gated Communitys“ leben, in denen nur die zugelassen werden, die
schon immer dazugehören bzw. systematisch alle ausgegrenzt werden, die anders
sind als gewünscht?
Diese Fragen zeigen die Weite des Horizonts auf, der mit der Umsetzung von
Inklusion aufgespannt ist. Er beginnt gerade erst, für uns sichtbar zu werden und wird
uns noch Jahrzehnte beschäftigen.
Wie gestaltet sich ein an Inklusion orientiertes gesellschaftliches Zusammenleben –
und was verstehen unterschiedliche Menschen und Akteurs- und
Interessensgruppen eigentlich unter Inklusion?
Betrachtungsmöglichkeiten – Meinungsbildung
Schaut man sich die sehr heterogene Diskurse hierzu an, bekommt man zunächst
den Eindruck: „Inklusion liegt im Auge des Betrachters.“ Deshalb ist es wichtig, in
Bezug auf die Umsetzung der Inklusion zur Orientierung immer wieder auf die Zielund Leitformulierung zu schauen, wie sie sich aus der UNBehindertenrechtskonvention ergibt: Alle Menschen weltweit sollen Zugang zu
qualitativ hochwertiger Bildung, Arbeit und zu hochwertigen Wohn- und
Freizeitgestaltungsmöglichkeiten erhalten. Dieser Anspruch basiert auf den
Menschenrechten d. h. er ist universal und gilt für alle Menschen. Niemand wird
ausgegrenzt, weil er/sie zum Beispiel
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eine Beeinträchtigung hat;
eine andere Familiensprache spricht;
arm oder reich, alt oder jung ist;
einen bestimmten Glauben hat;
Frau, Mann, hetero-, homo- oder intersexuell ist.
Dieses breite Ziel-und Leitbild der UN-Behindertenrechtskonvention wird gegenwärtig
häufig in der Richtung befragt, dass dieses nicht in einem engen und unmittelbaren
Bezug zu Menschen mit Behinderungen steht, die ja der Fokus der Konvention
darstellen, wie der Begriff Behindertenrechtskonvention nahezulegen scheint.
Hier lohnt der Blick in die kommentierenden Texte, die in den letzten Jahren zur
Deutung und Relevanz der UN-Behindertenrechtskonvention erschienen sind und
gegenwärtig ihren Ausdruck in den gerade veröffentlichten Aktionsplänen der Länder
gefunden haben. So wird mit Verweis auf den Landesaktionsplan Hamburg schnell
deutlich, dass es um Ausgrenzungsmechanismen insgesamt geht, die alle Menschen
betreffen können und nicht nur die Teilgruppe der Menschen mit Behinderungen.
Teilhabeverweigerung als allgemeines weitverbreitetes Phänomen gesellschaftlicher
Realitäten gilt es so in den Blick zu nehmen, dass Veränderungen initiiert werden, die
nicht nur, aber auch für Menschen mit Behinderungen vollumfängliche Teilhabe
ermöglichen.
„Inklusion bedeutet, dass alle Menschen in ihrer jeweiligen Individualität
gleichberechtigt Teilhabende unserer Gesellschaft sind. Inklusion beinhaltet den
Auftrag, gesellschaftliche Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Rechte
aller Bürgerinnen und Bürger respektiert werden und Bürgerinnen und Bürger diese
Rechte wahrnehmen bzw. ausüben können. Barrieren/Zugangshindernisse, die dem
möglicherweise entgegenstehen, sind zu beseitigen. Eine inklusive Gesellschaft
unterscheidet nicht zwischen Normalität und Anderssein. Sie nimmt Unterschiede im
Sinne von Vielfalt bewusst wahr und nutzt sie, anstatt ihnen eine ausgrenzende
Bedeutung zu geben. Das Miteinander unterschiedlicher Menschen ist von
Wertschätzung und Respekt geprägt.
