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Anna – oder wie es ist, unsichtbar zu sein - Verlag

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Mila Herzlicht
Meinem Grundschullehrer
Anna –
oder wie es ist, unsichtbar zu sein
nna schreckte auf. Ihr Wecker hatte sie aus dem Schlaf
gerissen. Müde und schlaftrunken rieb sich das Mädchen
die Augen und sah auf den Wecker: sieben Uhr. Sie musste
aufstehen, sich waschen und anziehen und nach dem Frühstück zur Schule. Also erhob sich Anna aus ihrem Bett und
machte sich auf den Weg zum Bad.
Über den Flur gehend, wunderte sie sich, dass Wuschel,
der Hund der Familie, nicht reagierte, als Anna an ihm vorbeiging. Sonst schaute Wuschel immer auf und wedelte mit dem
Schwanz, wenn das Mädchen in seine Nähe kam. Anna dachte sich jedoch nichts weiter dabei und drückte die Klinke der
Badezimmertür hinunter. Drinnen saß ihr Bruder auf der
Toilette und man hätte den Eindruck haben können, er würde
seine Schwester gar nicht bemerken. Das kam Anna nun doch
sehr seltsam vor, denn Moritz machte jedes Mal einen Riesenaufstand, wenn ein Familienmitglied ins Bad kam, während er auf der Toilette saß. Wobei er aber auch nie die Tür
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verriegelte, damit ihn niemand bei seinem Geschäft störte.
Selbst schuld, wenn man nicht abschließt, dachte Anna immer. Jedenfalls war es äußerst komisch, dass es Moritz nun
plötzlich nichts mehr ausmachte, auf der Toilette gestört zu
werden. Seine ältere Schwester dachte, auch gut, vielleicht
stellt sich ja mein kleiner Bruder ab heute nicht mehr so an
und sie begann einfach, sich zu waschen. Während Anna noch
ihre morgendliche Katzenwäsche vornahm, ging Moritz hinter ihr vorbei und aus dem Bad. »Typisch«, ging es Anna durch
den Kopf, »ohne die Hände zu waschen, nachdem er auf der
Toilette war. Mein Bruder ist so ein Ferkel!« Und »Guten
Morgen« sagen konnte er auch nicht, aber auch das war ja
nichts Neues. Na ja, da Anna ein Morgenmuffel war, machte
ihr dies nicht viel aus, ohnehin redete sie am Morgen ungern
und hatte in diesem Fall nichts dagegen, schweigsam zu bleiben.
Nachdem Anna im Bad fertig war – sie war zwar nicht gar so
unreinlich wie ihr Bruder, aber doch ein wenig wasserscheu –,
ging sie zurück in ihr Zimmer, um sich anzuziehen.
Ein paar Minuten später kam Anna in die Küche, wo ihre
Mutter gerade Schulbrote schmierte. »Hallo Mama!«, warf sie
ihrer Mutter kurz zu, woraufhin das Mädchen sich an den
Küchentisch setzte, wo bereits Annas Frühstück – Müsli mit
Milch und Obst und eine Tasse Tee – zum Verzehr bereitstand. Seltsam, auch ihre Mama hatte gar nicht reagiert, als sie
hereingekommen war und sie begrüßt hatte. Waren heute
Morgen alle taub oder so sehr mit sich selbst beschäftigt? Oder
schlecht gelaunt? Oder aber hatten sich etwa alle gegen Anna
verschworen?
Während die Tochter noch über die ihr entgegengebrachte
Ignoranz nachdachte, erschien der Vater in der Küche. Er setz-
te sich Anna gegenüber an den Tisch und fragte seine Frau, wo
denn die Kinder blieben. »Aber ich sitze doch hier, Papa!«,
meinte Anna kleinlaut und schon fast den Tränen nahe. Ihre
Mutter meinte gerade, sie wisse auch nicht, wo die beiden mal
wieder steckten, es sei doch jeden Morgen dasselbe Theater.
Immer müsse man die Kinder antreiben, damit diese rechtzeitig zur Schule kamen.
Jetzt bestand kein Zweifel mehr! Keiner in der Familie
nahm Anna heute wahr. Wie konnte das sein? Gestern war
doch noch alles in Ordnung gewesen. Anna sah an sich selbst
hinunter, betrachtete dann ihren rechten Arm und kniff
hinein. Sie konnte alles von sich sehen, spürte auch ihren Arm.
Konnte es sein, dass sie … Nein! Niemals. So etwas gab es
doch nicht in der Wirklichkeit, im tatsächlichen Leben. Das
gab’s doch nur in Büchern, im Film oder in Geschichten, die
ihr Großvater ihr erzählte. UNSICHTBAR? War Anna tatsächlich für alle anderen nicht mehr zu sehen und wahrzunehmen? Nun brauchte sie Gewissheit.
Anna ging zu ihrer Mutter hinüber und tippte auf deren
Schulter. Keine Reaktion. Daraufhin lief sie, schon fast verzweifelt, zum Vater und hob ihr Gesicht direkt vor seines,
schaute ihm direkt in die Augen. Kein Zwinkern, kein Zurückweichen, nein, auch keinerlei Erwiderung seitens ihres
Vaters, genau wie bei der Mutter.
Anna brach nun in Panik aus. Sie begann zu schreien: »Aber
ihr müsst mich doch sehen! Sagt doch, dass ihr mich seht. Oh
Gott!« Wieder keine Antwort von ihren Eltern. Null Reaktion. Die Tochter rüttelte an der Mutter. »Mama«, bettelte Anna,
»schau mich doch an! Ich bin hier. Ihr müsst mich doch sehen!
Gestern habt ihr mich doch auch noch wahrgenommen.«
Es half nichts. Ihre Eltern konnten sie offensichtlich weder
sehen noch hören und auch nicht fühlen. ANNA WAR FÜR
ALLE UND JEDEN UNSICHTBAR. Und nicht nur das,
denn ihre Mitmenschen konnten sie auch nicht mehr hören
oder spüren. Das Mädchen musste sich erst einmal setzen, um
den ersten Schock zu verdauen. »Was soll ich nun tun?«, fragte
sie sich. Anna überlegte angestrengt. Ihr wollte einfach nichts
einfallen, wie sie sich bemerkbar machen konnte. Sie hätte
natürlich ihre Teetasse umkippen und das Getränk über den
Tisch laufen lassen können. Oder sollte sie einen Teller auf
den Fliesenboden in der Küche schmeißen? Aber dann hätten
sich ihre Eltern nur gewundert, wie das passiert wäre. Allerdings hätten ihre Eltern noch immer nicht gewusst, dass Anna
dafür verantwortlich war, und sie trotzdem nicht wahrgenommen.
Anna zermarterte sich das Hirn, wie sie ihre Eltern auf sich
aufmerksam machen konnte. Doch keine Idee wollte sich einstellen, wie das Mädchen Mutter und Vater klarmachen konnte, dass sie plötzlich unsichtbar war.
Sie beschloss, ruhig zu bleiben, sich nicht verrückt machen
zu lassen und erst einmal so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung. Anna atmete tief durch, um gelassen zu bleiben, und
wollte erst einmal so tun, als wäre ein ganz gewöhnlicher Tag.
Sie würde wie gewohnt zur Schule gehen.
Die Verabschiedung von ihrer Familie und Wuschel konnte sie sich heute sparen, da sie sowieso von keinem wahrgenommen wurde. Traurig machte sich das Mädchen auf den
Weg zur Schule.
Zu allem Überdruss regnete es auch noch. Felix, ein Nachbarsjunge, der eine Klasse über Anna war und den sie nicht
ausstehen konnte, stand an der Straße und wartete, wie jeden
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Morgen, auf seinen Freund. Anna hatte schon des Öfteren das
Bedürfnis verspürt, Felix einen Streich zu spielen. Und momentan hatte sie nichts dagegen, ein wenig Frust abzulassen.
Ihr Nachbar stand neben einer Pfütze, sodass sie nicht widerstehen konnte. Das Mädchen setzte zum Sprung an, als es vor
Felix stand und hüpfte mitten hinein in die Wasserlache. Zugegebenermaßen machte es Anna plötzlich Spaß, dass sie unsichtbar war. Felix ein bisschen zu ärgern war doch endlich
mal ein Vorteil des Nicht-gesehen-Werdens. Als Anna in der
Regenpfütze landete, spritzte das Wasser auf Felix, der furchtbar erschrak und ein verblüfftes Gesicht aufsetzte. Anna
schmunzelte und dachte, dass sie nun endlich einmal eine
günstige Gelegenheit genutzt hatte, diesem Angeber und
Sprücheklopfer einen kleinen Denkzettel zu verpassen. Auch
wenn Felix nicht wusste, wer ihm diesen Streich gespielt hatte,
ja noch nicht einmal, dass ihm überhaupt jemand einen Streich
gespielt hatte. Er konnte sich bestimmt nicht erklären, weshalb das Wasser ihn nass gespritzt hatte. Es war schließlich weit
und breit niemand zu sehen und auch kein Auto vorbeigefahren, das ihn mit Regenwasser hätte bespritzen können. So
gesehen war der Triumph für Anna nicht ganz so groß, aber es
verschaffte Anna doch eine kleine Befriedigung, ihren Erzrivalen wenigstens ein bisschen geärgert zu haben.
Vielleicht konnte man sich ja an das Unsichtbarsein gewöhnen. Man musste eben nur das Beste aus der Situation machen.
Zumindest hatte es auch Vorteile, wenn man von seinen Mitmenschen nicht gesehen werden konnte.
Während das Mädchen noch vor sich hin kicherte und den
nass gespritzten Felix zurückließ, lief Anna ihre Freundin
Kathrin über den Weg. »Hallo Kathrin!«, rief sie gewohnheitsmäßig, woraufhin ihr schlagartig bewusst wurde, dass
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auch ihre Freundin sie nicht sah. Dies wiederum stimmte
Anna sehr traurig. Gesetzt den Fall, sie blieb unsichtbar, konnte Anna nie mehr mit ihrer besten Freundin lachen, spielen,
sich unterhalten und alles andere tun, was Freundinnen so
miteinander unternahmen. Daran wollte Anna gar nicht denken, denn das wäre tatsächlich tragisch. Und mit Annas Familie wäre es dasselbe Dilemma. Selbst ihr Bruder Moritz, mit
dem sie sich so oft stritt und der Anna immer wieder nervte
und zur Weißglut trieb, würde ihr fehlen. Und natürlich Wuschel, den sie heiß und innig liebte und so gerne knuddelte
und herzte. Von ihrer Mama und ihrem Papa ganz zu schweigen. Das durfte sie sich erst gar nicht ausmalen, wie grausam
das wäre.
Aber alles Jammern half ja nun nichts. Anna konnte nicht
ändern, dass sie plötzlich unsichtbar war, und musste sich irgendwie mit dieser neuen Situation arrangieren.
In der Schule angekommen, setzte sich Anna sogleich auf
ihren Platz, da ja kein Mitschüler von ihr Notiz nahm oder
nehmen konnte. Die Viertelstunde, bis die Lehrerin hereinkam und der Unterricht begann, erschien dem Mädchen wie
eine Ewigkeit. Wenn man nicht mit der Freundin oder anderen Schulkameraden sprechen konnte, sich nicht an den Unterhaltungen beteiligen und über die Scherze mitlachen konnte, war man ausgegrenzt, fühlte sich isoliert und es war auch
schlicht langweilig.
