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Interview mit Kinderfreunde-Geschäftsführerin Simone Diensthuber

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Die Kinderfreunde OÖ, Hauptstraße 51, 4040 Linz
Tel.: 0732/773011-0, www.kinderfreunde.cc
Ansprechpartnerin
Susanne Pollinger, Pressesprecherin
susanne.pollinger@kinderfreunde.cc
0699/16886055
Interview mit Kinderfreunde-Geschäftsführerin
Simone Diensthuber zur Kinderfreunde-Kampagne
„Spielen wie es mir gefällt – nicht nur als Prinzessin
oder Held!“ (Dezember 2012)
Die Kinderfreunde fordern ein Ende der „Pinkifizierung“.
Was bedeutet dieser Begriff, was verstehen Sie darunter?
Simone Diensthuber: Heutzutage ist Pink – als Sammelbegriff für alle Farbnuancen zwischen Zartrosa und Magenta – zum Synonym für „Mädchen“ geworden. Wissenschafter/innen sprechen vom Trend der „Pinkifzierung“ und meinen eine Tendenz, mithilfe einer
Farbe zu definieren, was „richtige“ Mädchen machen. Spielzeug, Kleidung, Filme werden
geschlechtergetrennt angeboten, deshalb sind auch Buben von der Pinkifizierung betroffen.
Auch ihr Handlungsspielraum wird massiv eingeschränkt.
Wer hat etwas davon?
Simone Diensthuber: Natürlich die Industrie, die permanent auf der Suche nach neuen
Märkten ist. Mit dem Vorantreiben der Pinkifizierung kann man Eltern weismachen, dass die
kleine Schwester anderes Spielzeug, andere Bücher und andere Hosen als ihr großer Bruder braucht. Dadurch verkauft man viel mehr Produkte wie zu Zeiten, als alle Farben noch
für alle Kinder da waren.
Wer ist beteiligt?
Simone Diensthuber: Kosmetikkonzerne, die Medien, Computerspielentwickler, die Bekleidungsindustrie und natürlich Spielzeugfirmen. Sie alle verstärken den Trend, der von Eltern
und Großeltern aufgegriffen wird. Die Herstellung von taillierten T-Shirts für Dreijährige
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stößt auf fruchtbaren Boden. Viele Eltern finden das süß und zeigen damit, dass sie mit
einem neuen Konservatismus, der kleine Mädchen zu einem Stereotyp erzieht, einverstanden sind. Sie finden es normal, dass ihre Töchter sich am vollkommen unrealistischen Barbie-Schönheitsideal orientieren.
Die Barbie gibt’s aber schon länger.
Simone Diensthuber: Ja, aber das Konzert dessen, wie Mädchen und Frauen auszuschauen haben war noch nie so laut und vielstimmig. In meiner Kindheit spielten Buben und
Mädchen mit dem gleichen Lego, die Kinderabteilungen in den Kleidergeschäften waren
nicht nach Geschlechtern getrennt und als Mädchen war es selbstverständlich möglich, bis
zur Pubertät auch nur eine Badehose zu tragen. Heute ist die 7-jährige Tochter einer unserer Mitarbeiterinnen in ihrer Klasse die einzige, die zum Schwimmunterricht kein Bikinioberteil oder einen Badeanzug trägt.
Was macht das mit den Kindern?
Simone Diensthuber: Der Druck, sich rollenkonform zu verhalten ist enorm. Wer da nicht
mitmacht, wird schnell zum Außenseiter oder zur Außenseiterin. Und das gilt natürlich für
beide Geschlechter, wobei die Buben da noch viel stärker reglementiert werden, als die
Mädchen. Welcher Bub trägt heute ein rosa T-Shirt oder farbenfrohe Pullover? Die Kleidung, die es für vier bis zehnjährige Buben heute zu kaufen gibt, ist in dunklen Farben gehalten und sieht aus, als könnte sie ein 16-Jähriger tragen. Cool, „männlich“ sein und martialisch auftreten, diese Erwartung wird den Buben durch Spielzeug und Kleidung vermittelt.
Was stört die Kinderfreunde daran, dass Mädchen und Buben geschlechtsstereotyp
erzogen werden?
Simone Diensthuber: Wir sind überzeugt, dass das Einengen der Kinder in Geschlechterstereotype für niemanden förderlich ist. Nicht für Kinder, nicht für Erwachsene, auch nicht
für die Gesellschaft oder die Wirtschaft. Schließlich geht viel Potential verloren, wenn ausschließlich „Friseurin“ oder „Mechaniker“ als Berufswunsch in Frage kommt. Außerdem ist
der individuelle Einkommensunterschied zwischen weiblichen und männlichen Berufen immer noch enorm und Eltern sollten das mitbedenken, wenn sie ihre Töchter im weiblichen
Rollenklischee erziehen. Auch die große Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper im Hin-
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blick auf ein unerreichbares Schönheitsideal und die daraus folgende Diätenunkultur schon
im Teenageralter sind fatale Folgen der „Pinkifzierung“.
Worum geht es den Kinderfreunden in ihrer Kampagne?
Simone Diensthuber: Wir wollen nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten von
Kindern in den Mittelpunkt stellen. Unterschiede entstehen in der Erziehung und den dabei
vermittelten Werte- und Normsystemen. Mit „Spielen wie es mir gefällt – nicht nur als Prinzessin oder Held“ wollen wir das Bewusstsein von Erwachsenen erweitern und vermitteln,
dass es nicht „natürlich“ ist, Kinder schon im Babyalter in die beiden Geschlechtergruppen
zu teilen. Denn es geht um die Vorlieben der Kinder und die sind nicht automatisch aufgrund ihres Geschlechts vorgegeben.
Wenn sich Mädchen rosa Glitter wünschen, sollen ihre Eltern das ignorieren und
stattdessen etwas ganz anderes kaufen?
Simone Diensthuber: Umerziehungsmaßnahmen sind nie zielführend und entsprechen
nicht unserem Weltbild. Aber Eltern können ihre Kinder wissen lassen, was sie persönlich
mögen und nicht mögen. Eltern helfen ihrem Kind, die eigene Sicherheit zu finden, indem
sie die Zuversicht vermitteln, dass man auf sehr verschiedene Weise Mädchen oder Bub
sein kann und dass Kleidung, Verhalten und Spielvorlieben innerhalb jeder Geschlechtergruppe breit variieren können. Die eigentliche Herausforderung für Erwachsene besteht
aber darin, die eigenen geschlechtsspezifischen Bilder im Kopf zu hinterfragen.
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Bildung
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