Gleichberechtigte Teilhabe in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens setzt
voraus, dass diese Bereiche (wie z.B. Wohnen, Arbeit, Bildung oder Freizeit)
zugänglich und nutzbar für alle Menschen sind. Ziel ist es deshalb, noch vorhandene
Barrieren zu identifizieren, sie abzubauen und so die Zugangschancen für Menschen
mit Behinderungen zu allen gesellschaftlichen Bereichen und die Nutzbarkeit von
Einrichtungen und Diensten zu ermöglichen. Gemeint sind damit nicht nur Barrieren
bzw. Zugangshindernisse baulicher oder technischer Art, sondern auch die Barrieren
in den Köpfen der Menschen.“1
Die Auseinandersetzung mit den Anforderungen der UNBehindertenrechtskonvention erfordert somit einen Perspektivwechsel, der im
Aktionsplan der Landesregierung NRW festgehalten ist:
„Es geht nicht mehr in erster Linie darum, die Chancen zur individuellen Anpassung
einzelner Menschen mit Beeinträchtigungen an die Anforderungen der sogenannten
„Normalgesellschaft“ zu verbessern. Der mit der UN-Behindertenrechtskonvention
verbundene Leitbildwechsel wirft vielmehr die Frage auf, welche Maßnahmen in
unserer Gesellschaft getroffen werden müssen, damit Menschen mit und ohne
Beeinträchtigung ohne große Anpassungsleistungen gleichberechtigt
zusammenleben können.“2
Dazu bedarf es „eines Planungsansatzes, der das Gemeinwesen insgesamt in den
Blick nimmt und Sozialräume unter inklusiven Gesichtspunkten weiterentwickelt. Auf
dem Weg zu einem ‚inklusiven Gemeinwesen‘ steht dabei nicht allein das
sozialrechtlich normierte ‚Leistungsgeschehen‘, sondern das lokale
‚Gesamtgeschehen‘ im Mittelpunkt.“3 Alle Bürgerinnen und Bürger müssen in ihrem
Umfeld einen sowohl physisch als auch sozial barrierefreien Zugang zu allen Orten
und Angeboten des Gemeinwesens haben, unabhängig von ihrer jeweiligen
individuellen Situation. Dabei geht die „Anpassungsleistung“ nicht vom Einzelnen
1
Hamburger Landesaktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit
Behinderungen, S. 7.
2
Aktionsplan der Landesregierung. Umsetzung der Un-Behindertenrechtskonvention. „Eine Gesellschaft für alle
– NRW inklusiv“, S. 4.
3
Vgl. ebd., S. 197.
aus, sondern vom inklusiven Gemeinwesen selbst, das alle Menschen in seine
Ausgestaltung mit einbezieht.4 Inklusion bedeutet dabei „Veränderung in einem
kontinuierlichen Prozess“.5 Ziel ist „eine Gesellschaft, in der
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Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Begabungen, Interessen,
Neigungen, ethnischen Abstammungen, sexuellen Identitäten etc.
zusammenleben;
die Unterschiedlichkeit der Menschen nicht nur akzeptiert, sondern als
Bereicherung der gesellschaftlichen Wirklichkeit geschätzt wird;
alle gesellschaftlichen Bereiche für alle Menschen grundsätzlich zugänglich
sind, unabhängig davon, ob eine Behinderung vorliegt oder nicht;
die Ressourcen zielgerichtet, d. h. auch immer unter Berücksichtigung des
Inklusionsprinzips eingesetzt werden;
Schritte zur Überwindung der Sondereinrichtungen auf allen Ebenen
eingeleitet und spezialisierte Angebote im Regelsystem verankert sind,
die unterschiedlichen staatlichen Handlungsebenen zwar die primären
Adressaten der Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention sind,
aber Einvernehmen darüber besteht, dass die Verwirklichung des
Inklusionsprinzips nur im konstruktiven Zusammenwirken aller Beteiligten in
Politik, Staat und Gesellschaft gelingen kann und
das Zusammenleben aller Menschen auch deshalb gelingt, weil
Teilhabehindernisse und -barrieren für alle Menschen beseitigt sind.“6
Es ist bemerkenswert, dass mit dem Jahr 2010 die Umsetzung dessen, was mit dem
Rahmen des Begriffs Inklusion gemeint ist, in Deutschland deutlich spürbar an
Dynamik gewonnen hat. Wir können das Jahr 2010 als das Jahr des Eintritts in die
„erste Dekade der Inklusion“ sehen und der damit verbundenen beginnenden breiten
gesellschaftlichen Umsetzung vieler Ziele und Erwartungen.
