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Alternative Geldsysteme Marianne van Putten Ein neuer Umgang

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Alternative Geldsysteme
Marianne van Putten
Ein neuer Umgang mit Geld
Wie Regionalwährungen die Wirtschaft in Schwung bringen und den Menschen Frieden und
Wohlstand ermöglichen
In den letzten Jahren haben Regionalwährungen und Tauschringe weltweit zugenommen
und werden bei gleichbleibendem Wachstum in wenigen Jahren neben den offiziellen
Landeswährungen eine ernstzunehmende zweite Ebene des Wirtschaftslebens bilden. Diese
auch Komplementärwährungen genannten alternativen Zahlungsmittel sind nicht als Ersatz,
sondern als Ergänzung zur gewohnten Geldwirtschaft zu verstehen. Sie funktionieren ohne
Zins, gemeinschaftlich und regional und sollen durch die hohe Umlaufgeschwindigkeit des
Geldes Liquidität gewährleisten, eine Voraussetzung für wachsenden Wohlstand.
Geld an sich hat kaum Wert:Werte entstehen durch die Weitergabe von Geld.
Kulturell Kreative schaffen regionale Währungssysteme, die den Reichtum und den
Wohlstand unserer heutigen Zeit erfahrbar werden lassen. Es bilden sich RegiogeldInitiativen, die zinslose Geldsysteme und damit Möglichkeiten schaffen, die Wirtschaft zu
beleben und die Mängel des alten Geldsystems Stück für Stück zu beheben.
Die Welt ist schön. Ein gelungenes Stück Schöpfung. Wir leben in einer menschlichen
Hochkultur. Dass viele das nicht so empfinden, liegt in erheblichem Maße an unserem
Umgang mit Geld. Das Geldsystem, wie es die letzten fünf Jahrhunderte entwickelt wurde,
führt zu bestimmten Bewusstseinszuständen und emotionalen Haltungen, die unsere
Handlungen beeinflussen und damit unser Dasein prägen.
Charakterzüge wie Gier und Geiz, Angst und Argwohn sind nicht selbstverständlicher
Bestandteil menschlichen Wesens. Sie prägen sich ins Bewusstsein ein, wenn wir Knappheit,
Mangel und Kampf um Ressourcen erleben. Ist Geld in der Verwendungsart, wie wir es die
letzten Jahrhunderte gehandhabt haben, der Maßstab existenzieller Güter, so herrscht
Knappheit, Wettbewerb und Zukunftsangst. Das führt zu erheblichen Störungen
zwischenmenschlicher Beziehungen. Auf allen Ebenen belasten Mangelerscheinungen den
Umgang miteinander, wobei die reale Knappheit des Geldes und die zunehmende
Ungleichverteilung durch das Zinseszinssystem Mitverantwortung trägt. Reale und
empfundene Knappheit belasten sowohl die versorgende Seite nach innen, als auch
diejenige, die im Wettbewerb nach außen steht Sei es die Tatsache, dass sich in einer
Familie beide Eltern zunehmend dem Wettbewerb stellen müssen und außer Haus arbeiten,
weil ein Einkommen nicht mehr für den üblichen Lebensstandard reicht. Seien es Angestellte
und ihre Gewerkschaften, die um Lohnerhöhungen oder zumindest Stellenerhalt kämpfen,
während die Leitung nach außen um den Börsenwert ringt. Seien es Kommunen, die mehr
Schlüsselzuweisungen wollen, Länder, die um ihren Finanzausgleich verhandeln, oder Vater
(Mutter) Staat, der die Fürsorgepflicht für die Benachteiligten hat und auf die
steuerzahlende Wirtschaft mit ihren Vorstellungen von Standortsicherung angewiesen ist:
Die ständige Verknappung der Mittel durch die zunehmende Ungleichverteilung in die Hände
weniger Zinsgewinner verschärft den Existenzkampf immer mehr. Neue Lösungen werden
dringend gebraucht. Statt die Segnungen der hohen Produktivität unserer modernen Zeit zu
genießen, treibt viele Menschen Angst vor Arbeitslosigkeit oder Zweifel, ob ihre
Finanzanlagen dauerhaft Wertbeständigkeit aufweisen und ihre Existenz somit gesichert ist.