Aber nun war ja endlich Frau Pauker, die Lehrerin, aufgetaucht und vor die Klasse getreten. Annas Lehrerin hieß tatsächlich so. Natürlich musste sich Frau Pauker, seit sie diesen
Beruf ausübte, und das tat sie schon seit vielen Jahren, immer
wieder dumme Bemerkungen und blöde Witze gefallen lassen. Doch Frau Pauker war über jegliche Bosheit erhaben und
lachte sogar mit, wenn ihr Name durch den Kakao gezogen
und verunglimpft wurde. Zu blöd aber auch, wenn man als
Lehrerin den Nachnamen Pauker hatte. Sie hätte ja einen
Herrn Maier oder Schulze heiraten können, aber Frau Pauker
war anscheinend glücklicher Single.
Die Lehrerin stellte nun fest, dass Anna nicht auf ihrem
Platz saß und fragte Kathrin, ob sie wisse, warum ihre beste
Freundin und Tischnachbarin nicht anwesend sei. Kathrin
erwiderte daraufhin, sie wisse nicht, wo Anna sei und nehme
an, sie sei krank. Nachdem diese Angelegenheit geklärt war
und sonst kein Schüler fehlte, sagte Frau Pauker zu jedermanns Überraschung: »Also gut, los geht’s! Wir schreiben
heute Morgen einen unangekündigten Test.« Ein Raunen
ging durch die Klasse. Einige Schüler wurden aschfahl im Gesicht und nervös. Anna grinste breit und freute sich. Da war
doch schon wieder ein Vorzug in Erscheinung getreten, der
für das Unsichtbarsein sprach. Anna musste ab heute keinen
Test und keine Klassenarbeit mehr mitschreiben, sich nicht
mündlich prüfen lassen, keine Gedichte mehr vortragen, nicht
vorsingen, gar nichts mehr tun, was in irgendeiner Weise
unangenehm oder lästig war. Das fand Anna großartig. Entspannt lehnte sie sich zurück. Währenddessen teilte Frau
Pauker die Blätter mit den Testfragen aus und Annas Mitschüler dachten bereits angestrengt nach oder brachten schon
f leißig Worte zu Papier, obwohl eigentlich gewartet werden
musste, bis jeder sein Blatt erhalten hatte, damit beim Anfangen mit Denken oder Schreiben Chancengleichheit herrschte.
»Uff, habe ich ein Glück«, ging es Anna durch den Kopf,
denn sie hatte nicht gelernt und war heilfroh, dass dieser Kelch
an ihr vorüberging.
Die weiteren Unterrichtsstunden liefen ebenfalls sehr erholsam für Anna ab. Kein Lehrer, dem sie Fragen beantworten
musste, keine Ermahnungen wegen Tuschelns oder heimlichen Essens. Man musste, wenn man unsichtbar war, auch
niemals zur Tafel vorkommen und etwas vorrechnen oder
sonst vorführen. Zudem konnte Anna so lange vor sich hin
träumen und unkonzentriert sein, wie es ihr beliebte. So war
der Unterricht sehr gut auszuhalten.
Die Vorteile des Unsichtbarseins waren demnach nicht zu
verachten. Anna sah minutenlang aus dem Fenster, beobachtete ausgiebig ihre Mitschüler, ging durchs Klassenzimmer,
blieb mal hier, mal dort stehen und schaute den Klassenkameraden dabei zu, was sie so taten. Ein Schüler hantierte
mit seinem Handy unter dem Tisch, wobei doch ausdrücklich
untersagt war, die Geräte während des Unterrichts einzuschalten, geschweige denn zu benutzen. Als Nächstes bemerkte Anna einen Klassenkameraden, der heimlich mit
irgendeinem elektronischen Apparat spielte, was selbstverständlich ebenso strengstens verboten war im Klassenraum.
Zwei Mädchen schrieben sich Briefchen und steckten sich
diese zu. Ein weiteres Mädchen erledigte noch die Hausaufgaben vom Vortag und wurde gerade rechtzeitig damit fertig,
als sie vom Lehrer aufgerufen wurde. Bei Frau Pauker würde
das alles nicht möglich sein, denn die griff durch und ließ den
Kindern nichts durchgehen. Aber diesem Lehrer konnte man
offensichtlich ohne große Mühe auf der Nase herumtanzen.
Irgendwann wurde es Anna jedoch zu fade im Klassenzimmer und sie beschloss, durch das Schulgebäude zu streifen
und auf Erkundungstour zu gehen. Wo sie schon immer einmal hatte hineinwollen, das war das Lehrerzimmer. Für gewöhnlich kam man ja als Schüler nie in diesen Raum. Doch
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nun bot sich Anna endlich die Gelegenheit, ungesehen hineinzugelangen und ihre Neugier zu befriedigen, was den
unbekannten Raum betraf. Sie stellte es sich unheimlich spannend vor, was dort vor sich ging, besprochen wurde und zu
sehen, aber auch zu erfahren war. Also steuerte Anna schnurstracks auf das Lehrerzimmer zu. Da eigentlich gerade
Unterrichtszeit war, fand das Mädchen nur ein paar vereinzelte Lehrer darin vor. Sie lasen Zeitung oder in einem Buch,
frühstückten, bereiteten sich auf ihre nächste Unterrichtsstunde vor oder unterhielten sich miteinander. Leider musste
Anna feststellen, dass dieser Raum weitaus unspektakulärer
war, als sie es sich ausgemalt hatte. Wenn man ehrlich war, gab
es hier nichts Interessantes zu entdecken. Somit verließ sie den
Raum und zog weiter auf ihrer Entdeckungsrunde.
Anna kam an einem Materialraum vorbei, dessen Tür offen
stand, und trat ein. Hier gab es doch schon viel interessantere
Dinge zu bestaunen. In einer Ecke stand beispielsweise ein
Skelett. Außerdem waren einige ausgestopfte Tiere vorhanden: Vögel, ein Wiesel und andere kleine Tiere. Anna berührte mehrere Tiere und fand, diese sahen nicht nur so aus, als
würden sie noch quicklebendig sein, sondern sie fühlten sich
auch so an. Dem Skelett gab sie die Hand und musste kichern,
als das Gerippe klapperte, während sie diesem die Hand schüttelte. Plötzlich stand ein Lehrer neben Anna. Das Mädchen
hätte sich fast zu Tode erschrocken. Anna hatte den Lehrer
nicht hereinkommen hören und er konnte sie ja nicht sehen.
In der ersten Schrecksekunde hatte sich Anna ertappt gefühlt
und ein schrecklich schlechtes Gewissen gehabt. Aber ihr
konnte doch gar nichts passieren, fiel ihr in der nächsten
Sekunde ein, denn der Lehrer sah Anna ja nicht. Wäre sie
nicht unsichtbar gewesen, hätte sie nun mächtig Ärger be-
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kommen. Die Materialräume waren nämlich für Schüler absolut tabu. Deshalb waren die Räume im Normalfall auch
abgeschlossen und standen nicht offen, so wie eben, als sie
hineingeschlüpft war. Der Lehrer war vermutlich schon im
Raum gewesen und noch einmal kurz hinausgegangen, um
sofort wiederzukommen. Anna hatte sich schon gewundert,
weshalb die Tür nicht verschlossen gewesen war. Nachdem
der Mann nun gefunden hatte, was er suchte, verließ er den
Materialraum wieder und Anna befand sich erneut allein darin. Nun hatte sich schon wieder ein Vorteil herausgestellt,
wenn einen die anderen Menschen nicht sehen konnten.
Anna spielte noch eine Zeit lang mit einem Aufnahmegerät
herum, plapperte sinnlose Sätze darauf und bog sich vor Lachen, als sie sich den Quatsch anhörte und erfuhr, dass ihre
Stimme beim Abspielen ganz anders und viel tiefer als in
Wirklichkeit klang. Anna verstaute noch ein paar Dinge an
anderen Orten, um den Lehrern einen Streich zu spielen. So
mussten diese erst einmal auf die Suche gehen, wenn sie etwas
aus dem Raum holen wollten. Das konnte dauern, bis die
Lehrer ihre gesuchten Gegenstände wiederfanden. So kamen
sie vielleicht öfter später zum Unterricht und Anna hatte ihren
Mitschülern einen Gefallen getan.
Als das Mädchen den Materialraum verließ, verschloss sie
nicht die Tür, sondern ließ diese offen stehen. Vielleicht verspürte ja noch ein anderer Schüler Lust, den Raum zu erkunden. Demjenigen wollte sie die Chance dazu geben, auch
wenn es für diesen Schüler gefährlich war, da dieser nicht unsichtbar war und Gefahr lief, ertappt und bestraft zu werden.
Anna stellte sich die Frage, wie viele Freunde und Mitschüler sie wohl beneiden würden um die Tatsache, dass sie
unsichtbar war. Man konnte eine Menge Spaß haben, viel
Unbekanntes entdecken, Streiche spielen, sich vor unangenehmen Angelegenheiten drücken und bestimmt noch vieles
mehr, an das Anna nicht dachte oder von dem sie noch nichts
wusste. Sie begann ja gerade erst, Erfahrungen mit der Unsichtbarkeit zu sammeln und deren Vorteile kennenzulernen
und auszukosten.
Was könnte sie wohl als Nächstes tun? Anna entschied,
nicht mehr in ihren Unterricht zurückzukehren. Es war ohnehin schon spät geworden, während sie auf Streifzug durch das
Schulhaus zog. Somit war fast Mittag und damit Schulschluss.
Eine günstigere Gelegenheit zum Schuleschwänzen würde
sich wohl kaum mehr bieten. Und wer wusste, wie lange sie
noch unsichtbar war? Außerdem, wenn Anna eh nicht wahrgenommen wurde und sie sich nicht am Unterricht beteiligen
konnte, warum dann den langweiligen Stoff über sich ergehen
lassen, wenn es da draußen doch noch so viel zu entdecken
gab?
Deshalb schlug das Mädchen den Weg von der Schule in
die Innenstadt ein. Unterwegs kam sie an einem Obst- und
Gemüsestand vorbei. Unter anderem wurden hier Erdbeeren
angeboten. Diese schienen Anna regelrecht anzulachen und
sie meinte zu vernehmen: »Iss uns, Anna!« Herrlich rot waren
die Früchte und dufteten süß und aromatisch. Anna lief bereits
das Wasser im Mund zusammen. Wofür bin ich denn unsichtbar, kam ihr in den Sinn, und so streckte sie ihre Hand nach
den Früchten aus und nahm sich einfach eine Handvoll Erdbeeren im Vorbeigehen. Wieder einmal konnte sie keiner beobachten, auch nicht bei diesem Mundraub. Mmh, wie köstlich die frischen, reifen Früchte schmeckten! Es war ein
Genuss. Als das Mädchen soeben die letzte Erdbeere in den
Mund gesteckt und verspeist hatte, tauchte ihre Lieblings-
eisdiele auf. Ein Eis bestellen konnte Anna nicht, denn mal
wieder würde keiner sie wahrnehmen. Man konnte sie weder
hören noch sehen. Und selbst wenn Anna lediglich unsichtbar, jedoch noch zu hören gewesen wäre, hätte der Eisverkäufer Anna gehört, aber nicht gesehen. Folglich wäre er ganz
sicher aus allen Wolken gefallen und sehr verstört gewesen. Es
wäre ja schließlich sehr verwirrend, einen anderen Menschen
zu hören, aber ihn nicht zu sehen. Und zum Eisverkäufer zu
sagen: »Hey, ich bin unsichtbar, aber ein Eis nehme ich trotzdem«, war ja nun auch nicht gerade beruhigend für den Mitmenschen. Aber dies war nur reine Theorie, denn schließlich
wurde sie auch nicht gehört, von nichts und niemandem. Abgesehen von diesen Gedanken, dass sie andere Menschen an
ihrem Verstand zweifeln lassen würde und nicht akustisch zu
vernehmen war, sie hatte auch gar kein Geld bei sich. So ging
das Mädchen kurzerhand hinter die Theke und bediente sich
selbst. Anna nahm sich einen Pappbecher und einen großen
Löffel, der zur Hand war, und türmte so viel Eis in den Becher,
wie sie glaubte essen zu können, ohne dass ihr tagelang übel
war.
