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Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlt, weder sehen noch hören zu

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31.05.2012
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R E P O R TA G E
M I T TA U B B L I N D E N
MENSCHEN
Mit Gefühl
Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlt, weder sehen noch hören zu
können. Sabine Strobel wagte sich mit einer Gruppe taubblinder Menschen
in ein Spitzenrestaurant. Eine Reportage aus einer anderen Welt.
E
s ist diese Stille beim Mittagessen. Ich höre das Klappern
des Bestecks, hier und dort
ein leises Schmatzen. Sonst
nichts. Kein Gespräch, kein
Smalltalk. Ich blicke mich
um und sehe an der festlich gedeckten Tafel dreizehn zufriedene Gesichter - sechs hörsehbehinderte und
taubblinde Menschen sowie deren
Begleiter. „Wenn’s ruhig ist, scheint
es zu schmecken“, werfe ich ein wenig unsicher in die Runde. Sechs
Köpfe wenden sich mir zu, die anderen essen einfach weiter. Kommunikation verbindet Menschen - oder
trennt sie. Erst wenn man genau hinschaut wird deutlich, dass an diesem
Tisch sehr wohl kommuniziert wird:
Betreuer und Behinderte halten
Kontakt über ihre Hände. Fühlen
und schmecken sind ihre wichtigsten
Sinne. Inge Köhler, mit 79 Jahren die
Älteste bei unserem Ausflug in die
Spitzengastronomie, „lormt“ in die
Hände ihrer jungen Begleiterin. Das
heißt, sie tippt als „Sprechende“ jeden Buchstaben auf eine andere Stelle in der Handinnenfläche der „Lesenden“: „Mir hat der Fisch beson-
ders gut geschmeckt.“ Marie hat als
gesunder Mensch in nur einer Woche das Lormen erlernt. Für die
Taubblinden ist es oft die einzige
Verbindung zur Außenwelt. Ich erinnere mich an einen Satz, den ich
kürzlich gelesen habe: „Gehörlosigkeit trennt von den Menschen,
Blindheit von den Dingen.“ Einrichtungen wie das Deutsche Taubblindenwerk bauen Brücken von der Innen- zur Außenwelt. Helmut Dreifeld ist großer 96-Fan. Der Rentner
lebt seit 45 Jahren im Wohnheim
und liebt es, Geranien zu pflanzen.
Er kann noch ein wenig sehen und
setzt sich dann ganz dicht vor den
Fernseher, wenn sein Lieblingsverein
spielt. Jeden Montagmorgen steckt
er die Fußballergebnisse an die Pinnwand, natürlich in Blindenschrift.
Die heute am weitesten verbreitete
Blindenschrift ist die Brailleschrift,
die im Jahr 1825 von Louis Braille
entwickelt wurde, gut siebzig Jahre
vor Gründung von Hannover 96.
Dass Clubchef Martin Kind uns
heute zum Essen in den Kokenhof
Auf geht's ins kulinarische Abenteuer: Große Vorfreude beim Einsteigen in die 96-Busse,
die Martin Kind für den Transport nach Großburgwedel zur Verfügung gestellt hat
Ein echter Genießer: Er mag chinesisches, französisches und spanisches Essen Andreas Bredemeier (47 J.), begleitet von Marion Bode (49 J.)
Aladin El Marouk (15 J.) verständigt sich in der Gebärdensprache und durfte gleich zwei
Begleiter mitnehmen: Karin Wollenberg (57 J.) und Gerd Henke (55 J.)
Ihr hat es gut geschmeckt: Inge Köhler (79 J.), begleitet von Marie Schubert (23 J.).
Die Älteste in der Runde backt am liebsten Käse- und Schokokuchen.
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HANNOVER GEHT AUS!
FOTOS: LAMPE/LEINEBRANDUNG
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sprache: Ein Kuss auf den Handrücken bedeutet „mag ich“. Er ist 15
Jahre alt und hat das Usher-Syndrom. Noch kann er sehen, doch
nach und nach verliert er sein Sichtfeld. In der Schule mag er am liebsten Erdkunde und Sport, ganz besonders Schwimmen. Als er hört,
dass das Schwimmbad bald wieder
öffnet, jauchzt er laut und reibt sich
begeistert die Hände. Zum Abschluss wird das Dessert serviert - es
ist wieder ruhig und Lucas isst langsam. Also alles in Ordnung.