Die vielen Inklusionspläne und diversen verfügbaren Umsetzungsinstrumente7 sind
dabei für viele ein Synonym für die nächste „von oben“ verordnete gesellschaftliche
Großbaustelle, die mit allen damit verbundenen Bedenken beäugt und skeptisch
betrachtet wird. Für andere sind diese Landesaktionspläne und die entstandenen
und entstehenden Handlungsleitfäden das „Baustellenmanagement“ und damit der
Referenzrahmen zur Umsetzung von Inklusion vor Ort. Die Betrachtungsmöglichkeit
zur Frage der Inklusion und ihrer Umsetzung liegt somit auch im Auge des
Betrachters.
Inklusion: Ein erweiterter Denk- und Handlungsstil
4
Vgl. ebd., S. 197, S. 21f.
Inklusion vor Ort. Der kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Hg. von der Montag Stiftung
Jugend und Gesellschaft, Bonn 2011, S. 126.
6
Aktionsplan der Landesregierung. Umsetzung der Un-Behindertenrechtskonvention. „Eine Gesellschaft für alle
– NRW inklusiv“, S. 24f.
7
Vgl. Inklusion vor Ort. Der kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Hg. von der Montag Stiftung
Jugend und Gesellschaft, Bonn 2011; Da kann ja jede(r) kommen – Inklusion und kirchliche Praxis. Eine
Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche im Rheinland. Hg. von der Abteilung Bildung im Landeskirchenamt
und dem Pädagogisch-Theologischen Institut der EkiR, Bonn 2013.
5
Eine immer wieder zu beobachtende Konsequenz aus den unterschiedlichen
Bedeutungen, die verschiedene Akteure ihrem Verständnis des Begriffs Inklusion
zugrunde legen, wird in der Notwendigkeit bzw. Nichtnotwendigkeit von Handlungsbzw. Veränderungsaktivitäten gesehen. Ein so umfassender Anspruch der
vollumfänglichen gesellschaftlichen Teilhabe aller Menschen wie er mit der UNKonvention formuliert wurde, bedeutet dabei vor allem auch, im Aktionismus
innezuhalten und sich auf einen zentralen Gedanken zu besinnen: Nur anderes
Denken führt zu anderem Handeln. Von daher impliziert der Begriff der Inklusion,
nach dem erweiterten Denkstil zu befragen, der mit ihm verbunden werden muss.
Am Beispiel zweier möglicher Modellierungen der Steuerung von
Umsetzungsprozessen (zunächst völlig abstrakt und losgelöst von jeglichem
Umsetzungsinhalt) soll diesen Gedanken exemplarisch verdeutlichen.
Die erste, eine hierarchische Modellierung von Steuerung, kennt zwei Richtungen:
„top-down“ und „bottom-up“. Scheinbar unsere gesamte Erfahrung ist in dieser
Betrachtungsweise organisiert. Dabei denken wir in der Regel an Prozesse, die von
oben nach unten, von der Spitze (der Pyramide) zur Basis hin organisiert sind.
Anderseits verbinden viele gesellschaftliche Akteure bürgerschaftliches Einwirken,
mithin Realisierung gesellschaftlicher Teilhabe, mit der Idee einer „Bottom-upBewegung“. Dabei gilt allerdings, sich klar zu machen, dass beide Richtungen in
derselben Grundaxiomatik hierarchisch modellierter Form von Steuerung verbleiben,
also Bottom-up-Handeln im Steuerungsrahmen der Hierarchie verbleibt.