Falls jemand mitbekam, wie ein herrenloser Eisbecher mit
Eis beladen wurde und wie ein Löffel über das Eis schwebte
und das Gefrorene entnahm, musste derjenige sich wohl für
übergeschnappt halten und seinen Augen nicht trauen. Zumindest hielt niemand den hinwegschwebenden Eisbecher
auf. Die Eisverkäufer schienen glücklicherweise zu sehr mit
den Kunden und dem Eis beschäftigt und die Kunden mit
dem Sortenaussuchen und der Vorfreude auf ihr Eis. Anna
selbst hätte ja niemand erwischen oder aufhalten können,
dank ihrer Unsichtbarkeit. Trotzdem war es ihr lieber, wenn
ihr Mundraub nicht entdeckt wurde und sie kein Aufsehen
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erregte. Die entschwindenden Erdbeeren hatte vorhin offenbar auch keiner bemerkt, denn es war kein Protest zu hören
gewesen, als Anna sich die Früchte vom Obststand stibitzte.
Aber die Standbetreiber waren auch vollauf mit dem Auslegen
ihrer Ware beschäftigt gewesen und sonst hatte auch kein
Mensch die hinwegschwebenden Früchte bemerkt. Zumindest hatte Anna nichts mitbekommen.
Das Eis war im Übrigen nicht minder köstlich, als es die
Erdbeeren gewesen waren. Wenn alles so weiterging, würde
Anna leben wie die Made im Speck.
Mit leichtem Magendrücken aufgrund der ausgiebigen
Schlemmerei betrat das unsichtbare Mädchen nun ein Kaufhaus. Schon oft hatte Anna davon geträumt, sich einmal über
Nacht in ein Kaufhaus einschließen zu lassen, um dann endlos
Sachen anzuprobieren und auszusuchen – und natürlich am
Ende mitzunehmen. Da sie ja gerade mal unsichtbar war,
konnte sie sich doch tagsüber diesen Traum erfüllen. Also
streifte Anna durch den Laden und suchte sich die allerschönsten Dinge aus und behielt diese, wenn es Kleidungsstücke
waren, gleich an. Klamotten, Schuhe, Schmuck, eine Sonnenbrille, einen Sonnenhut und zu guter Letzt noch eine Tasche.
»Die Tasche kann ich bestimmt gut gebrauchen. Wer weiß,
was ich bei meinem Abenteuer noch alles auffinde?«, sagte
sich Anna, ganz praktisch denkend. So hatte sie eine Tragehilfe für die Dinge, die sich eventuell noch mitnehmen ließen.
Ihre alten Sachen ließ Anna einfach liegen. Sie hatte ja nun viel
tollere, neue Utensilien erstanden.
Was übrigens sehr praktisch war, wenn man für andere
nicht sichtbar war: Man brauchte keine Umkleidekabine
mehr! Anna konnte sich ungeniert entkleiden und anprobieren, wo auch immer sie sich gerade befand. Selbst wenn eine
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ganze Meute von Kaufhausbesuchern vorbeischlenderte, keiner konnte sie beim Umziehen beobachten.
Auf ihrem Weg zum Ausgang des Warenhauses nahm sich
das unsichtbare Mädchen noch ein Buch mit und einen tragbaren CD-Spieler einschließlich CD zum Abspielen. Vielleicht würde sie auf ihrem Abenteuerzug zwischenzeitlich
Unterhaltung brauchen. Bevor sie das Geschäft endgültig verließ, machte sie noch einen Abstecher in die Lebensmittelabteilung und nahm sich etwas Obst mit und steckte die
Früchte in ihre neu erstandene Tasche. Schließlich konnte sich
Anna künftig nicht nur von Eis und derlei Leckereien ernähren. Sie musste schon auch etwas Gesundes zu sich nehmen.
Einigen leckeren Pralinen in der Auslage konnte Anna trotzdem nicht widerstehen und vernaschte diese sogleich.
Vor dem Kaufhaus angekommen, stand das Mädchen zunächst unschlüssig herum. Was könnte sie als Nächstes anstellen?
Um einen Augenblick zu verschnaufen und bis ihr eine
Idee gekommen war, setzte sich Anna auf eine Bank, die sie in
der Nähe entdeckt hatte. Kaum hatte die Unsichtbare Platz
genommen, steuerte eine ältere Dame auf die Sitzgelegenheit
zu. Die Frau hatte just im selben Augenblick wie Anna die
Bank entdeckt und die Gelegenheit zum Ausruhen ergreifen
wollen. Zu allem Unglück war diese Dame nicht gerade zierlich, denn sie setzte sich nicht neben Anna, sondern AUF
Anna auf die Bank. Anna hatte noch gehofft, der Kelch würde
an ihr vorübergehen und die Frau würde sich neben sie setzen,
aber da hatte sie Pech. Sie schrie noch auf, bevor die ältere
Dame sich setzte: »Nein! Bitte nicht auf mich draufsetzen!«
Aber was half das schon. Es hörte sie ja keiner. Noch rechtzeitig aufzustehen schaffte sie leider auch nicht mehr. Mit einem
Seufzer nahm die Frau genau auf Annas Schoß Platz. Das
Mädchen bekam für kurze Zeit keine Luft mehr. Nachdem sie
sich vom ersten Schreck erholt hatte, versuchte sich Anna aus
ihrer misslichen Lage zu befreien, musste jedoch feststellen,
dass sie keine Chance hatte, unter der nicht gerade leichten
Dame wegzukommen. Zu Annas großem Glück tauchte
plötzlich der Ehemann der Frau auf, gestikulierte wild und
rief seine Frau zu sich. Die ältere Dame erhob sich umgehend
und eilte zu ihrem Mann. »Gott sei Dank!«, entfuhr es Anna.
Sie befühlte sich erst einmal, ob noch alles an Ort und Stelle
war an ihrem Körper und ob sie auch keine Quetschungen
oder dergleichen erlitten hatte. Sie atmete tief durch und war
sich sicher, einen derartigen Fehler so schnell nicht mehr zu
begehen. Das Mädchen hatte nun erfahren, dass Unsichtbarsein auch seine Tücken und Gefahren hatte. In bestimmten
Situationen musste man vorsichtig sein, das hatte Anna nun
gelernt. Zudem beschloss sie, niemals so beleibt wie die ältere
Dame zu werden, um andere zu schützen. Wer weiß, ob sich
Anna eines Tages auch auf einen anderen, unsichtbaren Menschen draufsetzte, ohne es zu bemerken, und mit ihrem Gewicht diesen Menschen fast erdrückte. Dann wollte sie zumindest keine so große Last darstellen.
Die Unsichtbarkeit barg also auch ihre Nachteile. Man
hatte nicht nur Vorteile und Spaß dabei, sondern musste in
bestimmten Situationen umsichtig und achtsam sein. Anna
war nun bewusst, dass sie vor allem im Straßenverkehr höllisch würde aufpassen müssen. Jetzt, da kein Verkehrsteilnehmer, kein Fußgänger, Radler, Autofahrer oder wer auch immer sie mehr sehen konnte, musste sie sich sehr in Acht
nehmen. Außerdem war Anna schlagartig klar geworden, dass
sie noch viel dazulernen musste, wie man sich als unsichtbarer
Mensch verhält. Sie sollte dafür sorgen, dass die Risiken gering
gehalten wurden. Auf einer Bank oder sonst wo Platz zu nehmen war beispielsweise künftig tabu, da sich jederzeit wieder
ein Mitmensch auf sie setzen konnte. Gefahren musste das
Mädchen im Voraus erkennen, da kein anderer sie sehen und
somit niemand auf sie achten konnte. Nur noch sie selbst
konnte sich nun schützen.
»Jetzt reicht es aber mit den ernsten Überlegungen und trüben Gedanken!«, sprach sich Anna wieder Mut zu. Schließlich
gab es auch die andere, lustige, erlebnisreiche und einzigartige
Seite der Unsichtbarkeit. Und das unsichtbare Mädchen hatte
vor, jede Sekunde, in der sie nicht sichtbar war, zu nutzen und
die daraus resultierenden Vorteile auszukosten. Sie wollte
ganz einfach viel Spaß haben und möglichst viele Abenteuer
erleben.
Anna erhob sich endlich von der Bank, was sie längst hätte
tun sollen, damit nicht noch einmal ein Passant auf die Idee
kam, sich auf der Bank niederzulassen und auf Annas Schoß
Platz nahm. Sie dachte darüber nach, was sie noch alles tun
konnte. Wobei würde ihr wohl die Unsichtbarkeit noch nützlich sein? Die Antwort ergab sich fast von selbst, als das Mädchen an einem Kino vorbeiging. Genau! Jetzt, da kein Kartenabreißer sie sehen konnte, würde sie sich ohne Bezahlung
jeden Kinofilm ansehen können. So betrat Anna das Lichtspielhaus, um sich einen Film anzusehen. Zu ihrem Glück
hatte der Streifen noch nicht angefangen, als sie den Kinosaal
erreichte, sondern es lief noch Werbung. Anna suchte sich
einen Platz in der Loge und machte es sich gemütlich. Hier
war es unwahrscheinlich, dass sich ein anderer Kinogast auf
ihren Platz setzte, da der Film gleich begann und das Kino
ohnehin nicht sonderlich gut besucht war. Demnach konnte
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sie sich nun entspannen und den Film genießen. Bei Beginn
des Films stellte sie fest, dass es sich um den Zeichentrickfilm
handelte, von dem sie eine Vorschau gesehen hatte und in den
sie unbedingt hatte gehen wollen. »Prima«, jubilierte Anna
und versank in der Handlung des Films.