Alternative Geldsysteme in der Geschichte
Es hat Kulturen mit anderen Geldsystemen gegeben, in denen Wohlstand allgemein
verbreitet war. Es gab mindestens zwei Währungen. Eine zur Wertaufbewahrung und zum
internationalen Handel, eine zweite zum Tauschen und Bezahlen. Der Zins, der Preis des
Geldes, wurde bei dieser zweiten Währung von jenen gezahlt, die im Besitz des Geldes
waren, und nicht von denjenigen, die es als Mittel zu Investitionen benötigten. Der Vorteil,
jederzeit zahlungsfähig zu sein, hatte seinen Preis:
Gab ein Bauer im alten Ägypten sein Getreide ins Lager, erhielt er dafür Quittungen in Form
beschrifteter Tonscherben, die Ostraka. Er konnte diese Scherben leichter aufbewahren und
tauschen als das Getreide, aber dieser Vorteil kostete ihn etwas. Am Ende des Jahres erhielt
er für seine zehn Scherben nur noch den Gegenwert von neun: Seine Zahlungsmittel
verminderten sich in gleichem Maße wie die Naturalien, die er gelagert hatte. Wollte er den
maximalen Gegenwert bekommen, musste er seine Scherben so schnell wie möglich an
andere weitergeben: Der schnelle Geldkreislauf, der die Werte schafft, setzte sich in Gang.
Denn Geld an sich hat kaum Wert: Werte entstehen durch die Weitergabe von Geld.
Die Wirtschaft Ägyptens erblühte durch das fleißig zirkulierende Zahlungsmittel. Diese alte
Hochkultur bekam ein mustergültiges System von Bewässerungsanlagen: Die Erde fruchtbar
zu machen, ein Resultat von viel Handarbeit, war rentabel. Ägypten war die Kornkammer
der Welt und schuf Baudenkmäler, die noch heute bestaunt werden. Wie neue
archäologische Ausgrabungen belegen, sind die Pyramiden von Bauern gebaut worden, die
die freie Zeit während der Nilüberschwemmungen nutzten, um diese Weltwunder zu
schaffen.
Die großen Kathedralen und die Moschee von Cordoba, Brücken wie die London Bridge und
die berühmte Pont d'Avignon sind im 11. bis 14. Jahrhundert geschaffen worden. Viele
namhafte Bauwerke Europas, die bis heute in ihrer Pracht erhalten sind, stammen aus
dieser Zeit, als in Europa ein ähnliches Währungssystem in Gebrauch war.
Die Brakteaten des Hochmittelalters, dünne, unscheinbare Münzen, waren als Währung in
Umlauf. Sie wurden regelmäßig eingezogen, umgeprägt, und in verminderter Anzahl wieder
herausgegeben: Fürsten finanzierten so ihre Ausgaben. Das Volk schaute, dass es das Geld
so schnell wie möglich in Güter und Leistungen umtauschte, damit es nicht wieder der
Entwertung unterworfen würde. Ein schneller Geldumlauf war die Folge. Wohlstand für alle,
eine gleichmäßige Arbeitsbelastung und eine erstaunlich kurze Arbeitszeit für die arbeitende
Bevölkerung verbreitete sich. Aus Freiburg wird berichtet, dass für die Arbeiter die 24Stunden-Woche möglich war. Nachgewiesenerweise erfreuten sich die Gesellen nicht nur
des blauen Montags, es gab auch noch 90 Feiertage im Jahr.
Zu den ersten Modellen in neuerer Zeit gehört das »Wunder von Wörgl«, ei n
wissenschaftlich begleitetes Experiment, das die Stadt Wörgl in Österreich von Juli 1932 bis
September 1933 durchführte, bevor es von der österreichischen Nationalbank gestoppt
wurde.