Eine andere Form der Modellierung von Steuerung findet sich im Konzept der
Heterarchie: Nicht „der Heilige führt“, wie in der ursprünglichen Bedeutung von
Hierarchie angelegt, sondern „der Andere führt“. In der Heterarchie kommt es zur
Auflösung der absoluten Bezugspunkte oben/unten hin zu relativen Positionen von
oben und unten. Planen beispielsweise Architekten ein öffentliches Gebäude
ausgehend von den Wahrnehmungs- und Bewegungsoptionen Sehbehinderter oder
Blinder („der Andere führt“), werden bauliche Lösung wahrscheinlicher, die den
Menschen mit spezifischen Beeinträchtigung z. B. durch im Boden eingelassene
Rillen Orientierung ermöglichen.
Was haben Begriffe wie Inklusion und Nachhaltigkeit gemeinsam?
Durch Inklusion wird es, ähnlich wie beim Begriff der Nachhaltigkeit, der ab den
1970iger Jahren bis heute in unterschiedlicher Intensität mehrere Dekaden geprägt
hat, zu einem langwierigen und fundamentalen Wandel im Denken und Handeln
unserer Gesellschaft kommen. Und es wird, wie die Diskussionen zur Klimadebatte
im Kontext der Debatte um Nachhaltigkeit zeigen, sicher keinen absehbar
terminierbaren Zeitpunkt geben, an dem sich ein solch fundamentaler Wandel von
einer ressourcenverbrauchenden zu einer ressourcenschonenden Handlungsweise
als Mainstreaming abschließend vollzogen haben wird.8
Was haben Begriffe wie Inklusion und Nachhaltigkeit gemeinsam? Ganz generell
lassen sich der Verlauf der Wirkung der Debatten und die Folgen, die davon
ausgelöst werden, in einigen Phasen verdichten:
8
Vgl. Inklusion vor Ort. Der kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Hg. von der Montag Stiftung
Jugend und Gesellschaft, Bonn 2011, S. 6f.
Phase I
Den Begriff kennt keiner: Bei Befragungen „auf der Straße“ gibt es nur
Achselzucken. Es ist ein elaborierter Begriff in kleinen Expertenzirkeln,
die in dieser Phase beginnen, den Begriff intensiv zu besetzen und zu
nutzen.
Phase II
Der Begriff wird modisch: Im Sinne des Konzeptes „High Fashion“
sind solche Dinge im Modebereich untragbar, unbezahlbar, nicht auf
Funktionsfähigkeit aus. Und dennoch wirkt diese Mode stilbildend und
bestimmt irgendwann die Alltagskultur aller durch Transformation und
Adaption. Schließlich kauft jeder das, was einmal topmodisch war, als
Alltagsmode in Boutiquen und den Warenhäusern großer
Handelsketten.9 In diesem Sinne wird der Begriff ein Modebegriff, der
aber zunächst von einer breiten Allgemeinheit im Sinne der „High
Fashion“ betrachtet wird.
Phase III
Der Begriff wird inflationär: In dieser Phase wird der Begriff im
Kontext nicht nur engerer Fachdiskurse, sondern sehr allgemein ständig
verwendet. Alles ist jetzt nachhaltig/inklusiv. Der Begriff darf in dieser
Phase in keiner Veröffentlichung fehlen, mehrmalige Nutzung des
Begriffs ist zwingend, um zu zeigen das man auf der Höhe der Zeit ist.
Der Begriff bezieht sich nun auf jedes x-beliebige Umsetzungsziel.
Phase IV
Diskurse werden emotional und hitzig: In dieser Phase tritt eine
gesellschaftliche Lagerbildung ein: Entweder man ist dafür oder
dagegen. Dazwischen gibt es keine akzeptierte Position. Insbesondere
die Kosten der Umsetzung des Neuen werden heftig diskutiert und viele
halten das für auf jeden Fall unbezahlbar, „nice to have“, aber völlig
unrealistisch. Befürworter werden gerne als „Gutmenschen“ etikettiert,
die sich nicht an der Realität orientieren wollen.