Als der Film zu Ende war und der Abspann auf der Leinwand zu sehen war, streckte Anna ihre Glieder aus und fragte
sich mal wieder, was nun im Programm folgen sollte. Der Film
hatte ihr sehr gut gefallen, noch dazu, da sie keine Kinokarte
hatte kaufen müssen. Die Zeit war vergangen wie im Nu. Sie
hatte zunächst gar nicht glauben können, dass der Film schon
endete. Nachdem sie noch kurze Zeit das eben Gesehene auf
sich hatte wirken lassen, kam Anna eine Idee. Sie hatte sich
schon immer dafür interessiert, wie es in einem Filmvorführerraum aussah und was der Mann – oder die Frau – während
des Filmabspielens so machte. Wenn sie sich Zutritt zu dem
Raum verschaffen konnte, wäre zum einen ihre Neugier befriedigt und zum anderen konnte sie einen weiteren Film
anschauen, ohne Gefahr zu laufen, dass sich ein anderer Kinogänger auf sie setzte. Folglich machte sich Anna auf die Suche
nach dem Zutritt zum Filmvorführerraum. Nachdem das
Mädchen in einer Angestelltentoilette, einem Büro- und einem Putzraum gelandet war, fand sie die richtige Tür und
betrat den Raum, in dem der Filmvorführer seiner Arbeit
nachging. Es handelte sich um einen Mann. Aber bestimmt
gab es auch weibliche Filmabspieler, warum auch nicht? Der
männliche Filmvorführer war jedenfalls mit den Vorbereitungen für den nächsten Film beschäftigt. Weil die Arbeit so
interessant war und Anna ganz gebannt vom Zusehen, konnte
sie sich kaum auf den Film konzentrieren. Beinahe hätte sie
auch gar nicht mitbekommen, dass der Film begann. Mit der
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Zeit gelang es ihr dann aber doch, ihre Augen auf den Film zu
richten und sich auf die Handlung zu konzentrieren. Wie
beim letzten Film verging die Zeit rasend schnell und f lugs
war die Abspielzeit wieder vorüber. Der Film war nicht minder gut gewesen als der vorherige. Und im Technikraum zuzusehen war noch einmal eine Steigerung. Dies machte das
Ganze noch einmal aufregender und interessanter.
Anna verließ den Vorführraum und das Kino und ging mit
neuem Tatendrang hinaus, bereit für weitere Erlebnisse und
Abenteuer. Wie lange ihre Unsichtbarkeit wohl anhalten würde? Am besten unternahm sie so viel wie möglich, um nichts
zu verpassen. Vielleicht war sie ja nur heute unsichtbar und
morgen war schon wieder alles beim Alten. Dann sollte Anna
versuchen, den Tag vollzupacken und auszukosten, was nur
ging.
Die Möglichkeiten waren natürlich beschränkt an einem
einzigen Tag. Das unsichtbare Mädchen grübelte, wo ihr,
ohne die Tatsache, nicht sichtbar zu sein, der Zutritt vorenthalten war. Oder was in sichtbarem Zustand zu teuer für sie
wäre. »Hmm, mal scharf nachdenken! Das kann ja nicht so
schwer sein«, dachte Anna. Und siehe da, wie ein Blitz traf sie
der erste Gedanke. Anna hatte schon lange einmal mit einem
Ballon fahren wollen. Oh ja, das würde sie als Nächstes in Angriff nehmen. Denn sie wusste, wo in der Stadt dieses Abenteuer angeboten wurde. Das Mädchen hatte auch schon einmal beim Starten eines Heißluftballons zugesehen. Ihre Eltern
hatten sich leider bislang geweigert, Anna eine Ballonfahrt zu
bezahlen, da sie diese Unternehmung nicht nur als zu teuer,
sondern auch als zu gefährlich einstuften. Doch nun bot sich
Anna eine günstige Gelegenheit, in die Tat umzusetzen, wovon sie schon so lange träumte. Das Mädchen machte sich mit
dem Bus auf zu dem Gelände, von wo die Ballons in die Lüfte
gingen. Nach der scheinbar nicht enden wollenden Fahrt war
Anna endlich am Ziel und schrecklich aufgeregt. Heute sollte
sich ein großer Traum für sie erfüllen. Zumindest hoffte sie,
dass es klappen würde, mit einem Ballon abzuheben und über
die Stadt zu schweben. Sie war zuversichtlich. »Juhu, ich
werde einen Heißluftballon besteigen und abheben! Das wird
mir doch keiner glauben, wenn ich das später erzähle«, ging es
ihr durch den Kopf und sie freute sich ein Loch in den Bauch,
trotz Aufregung. Offensichtlich wurde gerade ein Ballon
startklar gemacht und war kurz vor dem Abheben. Wenn sie
da noch mitwollte, musste sie sich sputen. Sie rannte los und
schaffte es gerade noch, in den Korb zu steigen, bevor der
Heißluftballon in die Luft ging. Zu ihrem Glück war noch
genug Platz im Korb gewesen.
Der Ballon gewann schnell an Höhe und schon bald wirkten die Autos, die auf der Erde geparkt waren, wie Spielzeugautos. Die Menschen hingegen, die unten standen und den
Ballonpassagieren nachwinkten, sahen von oben aus wie
Ameisen. Anna genoss jede Sekunde der Ballonfahrt und sog
die vielen Eindrücke in sich auf. Sie wollte dieses Erlebnis in
ihrem Gedächtnis und ihrem Herzen speichern. Diese Erinnerung konnte ihr niemand mehr nehmen. Sie hätte im Kaufhaus eine Kamera mitnehmen sollen, dann hätte sie ihre Eindrücke festhalten können. Da sie aber nun mal keine Fotos
schießen konnte, musste sie die Eindrücke in ihrem Kopf und
ihrem Herzen aufbewahren. Anna versuchte, sich die Landschaft, den Himmel, die Wolken und alles ganz fest einzuprägen. Sollte es ihr einmal nicht so gut gehen, würde sie an dieses
Abenteuer denken, die Bilder aus ihrer Erinnerung abrufen
und bestimmt würde es ihr daraufhin gleich wieder gut gehen.
Es war himmlisch. Anna hatte noch nie in ihrem noch nicht
allzu langen Leben etwas so Spektakuläres und Eindrucksvolles erlebt. Sie fühlte sich herrlich frei hier oben in der Luft
und wie sie so über alles hinwegschwebte. Das Mädchen
konnte nun nachvollziehen, was Fliegen bedeutete. Nicht nur
die Dinge auf der Erde erschienen winzig, nein, auch die
Sorgen oder Probleme. Was einen zuvor bedrückte, wurde
klein und schien plötzlich ganz weit weg. Somit fühlte man
sich leicht und unbeschwert. Hatte Anna bis dahin immer
wieder traurig daran gedacht, wann sie wieder mit ihrer Familie vereint wäre, mit den Freunden und allen anderen wieder reden konnte, so war Anna nun einfach glücklich und
zufrieden. Momentan war vergessen, dass sie ständig in Gefahr schwebte, im Verkehr zu verunglücken oder was auch
immer. Und die Sehnsucht nach Familie, Freunden und Hund
war ebenfalls in den Hintergrund gerückt. Das Mädchen war
eins mit der Natur und fühlte sich wie befreit. Keinerlei trübe
Gedanken, keine Bedenken, einfach nur Freude und Ausgeglichenheit. Viel zu schnell war allerdings die Ballonfahrt
vorüber und Anna musste schon wieder aussteigen und festen
Boden betreten.
Das Mädchen schwebte beinahe zum Bus, so glücklich
hatte Anna dieses Erlebnis gemacht. Im Bus angekommen,
hatte sie nun erst einmal Zeit, die Eindrücke nachwirken zu
lassen und wieder richtig auf der Erde anzukommen.
Zurück in der Stadtmitte, war Anna noch immer etwas
benommen von dem einzigartigen Abenteuer. So musste man
sich fühlen, wenn man betrunken war, dachte Anna. Nun
würde es natürlich schwer werden, was die nächste Unternehmung betraf. Nach diesem spektakulären Ausf lug verblasste
vermutlich alles andere dagegen. »Andererseits, wer weiß, was
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mir noch so einfällt oder welche Gelegenheiten sich mir bieten?«, überlegte Anna. Auf jeden Fall hatte sie bereits einiges
erlebt und die Zeit sinnvoll genutzt. Wichtig war Anna, dass
sie später nicht bereute, etwas nicht getan oder versäumt zu
haben. Sie wollte sich nicht vorwerfen müssen, etwas verpasst
oder eine Gelegenheit ungenutzt gelassen zu haben. Solange
sie unsichtbar war, sollte sie alle Chancen, die sich ihr boten,
ergreifen. Zwar hätte ihr im Prinzip die Ballonfahrt allein
schon genügt, aber da der Zustand der Unsichtbarkeit anhielt,
konnte sie doch die Zeit für weitere Abenteuer und Unternehmungen nutzen.
Während Anna noch darüber sinnierte, was sie mit ihrer
Unsichtbarkeit als Nächstes anstellte oder welche Vorteile sie
daraus noch ziehen konnte, stieg ihr ein köstlicher Duft in die
Nase. Geistesabwesend und ohne Ziel war sie durch die
Straßen geschlendert, das Aroma hatte sie jedoch in die Wirklichkeit zurückgerufen. Der herrliche Essensduft ging von
einem Restaurant aus, das als das beste der Stadt galt und dementsprechend teuer war. Anna war noch nicht in den Genuss
gekommen, darin zu speisen, da ihre Familie es sich nicht leisten konnte, dort zu essen. Denn hier aß man nicht einfach,
hier zelebrierte man das Essen und genoss die Speisen. In diesem Augenblick hatte Anna die Gelegenheit, einmal feudal zu
dinieren. Abgesehen davon war sie inzwischen sehr hungrig.
Vor lauter Abenteuer hatte sie überhaupt nicht mehr ans Essen
gedacht, merkte nun jedoch, dass sie längere Zeit nichts zu
sich genommen hatte. Das unsichtbare Mädchen betrat also
die heiligen Hallen des Gourmettempels. Anna war allein von
der Atmosphäre in dem Restaurant geplättet. Sehr schick und
elegant gekleidete Ober bedienten die Gäste, die nicht minder
elegant gekleidet waren. Zum Glück sah niemand Anna, denn
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sie wäre weitaus zu schlicht gekleidet gewesen und somit sofort aus der Menge herausgestochen und aufgefallen. Abgesehen davon, dass ein Mädchen ohne ihre Eltern oder sonstige
Begleitung Erwachsener aufgefallen wäre. Gedämpfte, ruhige
Musik war im Hintergrund zu hören, gerade nur so laut, dass
man sie eben noch wahrnahm und nicht in seiner Unterhaltung dadurch gestört wurde. Die Tischtücher waren tadellos
weiß und gestärkt, die Tische festlich eingedeckt. Alles im
Raum war elegant, aber trotzdem nicht kühl, sondern einladend und irgendwie heimelig. Anna hatte sich vorgestellt, dass
man als Durchschnittsbürger sich in solch einer Umgebung
unwohl und deplatziert vorkommen würde. Aber es schien
ihr hier tatsächlich gemütlich zu sein. Das Schwierigste hier
war vermutlich, dass man sich angemessen verhielt und benahm. Dies konnte natürlich auch einen gewissen Druck und
Unwohlsein verursachen, aus lauter Angst, etwas falsch zu
machen. Wenn einem beispielsweise die Gabel aus der Hand
und auf den Boden fiel, war dies in einem solchen Lokal bestimmt schon ein Fauxpas und peinlich. Vor lauter Verkrampftheit und wegen der Hemmungen könnte man eventuell nicht entspannt genug beim Essen sein und dies gar nicht
angemessen genießen. Doch wurde Anna hier eines Besseren
belehrt. Die Atmosphäre im Raum war entspannt und es
waren weder gehemmte Stimmung noch negative Schwingungen vorhanden. Man brauchte demnach nicht eingeschüchtert zu sein, wenn man diesen Ort betrat und dort aß.