Von der Wirtschaftsdepression schwer getroffen, mit einer hohen Arbeitslosigkeit und dem
nachfolgenden schwachen Steueraufkommen belastet, entschloss sich der Bürgermeister
Michael Unter-guggenberger, Arbeitswertscheine herauszugeben, um dringend benötigte
Sanierungsaufgaben erfüllen zu können. Die Arbeitswertscheine wurden mit einer
Umlaufsicherung in Höhe von 1%, pro Monat versehen: Jeden Ersten mussten die Wörgler
im Rathaus Marken kaufen, die das Hundertstel ersetzten, um die die Arbeitswertscheine
verfallen waren, die sie gerade besaßen. Um sich die Ausgabe und das Aufkleben zu
ersparen, ließen sie das Geld möglichst umgehend weiter wandern:
Es wurde sofort wieder ausgegeben, und in Werte umgesetzt. Die Bürger setzten mit diesem
natürlichen Selbstverständnis des Homo oeconomicus, der sich hochrational verhält, einen
lebhaften Wirtschaftskreislauf in Schwung. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bzw, der
Arbeitswertscheine betrug 416mal in der kurzen Zeit seiner Existenz, das entsprach einem
täglichen Besitzerwechsel der Wörgler Zahlungsmittel. Geschäftsleute bezahlten ihre
Steuern im Voraus, und Arbeitslose konnten eingestellt werden, die halfen, die Infrastruktur
von Wörgl auf den neuesten Stand zu bringen. Während die Arbeitslosigkeit in Österreich
um 10% stieg, sank sie in Wörgl um 25°.. Kurz nachdem sogar der Wirtschaftsberater des
damaligen US-Präsidenten, Irving Fisher, und der französische Ministerpräsident Eduard
Daladier gekommen waren, um die Funktion des Modells zu studieren, wurde es von oben
gewaltsam unterbunden: Die alte Not kehrte zurück.
Wie ist es heute?
Eine alte Not scheint auch in unsere heutige Zeit der Jahrtausendwende zurück-zukehren.
Eine zähe Wirtschaftdepression aus Geldknappheit, Insolvenzen und Entlassungswellen
nimmt kein Ende. Wie wehrlos stehen Arbeitnehmer, örtliche Geschäftsleute und
Stadtverwaltungen den Entschlüssen von Betriebssanierern gegenüber, die arbeitsintensive
Produktionsschritte in Billiglohnländer verlagern. Die Konsumentin und der Konsument
greifen kritiklos zum medienkräftig beworbenen Produkt. Scheinbar preisgünstig reizt es
gleichzeitig
Konsumlust
und
Sparwillen,
Gier
Lind
Geiz.
Vergessen
sind
Verantwortungsgefühl und Gerechtigkeitssinn, Eigenschaften des Archetyps der Großen
Mutter.
Immer wieder gefasste gute Vorsätze, die heimische Wirtschaft, fairen Handel mit der
dritten Welt oder umweltschonende Produktionsweisen fördern zu wollen, werden schneller
faltengelassen als aufgestellt.
Der Zusammenhang mit der eigenen Lebensqualität und der sozialen Sicherheit wird
verdrängt.
Die Funktion des Geldsystems ist nicht nur Symptom, sondern auch eine Ursache für viele
Krankheitszeichen und Probleme unserer Gesellschaft. Wie Bernard Lieder nachweist, ist die
Methode der Geldschöpfung der Geschäftsbanken ein wichtiger Grund für das Hunderennen
in der Wirtschaft: Leiht ein Unternehmer 100 000 Euro, so muss er in 20 Jahren durch den
Zins 200 000 Euro zurückzahlen. Aber sowohl die ersten als auch die zweiten 100 000 Euro
kommen nicht aus dem Nichts: Die Geschäftsbanken haben sie geschaffen, um sie einem
anderen Unternehmer zu leihen. Er muss sehen, dass er im Kampf um Kunden und
Marktanteile seinen »Gegner« besiegt, um die zweiten 100 000 Euro ebenfalls zurückzahlen
zu können. Einer muss auf der Strecke bleiben.
Die psychologischen Muster beim Umgang mit Geld vervielfältigen sich und bilden
Grundstrukturen des Verhaltens. Kooperation, Gerechtigkeitsgefühl, Fürsorglichkeit haben
es schwer, wenn nur der »Sieger« überlebt. Einseitig auf Wettbewerb ausgerichtet sind
solche Eigenschaften und Tugenden Ballast und Bedrohung ihres hart erkämpften Status’
und ihrer zwangsläufig expandierenden Zukunft. Leistung ist der einzige Maßstab, Wachsen
oder Weichen die einzig anerkannte Regel.
Es geht auch anders. Nicht umsonst schieben sich »Soft Skills« in den Vordergrund.
Eigenschaften, die der weiblichen Wesenseite des Menschen zugeordnet werden, bekommen
mehr und mehr Wichtigkeit zugeschrieben. Versierte Teamleiterinnen und "Teamleiter
haben gerne Frauen in ihren Arbeitsgruppen Sie nehmen normalerweise eine gewisse Härte
aus dem Umgang miteinander, was dem Gemeinsinn recht zuträglich ist.