Restaurant Kokenstube,
Großburgwedel, Isernhägener Str. 3,
Tel. 0 51 39 - 80 30
MENÜ
Geeiste Tomaten mit
gebratenem Loup de Mer
Spargel mit Rumpsteak
und Kartoffelpüree
Dessertteller „Kokenhof ”
„Wenn HANNOVER geht aus! erscheint, kaufe ich eine und schenke sie meiner Mama!",
Lucas Brinse (12 J.) wird von Ann-Cathrin Madcalla (26 J.) begleitet
Alexander Melicker,
Küchenchef, Restaurant Kokenhof
Kommunikativ: Hans Michel (68 J.) mit
Begleiterin Stefanie Meier (25 J.)
96-Fan: Helmut Dreifeld (69 J.),
begleitet von Sören Kasch (26 J.)
SOMMER 2012
Willkommene Abwechslung vom Alltag: Gemeinsames Mittagessen von Schülern,
Bewohnern und Betreuern des Taubblindenwerkes im Restaurant Kokenhof
eingeladen hat, macht ihn stolz. Gerne würde ich von ihm wissen, welche
Neuverpflichtungen er in der nächsten Saison plant. Plötzlich klopfen
einige Taubblinde auf den Tisch, das
Rumpsteak mit Spargel wird serviert
und sie wünschen: „Guten Appetit!“
Die Erschütterung können alle gut
wahrnehmen. Lucas ist mit zwölf
Jahren der Jüngste in der Runde.
Aufgeweckt und neugierig - ein echtes Energiebündel. Ann-Catrin Madcalla hat alle Hände voll zu tun, den
Jungen bei seiner Entwicklung zu
unterstützen: „Am liebsten beschäftigt er sich mit Menschen, die ihm
etwas mitteilen oder Geschichten er-
zählen“, verrät sie mir, während sie
für Lucas das Fleisch klein schneidet.
„Normalerweise ist er bei allem, was
er tut, sehr schnell, aber wenn ihm
etwas schmeckt, isst er ganz langsam
- ein richtiger Genießer!“ Lucas isst
seinen Spargel sehr, sehr langsam.
Auch Hans Michel fühlt sich im Kokenhof rundum wohl - auch wenn er
das schöne Ambiente nicht sehen
kann. Er hat heute eine neue Form
erfühlt, eine Fenchelknolle, die die
Küchencrew mit anderem Gemüse
und Kräutern liebevoll in einem
„Fühl-Korb“ bereitgestellt hat. Aladin dagegen verständigt sich mit seiner Begleiterin über die Gebärden-
„Ich war sehr gespannt, wie unser 3Gänge-Menü im Kokenhof bei den
Kindern und Erwachsenen des Taubblindenwerkes ankommen würde. Mit ihren
Sinnen können sie fühlen, schmecken und
riechen. Der Fokus konzentriert sich dabei
völlig auf den Geschmack und die Zusammensetzung einer Speise, keine optische
Täuschung lenkt sie vom Produkt ab. Mit
welcher Abenteuerlust und Neugier sich die
hörsehbehinderten und taubblinden
Menschen neuen Geschmackserlebnissen
geöffnet haben, hat mich sehr beeindruckt.
Die Zusammenarbeit mit dem Taubblindenwerk und seinen Bewohnern hat mir
viel Spaß gemacht und meinen Horizont
für die wirklich wichtigen Dinge im Leben
weiter geöffnet.“ Der ambitionierte
Küchenchef vom Kokenhof hat sein Handwerk unter anderem bei Sternekoch Heinz
Winkler im „Tristan“ auf Mallorca und in
der „Residenz“ im Chiemgau erlernt. Er
versteht es, regionale Gerichte mit raffinierten internationalen Feinschmeckereien
zu kombinieren.
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DEUTSCHE
TAPAS
NUR 13,50
M A RT I N K I N D
Für
eine gute
Sache
Unternehmer Martin Kind,
KIND Hörgeräte
D
z.B.: Thüringer
Rostbrätel
auf Sauerkraut
z.B.: Friesisches
Matjes-Tatar
auf Vollkorntaler
as Taubblindenwerk in Hannover liegt uns ganz Besonders am
Herzen: Seit vielen Jahren unterstützen wir das Projekt, weil hörsehbehinderte und taubblinde Menschen ein Recht auf Bildung und
Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft haben. Mit Freude sehen wir,
wie diese Einrichtung Kinder, Ju-
Barrierefreies
Baden: die
Renovierung des
Schwimmbades
ist nach über einem
halben Jahr fast
abgeschlossen.