Phase V
Der Begriff wird allparteilich anerkannt: Nach einer gewissen Phase
exzessiven öffentlichen Streitens verschiedener Lager werden Begriffe
wie Nachhaltigkeit/Inklusion langsam – fast unmerklich – als
Referenzrahmen zur Koordination und Abstimmung gesellschaftlicher
Wandlungsprozesse allparteilich anerkannt. Es geht nicht mehr um die
Frage des „ob“, sondern um die verschiedenen möglichen Wege des
„wie“.
Phase VI
Nach einer langen Periode der Aushandlung guter Wege gibt es
ein breites Verständnis und Wissen um die Notwendigkeit der
Umsetzung: Menschen diskutieren nicht mehr die Kosten der
Umsetzung als die wichtigste Frage, sondern beginnen, bis hin im
Kleinen ihres privaten Wirkungskreises ethisch-normativ orientiert zu
handeln. So kommt es z. B. nach dem schon vier Jahrzehnte laufenden
Nachhaltigkeitsdiskurs dazu, dass heute sparsame Menschen teure
LED-Energiesparlampen in ihre Lampenfassung schrauben – aus der
Überzeugung, dass sie damit einen sinnvollen Beitrag zur Verhinderung
der drohenden Klimakatastrophe leisten, obwohl es weitaus günstigere
Alternativen zu erstehen gäbe.
9
Vgl. Brown, Alisha. (2012 May 23) Review of Inclusive Education: International Policy and Practice by Ann
Cheryl Armstrong, Derrick Armstrong and Ilektra Spandagou. Education Review, 15.
http://www.edrev.info/reviews/rev1170.pdf (Abruf: 26.5.2013)
Die Kommune/das Quartier als Gesellschaft im Kleinen
Das inklusive Gemeinwesen, wie es die Landesaktionspläne als Zielebene
formulieren, ist der Ort, an dem jeder Mensch unmittelbar wahrnehmen kann, dass er
eine „Wirkung“ hat und etwas beitragen kann. Wie die Menschen in ihr kann
gleichfalls auch die Kommune selbst bzw. der Stadtteil/das Quartier und ihre
Verwaltung/die Politik selbst wirksam werden – als Vorbild und Beispiel können sie
beitragen, in unserer Gesellschaft eine inklusive Kultur zu etablieren.
Betrachten wir genauer den Wirkungsbereich der Kommune, des Stadtteils/des
Quartiers als inklusiven Sozialraum, stellt sich die Frage, auf welchen Ebenen
können wir Veränderung und Wirksamkeitserfahrung erzeugen? Hierzu können
einige Gedanken aus der Arbeit mit dem Praxishandbuch „Inklusion vor Ort – der
kommunale Index für Inklusion10 helfen, die verschiedenen Ebenen des Wirkens
aufzuzeigen.
Der Ausgangspunkt jeglichen Denkens und Handelns zu Inklusion fängt bei mir
selbst an – unabhängig davon, in welcher Funktion und Rolle ich mit Inklusion in
Verbindung bin. Die erste Frage ist nicht, was ich sehe, denke, bestimme, was
andere für Inklusion tun oder im Rahmen meiner Verantwortungs- und
Entscheiderposition in einer Behörde umsetzten sollen. Die erste Frage geht immer
an mich selbst: Was tue ich konkret in meinem Handlungs- und Verantwortungsraum,
um Inklusion umzusetzen? Von hier aus spannen sich weitere Ebenen der eigenen
Wirksamkeit in der Kommune auf:
1. Ich mit Mir: Auf der Ebene der Person geht es um einen partnerschaftlichen
Umgang mit mir selbst, um eine Reflexion meiner Haltung, meine Einstellungen und
Sichtweisen auf die Welt, meine Urteile und Vorurteile und meine Bereitschaft zur
Entwicklung einer inklusiven Haltung, die durch meine Netzwerke und durch die Orte,
in denen ich lebe, geprägt werden.