Gemeinschaftsfördernde Werte bekommen mehr Gewicht. Aber sie brauchen Unterstützung
durch einen anderen Umgang mit Geld.
Bis jetzt fehlten die Mittel, Zahlungsmittel nämlich, die genau jene Ingredienzien stabiler
Lebensverhältnisse bei dauerhafter Qualität und hoher Verteilungsgerechtigkeit hervorrufen
können: Regionalität, Kommunikationsintensität und eine profunde Demokratie. Nichts geht
ohne eine intensive Zusammenarbeit auf allen Ebenen.
Laut Margrit Kennedy, Autorin von »Regionalwährungen - Neue Wege zu nachhaltigem
Wohlstand«' setzt der Umgang mit dieser neuartigen Form von Geld ein sehr viel größeres
Maß von Kommunikation voraus, als es bis jetzt gewohnt ist.
Regionalwährungen
Die Reglos, so die Kurzform für die Währungen der regionalen Gutscheinsysteme, breiten
sich seit wenigen Jahren in deutschen Landen aus, und nicht nur hier.
Komplementärwährungen, die das offizielle Zahlungsmittel ergänzen, finden auch in
anderen rezessionsgeplagten Gesellschaften Initiatoren und Nutzer und haben weltweit
Vorbilder, die gleichzeitig Tradition und Toleranz leben.
Seit Jahrhunderten ohne Unterbrechung genutzt werden sie in Regionen, die für ihre hohe
Kultur bei gleichzeitig gesunder Natur bewundert werden. In Bali, dessen Einwohner sich
durch ihren besonderen Zusammenhalt vor den negativ wirkenden Einflüssen des Tourismus
gut schützen können, sorgen die Banjars für ein währungsgleiches Regelwerk. Die Banjars
sind Dorf und Stadtteilgemeinschaften, die sich regelmäßig treffen, um die Aufgaben zu
verteilen, die alle betreffen. Jede Familie hat ihr spezifisches Zeitkontingent zu erfüllen, das
wie eine Währung funktioniert. Dieses wird komplementär zu Rupiahs eingesetzt und kann
auch gegebenenfalls durch sie ersetzt werden. Gemeinsame Absprachen in vorbildlich
demokratischer Weise sorgen für die Organisation der traditionellen religiösen Zeremonien,
die gleichfalls eine gewichtige Aufgabe für die Gesamtheit sind. Das soziale Leben hat einen
hohen Stellenwert.
Ein Kind unter einem Jahr berührt niemals den Erdboden: Es sind immer Menschen da, die
es tragen. So bilden sich das Urvertrauen und die Liebesfähigkeit, die gemeinschaftliche
Beschlüsse erleichtern. Bali kennzeichnet auch eine kunstvolle Terrassierung der Berge, die
das Land nutzbar macht und ihm eine hohe Fruchtbarkeit gibt. Die Schonung des
Bodenhumus und die Wasserrückhaltefunktion der Terrassen bewahren das Land vor
Erosion und Armut. Solch eine planvolle arbeitsintensive Landwirtschaft ist nur in
funktionierenden Gemeinschaften mit intensiver Kommunikation möglich, die keine
Gewinner und Verlierer produziert, sondern alle Menschen als gleich wichtig begreift.
Aber auch im herkömmlichen Sinn modernste Gesellschaften in Fernost begeistern sich für
den neuen Umgang mit Geld und bilden Vorbilder für Reglos. Japan hat zahlreiche Systeme
von Komplementärwährungen, Fureai Kippus, übersetzt »Kommunikations-Tickets«, die das
Leben im Land des deflationären Yens auf soziale Art bereichern.
Besonders gut angenommen und häufig verwendet werden Gutscheine, die den stets
zurückhaltenden Japanern erlauben, bei Lebensnotlagen wie Einsamkeit im Alter Hilfe
anzunehmen. Lokale Behörden und Bezirksverwaltungen erkennen die ausgleichende
Funktion der neuen Währungen und fördern sie.