Im Gegenteil, man konnte kaum erwarten, an einem der
Tische Platz zu nehmen und sich mit einem köstlichen Essen
verwöhnen zu lassen. Leider war es Anna nicht vergönnt, sich
an einen der schön gedeckten Tische zu setzen und das Festmahl, das hier serviert wurde, gebührend einzunehmen.
Denn zum einen konnte sich wieder jemand auf sie setzen,
und das wollte sie nicht noch einmal erleben, zum anderen
wäre es viel zu auffällig gewesen, wenn sie sich aus der Küche
ein zum Verzehr bereites Gericht nahm und dieses quer durch
den Raum bugsierte. Man sah zwar sie nicht, aber das herrenlose Essen. Und es gab bestimmt sehr viel Ärger, wenn ein
vom Koch bereitgestelltes Essen plötzlich fehlte. Dabei wollte
sie nicht anwesend sein. Und auch das Verspeisen des Essens
am Tisch hätte zu viel Aufsehen erregt. Wie würde es auf die
Ober und anderen Gäste wirken, wenn ein Essen auf einem
scheinbar nicht besetzten Tisch stand und auch noch Bissen
für Bissen verschwand, ohne dass jemand zu sehen war? Nein,
ihr musste eine andere Möglichkeit einfallen, das Mahl einzunehmen, als, wie alle anderen Gäste, am Tisch Platz zu nehmen. Denn eine weitere Gefahr war Anna mittlerweile noch
bewusst geworden. Sie wusste nicht, wann sie wieder sichtbar
wurde. Sollte sie urplötzlich wieder sichtbar sein, hätte sie ein
großes Problem. Ihre Eltern würden mächtig Ärger bekommen, wenn man sie hier im Nobelrestaurant erwischte, wie
sie, ohne zu bezahlen, zu Abend aß. Also musste sich Anna
überlegen, wie und wo sie möglichst unauffällig hier essen
konnte. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort fand Anna
einen Raum, in dem Tischwäsche, Geschirrhandtücher, Kleidung für die Köche und dergleichen aufbewahrt wurde. Das
Zimmer schien ihr relativ sicher und nicht sehr häufig betreten zu werden. So nahm sich Anna ein Gericht, das nicht nur
sehr gut aussah, sondern auch herrlich duftete, von der Durchreiche, von wo die Ober das bestellte Essen aus der Küche
abholten. Sie verschwand mit dem Teller, so schnell sie konnte, bevor der zuständige Ober den Verlust des Gerichts bemerkte. Zudem sollte niemand den hinwegschwebenden
Teller sehen. Dies hätte zu viel Verwirrung gestiftet. Etwas
außer Puste geraten, setzte sich Anna mit ihrem ergatterten
Festschmaus auf den Boden des zuvor entdeckten Raumes.
Zu schade aber auch, dass sie nicht angemessen speisen konnte. Vorsorglich setzte sich das Mädchen hinter ein Regal, damit man ihr Essen nicht gleich sah, falls doch jemand den
Raum betrat. Wie sie nun bemerkte, hatte sie nicht an Besteck
gedacht. Nach kurzem Stöbern in einem der Regale fand sie
jedoch, was sie suchte, und konnte mit dem Verzehr des Mahls
beginnen. Anna machte sich mit Genuss und Freude über ihr
Festmahl her. Das Essen schmeckte so gut, wie es aussah und
duftete. Es war herrlich, so zu schlemmen und noch nicht einmal dafür zu bezahlen. Der einzige Nachteil war, beim Essen
auf dem Fußboden sitzen zu müssen. Aber schließlich konnte
man nicht alles haben. Eine Kröte musste man immer schlucken. Das Mädchen genoss das Mahl trotzdem. Als Anna aufgegessen hatte, entschied sie, sich noch eine Nachspeise zu
holen. Sie musste eine Weile warten, bis ein Dessert angerichtet war und zum Abholen für den Ober bereitstand. Derweil
schaute sich das unsichtbare Mädchen im Restaurant um und
ließ die außergewöhnliche Atmosphäre auf sich wirken. Endlich erblickte sie ihren ersehnten Nachtisch, nachdem sie
immer wieder zur Essensausgabe geschielt hatte. Abermals
verschwand Anna mit dem Gericht f link im Nebenraum,
bevor jemand den Verlust feststellte. Das Dessert stand dem
Hauptgang in nichts nach. Es war einfach köstlich und unübertreff lich. Zutiefst befriedigt von dem guten Essen, betrat
Anna wieder das Lokal, wo mittlerweile ein Mann am Flügel
saß und spielte. Anna setzte sich in eine Ecke, wo keiner über
sie stolpern konnte und lauschte fasziniert dem Klavierspiel.
Irgendwann schreckte sie auf. Anna musste eingeschlafen sein,
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wohl aufgrund ihres vollen Magens und der entspannenden
Musik. Und immerhin hatte sie schon sehr viel unternommen am heutigen Tag. All das hatte sie offenbar ganz schön
müde werden lassen. Nun meldete sich zudem ein Bedürfnis
bei ihr und Anna suchte noch die Toilette auf, ehe sie das
Restaurant verließ. Selbstverständlich war auch die Toilette
sehr nobel, wie das gesamte Lokal. Goldene Wasserhähne hier,
ein Schminktisch dort und gar kein unangenehmer Geruch,
wie sonst leider oft in solchen Räumen. Selbst auf dem Klo
fühlte man sich hier verwöhnt und wohl.
Als Anna letztendlich das Nobelrestaurant verließ und auf
die Straße trat, war es bereits dunkel geworden. Wie schnell
doch ein Tag verging, wenn man so viel erlebte. Da es bald
tiefe Nacht sein würde, stellte sich Anna die Frage, wo sie
übernachten sollte. Nach Hause gehen wollte sie nicht unbedingt. Dort würde sie daran erinnert, dass sie nicht mit ihrer
Familie reden konnte, niemanden umarmen, den Hund nicht
streicheln konnte und von niemandem beachtet würde. Das
hätte ihr nur wehgetan und an die schmerzlichsten Nachteile
ihrer Unsichtbarkeit erinnert. Zudem würde zu Hause größte
Aufregung herrschen, da Anna als verschwunden galt. Es war
schon schlimm genug, dass ihre Eltern furchtbare Ängste
durchleben mussten, da Anna weg war. Aber sich das auch
noch mit ansehen zu müssen und nichts tun zu können, wäre
zu viel für Anna gewesen. Infolgedessen musste sich das Mädchen um eine Übernachtungsmöglichkeit kümmern. Beim
Gedanken an eine infrage kommende Herberge fiel Anna ein
sehr schönes, gemütliches Hotel ein. Auf dem Weg dorthin
schwelgte sie in Vorfreude auf ein weiches, warmes Bett, vielleicht noch ein Bad zuvor, Planschen im Schwimmbad und –
ein reichhaltiges Frühstücksbuffet am nächsten Morgen. Ver-
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lockend! Doch bei aller Euphorie kam Anna gleichzeitig ein
erschreckender Gedanke. Was, wenn sie ein vermeintlich freies Zimmer belegte und doch noch ein Gast kam und sich ins
Bett legte, wo Anna bereits schlief? Die Geschichte mit der
Bank reichte Anna. Sie musste nicht auch noch erleben, wie
sich eine wildfremde Person zu ihr ins Bett gesellte. Auf einen
nächtlichen Umzug konnte sie auch gut verzichten. Und
wenn sie Pech hatte, würde sie auch noch mehrmals das Zimmer wechseln müssen, weil immer wieder jemand in das eben
von ihr belegte Hotelzimmer kam. Indes fiel Anna ein, dass ja
gar kein Gast mehr in ihr Zimmer kommen konnte, wenn sie
bereits den Schlüssel hatte. Den Zimmerschlüssel konnte
Anna leicht an der Rezeption vom Schlüsselbrett nehmen. Sie
musste nur sichergehen, dass es sich um kein bereits belegtes
Zimmer handelte. Schließlich gaben die Hotelgäste, die außer
Haus gingen, ihre Schlüssel an der Rezeption ab. Und erst im
Zimmer nachzuschauen, ob das Zimmer mit Gepäck belegt
war, wäre zu umständlich und würde zu Verwirrung führen,
wenn der Gast gerade ins Hotel zurückkam und den Schlüssel
verlangte, während Anna überprüfte, ob das Zimmer frei war.
Also würde sie am Hotelempfang in der – hoffentlich leicht
aufzufindenden – Liste nachschauen, welche Zimmer noch
frei waren und sich einen entsprechenden Schlüssel vom Brett
nehmen. So hatte sie schon einmal die Sicherheit, dass das
Zimmer nicht bereits belegt war. Allerdings musste sie sich in
die Gästeliste eintragen, um das Zimmer erkennbar für den
Empfangsherrn – oder die Empfangsdame – zu belegen. Sonst
hätte das Risiko bestanden, dass der Herr oder die Dame an
der Rezeption in der Liste nachsah, welche Zimmer noch frei
waren, den Schlüssel holen wollte, jedoch nicht auffand. Dann
wäre zum einen Verwirrung aufgekommen und zum anderen
eventuell ein Zweitschlüssel geholt und ausgegeben worden.
Und Anna wäre folglich wiederum in ihrer Nachtruhe gestört
worden.
Mittlerweile war Anna beim Hotel angekommen und
betrat den Eingangsbereich. An der Rezeption führte sie ihren
Plan aus, suchte und fand gleich das Zimmerverzeichnis und
trug sich ein. Die Empfangsdame, die Dienst tat, war glücklicherweise von einem Gespräch mit einem Gast abgelenkt.
Nachdem Anna die Daten in die Gästeliste eingetragen hatte,
nahm sie sich den passenden Schlüssel und verschwand so
schnell wie möglich damit. Sie hatte den Schlüssel gleich in
ihrer Tasche verschwinden lassen, damit keiner den hinwegschwebenden Gegenstand sah. Kurioserweise war alles, was
sie am Körper trug, offenbar nicht sichtbar für ihre Mitmenschen, somit ihre Kleider und auch die Tasche, die sie sich
umgehängt hatte. Im Zimmer angekommen, legte Anna ihre
Jacke ab und schmiss sie aufs Bett, schleuderte ihre Tasche in
ein Eck und ging schnurstracks ins Bad. Nach dem doch etwas
anstrengenden Tag wollte sie noch ein Bad nehmen, bevor sie
sich zur Ruhe legte. Gut, dass alles, was zur Körperpf lege
benötigt wurde, hier vorhanden war. So streifte Anna ihre
Klamotten ab und bestieg die Badewanne, nachdem sie sich
genügend warmes Wasser eingelassen und ein herrlich duftendes Badearoma zugegeben hatte.
Das Bad entspannte Anna und gab ihr noch einmal ein bisschen Lebensgeister zurück. In den bereitliegenden Bademantel eingewickelt, ging sie in das Zimmer und nahm sich ein
gekühltes Getränk aus der Minibar. Wie praktisch. Anna genoss noch den Ausblick aus dem Fenster auf die Stadt, die in
der Dunkelheit leuchtete und sehr schön anzusehen war.