2. Ich mit Dir: Auf der Ebene meiner Beziehungen und Ver(-Bindungen) zu anderen
– Partner, Freunden, Nachbarn usw. – beginnt der Wirkungskreis des dritten
Sozialraums zwischen privatem und öffentlichem Raum. Hier kann Hilfebedarf
angefragt und gegebenenfalls gefunden/gewährt werden, mit dem die/der einzelne
überfordert ist. Hier frage ich oder biete etwas an, gebe und bekomme Unterstützung
– ohne direkte Gegenleistung.
3. Wir: Das „Wir“ ist die erste Ebene des öffentlichen Sozialraums, es ist der Eintritt
in die Maßstabsebene einer einzelnen Organisation oder Initiative, Gruppe, Behörde
usw. Hier arbeiten Akteure auf mehr oder weniger institutionell organisierter Ebene
zusammen und entwickeln Strategien zum Abbau von Barrieren und zum
Willkommenheißen aller.
4. Wir und Wir: Auf dieser Ebene geht es um die Vernetzung von
Institutionen/Initiativen in einer Kommune, die über ihren jeweiligen
Verantwortungsbereich hinaus die Herstellung inklusiver institutioneller Lebenswelten
verfolgen. Im Blick über den lokalen Zaun werden Erfahrungen ausgetauscht,
Erprobtes und Bewährtes geteilt, gemeinsame Strategien und Initiativen entwickelt.
10
Vgl. Inklusion vor Ort. Der kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Hg. von der Montag Stiftung
Jugend und Gesellschaft, Bonn 2011, S. 25f.
5. Alle gemeinsam: Auf dieser Ebene ist die Kommune als Ganze angesprochen,
die Leitidee Inklusion als kommunale Aufgabe anzunehmen und ihre Umsetzung
voranzubringen. Das Kerngeschäft auf dieser Ebene ist die Herstellung von
Strukturen zur Ermöglichung inklusiver Prozesse und Praktiken für die Menschen in
einer Kommune.11
Inklusive Ziele: „Forum – Eine Mitte für Altona“
Die folgende Matrix zeigt die in diesem Projekt erarbeiteten Zielbereiche und die
Ziele selbst in einer Übersicht:
Mit den folgenden drei Lupen wird exemplarisch das prozesshafte Vorgehen
erläutert, wie es in Bezug auf diese Bereiche und Ziele Inklusion im weiteren
Projektprozess und später im neu entwickelten Quartier konkret umgesetzt werden
kann durch die Arbeit mit Fragen aus dem Handbuch „Inklusion vor Ort“:
Lupe eins bezieht sich auf Ziel 1 im Grundsatzbereich: Alle öffentlichen Räume,
Zugänge und Wege werden barrierefrei gestaltet, darunter Gebäude, Geschäfte,
Cafés, Restaurants, Straßen, Haltestellen, Beschilderung, Notdienste, Freiflächen,
Toiletten.
Eine Frage zur prozesshaften Begleitung der Umsetzung dieses Zieles könnte nicht
auf das Vorhandensein einer solchen barrierefreien Struktur zielen, sondern auf die
Kultur des Zusammenlebens der Menschen, die auf die Nutzung einer solchen
Struktur angewiesen sind: Werden Menschen im Rollstuhl oder mit eingeschränkter
Beweglichkeit bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln so unterstützt, dass
11
Vgl. ebd., S. 25f., S. 37.
sie das Angebot auch gern annehmen?12 Im Betrachten dieser Frage rückt die Art
und Weise des Umgangs der Menschen in der Nutzung ihrer Infarstruktur in den
Mittelpunkt.
Lupe zwei bezieht sich auf Ziel 6 im Bereich Wohnen: Die Wohneinheiten sind
orientiert an den Bedürfnissen von Familien, Frauen, Männern und Kindern und
ermöglichen nachbarschaftliches Wohnen in überschaubaren Hausgemeinschaften.