Die WAT-Währung dagegen hat dezentral erzeugte Energie als Grundlage und benützt eine
Kilowattstunde Strom als Verrechnungseinheit. Die Gutscheine werden von Unternehmen
gedruckt und als Werbeträger benutzt.' Ihre Empfänger können sie anderen Menschen in
Zahlung geben, so dass sie zirkulieren, bis sie wieder zum Aussteller zurückkehren. Dieser
vernichtet sie, wenn seine Produktionskapazität erschöpft ist oder verwendet sie weiter,
wenn er noch Leistungen erbringen kann. So steht jedem Ticket auch Wert gegenüber, die
drohende Gefahr der Inflation ist vermieden. Die Gültigkeit der Scheine beruht auf dem
Vertrauen, das dem Herausgeber entgegengebracht wird. Die Kompetenz zu entscheiden,
wie viel Wirtschaftskraft und Produktionskapazität hinter der Währung steht, ist statt einer
Zentralbank den Unternehmen überlassen, die sie vorhalten, ähnlich den bekannten
Vielflieger-Bonusmeilen.
Eine andere japanische Komplementärwährung benutzt als Verrechnungseinheit Holzkohle.
Diese ist ein geschätztes Produkt und es besteht jederzeit Anspruch, sie für Gutscheine
eintauschen zu können. Das schafft Akzeptanz und Sicherheit, ähnlich wie beim LEAFSystem: In der Gegend von Yokohama können mit den Scheinen zur Erntezeit
landwirtschaftliche Produkte erworben werden.
Der Eco Aspromonte in Kalabrien in Italien wurde ersonnen, um ein Naturschutzgebiet mit
38 Dörfern und 77000 ha zu beleben. Er folgt dem Beispiel des Credito von Damanhur,
einem Ökodorf in Nordwest-Italien, das seit 35 Jahren eine eigene Währung herausgibt. Das
verlassene Tal von Valchiusella erlebte eine Blüte, 60 Geschäfte konnten eröffnet oder
erhalten werden, und der Wohlstand ist allgemein spürbar.
Der Credito hat eine Sicherheitshinterlegung in Euro, wie auch die meisten Regionalwährungen in Deutschland.
Davon gibt es jetzt, Stand Februar 2005, elf in Funktion und etwa 50 in Planung. Der
Vorreiter, der Bremer Roland, und der bekannteste und verbreitetste Regio in Deutschland,
der Chiemgauer, werden 1:1 mit dem Euro verrechnet, auch steuerlich, mit Euros erkauft
und können in Euros rückgetauscht werden, wenn es sein muss: Bei einer Rückgabe wird
die Umtauschgebühr von 5 Prozent fällig. Drei Prozent gehen als eine Art freiwillige
kommunale Sondersteuer oder Geschenk an Bildungseinrichtungen, soziale Projekte oder
ganz einfach Sportvereine.
Der Justus aus Gießen ist eine Fiat-Währung. Geschäftsleute geben sich gegenseitig Kredite,
wenn der Kreditnehmer von einem Gremium als vertrauenswürdig genug eingestuft wird.
Dabei sind die Kriterien andere als bei Basel Il, dem strengen Regelwerk der Banken, denn
es geht um die Förderung der lokalen Wirtschaft und um Selbsthilfe von unten. Der Justus
kostet 1,5 Euro: Man geht von der Kaufkraft der DM des Jahres 1980 aus.
Stern- und Urstromtaler sowie Markgräfler wollen die Landschaften im Berchtesgadener
Land, in Sachsen-Anhalt und im Markgräflerland beleben, ein »Kannwal« geht um in
Schleswig-Holstein. Die Witzenhausener »Kirschblüten« und die »Berliner« machten schon
vor ihrem offiziellen Erscheinen als Zahlungsmittel Furore, indem sie auf Stadtteilfesten
Probeläufe abhielten. Die Kirschblüten sind seit 10. Oktober 2004 offiziell in Umlauf. Der
Bürgermeister fördert sie, indem sie im Rathaus ausgegeben werden können.
Vielfältig sind Namen, Erscheinungsformen und die Ideen ihrer Schöpferinnen und Schöpfer:
Gemeinsam sind ihnen Qualitätskriterien wie Gemeinnützigkeit, Rcgionalität und
Liquiditätssicherung. Letztere soll die neue Währung vor dem Horten und damit der
Akkumulation von Mitteln und Macht bewahren. Diese Zahlungsmittel sollen
Kommunikationsmittel zur gegenseitigen Bedürfnisbefriedigung bleiben. Regelmäßiger
Wertverlust von zwei Prozent im Vierteljahr wie beim Chiemgauer oder ein Prozent im
Monat wie beim Roland, dem Justus und dem Kannwal sollen die Umlaufgeschwindigkeit
erhöhen. So kommt es ohne Aufblähung der Geldmenge zu erhöhten Wohlstandseffekten.