Danach war sie zu nichts mehr imstande, da sie hundemüde
und erledigt war. Die Abenteuer und Geschehnisse des vergangenen Tages zollten ihren Tribut. Kaum hatte Anna es sich
im Bett gemütlich gemacht, schlief sie auch schon ein.
Am nächsten Morgen wachte Anna gestärkt und voller Tatendrang auf. Für einen Augenblick hatte sie zwar überlegen
müssen, wo sie sich befand, aber die Erinnerung kam sofort
zurück. Das Mädchen hatte im Hotel übernachtet und war
vermutlich noch immer unsichtbar. Das würde sich gleich
herausstellen, wenn sie sich wieder unter Menschen begab.
Nach einer Katzenwäsche und Zähneputzen kleidete sich
Anna an und begab sich in Richtung Frühstücksraum. Für den
vor ihr liegenden Tag und die noch bevorstehenden Abenteuer war es angebracht, sich ausreichend zu stärken. Im Saal,
in dem das Frühstück eingenommen wurde, angelangt, prüfte
Anna zunächst, ob sie noch immer unsichtbar war. Sie sprach
einen Ober an. Als dieser nicht reagierte, wollte sie trotzdem
sichergehen und fuchtelte vor dessen Gesicht herum. Der
Ober schien sie tatsächlich nicht wahrzunehmen. Er machte
keinerlei Anstalten, die hätten vermuten lassen, dass er Anna
sah oder hörte. Gut, das war nun geklärt. Anna konnte sich
ungeniert Köstlichkeiten vom Buffet holen und ein reichhaltiges Frühstück einnehmen. Blieb nur einmal mehr die Frage,
wo sie Platz nehmen sollte. Vielleicht wäre es das Beste, sich
zu einem Pärchen an den Tisch zu setzen. Da war die Gefahr
gering, dass sich noch ein weiterer Gast hinzugesellte. Nein,
das war kein guter Plan, schoss es Anna sofort durch den Kopf.
Es war ja zu sehen, was Anna zu sich nehmen wollte, und es
würde abermals Verwirrung stiften, wenn herrenloses Essen
mit auf dem Tisch stand und dann auch noch langsam weniger
wurde, ohne dass ein Mensch zu sehen war. Hmm, wo sollte
sie dann ihr Frühstück einnehmen? Anna brauchte wieder
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einen Nebenraum, in dem sie frühstücken konnte. Der passende Raum fand sich immerhin gleich. Daraufhin holte sich
Anna einen großen Teller, beladen mit allerlei Leckerbissen.
Das Buffet war eine Augenweide. Das Wasser lief Anna im
Mund zusammen, als sie die Delikatessen begutachtete. Mit
ihrem gefüllten Teller begab sich das noch immer unsichtbare
Mädchen in den Nebenraum, in dem sie sich einigermaßen
sicher fühlte vor überraschendem Besuch. Es handelte sich um
einen Saal, der momentan menschenleer war und vermutlich
für Hochzeiten und derlei größere Veranstaltungen genutzt
wurde. Es war zwar schade, dass sie nicht auf der Terrasse Platz
nehmen konnte, um ihr morgendliches Mahl einzunehmen.
Draußen war es nämlich schon warm genug und an der frischen Luft war es am angenehmsten, zu frühstücken. Aber
hier war sie einfach unbeobachtet und stiftete keine Unruhe.
Satt und voller Energie verließ Anna das Hotel und bummelte erst einmal durch die Stadt. Es war ein herrlicher Sommertag, sonnig, nicht zu heiß, strahlend blauer Himmel und
demzufolge erfreute sich Anna bester Laune. Wie passend,
dass sie im Sommer unsichtbar geworden war. Im Winter hätte man vielleicht nicht so viel unternehmen können. Das Ballonfahren wäre im Winter bestimmt nicht durchführbar
gewesen. Im Sommer gab es einfach mehr Möglichkeiten,
fand Anna. Denn am liebsten war sie in der Natur und an der
frischen Luft. Und im Winter war es nun mal zu kalt, sich längere Zeit draußen aufzuhalten.
Als Anna auf ihrem Spaziergang ein Kaufhaus erblickte,
dachte sie an die praktischen Dinge des Lebens. Sie sollte sich
noch einen Schlafanzug zulegen. Und eine Zahnbürste und
Zahncreme wären auch nicht schlecht, zudem ein paar Körperpf legeprodukte. Letzte Nacht hatte sie alle benötigten
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Dinge im Hotelzimmer vorgefunden. Aber unter Umständen
war dies nicht bei jeder Übernachtung der Fall. Unterwäsche
zum Wechseln wäre auch angebracht für die nächsten Tage.
Nachdem Anna die Besorgungen erledigt hatte, schlenderte sie weiter durch die Straßen, ohne Plan und Ziel. Manchmal
war es besser, sich treiben zu lassen und alles auf sich zukommen zu lassen. Wenn man angestrengt nachdachte, hatte man
meistens weniger Ideen. Zudem war es weitaus entspannter,
sich keinen Druck zu machen und keine Pläne erfüllen zu müssen. Erstaunlicherweise war auch eher mehr zu schaffen, wenn
man in den Tag hineinlebte – ohne Zeitdruck und Stress –, als
wenn man Programmpunkte abhakte. Denn dann war man
nicht so entspannt, hatte nicht so viel Spaß dabei und machte
sich unnötig Sorgen und war angespannt.
Während Anna philosophierte und sinnierte, trat das
Opernhaus in ihr Blickfeld. Anna war noch niemals in dem
Gebäude gewesen und hatte auch noch nie einer Oper gelauscht, außer mal im Fernsehen ein wenig in solch ein Musikstück hineinzuhören. Das war ihr dann jedoch meistens zu
laut gewesen, zu schrill, es kam ihr vor wie Geschrei und nervte sie schnell, sodass sie regelmäßig den Fernsehkanal gewechselt hatte. Aber eine derartige Aufführung live und im Original zu erleben, war doch bestimmt etwas ganz anderes. Und
die Atmosphäre in solch einem Haus war garantiert auch eine
ganze andere, als sich solch eine Darbietung in der Glotze
anzusehen.
So betrat Anna das Opernhaus, um sich zum ersten Mal in
ihrem Leben eine Oper aus der Nähe anzusehen und zu
hören. Anna war durch den Bühneneingang in das Gebäude
geschlüpft und stand nach einem kurzen Weg über einen Flur
bereits auf der Bühne. Mein Gott, wie beeindruckend und
groß hier alles ist, dachte sich das Mädchen. Wenn man die
Bühne mit dem darüberliegenden Zuschauerraum verglich,
war die Bühne tatsächlich größer als der Bereich für das Publikum. Riesige Bühnenbilder waren aufgebaut, viele Darsteller tummelten sich auf der Fläche und alles war einfach
unglaublich groß und nahm Anna nahezu den Atem. Es wurde gerade für die Abendvorstellung geprobt. Anna beschloss,
in den Zuschauerraum zu gehen und von dort den Proben
zuzusehen. Auf ihrem Weg zu einem Sitzplatz kam sie an
einem Loch im Bühnenboden vorbei. In dieser Vertiefung saß
eine ältere Dame, die von den Zuschauern von ihren Rängen
aus nicht zu sehen war. Die Frau musste dann wohl eine Souffleuse sein, die den Operndarstellern weiterhalf, wenn diese
nicht weiterwussten, weil sie ihren Text bzw. ihre Melodie
vergessen hatten. Während der ganzen Zeit redete oder sang
die Dame in ihrem »Versteck« unter der Bühne den Text oder
den Gesang der jeweiligen aufgeführten Oper mit. Und wenn
ein Darsteller einen »Hänger« hatte, war die Souff leuse hilfreich zur Stelle. Anna dachte bei sich, dass sie diesen Job nicht
ausüben könnte, denn sie neigte zu Platzangst. In diesem in
die Bühne eingelassenen engen Graben hätte es Anna keine
zwei Minuten ausgehalten. Als sich Anna auf einem der vorderen Plätze niedergelassen hatte, folgte sie bequem und entspannt der Probe. Tatsächlich war dies kein Vergleich zu dem,
was ihr bisher aus dem Fernsehen bekannt war. Selbst die Probe – es war ja noch nicht einmal eine richtige Aufführung –
war nicht vergleichbar mit einem Ausschnitt, den man noch
dazu in der Flimmerkiste sah und hörte. Eine tatsächliche
Vorstellung musste somit unglaublich sein. Wenn dann zudem noch alle schick und festlich gekleideten Operngäste den
Raum füllten, die Atmosphäre im Raum vor Spannung knis-
terte, die Musiker im Orchestergraben ihre Instrumente
stimmten und allein schon das wunderschöne und beeindruckende Opernhaus seine Wirkung auf einen ausübte, musste
das Ambiente wohl nahezu perfekt sein. Irgendwie edel und
schön das alles, fand Anna. Die Kronleuchter, der rote Samt
der Sitze und einfach alles wirkte so reich und wie aus einer
anderen Zeit. Der Gesang der Darsteller erschien Anna plötzlich gar nicht mehr so schrill und nervig wie sonst, wenn sie
sich zufällig mal in eine Oper »gezappt« hatte. Sie verstand
zwar kein Wort, da in italienischer Sprache gesungen wurde,
jedoch gingen dem Mädchen der Gesang und die Musik durch
Mark und Bein. Es war einfach sehr schön.
Anna hörte sich die Probe zu Ende an und ging über die
Bühne zurück, um wieder aus dem Gebäude zu gelangen. Sie
musterte noch einmal die Bühnenbilder und war völlig geplättet von den unglaublichen Ausmaßen der Bühne. Kaum zu
glauben, wie tief so ein Raum war und was hier alles Platz
fand. Riesige Gegenstände wurden zudem hin und her bewegt, sodass man sich schlichtweg winzig vorkam inmitten
der Kulissen. Bevor Anna das Gebäude verließ, wollte sie unbedingt noch eine Garderobe gesehen haben. Also trat sie in
den nächstgelegenen Umkleideraum und sah sich um. Ein
Sofa stand in der Ecke, ein Spiegel mit einem davor platzierten
Stuhl war natürlich vorhanden und ein Klavier stand zudem
im Raum. Sonst konnte Anna nichts Besonderes entdecken.
Eine Garderobe war anscheinend nur spannend, wenn eine
Vorstellung bevorstand bzw. im Gang war. Oder wenn eine
Berühmtheit sich gerade darin aufhielt.
So verließ Anna wieder das Opernhaus, ein ums andere
Mal um eine schöne Erfahrung in ihrem noch jungen Leben
reicher. Nun hatte sie auch einmal eine Oper live gesehen,
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wenn auch nur eine Probe. Nichtsdestotrotz war es schön und
beeindruckend gewesen.