Eine Frage zur prozesshaften Begleitung der Umsetzung dieses Zieles könnte sich
an eine Wohnumfeldgestaltung, konkret auf die Kultur solcher Hausgemeinschaften
in einem Wohnumfeld für Menschen mit spezifischen Bedürfnissen zielen: Gibt es
Unterstützungsangebote für Menschen, die wichtige Dinge des täglichen Bedarfs
nicht eigenständig erledigen können?13
Lupe drei bezieht sich auf Ziel 20 im Bereich Soziale Infrastruktur & Kultur: Ein
Quartiers-/Servicezentrum für Auskunft und Koordination von sozialen
Dienstleistungen, Stadtteilangeboten und bürgerschaftlichem Engagement ist
vorhanden.
Eine Frage zur prozesshaften Begleitung der Umsetzung dieses Zieles könnte sich
bei einem solchen Zentrums auf die Achtsamkeit im Umgang mit der Vielfältigkeit von
Kommunikationsstilen beziehen: Wird berücksichtigt, dass die Verwendung spezieller
Kommunikationsmittel, z. B. Internet und E-Mail, die Kontaktaufnahme für bestimmte
Bevölkerungsgruppen erschweren kann?14
Wo kann ich mit den Fragen arbeiten?
Da in diesem Projekt vermeintlich Inklusion und ihre Umsetzung erst beginnen kann,
wenn das Projektergebnis abgeschlossen und ein neues Stadtquartier entstanden
ist, in dem sich eine inklusives Gemeinwesen entwickeln soll, ist es wichtig, immer
wieder darauf zu achten, dass der Projektprozess selber bereits ein inklusiver sein
muss. Überall und in allen Phasen des Veränderungsprozesses kann mit Fragen
gearbeitet werden:
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bei der Bestandsaufnahme
in Teamrunden
die „Frage der Woche“ im Internet, Rathaus, Eingangshalle
in Steuergruppen, Gremien, Arbeitsgruppen, Workshops
auf Veranstaltungen mit Bürgerinnen und Bürgern
bei Befragungen von Bürgern, Nutzern von Angeboten, beteiligten
Personenkreisen
in Zukunftswerkstätten
in der Familie, mit Freunden und Nachbarn
bei der Erstellung von Inklusionsplänen15
Wie sollten die Fragen bearbeitet werden?
12
Vgl. ebd., S. 49.
Vgl. ebd., S. 42.
14
Vgl. ebd., S. 68.
15
Vgl. Barbara Brokamp, (Titel wird noch ergänzt), S. xx.
13
Welche Form kann man finden, um über diese Fragen gemeinsam zu sprechen,
ohne dass es zu statisch wird? Wie kann ein Prozess entstehen, in dem der Dialog
aufrecht erhalten werden kann und unsere je eigenen ethisch-normativen Annahmen
und Standpunkte bezogen auf eine inklusive Haltung sichtbar werden? Der für
seinen dialogischen Denk- und Handlungsstil bekannte Kybernetiker Heinz von
Foerster glaubt, „daß ethische Fragen nicht zurückgelehnt im ehnstuhl besprochen
werden können sie ergeben sich in einer konkreten Situation, sie sind nicht
abgehoben und losgelöst debattierbar“. In einer ethischen Dimension „geht es um die
Praxis, um Down-to-earth-Probleme und nicht um jene Kategorien und
Begriffssysteme, die akademische Clubs und ihre Spezialisten so sehr faszinieren.“16
Ethisches Handeln als das Verhalten, mit dem wir uns selbst für unser Handeln
verantwortlich machen, ist die Grundlage einer Ethik der Verantwortung. Ethik ist so
auf das Handeln selbst bezogen – Ethik ist in den Handlungen. Den Dialog darüber
kann jeder führen, der sich und seine Haltung hinterfragen und sich mit anderen
dazu austauschen will.
16
Ebd., S. 11.
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