Preis und Qualität der Güter und Leistungen genügen dabei stabil den in sie gesetzten
Erwartungen: Dafür sorgt die hohe Kommunikationsintensität in den überschaubaren
regionalen Märkten, die das Funktionieren der Modelle erfordert.
Die Sterntaler des Berchtesgadener Landes verbinden als erste Zeitwährung und Gutscheinsystem miteinander. Tauschringsysteme mit Zeit- oder »Talente«- Konten gibt es in
Deutschland offiziell schon fast 300, inoffiziell könnten es auch noch mehr sein. In England
und Italien ist diese Form der gegenseitigen Verrechnung bereits so etabliert, dass die
Timebanks mit Timebrokern arbeiten. Das sind Leute, die sich um das Marketing kümmern
und darum, dass keine zu große Ungleichgewichte entstehen: Wer Leistungen abgibt, soll
auch welche nehmen, damit weder Guthaben noch Schulden im Übermaß entstehen. Weil
die Zeitbanken wertvolle soziale Funktionen erfüllen, steht ihnen oft bereits ein Raum im
Rathaus zu, von dem aus sie ihre Vermittlerdienste betreiben.
Die Star-mach-mit-Initiative des Sterntalers aus Ainring im Berchtesgadener Land hat
langführige Erfahrungen als Tauschkreis gesammelt und möchte Menschen den Einstieg in
die Regionalwährung erleichtern, indem 10 bis 30 Prozent der Umtauschmenge des Geldes
in Leistungen in Vorm von Talenten erbracht werden können, 70 bis 90 Prozent in Euros.
Die Rücktauschgebühr, die bei allen Regiowährungen fällig wird, sobald Euros benötigt
werden, beträgt hier nicht fünf, sondern zehn Prozent. Die Sterntaler-Ausgabestellen zahlen
aber auch 30 Talente und 65 Euros zurück, wenn jemand Anspruch auf Leistungen des
Tauschkreises erwerben möchte.
Die Initiatorinnen und Initiatoren der Währungen zeichnet ein klares Bekenntnis zum
nachhaltigen Wirtschaften aus. Naturheilkundler, Naturkost, natürliche Baustoffe sind damit
zu bezahlen. Gastronomie, Steuer- und Rechtsberatung halten aufgrund ihres hohen
Personalkostenanteils, der ja regional entsteht, gerne mit. Gesundheitsvorsorgende und
Buchläden beteiligen sich, der neue Umgang mit Geld ist bei ihren Kunden schnell
akzeptiert. Vorausschauendes Handeln und Zukunftsträchtigkeit lässt sich an der häufigen
Beteiligung von Softwareentwicklern und -beratern ablesen. Juweliere, Schuhläden, Sportgeschäfte ziehen nach.
Verantwortungsbewusstsein für die Ressourcen der Nachwelt, struktur- und werterhaltende
Ziele sind am Umgang mit der Landwirtschaft, der regionalen Urproduktion, und ihrer
Förderung festzustellen. Die Annahmestellen des Siegbachtalers sind durchweg Landwirtschaften, die Kannwas-Initiative geht von einem Demeterhof aus, der Kollegen mit
einbezieht. Die Verantwortlichen der renommierten Währungen Bremer Roland und
Chiemgauer verleihen zinslos Geld an Biobauern. Das ermöglicht diesen die Arbeit in einer
Zeit, in der die Kriterien der Geldvergabe der lokalen Banken so eng gefasst sind, dass sie
kleine Betriebe kaum noch unterstützen können.