D E U T S C H E S TA U B B L I N D E N W E R K
Nicht weggucken!
Im Mai feierte Direktorin
Lemke-Werner ihr 30-jähriges
Dienstjubiläum im
Taubblindenwerk. Ihr schönstes
Geschenk: Bald ist das
Schwimmbad wieder im Betrieb!
z.B.:
Brandenburger
Kohlroulädchen
V O N S A B I N E S T RO B E L
S
z. B.: Berliner
Kalbsleber
mit glasiertem
Apfel
Förderer: Martin Kind
z.B.:
Süße Birne
nach
Westerwälder
Art
Probieren Sie unsere frischen
Meeresspezialitäten
RESTAURANT & BISTRO
AM TATTERSALL
Seelhorststraße 44
30175 Hannover
Montag bis Freitag
12.00 - 15.00 und 18.00 - 23.00 Uhr
Samstag ab 18.00 Uhr
Warme Küche bis 22.00 Uhr
Sonntag Ruhetag
Tel. und Fax 0511 - 279 00 777
www.restaurant-olea.de
info@restaurant-olea.de
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gendliche und Erwachsene nach
Kräften bei ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung unterstützt.
Deshalb unterstützen wir HANNOVER geht aus! bei dieser Aktion
mit Bussen von Hannover 96 und
leisten unseren Beitrag, dass das
Mittagessen im Restaurant Kokenhof für die behinderten Menschen
Abwechslung in ihren Alltag bringt
und hoffentlich noch lange in Erinnerung bleibt. Wir freuen uns,
dass wir diese genussreiche Entdeckungsreise begleiten durften und
wünschen uns soziales Engagement
als festen Bestandteil unserer Gesellschaft. So sind nicht nur Unternehmen wie KIND Hörgeräte als Vorbilder gefragt, sondern jeder Einzelne von uns, kann dazu beitragen,
unser Leben ein Stückchen lebenswerter zu gestalten.“
ie müssen sich das so vorstellen:
Hier hängen sonst die Taucherflossen, dort das bunte Wasserspielzeug und die Schwimmhilfen.“
Gudrun Lemke-Werner kann es
kaum erwarten, bis das Schwimmbad für ihre Schützlinge freigegeben
wird. Fast 250.000 Euro hat die 6monatige Renovierung gekostet, einen Teil davon musste das Taub-
taubblinde oder hörseheingeschränkte Kinder und Jugendliche
werden in 16 Schulhäusern rund
um die Uhr betreut. Die Jüngsten
starten im Sonderkindergarten,
dann folgen bis zu 13 Schuljahre. In
der Lehrwerkstatt bastelt der 17jährige Aladin gerade ein Herz für
seine Mutter, ein taubblindes Mädchen fädelt Schmuck auf eine Kette.
Einen Raum weiter spürt eine 10jährige mit ihrer Rhythmiklehrerin
konzentriert den Schwingungen eines Tamburins nach. Frau LemkeWerner kennt jedes Kind ganz genau: „Wir geben die Lernschritte
nicht vor, sondern schauen individuell, wo wir es aus der Reserve
locken können. Am schönsten ist es,
wenn ein Kind erlebt, dass es aus
sich selbst heraus etwas bewirken
kann.“ Und was gibt sie gesunden
Menschen mit auf den Weg, wenn
sie Behinderten begegnen? „Sich zugewandt verhalten, nicht einfach
weggucken, das wäre schön.“
SPENDENAUFRUF
Gudrun Lemke-Werner,
Direktorin des Bildungszentrums
blindenwerk über Kredite finanzieren. „Ich hoffe, dass wir durch
HANNOVER geht aus! ein paar
Hundert Euro dazu bekommen“,
wünscht sich die 58-Jährige und
freut sich, dass auch Martin Kind
bei dieser Aktion mitmacht. 75
Machen Sie es wie Martin Kind.
Werden Sie Vorbild! Denken Sie daran,
jeder noch so kleine Betrag hilft Frau
Lemke-Werner und ihren Kindern
weiter. Unterstützen Sie taubblinde und
mehrfachbehinderte Menschen in der
Region Hannover.
Deutsches Taubblindenwerk gGmbH
Stichwort: Spende „DTW
Schwimmbad“
Bank für Sozialwirtschaft Hannover
Kto.: 7402700
BLZ: 251 205 10
HANNOVER GEHT AUS!
FOTOS: LAMPE/LEINEBRANDUNG, KIND
z. B.: Kalbsleberpraline im Pumpernickelmantel
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Seele and Geist
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