Anna setzte ich für einen Moment auf die Stufen des
Opernhauses und ruhte sich ein wenig aus. Vorsichtshalber
hatte sie ganz nahe an einer Säule auf einer Stufe Platz genommen. Sie wollte tunlichst vermeiden, dass sich noch einmal
jemand auf sie setzte. Das Mädchen ließ die soeben gemachte
Erfahrung noch einmal Revue passieren und erfreute sich
noch eine Zeit lang daran. Anna wollte diese tollen Erlebnisse
voll auskosten und so lange als möglich in ihrem Inneren
bewahren, um später einmal noch immer davon zu zehren und
zu profitieren. Das unsichtbare Mädchen musste das Beste aus
ihrer Situation machen und die Momente genießen, solange
sie für die anderen Menschen nicht sichtbar war und sich ihr
derlei aufregende, nicht alltägliche Dinge boten. Bestimmt
würde sie früh genug wieder ihre Sichtbarkeit zurückerlangen
und dann würde es schlagartig vorbei sein mit ihren vielen
großartigen Abenteuern. Zwar wäre es auch sehr schön, wieder im Kreise ihrer Familie und ihrer liebsten Freunde zu sein
– und auch ihres geliebten Hundes – aber nun konnte sie stattdessen tun und lassen, was sie wollte. Und dies könnte Anna
sonst vermutlich ihr ganzes Leben nicht mehr, zumindest
nicht in diesem Ausmaß. Entweder würde ihr das Geld dazu
fehlen, wie sie annahm, oder die Zeit oder was auch immer in
der Zukunft im Wege stehen würde. Jetzt gerade, in diesem
Moment und in diesen Tagen, standen ihr dank der Unsichtbarkeit alle Türen und Wege offen. Das Mädchen wollte möglichst viele Chancen nutzen, solange die Zeit dazu war. Ihre
Familie und die Freunde würde sie ja, hoffentlich, früh genug
wiedersehen bzw. diese sie wiedersehen können und sich alle
gegenseitig in die Arme schließen. Bis dahin allerdings würde
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sich Anna mit den zahlreichen aufregenden Abenteuern
ablenken und trösten.
Genug ausgeruht und Gedanken gemacht, dachte Anna
und erhob sich von den Stufen vor der Oper. Was konnte sie
als Nächstes tun? Zunächst musste sie sich stärken, denn das
Mädchen verspürte einen Bärenhunger. Folglich besorgte sie
sich erst einmal etwas zu essen. Die Markthalle der Stadt war
nicht weit entfernt von der Oper, sodass Anna sich dorthin
begab. An verschiedenen Marktständen klaubte sie sich etwas
zu essen. Hier ein Stück Käse, dort ein Rädchen Wurst, ein
Radieschen, eine Scheibe Brot. Überall wurden Häppchen
zum Probieren der angebotenen Ware feilgeboten. Nachdem
sich Anna satt gegessen hatte, nahm sie sich noch ein paar
Pralinen an einem Stand mit Süßigkeiten – zum krönenden
Abschluss ihres Mahls.
Frisch gestärkt war Anna nun bereit für jegliche Schandtat
und wieder voller Tatendrang.
Und schon hatte sie eine Idee, was sie nun unternehmen
wollte. Sie würde in einer U-Bahn mit dem Fahrer im Führerstand mitfahren. Es hatte Anna schon immer interessiert, wie
man sich fühlte, wenn man mit hoher Geschwindigkeit in ein
schwarzes Loch bzw. in eine dunkle Röhre hineinfuhr. So begab sich Anna in den Untergrund der nächstgelegenen U-BahnStation und wartete an einem Bahnsteig auf die einfahrende
U-Bahn. Nach schier endlos erscheinenden Minuten fuhr
endlich eine Bahn ein. Anna nutzte den Fahrerwechsel, der
glücklicherweise gerade stattfand, um in den Führerstand der
Bahn zu gelangen. Nachdem sich die beiden Fahrer voneinander verabschiedet hatten, schloss der neue Fahrer die Tür und
richtete sich ein. Er gab das Signal, dass nun keiner mehr zusteigen durfte, und sämtliche Türen an allen Waggons schlos-
sen sich. Nun ging es los. Anna war ganz aufgeregt und gespannt, was passieren würde. Die U-Bahn fuhr mit einem
Ruck an und beschleunigte sehr schnell. Jedoch kaum hatten
sie so richtig an Fahrt gewonnen, bremste der Fahrer auch
schon wieder aufgrund der nächsten Haltstelle. Schließlich
durfte die Bahn ja nicht zu schnell in den U-Bahnhof einfahren. Die Passagiere auf dem Bahnsteig stiegen zu, der Fahrer
gab wiederum sein Signal, die Türen schlossen sich abermals
und weiter ging die Fahrt. Anna empfand es als ziemlich unheimlich, mit einer derartigen Geschwindigkeit in einen
dunklen Tunnel hineinzubrausen. Selbstverständlich besaß
die U-Bahn ein Licht, jedoch sah man nicht mehr als einige
Meter voraus. Dahinter lag alles in tiefem Schwarz verborgen.
Trotzdem machte es Anna großen Spaß, beim Fahrer im Führerstand zu sitzen, und ihr war bewusst, dass sich ihr diese
Chance gewiss kein zweites Mal bieten würde. So verging die
Zeit wie im Flug und Anna verließ erst nach zwei Stunden
Fahrt die U-Bahn wieder. Sie nutzte die Gelegenheit, als der
Fahrer kurz seinen Führerstand verließ, die Tür öffnete, um
auf den Bahnsteig hinauszutreten, und überprüfte, ob die Türen frei waren, bevor sie geschlossen wurden. Anna drückte
sich geschwind am Fahrer vorbei, um wieder ans Tageslicht zu
gelangen. So schön und aufregend die Fahrt auch gewesen
war, Anna war doch froh, die Sonne draußen wieder zu sehen
und zu spüren. Ihr wurde klar, dass sie niemals U-BahnFahrerin werden könnte, da ihr der lange Aufenthalt im Dunkeln, unter der Erde, zu deprimierend wäre. Irgendwie würde
sie sich eingeschlossen fühlen und wie ein Maulwurf oder ein
sonstiges Tier in seiner Höhle. Das Mädchen atmete, zurück
an der Oberf läche, die frische Luft ein und schloss die Augen,
um die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht zu genießen.
Nun war erneut ihr Ideenreichtum gefragt. Was konnte sie
denn bloß noch anstellen und ausprobieren? Hmm, nun war
guter Rat teuer. Während Anna durch die Straßen spazierte,
überlegte sie angestrengt. Was hatte sie schon immer interessiert, sich ihr jedoch bisher keine Möglichkeit dazu geboten?
Wovon träumte sie, das aber ohne ihre derzeitige Unsichtbarkeit nicht durchführbar wäre? Anna hatte eben verträumt
in den blauen, sonnigen Himmel geschaut, derweil sie ihre
Kreativität bemühte, was sie als Nächstes tun wollte. Und da
sah sie ein Flugzeug am Himmel und schon war die Idee für
die nächste Unternehmung geboren. Das Mädchen würde an
den Flughafen fahren und sich eine kleine Maschine aussuchen, in der sie einen kurzen oder einen Rundf lug machen
konnte. Oh ja, das würde ihr gefallen, durch die Lüfte schweben, die Landschaft, Gebäude und alles von oben betrachten
und einmal einem Piloten auf die Finger sehen zu können.
Anna war sogar schon einmal gef logen, auf eine Urlaubsinsel
in Griechenland, mit ihrer Familie. Das war letzten Sommer.
Schon das war sehr aufregend gewesen. Aber natürlich hatte
man bei diesem Flug keinen Piloten oder auch nur Kopiloten
gesehen, nur manchmal deren Durchsagen durch den Lautsprecher gehört, auf welcher Flughöhe man sich gerade befand, wie das Wetter am Zielort war und dergleichen. Und ins
Cockpit konnte man allerhöchstens mal einen ganz kurzen
Blick werfen, wenn eine Stewardess – oder ein Steward – gerade den Piloten etwas servierte oder etwas mit den Piloten zu
besprechen hatte oder Ähnliches. Aber so richtig beim Fliegen
zusehen, das kannte man schließlich nur aus Berichten im
Fernsehen oder aus Filmen. Und in einem kleinen Flugzeug
war das bestimmt alles noch viel aufregender und interessanter, was der Pilot so betätigte und tat. Anna war jetzt schon
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ganz nervös ob dieser spannenden Dinge. Also machte sich
das Mädchen auf den Weg zum Flughafen und steuerte deshalb den Weg zur nächsten S-Bahn-Station an. Nachdem Anna mit der S-Bahn zum Flughafen gefahren war, ging sie erst
einmal wie alle anderen Fluggäste in Richtung Abf luggebäude. Dort betrachtete sie zunächst einmal die großen Flieger
durch eine Glasscheibe. Schon imposant, so ein großes Flugzeug, dachte das Mädchen. Und wie es nur möglich war, dass
sich ein so riesiges Ding in der Luft hielt. Unglaublich. Noch
ganz fasziniert machte sich Anna auf die Suche nach dem Teil
des Flughafens, wo kleine Flugzeuge starteten und landeten.
Nach kurzer Suche fand Anna tatsächlich die Start- und Landebahn und den Bereich, wo die Kleinf lugzeuge »geparkt«
waren. Nun musste sie nur noch beobachten, welches der
Flugzeuge im Begriff war, abzuheben und einen Flug anzutreten, und hier noch rechtzeitig einsteigen. Schnell war eine
kleine Maschine ausfindig gemacht und so steuerte Anna auf
die Gangway des Flugzeugs zu. Mit dieser Art Treppe, die zu
einer Tür des Flugzeugs führte, konnte man ganz bequem einsteigen, denn schließlich war die Tür ja in großer Höhe angebracht und wie sollte man sonst in das Flugzeug gelangen?
Anna schlüpfte gerade noch rechtzeitig in den Flieger, denn
schon wurde die Gangway weggefahren und die Tür geschlossen. Sofort strebte das Mädchen auf die Pilotenkanzel, das
Cockpit zu. Pilot und Kopilot checkten offenbar gerade alles
durch, bevor es losging und die Maschine abheben konnte. Im
Passagierraum hatten nur wenige Leute gesessen, wie Anna
bei einem f lüchtigen Blick hatte erkennen können. Vielleicht
20 Passagiere, mehr konnten es nicht gewesen sein. Somit gab
es auch lediglich eine Stewardess im Flugzeug. Diese hatte
soeben die Tür zwischen Passagierraum und Cockpit ge-
100
schlossen. Nun war Anna mit den beiden Piloten allein. Sie
schaute den beiden immer wieder über die Schulter, wie diese
so an Knöpfen, Steuerknüppel und anderen Gerätschaften
hantierten. Zwischendurch sah sie raus und war fasziniert von
dem Flug über die Wolken, die Felder und Wälder, die von
oben zu sehen waren, und dem herrlichen Gefühl, über allen
Dingen zu schweben. Anna konnte sich gar nicht sattsehen,
sowohl daran, wie man ein Flugzeug bediente und f log, als
auch an der Welt von oben gesehen. Irgendwann war der
Zeitpunkt der Landung gekommen. Das war das Interessanteste an ganzen Flug. Anna erschien es so, als sei dies der
schwierigste Part des kompletten Fluges. Jedoch landete das
kleine Flugzeug sanft und sicher auf der Landebahn und das
Mädchen stellte fest, dass sie nun in einer Stadt am anderen
Ende der Republik gelandet waren. Prima, dachte sich Anna.
Wie sie wusste, lag diese Stadt nicht weit vom Meer entfernt
und so konnte Anna gleich noch einen Ausf lug an die See
unternehmen.
Nachdem sie das Flugzeug verlassen und den Flughafen
durchquert hatte, fuhr sie erst gar nicht in die Stadt hinein,
sondern machte sich schnurstracks auf den Weg zum Meer. In
der Stadt konnte sie ja auch zu Hause ständig sein und eine
andere Stadt anschauen konnte man immer, auch ohne unsichtbar zu sein. Das Meer sehen zwar auch, aber wann hatte
sie schon mal die Gelegenheit, so zügig ans Meer zu gelangen?