Für zinsfreie Kredite in erheblichem Umfang stammen die Vorbilder aus anderen europäischen Lindern. Denn uni auch langfristige Investitionen tätigen zu können, gibt es weitere
Formen zinsfreien Geldes, bewährte Modelle aus der Schweiz, Dänemark und Schweden:
Kreditvergabe auf Gegenseitigkeit ist die Aufgabe der Barterclubs. Geschäftsleute erhöhen
die Liquidität ihrer Unternehmen, indem sie Leistungen und Investitionen im Ringtausch
gegenseitig verrechnen. Das erfolgreichste und älteste Modell ist der Schweizer WIR-Ring,
der mit 60.000 Mitgliedern und einem Geschäftsvolumen von 2,7 Milliarden Franken die
wirtschaftliche Situation von klein- und mittelständischen Betrieben verbessert und damit
das Wirtschaftsgefüge der Schweiz stabilisiert. Dieses Modell existiert seit 1934, inzwischen
sind zwanzig Prozent der Schweizer Unternehmen angeschlossen. In Rezessionszeiten
häufen sich die Aufgaben für den WIR-Ring, wenn die Wirtschaft floriert, werden mehr
Umsätze in Schweizer Franken getätigt. Diese Erfahrungen aus 70 Jahren erfolgreicher
Tätigkeit beweisen, dass Komplementärwährungssysteme die Aufgaben der Zentral- und
Notenbanken nicht erübrigen, sondern ergänzen. Die nationalen Währungen werden
gefestigt und vor rezessionsbedingten Deflations- und Inflationserscheinungen geschützt.
Ausblick
Liquidität in der Hand breiter Bevölkerungskreise und allgemeiner Wohlstand ist das Ziel der
Regiogeldinitiativen und der Wirtschaftsringe zur gegenseitigen Kreditvergabe, die zinsfreie
Währungssysteme nach den Ideen Silvio Gesells praktizieren. Gesell entdeckte Anfang des
20. Jahrhunderts das Zinssystem als Verursacher regelmäßiger Finanzund Wirtschaftskrisen
und entwickelte die Grundlagen für umlaufgesichertes Geld. Zinsfreiheit kennzeichnet auch
die Kredite der skandinavischen JAK-Banken, deren System mit einer geringen
Bearbeitungsgebühr arbeitet, der Hilfe zahlreicher Freiwilliger und dem Vertrauen, das durch
intensive Kommunikation entsteht. Der Kreditnehmer erhält nach einer kurzen Ansparzeit,
in der er Punkte sammeln kann, sein Darlehen.
Umlaufgesicherte Regionalwährungen und zinsfreie Gelder bewirken, dass das Kapital nicht
mehr bedient werden muss, sondern den Menschen dient.
Gleichzeitig mit der Tilgung des Kredits in üblichen Raten spart er ein eigenes Guthaben in
gleicher Höhe an, das er nach der Rückzahlung noch wenige Monate auf der Bank lassen
muss. Dann kann er darüber verfügen, vorher diente es der JAK-Bank dazu, anderen
Menschen ein Darlehen geben zu können. Somit hat das Haus oder die
Unternehmungsgründung nur die Hälfte desjenigen gekostet, das sonst aufzubringen ist.
Die Kaufkraft bleibt beim Investor und wandert nicht zu demjenigen, der das Geld lediglich
besitzt, ohne direkt damit zu arbeiten. Der alte Zwiespalt, ob Leistungsgerechtigkeit oder
Verteilungsgerechtigkeit angestrebt werden soll, ist aufgehoben.
Geld ist ein Kommunikationsmittel, das Werte schafft. Diese positive Rolle kann es in der
zinsfreien, liquiditätsgesicherten Form erfüllen.
Geld als fluktuierendes Tauschmittel ist ein Merkmal hochzivilisierter und arbeitsteiliger
Gesellschaften, die Kulturen zur Blüte führen. So kann Geld die Sicherung der materiellen
Grundlage für ausnahmslos alle Menschen werden. Gleichzeitig ermöglicht seine gerechte
Verteilung den sorgsamen Umgang mit unseren Lebensgrundlagen, den Gemeinschaften mit
ihren sozialen Strukturen von der Familie bis zum Staat und der Natur mit ihren Lebewesen.
Geld, das nicht mit den Renditeerwartungen zinsträchtiger Kapitalanlagen konkurrieren
muss, kann auch auf Investitionen verwendet werden, deren Wert nicht so einfach in Euro
auszudrücken ist. Der rechnerische Beweis für die Rentabilität reinen Wassers, alter Bäume,
einer schönen Landschaft fällt leichter, wenn keine Verzinsung angesetzt ist. Zeit für die
liebevolle Fürsorge für Kinder und Alte, psychisch und physisch Labiler, die Krankheitsvorsorge durch unbelastete Lebensmittel, gegenseitige Zuwendung und geistige Offenheit
wird finanzierbarer, wenn sie sich nicht mit dem profitablen Einsatz des Kapitals messen
muss.
Wenn der Staat seine Einnahmen aus Steuern nicht für die Deckung von Zinsen verwenden
muss, kann er Bildung, Forschung und Kunst besser finanzieren und Menschen fördern, die
in diesen Bereichen tätig sind. Intelligente Systeme des öffentlichen Nahverkehrs und
Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie rechnen sich ohne Kapitalkosten schneller.
Investitionen verlieren an Risiko, Beschäftigung entsteht. Damit bilden sich wieder
Ressourcen für Beiträge zum Gemeinwesen. In der Begegnung mit Menschen und Natur
entsteht Einsicht und Wissen über die Zusammenhänge ihrer Lebensgrundlagen. Die
drohende Katastrophe durch Wasser- und Sauerstoffmangel, Kontaminierung der
Lebensmittel und die Kriminalisierung in der Gesellschaft verliert ihre Schrecken.
Die Zukunft wird verheißungsvoller, es entsteht Lust auf das pure Leben. Kinder und
Kindeskinder werden noch lebenswerte Strukturen vorfinden, und Traditionen, derer sie sich
nicht schämen müssen.
Der nackte Überlebenskampf wird nicht mehr dominierender Lebenszweck sein. Menschen
müssen sich nicht mehr durch rücksichtslosen Ressourcenverbrauch beweisen, wenn die
Angst vor Knappheit überwunden ist, kann sich Großzügigkeit ausleben. Dankbarkeit und
Schönheitssinn entwickeln sich, wie sich an den Sakralbauten des Hochmittelalters, der Zeit
der umlaufgesicherten Brakteaten, immer wieder feststellen lässt. Das Wissen um Mystik
und Harmonie, sichtbar in den Kunstwerken dieser Monumente, ist im heutigen modernen
Leben in Europa in dieser Breite nicht wieder in Erscheinung getreten. Gemeinsame
Verehrung des Göttlichen wurde zum gemeinsamen Kulturgut, was sich auch im sozialen
Miteinander ausdrückte.
Einen anderen Beweis für diese Zusammenhänge liefern die Pyramiden des alten Ägypten,
als die Ostraka mit ihrem regelmäßigen Wertverfall das Zahlungsmittel darstellten. Heute
sind Hieroglyphen übersetzt und Regelungen aus dem damaligen Rechtsleben bekannt, um
die die Benachteiligten der heutigen Zeit die Ägypter aus den Zeiten der großen Dynastien
beneiden können.
Unsere Erde soll noch viele Generationen tragen und die jetzt neu Geborenen werden ihren
Kindeskindern von den finsteren Zeiten des Industriezeitalters erzählen. Es wird ihnen
gruseln, wenn sie von den grausamen Kriegen hören, und von dem undurchsichtigen
Geldsystem, in dem die Reichen automatisch reicher und die Armen genauso automatisch
immer ärmer wurden.
Damit unsere Kultur sich noch zum Guten wenden kann, sind viele gemeinsame Schritte
notwendig. Die Initiatoren der Regios sind dabei, gerechtes Wirtschaften rentabel
zumachen, auch für die, die Nachhaltigkeit als wichtigstes Ziel verwirklichen wollen.
Erhalten wir die Fruchtbarkeit der Erde und ihrer Lebewesen, um der vielfältig
ausdifferenzierten und vielfach bewunderungswürdigen Kultur der Menschen die materielle
Grundlage zu bewahren und zu entwickeln.
Umlaufgesicherte Regionalwährungen und zinsfreie Gelder bewirken, dass das Kapital nicht
mehr bedient werden muss, sondern den Menschen dient.
Regionalwährungen werden von Menschen für Menschen geschaffen. Ihre Strukturen sind so
angelegt, dass sie nur dann funktionieren, wenn sie auch die Bedürfnisse der Teilnehmer
erfüllen.
Gemeinsames Bedürfnis aller Menschen ist ein gutes Leben, das ihre Existenz sichert.
Darauf baut sich geistiges Erleben auf.
Spirituelle Entwicklung braucht eine gesunde Lebensgrundlage.
Nur eine gemeinsame spirituelle Entwicklung kann unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen
sichern.
Marianne van Putten
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Seele and Geist
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