Der Flug hatte ihr ermöglicht, in kürzester Zeit hierherzukommen. So erreichte Anna in einem Bus, der zum Strand
fuhr, nach nicht allzu langer Fahrt das Meer. Dort angekommen sog Anna zunächst einmal die Meeresluft tief in ihre
Lungen ein. Eine leichte Brise wehte und der typische Geruch
des Wassers und der damit verbundenen Düfte stieg in ihre
Nase. Herrlich. Anna lebte in einer Stadt, die sich nahe gelegen zu den Bergen befand. Sie liebte die Berge, aber genauso
liebte sie das Meer oder überhaupt Wasser. In der Gegend, in
der sie wohnte, gab es natürlich viele Flüsse und auch sehr
viele Seen. Die Kombination aus Bergen und Wasser gefiel
Anna besonders gut. Am liebsten hätte sie irgendwo gelebt,
wo sich das Meer direkt bei den Bergen befand. Das wäre ein
Traum. Aber genug geträumt, nun stand sie hier am Strand
und hatte zwar nicht beides, Berge und Meer, jedoch schon
mal das Meer und das würde sie nun genießen und auskosten.
Erst einmal machte Anna einen Spaziergang am Strand entlang. Sie zog ihre Schuhe und Strümpfe aus und ging barfuß
durch den Sand, direkt am Wasser, sodass ab und an das Meer
ihre Beine umspülte. Ah, das tat so gut, die gute Meeresluft,
der weiche Sand und der weite Blick über das Meer. Nichts als
Wasser und Himmel war zu sehen. Der Horizont schien unendlich zu sein. Toll. Hier konnte man so richtig seine Seele
baumeln lassen. Alle Sorgen, Problemchen und Nöte vergessen. Die Angst, wann sie denn wieder sichtbar werden würde
– und ob überhaupt jemals wieder –, war wie weggeblasen.
Ebenso, wann sie wieder im Kreis ihrer Lieben sein würde.
Hier konnte man tatsächlich alles, was einen zuvor vielleicht
noch belastet hatte, wegschieben und nur noch hier an Ort
und Stelle sich befinden und die Natur genießen. Vielleicht
würde sie ja später einmal am Meer leben. Vorstellen könnte
sie sich das. Obwohl, die Berge würden ihr schon sehr fehlen.
Vermutlich konnte sie ohne Berge gar nicht leben. Jedes Mal,
wenn sie mit ihrer Familie, entweder mit dem Auto oder mit
dem Zug, aus der Stadt hinaus und in die Berge fuhr, ging
Anna regelrecht das Herz auf, wenn sie die Berge, das grüne
Gras ringsum und die schönen Zwiebeltürme der Kirchen
erblickte. Und wenn es abends wieder hieß, in die Stadt zurückzukehren, fiel es Anna jedes Mal schwer, Abschied von
den Bergen zu nehmen und diese zurückzulassen. In der Stadt
konnte man zwar sehr viel unternehmen und es waren so viele
Möglichkeiten geboten, aber in der Natur fühlte sich Anna
einfach am wohlsten. Die Stadt konnte so hektisch sein, so
anonym und irgendwie kalt fühlte sich das manchmal an. Zum
Glück gab es in ihrer Stadt einen sehr schönen Fluss, viele
Parks und Gärten, sodass man auch hier viele grüne Fleckchen
um sich herum hatte. Sonst hätte es Anna in einer Stadt gar
nicht ausgehalten. Aber wenn sie in den Bergen war, spürte
sie, dass sie hier eigentlich hingehörte, viel ruhiger war als in
der Stadt und einfach alles passte.
Nun aber befand sich Anna am Meer und beendete ihren
gedanklichen Ausf lug in die Berge, um sich voll auf ihre
Umgebung zu konzentrieren. In der Ferne entdeckte sie ein
Schiff, eine Handvoll Segelboote war zu erkennen und ein
paar Leute badeten im Meer. In diesem Moment fiel es Anna
mal wieder wie Schuppen von den Augen: Sie brauchte derzeit keinen Badeanzug oder Bikini zu tragen, um schwimmen
zu gehen. Da sie ja sowieso keiner sehen konnte, würde sie
sich einfach nur ihrer Klamotten entledigen und in die Fluten
springen, um sich abzukühlen. Das tat Anna dann auch. Das
Wasser war zwar nicht gerade warm, aber eine willkommene
Abkühlung. Das Mädchen planschte und schwamm noch eine
Weile im Meer, bis es ihm zu kalt wurde. Nun musste sie sich
erst einmal einen Augenblick in die Sonne setzen, um sich wieder aufzuwärmen und zu trocknen. Leider hatte sie kein
Handtuch parat, da ihr Ausf lug ans Meer schließlich sehr spontan stattgefunden hatte. Also schnappte sich Anna ihre
Klamotten, die sie im Sand vorhin fallen gelassen hatte, bevor
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sie baden gegangen war, und nahm auf einem Strandkorb, der
nicht belegt war, Platz. Die Einrichtung mit den Strandkörben
war eine gute Sache, sonst hätte sie sich nämlich in den Sand
legen müssen, der erstens ganz schön aufgeheizt war und ihr
am Ende die Haut verbrannt hätte und zudem hätte sie hinterher ausgesehen wie ein paniertes Schnitzel, denn wenn man
nass ist, bleibt ja der Sand wunderbar am Körper haften.
Allerdings war wieder höchste Aufmerksamkeit geboten,
während sie im Strandkorb saß. Anna wollte nicht noch einmal erleben, dass sich jemand auf sie draufsetzte. Eindösen
oder nur die Augen schließen war demnach zu gefährlich und
sollte tunlichst vermieden werden. So sah sie sich um, was es
am Strand zu beobachten gab, und war gleichzeitig aufmerksam und achtsam, ob sich irgendjemand ihrem Strandkorb
näherte und Anstalten machte, sich hineinzusetzen. Zum
Glück war dies nicht der Fall, sodass Anna eine ganze Zeit sitzen blieb, die Wärme genoss, sich vollständig trocknen ließ
und das Treiben am Strand und im Meer verfolgte. Gut erholt
und allmählich gelangweilt stand das Mädchen dann irgendwann auf und strebte ihrem nächsten Ziel auf ihrem Abenteuertrip zu.
In der Zwischenzeit hatte sich Anna einige Gedanken gemacht und war zu dem Entschluss gelangt, erst einmal wieder
in ihre Heimatstadt zurückzuf liegen. Denn sie konnte immerhin jederzeit ihre Unsichtbarkeit verlieren und dann war es vorbei mit mal eben in ein Flugzeug steigen – oder auch nur in
einen Zug – und als blinder Passagier mitzureisen. Beziehungsweise waren in diesem Fall die anderen blind, weil sie
Anna nicht sehen konnten. Und Geld hatte sie ja auch nicht
bei sich und schon gar nicht hätte sie genug für einen Zugfahrschein oder gar ein Flugticket besessen. Somit sollte Anna
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möglichst zügig wieder zurückf liegen und wäre in ihrer gewohnten Umgebung oder wenigstens schon mal an ihrem
Wohnort, für den Fall, dass sie urplötzlich wieder sichtbar
würde.
Demzufolge fuhr Anna – wenn auch mit Wehmut, da es
schon sehr schön gewesen war am Meer – mit dem Bus zum
Flughafen und hatte unverschämtes Glück, dass sie zügig ein
Flugzeug aufspürte, das sie in ihre Stadt zurückf log. Dieses
Mal setzte sich Anna in den Passagierraum, denn nun hatte sie
ja bereits gesehen, was im Cockpit vor sich ging. Das Mädchen
pf lanzte sich ganz hinten auf einen freien Platz in der Maschine. Da sie nicht allzu lange vor Abf lug zugestiegen war, bestand keine Gefahr, dass ein anderer Passagier sich auf sie setzte.
Daher konnte sich Anna entspannt in ihrem Sitz zurücklehnen
und aus dem Fenster sehen. Der Start eines Flugzeugs war
immer wieder aufregend und schön, denn es kribbelte so im
Magen, wenn der Flieger schnell an Höhe gewann. So wie beim
Schaukeln, wenn man eine Weile den Kopf in den Nacken legte
und dann irgendwann wieder den Kopf nach vorne nahm, und
es kribbelte wie verrückt im Bauch. Das Kribbeln zog sich
dann von oben nach unten den Bauch hinunter. Ähnlich war
das hier beim Abheben der Maschine. Ein prickelndes, aber
auch schönes Gefühl. Und das Wetter war hervorragend, somit klare Sicht aus dem Fenster und ein toller Ausblick. Anna
sog die Eindrücke auf, wie ein Schwamm Wasser aufnimmt.
Felder, Wiesen, Wälder, aber auch Häuser und andere Gebäude, Seen und vieles mehr konnte sie bestaunen. Die Erde von
oben zu sehen war schon beeindruckend. Aufgrund dessen
verging die Zeit wie im Flug – im wahrsten Sinne des Wortes –
und ehe sie sich’s versah, war schon wieder die Zeit gekommen, auszusteigen und das Erlebnis Flug abzuschließen.
Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt dämmerte Anna ein
wenig vor sich hin, überlegte aber dennoch, was sie jetzt in
Angriff nehmen könnte. Irgendwann würden ihr vermutlich
die Ideen ausgehen und sie würde sich dann nur noch wünschen, wieder sichtbar zu sein. Denn ohne Abenteuer war es ja
langweilig und sie vermisste dann ihre Familie und Freunde
zu sehr und alles, was ihr sonst noch lieb und teuer war. Angestrengt grübelte sie nach. Welchen lang gehegten Traum
hatte sie noch? Was war ihr wichtig? Ihr größter Wunsch in
ihrem – noch jungen – Leben?
Da erklang unerwartet ein Piepsen, das sie zunächst nicht
zuordnen konnte. Woher stammte in der S-Bahn dieses Piepsen? Anna fühlte sich auf einen Schlag wie in einem Strudel
herumgewirbelt und am Ende ausgespuckt. Und sie befand
sich: in ihrem Bett, in ihrem Zimmer, im Haus ihrer Familie.
Der Wecker zeigte sieben Uhr an. UND SIE HATTE ALLES
NUR GETRÄUMT!
Der Wunsch bzw. der Traum, den sie hatte, war nämlich,
dass sie mit ihrer Familie zusammenlebte, alle vereint waren
und deshalb glücklich und zufrieden. Auch wenn es manchmal Diskussionen, auch mal Streit oder Differenzen gab, im
Grunde konnte sich jeder auf jeden verlassen. Alle fühlten sich
wohl, achteten aufeinander, respektierten sich und waren sich
wohlgesinnt. Anna hatte ein heimeliges Zuhause und das
große Glück, in einer intakten Familie aufzuwachsen. Und
was wollte man mehr? Die Abenteuer konnte man in der eigenen Fantasie bestehen und ausleben. Die glückliche Familie
jedoch war Wirklichkeit.
Anna rieb sich noch kurz die Augen, schnaufte erst einmal
durch und erhob sich aus ihrem Bett, um den neuen Morgen
und ihre Familie zu begrüßen.
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Seele and Geist
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